The Project Gutenberg EBook of Die Frauenfrage, by Lily Braun

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Title: Die Frauenfrage
       ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite

Author: Lily Braun

Release Date: November 17, 2004 [EBook #14075]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Die Frauenfrage

ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite


Von Lily Braun


Leipzig

Verlag von S. Hirzel

1901




Meinem Mann und meinem Sohn.




Vorwort.


Auf Grund vieljhriger Arbeit habe ich den Versuch unternommen, die
Frauenfrage in ihrem ganzen Umfang einer Darstellung zu unterziehen.
Meinen Ausgangspunkt bezeichnet das fr ihr Verstndnis entscheidende
Moment der wirtschaftlichen Lage der Frau. Von welcher Seite man auch
das weitverzweigte Problem betrachte, die realen Existenzbedingungen des
weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft bilden fr die
Vergangenheit wie fr die Gegenwart den orientierenden Ariadnefaden,
ohne den das Urteil fehl gehen muss. Nur indem man die konomischen
Thatsachen nach der ihnen zukommenden Bedeutung wertet, erschliet sich
der Zusammenhang der Frauenfrage mit der sozialen Frage, deren
integrierender Bestandteil sie ist.

Mein Buch giebt zunchst eine gedrngte Geschichte der Entwicklung der
Frauenfrage und der Frauenbewegung von den ltesten Zeiten bis zum 19.
Jahrhundert. In eingehender Darstellung behandelt es sodann die
wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, schildert die konomische Lage
der Frau in den wichtigsten Kulturlndern, bespricht die
sozialpolitische Gesetzgebung, kritisiert sie, stellt die Grenzen ihres
Einflusses fest und wirft einen Ausblick auf die Bedingungen, unter
denen eine organische Lsung der Frauenfrage mglich ist.

Dem vorliegenden Band, der ein in sich abgeschlossenes Ganzes
bildet, wird ein zweiter folgen, der die zivilrechtliche und
ffentlichrechtliche Stellung der Frau, die psychologische und ethische
Seite der Frauenfrage zum Gegenstand hat.

Wie weit mir die Aufgabe gelungen ist, steht dahin, und wird sachkundige
Kritik entscheiden. Eines aber darf ich geltend machen: da die
Darstellung auf einem umfassenden Studium der Litteratur, insbesondere
auch, soweit es sich um die Ermittelung der thatschlichen Zustnde
handelt, auf der Benutzung der amtlichen Statistiken, staatlichen wie
privaten Enqueten, kurz so weit als mglich auf quellenmigen
Untersuchungen beruht.

_Berlin_, Oktober 1901.

Lily Braun.




Inhalt.

Vorwort


ERSTER ABSCHNITT.

Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.


_Erstes Kapitel_: Die Frauenfrage im Altertum

Die Periode des Mutterrechts.--Die Blutgemeinschaftsfamilie und die
Schwgerschaftsverbnde.--Die Entwicklung zur Monogamie.--Die
Gesetzgebung in Bezug auf die Frauen.--Platos und Aristoteles' Stellung
zur Frauenfrage.--Die Frauenfrage im rmischen Reich.--Die Stellung der
Frauen bei den Germanen.


_Zweites Kapitel_: Das Christentum und die Frauen

Christus und die Frauen.--Das kanonische Recht.--Die rmisch-katholische
Kirche in Bezug auf die Frauenfrage.--Die Nonnenklster und ihre
Bildung.--Die Folgen der Reformation fr das weibliche Geschlecht.


_Drittes Kapitel_: Die wirtschaftliche Lage der Frauen

Die hrigen Frauen in Burgen und Klstern.--Die Prostitution im
Mittelalter.--Das znftige Handwerk und seine Stellung zur
Frauenarbeit.--Weibliche Genossenschaften und Beginenkonvente.--Der
Ausschlu der Frauen aus den Znften.--Die Anfnge der industriellen
Entwicklung.


_Viertes Kapitel_: Die Stellung der Frauen im Geistesleben

Frauenbildung in der italienischen Renaissance.--Die berhmten Frauen
Spaniens.--Christine de Pisan und die Bildung der Frauen
Frankreichs.--Der erste deutsche Vorkmpfer der Frauenbewegung.--Die
gelehrten Frauen und ihre Neigung zur Mystik.--Die Erziehungsplne Mary
Astells.--Die "gelehrten Frauenzimmer" des 18. Jahrhunderts.--Die
franzsische Salondame.--Rousseaus Einflu auf die Frauen.


_Fnftes Kapitel_: Die Frauen im Zeitalter der Revolution

Die franzsischen Frauen in Philosophie und Politik.--Die
Vorkmpferinnen der Frauenemanzipation in Amerika.--Talleyrand und das
Recht der Frauen auf Bildung.--Die franzsischen Arbeiterinnen und ihre
Forderungen.--Die Frauenvereine whrend der Revolution.--Olympe de
Gouges.--Auflsung der Frauenvereine durch den Konvent.--Condorcets
Verteidigung der Frauenrechte.--Mary Wollstonecraft.--Hippels
"brgerliche Verbesserung der Weiber".


ZWEITER ABSCHNITT.

Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.


_Erstes Kapitel_: Der Kampf um Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt

Anfnge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt beruflicher
Arbeit: Fnelons Reform der Mdchenerziehung.--Basedow und Karoline
Rudolphi ber die Erziehung der Tchter.--Die Erziehungsreform in
England und Amerika.--Der Einflu der Klassiker auf deutsche
Frauenbildung.--Das Eindringen der Frauen in brgerliche Berufssphren:
in Amerika,--in England,--in Frankreich,--in Deutschland.--Die Anfnge
der deutschen Frauenbewegung.--Die Bestrebungen fr Frauenbildung und
Frauenarbeit in neuester Zeit: in den Vereinigten Staaten,--in
England,--in Frankreich,--in Ruland,--in Schweden,--in Dnemark,--in
Holland und Belgien,--in der Schweiz,--in Italien,--in Spanien und
Portugal,--in Oesterreich,--in Deutschland.


_Zweites Kapitel_: Die treibenden Krfte der brgerlichen Frauenbewegung

Das numerische Uebergewicht des weiblichen Geschlechts ber das
mnnliche.--Das Verhltnis der Knaben- und Mdchengeburten in
brgerlichen und proletarischen Familien.--Die Verheiratbarkeit nach
den Altersstufen.--Statistik der verheirateten und der ledigen
Frauen--Der Knabenberschu bei der Geburt.--Die grere
Sterblichkeit der Mnner.--Der Rckgang der Heiratsziffern und seine
Ursachen.--Statistik der erwerbsthtigen Frauen.--Statistik der
Frauenarbeit in brgerlichen Berufen.--Die verheirateten Frauen in
brgerlichen Berufen.--Die wirtschaftliche Lage der Lehrerinnen.--Die
Lhne der Handelsangestellten.--Die Bhnenknstlerinnen und die
weiblichen Journalisten.


_Drittes Kapitel_: Die brgerliche Berufsthtigkeit von prinzipiellen
Gesichtspunkten

Der Unterschied der Geschlechter in Bezug auf die Krperkrfte.--Das
weibliche Gehirn.--Der Einflu der Geschlechtsfunktionen auf die
Berufsthtigkeit.--Mutterschaft und Frauenarbeit.--Die Zerstrung der
Weiblichkeit durch die Berufsthtigkeit.--Der Unterschied der
Geschlechter in Bezug auf die geistige Befhigung.--Das weibliche Genie
und seine Zukunft.


_Viertes Kapitel_: Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit

Die technische Revolution im Anfang des 19. Jahrhunderts.--Die Zunahme
der Frauenarbeit infolge der Einfhrung der Maschinen.--Der Kampf der
Arbeiter gegen die Maschine.--Der Kampf der Mnner gegen die
Frauenarbeit.--Die Entwicklung der modernen Hausindustrie.--Frauenlhne
um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Arbeiterwohnungen.--Die sanitren
Zustnde in den ersten Fabriken.--Die Lage der Landarbeiterinnen
um die Mitte des 19. Jahrhunderts.--Die Entwicklung der
Dienstbotenfrage.--Proletarische Frauenarbeit im Handel.


_Fnftes Kapitel_: Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach
den letzten Zhlungen

Das numerische Verhltnis der proletarischen Frauenarbeit zur
brgerlichen.--Das Wachstum der proletarischen Arbeit im Verhltnis zum
Wachstum der Bevlkerung.--Das numerische Verhltnis der mnnlichen zu
den weiblichen Arbeitern.--Die Frauenarbeit nach Berufsabteilungen, ihre
Zu- resp. Abnahme.--Das Tempo des Wachstums der Frauenarbeit in der
Industrie.--Die proletarische Frauenarbeit in Alleinbetrieben.--Die
mithelfenden Familienangehrigen.--Die Verteilung der Frauenarbeit in
der Industrie je nach den Berufsarten.--Die Statistik der Hausindustrie:
in Deutschland,--in Oesterreich,--in Frankreich,--in Belgien--Die
Abnahme der huslichen Dienstboten.--Die Altersgliederung der
Arbeiterinnen.--Der Familienstand der Arbeiterinnen.--Die Zunahme der
Arbeit verheirateter Frauen.


_Sechstes Kapitel_: Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart

_Die Groindustrie_: Die Lhne der Fabrikarbeiterinnen.--Verhltnis der
Frauen- zu den Mnnerlhnen.--Differenzierung der Arbeit nach
Geschlechtern.--Die Ursachen der Erwerbsarbeit verheirateter
Frauen.--Das Verhltnis des Lohnes zu den Lebensbedrfnissen.--Die
Arbeitszeit der Fabrikarbeiterin.--Der Einflu der Fabrikarbeit auf die
Gesundheit der Frau.--Der Einflu der Fabrikarbeit verheirateter Frauen
auf die Familie.

_Hausindustrie und Heimarbeit_: Die Textil-Hausindustrie.--Die Lage der
Arbeiterinnen in absterbenden Hausindustrien.--Die Dezentralisation des
Grobetriebes und ihr Einflu auf die Frauenarbeit.--Die Lage der
Nadelarbeiterinnen.--Das Sweating-System.--Die sanitren und sittlichen
Folgen der Hausindustrie.--Die Existenzbedingungen der Hausindustrie.

_Der Handel_: Die Lhne der Verkuferinnen.--Die Ladenzeit.--Die
Ueberbrdung der Lehrlinge.--Das Alter der Verkuferinnen.--Die
gesundheitlichen und sittlichen Folgen der Frauenarbeit im Handel.--Die
Entwicklung zum Grobetrieb.

_Die Landwirtschaft_: Die Gliederung der lndlichen Arbeiterschaft.--Das
landwirtschaftliche Gesinde.--Die Instleute, Scharwerker, Deputanten
und Heuerlinge.--Die Tagelhner.--Die Wanderarbeiter.--Die
Arbeitsbedingungen der landwirtschaftlichen Arbeiterinnen.--Die
lndlichen Arbeiterwohnungen.--Die Sittlichkeit auf dem Lande.

_Der husliche und der persnliche Dienst_: Dienstbotenlhne.--Die
Dienstvermittlung.--Die Wohnrume der Dienstmdchen.--Die
Bekstigung.--Die ununterbrochene Arbeitsbereitschaft.--Die freie Zeit
der Dienstmdchen.--Ihre Herkunft.--Die sittlichen Gefahren des
huslichen Dienstes.--Das Ammenwesen.--Umwandlung des Haushalts durch
den Mangel an Dienstboten.--Die Wschereien im Klein- und
Grobetrieb.--Die Entwicklung des Wirtshauslebens.--Die Lehrzeit im
Kellnerinnenberuf.--Die Arbeitszeit der Kellnerinnen.--Die
Lohnverhltnisse im Gastwirtsgewerbe.--Die Trinkgelder und ihr
Einflu.--Wohnung und Kost.--Die sanitren und sittlichen Folgen
des Kellnerinnenberufs.


_Siebentes Kapitel_: Die Arbeiterinnenbewegung

Die Arbeiterinnenbewegung ein Bestandteil der Arbeiterbewegung.--Die
Nur-Frauengewerkschaften.--Die Trennung der deutschen
Arbeiterinnenbewegung von der brgerlichen Frauenbewegung.--Die
gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen: in Deutschland,--in
Oesterreich,--in England,--in Frankreich,--in den Vereinigten Staaten.
Die Schwierigkeit der Organisation der Frauen und ihre Grnde.--Die
Mittel zur Besiegung der Organisationsunfhigkeit der Frauen.--Die
Teilnahme der Frauen an der genossenschaftlichen Bewegung.--Die
Sozialdemokratie und die Arbeiterinnenbewegung.--Die politischen
Erfolge der deutschen Arbeiterinnenbewegung.--Die Stellung der
Arbeiterinnenbewegung zur brgerlichen Frauenbewegung.--Die positiven
Aufgaben der Arbeiterinnenbewegung.


_Achtes Kapitel_: Die Brgerliche Frauenbewegung Und Ihre Stellung Zur
Arbeiterinnenfrage

Die Wohlthtigkeitsbestrebungen und die soziale Hilfsarbeit.--Die
prinzipielle Ablehnung des Arbeiterinnenschutzes durch die brgerliche
Frauenbewegung.--Die Sozialreform und ihre Vertretung innerhalb
der brgerlichen Frauenbewegung.--Die Stellung des Bundes
deutscher Frauenvereine zur Arbeiterinnenfrage.--Die Haltung der
Frauenrechtlerinnen gegenber der Dienstbotenfrage.--Die Organisation
der Arbeiterinnen durch die brgerliche Frauenbewegung.--Die Wirkungen
der brgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die Arbeiterinnen.


_Neuntes Kapitel_: Die Sozialpolitische Gesetzgebung Und Ihre Aufgaben

_Der Arbeiterinnenschutz_: Seine historische Entwicklung.--Synoptische
Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Regelung der Arbeitszeit in der
Groindustrie.--Der Ausschlu der verheirateten Frauen aus
den Fabriken.--Die Ueberarbeit und die Nachtarbeit.--Die
Sonntagsarbeit.--Arbeitsverbote in gesundheitsgefhrlichen
Betrieben.--Der Schutz der Schwangeren und Wchnerinnen.--Die Ausdehnung
des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie.--Sanitre Vorschriften in
Bezug auf die Hausindustrie.--Unterdrckung der Heimarbeit.--Der
Arbeiterschutz im Handelsgewerbe.--Die Aufgaben der Gesetzgebung
gegenber den Landarbeitern.--Der Kellnerinnenschutz.--Die
Trinkgelderfrage.--Die Gesindeordnungen.--Arbeiterschutz fr
Dienstboten.--Die genossenschaftliche Hauswirtschaft.--Die
Fortbildungsschulen.--Die freie Verfgung ber den Arbeitsertrag.--Die
Gewerbegerichte.--Das Koalitionsrecht.

_Die Arbeiterinnenversicherung_: Ihre historische Entwicklung.--
Synoptische Uebersicht des geltenden Rechts.--Die Krankenversicherung.--
Die Mutterschaftsversicherung.--Die Unfallversicherung.--Die Alters- und
Invalidittsversicherung.--Die Versorgung der Witwen und Waisen.--Die
Frage der Arbeitslosenversicherung.--Die kommunale und staatliche
Arbeitsvermittlung.--Die Ausdehnung der Arbeiterversicherung.

_Die Grenzen der Gesetzgebung_: Der Gegensatz der Interessen zwischen
Unternehmern und Arbeitern.--Die Prostitution.--Die Frauenarbeit, das
revolutionierende Element in der sozialen Entwicklung.




Erster Abschnitt.


Die Entwicklung der Frauenfrage bis zum XIX. Jahrhundert.




1. Die Frauenfrage im Altertum.


Die Entwicklungsgeschichte der Frau nimmt in der allgemeinen
Menschheitsgeschichte, wie sie uns von Kindheit an berliefert wird,
einen verschwindend kleinen Raum ein. Es ist vor allem eine Geschichte
der Kriege und daher eine der Mnner, die wir unserem Gedchtnis haben
einprgen mssen. Erst in neuester Zeit scheint sich fast unmerklich ein
Umschwung vorzubereiten. Neben die politische tritt die
Kulturgeschichte, neben die Thaten und Abenteuer der Frsten und Helden
des Schwertes tritt das Leben und Leiden des Volks und seiner
geistigen Fhrer. Der natrliche menschliche Egoismus hatte der
Geschichtschreibung einen Klassencharakter verliehen. Die Herrschenden
und Gebildeten sahen ber ihren Kreis nicht hinaus; wie man in den
Feldzugsberichten nur von dem Heerfhrer als dem Sieger spricht, ihm
allein Lorbeeren weiht und Denkmler baut, und die Tausende, die
eigentlich die Schlachten schlugen, wenig beachtet, so wurde auch das
Volk, der Trger der Menschheitsgeschichte, ber denjenigen fast
vergessen, die, begnstigt von Glck oder von der Begabung, weithin
sichtbar aus der Masse hervorragten. Die fortschreitende konomische
Entwicklung befreite diese Masse mehr und mehr aus ihrem
Sklavenverhltnis, und whrend auf der einen Seite die Unterschiede
zwischen Reichtum und Armut sich verschrften, wurde andrerseits eine
gewisse Gleichheit der Bildung und Aufklrung befrdert. Mit der
Sklaverei und der Leibeigenschaft verschwand der Absolutismus: das zum
Selbstbewutsein erwachte Volk erhob Anspruch auf das Recht, bei der
Bestimmung ber sein Wohl und Wehe mitzusprechen, und gedieh zu einem
Machtfaktor, mit dem gerechnet werden mu. Als es anfing, sich bemerkbar
zu machen, wurde es von der Wissenschaft gleichsam erst entdeckt, man
begann, sein Leben, Fhlen und Denken in Vergangenheit und Gegenwart zu
erforschen, und erffnete damit ein Gebiet, das einen fast
unerschpflichen Reichtum neuer Erkenntnis in sich birgt.

Einen hnlichen Werdegang wie das Volk hat auch die Frau durchmessen.
Sie steht jetzt in allen Kulturlndern auf dem Punkt, sich ihre
wirtschaftliche, rechtliche und sittliche Gleichberechtigung zu
erkmpfen. Nur fr denjenigen, der die Entwicklungsgeschichte kennt, der
wei, welch langen, mhevollen Weg sie bis zu diesem Punkt zurcklegen
mute, wird die groe, weit ber ihr Geschlecht hinausreichende
Bedeutung dieses Emanzipationskampfes klar. Aus der Tiefe des weiblichen
Wesens und seiner Geschichte ist die Frauenfrage herausgewachsen, und
sie mu bis in ihre Wurzeln hinein verfolgt werden, um die ganze
Schwierigkeit der in ihr enthaltenen Probleme zu erkennen und die
richtigen Mittel zu ihrer Lsung zu finden.

Die Entwicklungsgeschichte des weiblichen Geschlechts stellt sich,
soweit wir auf historischem Boden stehen, als eine lange, im Dunkeln
sich abspielende Leidensgeschichte dar. Aber auch wenn wir diesen Boden
verlassen und uns auf Grund gelehrter Forschungen ein Bild des Lebens
der Frau in grauer Vorzeit zu machen versuchen, finden wir sie immer in
einem Zustand der Enge und Begrenztheit des persnlichen Daseins. Er war
zunchst durch die Natur ihres Geschlechts selbst begrndet. Die
Mutterschaft beschrnkte ihre Bewegungsfreiheit und machte sie
schutzbedrftig, obgleich--was wir berechtigt sind anzunehmen--die
Geschlechtsfunktionen weit weniger als heute mit pathologischen
Erscheinungen sich verbanden. Das kleine Kind jedoch bedurfte infolge
seiner vlligen Unselbstndigkeit der mtterlichen Frsorge und whrend
der Mann--in welcher Periode der Menschheitsentwicklung
immer--ungehindert durch Geschlechtsbeschrnkungen seinen Trieben folgen
konnte, erschien es als das erste, dem Menschen zum Bewutsein kommende
Naturgesetz, da die Mutter an das Kind gefesselt war. Es machte die
Frau im Vergleich, zum Mann von vornherein unfrei; es lud ihr Lasten und
Leiden auf, die niemand ihr abnehmen konnte. Es trug aber auch den Keim
der Entwicklung aller Zivilisation und aller Sittlichkeit in sich.

Die Mutterliebe, jenes ursprnglichste Gefhl, war die erste Erhellung
moralischer Finsternis. Durch die Mutterliebe ging vom Weibe jede
Erhebung der Gesittung aus.[1] Denn nicht der Bund zwischen Mann und
Weib war, wie uns viele glauben machen wollen, die erste, unumstliche
Vereinigung, sondern der Bund zwischen Mutter und Kind.[2]

Die Entstehung des neuen Lebens aus dem Weibe war zugleich das erste
Mysterium, das sich dem Menschen offenbarte. In den Mythologieen vieler
Vlker finden wir daher die Spuren gttlicher Verehrung des weiblichen
Prinzips in der Natur: In der Gttin Isis beteten die Aegypter die
fruchtbare Erde an. Neith, deren geheimnisvoller Tempel in Sais stand,
war die Personifikation der mtterlichen, gebrenden Kraft. Von der
Urmutter Themis erfhrt Zeus das nur ihr bekannte Geheimnis des Alls.
Ueber Odin, den Gttervater und alle Gtter der Germanen stehen. Die
Schicksalsgttinnen, die Nornen. Gunnld, ein Weib, verwahrt den Trank
der hchsten Weisheit; durch sie erst wird er Odin zu teil.

Aber die Bedeutung des Weibes als Mutter, die Urgemeinschaft zwischen
Mutter und Kind liegt nicht nur der primitiven Religion, sondern auch
dem primitiven Recht zu Grunde. Fr das natrliche, durch keinerlei
Klgeleien beirrte Rechtsbewutsein war das Kind Eigentum der Mutter,
die es unter ihrem Herzen trug, an ihrer Brust ernhrte, seine ersten
Schritte leitete, ihm Obdach und Nahrung gab. Es ist daher nicht zu
verwundern, da sich bereinstimmend bei zahlreichen Vlkern eine
Periode des geltenden Mutterrechts nachweisen lt.

Vielfach ist diese Bezeichnung so verstanden worden, als ob sie mit
Weiberherrschaft identisch wre, und es giebt sogar Vorkmpfer der
Frauenbewegung, die in der Gynkokratie das goldene Zeitalter der
Freiheit und Gleichheit des weiblichen Geschlechtes preisen, das
verlorene Paradies, das wieder gefunden werden mu. Wer dagegen die
Forschungen Morgans, Bachofens und anderer nchtern prft, vor dessen
Augen erscheint die Zeit des Mutterrechts ohne jede poetische Verklrung
als ein Zustand primitivster Kultur fr Mann und Weib, und er findet
keinerlei Zeichen dafr, da das Weib eine "Oberherrschaft" nach unseren
Begriffen ausgebt hat.[3]

Versuchen wir es, uns ein Bild jenes Zustandes zu machen. Nach
jahrtausendelanger Entwicklung hat sich der Mensch aus dem Tierreich
losgelst; er ist aus den Baumwipfeln, wo er sich zum Schutz vor den
wilden und strkeren Tieren vermutlich aufgehalten hat, zur Erde
herabgestiegen und hat den ersten Triumph seines entwickelten Geistes
gefeiert, indem er nicht nur den Stein gegen die Bedroher seines Lebens
schleudern lernte, sondern ihn durch Bearbeitung zur Waffe gestaltete.
Nun wird der Verfolgte zum Verfolger. Wohl kann das Weib, wie er, jagen
und kmpfen, giebt es doch noch heute wilde Vlkerschaften, in denen die
Geschlechter einander an Kraft nicht nachstehen,[4] aber sobald sie
Kinder gezeugt hat, ist sie an sie gebunden. Dadurch entsteht zugleich
die erste Arbeitsteilung; die Frau baut das schtzende Dach fr sich und
ihren hilflosen Sugling; in die Felle der Tiere, die der Mann erlegt,
hllt sie instinktiv das kleine frierende Geschpf und gewinnt dadurch
die Anregung, schlielich auch fr sich ein deckendes und wrmendes
Kleidungsstck zu schaffen. Sie mu, wenn die Nahrungsquelle in ihrer
Brust versiegt, den Hunger ihrer Kinder auf andere Weise stillen, und so
lernt sie die Mahlzeit zubereiten, indem sie nicht nur das Fleisch des
Wildes, der Fische und Vgel dazu verwendet, das ihr der Mann von seinen
Jagdzgen bringt, sie benutzt auch die Knollen, Krner und Frchte, die
sie selbst findet, und gewinnt schlielich die Fertigkeit, sie fr den
Gebrauch anzupflanzen.[5]

Die Frau wurde immer sehafter und der Mann, dessen Leben sich zwischen
Kampf und Jagd abspielte, sah ihre Htte bald als den Zufluchtsort an,
wo er nicht nur zu flchtiger Ruhe einkehrte und Obdach, Nahrung und
Kleidung fand, sondern wo er auch seine Beute verwahren konnte. Noch
anziehender wurde die Htte fr den Mann und noch wichtiger die
Gebundenheit der Frau, als die Menschheit das Feuer kennen und schtzen
lernte. Wahrscheinlich ist es ihr durch die Zndkraft des Blitzes
bekannt geworden, und es wurde wie ein Heiligtum--ein echtes Geschenk
des Himmels--gehtet, weil die Fertigkeit, es selbst hervorzurufen, erst
in weit spterer Zeit erworben wurde. Die natrliche Hterin und
Bewahrerin des Feuers war die Frau.[6] Und so war es nicht der dem
Urmenschen so hufig angedichtete Familiensinn oder die Liebe zu Weib
und Kind--Gefhle, die nur die Produkte einer hheren Kultur sein
knnen--, welche ihn an den huslichen Herd immer wieder zurckzogen,
sondern lediglich die rohen, physischen Bedrfnisse.

Von einer Ehe in unserem Sinn war natrlich keine Rede; dem regellosen
Geschlechtsverkehr folgte die sogenannte Blutgemeinschaftsfamilie, in
der die einzelnen Generationen sich nicht mehr miteinander vermischten.
Bei der geringen numerischen Ausdehnung, die die Menschheit ursprnglich
gehabt haben mu, ist zur Befriedigung des Geschlechtstriebs die
Vermischung von Blutsverwandten selbstverstndlich. Ebenso
selbstverstndlich ist es aber auch, da diese Form der Familie nicht
auf irgend welchen Vorschriften beruhte, sondern sich vielmehr von
selbst auflste, sobald sie durch ihre Gre im Bereich des mtterlichen
Herdes weder Raum noch ausreichende Nahrung fand. Die Aufgabe der
Blutgemeinschaftsfamilie und die Entstehung der Schwgerschaftsverbnde
(Punaluafamilie, nach Morgan) ist nicht auf eine hhere sittliche
Erkenntnis zurckzufhren, sondern auf die uralten Triebkrfte der
Natur; Hunger und Liebe. Daraus entstand die Sitte und aus der Sitte die
Moral einer jeden Zeit.

Auch die neue Familienform kannte die Ehe nicht. Der Mann des einen
Stammes, der sich mit der Frau des anderen verband, heiratete sozusagen
alle ihre Schwestern mit; der Begriff der Keuschheit und der ehelichen
Treue war beiden Geschlechtern fremd. Infolgedessen wurde ein
vterliches Recht an den Kindern nicht geltend gemacht, sie gehrten
ausschlielich der Mutter, die sie geboren hatte, und deren Stamm. Der
Mann fhrte das Weib nicht wie ein persnliches Eigentum in sein Haus,
sondern er kam in das ihre. Wie wir gesehen haben, ist dieser
Rechtszustand, der zur Zeit der Blutgemeinschafts- wie der
Punaluafamilie der herrschende war, nicht auf eine hohe moralische
Wertschtzung der Frau zurckzufhren, sondern auf die ursprngliche
Differenz der Geschlechter und auf wirtschaftliche Ursachen, er hatte
auch keine Machtstellung der Frau zur Folge, sondern er legte vielmehr
den Grund zu der feststehenden Meinung, da das Arbeitsgebiet der Frau
allein auf das Haus zu beschrnken sei.

Mit der Ausbildung des Handwerks in seinen verschiedenen Zweigen, mit
der Zunahme der Bebauung des Bodens--lauter Arbeitsarten, die im
Bereiche des ursprnglichen Hauswesens lagen und daher hauptschlich der
Frau zufielen--, wurde die Frau dem Manne immer unentbehrlicher. Er
selbst war, je dichter sich die Erde bevlkerte, immer mehr in Kmpfen
mit den Nachbarn oder mit den Volksstmmen, durch deren Land er als
Nomade zog, verwickelt. Zunchst waren es nur Kmpfe um die tgliche
Nahrung, um die Jagdgrnde; als er es aber verstand, die Tiere nicht nur
zu erlegen, sondern zu zhmen und zu zchten, da kmpfte er fr den
Schutz und um die Vergrerung seines Besitzes. In frheren Perioden, wo
er nichts besa, als was er tglich gebrauchte, hatte er den gefangenen
Feind entweder gettet, oder als Gleichen und Freien in seine
Blutsfreundschaft aufgenommen, jetzt, wo er mehr besa, als er
gebrauchte, bedurfte er der Arbeitskrfte in seinem Dienst, daher machte
er den Feind zu seinem Untergebenen. So entwickelte sich im
unmittelbaren Gefolge der Entstehung des Privateigentums die Sklaverei.
Aber ehe noch der erste Sklave sich unter der Knute des Herrn beugen
mute, war das Weib, die Mutter seiner Kinder, zur ersten Sklavin
geworden.

Die Frau war, wie wir gesehen haben, infolge der angedeuteten
Verhltnisse, von jeher die geschickteste Arbeiterin gewesen. Durch sie
erst wurde aus dem, was der Mann erjagte oder erkmpfte, ein
Gebrauchsgegenstand. Je mehr sich nun der Besitz vergrerte, desto
wichtiger wurde ihre Arbeitskraft; sie war auf den Stufen primitivster
Kultur auch eine erwerbende gewesen, verwandelte sich aber mit den
steigenden Bedrfnissen immer mehr zu einer nur erhaltenden und
umwandelnden. Der Mann wurde zum Erwerber. Die Htte, die das Weib einst
zusammenfgte, war nichts als ein Obdach, das alle im Notfall benutzen
konnten, das Haus, das aus Steinen geschichtet oder aus behauenen
Blcken aufgerichtet wurde und Waffen, Vorrte, Erz und Felle barg, war
ein wertvoller Besitz. Das Wild, das der Mann frher tglich erlegte,
war nichts als ein Mittel, den Hunger zu stillen; die Herden, die jetzt
auf seinem Boden weideten, reprsentierten ein Kapital, das durch
Mnnerfuste gegen den Nachbarn geschtzt werden mute. Und die Kinder,
die frher das unbestrittene Eigentum der Mutter waren, wurden zu
wertvollen Arbeitskrften und Kampfgenossen fr den Vater. Es kam aber
noch ein sehr wichtiger Umstand hinzu. Der Besitz hatte nchst der
Habsucht jenen Egoismus gezeitigt, der ber den Tod hinaus reicht und
dem Fremden das Erworbene auch dann nicht zufallen lassen will: der
Besitzende wnschte rechtmige Erben fr seinen Besitz.

Das Mutterrecht mute dem Rechte des Vaters weichen. Als Arbeiterin und
als Mutter rechtmiger Kinder hatte das Weib einen Wert bekommen, der
sich dadurch ausdrckte, da sie vielfach gekauft, d.h. gegen Vieh,
Waffen oder Erz eingetauscht wurde. Man beraubte sie jeglicher Freiheit,
die grausamsten Strafen standen auf ihrer Untreue, denn ihr Gebieter
mute sich die mglichste Sicherheit verschaffen, da sie ihm legitime
Erben gebar.

Der fr die Entwicklung der Menschheit so bedeutungsvolle Fortschritt
zur Einzelehe war daher fr die Frau zunchst nichts als eine Station
auf ihrem Kreuzesweg.[7] Denn die monogame Familie entstand nicht
infolge der Erkenntnis ihres hheren sittlichen Werts, sondern auf Grund
konomischer Rcksichten. Die Monogamie bestand nur fr die Frau, wie
die Tugend der Gattentreue auch nur von der Frau gefordert wurde.

Sich, wie es hufig geschieht, ber diese einseitige Monogamie und ber
die nur dem Weibe auferlegte Verpflichtung der Treue sittlich zu
entrsten, hiee ihren Ursprung verkennen, der nicht in der Niedertracht
des mnnlichen Geschlechtes, sondern in den wirtschaftlichen
Verhltnissen zu suchen ist.

Recht und Sitte, die auf ihrem Boden erwuchsen, wurden von Religion und
Gesetz sanktioniert. Da besonders im Orient alles Recht, von der Manava
an bis zum Koran, als gttliches Gesetz betrachtet wurde und auf
religiser Basis[8] ruhte, so war das Sklavenverhltnis des Weibes hier
das festeste und berdauerte alle Zeiten. Alle Vorschriften, die sich
mit ihr, ihren Pflichten und Rechten beschftigen, lassen sich dahin
zusammenfassen, da sie nur als Mutter legitimer Kinder, vor allem der
Shne, eine Existenzberechtigung hat. Das Interesse des Vaters an
rechtmigen Leibeserben, das in der patriarchalischen Familie seinen
strksten Ausdruck fand, erweiterte sich bald zum Interesse des Staates
an einer gengenden Zahl kampffhiger Mnner. Die Heirat war eine
Pflicht gegenber dem Staat, daher wurden z.B. in China in jedem
Frhjahr die unverheirateten Mnner von 30 und Frauen von 20 Jahren
einer harten Bestrafung unterworfen, und es bestanden genaue gesetzliche
Vorschriften ber die ehelichen Pflichten zum Zweck der
Kindererzeugung[9]. Bei den Indern konnte eine unfruchtbare Frau im
achten Jahre der Ehe mit einer anderen vertauscht werden, eine, deren
Kinder gestorben waren, im zehnten, eine, die nur Tchter geboren hatte,
im elften Jahre[10]. Der Israelit hatte die Pflicht, eine unfruchtbare
Frau zu verstoen oder mit ihrer Magd Kinder zu zeugen, die unter
Beistand der rechtmigen Gattin zur Welt kamen und dadurch als legitime
Erben anerkannt wurden. So sagte Sarah, die kinderlose, zu Abraham:
"Lege dich zu meiner Magd, ob ich doch vielleicht aus ihr mich bauen
mge."[11] Und obwohl bei allen Vlkern des Orients die Untreue der Frau
mit dem Tode bestraft werden konnte, wurde sie zu einer religisen
Pflicht, sobald die Frau kinderlos blieb. Sie mute sich in Indien einem
Mitglied der Familie des Mannes unter religisen Ceremonien vor den
Augen ihrer Angehrigen hingeben;[12] sie fiel in Israel, wenn ihr Gatte
starb, ehe sie ihm Kinder geboren hatte, seinem ltesten Bruder zu,
damit er dem Verstorbenen noch Nachkommen zeuge.[13] Sie war des Mannes
unbeschrnktes Eigentum und stand auch insofern auf derselben Stufe mit
den Sklaven, als es ihr verboten war, eigenes Vermgen zu besitzen. Die
heiligen Gesetze Indiens erklren ausdrcklich, da alles, was eine Frau
oder ein Sklave etwa erwirbt, selbstndiges Eigentum des Herrn ist, "dem
sie gehren".[14] Von Geburt an bis zum Tode sind die Frauen vollstndig
unfrei; als Mdchen sind sie von ihrem Vater, als Frauen von ihrem
Gatten, als Witwen von ihren Shnen oder Blutsverwandten abhngig.[15]

Aus alledem geht hervor, da die Frauen im Orient nur ein Werkzeug zur
Fortpflanzung des Geschlechtes waren. Auerhalb ihres einzigen Berufes,
dem der Mutterschaft, hatten sie keinerlei Wert und Bedeutung, ja sie
wurden so ausschlielich als Werkzeug, als Mittel zum Zweck betrachtet,
da von jener ehrfrchtigen Verehrung, welche die in den
Phantasiegestalten zahlreicher Gttinnen personifizierte Mutterschaft
unter den Vlkern des Abendlandes geno, im Orient, mit Ausnahme von
Aegypten, nichts zu finden ist. Auch als Mutter wurde hier das Weib
verachtet und zwar um so mehr, wenn sie statt des einzig erwnschten
Sohnes eine Tochter gebar.[16] Die Jdin, die einen Knaben zur Welt
brachte, blieb sieben Tage unrein; war ihr Kind ein Mdchen, so blieb
sie es vierzehn Tage. Sie mochte von noch so hoher Abkunft und die
Mutter eines blhenden Geschlechtes sein, sie blieb immer ein
unheiliges, von Staat und Religion nur als ein notwendiges Uebel
gekennzeichnetes Geschpf. Dieser Auffassung entsprach auch der Mythus
von der Stammmutter Eva, von der alle Snde und alles Unglck der
Menschheit ausging. Das Weib, sagte Manu, ist niedertrchtig wie die
Falschheit selbst, es mu wie Kinder und Geisteskranke mit der Peitsche
oder dem Strick gezchtigt werden.[17] Nur der Mann hat, nach dem
Glauben der Chinesen, eine unsterbliche Seele;[18] Brahma verbietet dem
Weibe, die Veda, das heilige Buch der Inder, zu lesen; der Koran lehrt,
da die Pforten des Paradieses den Frauen ewig verschlossen bleiben; mit
den Kindern und Sklaven stehen die Hebrerinnen auf einer Stufe, wenn
auch ihnen die Berhrung des Gesetzes nicht gestattet ist. Der Talmud
schtzt die Ehre der Frau nach ihrem Vermgen, denn nur dann gilt sie
als rechtmige Gattin, ihre Kinder als legitime Erben, wenn sie eine
Mitgift in die Ehe bringt, andernfalls ist ihre Verbindung mit dem Mann
nur ein Konkubinat.[19]

Die Kulturentwicklung der alten orientalischen Vlker stand schon weit
genug im Banne des Begriffs vom "heiligen" Eigentum, um das Verbrechen,
arm zu sein, durch Schande zu strafen. Gro war daher die Zahl der armen
Weiber, die mit ihrer Arbeitskraft ihren Leib verkaufen muten. So hart
aber auch das Los der als Mgde und Sklavinnen in strengem
Dienstverhltnis zu ihrem Herrn stehenden Frauen war, ein merkbarer
Unterschied zwischen dem der begterten und der rechtmigen Gattinnen
war nicht vorhanden; das weibliche Geschlecht als Ganzes stand
gleichmig tief.

Gegenber den Orientalen sind wir gewohnt, die Griechen fr die
Reprsentanten einer bedeutend hheren Kultur zu halten. Nehmen wir
jedoch die Stellung der Frau zum Mastab fr unser Urteil, so mu es
ganz anders lauten, denn sie weist neben kaum bemerkbaren Fortschritten
sogar erhebliche Rckschritte auf.

Die Familie war im Orient ein Staat fr sich gewesen, der Vater der
Patriarch, der Knig darin. Sie wurde in Griechenland fast
bedeutungslos, denn der Staat bernahm viele ihrer wichtigsten
Funktionen; der Familienvater war nicht mehr Herrscher, sondern
Unterthan, seine Brgerpflichten entrissen ihn vollkommen seiner
Huslichkeit, sein Leben als Gesetzgeber, Soldat, Advokat, Philosoph und
Knstler spielte sich auerhalb des Hauses ab, dessen Geschfte und
Obliegenheiten er ausschlielich der Gattin und den Sklaven berlie.
Eines freien Mannes waren sie unwrdig und wurden um so verachteter, je
mehr die Sklaverei zu einem wichtigen Faktor im sozialen Leben sich
entwickelte. Whrend der Orientale, besonders der Israelit, in der
Arbeit keine Schande sah und die Zchtung und Htung der Herden zu
seinen Pflichten gehrte, whrend der Schwerpunkt seines Lebens in
seiner Familie, seinem Besitztum lag, und die Frau ihm dadurch, trotz
aller Unterdrckung, menschlich nher stand, sank sie in Griechenland
vollstndig in die Reihen der Sklaven hinab.

Sie war, wie im Orient, das willenlose Eigentum des Mannes. Der Vater,
wie der Vormund konnten sie, wem sie wollten, zur Gattin geben; der
Gatte konnte sie verschenken oder vertauschen; blieb sie unfruchtbar, so
galt es fr ein Verbrechen gegen die Gtter, wenn sie nicht verstoen
wurde. Die Pflicht, zum Zweck der Zeugung legitimer Kinder, die Ehe zu
schlieen, wurde vom Staate den Mnnern auferlegt;[20] durch Solons
Gesetzgebung wurden die Unverheirateten einer Strafe unterworfen. Denn
noch waren die Lnder nur schwach bevlkert und vom Zuwachs tchtiger
Brger hing das Bestehen und der Wohlstand des Staates ab. Daher
beschftigt sich die Gesetzgebung jener Periode der Geschichte in einer
so eingehenden Weise mit der Frage der Volksvermehrung.

Die Monogamie war Gesetz. Der Mann durfte nur eine legitime Frau haben;
die Zahl der Konkubinen, die er sich neben ihr hielt, war aber
unbeschrnkt, und der einzige Fortschritt gegenber den orientalischen
Zustnden bestand darin, da ihre Kinder nicht ohne weiteres Mitglieder
der Familie waren, sondern es erst durch die Legitimation ihres Vaters
werden konnten. Die aus dem vterlichen Hause meist in sehr jungen
Jahren in das des Gatten eintretende Frau lebte hier wie dort in
vlliger Abgeschlossenheit, ohne irgend welche Berhrung mit der
Auenwelt; sie durfte weder am ffentlichen noch am geselligen Leben
Anteil nehmen. Das Haus war ihre Welt, ber deren Grenze die tugendhafte
Frau nicht hinwegschreiten durfte. Und wenn Dichter und Schriftsteller
auch versuchten, sie ihr zu verklren[21]--genau wie es heute
geschieht--so war ihre Lage doch die einer physisch und geistig allen
Lichts beraubten Gefangenen, die auch wie eine solche verachtet wurde.
Von einem Griechen stammt jener bekannte Ausspruch, wonach diejenigen
Frauen am meisten Ruhm verdienen, von denen am wenigsten gesprochen
wird,[22] und er bedeutet nichts anderes, als da die Frau im Guten
ebensowenig wie im Bsen aus der Masse hervorragen darf. Es entsprach
nur der allgemeinen niedrigen Meinung von den Frauen, wenn Demosthenes
der Ansicht seiner Zeitgenossen von der Ehe Ausdruck verlieh, und sagte,
da man Frauen nur nehme, um rechtmige Kinder zu zeugen,
Beischlferinnen, um eine gute Pflege zu haben, und Buhlerinnen, um die
Freuden der Liebe zu genieen. Die eheliche Verbindung aus Liebe kannte
der Grieche nicht.[23] Im besten Fall war sein Gefhl fr die Gattin die
wohlwollende Anhnglichkeit eines Patrons zu seinem Klienten.[24] Nicht
die in strenger Zurckgezogenheit lebende, von klein auf zu khler
Keuschheit und Zurckhaltung erzogene Frau war der Gegenstand seiner
Leidenschaft, sondern die freie Priesterin Aphrodites, die Hetre.

Die uralte Verehrung des mtterlichen Prinzips in der Natur, der
Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit, hatte sich mit dem allmhlichen
Verfall des Mutterrechts mehr und mehr verwandelt. Einst muten sich die
Jungfrauen Aegyptens einmal in ihrem Leben im Tempel der Gttin der
Fruchtbarkeit einem Fremden preisgeben, spter bevlkerten zahlreiche
Frauen das ganze Jahr die Tempel der Iris, der Astarte, der Anahita oder
Mylitta. Denn hart war das Los der Mgde und Sklavinnen; nur die
Mdchen, welche eine Mitgift besaen, hatten Aussicht auf eine legitime
Ehe, und auch das Schicksal rechtmiger Frauen war ein trauriges. Da
kann es nicht wunder nehmen, wenn Not, Glckssehnsucht und
Freiheitsdurst Scharen Armer und Unterdrckter in den Dienst der
Liebesgttin trieb. Geheiligt durch die Religion, gefrdert durch Not
und Unterdrckung--so entstand in der ltesten Zeit die Prostitution.
Sie wuchs mit der Ausdehnung der Sklaverei,--fast alle bekannten Hetren
waren ursprnglich Sklavinnen,--und gewann an Ansehen und Bedeutung, je
tiefer die Stellung des weiblichen Geschlechtes im allgemeinen war. Ihre
Bltezeit erlebte sie in Griechenland, als Kunst und Wissenschaft auf
ihrer Hhe standen und der Kultus der Schnheit die Religion beinahe
ersetzte.

Gern trat die schne Sklavin, auf die das bewundernde Auge des Gebieters
gefallen war, aus dem engen dumpfen Gynkonitis mit seiner einfrmigen
Arbeitspflicht auf den offenen Markt hinaus, um von den Dichtern
besungen, den Knstlern gemalt und gemeielt, dem Volke verehrt zu
werden. Und diejenigen Frauen, deren reger Geist sich durch das
abgeschlossene Leben nicht ertten lie, in deren Gemach ein Schimmer
vom Glanz griechischer Bildung verlockend eindrang, betraten hufig
genug den einzigen Weg, der ihnen offen stand, denn nur die Buhlerin war
in Griechenland eine freie Frau, die ihrer Liebe folgen, die an der
hohen Geisteskultur ihres Vaterlandes persnlichen Anteil nehmen
konnte.[25] Die Geliebte des Perikles, Aspasia, die Lehrerin des
Sokrates, Diotima, die Schlerin des Plato, Lastheneia, die des Epikur,
Leontion, nahmen dem griechischen Hetrentum das Odium eines ehrlosen
Gewerbes und erhoben die Hetre in den Augen der hervorragendsten Mnner
ber die Hausfrau, deren Geistes- und Gefhlsleben knstlich verkmmert
wurde.

Die Geschichte wei von keiner einzigen Griechin zu berichten, die sich
gegen Sittengesetze emprt htte, welche als Lohn auf die weibliche
Tugend--die dauernde Gefangenschaft, und als Strafe auf das Laster--die
Freiheit setzten. Aus der Seele der griechischen Frauen spricht Goethe,
wenn er seine Iphigenie sagen lt: "Der Frauen Schicksal ist
beklagenswert", aber in Wirklichkeit besa das weibliche Geschlecht in
dem sonnigen, ruhmgekrnten Hellas keine Priesterin, die seinem stummen
Leid Worte verlieh. Nur den grten Denkern der Nation, Plato und
Aristoteles, scheint es zum Bewutsein gekommen zu sein, da die
Stellung der griechischen Frau eine unwrdige war. Wer Platos
Aussprche, wie z.B. die: "So haben also Mann und Weib dieselbe Natur,
vermge deren sie geschickt sind zur Staatshut", und "die Aemter--(im
Staat)--sind Frauen und Mnnern gemeinsam",[26] aus dem Zusammenhang
herausreit, der mag sogar zu der Ueberzeugung kommen, er sei im
modernsten Sinne ein Vorkmpfer der Gleichberechtigung der Geschlechter
gewesen. Der Sachverhalt ist aber thatschlich folgender: Er teilt die
Bevlkerung seines Idealstaates in drei Klassen, von denen die oberste,
die der Hter und Wchter, die geistig und krperlich vollendetste sein
soll, weswegen die dafr Berufenen eine ganz ungewhnlich treffliche
Erziehung genieen mssen. Aber sie sollen nicht nur fr ihre hohe
verantwortliche Stellung als Staatsleiter erzogen, sie sollen schon
dafr geboren werden. Und deshalb mssen ihre Mtter in gleicher Weise
zu geistig und krperlich ber der Masse stehenden Wesen herangebildet
werden, wie ihre Vter. Plato erklrt,--und das kann bei der hohen
geistigen Bildung vieler Hetren seiner Zeit nicht Wunder nehmen,--da
Mnner und Frauen gleiche Fhigkeiten besitzen, und da der Staat das
hchste Interesse daran habe, da begabte und krftige Kinder geboren
werden, so msse er die besten mnnlichen und weiblichen Exemplare der
obersten Klasse zwangsweise miteinander vermhlen. Genau wie der
Tierzchter nach seinem Belieben Hengst und Stute zusammenfhrt, so
sollen die Oberen bestimmen, nicht nur welche Mnner und Frauen sich
vermhlen, sondern auch wie oft sie Kinder zeugen drfen,[27] damit "der
Staat weder grer werde noch kleiner". Ein Kind aber, das ohne den
Willen der Oberen erzeugt wrde, dessen Eltern sich also freiwillig, aus
Liebe umarmten, sollte dem Staat fr unecht und unheilig gelten,[28] und
demselben Schicksal verfallen wie die Verkrppelten und Schwachen. Der
Staat allein sollte das Recht haben, die geeignete Frau dem geeigneten
Mann zu geben, und zwar nicht ein fr allemal, sondern so oft er es fr
ntzlich hielt auch einem anderen. Der Kinderernhrung und Pflege
sollten diese Frauen enthoben sein; ihre Kinder sollten ihnen sofort
entrissen und gemeinsam von Ammen und Wrterinnen aufgezogen werden. Die
Frau sollte, erklrt Plato ausdrcklich, vom zwanzigsten bis zum
vierzigsten Jahre "dem Staat gebren".[29] Er vertritt den echt
griechischen Standpunkt von der Omnipotenz des Staates und fhrt in
logischer Weise nur weiter aus, was das griechische Recht und die Sitte
von den Frauen forderte. Sie waren verpflichtet, dem Staate die Brger
zu schenken, Plato wnschte, da es auch tchtige Brger seien, darum
verlangte er, da die Frauen in "Musik und Gymnastik" unterrichtet
wrden. Aber, wohlgemerkt, nur die Frauen der obersten Klasse. Aus
diesem Umstand und daraus, da er Weibergemeinschaft, gewaltsame
Trennung von den Kindern und eine lediglich grobsinnliche, zwangsweise
Geschlechtsverbindung als das Wnschenswerte pries, lt sich ersehen,
wie fern es ihm lag, die Frauen, um ihrer selbst willen, aus einer
unwrdigen Stellung zu befreien und sie insgesamt den Mnnern
gleichzustellen. So gewi es ist, da groe Geister, die einen
tieferen Blick fr die hinter ihnen und die vor ihnen liegende
Menschheitsentwicklung haben, die Gerechtigkeit und Notwendigkeit
gewisser Umwlzungen predigen, ehe irgend ein anderer auch nur ihre
Mglichkeit einzusehen vermag, so gewi ist es auch, da Fragen, die
erst nach langer Zeit zur Lsung reif sein werden, nicht schon
Jahrhunderte vorher von einem einzelnen in der Theorie gelst werden
knnen.

Trotzdem hat Plato dem weiblichen Geschlecht einen groen Dienst
geleistet, indem er die Bedeutung der Frau als Mutter und die Pflicht
des Staates, sie fr ihren Naturberuf fhig und wrdig zu machen, in
eindringlicher Weise zum Ausdruck brachte.

Weniger eingehend hat sich Aristoteles ber die Stellung der Frauen
ausgesprochen. Aber so wenig Plato ein Feminist nach modernen Begriffen
war, so wenig war Aristoteles der erste Antifrauenrechtler, fr den er
oft gehalten wird. Wenn er sagt, da die Herrschaft des Mannes ber das
Weib mit der Regierung einer obrigkeitlichen Person in einer freien
Republik zu vergleichen sei,[30] und wenn er erklrt, da die eheliche
nicht zugleich die ursprnglichste herrschaftliche Gesellschaft und das
Weib nicht der Sklave des Mannes sei,[31] so war das gegenber der
thatschlichen Stellung der griechischen Frau eine revolutionre
Ansicht. In der Frage der Erziehung stimmte er sogar mit Plato berein,
denn auch er forderte Musik und Gymnastik[32] fr beide Geschlechter.
Einen hheren Begriff aber als Plato hatte er von der ehelichen
Verbindung, denn er hielt die strenge Monogamie fr ihre hchste Form.
Wenn er an anderer Stelle von den weiblichen Tugenden spricht[33] und
meint, ein Mann sei noch feige, wenn er so heldenmtig wre, wie eine
Frau, so erinnert dieser Ausspruch augenfllig an den Platos, der im
Hinblick auf die Seelenwanderung sagt, da alle feigen und ungerechten
Mnner bei der Wiedergeburt "wie billig" zu Weibern wrden.[34]

So konnten sich selbst die bedeutendsten Denker der Hellenen nicht von
dem Einflu ihrer Zeit und ihres Volkes befreien. Auch fr sie war die
Frau ein minderwertiger Mensch.

Wollen wir nun statt der Griechin die Rmerin betrachten, so tritt der
Gegensatz zwischen beiden am klarsten hervor, wenn wir Cornelia, die
Mutter der Gracchen, der Penelope, der Mutter Telemachs,
gegenberstellen: hier wrdevolle Gre, ruhige Selbstndigkeit, dort
ngstliche Schchternheit, Bedrfnis nach Schutz und Anlehnung; hier
Shne, die der Mutter Ehrerbietung zollen, dort ein Sohn, der sie, als
der Herr, zur Ruhe verweist. Schon in der Sage von der Egeria, der
weisen Beraterin Knig Numa Pompilius', spricht sich die Achtung des
Rmers vor der Frau aus. Ihr Ursprung mag in der dnnen Bevlkerung des
Landes zu suchen sein, in dem nicht genug Frauen vorhanden waren. Die
Geschichte vom Raub der Sabinerinnen spricht fr diese Annahme, ebenso
die ursprnglich fr Mann und Weib gleich strenge monogamische Ehe. Es
gab nicht so viel Frauen, als da der Mann ihrer mehrere htte haben
knnen. Er forderte von seinem Weibe unverbrchliche Treue, aber seine
Volksgenossen forderten von ihm dasselbe, denn sein Treubruch konnte
zugleich den Treubruch eines ihrer Weiber bedeuten.

Die Rmer waren in ihren ersten historischen Anfngen ein abgehrtetes
Landvolk. Ihre Gtter waren Personifikationen der Saat, des Lichtes, des
Lenzes. Der Begriff der Familie umschlo Eltern, Kinder, Knechte und
Mgde gleichmig. An einem Tisch vereinigten sich alle; die Arbeit, der
nichts Ehrloses anhaftete, beschftigte sie gemeinsam. Die rmische
Hausfrau, die Matrone, stand der inneren Wirtschaft und der Erziehung
der Kinder vor. Ihre Stellung war von vornherein eine gefestigtere und
ehrwrdigere, da sie keine Rivalin neben sich hatte und die einzige
Herrin im Hause war.

Die hhere Achtung, die sie geno, verschaffte der Rmerin auch grere
Freiheit. Sie empfing des Hauses Gste mit dem Gatten, sie war nicht in
das Frauenhaus eingeschlossen, sie nahm teil an ffentlichen Festen und
besuchte Theater und Zirkus. Rechtlich stand sie jedoch wie die
Orientalin und die Griechin unter dauernder Vormundschaft. Niemals
verfgte sie frei ber ihr Eigentum; thatschlich war es sogar das
Eigentum, durch das sie unmndig wurde. So konnte nach altrmischem
Recht das unter vterlicher Gewalt lebende Mdchen, das also selbst kein
Vermgen besa, ber seine Person frei verfgen; die unter Vormundschaft
stehende Waise dagegen, die im Besitz des vterlichen Erbes war, blieb
in allen ihren Handlungen vllig unfrei. Daraus ergiebt sich, da nicht
die Frau an sich, sondern die Frau als Eigentmerin eines Vermgens
unter gesetzlichem Schutze stand.[35] Sie durfte weder ein Testament,
noch Geschenke, noch Schulden machen; die rmischen Rechtslehrer selbst
erkennen an,[36] da die Vormundschaft ber die Frau eine Institution
sei, die weniger in ihrem Interesse als in dem des Vormundes lag. Nur in
einem Punkt geno sie whrend der Bltezeit der Republik dieselben
Rechte, wie der Mann: Sie hatte Zutritt zum Forum und konnte sowohl in
eigener wie in fremder Sache als Zeuge oder als Verteidiger auftreten.
So wird von Amesia Sentia erzhlt, da sie sich unter ungeheuerem
Zulauf des Volkes mit Klugheit und Energie zu verteidigen verstand,
worauf fast einstimmig ihre Freisprechung erfolgte,[37] und von
Hortensia, der Tochter des Redners Hortensius, die es durch ihre
glhende Beredsamkeit durchsetzte, da die Frauen der Bezahlung einer
ihnen auferlegten Steuer wieder entbunden wurden.[38]

Allzu schnell wurden die Rmer aus einem schlichten ackerbautreibenden
Volk die stolzen Beherrscher der Welt, und frh schon trug ihre Existenz
den Todeskeim in sich. Die siegreichen Feldzge, die Unterdrckung
ganzer Nationen waren von bsen Folgen begleitet, denn nicht nur da auf
ihre rohe Kultur griechische berfeinerung, orientalische Perversitt
und Genusucht gepfropft wurde--ein Umstand, der auf alle Naturvlker
verderblich wirkt--, auch das Grundbel der Staatenbildung im Altertum,
das Sklavensystem, fand in Rom raschen Eingang und entwickelte sich hier
zur hchsten Blte.[39] Ungeheuere Reichtmer strmten aus allen Teilen
der Welt in Rom zusammen; sie vereinigten sich in den Hnden weniger. An
Stelle der kleinen, freien Bauern trat der Grogrundbesitzer, an Stelle
des kleinen Handwerkers und der freien Industrie der Grokaufmann mit
seinen Sklaven.[40] Massen von Sklaven arbeiteten in den Palsten fr
ihre Gebieter und ein solches Gemeinwesen aus Millionren und Bettlern
mute die uerste sittliche Zerrttung zur Folge haben.[41]

Ihr erstes Zeichen war, wie in Griechenland, die Entehrung der Arbeit.
Nur der reiche Mann, der durch die Thtigkeit des Sklaven lebte, galt
fr anstndig; jede Arbeit, die krperliche Anstrengung erforderte, war
ehrlos, und der Arme, der sich durch seiner Hnde Arbeit sein Brot
verdiente, wurde verchtlich als ein gemeiner Mann behandelt.[42]
Verderblicher noch als fr die mnnliche Bevlkerung war diese
moralische Dekadenz fr die weibliche. Der rmische Brger konnte, auch
wenn die manuelle Arbeit eine fr ihn unwrdige war, seine geistigen und
physischen Krfte als Politiker, als Philosoph, als Knstler, Dichter
und Krieger bethtigen. Er konnte dadurch dem entsittlichenden Einflu
des Reichtums Schranken setzen. Seine Gattin dagegen, der die Fhrung
des Hausstandes, ja sogar die Wartung und Erziehung der Kinder von
Sklaven abgenommen wurde, war ihm schrankenlos preisgegeben. Sie hatte
dem Staat gegenber weder Rechte noch Pflichten und daher kein
Verstndnis fr ffentliche Fragen; ihre Erziehung wurde in jeder Weise
vernachlssigt, daher hatte sie nur ein ganz oberflchliches Interesse
an Kunst und Wissenschaft. Reichtum und Langeweile trieb die rmische
Brgerin der Genusucht und Sittenlosigkeit in die Arme, whrend die
arme Sklavin, um dem Elend ihres jammervollen Daseins zu entrinnen, die
Reihen der Prostituierten Jahr um Jahr in wachsender Zahl vermehrte. Der
aus Griechenland und dem Orient eingefhrte Dienst der Liebesgttinnen
kam dabei den Neigungen und Wnschen der Frauen entgegen, die die
wstesten Orgien aus ihm machten.[43]

Um der Verschwendungssucht der Frauen zu steuern, entstand schon whrend
der Punischen Kriege das Oppische Gesetz, wonach ihr Besitz an Gold und
Kleidern beschrnkt und ihnen verboten wurde, in einem Wagen zu fahren.
Bald jedoch emprten sich die Frauen gegen diese Beeintrchtigung und
zwei Brgertribunen beantragten die Abschaffung des Gesetzes. Da trat
zum erstenmal der strenge Sittenprediger und Vertreter altrmischer
Einfachheit, Marcus Portius Cato, gegen die Frauen auf. Unter groem
Zusammenlauf der Rmerinnen erklrte er, da jede Menschenart gefhrlich
sei, wenn man ihr gestatte, sich zu versammeln und gemeinsam zu
beratschlagen. Gebe man den Wnschen der Frauen nach, die lediglich
ihrer Genusucht frhnen wollten, so wrden sie bald volle
Gleichberechtigung fordern und die Mnner auch im Staatsleben zu
beherrschen suchen.[44] Diese Philippika des strengen Rmers,--der es
brigens selbst so wenig ernst mit der Aufrechterhaltung alter Sitte
hielt, da er sich von seiner Frau scheiden lie, weil ein Freund von
ihm sie zu heiraten wnschte, und sie wieder zur Gattin nahm, als dieser
sie nicht mehr mochte--hatte zunchst wenig Erfolg, denn das Oppische
Gesetz wurde aufgehoben. Siebzehn Jahre spter beantragte der Tribun
Voconius, da keine Frau erbberechtigt sein und Legate von mehr als
100000 Sestertien (ca. 15000 Mk.) annehmen drfe. Der damals
achtzigjhrige Cato versagte es sich nicht, mit dem ganzen Gewicht
seines Ansehens und seiner Beredsamkeit fr diesen Antrag zu kmpfen,
indem er die Ausschweifungen und die Genusucht der Rmerinnen heftig
tadelte, und seine Annahme schlielich durchsetzte.[45]

Aber wie kein Gesetz Sitten zu verbessern vermag, das sich nur mit den
Symptomen statt mit dem Grundbel beschftigt, so hatte auch dieses
keine anderen Folgen, als da die davon Betroffenen es auf Schleichwegen
zu umgehen suchten. Um sich von der vermgensrechtlichen
Unselbstndigkeit zu befreien, schlossen die Frauen hufig mit Mnnern,
die sich dazu hergaben, gegen eine Abfindungssumme Scheinehen.[46] Sie
versuchten aber auch, auf die Gesetzgebung direkten Einflu zu gewinnen,
indem sie durch Intriguen und Bestechungen aller Art die Abschaffung der
Vormundschaft durchzusetzen suchten. Aus dieser Thatsache, die in die
Zeit des Verfalls der rmischen Republik fiel, ist sehr hufig der
Schlu gezogen worden, da die Emanzipationsbestrebungen der Frauen
stets ein Zeichen fr die Dekadenz des Volks, dem sie angehren,
und ein Beweis fr die Korruption aller Sitten sind. Die
Emanzipationsbestrebungen der Rmerinnen aber waren keineswegs identisch
mit denen der Frauen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Sie
entsprangen weder der Not, noch dem Bildungsdrang, noch dem
Pflichtgefhl gegenber Staat und Gesellschaft; sie beschrnkten sich
auf den kleinen Kreis der herrschenden, brgerlichen Klasse, die niemals
eine Trgerin groer Reformen und einschneidender Umwlzungen gewesen
ist und sein kann. Eine Frauenbewegung im modernen Sinn konnte es nicht
geben. Dazu waren die rmischen Brgerinnen durch den groen Reichtum
moralisch zu schwach und zu verweichlicht, und die Scharen der
Sklavinnen durch die furchtbare Not und harte Arbeit zu stumpf und
vertiert geworden. Wir finden in der rmischen Geschichte nirgends eine
Spur von dem Kampf der Frauen um hhere Bildung oder politische Rechte,
sie verlangten nur ber ihr Vermgen frei verfgen zu knnen, um in
ihrem Genuleben unbeschrnkt zu sein.

Von der altrmischen Ehe war kaum eine Spur mehr vorhanden. Noch stand
auf den Ehebruch der Frau eine harte Strafe; die Gattinnen
hochgestellter rmischer Brger gaben das Beispiel, wie man sich ihr
entziehen knne; sie lieen sich in die Listen der Prostituierten
eintragen, die straflos ihrem Gewerbe nachgehen konnten.[47]

Mit dem zunehmenden Luxus nahm die Ehelosigkeit berhand; die Mnner
scheuten die Kostspieligkeit eines eigenen Hausstandes und zogen ein
freies Lotterleben vor, das die Denker und Dichter ihnen sogar
empfahlen.[48] Selbst einer der besten Mnner des damaligen Rom, der
Censor Metellus Macedonicus, der den Brgern die Pflicht zu heiraten
nachdrcklich einschrfte, erklrte sie fr eine schwere Last, die der
Mann nur aus Patriotismus auf sich nehmen msse,[49] damit der Staat
nicht untergehe. Was die griechische Gesetzgebung schon frh als eine
der ersten Brgerpflichten hervorhob,--durch eine zahlreiche
Nachkommenschaft dem Vaterland zu nutzen,--das hat die rmische erst
spt in ihre Bestimmungen aufgenommen. Denn fr den Rmer war die
Bezeichnung Kinderzeuger--proletarius--lange Zeit ein Ehrenname gewesen;
erst mit dem Niedergang der Republik war er zu einem Schimpfnamen
geworden. Von den Frauen wurde das Gebren als eine sehr unangenehme
Beeintrchtigung ihrer Schnheit und ihrer Vergngungslust empfunden.
Die Mnner wnschten sich so wenig Kinder als mglich, damit ihr
angehufter Reichtum nicht zersplittert wrde. Infolgedessen drohte die
Kinderlosigkeit verhngnisvoll zu werden; die Gesetzgebung sollte Hilfe
schaffen. Whrend Csars Konsulat wurden Verordnungen erlassen, nach
denen Unverheiratete keine Legate annehmen und die Vter vieler Kinder
bedeutende Privilegien genieen sollten.[50] Aber der beabsichtigte
Segen dieser Gesetze wurde in den Hnden der entarteten Brgerschaft in
sein Gegenteil verkehrt. Es wurden Ehen geschlossen, nur um der Legate
nicht verlustig zu gehen; viele Mnner wurden zu Kupplern an ihren
eigenen Frauen, um an den Privilegien der Kinderreichen teilzunehmen.

Immer tiefer sanken die Frauen. Die begabteren unter ihnen, die ein
Leben uerlicher Genusucht nicht befriedigen konnte, versuchten durch
Hinterthren in die fr sie verschlossenen heiligen Hallen der Politik
einzudringen, oder sie benutzten das einzige ffentliche Recht, das sie
besaen--das vor Gericht zu plaidieren--, um ihrem leeren Leben dadurch
Inhalt zu geben. Vielleicht, da es unter ihnen Frauen gab, die durch
ihre Freimtigkeit den Zorn der mnnlichen Herrscher erregten,
vielleicht, da sie fr eine gute Sache eintraten und groe Herren in
ihrem Ansehen schdigten,--wir wissen nichts Genaueres darber, aber wir
knnen annehmen, da selbst fr die ungerechtesten Gesetzgeber kein
einzelnes Vorkommnis, wie das von dem Valerius Maximus erzhlt, die
Ursache sein konnte, um den Frauen das Recht zu plaidieren, gesetzlich
abzuerkennen. Der rmische Historiker berichtet nmlich,[51] da die
Gattin des Senators Buccion, Afrania oder Cafrania, wie man sie spter
nannte, mit Leidenschaft Prozesse fhrte und stets ihr eigener Anwalt
war. Dabei soll sie sich so skandals benommen haben, da der Prtor
sofort ein Edikt gegen das Auftreten von Frauen vor Gericht erlie, weil
sie sich entgegen "der ihrem Geschlecht zukommenden schamhaften
Zurckhaltung" in anderer Leute Angelegenheiten gemengt und mnnliche
Tugenden ausgebt htten.[52] Die sptere Justinianische Gesetzgebung
setzte dieser Verordnung die Krone auf, indem sie erklrte:[53] "Frauen
sind von allen Aemtern, brgerlichen wie ffentlichen, ausgeschlossen,
knnen daher weder Richter sein noch Verwaltungsbeamte, noch knnen sie
klagen oder fr andere als Beistnde oder als Sachwalter vor Gericht
auftreten." Die Begrndung fr dieses Verbot lautete: "Es wird allgemein
angenommen, da Frauen und Sklaven ffentliche Aemter nicht auszufllen
vermgen."[54] Durch den Vellejanischen Senatsschlu wurden sie
schlielich auch in privater Beziehung vllig rechtlos, da sie fr
unfhig erklrt wurden, Brgschaften irgend welcher Art zu
bernehmen.[55]

Das Bild der Frauenwelt Roms zu Beginn unserer Zeitrechnung ist das
dunkelste, das die Sittengeschichte bis dahin aufzuweisen hatte. Kaum
ein Lichtstrahl erhellte es, denn selbst die Dichter, die sonst die
Frauen immer zu preisen pflegen, berhuften ihre Zeitgenossinnen mit
Hohn und Spott, oder besangen nur die Dirnen unter ihnen, von denen
keine die geistige Hhe griechischer Hetren erreicht hatte. Nur
vereinzelt und beinahe schchtern versuchten einige Schriftsteller der
allgemeinen Meinung entgegenzutreten. So sprach sich Cicero nicht, wie
man infolge einer miverstndlichen Auffassung des Textes oft meint, fr
die Abschaffung der Vormundschaft der Frauen, sondern vielmehr dafr
aus, da jene Art Sittenpolizei, die ber die Auffhrung und den Luxus
der Frauen in Griechenland zu wachen hatte, nicht in Rom eingefhrt
werde; statt ihrer sollte "nur ein Censor da sein, der die Mnner lehre,
ihre Weiber gehrig zu leiten".[56]

Und Cornelius Nepos spricht in der Vorrede zu seinen Biographieen seine
Zustimmung zu nichts anderem aus, als dazu, da die Rmerin im Gegensatz
zur Griechin an Gastmhlern teilnehme, Besuche empfange und nicht wie
jene im Frauenhaus eingesperrt sei.[57] Wichtiger, als diese kurzen
Bemerkungen, die nur deshalb erwhnenswert sind, weil ihre Bedeutung
leicht berschtzt und Cicero zuweilen als Vorkmpfer der
Frauenemanzipationgefeiert wird, ist die Schrift Plutarchs ber die
Tugenden der Weiber. Er erzhlt darin von einer ganzen Anzahl edler und
heldenmtiger Frauen und erklrt in der Einleitung, durch diese
historische Beweisfhrung den Satz bewahrheiten zu wollen, da die
Tugend des Mannes und die des Weibes gleich sei.[58] Aber auch er ist
weit entfernt davon, den Schlu auf die Notwendigkeit gleicher Rechte
daraus zu ziehen.

Weit mehr als diesen zweifelhaften "Vorkmpfern" der Sache der Frauen
ging einem anderen, geistig und moralisch hher stehenden rmischen
Schriftsteller--Tacitus--die Not seiner Zeit, die unwrdige Stellung
seiner weiblichen Landsleute zu Herzen, und mit tieferem Ernst als sie
suchte er dagegen anzukmpfen. Er entwarf von dem Volk der Germanen ein
schattenloses Bild und der Gedanke liegt nahe, er habe es hauptschlich
geschrieben, damit Rom an dieser schlichten Reinheit seine eigene
Verworfenheit erkennen mge. Er glaubte an die Wirkung des guten
Beispiels mehr als an die wohlgemeinter Predigten und zog dabei nicht in
Betracht, da gute Sitten sich nicht durch den guten Willen verpflanzen
lassen, sondern von selbst aus dem gesunden Boden der Volksnatur
hervorwachsen mssen.

In allen Vlkern, deren Entwicklungsstufe dem Urzustand am nchsten
steht, die den schroffen Gegensatz von arm und reich, frei und unfrei
noch nicht kennen, ist die Lage der Frauen eine verhltnismig
gnstige, weil die fr die ganze Familie notwendig auszufhrende Arbeit
allein in ihren Hnden ruht, weil die Bildung der beiden Geschlechter
eine gleiche ist, und die uralte gttliche Verehrung der Mutterschaft
ihren Glorienschein noch auf das Weib zurckwirft. Die germanische Frau
erschien Tacitus in ihrer Keuschheit, ihrem Flei, ihrer Einfachheit als
das gerade Widerspiel der sittenlosen, faulen, verschwenderischen
Rmerin. Mit dem Tode wurde der Ehebruch bestraft, mit Peitschenhieben
vertrieb man die Dirne aus dem Heerbann; "verfhren und verfhrt werden
nennt man nicht Zeitgeist, und mehr wirken dort gute Sitten als anderswo
gute Gesetze."[59] Die Mhseligkeiten mondelanger Wanderungen mit
Kindern und Hausgert, die Schrecken der Fehden und Kriege teilten die
Weiber mit den Mnnern. Das Klima ihrer Heimat und die Strapazen ihres
Lebens hatten sie widerstandsfhiger und krftiger werden lassen als
andere ihres Geschlechts. Trotz alledem war die Germanin nicht der Typus
der glcklichen, freien, gleichberechtigten Frau, wie sie einem Tacitus
auf den ersten flchtigen Blick erscheinen mochte. Auch sie war nur des
Mannes willenloses Eigentum; alle Arbeit, auch die des Feldes, lag
allein in ihren Hnden, whrend der Mann im Frieden auf der Brenhaut
lag. Sie mute den Pflug fhren und auf schweren Handmhlen das Getreide
mahlen, sie mute die Htte aufrichten, backen, Meth brauen, spinnen und
weben; sie blieb auch dann noch berlastet, als nach den groen
Wanderungen auch die Mnner Ackerbauer geworden waren, denn das Gebiet
ihrer Thtigkeit umspannte, auer der huslichen Wirtschaft, die
Viehzucht, die Schafschur, die Flachsbereitung und nicht zum mindesten
die aufmerksame Bedienung des Mannes.[60]

In der ganzen heidnischen Welt finden wir in Bezug auf die Stellung der
Frau nur Gradunterschiede. Infolge ihrer Geschlechtsfunktionen und der
notwendig daraus folgenden Beschrnkungen war sie dem Manne
untergeordnet; Religion, Recht und Sitte heiligten und befestigten
diesen Zustand. Die wirtschaftlichen Verhltnisse trieben sie noch nicht
in den offenen Konkurrenzkampf mit dem Mann; selbst die Sklavin war
nicht die Konkurrentin, sondern die Leidensgenossin des Sklaven, und es
gab daher wohl Sklavenkriege, aber keine Frauenbewegungen. Erst mute
die Frauenfrage in ihrer ganzen Schrfe formuliert werden, ehe eine
Bewegung sich ihre Lsung zum Ziel setzen konnte. Nur leise Spuren von
ihr haben wir in Griechenland und Rom verfolgen knnen. Mit dem
Zusammenbruch der antiken Gesellschaft und dem allmhlichen Auftauchen
neuer Lebens- und Arbeitsformen tritt sie immer deutlicher hervor, bis
sie auf jenen Hhepunkt gelangt, von wo aus ihr Flammenzeichen berall
sichtbar werden sollte.




2. Das Christentum und die Frauen.


Whrend Rom auf der Hhe seiner ueren Macht zu stehen schien, im
Innern aber von der schleichenden Krankheit der allgemeinen Korruption
so zerfressen wurde, da sein Zusammensturz nahe bevorstand, war ber
Bethlehem, mitten unter dem geknechteten, geschmhten Judenvolk jener
Stern aufgegangen, durch dessen Glanz Rom zu neuer Weltherrschaft
auferstehen sollte.

Es ist hier nicht der Ort, den innigen Zusammenhang der Entstehung des
Christentums mit den wirtschaftlichen und politischen Verhltnissen der
Zeit, in der es sich ausbreitete, nher zu errtern. Es mute ber den
Kreis des armen Volks, dem sein Grnder angehrte, schnell
hinauswachsen, weil der Boden im rmischen Reich berall dafr
vorbereitet war. Den Philosophen waren seine Gedanken zum Teil schon
vertraut; von dem Nebenmenschen als dem Bruder hatte schon Plato
gesprochen; die Stoiker lehrten die Verachtung irdischer Gter und waren
die ersten gewesen, die erklrten, da der Mensch auch gegen seine
Sklaven moralische Verpflichtungen zu erfllen habe. Und der Mhseligen
und Beladenen gab es mehr als genug; fr sie alle war das Christentum
der Rettungsanker, der sie ber ihr eigenes Elend hinaushob, der
Hoffnungsstrahl, der in ihre Nacht leuchtete. Es war nicht jene vage
Hoffnung der spteren Christen, die von der ewigen Seligkeit die
Entschdigung fr ihre irdischen Schmerzen erwarteten, sondern der
sichere Glaube an das nahe Ende der Welt, an die Wiederkehr Christi und
an die Aufrichtung des tausendjhrigen Reiches. Unter all den Armen und
Elenden, die ihm zustrmten, kamen auch jene gequltesten aller Menschen
in Scharen, die Frauen. Ihnen brachte das Christentum neben dem Trost
und der Hoffnung, die es allen Unterdrckten brachte, noch etwas ganz
Besonderes: Die Gleichwertung des Weibes mit dem Manne als moralisches
Wesen, als "Kind Gottes".

Sowohl die orthodoxen Anhnger des Christentums als seine fanatischen
Verchter sind, soweit sie fr die Frauenemanzipation eintreten, anderer
Ansicht. Die einen behaupten, indem sie das Wort des Apostels Paulus:
"Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier,
hier ist kein Mann noch Weib;"[61] aus dem Zusammenhang herausreien,
da das Christentum sich darin fr die volle Gleichberechtigung der
Frauen ausspricht; die anderen sttzen sich auf jenen Satz desselben
Apostels: "Das Weib schweige in der Gemeine,"[62] wenn sie erklren, das
Christentum habe das weibliche Geschlecht nicht nur nicht befreit,
sondern nur noch vollstndiger geknechtet.

Das ursprngliche Christentum aber ist von beiden Meinungen gleich weit
entfernt. Eine Frauenemanzipation im modernen Sinn ist ihm ebenso fremd,
wie eine Emanzipation der Sklaven ihm fremd war. Dagegen hatten Leid,
Not und Unterdrckung die mnnlichen und weiblichen Lasttiere der
Gesellschaft so aneinander gekettet, da die neue Religion beiden
denselben Trost, dieselbe Hoffnung, dieselben Vorschriften geben mute.
Wenn der Apostel Paulus sagt: "hier ist kein Mann noch Weib", so fgt er
gleich hinzu: "ihr seid allzumal einer in Christo Jesu" und schickt
voraus: "ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo
Jesu".[63] Nur vor Gott also, nicht vor dem Staat, sind Herren und
Sklaven, Mnner und Frauen gleich. Aber auch die Verachtung des Weibes
ist keine ursprngliche Lehre des Christentums. Wenn als eine natrliche
Reaktion gegen die furchtbaren geschlechtlichen Ausschweifungen jener
Zeit die Enthaltung von allem Geschlechtsverkehr als besonders heilig
und eines Christen wrdig gepriesen wurde, so wurde die keusche Jungfrau
stets dem keuschen Jngling gleich gestellt.[64] Nicht der Mann wurde
vor der Berhrung des Weibes, als des bsen Prinzips, gewarnt, sondern
beiden wurde der ledige Stand als der gottgeflligere anempfohlen.[65]

Wie wir wissen, galt bei den Alten der Ehebruch des Weibes fr ein
todeswrdiges Verbrechen, whrend der ehebrecherische Mann zumeist
straflos ausging. Christus stellte das sndige Weib dem sndigen Manne
gleich, indem er sagte: "wer unter euch ohne Snde ist, der werfe den
ersten Stein auf sie", und er verdammte die Reuevolle nicht.[66] Er
forderte von beiden die eheliche Treue,[67] seine Jnger verlangten vom
Mann, da er sein Weib liebe, wie sie ihn,[68] und die Ausgieung des
heiligen Geistes erfolgte ausdrcklich ber "Shne und Tchter".[69] In
dieser moralischen Gleichstellung der Frau mit dem Mann liegt die
Bedeutung des Christentums fr das weibliche Geschlecht. Weiter aber
reicht sie nicht. Alle Einzelvorschriften, soweit sie sich auf das Weib
beziehen, erheben sich nicht ber die bekannten religisen und
weltlichen Gesetze der morgen- und abendlndischen Vlker. Das Weib mu
dem Manne gehorchen, ihm unterthan,[70] schweigsam und huslich
sein,[71] es darf weder lernen noch lehren[72] und soll selig werden
durch Kinderzeugen.[73] Das alles bedeutet keinen Fortschritt in Bezug
auf die Auffassung von der Stellung des weiblichen Geschlechts, aber es
bedeutet ebensowenig eine verschrfte Knechtung.

Erst als das Christentum aus einer Religion der Armen und Verfolgten zur
Staatsreligion wurde, erfuhr es seitens seiner Haupttrger eine den
neuen Verhltnissen entsprechende Umwandlung. Die Kirchenvter und die
Gesetzgeber des kanonischen Rechts nutzten Aussprche Christi und der
Apostel insoweit aus, als sie der Ausbreitung der Macht der Kirche
frderlich sein konnten, und lieen andere auer acht, die diesem Zweck
nicht dienstbar zu machen waren. Whrend Paulus seine Predigt von der
greren Heiligkeit des ehelosen Lebens nicht nur an beide Geschlechter
richtet, sondern sie ausdrcklich damit einleitet, da er sagt, er teile
nur seine eigene Meinung, nicht ein Gebot des Herrn mit,[74] klammerten
sich asketische Eiferer an Stze wie: "Es ist dem Menschen gut, da er
kein Weib berhre",[75] und "Adam ward nicht verfhret; das Weib aber
ward verfhret und hat die Uebertretung eingefhret"[76] und verdammten
die Ehe als ein Laster, das Weib als diejenige, die dem Teufel Eingang
verschaffte.[77] Das kanonische Recht erhob die Auslegungen der
apostolischen Lehren durch die Kirchenvter zum Gesetz, indem es unter
anderem verfgte: "die Frau ist nicht nach dem Bilde Gottes geschaffen.
Adam ist durch Eva verfhrt worden und nicht Eva durch Adam. Es ist
daher recht, da der Mann der Herr der Frau sei, die ihn zur Snde
reizte, auf da er nicht wieder falle. Das Gesetz befiehlt, da die Frau
dem Manne unterworfen und beinahe seine Dienerin sei."[78]

Am deutlichsten jedoch kam die niedrige Auffassung, welche die rmische
Kirche vom Weibe hatte, dort zum Ausdruck, wo sie dem Rechtsbewutsein
der Germanen gegenbertritt, und zwar ist eine einzige Thatsache
ausreichend, um den Gegensatz beider zu kennzeichnen: die Germanen
verlangten fr ein verletztes Weib ein hheres Wehrgeld als fr einen
verletzten Mann, weil sie in jedem Weibe die Mutter ehrten, und die
Schwache und Wehrlose zu verwunden fr besonders schmachvoll galt; vom
Mrder einer Frau forderten sie ein zweimal hheres Wehrgeld, als vom
Mrder eines Mannes. Nach dem ersten Gesetzbuch dagegen, das durch die
rmische Kirche einem germanischen Volke gegeben wurde--dem Fuero juzgo
der Wisigoten--und das in Bezug auf die Ansichten des Klerus von den
Rechten der Frau typisch ist, galt des Weibes Leben nur halb so viel als
das des Mannes, denn ihrem Mrder wurde nur die halbe Bue
auferlegt.[79]

In einer Beziehung nur machte die rmische Kirche den heidnischen
Germanen und ihrer Verehrung des mtterlichen Prinzips in der Natur eine
Konzession, um sie dadurch leichter unter Kreuz und Krummstab zwingen zu
knnen: sie erhob die Mutter mit dem Kind auf den Thron des Himmels.
Dem ursprnglichen Christentum hatte der Kultus der Frau fern gelegen;
die Mutter Jesu verschwindet in den Evangelien fast vollstndig,
Christus selbst weist sie hart zurck, als sie wagt, ihm einmal einen
mtterlichen Rat zu geben. Ihre Gestalt, wie sie der Katholizismus heute
kennt, und die Verehrung, die ihr gezollt wird, sind nichts anderes als
eine Reminiszenz an den heidnischen Gtterdienst. Die Kirche verstand
es, die heidnischen Feste durch christliche, die Gtter durch Heilige zu
ersetzen und den Germanen das Christentum durch die "Mutter Gottes"
vertraut zu machen. Da der Madonnenkultus ein dem Baum der Kirche
knstlich aufgepfropftes Reis war, geht schon daraus hervor, da trotz
der Verehrung der himmlischen Jungfrau die Missachtung des weiblichen
Geschlechts sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte.

Die "Kreuzigung des Fleisches" wurde gleichbedeutend mit der Flucht vor
dem Weibe. Auf dem Konzil zu Mcon entschied sich die Majoritt dafr,
dem Klerus zu befehlen, die Frauen zu fliehen. Das Konzil zu Metz
verschrfte diesen Befehl, indem es den Priestern sogar den Umgang mit
Mutter und Schwester verbot. Whrend sich in der ersten Zeit des
Christentums nur die Mnche dem Gebot der Keuschheit unterworfen hatten,
wurde es nun fr den gesamten Klerus obligatorisch. Die Folgen des
Clibats einer groen Zahl von Mnnern--meist der geistig
hervorragendsten ihrer Zeit--waren von weittragender Bedeutung. Wohl hat
sich die Kirche in ihnen eine Armee hingebender Kmpfer geschaffen, die
durch keinerlei Familieninteressen von ihren Pflichten ihr gegenber
abgelenkt wurden, aber wenn sie glaubte durch die Verherrlichung der
Keuschheit, durch die erzwungene Abttung der geschlechtlichen Triebe im
Dienste einer hheren Sittlichkeit zu handeln, so hatte sie nur mit
abstrakten Theorieen, nicht aber mit der lebendigen Natur gerechnet. Sie
erreichte nicht nur das Gegenteil von dem, was sie bezweckte, denn neben
dem auerehelichen Geschlechtsverkehr und der raschen Zunahme der
Prostitution wuchsen besonders in den Klstern die widernatrlichen
Laster empor, sie fgte dem ganzen sittlichen Leben des Volkes einen
Schaden zu, an dem es noch heute krankt, und durch den das weibliche
Geschlecht am schwersten getroffen wird. Sie degradierte die
natrlichsten Beziehungen der Geschlechter zu einander und suchte sie
als etwas, dessen sich der Mensch schmen msse, zu verhllen; die Ehe
war fr sie in erster Linie eine "Vereinigung der Seelen", selbst die
Geschlechtsliebe in der Ehe galt fr sndhaft oder besten Falls fr
einen Tribut, den der Mensch seiner sittlichen Schwachheit, seiner
Gottentfremdung bringen msse.[80] Die uere Heiligung der Ehe durch
ihre Erhebung zum Sakrament und die Erklrung ihrer Unauflslichkeit hat
die innere Zerstrung, der die tiefste Beziehung der Menschen zu
einander durch die Kirche ausgesetzt wurde, nicht aufzuhalten vermocht.
Heuchelei, Prderie, Unterdrckung der besten Gefhle durch eine falsche
Moralitt sind die Folgen davon und ein groer Teil der psychologischen
und sittlichen Seite der Frauenfrage ist auf die durch die rmische
Kirche dem Volksbewutsein eingeimpfte Meinung von Liebe und Ehe
zurckzufhren.

Aber auch nach anderer Richtung hin wurde die Entstehung der Frauenfrage
durch die Kirche beeinflut: der wachsenden Zahl der ehelosen
Geistlichen und Mnche stand eine gleiche Zahl alleinstehender Frauen
gegenber. Die Grndung der Nonnenklster war eine notwendige Folge
davon. In Massen strmten die Frauen in ihre schtzenden Mauern. Es
blieb ihnen nur die Wahl zwischen dem Kloster und dem Frauenhaus und
wenn auch viele nur Nahrung und Obdach suchten, so wurde doch auch die
Zahl derer immer grer, die sich vor den Unbilden des rauhen Lebens
drauen in der Welt nach einer Sttte friedlicher Arbeit und geistiger
Vertiefung sehnten. In den Klstern wurde den Frauen eine im Vergleich
zur allgemeinen Bildung ihres Geschlechts hohe Gelehrsamkeit zu teil.
Sie lernten die klassischen Sprachen und gewisse Zweige der
Wissenschaften und manche weise Klosterfrau wurde die Beraterin von
Ppsten und Knigen. Eine solche war Hildegard von Bockelheim, die
Aebtissin des Klosters Rupprechtshausen, die im 11. Jahrhundert neben
Heiligengeschichten eine Reihe physikalischer und zoologischer Werke
schrieb.[81] Auf derselben Stufe der Bildung stand die vielbewunderte
"nordische Seherin" Brigitta von Schweden[82] und Hrotswith, die
lateinische Dichterin der Ottonenzeit. Viele gelehrte Nonnen
beschftigten sich mit dem Abschreiben alter Werke, dem Malen von
Initialen und Miniaturen, whrend andere als Lehrerinnen in den
Mdchenschulen ihrer Klster, als Krankenpflegerinnen, Stickerinnen,
Weberinnen und Wscherinnen thtig waren. So lsten die Klster zum Teil
die mittelalterliche Frauenfrage, indem sie nicht nur der groen Menge
alleinstehender Frauen eine Zuflucht gewhrten, sondern sie auch geistig
auf eine hhere Stufe erhoben und ihnen selbstndige Berufe erffneten.
Freilich darf nicht vergessen werden, da ihre Bedeutung fr die Hebung
des weiblichen Geschlechts nur ein paar Jahrhunderte lang geltend blieb,
denn schon mit dem 11. und 12. Jahrhundert begann ihr sittlicher
Verfall. Die bedenklichen, sich immer hufiger wiederholenden
Grndungen von Doppelklstern,--Mnchs- und Nonnenklster dicht
nebeneinander,--gaben mit den Anla dazu. Die Natur lie ihrer nicht
spotten; sie siegte ber einen asketischen Fanatismus, der die
unfruchtbaren "Gottesbrute" heilig sprach und die Mtter vor ihnen
erniedrigte. Aus Orten der Gelehrsamkeit und des Fleies wurden die
Klster Orte des geistigen Stumpfsinns und der Trgheit, aus Sttten
frommer Andacht und reiner Sitte, Sttten lsterner Freuden und wilder
Unzucht. Die Reformation fegte sie fort, und es ist nicht zu verwundern,
da die Reformatoren in ihrem blinden Eifer vergaen, den Weizen von der
Spreu zu sondern. Sie schadeten dadurch dem weiblichen Geschlecht um so
mehr, als es in den Strmen des dreiigjhrigen Krieges und dem
allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang Zufluchtssttten dringend ntig
hatte und in ihrer Ermangelung der Prostitution mehr denn je in die Arme
getrieben wurde.

Auch die Ansicht, die die Reformatoren vom Weibe hatten, war nicht
geeignet, es aus seiner gedrckten physischen und moralischen Lage zu
befreien. In schroffem Gegensatz zu der katholischen Predigt von der
Kreuzigung des Fleisches und der Verherrlichung des Clibats hielten sie
das eheliche Leben fr das eines Christen allein wrdige,[83] aber nicht
als eine "Vereinigung der Seelen", sondern ausdrcklich als ein
"weltlich Geschft", eine Vereinigung von Mann und Weib zur Befriedigung
natrlicher Bedrfnisse. Luther ging soweit, zu erklren, da der Mann
das Recht habe mit der Magd sich einzulassen, oder sein Weib zu
verstoen, wenn es ihm nicht zu Willen sei[84] und er gestattete sogar
dem Landgrafen Philipp von Hessen, eine zweite Ehe neben der ersten zu
schlieen, weil er eine Doppelehe fr sittlicher hielt, als eine
Mtressenwirtschaft und von der Unterdrckung sinnlicher Leidenschaft
nichts wissen wollte. Nach ihm war die Frau ausschlielich fr den Mann
geschaffen; um Haushaltung und Kinderwartung allein hatte sie sich zu
kmmern,[85] eine Ansicht, die sich in der orthodoxen protestantischen
Kirche bis in die Neuzeit hinein erhalten hat.[86] Dem, brigens
sagenhaften Streit der katholischen Priester zu Mcon, ob die Frau eine
Seele habe, knnen die einundfnfzig Thesen der Wittenberger
Protestanten, welche beweisen sollten, da die Weiber keine Menschen
seien, wrdig zur Seite gestellt werden.

Das Christentum, dem die Frauen so begeistert wie einem Befreier
entgegenkamen, fr das sie glaubensmutig den Mrtyrertod starben, hat
ihre Hoffnungen nicht erfllt. Mehr noch als aus den direkten
Beziehungen der Kirche zu den Frauen, tritt diese Thatsache aus der
allgemeinen Lage des weiblichen Geschlechts in rechtlicher,
wirtschaftlicher und sittlicher Beziehung whrend der geschichtlichen
Entwicklung der frheren Jahrhunderte hervor.

Das germanische Recht, dem das Gefhl der Hochachtung fr die Frau und
Mutter zu Grunde lag, machte mehr und mehr jenem Rechte Platz, das dem
heidnischen und dem christlichen Rom zusammen seinen Ursprung verdankte,
und daher fr das weibliche Geschlecht nur nachteilig sein konnte. Wie
es im allgemeinen sein Grundzug war, die Heiligkeit und
Unverletzlichkeit des Privateigentums scharf zu betonen, so trat diese
Tendenz besonders in Bezug auf die Frau hervor, die als des Mannes
unumschrnktes Eigentum angesehen wurde. Der Vater konnte seine Tochter
vermhlen, mit wem er wollte; der Vormund hatte volles Verfgungsrecht
ber sein Mndel. Der Mann konnte sein Weib verschenken, ja bis ins 13.
Jahrhundert herein war es ihm im Notfall sogar gestattet, es zu
verkaufen.[87] Seine Witwe konnte er einem anderen vermachen, wie jedes
Stck seines Vermgens; und charakteristisch fr die Rechtsanschauung
der Zeit war es, da nur die Frau die Ehe brechen konnte,[88] denn sie
beging dadurch ein Verbrechen an des Mannes Eigentum; dagegen war er
unbeschrnkt in der Freiheit, neben der Ehe im Konkubinat zu leben,
niemand nahm Aergernis daran. Aber auch ihrem Kinde gegenber befand
sich die Frau, sofern es mnnlichen Geschlechts war, in untergeordneter
Stellung. Nur whrend der ersten Kindheit hatte die Mutter rechtliche
Gewalt ber den Sohn. Mit dem siebenten Jahre schon war er ihr
entwachsen[89] und konnte sich z.B. in Friesland, falls sein Vater nicht
mehr am Leben war, selbst fr mndig erklren und der Vormund der
eigenen Mutter werden.

Wie in der Familie, so war die Frau natrlich auch sonst berall
rechtlos. Sie konnte keinerlei Geschfte selbstndig abschlieen; es war
genau vorgeschrieben, fr welche Summe die Hausfrau, ohne die
Einwilligung des Hausherrn einzuholen, Einkufe machen durfte. Nach
ppstlichem Recht konnte sie nicht als Zeugin auftreten, da ihr Zeugnis
stets fr unzuverlssig galt.[90] Wo das Landesrecht es ihr gestattete,
wie z.B. im Kanton Bern, hatte nur die Aussage zweier Frauen die
Beweiskraft der eines Mannes.[91]

Hinter all diesen Vorschriften standen die hchsten Autoritten:
Staat und Kirche. Gehorsam, Bescheidenheit, Unterwrfigkeit,
Selbstlosigkeit--das waren die Tugenden, die den Frauen von frh an
gepriesen wurden und die sie mit allen Unfreien gemeinsam hatten. Die
Gleichwertigkeit aller Menschen,--der Herren und Knechte, der Mnner und
Weiber,--war ein Begriff, der mit dem primitiven Christentum wieder
verschwunden war.




3. Die wirtschaftliche Lage der Frauen.


Es giebt nur wenige Thatsachen, die gegen die Behauptung, da das
Fortschreiten der Menschheit zu hherer Kultur von sittlichen Ideen und
moralischen Reformen in erster Linie abhngig sei, so schwer ins Gewicht
fallen, als die Entwicklung ethischer Religionen, wie z.B. die des
Christentums. Solange sie sich auf einen kleinen Kreis Glubiger
beschrnkten, blieben sie auf ihrer sittlichen Hhe, je mehr sie sich
jedoch ausbreiteten, desto mehr muten sie sich den ueren
Verhltnissen anbequemen, desto mehr sahen sie sich, wenn sie nicht ganz
untergehen wollten, gezwungen, ihnen ein Ideal nach dem anderen zu
opfern. So hatten auch die Grundforderungen des Urchristentums der
wirtschaftlichen Entwicklung, die zu Beginn des Mittelalters einen Stand
unfreier, gehorsamer, demtiger Arbeiter kategorisch forderte, weichen
mssen.

Jeder Hof, jede Burg waren mit ihren Feldern und Wldern ein
wirtschaftliches Zentrum fr sich, in dem aller Bedarf der Einwohner von
ihnen selbst geschaffen werden mute. Der Herr des Landes war zugleich
ihr Herr, dem sie leibeigen waren, dem ihre Arbeitskraft, dem ihr Leben
selbst gehrte. "Er ist mein eigen, ich mag ihn sieden oder braten",
lautet ein altes Sprichwort, das der Freie dem Unfreien gegenber
gebrauchte. Drastisch schilderte der englische Rechtsspiegel des 13.
Jahrhunderts die Lage der Hrigen, indem er sagt: "Diese knnen nichts
erwerben, es sei denn fr ihre Herren; sie wissen am Abend nicht, welche
Dienste ihrer am Morgen warten; sie knnen von ihren Herren geschlagen,
gestoen, gefangen werden ... Sie haben keinen Willen ohne ihre Herren,
und wenn sie im Eigentum ihrer Herren wohnen, so geschieht dies aus
Gnade, ohne Sicherheit, von einem Tage zum anderen."[92] Die Hrigkeit
war an Stelle der Sklaverei getreten und wies ihr gegenber kaum
nennenswerte rechtliche und sittliche Fortschritte auf, soda ein hoher
Grad von Selbstbetrug dazu gehrt, wenn die christliche Kirche
behauptet, sie habe die Sklaverei abgeschafft, und sei thatschlich,
ihrem Ursprung getreu, ein Hort der Armen und Unterdrckten geworden.
Ihre Organe, die Priester und Aebte, bten dieselben Herrenrechte aus,
wie die Frsten und weltlichen Machthaber. Das Los der Hrigen der
Klster war kein besseres, als das derer, die im Dienste der Ritter
standen. Da sie nicht, wie die Sklaven, gekauft werden konnten, und es
fr ihre Herren bei der Ausdehnung von Landbau und Industrie wichtig
war, eine gengende Zahl Arbeiter zu besitzen, galt es, sie zu zchten,
wie das vierfige Eigentum. Die Klster, deren Macht auf ihrem Reichtum
beruhte, hatten strenge Vorschriften in Bezug auf die Heirat unter ihren
Hrigen. Klster desselben Ordens pflegten sie untereinander
auszutauschen, um eine gleichmige Verteilung der Geschlechter
herbeizufhren und, durch Vermeidung der Ehen unter Verwandten, einen
krftigen Nachwuchs zu erzielen. Jeder Herr hatte das Recht, die Heirat
einer hrigen Frau mit dem Hrigen eines anderen Herrn zu verbieten,[93]
oder sie nur dann zu gestatten, wenn statt der ihm verloren gehenden
Arbeitskraft eine andere geliefert wurde. Mit der Zeit entwickelte sich
daraus eine bestimmte Abgabe, die eine Art Loskaufgeld darstellte. Unter
den Karolingern konnte der Herr die hrige Frau, falls ihm nichts
gezahlt und kein Ersatz fr sie gestellt worden war, gewaltsam ihrem
Gatten entreien,[94] was meist dann geschah, wenn sie mehrere Kinder
geboren hatte, die er zur Hlfte mit der Mutter in seine Dienstbarkeit
zwingen durfte. Die Heiligkeit und Unauflslichkeit der Ehe wurde nur
insoweit anerkannt, als die Heiligkeit des Eigentums dadurch keinerlei
Schaden litt.

Die Arbeitskraft der Frau wurde besonders hoch geschtzt, denn die
schwersten und notwendigsten Arbeiten lasteten auf ihr. Die geistlichen
und weltlichen Herren hatten auf ihren Burgen, Hfen und Klstern
ausgedehnte Werksttten, in denen oft bis zu 300 hrige Frauen mit
Spinnen und Weben, Nhen und Sticken beschftigt wurden.[95] Den
Stoff gaben nicht nur die Schafschuren und Flachsernten der
Herrengter,--Arbeiten, die wieder von Frauen verrichtet
wurden,--sondern auch die Abgaben und Lieferungen der Unfreien und
Zinsleute.[96] Wie die moderne Arbeiterin zur Fabrik, so ging die Hrige
zum Frauengemach.[97] Ihre Arbeitszeit dauerte von Sonnenaufgang bis
Sonnenuntergang, erst im spteren Mittelalter wurde das Arbeiten bei
knstlicher Beleuchtung blich. Lohn bekam sie nicht, dagegen eine meist
unzureichende Bekstigung,[98] und, wo diese fortfiel, vier Pfennig
tglich zu ihrem Unterhalt. Eine Meisterin, die zuweilen die Herrin
selbst war, stand den Arbeiten vor; Zeichnerinnen fertigten die Vorlagen
fr die Stickereien an, die berall, auf Mnner-und Frauenkleidern,
Wsche, Wand- und Mbelbezgen angebracht wurden und oft sehr kunstvoll
waren. Geschickte Stickerinnen wurden ebenso hoch geschtzt wie die
Wirkerinnen seidener Bnder zum Besatz der Gewnder oder zum Schmuck des
Zaumzeugs. Da nicht nur fr den Hausgebrauch gearbeitet wurde, sondern
stets ein Vorrat von Kleidern und Wsche zum Geschenk an die Gste oder
zur Ausstattung des groen Gefolges bei Turnieren und Festlichkeiten
vorhanden sein mute, so war die Arbeit eine ununterbrochene und der
Arbeitskrfte gab es nie zu wenig. Auch die Herrinnen und ihre Tchter
hatten vollauf zu thun. Wie Weib und Weben schon in einer gewissen
sprachlichen Verwandtschaft steht, so galt das Spinnen und Weben
ausdrcklich fr eine der hchsten Tugenden der Frauen. "Sie war fromm
und spann", heit es hufig auf alten Grabsteinen oder in
Geschlechtsurkunden. "Die Mnner sollen streiten, die Frauen sollen
spinnen", mahnte der christliche Volksredner Berthold von Regensburg.
Auch ist diese Frauenthtigkeit trotz ihrer unbeschrnkten Ausnutzung
gewi nicht die schlimmste gewesen. Weit hrter war die Landarbeit, die
die hrigen Frauen zu verrichten hatten und zwar nicht nur fr den
Gebieter, sondern auch fr den eigenen Hausstand, im Dienste des Gatten.
Es ist mehr als eine Anekdote, wenn Lord Mahon in seiner Geschichte
Englands erzhlt, da ein Landmann, der einen Ochsen verloren hatte,
wohl heiratete, um auf solche Art den wohlfeilsten Ersatz zu haben.

Auch der Hausdienst der hrigen Frauen in den Hfen und Burgen war,
infolge der primitiven Hilfsmittel, auerordentlich schwer. Da sie Tag
und Nacht auf dem Posten und ihren Gebietern zur Verfgung stehen
muten, so wohnten die fr diesen Dienst bestimmten Mgde im Burgfrieden
selbst. Sie waren, oft bis hundert an Zahl, in dem neben der Werksttte
befindlichen Frauenhaus untergebracht, wo sie aber nur schliefen, da
jede Stunde des Tages ihre Krfte in Anspruch nahm. Vor der Erfindung
der Wassermhlen mute das Korn von den Mgden mit der Hand gemahlen,
der Mhlstein mit dem Leib gedreht werden. Mit mchtigen Holzscheiten
wurden die riesigen Kamine geheizt, aus dem Brunnen im Hof, oder aus der
Quelle im Thal wurden die Wassereimer heraufgeschleppt. Neben der
Reinigung von Stuben und Kchen, wurde auch der Stall und der Garten
allein von Frauen besorgt.[99] Die Bedienung der Herrin, die Wartung der
Kinder, das Kochen und Auftragen der Speisen und Getrnke gehrte
selbstverstndlich zu ihrem Dienst. Aber auch die Bedienung der Mnner
gehrte dazu. Die Mgde halfen dem Herrn wie jedem Gast beim An- und
Auskleiden, sie bereiteten ihm nicht nur das Bad, sie reichten ihm auch
die Linnentcher und trockneten ihm die Glieder.[100] Wnschte er es, so
muten sie ihm ohne Widerrede im Schlafgemach Gesellschaft leisten--eine
Sitte, die im spteren Mittelalter so ausartete, da es eine Forderung
der Gastfreundschaft war, eine Magd dem Gaste whrend seines Aufenthalts
zur freien Verfgung zu stellen.[101] So wurde die Einrichtung der
Frauenhuser frhzeitig ein Herd der Prostitution, ein Harem der Ritter
und Frsten,[102] und das berchtigte jus primae noctis, dessen
Vorhandensein so vielfach angezweifelt wird, war berall in Kraft, wenn
es auch vielleicht als geschriebenes Recht gar nicht bestanden hat.

Arbeits- oder Lustsklavin--das war das Los der armen und unfreien
Frauen. Mit der durch Fehden, Brgerzwiste und unaufhrliche Kriege
wachsenden Verelendung des Volkes, mit dem allgemeinen wirtschaftlichen
Niedergang wuchs die Sittenlosigkeit ins Ungemessene. Das jahrelange
familienlose Abenteurerleben der Kreuzfahrer, die den Luxus und die
Laster des Orients mit nach Hause brachten, trug auch nicht wenig dazu
bei. Den europischen Sldnerheeren folgten Scharen von Dirnen, deren
Zahl sich in jeder Ortschaft vermehrte, wo die mnnliche Bevlkerung von
den zgellosen Horden niedergemacht, die weibliche geschndet,
und--soweit sie jung war--mitgeschleppt wurde. In kostbaren Gewndern,
hoch zu Ro, oder in Wagen und Snften, zogen die Konkubinen der
geistlichen und weltlichen Herren mit zu den Reichstagen, den Konzilen
und ins Feld. So folgten dem Heere des Herzogs von Alba nach den
Niederlanden 400 Dirnen zu Pferde und 800 zu Fue nach.[103] An den
Hfen von Frankreich und England waren vornehme Herren als Marschlle
ber die Dirnen gesetzt. Im Felde fhrten besondere Amtmnner, die
Weibel genannt wurden, die Dirnen, wodurch dieser weibliche Tross eine
legale Existenzberechtigung erhielt. Wohl mochten die Mehrzahl
"fahrender Frulein" durch bittere Not und harte Gewalt hineingetrieben
worden sein; viele unter ihnen aber, das ist zweifellos, zogen den
Landsknechten nach, weil sie in heier Liebe und selbstloser Aufopferung
alles Elend und alle Gefahren mit dem Geliebten teilen wollten. So
unfltig und roh die Soldatenlieder jener Zeit uns auch in die Ohren
klingen mgen, wir werden uns dem gefhlswarmen Ton echter Hingebung
nicht verschlieen knnen, der den Grundakkord bildet, sobald der Snger
von seinem tapferen Liebchen erzhlt. Um so hher ist diese Tapferkeit
einzuschtzen, als alles fahrende Volk, die Frauen insbesondere,
vogelfrei, ehr- und rechtlos war. Sie konnten gefangen, beleidigt und
gettet werden--fr sie gab es keine Gerechtigkeit.

Auf die Ehe und das Familienleben wirkten die langen Abwesenheiten der
Hausherrn aus mehr als einem Grunde zerstrend: Nur zu hufig suchten
die verlassenen Frauen, wenn sie nicht ein einsames, freudloses Leben
fhren wollten, bei jungen Pagen oder schmachtenden Minnesngern Trost,
und die Mnner lernten vielfach jene Art Liebe kennen, die von steifer
Konvenienz und falscher Prderei nichts wei, die ganz Hingebung und
Aufopferung ist, und sie erfuhren, da das Weib nicht nur zwischen den
wohlbehteten friedlichen vier Pfhlen des eigenen Heims eine sorgsame
Hausfrau sein kann, sondern da sie als froher, bedrfnisloser
Zeltgeno, als guter Kamerad Seiten ihres Wesens enthllt, die er sonst
kennen zu lernen keine Gelegenheit hatte, und deren Wert unschtzbar
ist. Whrend die Kirche durch ihre bersinnliche Auffassung von der Ehe
erstickenden Mehltau auf die Blumen echter Liebe streute, wirkte die
Ausbreitung der mittelalterlichen freien Liebe wie glhender Sonnenbrand
auf eine nur an Schatten gewhnte Pflanze. Der Ursprung dieser
tiefernsten und viel zu gering geachteten psychologischen und sittlichen
Seite der Frauenfrage reicht bis hierher zurck. Da die fr unheilig
erklrte, aus der Ehe herausgetriebene Liebesleidenschaft immer roher
und zgelloser und statt der Kern der Lebensfreude, der Sporn zu allem
Schnen und Groen, der Ausgang furchtbarer Laster und Verirrungen
wurde, ist bei den wirtschaftlichen, rechtlichen und politischen
Zustnden des Mittelalters nicht zu verwundern.

Mit dem Aufblhen der Stdte, dem verhltnismigen Wohlstand und
ruhigen, gesicherten Leben ihrer Brger schienen im Schutze ihrer Mauern
die sittlichen Zustnde reinere zu werden. Aber die tiefgreifende
Umwandlung der Arbeit und ihrer Bedingungen, die an Stelle der hrigen
Arbeiterin nach und nach den freien Handwerker treten, die Arbeiten der
Hausfrau und ihrer Mgde durch die verschiedenartigsten Gewerbe
bernehmen lie, machte die Arbeitskraft zahlloser Frauen berflssig,
sie selbst brot- und obdachlos, und fhrte sie dem Laster in die Arme.
Die ehrsamen Brger, vor deren Augen die Prostitution sich mehr und mehr
breit machte, wuten diesem Uebelstand nicht anders zu begegnen, als
indem sie sogenannte Tchterhuser oder Jungfrauenhfe, die Nachfolger
der antiken Lupanare und Vorlufer der modernen Bordelle errichteten.
Sie verbargen dadurch nicht nur den rgerniserregenden Anblick der
Dirnen, sie schufen sich auch einen geordneten, gesetzlich
sanktionierten Zugang zu ihnen, und halfen mit ihrer Schande den
Stadtsckel fllen.[104] Der Magistrat verpachtete nmlich die Huser an
Wirte und Wirtinnen, die sich eidlich verpflichten muten, "der Stadt
treu und hold zu sein und Frauen zu werben".[105] Vornehme Gste wurden
vom Magistrat selbst in die offenen Huser gefhrt, oder von den
schnsten, festlich geschmckten oder ganz entkleideten Dirnen
empfangen. Jetzt erst wurde die Prostitution zum Gewerbe, das auch
uerlich durch genau vorgeschriebene Kleidung kenntlich gemacht wurde,
jetzt erst haftete auf der Stirn der Dirne, die als "fahrendes Frulein"
doch noch die Freiheit gehabt hatte, sich durch reine Liebe ber sich
selbst zu erheben, das unauslschliche Brandmal der Schande.

Sich auf ehrliche Weise durch das Leben zu schlagen, wurde dem
weiblichen Teil der stdtischen Bevlkerung zunchst auerordentlich
erschwert, denn das znftige Handwerk monopolisierte die Arbeit und
schlo die Frauen aus seinen Verbindungen berall aus. Trotzdem ergab es
sich von selbst, da der Handwerker Frau und Tchter, deren Arbeitskraft
nicht mehr, wie frher, vom Haushalt allein in Anspruch genommen wurde,
zur Hilfe bei der Arbeit heranzog und schlielich auch die Mgde daran
teilnehmen lie. Das Augsburger Stadtrecht des Jahres 1276 spricht schon
von Sohn oder Tochter, die das Handwerk lernen; das Zunftbuch der
Mainzer Schneider von 1362 gestattet dem Handwerker ausdrcklich, Frau,
Kinder und Magd zum Nhen zu verwenden, auch im Nrnberger Stadtrecht
ist von "Knaben oder Mgdelein" als Erlerner eines Handwerks oder einer
Kunst die Rede, und eine Londoner Proklamation des 14. Jahrhunderts ber
die Aufnahme der Lehrlinge wendet sich an beide Geschlechter. Die
Mitarbeit der Frauen wurde aber keineswegs als Erziehung zur
gleichberechtigten selbstndigen Ausbung des Handwerks betrachtet,
denn zunchst blieben ihnen trotz dieser Bestimmungen die Znfte noch
verschlossen. Da aber die Zahl derjenigen schnell zunahm, die sich ihre
Lehrzeit bei dem Vater oder dem Meister zu Nutze machten, das Handwerk
selbstndig betrieben und durch Unterbieten der blichen Preise eine
gefhrliche Konkurrenz zu werden drohten, entschlossen sich die
Handwerker auch den Frauen gegenber den Zunftzwang auszuben. So zwang
der Rat von Soest im Jahre 1317 die Nherinnen, der Zunft beizutreten.
Wenige Jahre spter verfgte der Straburger Rat infolge der Klagen der
Wollenweber ber die auerhalb der Zunft arbeitenden Frauen, da die
Weberinnen ihr beitreten mten, und auch die in groer Zahl fr sich
arbeitenden Schleier- und Leinenweberinnen hatten, der Zahl ihrer Sthle
entsprechend, einen Beitrag an die Zunft zu entrichten.[106]

Trotzdem die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen am znftigen
Handwerk somit anerkannt wurde, waren doch nur in den seltensten Fllen
die Bestimmungen fr beide Geschlechter die gleichen. Der Eintritt der
Frauen in die Handwerke, die an die Krperkrfte groe Anforderungen
stellten, war schon von vornherein ausgeschlossen, weil niemand ein
Meister in seinem Handwerk werden konnte, der es nicht in allen seinen
Teilen selbst mit der Hand zu arbeiten vermochte.[107] Aber auch in den
Znften, die zahlreiche weibliche Mitglieder hatten, wurden die Frauen
nur selten, z.B. hie und da in der Schneiderei, zur selbstndigen
Meisterschaft zugelassen; sie konnten sie meist nur durch Erbschaft
erwerben, sofern sie das Handwerk ihres Mannes bei dessen Lebzeiten
schon betrieben hatten. So heit es, in Anerkennung der Notwendigkeit
der Erhaltung verwaister Kinder durch die Witwe, in der Schneiderordnung
von Frankfurt a.M. aus dem Jahre 1585: Witwen sollen all das Recht
haben, das ihre Mnner hatten, damit sie sich mit ihren Kindern ernhren
knnen. Diese Bestimmung erfuhr jedoch meist eine groe Einschrnkung
dadurch, da die auf solche Weise zur Meisterschaft gelangten Frauen die
Lehrlinge ihres Mannes zwar behalten, aber keine neuen annehmen
durften,[108] soda sie nach wenigen Jahren schon aus Mangel an
Hilfskrften das Handwerk wieder aufzugeben gezwungen waren. Nur
ausnahmsweise entschlossen sich einige Znfte, angesichts der bedrngten
wirtschaftlichen Lage vieler Handwerkerwitwen, dazu, ihnen das Recht
zuzugestehen, ein neues Handwerk zu erlernen, um es, nach Erwerbung der
Meisterschaft, ihren Kindern zu vermachen--eine Bestimmung, die schon
deshalb keine folgenschwere sein konnte, weil eine arme, kinderreiche
Witwe gar nicht die Mglichkeit besa, eine lange Lehrzeit
durchzumachen.[109] Der einzige Ausweg, der ihr blieb, war fast immer
der, einen Gesellen zu heiraten, wozu sich die Gelegenheit um so
leichter bot, als er dadurch sofort Meister wurde.[110] Der weitere
Vorteil solcher Heirat war der, da, wenn beide Eheleute desselben
Handwerks Meister waren, sie eine doppelte Zahl von Lehrlingen halten
durften. Dieselbe Bestimmung galt, wenn ein Gesell eine Meisterstochter
heiratete, ja sie verschrfte sich oft noch in der Weise, da die
Gewinnung der Meisterschaft davon abhing.[111] Die Znfte suchten
dadurch dem Eindringen einer unerwnschten Menge von Konkurrenten
vorzubeugen, wie sie aus demselben Grunde die Zahl der Lehrlinge
beschrnkten, die Lehrjahre verlngerten, oder zu dem letzten
Gewaltmittel, der Schlieung des Handwerks, schritten. Ideelle Bedenken
kamen ihnen inmitten des materiellen Kampfes nicht in den Sinn. Da sie
den Egoismus frderten, der Habgier Thr und Thor ffneten, den
sittlichen Wert der Ehe untergruben, indem sie sie zum bloen Geschft
degradierten, und die Frau lediglich ein Mittel zum Zweck wurde, mgen
auch heute die Schwrmer fr die gute alte Zeit des romantischen
Mittelalters nicht einsehen. Wo trotzdem ein freiwilliger Liebesbund
zwischen Mitgliedern verschiedener Znfte vorkam, pflegte die Frau das
Handwerk, das sie als Mdchen gelernt hatte, weiter zu treiben; daraus
ergiebt sich, da schon vor vier-, fnfhundert Jahren die Not die Frauen
zwang, mitzuverdienen und fr die Masse des Volkes das Ideal der auf den
Erwerb nicht angewiesenen Hausfrau und Mutter unerreicht blieb.

Die meisten Frauen waren in der Textilindustrie und in den Weberznften
zu finden. In Schlesien bertraf schon im 14. Jahrhundert die Zahl der
Garnzieherinnen die der Garnzieher; in Bremen, Kln, Dortmund, Danzig,
Speier, Ulm und Mnchen waren die Woll-, Schleier- und Leinenweberinnen
zu Hause.[112] In den Baseler Steuerregistern von 1453 werden znftige
Teppichwirkerinnen angefhrt; aber auch als Krschner, Bcker,
Wappensticker, Grtler, Tuchscherer, Riemenschneider, Lohgerber,
Goldspinner und Goldschlger waren Frauen thtig.[113] Besonders in
Frankreich, fr das durch die von Etienne Boileau im Jahre 1254
gesammelten Handwerksstatuten eine genaue Uebersicht der Arbeitsgebiete
des weiblichen Geschlechts ermglicht ist, waren die Frauen in den
verschiedenartigsten Zweigen des Handwerks beschftigt. Bei den
Kristallschleifern, den Seidenspinnern, den Leinenhosenmachern, und den
Nadelmachern fanden sich weibliche Lehrlinge und Gesellen in groer
Zahl. In einigen Gewerben, wie bei den Webern und Fransenmachern,
konnten Frauen Meisterinnen werden und Lehrlinge anlernen, und whrend
im Anfang des Eintritts der Frauen in die Handwerke nur die
Meistertchter und allenfalls die im Hause dienenden Mgde als
Lehrdirnen zugelassen wurden, traten nach und nach immer mehr fremde
Frauen in die Lehre. Auch in den Bestimmungen der Wollen- und
Leinenweber in Mnchen und Speier wird der fremden Lehrmdchen besonders
Erwhnung gethan. Sie rekrutierten sich aus jener zunehmenden Menge
armer Mdchen, die aus dem durch die fortwhrenden inneren Fehden
verwsteten Lande in die Stdte getrieben wurden, wo sie hofften,
lohnendere Beschftigung und grere persnliche Sicherheit zu finden.
Infolge des groen Angebots weiblicher Arbeitskrfte sanken die
Gesellenlhne und diejenigen Handwerker, die Frauen beschftigten,
hatten im Wettbewerb vor den anderen einen Vorsprung.[114] Daher machte
der Ha der Gesellen gegen die weiblichen Kollegen sich sehr frh schon
geltend, ohne da sich dem immer zahlreicheren Eintritt weiblicher
Arbeiter ins Handwerk Einhalt gebieten lie. Kriege und Seuchen rafften
die Mnner hinweg; durch das Zlibat der katholischen Geistlichkeit
wurden viele Frauen selbst zum Zlibat und selbstndigen Erwerb ihres
Lebensunterhalts gezwungen. Auch die Bestimmung der meisten Znfte, da
der Gesell nicht heiraten, keinen "eigenen Rauch" haben durfte,[115] und
im Hause des Meisters leben mute, wo seine Arbeitskraft mehr
ausgebeutet, sein Lohn durch Lieferung schlechter Lebensmittel mehr
verkrzt werden konnte, vermehrte die Zahl alleinstehender Mdchen. Die
Maurer-, Zimmerer- und Tuchmachergesellen, die heiraten durften, weil
die Aussicht, Meister zu werden, wegen des groen bei diesen Handwerken
ntigen Kapitals nur gering war,[116] muten meist auch auf die
selbstndige Erwerbsarbeit ihrer Frauen rechnen, weil sie als sogenannte
Stckwerker nur ein sehr geringes Einkommen hatten. Sie, wie die
Gesellen anderer Handwerke, die trotz des Verbotes heirateten, und, aus
der Zunft ausgeschlossen, in kleinen Orten als "Strer" sich
niederlieen, durch schlechte Arbeit und niedrige Preise gegen die
Meister der Zunft konkurrierten,[117] bildeten das rasch zunehmende
Proletariat des Handwerks, das den Frauen auch nur Hunger und bermige
Arbeit zu bieten hatte. Es einzuschrnken, um die schdigende Konkurrenz
los zu werden, war das eifrige Bestreben der Znfte, die daher auch das
Heiratsverbot noch besonders verschrften, indem sie, wie aus der
Nrnberger Beutlergesellenordnung von 1530 hervorgeht, erklrten, da
kein Gesell in seinem Handwerk gefrdert oder untersttzt werden drfte,
der ein Weib hat.[118]

Alle diese Umstnde zusammengenommen fhrten dazu, da nicht nur die
Zahl der Frauen an und fr sich die der Mnner bei weitem bertraf,
sondern da auch die Zahl der alleinstehenden, auf selbstndigen Erwerb
angewiesenen Frauen eine stets wachsende war. Zwar fehlt es an einer
umfassenden Statistik darber, die Berechnungen aber, die einzelne
Stdte anstellten, lassen auf die allgemeinen Bevlkerungsverhltnisse
annhernd richtige Schlsse zu. Eine Zhlung der Bevlkerung Frankfurts
a.M. im Jahre 1385 ergab auf tausend mnnliche elfhundert weibliche
Personen; eine zu Nrnberg im Jahre 1449 auf tausend erwachsene Mnner
zwlfhundert und sieben Frauen; eine zu Basel im Jahre 1454 auf tausend
Mnner ber vierzehn Jahren zwlfhundert und sechsundvierzig
Frauen.[119] Die daraus entstehende Frauenfrage mute sich auch dem
Gedankenlosen aufdrngen, um so mehr als ein erschreckendes Anwachsen
der Prostitution die nchste Folge war. Durch die Einrichtung von
Znften, die bis auf ein oder zwei Zunftmeister das mnnliche Geschlecht
ausschlossen, suchten sich die Frauen selbst zu helfen. Die
franzsischen Seidenspinnerinnen und -Weberinnen, die Putzmacherinnen,
Stickerinnen und Geldtaschenarbeiterinnen des 13. und 14. Jahrhunderts
waren in solchen Znften vereinigt, an deren Spitze eine
Zunftmeisterin--preudefames--zu stehen pflegte. In Kln bestanden schon
im 13. Jahrhundert verschiedene groe weibliche Genossenschaften, wie
die der Spinnerinnen, Nherinnen und Stickerinnen,[120] und die
Garnmacherinnen und Goldspinnerinnen bildeten geschlossene weibliche
Handwerke, die Lehrlinge und Gesellen ausbildeten.[121] Aber dadurch
waren die vielen alleinstehenden Frauen noch nicht untergebracht. Die
Menge der Aermsten blieben vom Handwerk mit seiner langen Lehrzeit und
seiner beschrnkten Zahl von Gesellen ausgeschlossen. Um sie
unterzubringen, reichten die Klster nicht aus, die auch hufig die
Einzahlung eines kleinen Kapitals beim Eintritt der Novize forderten und
die Pforten zum Leben rcksichtslos hinter ihr verriegelten. Die
Zuflucht armer Frauen wurden daher von der Mitte des 13. Jahrhunderts an
die berall entstehenden Beginenanstalten. Es waren dies Vereine, die
der Wohlthtigkeit der Brger oder der stdtischen Initiative ihre
Entstehung verdankten. Sie nahmen in dazu bestimmten Husern oder
Straen Mdchen und Frauen auf, die zwar kein Ordensgelbde abzulegen
gentigt wurden, aber doch strengen Satzungen unterworfen waren, gleiche
Kleidung trugen, das Haus nur bei Tage verlassen durften, und ihren
Lebensunterhalt selbst erwerben muten. Es gab kaum eine grere Stadt,
die nicht mehrere Beginenkonvente hatte; Kln allein besa deren im 15.
Jahrhundert ber hundert mit je acht bis zehn Bewohnerinnen, in Basel
gab es zur selben Zeit etwa 1500, in Paris 2000 Beginen, ein Frankfurt
a.M. gehrten im 14. Jahrhundert 6% der erwachsenen weiblichen
Bevlkerung den Beginenvereinen an.[122]

Das Angebot an billiger weiblicher Arbeitskraft war daher
auerordentlich gro. Die Beginen spannen, webten, nhten und wuschen,
sie kamen in die Huser der Brger zur Aushilfe im Haushalt, sie
beschftigten sich mit jeder Art weiblicher Handarbeit und konnten, weil
sie umsonst wohnten, niemanden als sich selbst zu versorgen hatten und
ihre Bedrfnisse sehr bescheidene waren, mit dem geringsten Lohn
zufrieden sein. Auch auerhalb der Znfte, der Klster und der Vereine
wagten es alleinstehende Frauen einen Broterwerb zu suchen. In greren
Stdten gab es zuweilen weltliche Lohnschreiberinnen, die es zu einigem
Ansehen brachten, wie z.B. die Augsburger Brgerin Klara Htzler, die
infolge ihrer Gewandtheit sehr gesucht wurde. Hufiger werden weibliche
Aerzte erwhnt; in Frankfurt a.M. wird ihre Zahl am Ende des 14.
Jahrhunderts auf 15 angegeben und aus einem Edikt der franzsischen
Regierung vom Jahre 1311, wonach Aerzte und Aerztinnen sich einer
Prfung unterziehen muten,[123] geht hervor, da man auch dort an
diesem weiblichen Beruf keinen Ansto nahm. Jedenfalls war die Zahl der
Frauen, die sich ihm widmeten, zu gering, um den Konkurrenzneid ihrer
mnnlichen Kollegen zu erregen und sie wre neben der Masse der armen
Handarbeiterinnen nicht zu erwhnen, wenn nicht daraus zu ersehen wre,
wie frh die Frauen sich schon gezwungen sahen, auch in die hheren
Berufe einzudringen.

Die ersten, die den Kampf gegen die bengstigende Zunahme der
Frauenarbeit aufnahmen und energisch durchfhrten, waren die Znfte.
Nachdem sie zuerst die Konkurrenz der nicht organisierten Arbeiterinnen
dadurch zu unterdrcken gesucht hatten, da sie ihren Eintritt in die
Znfte erzwangen, wuchs ihnen jetzt die Konkurrenz innerhalb der Znfte
und die der ausschlielich weiblichen Znfte ber den Kopf; sie
vernderten daher ihre Taktik, indem sie die Frauen aus den Znften
wieder hinauszutreiben versuchten. Charakteristischerweise verhllten
sie ihren Konkurrenzneid zunchst mit einem sentimentalen Mntelchen:
die Teppichweber sagten, ihre Arbeit sei fr Frauen zu schwer, und
schlossen sie schon im 13. Jahrhundert aus ihren Znften aus; die
Tuchwalker und die Klner Tuchscherer und Hutmacher thaten
desgleichen,[124] indem sie feierlich erklrten, da ihr Handwerk dem
"Manne zugehrt". Bald bemhte man sich nicht mehr mit solchen
Erklrungen, denn der Kampf gegen die Frauenarbeit sprang auf Gebiete
ber, auf denen von keiner zu schweren oder nur dem Manne zukommenden
Arbeit die Rede sein konnte, sondern die vielmehr von alters her
hauptschlich den Frauen offen standen: der Textil- und
Bekleidungsindustrie. Im 16. Jahrhundert beschwerten sich vor allem die
Schneider in verschiedenen Mittelpunkten des Handwerks ber die Zunahme
ihrer Arbeitsgenossinnen, und sie setzten es nicht nur durch, da den
Frauen verboten wurde, andere als weibliche Kleidungsstcke
anzufertigen, sondern auch da die Zahl der weiblichen Gehilfen und
Lehrlinge auf je einen bei einem Meister beschrnkt wurde. Noch weiter
gingen die Wrttemberger Weber, indem sie die Anstellung weiblicher
Lehrlinge, selbst der Meisterstchter berhaupt untersagten, und die
Frber, die alle Frauen aus der Zunft ausschlossen.

Das treibende Element in diesen Kmpfen waren weniger die Meister der
Znfte, die durch die billige weibliche Arbeitskraft, durch die
Beschftigung ihrer Frauen und Tchter ihre Konkurrenten aus dem Felde
schlugen, als die zu immer grerer Macht gelangenden Gesellenverbnde.
Fr die Lohnarbeiter war die Lohnarbeiterin die Feindin, die besiegt
werden mute, um vorwrts zu kommen.

So hatte ein Grtlermeister in Straburg Mitte des 16. Jahrhunderts
seine beiden Stieftchter zum Handwerk erzogen und erregte dadurch den
Zorn des Gesellenverbandes seiner Zunft in dem Mae, da es zur
Arbeitseinstellung kam, die zwei Jahre whrte und mit der Niederlage des
Meisters und der Frauenarbeit endete.[125] Und wie hier das Kampfmittel
des Strikes, so wurde in einem anderen Fall das des Boykotts mit Erfolg
angewandt. Die Straburger Nestler beklagten sich nmlich bei den
Nrnbergern, da diese Mgde beschftigten und das Handwerk daher zu
Schaden kme, und drohten ihnen, alle in Nrnberg gelernten Nestler fr
untauglich und unredlich zu erklren, wenn sie diesen Uebelstand nicht
beseitigen wrden.[126]

Ein Beispiel, wie die Wandlung sittlicher Begriffe Hand in Hand geht mit
der Vernderung wirtschaftlicher Zustnde, bietet die Thatsache, da der
Frauenarbeit im Verlaufe des Kampfes gegen sie und nach ihrer
Unterdrckung der Stempel des Unehrlichen, sittlich Verwerflichen immer
deutlicher aufgeprgt wurde. Der Mann hielt es fr unter seiner Wrde,
neben einer Frau zu arbeiten. Die Schneider- und Grtlerordnung sowie
die Nrnberger Beutlergesellenordnung, verbieten es dem Gesellen
ausdrcklich.[127] Die Nrnberger Buchbindergesellen erklrten jeden fr
unehrlich, der mit einer Magd arbeitet, und was zuerst nur die
Gesellenverbnde und die Znfte beschlossen, wurde schlielich in die
Ratsschlsse und landesherrlichen Verfgungen aufgenommen. Sie verboten
nicht nur die Arbeit der Frauen in den Znften, sie hielten sie auch fr
schndend, indem sie die mit den Frauen arbeitenden Mnner als
unredliche bezeichneten.

Mit dem Ende des 17. Jahrhunderts waren die Frauen aus dem znftigen
Handwerk hinausgedrngt und das mnnliche Geschlecht wurde berall zur
Bedingung des Eintritts.[128] So schien der Feind besiegt, whrend
thatschlich die Sterbestunde der Znfte schlug, und er sich nur in den
Hintergrund zurckgezogen hatte, um von da aus des Handwerks goldenen
Boden weiter zu unterminieren.

Verbieten lie sich den Frauen die Arbeit nicht; die Not zwang sie dazu,
und es hie jetzt nur, neue Bedingungen fr sie zu suchen. Wie die
sogenannten Stckwerker, die, auerhalb der Znfte stehend, fr geringen
Lohn arbeiteten, wurden nunmehr die Frauen in steigendem Mae von den
Meistern und den "Verlegern", kaufmnnischen Auftraggebern, in ihrem
eigenen Hause beschftigt.[129] Da diese Beschftigungsweise an keine
Werkstatt, an keine znftigen Bestimmungen gebunden war, fr die Frauen
einen sehr gesuchten, wenn auch noch so kmmerlichen Erwerb bildete und
fr die Auftraggeber stets ein glnzendes Geschft bedeutete, so dehnte
sie sich rasch bis in die entferntesten Bauernhfe aus und ri die groe
Masse des weiblichen Geschlechts in ihren Frondienst. Es war nicht mehr
jene Heimarbeit wie zur Zeit der Hofverfassung, die fr den Bedarf der
Hofgenossenschaft allein produzierte, es war nicht mehr die Arbeit im
Rahmen des znftigen Handwerks, die doch einige Aussicht auf
Vorwrtskommen, auf Selbstndigkeit in sich schlo, es war vielmehr jene
Lohnarbeit, durch die eine immer wachsende Zahl der Bevlkerung in
dauernde Abhngigkeit vom Kapitalismus geriet und zum besitz- und
aussichtslosen Proletariat herabgedrckt wurde. Durch sie zerfiel das
Handwerk und verwandelte sich zum Teil selbst in die Hausindustrie,[130]
denn zahlreiche verarmte Handwerksmeister wurden Hausarbeiter im Solde
der Unternehmer und nicht nur die Frauen, auch die Kinder, die das
znftige Handwerk nicht beschftigt hatte, wurden zur Mitarbeit
herangezogen, um den kmmerlichen Verdienst ein wenig zu erhhen.

Inzwischen hatte sich in aller Stille eine Revolution vorbereitet, die
die gesamte Arbeit berhaupt, die Frauenarbeit insbesondere, von Grund
aus umgestalten sollte. Sie beschleunigte die Auflsung des znftigen
Handwerks, sie entfhrte die Frauen mehr und mehr dem huslichen Herd,
aus ihr heraus entwickelte sich die moderne Groindustrie, die Mann und
Weib schlielich gleichmig in ihre Dienste zwang.

Ihre ersten Spuren lassen sich bis in das Mittelalter zurckverfolgen,
wo die Kunst des Strickens zur Erfindung des Strumpfwirkerstuhls fhrte
und die Produktivitt auf diesem Gebiete sich enorm steigerte. Auch die
durch Barbara Uttmann erfundene Spitzenklppelei beschftigte in
Deutschland viele Hunderte von fleiigen Hnden, whrend die von Frau
Gilbert aus Italien in Frankreich eingefhrte Kunst venezianischer
Spitzenarbeit schnell zu einer blhenden Industrie sich entwickelte, in
der am Ende des vorigen Jahrhunderts gegen 100000 Arbeiterinnen thtig
waren.[131] Mit dem Aufkommen des Stickrahmens verbreitete die
Weistickerei sich rapid; durch die Band- und Schermhle, die
Schnellbleiche, die Tuchpresse, das Aufdrucken von Formen auf Zeug
fanden zahllose Frauen Beschftigung, denn eine mannigfaltigere und
reichere Kleidung wurde dadurch weiten Kreisen zugnglich und die
Bedrfnisse danach, die sich frher, bei der schwierigen und
langwierigen Art ihrer Herstellung, auf die groen Damen der Hfe, die
Patrizierinnen der Handelsstdte und die Courtisanen beschrnkten, ein
Gemeingut auch der Frauen des Brgerstandes.

Aber wie geringfgig erscheint der Einflu all der genannten technischen
Vervollkommnungen der Arbeitsmittel gegenber der geradezu umwlzenden,
die von England 1767 durch Hargreaves Erfindung der spinning jenny,
einer zunchst durch Wasserkraft getriebenen Maschine, ausging! Sie
wurde von Jahr zu Jahr vervollkommnet, bis sie 20, 100 und schlielich
bis zu 1000 Faden spann. Mit ihr begann der Siegeslauf der
Maschinenarbeit, der Niedergang der Handarbeit.[132] Noch vor Anwendung
der Dampfkraft, in der zweiten Hlfte des 18. Jahrhunderts, entstanden
in England und Schottland die ersten Spinnereien, und 1788 gab es dort
bereits 142 Fabriken, die nicht weniger als 59000 Frauen und 48000
Kinder beschftigten.[133] Groe Fortschritte hatte indessen auch die
mechanische Weberei zu verzeichnen. Die durch Vaucanson erfundene, durch
Cartwright verbesserte und praktisch nutzbar gemachte Webemaschine trat
neben den auerordentlich vervollkommneten Websthlen in Thtigkeit und
es waren auch hier Frauen, die in erster Linie zu ihrer Bedienung
herangezogen wurden. Zwischen 1762 und 1765 waren in Frankreich,
hauptschlich in Saint-Quentin, 60000 Weberinnen allein mit dem Weben
von Linon, Batist und Gaze beschftigt.[134]

Die Folgen einer solchen industriellen Entwicklung muten fr das
weibliche Geschlecht von schwerwiegender Bedeutung sein. Jede neue
Maschine, die die Arbeit von so und so vielen Handarbeiterinnen
verrichtete, machte viele brotlos oder erschwerte ihre hausindustrielle
Thtigkeit und drckte auf ihren Lohn. Sie entri aber auch den Frauen
ihnen bisher fast ausschlielich vorbehaltene Arbeitszweige, wie das
Spinnen und Weben, indem sie Mnner und Kinder zur Mitarbeit heranzog
und den Konkurrenzkampf heftiger denn je entbrennen lie. Und endlich
griff sie auflsend und zersetzend in den einst so fest umfriedeten
Kreis des Hauses ein. Durch das Leben der Frau klaffte von nun an ein
furchtbarer Ri: die bittere Not zwang sie in die Fabrik, wo sie der
Ausbeutung schutzlos preisgegeben war, die Mutterliebe und die von
alters her ehrwrdigen Hausfrauenpflichten fesselten sie an ihr Heim.

Allen diesen aus dem wirtschaftlichen Fortschritt hervorwachsenden, in
das Volksleben tief eingreifenden Fragen, stand die Gesellschaft ratlos
gegenber. Mit ungeschickten Hnden versuchte man einzelne Knoten zu
entwirren, um nur immer neue zu knpfen. Durch Unterdrckung der
gefhrlichen Konkurrenz der billigen weiblichen Arbeitskraft sollte der
Not ein Ende gemacht, das Familienleben wieder hergestellt werden. So
wurde den Spitzenarbeiterinnen in Toulouse mit der Begrndung, sie ihren
Frauenpflichten wiedergeben zu wollen, schon 1640 die Arbeit verboten;
in Sachsen verfgte ein Gesetz, da Bauerndirnen keinen anderen Beruf,
als den huslicher Dienstboten ergreifen durften; in der Oberlausitz wie
in Hannover wurden die "Eigenzimmerinnen", die sich nicht verdingen
wollten, mit schweren Steuern belastet.[135] Aus den Badestuben, dem
Schankgeschft und dem Kleinhandel wurden die Frauen vertrieben. Die
Menge der Spitzenklpplerinnen in Nrnberg veranlate den Kameralisten
J.L. Dorn strenge Polizeimaregeln gegen selbstndige Arbeiterinnen zu
verlangen. Doch den gewaltigen Strom der Entwicklung vermochten diese
Mauern und Wllchen nicht aufzuhalten, und die hingeworfenen Strohhalme
konnten die Menge der mit den Fluten Kmpfenden nicht retten. Den Frauen
des arbeitenden Volkes blieb nur die Wahl zwischen Ausbeutung, Hunger
und Schande.

Ihre Arbeitskraft war den Fesseln des Hauses entwunden; um ihre
wirtschaftliche Existenz muten sie nicht nur selbstndig kmpfen, sie
muten sie auch von Grund aus neu auferbauen. Sie schleppten dieselben
Lasten wie ihre mnnlichen Arbeitsgenossen, nur da sie noch
unterdrckter, noch rechtloser waren wie sie. Und wie alle am schwersten
Leidenden duldeten sie stumm.




4. Die Stellung der Frauen im Geistesleben.


Die wirtschaftliche Entwicklung wirkte in steigendem Mae auf die
Trennung der Menschheit in die Masse der Besitzlosen auf der einen und
die wenigen Besitzenden auf der anderen Seite. Der geistige Fortschritt,
die Ausbreitung allgemeinen Wissens und hherer Kultur wurden dadurch
bestimmt: harte Arbeit, unaufhrlicher Kampf ums tgliche Brot, raubten
dem Volk sowohl die notwendige Mue, als die geistige Frische und
Empfnglichkeit fr eine tiefere Bildung, die daher zu einem Privilegium
der besitzenden Klassen werden mute. Mehr noch als fr die Mnner gilt
diese scharfe Trennung fr die Frauen, denen bedeutend weniger
Hilfsmittel zu Gebote standen, um die widrigen ueren Lebensumstnde
berwinden zu knnen.

Auch in die Klster, die in der ersten Zeit ihres Bestehens
Zufluchtssttten aller Bildung waren, traten meist nur begterte und
vornehme Frauen ein. Wurden Arme aus Gnade und Barmherzigkeit
aufgenommen, so fanden sie als Mgde Verwendung und nahmen keinen Teil
an dem vielfach reichen geistigen Leben des Klosters. Wenn daher die
Geschichte der geistigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts verfolgt
werden soll, so darf nicht vergessen werden, da sie sich im allgemeinen
auf die Kreise der Besitzenden beschrnkt, wie die Geschichte der
Frauenarbeit fast ausschlielich nur von den besitzlosen Frauen sprechen
konnte.

Im frhen Mittelalter waren Geistliche und fahrende Spielleute die
Lehrer der vornehmen Frauen. Sie vermittelten ihnen einen Grad von
Bildung, der zwar an sich gering genug war, aber immerhin den der
Mnner im allgemeinen bertraf. Hie es doch, da Gelehrsamkeit den Mann
furchtsam und weibisch mache und daher mglichst zu vermeiden sei.[136]
Manche Burgfrau konnte nicht nur die Heiligenlegenden, sondern auch die
Bibel im Urtext lesen. Die traurigen, durch die unaufhrlichen inneren
Wirren verursachten Zustnde, verbunden mit dem Einflu der
protestantischen Kirche, die aller Frauenbildung durchaus abhold war,
hemmten im Norden Europas die Weiterentwicklung der geistigen Hebung des
weiblichen Geschlechts. Im Sden dagegen, vor allem in Italien, wo nicht
wie im deutschen Reich die unter dem Deckmantel religiser Kmpfe
gefhrten Kriege der Frsten untereinander allen Wohlstand untergraben,
die Gemter erhitzt und mit dem schlimmsten Fanatismus, dem religisen,
erfllt hatten, wurden die Thore der Wissenschaft den Frauen weiter
geffnet als je vorher.

Auf klassischem Boden war die antike Kunst und Wissenschaft zu neuem
Leben erwacht. Alle Umstnde wirkten zusammen, um diese Wiedergeburt zu
ermglichen. Die Kleriker, die die Sprache des Horaz und des Cicero
nicht untergehen lieen, die Kreuzfahrer, die nicht nur das Morgenland,
sondern auch das Land Homers und Platos wieder entdeckten, die fahrenden
Snger, die ihre Weisen nach denen heidnischer Dichter formten, sie alle
bahnten dem Zeitalter der Renaissance die Wege, und die blhenden
Handelsstdte mit ihrem freien Brgertum, die glnzenden Frstenhfe mit
ihren an Mitteln und Mue reichen Bewohnern bildeten den Nhrboden, aus
dem es seine Lebenskraft sog. Auch die Religion war kein Hindernis; der
Glanz der Kirche hatte die weltentsagenden Lehren des ursprnglichen
Christentums lngst vergessen machen.

Die Frauen nahmen, soweit sie den begterten Volksklassen angehrten,
ohne darum kmpfen zu mssen an den geistigen Schtzen teil, die in fast
unerschpflicher Flle gehoben wurden. Ihre Zeit und ihre Krfte wurden
nicht mehr durch die umfangreiche hauswirtschaftliche Thtigkeit
frherer Jahrhunderte in Anspruch genommen, da Handwerk und Industrie
die Herstellung einer groen Menge Gebrauchsgegenstnde bernommen
hatten und die grobe tgliche Arbeit ausschlielich den Mgden
berlassen blieb. So war es nur eine natrliche Folge der Befreiung des
begterten Teils des weiblichen Geschlechts von einfrmiger Arbeitslast,
da er an der Kunst, die ihn umgab, an der Wissenschaft, von der er
reden hrte, lebhafteres Interesse nahm und da einzelne, besonders
begabte Frauen gelehrte Berufe ergriffen, oder knstlerisch thtig
waren. In den Husern der Handelsherrn und den Palsten der Frsten
genossen die Kinder beiderlei Geschlechts von humanistisch gebildeten
Erziehern denselben Unterricht. Hervorragende Pdagogen widmeten ihre
ganze Kraft der Heranbildung ihrer Zglinge, soda z.B. eine Ccilia
Gonzaga unter Leitung Vittorinos de Feltre schon mit zehn Jahren die
klassischen Sprachen vollkommen beherrschte.[137] Aber nicht einseitige
Gelehrsamkeit war das Ziel der Erziehung, vielmehr war es die
harmonische Ausbildung der ganzen Persnlichkeit, die Individualisierung
des einzelnen Menschen.[138] Die groe Errungenschaft der Renaissance
fr das weibliche Geschlecht lag demnach nicht darin, da die
Universitten den Frauen geffnet wurden und der Ruhm einzelner
weiblicher Gelehrten die damalige Welt erfllte, sondern in der
Anerkennung der Frau als eines selbstndischen Menschen. Die hhere Form
des Umganges zwischen den Geschlechtern, von dem die italienischen
Novellisten[139] und Biographen erzhlen, ist allein schon ein Beweis
dafr. Der Inhalt der Geselligkeit bestand nicht mehr allein in den
Freuden der Tafel und der Liebe, das Weib war nicht mehr nur Schaffnerin
und Geliebte, sie nahm an wissenschaftlichen Unterhaltungen teil, vor
ihr trugen die Dante, Petrarca, Boccaccio ihre Dichtungen vor, und ihr
reifes Urteil wurde dem der Mnner gleich geachtet, ja hufig wog es
schwerer, als jenes.[140] Frauen, wie Katharina Cornaro in Venedig,
Isotta Malatesta in Rimini, Aemilia Pia in Urbino, Isabella von Este in
Mantua, Veronica Gambarra in Bologna waren der Mittelpunkt geistig
lebendiger Kreise, von deren Meinung der Ruhm so mancher Dichter und
Knstler abhing. Die grere Freiheit, welche die Frauen der Renaissance
genossen, die Selbstndigkeit, mit der sie ihren eigenen Ueberzeugungen
und Gefhlen folgten, hat religise und moralische Zeloten veranlat,
sie als ganz besonders sittenlose Geschpfe hinzustellen, und manche
fhren sie noch heute als Beispiele dafr an, da das Weib verderbe,
wenn es dem Manne sich gleich stellen wolle. Ein Vergleich jedoch
zwischen den im allgemeinen geistig tief stehenden Frauen Frankreichs
und Englands im 15. und 16. Jahrhundert mit den hochgebildeten Frauen
Italiens zur gleichen Zeit, mu durchaus zu Gunsten dieser entschieden
werden.[141] Sie waren keine stillen stumpfen Dulderinnen oder
hinterlistige Intrigantinnen, sie zerrissen daher hufig die Bande
entwrdigender Ehen und folgten der Stimme ihres Herzens, und diese
hhere Sittlichkeit schlo von selbst leichtfertige Sittenlosigkeit
gerade bei den bedeutendsten unter ihnen aus.

Wo aber die allgemeine Bildung der Frauen in einseitige Gelehrsamkeit
ausartete und wo Frauen als Knstlerinnen, Dichterinnen oder Rednerinnen
ffentlich auftraten, machte sich ein Charakterzug besonders bemerkbar:
ihre Wissenschaft wie ihre Kunst trugen ein vllig mnnliches Geprge,
und das hchste Lob, das ihnen gezollt wurde, war das, einen mnnlichen
Geist zu haben. Schon die Theologin Boulonnois, die im 13. Jahrhundert
in Bologna predigte und Professor wurde,[142] war wegen der "mnnlichen
Kraft" ihrer Rede berhmt. Novella d'Andrea, die holdselige Lehrerin des
kanonischen Rechts und Magdalena Buonsignori, die gepriesene Verfasserin
von "de legibus connubialibus"[143] waren Rechtsgelehrte von "mnnlichem
Scharfsinn". Isotta Nogarola, die vor Ppsten und Kaisern Vortrge
hielt, Cassandra Fedele, die in Padua dozierte, Ippolita Sforza, die auf
dem Kongre zu Mantua den Papst begrte, Isikratea Monti und Emilia
Brembati, deren Redekunst Hunderte von Zuhrern anzog--sie alle sahen
ihren hchsten Ehrgeiz darin, ihr Geschlecht vergessen zu machen. Und so
sehr war diese Auffassung gang und gbe, da sogar bedeutende Frauen
vor sich selbst das Gelbde der Keuschheit ablegten, weil sie zwischen
dem Dienst der Wissenschaft oder Kunst und dem physischen Leben des
mtterlichen Weibes keine harmonische Verbindung fanden. Zu ihnen
gehrte Vittoria Colonna, die gefeierte Dichterin, die unsterbliche
Freundin Michelangelos.[144] Auch sie vermochte, trotz der geistigen
Hhe, auf der sie stand, trotz der geistigen Kraft, die ihr eigen war,
die Kluft zwischen dem Weibe als Geschlechtswesen und dem Weibe als
Knstlerin und Gelehrte nicht zu berbrcken. Und an diesem Punkt muten
die Frauen der Renaissance scheitern, weil die Rolle, die sie als
ausbende, nicht nur als anregende und urteilende Krfte im geistigen
Leben spielten, nicht das Ergebnis einer aus der inneren Entwicklung des
gesamten weiblichen Geschlechts herauswachsenden Bewegung, sondern nur
eine spontane Befreiung einzelner Frauen aus geistiger Gebundenheit war.
Darum blieb diese Erscheinung auch ohne tiefgreifende Folgen; sie war
nicht einmal ein ausreichender Beweis fr die geistige Ebenbrtigkeit
der Frauen, weil sie zu ngstlich in die Fustapfen der Mnner traten,
statt zu zeigen, da sie auch ihren eigenen Weg zu gehen wissen.

Durch oberflchliche Beurteilung knnte aus den zahllosen Schriften
jener Zeit ber die Frauen, ihren Ruhm und ihre Fhigkeiten eine
tiefgehende Frauenbewegung gefolgert werden. Eine nhere Kenntnis jedoch
beweist, da viele Schriftsteller, der antikisierenden Mode folgend,
einen wahren Heroenkultus trieben und jeder ein Plutarch zu sein
glaubte, wenn er Biographien berhmter Mnner schrieb. Solche berhmter
Frauen konnten nicht ausbleiben, da sie berall mit im Vordergrund des
geistigen Lebens standen. Boccaccio ging zuerst mit dem Beispiel voran
und schilderte in seiner lateinisch geschriebenen Abhandlung: De casibus
virorum et feminarum illustrium eine Reihe hervorragender Frauen von den
Griechen an bis zu seiner Zeit. Wie wenig er dadurch zu einem Vorkmpfer
der Frauenfrage wurde, zeigt seine heftige Satire auf das weibliche
Geschlecht: Il Corbaccio. Zahlreich waren seine Nachahmer;[145] sie
suchten einander nicht durch Geist und Witz, sondern durch die Masse
der verherrlichten Frauen zu bertreffen, bis schlielich Peter Paul
Ribera durch sein Werk ber die unsterblichen Triumphe und heldenhaften
Abenteuer von 845 Frauen alle in den Schatten stellte. Es war nur ein
Schritt weiter auf dem einmal betretenen Wege, wenn mit groem Aufwand
von tnenden Worten nunmehr der hhere Wert des weiblichen Geschlechts
vor dem mnnlichen gepriesen[146] und die Frage zum Stoff
gesellschaftlicher Unterhaltung wurde, an dem Redekunst und geistreicher
Witz sich bten. Einen tieferen Eindruck hinterlie diese ganze
Litteratur auf die Dauer in Italien nicht, weil sie dem Bedrfnis zu
fern lag und nur fr jene wenigen Frauen von Interesse sein konnte, die
dank ihrer gnstigen ueren Verhltnisse sich mit gleichen geistigen
Waffen mit den Mnnern zu messen vermochten.

Ihre Zahl war, trotz der 845 berhmten Frauen Riberas, im Verhltnis zur
Allgemeinheit und zu der Zeitspanne, auf die sie sich verteilten, nur
gering. Auch Spanien, dessen Frauen sich damals mehr als andere ihres
mnnlichen Geistes wegen rhmten, brachte nur wenige wirklich
hervorragende weibliche Gelehrte hervor, unter denen die Theologin
Isabella von Cordoba[147] und die in vierzehn Sprachen gleich gewandte
Rednerin Juliana Morelli von Barcelona sich besonders auszeichneten.

Whrend in Italien und Spanien die Frauen, ohne darum kmpfen zu mssen,
gewissermaen selbstverstndlich an den geistigen Errungenschaften teil
nahmen--als Empfangende, wie als Gebende, war ihre Lage in Frankreich,
England und vor allem in Deutschland eine durchaus andere. Sie waren
gedrckt durch die wirtschaftliche Lage, und Wissenschaft und Kunst
gelangte nur durch zweite und dritte Hand zu ihnen. Darum entstand
zunchst nur in wenigen Frauen durch das Beispiel der Italienerinnen der
Wunsch nach geistiger Fortbildung, nach intellektueller
Gleichberechtigung. Und er trat--bezeichnend genug fr die Zustnde in
Mitteleuropa--hufig in Gemeinschaft mit dem Bedrfnis nach einem
Broterwerb auf. Die franzsische Schriftstellerin Christine de Pisan ist
ein klassisches Beispiel dafr.[148] Frh verwitwet, sah sie sich
gezwungen, ihre Kinder zu ernhren und gro zu ziehen. Da sie eine, fr
die Ansichten ihrer Zeit, des 15. Jahrhunderts, gute Erziehung genossen
hatte, bildete sie sich mit eiserner Energie weiter aus und ermglichte
es, von ihrer Schriftstellerei mit ihren Kindern leben zu knnen. Ihr
Roman von der Rose, ihre geistvolle Geschichte Karls V. machten ihr ber
die Grenzen ihres Vaterlandes hinaus einen Namen. Fr die Beurteilung
der Frauenfrage jener Zeit ist jedoch ihre Streitschrift "La cit des
dames" besonders interessant. Sie schilderte darin das Leben und Wirken
der italienischen Juristin Novella d'Andrea, um, daran anknpfend, fr
die wissenschaftliche Bildung der Frauen einzutreten, und erklrte zum
Schlu, da die Mnner nur aus dem Grunde dagegen seien, weil sie
frchteten, die Frauen knnten klger werden als sie. Christine de Pisan
geniet den Ruhm durch diese Arbeit die erste Schrift zur Frage der
Emanzipation der Frauen geschrieben zu haben; sie war, infolge ihres
eigenen Lebenskampfes, prdestiniert dazu. Nicht der Sden, der ber
seine Kinder einen solchen Ueberflu an Reichtum und Schnheit
ausschttete, da auch die Frauen nicht abseits stehen konnten, sondern
die Lnder Mittel- und Nordeuropas, wo der Kampf ums Dasein alle, auch
die Frauen erfate, waren der Nhrboden der Frauenfrage und der
Frauenbewegung. Diejenigen, die sich der Not und Unterdrckung ihres
Geschlechts zuerst bewut wurden und sie in Worte zu fassen wagten,
konnten natrlich nicht die Allermihandeltsten sein; sie muten auf
einer gewissen Hhe der Bildung und des Verstndnisses stehen. Denn die
tiefste Not macht stumpf; sie zerstrt alle Thatkraft; sie lt selbst
das Gefhl der Unzufriedenheit mit dem eigenen Elend nicht aufkommen.

Die erste Nachfolgerin Christinens in Frankreich war darum auch eine
Frau desselben Standes wie sie: Mademoiselle de Gournay, die
Adoptivtochter Montaignes. Sie proklamierte die Gleichberechtigung der
Geschlechter mit Ausnahme der Wehrpflicht. Einen direkten praktischen
Erfolg hatten diese Bemhungen selbstverstndlich nicht, aber sie
wirkten im Verein mit dem Einflu des Humanismus, dem Aufblhen von
Kunst und Litteratur und dem durch zunehmende Ausbeutung des Volks
wachsenden Wohlstand der oberen Klassen auf die Erhhung der
Frauenbildung. Was Geist und Wissen betrifft, ragte eine Knigin, die
beinahe zu einer sagenhaften Gestalt geworden ist, aus der Menge
gelehrter Frauen hervor: Margarete von Navarra, die Schwester Franz'
I.[149] Ihre Erzhlungen, ihre Gedichte, vor allem aber ihr
Briefwechsel, geben den Geist des 16. Jahrhunderts mit all seinem
Leichtsinn und seiner Grazie lebendig wieder, sie weisen aber auch
berall die Spuren der Nachahmung italienischer Vorbilder auf. Ihre
gleich kluge, aber, im Gegensatz zu ihr, sittenlose Namensschwester,
Margarete von Valois, die Gattin Heinrichs IV.[150], schrieb fnfzig
Jahre spter einen selbstndigeren Stil und verfate, voller Verachtung
fr die sie umgebende schwchliche und gemeine Mnnerwelt, trotzend auf
ihren energischen Geist, eine Schrift ber die Ueberlegenheit des
weiblichen Verstandes.

Bedeutende Leistungen auf wissenschaftlichem Gebiet haben die Frauen
Frankreichs jedoch nicht aufzuweisen. Eine einzige nur ragt aus der
Menge hervor: Anna, die Tochter des gelehrten Philologen Tanneguy
Lefbre und Gattin seines unbedeutenden Schlers Andr Dacier. Die
ersten franzsischen Uebersetzungen des Plautus und Aristophanes, des
Terenz und vor allem des Homer stammen von ihr, und ihre Streitschrift:
Trait des causes de la corruption du got, worin sie die Angriffe
Lamottes gegen die Ilias und die Odyssee energisch zurckwies, hat einen
dauernden Wert behalten. Da Anna Dacier so allein steht, ist leicht
begreiflich, denn die Gelehrsamkeit, die ein Mittel geistiger Befreiung,
vertieften und verfeinerten Lebens fr alle htte werden sollen, wurde
zur Modelaune der "guten Gesellschaft", die sich schlielich bis zu
lcherlichen Verzerrungen verstieg. Die Frauen fanden, wie in
Italien, die Harmonie zwischen ihrer weiblichen Natur und ihrer
wissenschaftlichen Bildung nicht. Auch sie entsagten vielfach der Liebe
und der Mutterschaft, um sich ungestrt ihren Studien zu widmen. So
brachten z.B. die Prcieuses des Hotel Rambouillet die gelehrten Frauen
in berechtigten Verruf, und wenn Molire in seinen Lustspielen
Prcieuses ridicules und Femmes savantes ihrer Unnatur tdliche Streiche
versetzte, so zeigte er sich damit nicht als Feind, sondern als Freund
des weiblichen Geschlechts.

Weit mehr als auf die geistige Entwicklung Frankreichs hatte die
Wiederbelebung des klassischen Altertums auf die Deutschlands
eingewirkt. Aber die Zeiten waren zu schwer, die Masse des Volks zu arm,
die Frauen zu tief befangen in dem engen Kreis ihrer huslichen Sorgen,
als da sie in nennenswerter Weise daran htten teilnehmen knnen. Erst
sehr allmhlich drang der Geist der neuen Zeit aus den Stuben der
Gelehrten und den Hrslen der Universitten auch zu ihnen. Whrend das
fnfzehnte und sechzehnte Jahrhundert die Bltezeit weiblicher
Gelehrsamkeit in Italien, in Spanien, zum Teil auch in Frankreich war,
setzte sie in Deutschland erst im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts
ein. Viel frher beschftigten sich jedoch die Humanisten mit der
theoretischen Errterung der Frauenfrage, wie sie die italienische
Renaissance dadurch aufgestellt hatte, da sie den Frauen die Pforten
zur klassischen Bildung nicht verschlo. Was dort ohne Kampf unter dem
unmittelbaren Eindruck der groen geistigen Errungenschaften geschah,
darber mute der grblerische Deutsche erst langatmige Theorieen
aufstellen, und der langsame, knstlich niedergehaltene Geist der
deutschen Frau konnte die fremde Nahrung nur in homopathischen Dosen
vertragen. Der erste Gelehrte, der als Vorkmpfer dieser Art Frauenfrage
gelten kann, war der merkwrdige platonisch-christliche Philosoph
Cornelius Agrippa von Nettesheim. Seine Schrift ber den Vorzug des
weiblichen Geschlechts,[151] die 1505 erschien, liest sich zum Teil wie
eine moderne Verteidigung des Rechts der Frauen auf Bildung. Er geielt
die Erziehung der Mdchen zur Faulheit und erklrt, da nur sie daran
schuld sei, wenn die Frauen ihre Fhigkeiten nicht entwickeln und den
Beweis ihrer der mnnlichen gleichwertigen Geisteskraft nicht liefern
knnten. Das mystisch-phantastische Beiwerk erdrckt freilich hufig den
klaren Gehalt seines Werkes. Von seinem Erscheinen ab nahm der
Federkrieg fr und wider die hhere Frauenbildung kein Ende. Die Gegner
verstiegen sich sogar bis zu der Behauptung, da die Weiber keine
Menschen seien und forderten dadurch die Freunde, wie Simon Gedicke,
Andreas Schoppius und Balthaser Wandel zur Verteidigung heftig
heraus.[152] Trotz aller theoretischen Auseinandersetzungen aber blieb
die weibliche Bildung auf die elementarsten Kenntnisse beschrnkt; eine
Charitas Pirkheimer, die im Hause ihres Bruders die Leuchten deutscher
Kunst und Wissenschaft versammelt fand, und, hnlich den Prinzessinnen
an den Hfen italienischer Mcene, zwischen ihnen lebte, gehrte zu den
sehr vereinzelten Ausnahmen.[153] Der Adel war verroht, das Brgertum
beschrnkt und nchtern, die Frstenhfe arm und klein. Erst mit dem 17.
Jahrhundert trat ein Wandel ein. Aber gerade jetzt, wo die Gelehrsamkeit
der Mnner etwas Mdes, Unproduktives, Epigonenhaftes an sich trug,
konnte auch das endlich zum Vorschein kommende Bedrfnis der Frauen nach
hherer Bildung nicht in lebenspendender Weise befriedigt werden. Wohl
lernten Frstinnen und Gelehrtentchter die klassischen Sprachen, wohl
wurden Wunderkinder, wie Anna Marie Kramer, angestaunt, die mit 12
Jahren alte Professoren in der Disputation besiegten, wohl brachten
einzelne Frauen[154] es zu einem solchen Grade von Gelehrsamkeit, da
ihre Arbeiten nicht gleich mit ihnen starben, wohl wurden Strme von
Tinte zu ihrem Lobe verschrieben,[155] aber keine einzige, wirklich
durchbildete, geistig reife, und dabei weibliche Persnlichkeit ist
unter ihnen zu finden. Die Gelehrsamkeit haftete nur an der Oberflche,
sie war nichts weiter als jener "Wissenskram" Fausts, den starke Naturen
abschtteln, wie bunte Lappen, um von innen heraus erst sie selbst zu
werden. Einen Versuch der Art hat vielleicht Elisabeth von der Pfalz,
die Tochter des unglcklichen Winterknigs gemacht, die durch groes
Elend zu tieferer Weltanschauung gelangte. Sie war zuerst eine eifrige
Schlerin von Descartes gewesen, mit dem sie in regem Briefwechsel
gestanden hatte, und warf schlielich all ihre gelehrten Bcher bei
seite, die ihr Gemt unbefriedigt lieen, und der Hunger nach einem
vollen Lebensinhalt durch alle eingelernte Weisheit nicht zu stillen
war. So wandte sie sich der mystischen Sekte der Labadisten und
schlielich den Qukern zu, weil auch sie die Einheit zwischen Leben und
Wissen nicht fand. Zu ihren Freunden gehrte jene weit ber ihr
Verdienst bewunderte Niederlnderin Anna Maria von Schurmann. Man pries
sie als das Wunder des Jahrhunderts, als zehnte Muse. Und doch litt auch
sie Schiffbruch im Glauben an sich selbst und ihre Weisheit und folgte
ebenfalls, eine schlichte Berin, dem neuen Propheten Jean Labadie.

Das Schicksal der gelehrten Knigin Christine von Schweden gestaltete
sich kaum anders; auch ihr Wissen wurde nicht Gehalt und Bereicherung
ihres Daseins, auch sie suchte schlielich durch ihren Uebertritt zum
Katholizismus in der Religion das was sie bisher nicht gefunden hatte:
Befriedigung fr ihr vernachlssigtes Gemt.

Die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer allgemeineren Bildung des
weiblichen Geschlechts, die nicht gelehrte, sondern denkende, fr die
Erziehung der eigenen Kinder fhige Frauen schaffen sollte, lie
allenthalben den Wunsch nach hheren Schulen fr Mdchen laut werden. In
England, wo die weibliche Schulbildung eine sehr mangelhafte war, trat
der Dissenter und treue Anhnger Wilhelms von Oranien, Daniel
Defoe,[156] fr die Grndung einer Frauenakademie ein, indem er
erklrte: Wenn Wissen und Verstand berflssige Zuthaten fr das
weibliche Geschlecht wren, so htte ihnen Gott nicht die Fhigkeiten
dazu verliehen,[157] und Mary Astell,[158] die mit Christine de Pisan
als Vorkmpferin der Frauenbewegung in eine Reihe gestellt werden kann,
unterwarf die Erziehung des weiblichen Geschlechts einer scharfen
Kritik. Sie schlug vor, Anstalten zu grnden, in denen nicht nur die
Mdchen in den Wissenschaften unterrichtet, sondern auch die
alleinstehenden, unzufriedenen, weil unthtigen Frauen zu ntzlicher
Arbeit im Dienste der Armen und Kranken angehalten werden sollten.[159]
Mit logischer Schrfe wandte sie sich gegen das Recht des Strkeren:
"Wenn durch Naturgesetz jeder Mann jeder Frau berlegen ist, so drfte
selbst die grte Knigin nicht regieren, sondern ihrem letzten Diener
gehorsam sein ... Wenn bloe Strke das Recht zu herrschen giebt, so
sind wir jedem Lasttrger Gehorsam schuldig ... Aber der krftigste ist
nicht immer der weiseste Mann ... Geist ist ein Geschenk, das Gott
unparteiisch unter die Geschlechter verteilte."

Aus dem Ton ihrer Sprache geht deutlich hervor, da keine zaghafte,
unselbstndige Frau ihn gebraucht hat. Denn trotz der mangelhaften
Bildung stand die Englnderin, was ihre Stellung in der Gesellschaft und
ihren Charakter betrifft, ber den Frauen des nrdlichen Kontinents. Die
freiheitliche politische Entwicklung, die schon damals aus jedem Mann
einen Staatsbrger mit den Rechten und Pflichten eines solchen gemacht
hatte, konnte auch an der Frau nicht spurlos vorbergehen. Und die
groen Herrscher ihres Geschlechtes muten die gesamte Meinung ber die
Frau gnstig beeinflussen; vor allem aber lebten Traditionen einer
Vergangenheit in ihnen fort, in der die Frauen der hheren Stnde
politische Rechte besessen hatten. Die Grogrundbesitzerinnen aus den
alten eingesessenen Familien und die freien Brgerinnen der Stdte
sandten ihre Vertreter ins Parlament. Staatliche Aemter, so das der
Friedensrichter, wurden hufig von Frauen bekleidet. Erst auf das
Betreiben des berhmten Juristen, Sir Edward Coke, der sich auf die
Vorschriften des Neuen Testaments berief und eine Frau nicht einmal als
Zeugin vernehmen wollte, wurde das weibliche Geschlecht Anfang des 18.
Jahrhunderts vom Wahlrecht ausdrcklich ausgeschlossen.[160] In Anna
Clifford verkrperte sich kurz vorher noch einmal die ganze stolze
Selbstndigkeit der englischen Staatsbrgerin. Jahrelang protestierte
sie gegen die Vergewaltigung ihrer Rechte; als sie unter Karl II. ihr
Wahlrecht ausbte, ihre Wahl jedoch beanstandet wurde und die Regierung
an Stelle ihres Kandidaten einen anderen aufstellte, erklrte sie ihr:
"Ein Usurpator hat mich vergewaltigt, ein Knig hat mich verachtet, aber
ein Unterthan wird mich nicht beherrschen. Ihr Mann wird Westmoreland
nicht vertreten."

Der Kampf um die mit Fen getretenen Grundrechte des englischen Volkes
und die Declaration of rights, sowie ihre gesetzliche Besttigung im
Jahre 1689 muten auch in das geistige Leben der Frau eingreifen, wenn
sie auch persnlich unbercksichtigt blieb. Steigerte doch die
Erweiterung und Befestigung der Rechte der Brger, die Einschrnkung der
Befugnisse der Krone die allgemeine Sicherheit und das Selbstbewutsein
jedes Einzelnen. Alle diese Ursachen wirkten zusammen, um die Anfnge
der Frauenfrage in England anders zu gestalten, als auf dem Kontinent.
Sie spitzte sich gleich zu einer rechtlichen und politischen Frage zu,
und der Kampf um die intellektuelle Gleichberechtigung trat mehr in den
Hintergrund. Daher werden wohl die Namen derer genannt, die wie Anna
Clifford, ihre politischen Rechte verteidigten, aber der Typus der
gelehrten Frau tritt nur ganz vereinzelt auf. Das Interesse fr die
Wissenschaften uerte sich weit mehr durch Grndung und Untersttzung
gelehrter Anstalten--nicht weniger als zwlf Colleges wurden vom 14. bis
zum 16. Jahrhundert von Frauen gegrndet[161]--als durch produktive
Geistesarbeit. Keiner dieser Frauen fiel es ein, eine Hochschule fr ihr
eigenes Geschlecht ins Leben zu rufen. Defoes Plan und Mary Astells
Vorschlag blieben somit unbeachtet.

In Deutschland fanden sie--soweit es sich eben nur um Plne
handelte--zahlreiche Nachahmer. Die moralischen Wochenschriften im
Anfang des 18. Jahrhunderts errterten das Thema nach allen Richtungen
hin. In Hamburg war man sogar nahe daran, eine Akademie zu grnden. Aber
es kam nicht dazu. Statt dem weiblichen Geschlecht eine fruchtbare
allgemeine Bildung zu vermitteln, vermehrte sich nur die Zahl
einseitiger "gelehrter Frauenzimmer". Gottsched, der lange Zeit der
litterarische Alleinherrscher war, sang ihnen unverdiente Loblieder,
whrend seine weit klgere Frau sich in ihren Briefen wiederholt ber
die Frauen lustig machte, deren sehnschtig erstrebtes Ziel der
Doktorhut war. Thatschlich erwarben ihn Frauen, die durch den Mangel
selbstndiger Leistungen deutlich genug zeigten, da mehr Eitelkeit und
Ehrgeiz, als Talent und Wissensdurst die Triebfedern ihres Strebens
waren. Zu den wenigen Ausnahmen gehrte Dorothea von Schlzer, die unter
anderem ein dem weiblichen Geschmack scheinbar so fernab liegendes
Thema, wie die russische Mnzgeschichte, behandelte. Die hervorragendste
aller gelehrten Frauen Deutschlands, die freilich weit in die moderne
Zeit hineinreicht, bedurfte zur Erhhung ihres Ruhmes der akademischen
Wrden nicht: es war Karoline Herschel,[162] die Entdeckerin von sechs
Kometen, die groe Gehilfin ihres groen Bruders.

Trotz des absprechenden Urteils, das im allgemeinen ber die weiblichen
Gelehrten des 17. und 18. Jahrhunderts zu fllen ist, drfen doch die
Dienste nicht vergessen werden, die sie der Frauenbewegung leisteten:
sie brachten durch eigenes energisches Heraustreten aus dem gewhnlichen
Rahmen des Frauenlebens die Frage der hheren weiblichen Bildung in Flu
und auf sie ist es mit zurckzufhren, da ihre Lsung die erste Aufgabe
der deutschen brgerlichen Frauenbewegung, ja die eigentliche Triebfeder
ihrer Entstehung wurde.

Um aber das Bild der Frau der oberen Stnde bis zur Schwelle des 19.
Jahrhunderts, also bis zu der Zeit, von der ab eine planmige
Frauenbewegung berall zum Durchbruch kam, zu vollenden, darf die
franzsische Beherrscherin der Salons des vorigen Jahrhunderts nicht
vergessen werden. In den zahllosen Memoiren jener Zeit spiegelt sich
das Bild ihres Wesens wieder: ihre Grazie und ihre Frivolitt, ihre
Gefhlsroheit und ihre Sentimentalitt, ihre tiefe Erniedrigung und ihr
Erwachen. Selbst durch die dicken Mauern der Klster, in denen die
jungen Mdchen erzogen wurden, schlpfte die Lascivitt: so schmiedete
eine der Maitressen Ludwigs XV. hier schon als Schlerin den Plan, durch
den sie den Knig einfangen wollte.[163] Glanz und Vergngen war Aller
Sehnsucht; eine Ehre war's, die Heldin eines Skandals zu sein und die
Kavaliere des Hofes konnten sich der Verfolgungen hoher Damen kaum
erwehren.[164] Die Ehe war ein zwischen den Eltern des Paares
abgemachtes Geschft. Es widersprach durchaus der Sitte, galt fr
altmodisch und lcherlich, wenn die Gatten einander Liebe zeigten. Die
Frau hatte ihre Liebhaber, der Mann seine Maitressen. Bei der
umstndlichen Morgentoilette empfing die Dame des Hauses ihre ersten
Besuche; abends in der kleinen, dicht verschlossenen Theaterloge, die
auch gegen den Zuschauerraum durch Vorhnge geschtzt werden konnte,
nachts auf den ppigen Maskenbllen hatte sie ihre rendez-vous. Wie die
Mode alle Natur unterdrckte, die Taille gewaltsam einzwngte, die
Hften durch Reifrcke ins Ungeheuerliche vergrerte, die Haare durch
Puder ihrer Farbe beraubte, das Gesicht durch Schminken und
Schnpflsterchen zur Maske machte, so waren auch alle natrlichen
Gefhle erstickt und verzerrt. Liebe, Kunst, Wissenschaft--alles stand
nur im Dienst der Genusucht. Die vielgerhmte geistreiche Konversation
des 18. Jahrhunderts war schillernd und oberflchlich, nur auf Triumphe
der Eitelkeit berechnet. Fr die Korruption des weiblichen Geschlechts
spricht jedoch eine Thatsache lauter als alles andere: die Verachtung
der Mutterschaft, das Verleugnen des Kindes. Kaum geboren, schickte die
Mutter es aufs Land zu einer Amme; es selbst zu nhren, verbot die
Rcksicht auf die Gestalt und die Forderung des geselligen Lebens.
Zurckgekehrt, wurde es einem Hofmeister, oder einer Gouvernante
bergeben, die so frh als mglich einen jungen Herrn oder eine junge
Dame aus ihm machten. Da es eine frhliche Kindheit fr diese armen
Geschpfe nicht gab, beweisen die steifen Toiletten--Miniaturausgaben
der Anzge Erwachsener--die geschminkten Kinderwangen und gepuderten
Lckchen. Das Kloster lste schlielich die Erziehung durch die
Gouvernante ab.[165] Und whrenddessen ging die Mutter dem Vergngen
nach, ohne selbst zu wissen, da sie in dieser Hetzjagd dasjenige
suchte, was ihr verlassenes Kind ihr htte bieten knnen: ein innerlich
reiches Leben.

Aber whrend auf der einen Seite ihr Gemtsleben abstarb und ber all
den schnen und klugen Frauen jener Zeit ein Schatten von Trauer ruht,
entwickelte sich auf der anderen Seite ihr Verstand, ihr kritisches
Urteil in einem bisher unbekannten Grade, und die Frau wurde die
Herrscherin nicht nur im Reiche der Geselligkeit, der Mode, der schnen
Knste, sondern auch im Reiche der Politik. Die Knige, die Minister und
Diplomaten wurden in ihren Entschlssen von ihr gelenkt, in ihren
Sympathieen und Antipathieen von ihr beeinflut.[166] In den Salons der
Grfin Boufflers, der Freundin des Prinzen Conti, der Du Barry, der
Estrades, der Herzogin von Gramont, der Prie und der Langeac liefen die
Fden der inneren und ueren Politik zusammen. Das Reich der Frauen
war, wie Montesquieu sagte, ein Staat im Staate: "Wer die Minister
handeln sieht und die Frauen nicht kennt, die sie beherrschen, ist wie
jemand, der eine Maschine arbeiten sieht, aber die Krfte nicht kennt,
durch die sie bewegt wird."[167] Diese Hintertreppenpolitik, welche die
Frauen treiben muten, weil sie ffentliche Rechte nicht besaen, wirkte
natrlich uerst nachteilig auf ihren Charakter; denn je schlauer und
intriganter sie waren, desto mehr erreichten sie. Andererseits wurde ihr
Interesse fr die Fragen des ffentlichen Lebens dadurch erweckt, und
whrend die groe Courtisane und begabte Diplomatin, Marquise de Tencin
zu Gunsten ihrer Liebhaber und ihrer korrumpierten Gesellschaft
politisierte und intriguierte,[168] traten die Frauen des Brgertums,
eine Necker, eine Roland, fr die Vorkmpfer der Revolution in die
Schranken der politischen Arena.

Auch die Revolution des Geistes, die von Diderot, d'Alembert, und ihren
Freunden, den Encyklopdisten, getragen wurde, fand Untersttzung durch
die Frauen. Aber diese Untersttzung darf nicht berschtzt werden. Nur
zu oft war es das Bedrfnis nach neuen Sensationen, das den modernen
Philosophen die Salons und die Herzen ffnete. Alle Gensse hatten diese
Frauen durchkostet; sie haschten nur begierig nach einem neuen Genu.
Daher ist die entschieden frauenfeindliche Richtung der Encyklopdisten
leicht zu erklren, ebenso wie der bei dem lebendigen geistigen Leben
zunchst berraschende Umstand, da keine Frau es zu groen
schpferischen Leistungen brachte. Whrend aber ein Voltaire die Frauen
verspottete, ein Montesquieu ihnen alle Gaben des Geistes absprach und
nur ihre krperlichen Reize gelten lie,[169] war es Rousseau, der die
Fehler und Schwchen des weiblichen Geschlechts erkannte, um mit feinem
psychologischen Verstndnis ihren Ursachen nachzuspren und sie von da
aus zu bekmpfen. Wenn er dabei ber das Ziel hinausscho und die
Frauen, die, losgerissen von jedem festeren Grund ihres Daseins, zu
seiner Zeit halt- und ziellos umherschweiften, nur im Haus und fr das
Haus erzogen wissen wollte, so wiegte diese eine Uebertreibung sehr
leicht gegenber den Diensten, die er den Frauen geleistet hat.
Unnachsichtig in seiner Kritik, erklrte er doch zugleich viele ihrer
Schwchen: eine Frau, die sechs Stunden am Tage zum Anziehen braucht,
meinte er, zeigt dadurch, da sie nichts Besseres zu thun hat, um ihre
Langeweile zu tten.[170] Der Kindheit und der Jugend wollte er die
harmlose, ungebundene Heiterkeit,[171] dem Weibe die reine Liebe
wiedergeben, denn nicht ihre Eltern haben den Gatten zu whlen, sondern
ihr eigenes Herz.[172] Er hielt ihr den Spiegel der Natur vor Augen,
damit sie ihre eigene innere und uere Unnatur beschmt erkennen
mchte. Er geielte rcksichtslos ihren Miggang, und wandte sich an
beide Geschlechter, wenn er ausrief: Wer in Unthtigkeit verzehrt, was
er nicht selbst verdient hat, ist ein Dieb.[173] Das erlsende Wort
jedoch fr die eingeschnrte Frauenseele war dies noch nicht; er fand es
in der kurzen Weisung: werde Mutter! Nhre dein Kind an deinem eigenen
Busen, hte es, erziehe es, und von selbst wird die Sittenlosigkeit
verschwinden, das Gefhlsleben zur Natur zurckkehren, werden die
Eheleute sich innig verbunden fhlen; denn sobald die Frauen wieder
anfangen, Mtter zu sein, werden die Mnner es lernen, wieder Gatten und
Vter zu werden.[174]

Mit diesem Hinweis auf die Verachtung der Mutterschaft hatte Rousseau
die verborgene Wunde der Frau des 18. Jahrhunderts aufgedeckt. Da er
aber kein Prophet im Sinne naiver Glubiger war, aus dessen Kopf vllig
neue Gedanken unvermittelt aufsteigen, wie Athene aus dem Haupte des
Zeus, sondern nur einer jener genialen Mnner, die das geheime Leid
ihrer Nebenmenschen, ihr wortloses Seufzen und Sehnen zuerst vernehmen
und aussprechen, so begrten zahllose ihn als ihren Erlser. Sagte er
doch nur, was sie selbst dumpf empfunden hatten, wies er ihnen doch nur
den Weg, den sie unsicher tappend, wie Blinde, selbst schon suchten.
Nirgendwo zeigt sich diese Wirkung deutlicher als in den wundervollen
Memoiren der Madame d'Epinay. Fr eine kommende Zeit und ein neues
Geschlecht mit jugendkrftigen Gliedern und warm pulsierendem
Herzensblut, schrieb Rousseau, derselbe Mann, der der Gegenwart das
Grablied sang, den feurigen Morgengru: Der Mensch ist frei geboren....
Strke gewhrt kein Recht.... Auf seine Freiheit verzichten, heit auf
seine Menschheit, seine Menschenrechte, ja selbst auf seine Pflichten
verzichten.... Der Grundvertrag der Gesellschaft mu an Stelle der
physischen Ungleichheit eine sittliche und gesetzliche Gleichheit
setzen.[175]

Wie er damit die Grundlinien einer Revolutionierung des bestehenden
Gesellschaftssystems zog, so bezeichnete er dadurch zu gleicher Zeit die
Leitstze fr eine Revolutionierung der Stellung der Frau. Da aber die
krftigste Saat unfruchtbar bleiben mu, wenn sie nicht auf fruchtbaren
Boden fllt, so wre auch keiner dieser Gedanken in die Kpfe und
Herzen des Volkes eingedrungen, wenn nicht die wirtschaftliche und
politische Entwicklung sie dafr empfnglich gemacht htte. Nicht die
wenigen Mnner, deren spekulativer Verstand ihnen die Erkenntnis der
Notwendigkeit tiefgreifender Wandlungen vermittelte, machten die
Revolution, sondern sie wuchs mit der Gewalt eines Naturgesetzes aus den
gesamten verrotteten Zustnden heraus; und nicht die wenigen Frauen, die
infolge persnlicher Begabung die ihrem Geschlecht gesteckten Grenzen
berschritten, oder infolge persnlicher Schicksale ihre unwrdige Lage
erkannten, machten die Frauenbewegung--zu der sittlichen mute die
materielle Not der Masse der Frauen kommen, die, herausgerissen aus Haus
und Familie, in harter Arbeit den Kampf ums Dasein kmpften, damit sie
entstehen konnte.




5. Die Frauen im Zeitalter der Revolution.


Nach schwchlichen, unzureichenden Versuchen friedlicher Reformen brach
die Revolution aus. Sie mute von Frankreich ausgehen, obwohl in allen
Kulturstaaten die gleichen Konflikte zu Tage traten, weil gerade hier
alle Umstnde zusammentrafen, aus denen allein sie in ihrer ganzen
welterschtternden Gewalt hervorwachsen konnte: die durch ein
jahrhundertelanges frivoles Lasterleben erzeugte Korruption der
herrschenden Klassen, die damit in engstem Zusammenhang stehende
Verelendung des arbeitenden Volks und--nicht zuletzt--die geistige
Revolutionierung der Bourgeoisie durch die Voltaire, Rousseau und die
Encyklopdisten. In der franzsischen Philosophie des 18. Jahrhunderts
finden sich alle jene Ideen, die in den Strmen der Revolution nach
Verwirklichung strebten.[176]

Wie diese Ideen gerade die Frauen erobert hatten, beweisen die Memoiren
und Briefwechsel jener Zeit. Mit neun Jahren las Manon Philipon den
Plutarch und begeisterte sich an den Gestalten antiker Helden, mit
vierzehn Jahren verlor sie, eine Klosterschlerin, durch die Schriften
Diderots und d'Alemberts ihren Glauben und wurde eine feurige Schlerin
Rousseaus;[177] hnlich entwickelte sich ihre reizende Rivalin in der
Herrschaft ber die Helden der Anfnge der Revolution, Sophie de
Grouchy, Marquise de Condorcet, deren erstes Andachtsbuch Mark Aurels
Meditationen war und die mit kaum zwanzig Jahren Voltaires und Rousseaus
Geist in sich aufnahm, um ihnen bis zum Ende treu zu bleiben.[178] Aber
auch andere Frauen, die in der Geschichte der Revolution eine Rolle zu
spielen nicht bestimmt waren, nhrten ihren Geist an denselben Quellen
und gaben ihren Kindern, denen sie sich, beeinflut durch Rousseau,
wieder zu widmen lernten, das Beste, was sie selbst besaen. Es ist kein
Zufall, da die Zeit der ersten Begeisterung fr "Emile" mit der Zeit
der Geburt und Kindheit der Helden der Revolution, der Robespierre,
Danton, Desmoulins und vieler anderer zusammenfllt, denn in den Hnden
ihrer Mtter lag der Contrat social, mit der Muttermilch sogen sie die
Ideale der Freiheit und Gleichheit ein.[179] Die Theorieen der Denker,
die Trume der Philosophen appellierten wie nie zuvor an das Gefhl und
machten daher die Frauen zu ihren glhendsten Vertreterinnen. In ihren
Salons versammelten sich die fhrenden Geister und achteten ihr Urteil
als ein dem der Mnner durchaus gleichwertiges, die ganze Geselligkeit
war erfllt von jenem elektrischen Fluidum, dem niemand sich entziehen
kann, der in seinen Strom gert, und das alle schlummernden Krfte des
Geistes zu reger Bethtigung auslst.[180] Whrend der eine Teil der
Frauen sich damit begngte fr Natur, Freiheit und Gleichheit zu
schwrmen, zog der andere die Konsequenzen der neuen Wahrheit und
griff--es sei hier nur an eine Roland, eine Stal erinnert--nicht nur
urteilend, sondern auch leitend in das Getriebe der inneren Politik
ein.[181] Bei der Beurteilung der Teilnahme der Frauen Frankreichs am
politischen Leben darf aber ein Umstand nicht auer acht gelassen
werden: der Einflu Amerikas. Wie er sich in der Erklrung der
Menschenrechte in der Nationalversammlung geltend machte, und der
freiheitliche Luftzug, der von den Unabhngigkeitskriegen ausging, manch
mittelalterlichen Trdel aus Europa austreiben half, so ist auch die
Frauenbewegung der Revolutionszeit in vielen ihrer Zge auf ihn
zurckzufhren.

Die Frauen Amerikas schrten von Anfang an den Widerstand ihres
Vaterlandes gegen die englische Herrschaft. Mercy Otis Warren, die
Schwester des feurigen Freiheitskmpfers James Otis, vereinigte in ihrem
Salon die Fhrer der Bewegung; als sogar Washington von der endgltigen
Trennung der Kolonieen vom Mutterlande noch nichts wissen wollte,
forderte sie die Unabhngigkeit Amerikas. Sie stand mit Jefferson in
lebhaftem Briefwechsel und die Unabhngigkeitserklrung zeigt deutlich
die Spuren ihres Geistes. Sie und ihre Freundin Abigail Smith Adams, die
Gattin des ersten Prsidenten der Vereinigten Staaten, waren aber auch
die ersten Vorkmpferinnen der Gleichberechtigung des weiblichen
Geschlechts. Als im Jahre 1776 der kontinentale Kongre die Verfassung
zu beraten hatte, schrieb Abigail Adams ihrem Gatten: "Wenn die knftige
Verfassung den Frauen keine grndliche Aufmerksamkeit schenkt, so sind
wir zur Rebellion entschlossen, und halten uns nicht fr verpflichtet
uns Gesetzen zu unterwerfen, die uns keine Stimme und keine Vertretung
unserer Interessen zusichern." Zu gleicher Zeit verlangte sie die
Zulassung des weiblichen Geschlechts zu den ffentlichen Schulen und
begrndete ihre Forderung, indem sie erklrte, da ein Staat, der
Helden, Staatsmnner und Philosophen hervorbringen wolle, zuerst
wahrhaft gebildete Mtter haben msse. Infolgedessen wurden die Schulen
den Frauen geffnet, whrend der Wunsch nach politischer
Gleichberechtigung fr die Gesamtheit der Vereinigten Staaten unerfllt
blieb. Nur New-Jersey und Virginia verliehen als erste Staaten der Welt
ihren weiblichen Brgern das Wahlrecht--eine gesetzgeberische That, die
weit ber die Grenzen Amerikas hinaus das grte Aufsehen erregte.[182]

Alle diese Thatsachen zusammengenommen fachten die Begeisterung fr die
Frauenbewegung in Frankreich zu hellen Flammen an. Da der Boden dafr
vorbereitet war, konnte sie nicht unfruchtbar bleiben. Der Wunsch nach
hherer Bildung, um durch sie wirkungsvoller in die Kmpfe der Zeit
eingreifen zu knnen, machte sich zunchst geltend. Die Konversation in
den Salons, die Privatlektre gengten nicht mehr und so wurde im Jahre
1786 unter Leitung von Montesquieu, Laharpe und Condorcet ein Lyceum
gegrndet, das bald der Sammelpunkt der hervorragendsten Frauen wurde,
denen sich ein kleiner Kreis von Mnnern,--im ganzen etwa 700
Personen,--anschlo. Die letzten der Encyklopdisten und ihre Nachfolger
lasen dort ber Mathematik, Chemie, Physik, Geschichte, Litteratur und
Philosophie; aber unter dem Gluthauch der Revolution wurden ihre
gelehrten Vorlesungen bald zu feurigen Agitationsreden. Laharpe erschien
in der phrygischen Mtze auf der Tribne,[183] und die Schler, zu denen
Madame Roland, Marquise Condorcet und Madame Tallien gehrten, wurden
aus Zuhrern handelnde Personen in dem Drama, das sich drauen
entwickelte.

Durch die Grndung des Lyceums war das Recht der Frauen auf Bildung
anerkannt worden; sobald die Nationalversammlung zusammentrat, forderten
die Frauen in Petitionen und Flugschriften die Anerkennung dieses
Rechtes auch vom Staat.[184] Die Konstitution von 1791 nahm zu diesen
Forderungen Stellung. Talleyrand, der der Nationalversammlung den
Bericht ber die Neuordnung des ffentlichen Unterrichts vorlegte,
widmete der Frage der Frauenerziehung und Bildung einen Abschnitt, der
von den brigen ruhigen theoretischen, ja oft trockenen Ausfhrungen
durch seinen agitatorischen Ton auffallend absticht.[185] Um die von ihm
gewnschte Einschrnkung der Frauenbildung auf das geringste Ma zu
begrnden, griff er bis auf die Frage zurck, ob Frauen als Staatsbrger
anzusehen seien. Er gab von vornherein zu, da es wie eine mit den
Idealen der Revolution in schroffstem Widerspruch stehende
Ungerechtigkeit erscheine, wenn eine Hlfte des Menschengeschlechts
auerhalb der Verfassung stehe, aber, so fgte er hinzu, ein anderer
wichtiger Umstand msse dabei in Betracht gezogen werden: der Zweck
aller staatlichen Einrichtungen mu das Glck der grten Anzahl sein;
wenn die Ausschlieung der Frauen von allen ffentlichen Rechten fr
beide Geschlechter ein Mittel ist, die Summe ihres Glcks zu erhhen, so
mu jeder Staat sie in seine Verfassung aufnehmen. Da nun die Erziehung
der mnnlichen Jugend das Ziel hat, Brger heranzubilden, die allen
Rechten und Pflichten dem Staate gegenber gewachsen sind, die Natur den
Frauen dagegen das Leben im stillen Kreise des Hauses inmitten ihrer
Kinder bestimmt hat, und jede Uebertretung der Naturgesetze eine Quelle
des Unglcks ist, so mssen die Erziehungsmethoden fr beide
Geschlechter durchaus verschieden sein. Im Anschlu an Talleyrands
Bericht beschlo die Nationalversammlung die Mdchen nur bis zum achten
Lebensjahr in ffentlichen Schulen zuzulassen und sie von da ab der
huslichen Erziehung durch die Eltern anzuvertrauen. Wo diese fehlt,
sollen an Stelle der frheren klsterlichen Erziehungsanstalten
weltliche treten, in denen die Mdchen in allen ihrem Geschlecht
angemessenen Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet werden. Der
Konvent von 1793 ging etwas weiter, indem er bestimmte, da alle Kinder,
ohne Unterschied des Geschlechts, vom 5. bis zum 12. Jahre in
sogenannten maisons d'galit gemeinsam erzogen werden sollten.[186]
Eine andere Spur eines Versuchs, die Erziehung des weiblichen
Geschlechts zu heben oder gar der mnnlichen gleichzustellen, findet
sich nicht. Die politischen und wirtschaftlichen Fragen standen viel zu
sehr im Vordergrund des allgemeinen Interesses, als da diese Forderung
der Frauen eingehende Bercksichtigung htte finden knnen. Sie wurde
auch von ihnen selbst ohne groen Nachdruck verfolgt; die Frauen der
Bourgeoisie saen sowieso schon als Gleichberechtigte an der
reichbesetzten Tafel geistiger Gensse, und die Frauen der arbeitenden
Klassen waren noch nicht imstande, geistigen Hunger zu spren, wo der
physische ihren Krper verzehrte.

Ihre Lage war von Jahr zu Jahr entsetzlicher geworden. Die Jahre 1789
bis 1799 waren fr die franzsische Industrie verderblich, nicht nur
weil die machtvolle Konkurrenz Englands sie frmlich erdrckte,
sondern,--und das sprten die arbeitenden Frauen besonders
empfindlich,--weil infolge der Emigration und der Stockung des groen
geselligen Hoflebens die Seiden-und Spitzenmanufaktur rapide
zurckging.[187] Dabei stiegen die Lebensmittelpreise und die Scharen
der hungernden Arbeitslosen wuchsen erschreckend an.

Zwanzig Jahre vor Ausbruch der Revolution zhlte man 50000 Bettler in
Frankreich; obwohl auf die Bettelei drei Jahre Galeerenstrafe stand,
wuchs die Zahl der Bettler in den nchsten zehn Jahren bis auf 1-1/2
Millionen;[188] in Lyon, dem Hauptsitz der Seidenindustrie, waren um
1787 30000 Arbeiter auf Almosen angewiesen, in Paris fanden sich auf
680000 Einwohner 116000 Bettler.[189] Vielfach wurden die Frauen unter
ihnen jahrelang in engen, schmutzigen Arbeitshusern interniert, wo die
grlichsten Krankheiten nie aufhrten, und man die Armen, als ob sie
nicht durch das eigene Unglck genug gegeielt wrden, mit
Peitschenhieben zchtigte.[190] Die grte Not aber herrschte in den
Pariser Proletariervierteln von St. Antoine und du Temple. Hier wuchs
mit dem Elend der Ha empor, und er richtete sich nicht nur gegen den
Absolutismus, die Feudalherrschaft und das Kirchenregiment, wie der Ha
der Bourgeoisie, sondern in erhhtem Mae gegen die Ausbeuter und
Kornwucherer, die den politisch Rechtlosen auch noch um das tgliche
Brot bestahlen oder es durch verdorbenes Mehl vergifteten, so
da Skorbut und Dysenterie besonders massenhaft die Kinder
hinwegrafften.[191] Hier war der Herd jener furchtbaren Seuche, der
Prostitution, die entsetzenerregende Dimensionen annahm. Schtzte doch
Pater Havel im Jahre 1784 die Zahl der Prostituierten in Paris auf
70000![192] Aber von hier entstammten auch jene Frauen, die, ohne von
den Menschenrechten und den philosophischen Redeturnieren etwas zu
verstehen, in den Gang der Revolution bestimmend eingreifen sollten,
weil die gewaltigsten Triebkrfte der Natur, Hunger und Liebe,--Liebe zu
den jammernden, schuldlosen Erben ihres Elends,--sie in den Kampf
jagten. Die Frauen der Bourgeoisie schienen vor 1789 gegenber den
Leiden und Forderungen der Frauen des arbeitenden Volks mit Blindheit
geschlagen; sie schwrmten fr Freiheit und Gleichheit, fr ein
friedliches Leben in der Natur, fr Brderlichkeit und allenfalls fr
Gleichberechtigung ihres Geschlechts in Bezug auf Bildung und politische
Rechte, aber sie waren, wie die gesamte Bourgeoisie jener Epoche, weit
entfernt davon, ber die Kluft, die sie vom Proletariat trennte,
hinwegzuschreiten oder auch nur hinberzusehen. Selbst die Memoiren der
bedeutendsten unter ihnen enthalten keine Schilderung, ja nicht einmal
einen Hinweis auf das Elend ihrer rmsten Geschlechtsgenossinnen. So
merkwrdig nun auch dieser Umstand erscheint, so wenig kann daraus auf
bewute Herzlosigkeit geschlossen werden. Wie es noch heute selbst
vortrefflichen Menschen schwer fllt, den Kreis ihrer Gefhle so ber
die eigene Klasse auszudehnen, da keinerlei Regung des Klassenegoismus
mehr bei ihnen aufkommen kann, so war es vor hundertzehn Jahren, wo die
inneren und ueren Schranken zwischen den Stnden weit grere waren,
noch viel schwerer. Das Proletariat mute seine Sache selbst fhren,
wenn es berhaupt beachtet werden wollte; erst das Heer schuf die
Heerfhrer, nicht umgekehrt. Erst als die Schlsser des Adels in Flammen
aufgingen und die Bastille, die Zwingburg des Absolutismus, unter dem
wtenden Ansturm des Volkes zusammenbrach, entschlossen sich die
Deputierten der Nationalversammlung zur Aufhebung des Frondienstes und
der Feudallasten und wiesen, halb entsetzt, halb erfllt von dem Wunsch,
Abhilfe zu schaffen, auf die verdeten Werksttten und die Massen der
Arbeitslosen hin.[193] Und die Frauen, die, soweit sie Mtter waren, vom
Unglck doppelt getroffen wurden, fanden nicht eher Beachtung, als bis
sie endlich aus ihrem stumpfen Dulderdasein zu selbstndigem Handeln
erwachten.

Von den zwei Arbeiterdeputationen, die, Hilfe heischend, vor der
Nationalversammlung erschienen, bestand eine aus Frauen und war von
Frauen entsandt. Ihr Auftreten war so naiv und ungeschickt wie mglich.
Sie kamen wie die Kinder zum Vater: sie klagten ihre Not, sie baten um
Hilfe, aber sie wuten selbst nicht, wie man ihnen helfen sollte;[194]
da sie kamen, war schon Wagnis genug, wie htten sie sich auch noch zur
Aussprache bestimmter Forderungen entschlieen knnen? Ihre That, so
ergebnislos sie an sich zu sein schien, wurde von weittragender
Bedeutung: die Frauen fhlten den Mut, zu sagen, was sie qulte; die
durch die wirtschaftliche Entwicklung der voraufgehenden Jahrhunderte
immer klarer in Erscheinung tretende soziale Seite der Frauenfrage
gelangte zu klarem Bewutsein. Zahlreiche, meist anonym erscheinende
Broschren beschftigten sich mit der Frauenarbeit und ihrer Regelung;
die ganze Not des armen alleinstehenden Mdchens, das von der
ehrlichen Arbeit ihrer Hnde nicht leben kann und der Schande
gewaltsam in die Arme gestoen wird, klang aus der "Motion de la
pauvre Javotte"[195] erschtternd heraus; als eine notwendige Folge der
wirtschaftlichen Zustnde wurde in anderen Schriften,--ein bis dahin
unerhrter Schlu!--die Prostitution betrachtet und Mittel, sie
einzuschrnken, gesucht. Auf die Zurckdrngung der Frauen von guten
Erwerbsmglichkeiten wurde die Korruption der nur aus geschftlichen
Grnden geschlossenen Ehen zurckgefhrt, und die Forderung, dem
weiblichen Geschlecht die Wege zu ehrlicher, den Lebensunterhalt
ermglichender Arbeit zu erffnen, wurde immer lauter und bestimmter. In
einer Petition der Frauen an den Knig fand sie ihre klarste Fassung.
Die Mnner, so heit es darin, sollen die den Frauen zukommenden
Gewerbe, Schneiderei, Stickerei, Putzmacherei etc., nicht ausben
drfen, dafr wrden die Frauen sich verpflichten, weder den Kompa noch
das Winkelma zu fhren; "wir wollen Beschftigung haben, nicht um die
Autoritt der Mnner an uns zu reien, sondern um unser Leben zu
fristen."[196] Ein Resultat hatten ihre Wnsche natrlich nicht, aber
die einmal aufgeworfene Frage der Frauenarbeit konnte nicht mehr
berhrt und vergessen werden. Sie beeinflute die Diskussion ber die
Lage der Znfte, die bekanntlich das weibliche Geschlecht nach und nach
ganz aus ihren Verbnden herausgedrngt hatten, und deren Auflsung im
Jahre 1791 daher von seiten der Frauen jubelnd begrt wurde. Sie
bedeutete fr sie, gleichgltig welches die weiteren Folgen waren, die
Anerkennung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf dem
Gebiete manueller Arbeit.

Das ffentliche Auftreten der Frauen des arbeitenden Volks beschrnkte
sich jedoch nicht auf Petitionen und Pamphlete, und es ist bekannt, wie
die Gegner der Revolution sich darin gefallen, ihr Eingreifen in die
Kmpfe des Tages in den grausigsten Farben zu schildern, indem sie
Schillers Ausspruch von den Weibern, die zu Hynen werden, zu
illustrieren suchen. Gewi ist, da der Sturm entfesselter
Leidenschaften nirgends verderbenbringender auftritt, als dort, wo er
mit allen Mitteln der Gewalt unterdrckt worden war, und da es unter
den Frauen wie unter den Mnnern Abenteuerer und Verbrecher gab, wie sie
in erregten Zeiten berall aufzutauchen pflegen. Die Heldinnen der
Revolution sind aber von diesen wohl zu unterscheiden. Der 9. Oktober
1789 war der Tag ihres Triumphes. Die Hungersnot in Paris, die Gerchte
der skandalsen Vorgnge in Versailles hatten die Aufregung des Pariser
Volks aufs uerste gesteigert, aber nicht die Mnner, sondern die
Frauen, die Arbeiterinnen der Vorstdte, die Hndlerinnen der Hallen
waren es, die sich zur That entschlossen. Nachdem sie zuerst das Rathaus
gestrmt und vergebens Brot gefordert hatten, zogen sie, 8000 an der
Zahl, nach Versailles.[197]

Diese revolutionre Aktion vom 6. Oktober, die unvorbereitet aus dem
natrlichen Gefhl des Volks herauswuchs, gehrt den Frauen, wie die des
14. Juli den Mnnern gehrt hatte. Die Mnner eroberten die Bastille,
die Frauen den Knig und damit das Knigtum.[198] Denn obwohl es
zunchst den Anschein hatte, als wre die Revolution beendet, fing sie
in Wahrheit erst an. Die Frauen des Volks aber hatten sich aus eigener
Kraft ihren Platz im ffentlichen Leben erkmpft; mochten sie auch der
Rechte der Staatsbrger noch lange verlustig gehen, ihre Stimme konnte
nicht mehr berhrt, ihre Lage nicht mehr bersehen werden. Dabei war
ihr eigenes Interesse an den Fragen der inneren und ueren Politik
geweckt worden, sie hatten einsehen gelernt, wie tief diese Fragen auch
in ihr Leben und das ihrer Kinder eingreifen, und wurden auf Grund
dieser Erkenntnis zu treibenden Krften der revolutionren
Propaganda.[199] Sie traten nicht nur in die politischen Klubs der
Mnner ein und beteiligten sich an den Debatten, sie grndeten nunmehr
auch in fast allen groen Stdten Frauenvereine, deren Mitgliedschaft
eine sehr bedeutende war. Der Verein Amies de la Constitution zhlte
allein in Bordeaux 2000 Mitglieder,[200] und der Verein der Femmes
rpublicaines et rvolutionnaires brachte es in Paris bis zu 6000. Dem
der Patriotes des deux sexes dfenseurs de la Constitution, der unter
dem Saale des Jakobinerklubs zu tagen pflegte, gehrt auch Madame
Roland, die einflureichste Politikerin der Revolution als Mitglied an.
Sie war die Seele der Gironde; ihrem Ruf und Einflu verdankte ihr Gatte
seine Bedeutung und seine Wiederberufung ins Ministerium; die
franzsischen Archive enthalten zahlreiche diplomatische Akte, die von
ihrer Hand geschrieben sind. Sie bertraf an Kenntnissen, an Reinheit
der Gesinnung, an moralischem Mut die meisten ihrer Zeitgenossen; nur
sie war im stnde jenen Brief an den Knig zu schreiben, der die
Ereignisse des 21. Juni und 10. August vorbereitete. So sehr demnach
ihre Person den Beweis fr die Berechtigung der Forderungen der
Frauenbewegung lieferte, so wenig bte sie irgend welche direkten
Einflu auf ihren Fortschritt und ihre Organisierung.

Eine der eigentmlichsten Persnlichkeiten, welche die an Originalen so
reiche Revolutionsperiode hervorbrachte, sollte die erste Organisatorin
und Agitatorin der Frauenbewegung werden: Olympe de Gouges. Ihr
eigentlicher Name war Marie Gouze, ihre Eltern einfache Brger von
Montauban, doch scheint es nicht ausgeschlossen, da sie einem
Verhltnis ihrer Mutter Olympe,--nach der sie sich spter nannte,--mit
dem Dichter Le Franc de Pompignan ihr Dasein verdankte.[201] Noch sehr
jung heiratet das blhend schne Mdchen, deren bourbonische Zge zu
dem Gercht Anla gaben, da Ludwig XV. ihr Vater gewesen sei, aber
schon nach wenigen Jahren warf sie die Fesseln ihrer tief unglcklichen
Ehe von sich. Olympe begab sich nach Paris, wo sie trotz ihrer sehr
mangelhaften Bildung infolge ihres sprhenden Geistes und ihrer
Schnheit der Mittelpunkt frhlicher Geselligkeit wurde. Da das
unerfahrene Geschpf dabei ihr Herz vor strmischen Leidenschaften nicht
behten konnte, darf nicht Wunder nehmen. Sie lernte die Abgrnde und
die Hhen des Lebens nach jeder Richtung kennen, ehe sie dazu gelangte,
die Vorkmpferin ihres Geschlechts zu werden. Ihre reiche Phantasie
suchte sich zunchst einen Ausweg in litterarischer Produktion fr das
Theater, natrlich, trotz geistreicher Aperus, bei ihrer geringen
Bildung mit wenig Erfolg.[202] Bald jedoch wandte sie unter dem Eindruck
der fortschreitenden Revolution dieser Thtigkeit und ihrem ganzen
bisherigen Leben den Rcken. "Ich brenne darauf," schrieb sie, "mich der
Arbeit fr das ffentliche Wohl rckhaltlos in die Arme zu werfen." Sie
that es mit der ganzen Energie ihres Charakters. Ihre Genialitt
berwand spielend alle Schwierigkeiten, die ihr entgegenstanden. Das
Elend des Volks und ihres Geschlechts war es, was ihr ungewhnliche
Krfte verlieh. Sie berraschte nach dem Urteil der Zeitgenossen immer
wieder durch den Reichtum ihrer Ideen und die Macht ihrer Sprache.
Selbst die Nationalversammlung hrte staunend dieser glnzenden Rednerin
zu und folgte vielfach ihren praktischen Anregungen. Aus allem aber, was
sie schrieb und sagte, sprach die weibliche Natur in ihren schnsten
Zgen. Angesichts der Hungersnot veranlate sie durch einen ffentlichen
Aufruf und durch ihr Beispiel, da zahlreiche Frauen in wetteiferndem
Opfermut ihren Schmuck dem Staate schenkten. Ergreifend schilderte sie
das Elend im Armenhaus von St. Denis und beschftigte sich mit der
brennenden Frage der Zunahme der Bettelei. Zuerst verlangte sie
Einrichtung ffentlicher Untersttzungskassen zu seiner Bekmpfung, dann
aber, als ihr das Erniedrigende des Almosenempfanges zum Bewutsein kam,
agitierte sie in Wort und Schrift fr die Errichtung staatlicher
Musterwerksttten fr Arbeitslose, ein Gedanke, der teilweise zur
Verwirklichung kam.

Alle diese Bestrebungen aber waren gegenber ihrer Thtigkeit zu gunsten
ihres eigenen Geschlechts nur von ephemerer Bedeutung. Auf dem Gebiete
der Frauenbewegung war ihr Auftreten epochemachend. Schon in ihrer
Adresse an die Frauen hatte sie ausgerufen: "Ist es nicht Zeit, da auch
unter uns Frauen eine Revolution beginnt? Sollen wir immer vereinzelt
sein? Werden wir nie an der Gestaltung der Gesellschaft thtigen Anteil
nehmen?" Als aber die Erklrung der Menschenrechte erschien und alles
begeisterte, verffentlichte sie ein Manifest, die Erklrung der Rechte
der Frauen, das in kurzen krftigen Zgen das Programm der
Frauenbewegung enthlt. Nach einigen einleitenden Worten, in denen sie
nachweist, da das Verkennen, Vergessen oder Verachten der Rechte der
Frauen die Ursache nationalen Unglcks und sittlicher Korruption wre,
fhrt sie fort:

"Die Frau ist frei geboren und von Rechtswegen dem Manne gleich. Das
Ziel jeder gesetzgebenden Gemeinschaft ist der Schutz der
unveruerlichen Rechte beider Geschlechter: der Freiheit, des
Fortschritts, der Sicherheit und des Widerstands gegen die
Unterdrckung.... Die Ausbung der Rechte, die der Frau von Natur
gebhren, ist aber bisher in engen Schranken gehalten worden. Aus der
Gemeinschaft von Mnnern und Frauen besteht die Nation, auf der der
Staat beruht; die Gesetzgebung mu der Ausdruck des Willens dieser
Allgemeinheit sein. Alle Brgerinnen mssen ebenso wie alle Brger
persnlich oder durch ihre gewhlten Vertreter an ihrer Gestaltung
teilnehmen. Sie mu fr alle die gleiche sein. Daher mssen alle
Brgerinnen und alle Brger, entsprechend ihren Fhigkeiten, zu allen
ffentlichen Stellungen, Auszeichnungen und Berufen gleichmig
zugelassen werden; nur die Verschiedenheit ihrer Tugenden und Talente
drfen den Mastab fr ihre Wahl abgeben. Die Frau hat das Recht, das
Schaffot zu besteigen, die Tribne zu besteigen, sollte sie dasselbe
Recht besitzen. Die Rechte der Frau aber sollen der Wohlfahrt aller, und
nicht dem Vorteil des Geschlechts allein dienen.

"Die Frau trgt ebenso wie der Mann zum Vermgen des Staates bei, sie
hat dasselbe Recht wie er, ber dessen Verwaltung Rechenschaft zu
fordern. Eine Verfassung ist ungltig, wenn nicht die Mehrheit aller
Individuen, aus denen die Nation besteht, an ihrer Gestaltung
mitgearbeitet hat.... Erwacht, ihr Frauen!... die Fackel der Wahrheit
hat die Wolken der Thorheit und der Tyrannei zerstreut; wann werdet ihr
sehend werden? Vereint euch; setzt der Kraft der rohen Gewalt die Kraft
der Vernunft und Gerechtigkeit entgegen. Und bald werdet ihr sehen, wie
die Mnner nicht mehr als schmachtende Anbeter zu euren Fen liegen,
sondern, stolz darauf, die ewigen Rechte der Menschheit mit euch zu
teilen, Hand in Hand mit euch gehen."[203]

Ihre Erklrung blieb nicht ohne Folgen. Zahlreiche Broschren fr und
gegen die Forderungen der Frauen erschienen. Aus der unbedeutenden
Modenzeitung Journal des femmes entstand die erste Zeitschrift fr die
Frauenbewegung: l'Observateur fminin. Die Nationalversammlung wurde mit
Petitionen bestrmt, die politische und soziale Gleichstellung
verlangten. "Ihr habt eben die Privilegien abgeschafft, beseitigt auch
die des mnnlichen Geschlechts," hie es in der einen; "das Volk wird in
den Besitz seiner Rechte eingesetzt, die Neger werden befreit, warum
befreit man nicht auch die Frauen?" in der anderen.[204] Olympe de
Gouges hielt in richtiger Erkenntnis den Augenblick fr gekommen, die
vereinzelten Kmpferinnen fr Frauenrechte zu vereinigen, um ihrem
Vorgehen greren Nachdruck zu verleihen. Sie grndete die ersten
politischen Frauenvereine, deren Leiterin und glnzendste Agitatorin sie
wurde. Leider sollte ihrer Wirksamkeit ein frhzeitiges Ende bereitet
werden. Ihrem Gefhl widerstrebte jede Grausamkeit, die sie im Namen der
Freiheit verben sah, und sie gehrte nicht zu denen, die es verstehen,
der Klugheit zu Liebe die Sprache des Gewissens zum Schweigen zu
bringen. "Selbst das Blut der Schuldigen, das grausam vergossen wurde,
schndet die Revolution," rief sie aus. Wohl war sie eine begeisterte
Republikanerin; schon im Jahre 1789 hatte sie in einem Brief an die
Nationalversammlung die Absetzung des Knigs gefordert und angesichts
der Hungersnot in einer Adresse an ihn ausgerufen: "Es ist Zeit fr Sie,
um sich selbst und um ihr Volk zu zittern. Wollen sie ber Pyramiden von
Toten und Berge von Asche regieren?" aber gegen die Art, wie der Proze
des Knigs gefhrt wurde, emprte sich ihr mitleidiges Herz. "Wenn ihr
mit rauher Hand den Baum der Monarchie umhaut, htet euch, da ihr nicht
unter ihm begraben werdet," schrieb sie. Schon dieser Ausspruch erregte
Verdacht. Man warf ihr vor, von den Royalisten gekauft zu sein, wogegen
sie sich mit dem Hinweis auf ihre Armut,--sie hatte den Armen alles
gegeben, was sie besessen hatte,--zu verteidigen suchte. Man wollte
jedoch der unbequemen Mahnerin nicht trauen, die durch ihre Beredsamkeit
die Massen hinzureien verstand und klagte sie im Jakobinerklub an, an
der Spitze einer royalistischen Verschwrung zu stehen, zu der sie, als
natrliche Tochter Ludwigs XV., sich besonders berufen fhle. Statt nun
in ihren ffentlichen Angriffen auf die Fhrer der Revolution
vorsichtiger zu werden, wurde sie nur noch rcksichtsloser, denn das
Todesurteil ber den Knig versetzte sie in die uerste Erregung. Sie
sah darin nicht nur eine Grausamkeit, sie frchtete auch die Folgen fr
die Entwicklung der Revolution: "Blut verwandelt die Geister und Herzen;
eine tyrannische Regierungsform wird nur von der anderen abgelst
werden." In dem Bedrfnis, nichts unversucht zu lassen, um das
Verhngnis, das sie nahen sah, abzuwenden und in dem allen
leidenschaftlich empfindenden Naturen gemeinsamen Drang, bis zum
uersten fr ihre Ueberzeugung einzustehen, bot sie sich dem Konvent
zur Verteidigung des Knigs an. Nach seiner Hinrichtung schrieb sie,
ungeachtet der Gefahr, die sie heraufbeschwor, die schrfsten Pamphlete,
in denen sie besonders Robespierre heftig angriff und prophetisch
ausrief: "Auch dein Thron wird einst das Schaffot sein." Dabei versuchte
sie, auch auf die Frauenvereine in ihrem Sinn Einflu zu ben, und
erreichte vielfach, da diese eine drohende Haltung einnahmen und
ffentlich fr die Opfer der Guillotine Partei ergriffen. Olympe de
Gouges konnte dem Schicksal, das sie selbst heraufbeschwor, nicht lange
entgehen. Im Sommer 1793--sie war 45 Jahre alt--wurde sie verhaftet, am
3. November fiel ihr Kopf unter dem Fallbeil.[205] Mochte sie in ihrem
abenteuerreichen Leben die Grenzen brgerlicher Sittsamkeit noch so oft
berschritten haben, mochte ihr exzentrisches Wesen dem landlufigen
Begriff zurckhaltender Weiblichkeit noch so wenig entsprechen,--die
Frauenbewegung darf dennoch stolz auf ihre Vorkmpferin sein. Das Urteil
ber die ffentliche Wirksamkeit eines Menschen bestimmt sich vorwiegend
nach den Wirkungen, die er durch seine Thtigkeit auf den sozialen
Fortschritt ausgebt hat. Von diesem Standpunkt aus gebhrt Olympe de
Gouges der Ruhm, die Frauenbewegung zuerst organisiert und zu einem
beachtenswerten Faktor im ffentlichen Leben gemacht zu haben. Dabei war
ihr Auftreten typisch fr die Haltung der Frauen und ihrer Vereine
berhaupt.

Sie erregten in steigendem Mae die lebhafteste Unzufriedenheit des
Konvents und der Kommune; teils wurde den Frauen unsittlicher
Lebenswandel, teils allzu leidenschaftliches Eingreifen in die
politischen Kmpfe zum Vorwurf gemacht. Das geschah gewi nicht ohne
Grund, denn eine Zeit, in der alle alten Institutionen ins Wanken
geraten, wirft schwache Charaktere und heie Herzen nur zur leicht aus
dem rechten Geleise; aber es mu angesichts der harten Urteile der
Zeitgenossen ber die Frauenbewegung stets in Betracht gezogen werden,
da sie ihr und ihren Forderungen gegenber fast smtlich einen von
vornherein feindseligen Standpunkt einnahmen. Selbst die radikalsten
Politiker hatten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht das geringste
Verstndnis fr sie. Die Frauen standen fast vollstndig allein, dazu
kam, da sie, ihrer Natur getreu, die nach der Gefhlsseite hin am
strksten entwickelt ist, rcksichtslos gegen jedermann vorgingen, der
sich einer Gemeinheit oder Ungerechtigkeit schuldig machte. Eine groe
Anzahl der Anklagen gegen Frauen grndete sich darauf, da sie sich
mitleidig eines Gefangenen angenommen, oder fr einen, ihrer Meinung
nach unschuldig Verurteilten lebhaft Partei ergriffen hatten. Das war
den Mnnern in jener Periode der wachsenden Unempfindlichkeit gegenber
den Leiden der Gegner so unverstndlich, da sie es sich immer nur
durch das Bestehen eines Liebesverhltnisses zwischen der betreffenden
Frau und dem Verurteilten zu erklren vermochten. Auch eine der
begabtesten Leiterinnen der Frauenvereine, Rose Lacombe, die den Zug der
Frauen nach Versailles angefhrt hatte, geriet unter diesen Verdacht,
obwohl er gerade bei ihr, der hingebenden Vorkmpferin der Revolution,
am wenigsten begrndet zu sein scheint. Infolge der Erbitterung gegen
die ffentlich auftretenden Frauen, die im Jahre 1793, dem Todesjahr
Olympe de Gouges, ihren Hhepunkt erreicht hatte, gestalteten sich die
Angriffe gegen Rose Lacombe schlielich zum Kampf gegen die
Frauenbewegung selbst.

Sie hatte sich dem Jakobiner Bazire gegenber beklagt, da Gefangene
tagelang im Gefngnis schmachteten, ohne auch nur verhrt zu werden, wie
es bei dem Maire von Toulouse, in dessen Sohn man ihren Liebhaber
vermutete, geschehen war, und sie forderte, man solle beschlieen, jeden
Gefangenen binnen 24 Stunden zu verhren, ihm die Freiheit zu schenken,
wenn seine Unschuld sich erweist, ihn zu tten, wenn er schuldig ist.
Eine Behandlung, wie die gegenwrtige, verstiee gegen die Gesetze der
Menschlichkeit, die die Gesetze der Republik sein mten. Auf die Frage,
warum gerade der Maire von Toulouse, ein Aristokrat, sie, die
Verfolgerin der Aristokraten, zur Verteidigerin gewinnen knne,
erwiderte sie ruhig: "Er verteilt Brot unter die Armen!" Diese Erklrung
erschien Bazire nicht ausreichend. Er denunzierte sie im Jakobinerklub
und stie um so weniger auf Widerstand, als der revolutionre
republikanische Frauenverein, an dessen Spitze Rose Lacombe stand, durch
den Mut, mit dem er der Selbstherrlichkeit Robespierres gegenber die
Rechte des Volks verteidigte und einer sozialen Revolution die Wege zu
bahnen versuchte, schon lngst verdchtigt wurde.[206] Rose Lacombe
versuchte vergebens, sich und den Verein zu verteidigen; man lie sie
nicht zum Worte kommen und bergab ihre Sache der Kommission fr
ffentliche Sicherheit.[207] Obwohl nichts Gravierendes gefunden wurde,
beantragte die Kommission, der Konvent mge beschlieen, da alle
Frauenvereine, gleichgltig, welchen Namen sie trgen, aufgelst und
ein fr allemal verboten wrden. Die Rede des Konventmitglieds Amar, die
diesen Antrag begrndete, ist bezeichnend fr die Stellung, welche die
Mnner der Revolution der Frauenbewegung gegenber einnehmen. Er
verneinte darin die beiden Fragen, ob die Frauen politische Rechte
ausben und aktiven Anteil an der Regierung nehmen drften, und ob es
ihnen gestattet sein sollte, politische Vereine zu bilden, indem er
folgendermaen argumentierte:

"Regieren heit, die ffentlichen Angelegenheiten durch Gesetze leiten,
deren Ausarbeitung ausgedehnte Kenntnisse, strenge Unparteilichkeit,
ernste Selbstverleugnung zur Voraussetzung hat; regieren heit, die
Handlungen der Diener des Staates unter stndiger Aufsicht haben. Sind
die Frauen dazu fhig, besitzen sie die notwendigen Eigenschaften dafr?
Nur durch recht wenige Beispiele knnte diese Frage bejaht werden. Die
politischen Rechte der Brger bestehen darin, im Interesse des Staates
Beschlsse zu fassen, sie durchzusetzen und der Gewalt zu widerstehen.
Haben die Frauen die moralische und physische Kraft, welche das eine wie
das andere dieser Rechte erfordert? Die allgemeine Ueberzeugung spricht
dagegen...."

"Der Zweck der Volksvereine ist, die Thtigkeit der Feinde des
ffentlichen Wohles aufzudecken, die einzelnen Brger, die Beamten des
Staates, ja selbst die gesetzgebende Krperschaft zu beaufsichtigen; die
Begeisterung Aller durch das Beispiel republikanischer Tugenden
anzufeuern; sich selbst durch ffentliche Besprechungen ber die Fehler
oder die Vorteile politischer Manahmen aufzuklren. Knnen Frauen sich
diesen ebenso ntzlichen wie schwierigen Arbeiten unterziehen? Nein,
denn sie sind verpflichtet, sich den wichtigen Sorgen hinzugeben, die
die Natur ihnen auferlegt hat.... Jedes Geschlecht ist zu der Thtigkeit
berufen, die ihm entspricht; seine Handlungen sind auf einen Kreis
beschrnkt, den es nicht berschreiten darf, weil die Natur selbst diese
Grenzen dem Menschen gesteckt hat.... Erlaubt die Ehrbarkeit dem Weibe,
da es sich ffentlich zeigt, da es mit Mnnern diskutiert, und
ffentlich, angesichts des Volkes, sich ber die Fragen ausspricht, von
denen das Wohl der Republik abhngt? Im allgemeinen sind die Frauen
unfhig hoher Konzeptionen und ernster berlegungen.... Aber noch unter
einem anderen Gesichtspunkt sind Frauenvereine gefhrlich. Wenn wir
bedenken, da die politische Erziehung der Mnner noch im Frhrot der
Entwicklung steht, und da wir das Wort Freiheit erst zu stammeln
vermgen, um wie viel weniger aufgeklrt sind dann die Frauen, deren
Erziehung bisher gleich Null war. Ihre Anwesenheit in den Volksvereinen
wrde daher Personen einen aktiven Anteil an der Regierung gewhren, die
dem Irrtum und der Verfhrung strker ausgesetzt sind als andere. Fgen
wir hinzu, da die Frauen zu Aufregungen besonders geneigt sind und die
Interessen des Staates sehr bald alledem geopfert wrden, was die
Heftigkeit der Leidenschaften an Irrungen und Aufruhr hervorbringt...."

Nach einer schwachen Verteidigung der Frauenvereine erhob der Konvent am
30. Oktober 1793 ihre Auflsung zum Beschlu.[208]

In strmischen Versammlungen protestierten die Frauen dagegen, und eine
Deputation von ihnen erzwang sich den Eintritt in den Sitzungssaal der
Kommune, um hier persnlich fr die Anullierung des Beschlusses, soweit
die Stadt Paris in Betracht kam, einzutreten. Sie kamen jedoch nicht zum
Wort, da der Generalprokurator Chaumette sich sofort erhob, um sich in
einer wtenden Philippika gegen die Frauenbewegung zu wenden. Er folgte
darin dem Gedankengang Amars, verlieh aber schlielich seiner Rede den
ganzen poetischen Schwung, mit dem die Gegner, wenn ihre Grnde nicht
durchschlagen, schlielich die Unentschiedenen fr sich zu gewinnen
pflegen. "Die Natur sagte der Frau: Sei Weib!" rief er aus, "die
Erziehung der Kinder, die huslichen Sorgen, die sen Mhen der
Mutterschaft--das ist das Reich deiner Arbeit; dafr erhebe ich dich zur
Gttin des huslichen Tempels, du wirst durch deine Reize, durch deine
Schnheit und deine Tugenden alles beherrschen, was dich
umgiebt!--Thrichte Frauen, die ihr zu Mnnern werden wollt, was
verlangt ihr noch? Ihr beherrscht unsere Sinne, die Gesetzgeber liegen
euch zu Fen, euer Despotismus ist der einzige, den unsere Kraft nicht
brechen kann, weil er der der Liebe ist. Im Namen der Natur, bleibt was
ihr seid; und, weit entfernt davon, uns um die Kmpfe unseres Lebens zu
beneiden, begngt euch damit, sie uns vergessen zu machen!"[209]

Nach dieser leidenschaftlichen Ansprache schlo die Kommune sich dem
Beschlu des Konvents an und erklrte auerdem, Frauendeputationen nicht
mehr empfangen zu wollen. Trotz alledem setzten die Frauen diesen
Beschlssen den uersten Widerstand entgegen, muten aber schlielich
der Gewalt weichen: Man vertrieb sie auch von den Tribnen des Konvents,
man untersagte ihnen die Teilnahme an ffentlichen Versammlungen, ja man
ging soweit, ein Gesetz zu erlassen, wonach Frauen, die sich zu mehr als
fnf zusammenfanden, mit Gefngnis bestraft werden sollten.[210]

So schien die Frauenbewegung der Revolution resultatlos verlaufen zu
sein. Aber es ging ihr wie allen sozialen Bewegungen: Der erste
strmische Angriff wurde von den Gegnern zurckgeschlagen, nicht nur,
weil ihrer noch viel zu viele waren, sondern weil das Ziel der Bewegung
noch zu wenig geklrt, der Weg zu ihm noch zu dunkel war und seine
Schwierigkeiten daher nicht bersehen werden konnten.

Die Frauenbewegung geriet scheinbar ins Stocken, thatschlich wirkte sie
jedoch im stillen weiter, indem sie die Kpfe gewann und hervorragende
Denker sich mit ihren Problemen beschftigten.

Als sie noch im Anfang ihrer Entwicklung stand, wurde der letzte der
groen franzsischen Philosophen des 18. Jahrhunderts, Condorcet, auf
sie aufmerksam und widmete ihr in seiner Schrift: Lettres d'un bourgeois
de New-Haven  un citoyen de Virginie[211] einen bemerkenswerten
Abschnitt. Er ging von der Voraussetzung aus, da die Frauen, ebenso wie
die Mnner, fhlende, mit Vernunft begabte, sittlicher Ideen fhige
Wesen seien, und daher dieselben Rechte haben muten, wie die Mnner. Er
forderte das aktive und das passive Wahlrecht fr sie und wollte sie von
keinem Amt gesetzlich ausgeschlossen wissen, wobei er erklrte, da es
berflssig sei, den Brgern zu verbieten, sie z.B. zu Heerfhrern zu
whlen, da man ihnen doch auch nicht zu untersagen brauche, etwa einen
Blinden zum Gerichtssekretr zu machen.

Im Jahre 1789 verffentlichte er im Journal de la socit (No. 5)[212]
einen Artikel ber die Zulassung der Frauen zum Brgerrecht, der auch
heute noch als die glnzendste Rechtfertigung und Verteidigung der
Frauenbewegung angesehen werden darf, und dessen Forderungen leider noch
unerfllt geblieben sind. Condorcets Ansicht nach wurde das von der
Revolution aufgestellte Prinzip der Gleichheit dadurch auf das
empfindlichste verletzt, da die Hlfte des Menschengeschlechts des
Rechtes beraubt wurde, an der Gesetzgebung teilzunehmen. Wolle man fr
diese Thatsache eine Anerkennung, so msse nachgewiesen werden, da
nicht nur die natrlichen Rechte der Frauen andere seien, als die der
Mnner, sondern da sie auch unfhig seien, die Brgerrechte auszuben.
Da die Frau ein Mensch sei wie der Mann, habe sie dieselben natrlichen
Rechte wie er, denn entweder gebe es berhaupt keine angeborenen
Menschenrechte, oder jeder Mensch, gleichgltig welches sein Geschlecht,
seine Religion oder seine Rasse sein mag, hat die gleichen. Was die
Grnde betrifft, die angefhrt werden zum Beweise der Unfhigkeit der
Frau, den Pflichten eines Staatsbrgers zu gengen, so wandte sich
Condorcet zunchst gegen den ihrer physischen Konstitution, indem er
ausfhrte, da er nicht einsehen knne, wieso Schwangerschaften und
vorbergehende Unplichkeiten die Frauen fr Ausbung der Brgerrechte
untauglich machen sollten, da doch auch die Mnner Krankheiten aller Art
ausgesetzt seien, ohne da man es fr notwendig halte, ihnen deshalb die
Pflichten und Ehren der Brger abzusprechen. Ferner sagt man, da keine
Frau in den Wissenschaften Bedeutendes geleistet oder Beweise von Genie
gegeben habe, aber man habe doch nie daran gedacht, die Verleihung des
Brgerrechts an die Mnner von ihrer Begabung abhngig zu machen. Auch
das geringere Ma an Kenntnissen, die schwchere Urteilskraft, die man
den Frauen zum Vorwurf mache, knne, selbst wenn man sie zugeben wolle,
nicht als Grund angesehen werden, sie politisch fr rechtlos zu
erklren. Als Konsequenz dieser Anschauung msse man sonst auf jede
freie Verfassung verzichten und die Regierung, wie den Einflu auf die
Gesetzgebung nur der sehr kleinen Zahl kenntnisreicher und wahrhaft
aufgeklrter Mnner berlassen. Was man an den Frauen mit Recht
aussetzen knne,--ihren Mangel an Gerechtigkeitsgefhl, ihre
Einseitigkeit und geringe Bildung,--sei lediglich eine Folge ihrer
schlechten Erziehung und der sie umgebenden sozialen Verhltnisse, die
man daher zu ndern trachten msse. Auch eine Reihe von
Ntzlichkeitsgrnden werden gegen die Zulassung der Frauen zum
Brgerrecht hervorgebracht: man frchte ihren Einflu auf die
Mnner,--als ob ihr geheimer Einflu nicht viel bedenklicher sei, als es
ihr ffentlicher sein wrde, man glaube, sie wrden ihre natrlichen
Pflichten dem Haushalte, den Kindern gegenber vernachlssigen, und doch
habe man nie Bedenken in Bezug auf die Mnner gehabt, die doch auch
ihrem Beruf, ihrer Arbeit nachgehen mssen. Man scheine dabei auch
absichtlich bersehen zu wollen, da nicht alle Frauen einen Haushalt
und kleine, der Pflege bedrftige Kinder haben, und die Ausbung des
Wahlrechts ihnen nicht mehr Zeit kosten wrde, als die banalen
Vergngungen und Zerstreuungen, denen sie jetzt nachgehen. Solche
Ntzlichkeitsgrnde haben immer, wo andere nicht ausreichten,
Tyrannenherrschaft rechtfertigen sollen: in ihrem Namen lgen Handel und
Industrie in Ketten, in ihrem Namen bestehe die Sklaverei der Neger noch
heute, in ihrem Namen fllte man die Bastille und wendete die Folter an.
Die Frage der Zulassung der Frauen zum Brgerrecht drfe aber nicht mehr
mit Ntzlichkeitsgrnden, Phrasen und Witzen abgethan werden. Auch die
Gleichheit, welche die neue Verfassung Frankreichs zwischen den Mnnern
festsetzte, habe eine Flut geschwollener Reden und billiger Scherze
hervorgerufen, stichhaltige Grnde jedoch habe niemand vorzubringen
vermocht. "Ich glaube," so schliesst Condorcet, "da es mit der
Rechtsgleichheit der Geschlechter nicht anders sein wird."

Mehr als in seinem eigenen Vaterlande fanden die Ansichten des
franzsischen Philosophen in England und Deutschland eine
wissenschaftliche Vertretung. Die ruhigeren politischen Verhltnisse in
jenen Lndern lieen dem Einzelnen mehr Zeit zum Nachdenken und
Theoretisieren, whrend die Lage Frankreichs zum Handeln aufforderte.
So schrieb ein deutscher Historiker eine vielbndige Geschichte des
weiblichen Geschlechts, die er mit den Worten einleitete, da die
Geschichte keines Volkes und keines Standes ein so emprendes, Abscheu
und Mitleiden in so hohem Grade erregendes Schauspiel darbiete, als die
der Frauen,[213] und ein englischer Gelehrter, der denselben Stoff
behandelte, sprach sich hnlich aus, indem er erklrte, da die
emprende Behandlung des weiblichen Teils der menschlichen Species nur
dem menschlichen Manne eigentmlich sei, und in der ganzen Natur kein
Gegenstck und kein Vorbild habe.[214]

Eine der bedeutendsten litterarischen Erscheinungen aber auf diesem
Gebiet war das Werk der Englnderin Mary Wollstonecraft: Vindication of
the rights of women.[215] Ein Leben voll innerer und uerer Kmpfe und
Entbehrungen hatte sie die Leiden ihres Geschlechts kennen gelehrt. In
ihrem Berufe als Lehrerin hatte die Erziehungs- und Bildungsfrage sie
schon lebhaft beschftigt, so da sie als ihre erste litterarische
Arbeit eine kleine Schrift ber die Erziehung junger Mdchen erscheinen
lie. Ihr folgten eine ganze Anzahl Uebersetzungen aus dem Deutschen und
einige selbstndige Arbeiten, die ihre Existenz sicherten und sie
zugleich in persnliche Beziehungen zu ihrem Verleger Johnson brachten,
bei dem sie einen geistig anregenden Verkehr fand. Er selbst wie alle
seine Gste verfolgten die Ereignisse der franzsischen Revolution mit
strmischer Begeisterung, war doch Thomas Paine, auf dessen Haupt der
Lorbeer der amerikanischen Freiheitskriege sich mit dem des Pariser
Bastillensturmes vereinigte, derjenige, der den Ton angab und in
Johnsons Salon die Menschenrechte verkndete. So wurde Mary
Wollstonecraft in den Strom der Revolutionsbewegung hineingezogen und
Burkes Angriff auf sie gab den Ansto, da die feurige Frau sich
ffentlich zu ihren Idealen bekannte: "Die Rechtfertigung der
Menschenrechte" hie die kleine Schrift, die den Namen der Verfasserin
ber den Kreis ihrer Freunde hinaus bekannt machte.[216] Aber sie war
nur das Vorspiel und die Einleitung ihres Hauptwerkes, der Verteidigung
der Rechte der Frauen, das sie, in der Hoffnung auf die Neugestaltung
des franzsischen Schulwesens Einflu ben zu knnen, Talleyrand
widmete. Ihrem leidenschaftlichen Impulse folgend brachte sie die
umfangreiche Schrift in wenigen Wochen zu Papier, ohne sich zu ruhigem
Nachdenken Zeit zu lassen. Sie trgt denn auch die Spuren ihrer
Entstehung an sich und besteht aus vllig ungeordneten, oft sprunghaft
wechselnden Gedanken, die aber ohne Ausnahme von der Originalitt Mary
Wollstonecrafts und der Schrfe ihrer Beobachtung zeugen. Den grten
Nachdruck legt sie auf die Erziehung, in deren Vernachlssigung sie die
Ursache der Fehler und Schwchen des weiblichen Geschlechts sieht. Auf
einen ungesunden Geist fhrt sie das Verhalten der Frauen zurck und
vergleicht ihn mit einer Pflanze, die in zu ppigem Boden steht und
schne Blten, aber keine Frchte hervorbringt. Es werden wohl "Damen",
aber keine Frauen erzogen, man lehre sie Sitten, aber keine Moral, man
richte ihr Streben auf Eitelkeiten und nichtigen Tand, aber nicht auf
ernste Ziele, man gewhne sie, sich mit Spielereien zu beschftigen und
durch Vergngungen zu zerstreuen, statt sie an Arbeit zu gewhnen und
ihre Mue den Freuden der Kunst, der Natur und der Wissenschaft zu
widmen. So werden jene schwachen, gedankenlosen Wesen gradezu gezchtet,
denen ihre eigenen Zchter, die Mnner, nachtrglich ihre Schwche und
Gedankenlosigkeit zum bittersten Vorwurf machen. Wer aber ihre Erziehung
genauer betrachte, knne sich nicht wundern, da sie Vorurteilen zum
Raub fallen, unselbstndig urteilen und zu blindem Autorittsglauben
geneigt sind. Sie seien durch die sie umgebenden Verhltnisse
thatschlich minderwertige Menschen geworden. Weil sie aber nur
knstlich so herabgedrckt worden seien, drfe man nicht das weibliche
Geschlecht als solches nach seinem gegenwrtigen Stand beurteilen. Erst
gebe man den Frauen Raum, sich zu entwickeln, ihre Krfte zu bethtigen,
dann bestimme man, welche Stelle auf der intellektuellen und moralischen
Stufenleiter sie einnehmen. Wenn sie dann zu vernnftigen Wesen erzogen
worden seien, drfen sie auch nicht mehr als Sklaven behandelt werden
und mssen dieselben Rechte genieen, wie die Mnner.

In Bezug auf diesen Punkt erweist sich Mary Wollstonecraft ihrem
Gesinnungsgenossen Condorcet gegenber als die Vorsichtigere,
Zurckhaltendere. Whrend er auf Grund der berall gleichen
Menschenrechte dem weiblichen Geschlecht die politische
Gleichberechtigung zuerkennt und die Unwissenheit der Frauen nicht zum
Vorwand der Ungleichheit nimmt, weil auch die Mnner keiner Prfung
ihrer Geisteskrfte unterliegen, ehe sie als vollwertige Staatsbrger
anerkannt werden, erklrt sie die Reform der Erziehung fr die
Voraussetzung der Reform der Gesetze.

In allen anderen Teilen ihres Werkes jedoch ist sie die echte Schlerin
der Revolution. Nicht nur, da sie in vielen ihrer abschweifenden
Gedanken das Knigtum, die stehenden Heere, die Aristokratie heftig
angreift, sie errtert auch das Problem der Armut und erklrt sie fr
eine der wesentlichen Ursachen der Laster und Verbrechen. Fr die Frauen
folgert sie daraus die Notwendigkeit, wirtschaftlich unabhngig vom Mann
zu sein. Diese, auch im modernen Sinn radikale Forderung ist von ihr
zuerst ausgesprochen worden und erhebt sie in die Reihe der
aufgeklrtesten und weitblickendsten Vorkmpfer der Frauenbewegung. Aber
auch in anderer Beziehung war sie ihrer Zeit voraus: im Namen der
Keuschheit, die fr beide Geschlechter dieselbe sein msse, fordert sie,
da Knaben und Mdchen gemeinsam in ffentlichen Schulen erzogen werden.
Nur wo ein kameradschaftlich harmloser Verkehr, und geistiger Wetteifer
zwischen den Geschlechtern von frh an zu finden sei, werde die Liebe
zwischen Mann und Weib eine reinere und tiefere, werden die Ehen
glcklichere sein. Neben die geistige solle auch die krperliche
Erziehung treten, damit ein krftigeres, schneres Geschlecht
heranwachse, damit das Vaterland Mtter habe, die gesunde Kinder
hervorzubringen und zu erziehen im stnde seien.

Damit ist der Grundakkord ihres ganzen Buches angeschlagen: um ihres
heiligen Naturberufes, um des kommenden Geschlechtes willen, das aus
ihrem Schoe hervorwchst, von ihrem Krper und von ihrem Geist seine
erste, die sptere Entwicklung bestimmende Nahrung empfngt, soll das
Weib dem Manne ebenbrtig zur Seite stehen, ein freier Brger wie er.

Mary Wollstonecrafts khnes Buch machte ungeheures Aufsehen. Die
heftigen Angriffe, die es erfuhr, richteten sich natrlich auch gegen
ihre Person, unter der Sptter und Karikaturenzeichner sich ein
starkknochiges, hliches Mannweib vorstellten, whrend sie eine zarte,
im besten Sinne weibliche Frau war, wie, denn auch ihr Werk den Stempel
der Weiblichkeit trgt, wie nur wenige Frauenwerke. Es wurde gleich nach
seinem Erscheinen ins Franzsische und von ihrem Freunde, dem bekannten
Schnepfenthaler Pdagogen Salzmann, ins Deutsche bersetzt.

Noch ehe aber dies Werk die Ideen der Frauenbewegung in Deutschland
verknden sollte, war ein anderes ihm zuvorgekommen: Theodor von Hippels
Buch ber die brgerliche Verbesserung der Weiber,[217] das im selben
Jahr in Berlin erschien, als das Mary Wollstonecrafts in London. Schon
im Jahre 1774 hatte er durch seine Schrift ber die Ehe, in der er
Frauen und Mnnern derbe Lektionen gab, sein Interesse an der Stellung
der Frau im brgerlichen Leben kund gethan.[218] Aber erst die
franzsische Revolution, die Teilnahme der Frauen an ihren Kmpfen regte
ihn zu tieferem Nachdenken an. Er kam zu denselben Schlssen wie
Condorcet und Mary Wollstonecraft und konnte sein Erstaunen darber
nicht verhehlen, da die franzsische Verfassung kurzsichtig und
engherzig genug war, dem weiblichen Geschlecht die Gleichberechtigung zu
verweigern. Dabei ging er so weit, zu erklren, da die Sklaverei, wenn
sie auch nur in einer einzigen Beziehung geduldet werde, ber kurz oder
lang alle wieder zu Sklaven mache. Allen Einwnden gegen die
Emanzipation der Frauen begegnete er mit schlagfertiger Schrfe. Soll,
so sagte er, eine verwerfliche Einrichtung, auch wenn sie schon Tausende
von Jahren alt ist, nur deshalb fortbestehen, weil ihre Abnderung mit
Schwierigkeiten verknpft ist und man vermutet, es knnten bedenkliche
Folgen daraus erwachsen? Man msse endlich das andere Geschlecht zum
Volk zu machen sich entschlieen. Freilich mte eine durchaus
vernderte Erziehung die Frauen dazu befhigen, denn jetzt, wo sie nur
zum Spielzeug der Mnner gemodelt wren, knnten sie ihren Pflichten nur
schlecht gengen. Man erziehe Brger fr den Staat, ohne Unterschied des
Geschlechts. Gemeinsame Erziehung der Knaben und Mdchen, Zulassung der
Frauen zu allen Berufen, verlangte Hippel. Nur das "Monopol des
Schwertes" soll den Mnnern bleiben, falls "der Staat sich nun einmal
nicht ohne Menschenschlchter behelfen kann oder will!" Zur
Erleichterung krperlicher Ausbildung rt er zu einer gleichen Kleidung
der Kinder bis zum 12. Jahr; denn um die weibliche Furchtsamkeit
auszutreiben, die ihren Grund ebensowohl im Gefhl des Mangels an
krperlichen Krften wie in der Beschrnktheit des Verstandes habe,
drfe keine Seite des Wesens in der Erziehung vernachlssigt werden. Fr
thricht hlt er den Einwand, da die Weiber zu viel Zeit auf ihren Putz
verwenden,--sind es nicht grade die Mnner, die ihnen die Seele
bestreiten und sie auf den Krper beschrnken? Jetzt haben sie keine
andere olympische Bahn, als mit ihren Reizen Mnner zu fangen; sie
werden Wunder thun, wenn man ihnen andere erffnet. Auch die natrliche
Schwachheit des weiblichen Geschlechts bestreitet er, denn das
Kindergebren, das zum Hauptbeweis dieser Schwche angefhrt zu werden
pflegt, lege geradezu ein Naturzeugnis seiner Strke ab.

Von ihrer Anteilnahme an der Staatsverwaltung erwartet er groes: "Gewi
htten wir alsdann weniger Tyrannen, die auf festem Grund und Boden
Schiffbrchige mit Lust arbeiten sehen, oder die solchen, die mit den
Fluten ringen, Strohhalme zuwerfen; weniger Blutigel, die den Schwei
und das Blut der Unterthanen ohne Ma und Ziel verschwenden." So
forderte Hippel die Befreiung der Frau um des Staatswohls, um des
Fortschritts der Menschheit willen, wie Condorcet sie im Namen der
Gerechtigkeit, Mary Wollstonecraft sie im Namen der Mutterschaft
gefordert hatte.

Whrend Mann und Weib auf der Stufe primitiver Kultur einander gleich
standen, vergrerte sich mit der fortschreitenden konomischen
Entwicklung der Abstand zwischen ihnen mehr und mehr. Die Interessen,
die Kmpfe, die Ziele des physisch strkeren, durch die Bedingungen des
Geschlechtslebens ungebundeneren Mannes und diejenigen der an Haus und
Kinder gefesselten Frau wurden die Ursache einer geistigen und
rechtlichen Trennung, die von der Frau zunchst nicht empfunden werden
konnte, weil sie durch ihre husliche Thtigkeit vollauf in Anspruch
genommen war und infolge der allgemeinen gesellschaftlichen Verhltnisse
ber die ihrem Geschlecht gesteckten engen Grenzen nicht hinauszublicken
vermochte. Erst als die mannigfachen Arbeiten der Hausfrau in wachsendem
Mae von dem Handwerk und der Industrie bernommen wurden, und die Frau,
soweit sie als Angehrige der besitzenden Klassen Mue gewann, sich
berflssig fhlte, die Leere ihres inneren und ueren Lebens empfand
oder als Mitglied der besitzlosen, gezwungen war, ihre husliche
Thtigkeit in Lohnarbeit auer dem Hause und getrennt von der Familie
umzuwandeln, wurde sie sich ihrer drckenden Lage bewut. Nicht nur, da
sie auf einer Stufe geistiger Rckstndigkeit festgebannt war, die
vergangenen Kulturepochen entsprach, sie sah sich auch durch
wirtschaftliche, rechtliche und politische Fesseln zum Kampf ums Dasein,
den sie wie der Mann zu kmpfen hatte, untauglich gemacht. Diese
Widersprche wurden die Ursache einer tiefgehenden Unzufriedenheit, die
stetig wuchs und in der Frauenbewegung der franzsischen Revolution
einen Hhepunkt erreichte. Das Recht auf Bildung, das Recht auf Arbeit,
das Recht auf Gleichheit vor dem Gesetz waren die Ziele, die die
Revolution proklamierte und die durch ihre litterarischen Vertreter
theoretische Begrndung fanden.

Das neunzehnte Jahrhundert stellte _neue_ Probleme der Frauenfrage nicht
mehr auf. Sie teilte sich nur, je umfassender sie wurde, in um so
deutlicher ausgeprgte einzelne Seiten, ebenso wie der Strom kurz vor
seinem Eintritt in das Meer ihm seine mchtig angeschwollenen
Wassermassen nicht in einem Flu, sondern in vielen Fluarmen zufhrt.
Jeder einzelne wird zu einem Strom fr sich und jede Seite der
Frauenfrage umfat schlielich ein so weites Gebiet, da sowohl von
historischen als von kritischen Gesichtspunkten aus eine gesonderte
Behandlung notwendig wird.

Die Erkenntnis von den wirtschaftlichen Ursachen der Frauenfrage, die an
der Hand der Geschichte gewonnen wird, fhrt notwendig dazu, ihre
konomische Seite in den Vordergrund zu stellen. Aus ihr heraus
entwickelt sich erst die rechtliche und aus beiden die sittliche Seite
der Frauenfrage. Alle Einzelprobleme sind in diesen drei Seiten des
Gesamtproblems enthalten.




Zweiter Abschnitt.


Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage.




1. Der Kampf um Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt.

Erste Periode. Anfnge einer Erziehungsreform unter dem Gesichtspunkt
beruflicher Arbeit.


Theoretische Errterungen der Frauenfrage haben weder wissenschaftlichen
Wert noch praktische Bedeutung, wenn sie lediglich von vorgefaten
Meinungen oder allgemeinen ethischen Prinzipien ausgehen. Um zu
richtigen Resultaten zu gelangen, gilt es vielmehr, auf dem Boden der
Thatsachen zu fuen. Es erschien deswegen nicht nur notwendig, die
geschichtliche Entwicklung der Stellung der Frau im Menschheitsleben im
allgemeinen darzustellen, es ist auch erforderlich, von dem Zeitpunkt
an, wo die Frauenfrage sich erweitert und in ihr verschiedene gleich
wichtige Seiten hervortreten, die historische Betrachtung jedesmal der
theoretischen vorauszuschicken. Dabei kann es sich weniger darum
handeln, einzelne Thatsachen mit mglichster Vollstndigkeit
zusammenzustellen, als vielmehr, den Gang der Entwicklung in seinen
groen Zgen zu verfolgen und seine treibenden Krfte aufzudecken.

Die wirtschaftliche Seite der Frauenfrage, die das ganze Erwerbsleben
des weiblichen Geschlechts von den Hhen wissenschaftlicher Arbeit bis
in den dsteren Abgrund der Prostitution umfat, bedarf besonders dieser
Behandlungsweise. Viel unfruchtbarer Streit ber das Recht der Frauen
auf Arbeit, ber ihre Zulassung zu oder ihre Ausschlieung von
mnnlichen Berufen wrden vermieden werden, viele nur moralisierende
Sittlichkeitsapostel wrden ihre vergeblichen Reformversuche einstellen,
wenn an Stelle eingewurzelter Vorurteile und verschwommener Gefhle die
historische Erkenntnis treten wrde. Sich der Entwicklung in den Weg zu
werfen, ist ein nutzloses Bemhen; auch der, der sie frchtet, kann ihre
unheilvollen Wirkungen nicht anders abwenden, als indem er ihr die Wege
bahnt. Was die Frauenbewegung an traurigen Resultaten gezeitigt hat, das
verdankt sie ausschlielich ihren Gegnern und ihren falschen Freunden.
Ihr eigner Gang ist ein klarer, gesetzmiger, der auch in dem Kampf um
Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt deutlich zum Ausdruck kommt.

Das Ende des achtzehnten Jahrhunderts war fr die Frauenwelt eine der
bedeutsamsten geschichtlichen Epochen. Wohl waren schon vorher Mnner
und Frauen aufgetreten, die mehr Gerechtigkeit, mehr Bildung, erweiterte
Arbeitsmglichkeiten fr das weibliche Geschlecht gewnscht hatten, aber
sie waren vereinzelt geblieben und daher verhallten ihre Stimmen fast
ungehrt. Erst die hereinbrechende neue Zeit erhob die theoretischen und
philosophischen Errterungen ber die Rechte das Weibes in den Bereich
praktischer Forderungen. Aber es waren weniger die vielen rednerischen
und schriftstellerischen Auseinandersetzungen und Erklrungen der
politischen Rechte, die zu Erfolgen fhrten, als vielmehr die von den
Massen der Frauen erhobene Forderung ihres Rechtes auf Arbeit.

Schon das franzsische Edikt von 1776 hatte mit der Proklamierung der
Gewerbefreiheit diese Forderung anerkannt, und nach der Revolution
schien es, als stnden den Frauen nunmehr dieselben Wege offen, auf
denen die Mnner ihrem Broterwerb nachgingen. Bald zeigte sich jedoch,
da die grten Hindernisse erst noch zu berwinden waren, denn es
fehlte den Frauen jede Vorbildung; man hatte sie aufs offene Meer
hinausgelassen ohne ihnen Steuer, Anker und Kompa mitzugeben.

Die Frauen und Tchter des arbeitenden Volkes, die in immer
ausgedehnterem Mae gezwungen waren, sich einen Broterwerb zu suchen,
strmten den Industrien zu, die ungelernte Arbeiter brauchen konnten.
Lohndruck, Vergrerung des Elends, infolgedessen neuer Zuzug
weiblicher Arbeiter war die Folge. Aus diesen Anfngen heraus
entwickelte sich die Arbeiterinnenbewegung. Aber whrend diese Schicht
der weiblichen Bevlkerung den Kampf ums tgliche Brot von jeher ebenso,
ja oft noch viel schwerer empfunden hatte, als die Mnner, waren die
Frauen und Tchter der Bourgeoisie vom Erwerbszwang bisher verschont
geblieben. Sie lebten der huslichen Thtigkeit und der Kindererziehung,
hufig aber lediglich dem Vergngen, der Schngeisterei oder anderem
maskierten Miggang. Die Verarmung des Brgerstandes, die Revolutionen
und Kriege, die Zunahme der alleinstehenden Frauen, der Tchter und
Witwen der Opfer des Schlachtfeldes, ntigten die Frauen zu einer
Arbeit, die ihnen, weil sie bisher das allein richtige Verhltnis in der
Erhaltung der Frau durch den Mann gesehen hatten, nicht nur an sich
schwer fiel, sondern auch wie eine mglichst zu verbergende Schande
erschien. Zahlreich waren schon Mitte des achtzehnten Jahrhunderts die
armen adeligen Fruleins, die in den Stellungen als Erzieherinnen
frstlicher Kinder, als Kammerfrauen der Prinzessinnen, ja selbst als
Hofdamen an den vielen kleinen Frstenhfen nichts anderes suchten als
einen Broterwerb und sich oft, unter ngstlicher Aufrechterhaltung
ueren Glanzes kmmerlich genug durchschlugen. Und nicht nur
sentimentale Romane, auch manche der an die Nationalversammlung
gerichteten Petitionen fhren den Beweis dafr, da viele Brgertchter
sich gezwungen sahen, durch Stickereien und Wirkereien ihr Brot zu
verdienen. Mit den Frauen des handarbeitenden Volkes teilten sie das
gleiche Schicksal: die Not trieb sie zur Arbeit; und sie hatten auch
noch ein anderes mit ihnen gemein: den Mangel jeglicher Vorbildung zu
einem Erwerbsberuf. Aber whrend fr jene, dank der Entwicklung der
Technik und des Maschinenwesens, in der Armee der Industriearbeiter
Platz genug vorhanden, und ihre, wenn auch ungelernte Arbeitskraft, eine
begehrte war, standen diese vor geschlossenen Thren, vor denen
Unbildung und Vorurteil Wache hielt. Die Arbeiterin kmpfte bereits in
Reih und Glied mit dem Mann den harten Kampf ums Dasein, whrend die
Frau der Bourgeoisie sich erst ihren Platz neben dem Mann zu erringen
hatte. Aus diesem Umstand erklrt sich die oft bis zu Gegenstzen sich
steigernde Verschiedenheit der brgerlichen und der proletarischen
Frauenbewegung und auch, die Notwendigkeit, beide getrennt voneinander
zu behandeln.

Die Frau der Bourgeoisie wurde fr das Haus und fr die Geselligkeit
erzogen. Auch die erweiterte Bildung, die die neue Zeit fr sie
forderte, und die ber den Religions- und Haushaltungsunterricht des
Mittelalters hinausging, hatte nur den Zweck, die geselligen Talente zu
untersttzen und dem Mann eine verstndnisvollere Gefhrtin zu sein.

Die erste Stelle unter den Vorkmpfern der Reform der Mdchenerziehung
nahm Fnelon ein.[219] Seine pdagogischen Grundstze veranlaten Frau
von Maintenon, in St. Cyr die erste hhere Mdchenschule zu grnden, die
insofern noch ein besonderes Interesse beansprucht, als sie zugleich die
erste Anstalt war, die, durch Ausbildung von Erzieherinnen, der
beruflichen Thtigkeit der Frau die Wege bahnte.[220] Aber sie war nur
eine Oase in der Wste und entsprach so wenig der Zeitstrmung, da sie
bald auf das jmmerliche Niveau der blichen Mdchenschulen herabsank,
und Putz, Tanz und Konversation ihr wesentlicher Unterrichtsstoff blieb.
Ihrer deutschen Nachahmung, dem Gynceum A.H. Franckes, erging es nicht
anders. Er, der einfache, fromme Mann, mute es sich gefallen lassen,
da auch seine Grndung, wie damals alle Erziehungsanstalten fr
Mdchen, in die Hnde franzsischer Gouvernanten fiel, die Modepppchen
darin dressierten.[221] Die franzsische Sprache, die Umgangssprache der
hheren Stnde, trat berall in den Mittelpunkt des Unterrichts.
Franzsische Erzieher und Erzieherinnen, deren einzige Kenntnis meist
ihre Muttersprache war, wurden in jedem Hause, dessen Bewohner auf
"Bildung" Anspruch machten, gesucht. Viele zweideutige Existenzen
gelangten besonders in Preuen, wo Friedrichs II. Vorliebe fr die
franzsische Sprache magebend war, zu derartigen Stellungen. Die
Bildung, die sie vermittelten, war noch ungesunder und oberflchlicher
als die des Mittelalters. Eine Reaktion gegen die herrschende Strmung,
gegen die Ausschlieung des weiblichen Geschlechts von allen ernsteren
Kenntnissen, gegen sein einseitiges Interesse fr Putz und Tand,
Spielerei und Liebelei, war unausbleiblich. Sie wird in Deutschland
durch Gottsched und seine Schule gekennzeichnet und--gerichtet. Denn
statt eine durchgreifende Umwandlung der Erziehung der Mdchen
anzustreben, beschrnkte er und sein Kreis sich auf die Treibhauskultur
einzelner weiblicher "Dichter" und "Gelehrten", die mehr als die
geputzten Dmchen der hfischen Salons fr den niedrigen Stand
weiblicher Geistesentwicklung Zeugnis ablegten.[222] Die hufigen
Krnungen von Dichterinnen, ja selbst manche Promotionen weiblicher
Doktoren muten uns heute wie eine grausame Satire an. Es wre aber
durchaus verkehrt, die Schuld daran Einzelnen zuzuschreiben: noch war
fr die Frauen die Bildung nur ein ueres Schmuckstck, Kunst und
Gelehrsamkeit nur ein Mittel, um in geistreichen Salons zu glnzen.
Vertiefung, ernste Arbeit war erst da zu erwarten, wo sie zu einer
Berufsthtigkeit die Grundlage zu schaffen hatten, da sie anfingen, aus
diesem Grunde notwendig zu werden, erkannten Tieferblickende nach und
nach. So schrieb Basedow schon im Jahre 1770: "Die meisten, die von
Erziehung der Tchter schreiben, geben denselben so viel Anmut oder so
glckliche Umstnde, da man an ihrer baldigen Verheiratung nicht
zweifeln darf. Aber giebt es denn keine hlichen und gebrechlichen
Tchter? Keine, die in ihrem Stande der Armut halber, nach den jetzigen
Sitten in Gefahr sind, von einem wrdigen Manne nicht begehrt zu
werden?" Er giebt danach den "Eltern von Stande, die kein Vermgen
besitzen", den Rat, ihre Tchter nicht wie bisher allein im Hinblick auf
die Ehe zu erziehen, sondern ihnen eine Bildung zu geben, die es ihnen
ermglicht, als Lehrerinnen und Gesellschafterinnen einmal ein
Unterkommen zu finden.[223] Sein mutiger Ausspruch, den bisher viele
gefhlt, aber niemand zu thun gewagt hatte, fiel auf fruchtbaren Boden.
So manches unbefriedigte, einsame Mdchen schuf sich im Lehrberuf einen
befriedigenden Wirkungskreis, und trug, indem es sich selbst half, dazu
bei, da seinem vernachlssigten, unwissenden Geschlecht geholfen wurde.
Als die hervorragendste ihrer Art sei Karoline Rudolphi genannt, die
nach entbehrungsreicher Jugend und Jahren inneren Kampfes zu dem
Entschlu kam, Erzieherin zu werden und schlielich in Hamburg eine
Mdchenschule grndete, die Vorbild mancher anderen wurde. Ihre
Erziehungsgrundstze hat sie in ihrem Buche: "Gemlde weiblicher
Erziehung" niedergelegt; sie gipfeln in dem Ausspruch: "Lasset euere
Kinder Menschen werden!"[224] Erziehet die Mdchen nicht zuerst zu Damen
und Hausfrauen, sondern zu tchtigen Menschen, die im Notfall auch
allein durchs Leben gehen knnen, die nicht zu verzweifeln brauchen,
wenn die fhrende Hand des Mannes fehlt.

In schroffem Gegensatz steht Karoline Rudolphi zu ihrer Zeitgenossin,
Madame de Genlis, die die Mdchen nur fr die Ehe, nur fr den Mann
erziehen wollte, die in der Bildung nichts als ein Mittel, die
Langeweile zu bekmpfen und dem Miggang vorzubeugen, sah und in
logischer Konsequenz zu dem Schlsse kam: "Das Genie ist fr die Frauen
eine gefhrliche und nutzlose Gabe, es entfremdet sie ihrer Bestimmung
und lt sie diese nur als drckend empfinden."[225] Die Verfasserin,
die typische Erzieherin ihrer Zeit und ihres Volkes, sprach damit aus,
was die Ansicht dessen war, der fr die nchsten Dezennien die Geschicke
der Welt in seinen eisernen Hnden hielt: Napoleons. Wie Rousseau sah er
in den Frauen nur Mtter; zu solchen, zu Gebrerinnen und Erzieherinnen
eines Geschlechts von Helden, wollte er sie erzogen wissen. Und so
schroff und festgewurzelt war seine Meinung, da er allen geistreichen
und gelehrten Frauen mit Widerwillen begegnete, einem Widerwillen, der
sich bis zu dem kleinlichen Kampf gegen Madame de Stal steigern konnte.
Aber ebenso wie man, besonders auerhalb Frankreichs, ber dem Eroberer
den Reformator zu vergessen pflegt, so vergit man auch ber dem Gegner
der Frauenemanzipation den Befrderer einer verbesserten
Mdchenerziehung. Die Mdchenpensionate der Madame Campan in St. Germain
und Ecouen fanden seinen lebhaftesten Beifall und unter seinem Einflu
entstanden in Italien die ersten hheren Mdchenschulen. Er scheute sich
sogar nicht, eine Frau in ein ffentliches Amt einzusetzen, wo er
glaubte, da sie die Erziehung der Mdchen gnstig beeinflussen knnte:
1810 wurde Madame de Genlis Schulinspektorin in Paris.[226] Irgend
welche staatliche Hilfe den Mdchenschulen angedeihen zu lassen, lag
jedoch ganz auerhalb seiner Gedankenrichtung. Aber ein Einzelner, so
allmchtig er auch sein mochte, konnte den Gang der Entwicklung nicht
ndern, noch aufhalten. Die franzsischen Frauen forderten nachdrcklich
ihr Anrecht an den geistigen Gtern der Nation. Es entstanden immer mehr
Mdchenschulen und 1820 endlich nahm der Unterrichtsminister Duruy, von
allen Seiten gedrngt, das Projekt wieder auf,[227] das schon neunzig
Jahre vorher der Abb de St. Pierre entworfen hatte, wenn er eine
staatliche Untersttzung der Mdchenerziehung verlangte.[228] Wenn auch
sein Plan zunchst an dem mangelnden Verstndnis der Regierung
scheiterte, so fate die Idee, da die Gesellschaft die Verpflichtung
habe, auch ihrem weiblichen Teil eine der mnnlichen annhernd
ebenbrtige Erziehung zu gewhren, immer tiefer Wurzel und die Frauen
selbst nahmen sich ihrer Ausbreitung energischer an. In ihrer vordersten
Reihe kmpfte die Grfin Rmusat.[229] Von der Voraussetzung ausgehend,
da die Frau dem Manne nicht untergeben, da sie als intelligentes
Geschpf von ihm nicht verschieden und durchaus fhig sei, ffentliche
Berufe auszuben, hielt sie eine Anpassung der Mdchenerziehung an die
neuen Verhltnisse fr notwendig, ja sie sprach schon von der
Zuerkennung einer gewissen Gleichberechtigung an das weibliche
Geschlecht, und forderte von den ffentlichen Verwaltungen, da sie
neben dem Lehrerinnenberuf, die Ausbung einer geregelten
Wohlthtigkeit den Frauen anvertrauen sollten. Der Kmpfern Arbeit
war's, der hier zum deutlichen Ausdruck kam, und die Zeit, in der die
Frauen zuerst nach ihm riefen, war die Geburtsstunde der brgerlichen
Frauenbewegung. Sie vollzog sich in merkwrdiger, und doch fr den, der
die Geschichte der Menschheitsentwicklung nicht allein aus
Frstengeznk, Staatsaktionen und Kriegen herleitet, verstndlicher
Uebereinstimmung in allen Kulturlndern zu gleicher Zeit.

In England, wo schon Daniel Defoe, Mary Astell und Mary Wollstonecraft
den Boden vorbereitet hatten, wo ein Sheridan seine Zeitgenossen mit
glhender Begeisterung auf den Wert der Frauenbildung aufmerksam machte,
denn "von der Geisteskultur der Frauen hngt die Weisheit der Mnner
ab", entstanden schon Anfang des neunzehnten Jahrhunderts zwei Vereine,
die sich die Hebung der Mdchenerziehung zum Ziel setzten. Der
praktische Sinn der Englnder erkannte frh, da die bessere Erziehung
ihrer Tchter von der grndlicheren Ausbildung ihrer Lehrerinnen
abhngig ist. Von solchen, die sich auf Grund ganz unzureichender
Kenntnisse dafr ausgaben, war England berschwemmt, und die Lehrerin
war daher eine komische, oft verachtete Erscheinung, an der Thakeray und
Dickens noch ihren Witz auslieen. Ihr Los war traurig genug: die Not
zwang sie in den einzigen, ihnen offen stehenden Beruf und kmmerlicher
Unterhalt und allgemeine Miachtung waren ihr Lohn. Erst mit der Zunahme
geregelterer Mdchenschulen nderte sich langsam auch ihre Lage. Frauen,
wie Hannah More und Maria Edgeworth waren hier die Wortfhrerinnen der
beginnenden Frauenbewegung.

In dem, inzwischen von England mit Hilfe der Frauen abgefallenen
nordamerikanischen Staatenbunde machten sich gleiche Bestrebungen
geltend, weil auch hier die Schden dieselben waren. Die Vorteile, die
die tapferen Kmpferinnen der Befreiungskriege fr ihr Geschlecht
errungen hatten, waren entweder drftig von Anfang an oder mit der
ebbenden Begeisterung wieder verschwunden. Die wenigen Mdchenschulen,
die im Anfang des Jahrhunderts berhaupt bestanden, waren nur whrend
der Hlfte des Jahres geffnet und auch dann nur zwei Stunden am Tag,
whrend die Knaben, die dasselbe Schulhaus besuchten, Freistunden
hatten. Die reaktionrsten Ansichten der alten Welt, die das Mdchen
allein auf das Haus verwiesen, fanden in der neuen die allgemeinste
Vertretung, um so mehr als hier der Umstand viel weniger ins Gewicht
fiel, der der Frauenbewegung Europas den Ansto gab: der Zwang zur
Erwerbsarbeit. Als daher Emma Willard fr die hhere Bildung ihres
Geschlechts eintrat, stie sie auf Spott und heftigsten Widerstand. Als
sie aber im Jahre 1821, ohne noch lnger auf das allgemeine Wohlwollen
ihrer Landsleute zu rechnen, in Troy das erste Mdchenseminar grndete,
zeigte es sich, da es eine Notwendigkeit gewesen war, denn es fand
zahlreichen Zuspruch und vielfache Nachahmung.[230] Emma Willards Schule
ist der Grundstein des ausgedehnten Gebudes weiblicher Bildung
geworden, das heute Amerika schmckt. Zu gleicher Zeit begann eine
andere Frau ihre ffentliche Thtigkeit: Lucretia Mott. Von 1820 an zog
sie ungehindert als Predigerin der Quker durch die Staaten, nicht nur
eine Missionarin ihrer Religion, sondern auch eine Pionierin der
Frauenbewegung, deren Auftreten allein den Beweis dafr lieferte, da
die Frau mit derselben Fhigkeit und demselben Erfolg ihren Geist in den
Dienst allgemeiner Interessen stellen kann.

Kehren wir nach Deutschland zurck. Dort waren die Schulverhltnisse,
trotz Francke, trotz Gottsched und Basedow, aufs uerste verwahrlost.
"Unsere Tchter sind von aller besseren Bildung ausgeschlossen," klagte
ein braver deutscher Mann.[231] "Aus dem ABC-Unterricht werden sie ohne
Gnade an den Kochherd, in die Kinderstube, in das Putzzimmer verstoen."
Und eine mit seltenem Scharfblick ausgestattete Frau, Helene Unger,
schilderte in ihrem Roman "Julchen Grnthal" die traurige
Pensionserziehung der Mdchen und ihre verderblichen Folgen: Putz und
Spiel, franzsische Konversation und seichte Lektre fllten das Leben
des Schulmdchens aus, um spter in die nchste Modekrankheit, die
rhrselige, vom wirklichen Leben ganz entfremdende Empfindsamkeit
berzugehen.[232] Aber diese Klagen und verurteilenden Darstellungen
waren an sich schon ein Zeichen des Fortschritts. Und es begann in der
That in den Kpfen und Herzen der Frauen ein neuer Geist sich zu regen.
Die klassische Dichtung und die politische Umwlzung waren seine
Erzeuger. Zwar wre es durchaus verkehrt, von den Frauen aus der
Umgebung der groen Dichter auf alle brigen schlieen zu wollen; erst
ganz nach und nach drangen ihre Werke bis in die dunklen Winkel
brgerlichen Frauenlebens, erweckten Begeisterung, Sinn fr das Schne
und erhoben die armen Vernachlssigten und Verirrten in eine andere
geistige Lebenssphre. Dank einer Lotte, einem Gretchen, einem Klrchen
kam die warmbltige Natrlichkeit wieder zu ihrem Recht. Und eine Minna
von Barnhelm, eine Jungfrau von Orleans, eine Maria Stuart fhrten den
Blick ber die Engigkeit des eigenen Lebens hinaus, in das die
Empfindsamen sich in ihrer Selbstliebe eingesponnen hatten. Aber mehr
noch wirkte die drckende Not darauf, die ganz Deutschland in einen
Trauermantel hllte. Die Frauen, deren Vter und Brder, deren Gatten
und Shne unter den Waffen standen, verloren nicht nur den Sinn fr die
Tndeleien frherer Jahrzehnte, sie lernten auch teilnehmen an den
groen Interessen, die die Welt bewegten. Die Mode des Destillierens der
gegenseitige Gefhle, der endlosen Gesprche ber sentimentale
Romanheldinnen, machte der Unterhaltung ber die Ereignisse des Lebens
Platz. Rahel Varnhagens Kreis[233] ist das bekannteste Beispiel fr die
belebende Wirkung des neuen Geistes. Die langatmigen Briefwechsel
zwischen Freunden und Freundinnen zeugen dafr, da er berall
durchbrach, und mit ihm regte sich das Bedrfnis nach einer grndlichen
Aenderung der Mdchenerziehung. Verarmte und vereinsamte Brgerfrauen
fanden sich genug, die nach einer Lebensstellung Umschau hielten und
denen nichts anderes offen stand, als der Lehrerinnenberuf. Denn wenn
auch eine Charlotte von Siebold zum Doktor promoviert worden war und
seit 1817 ungehindert in Darmstadt praktizierte, sie stand allein; es
fehlte ihren Geschlechtsgenossinnen die Mglichkeit der Vorbereitung zum
Studium. Aber das Verlangen nach vertiefterer Bildung der Tchter und
das Bedrfnis nach einem Erwerb der Alleinstehenden begegneten sich und
fhrten zwischen 1800 und 1825 zur Grndung eine Reihe von
Tchterschulen, die teils ganz durch private Mittel, teils mit
Untersttzung der Gemeinden entstanden.[234]


Zweite Periode. Das Eindringen der Frauen in brgerliche
Berufssphren.

Der folgenreichste Schritt auf dem Gebiete der Erziehung wurde von jenem
Lande gethan, das es nicht erst ntig hatte, seine Krfte durch mhsames
Ueberbordwerfen des Ballastes der Vergangenheit abzunutzen, von Amerika,
wo Horace Mann die Grundlage zu einem neuen Schulsystem legte. Dem immer
dringenderen Verlangen nach einer der der Knaben gleichen
Mdchenbildung, konnte man, bei der dnnen Bevlkerung des Landes, durch
Grndung besonderer Mdchenschulen nicht nachkommen. So wurde denn aus
der Not eine Tugend gemacht und in den neu entstehenden Freien
Normalschulen Co-Education eingefhrt. Die weittragende Bedeutung des
gemeinsamen Unterrichts der Geschlechter hatte sich Horace Mann, der
mehr einem praktischen Bedrfnis entgegenkommen wollte, nicht klar
gemacht. Nicht nur, da auch hhere Schulen, in der Art unserer
Gymnasien, nach diesem Vorbild eingerichtet wurden,--Oberlin-College in
Ohio als das erste seiner Art,--schon 1835 rttelte eine Schar
mutiger Mdchen, die sich mit ihren Schulkameraden die ntige
wissenschaftliche Vorbildung erworben hatten, an den Pforten der alten
Harvard-Universitt[235] und kurz darauf begehrte der erste weibliche
Arzt, Harriot K. Hunt, wie sie, vergebens Einla.[236] Was ihr verwehrt
wurde, sollte wenige Jahre spter der tapferen Pionierin des
Frauenstudiums, Elizabeth Blackwell, gelingen. Sie und ihre Schwester
Emily sahen sich pltzlich, nach dem Tode ihres Vaters, vor die
Notwendigkeit versetzt, nicht nur sich, sondern auch ihre Mutter und
ihre jngeren Brder und Schwester zu ernhren. Da kam ihnen die
Erkenntnis der traurigen Lage ihres Geschlechtes. Sie sahen, wie wenige
und schmale Wege zum Erwerb den Frauen nur offen standen und bemerkten
"die Massen der Konkurrentinnen, von denen eine die andere
niederzutreten suchte. Wir beschlossen, lieber einen neuen Pfad fr uns
zu entdecken, als in schon berfllten Berufen einen Platz zu
erobern."[237] Elisabeth wurde, nachdem sie zwlf medizinische Schulen
vergebens um Aufnahme gebeten hatte, Studentin in der Schule von Geneva,
Emily in Cleveland. Diese wurde 1850 erste Aerztin an dem ersten, eben
gegrndeten Frauenhospital in New York, jene ging nach England, der
Frauenbewegung dort wie in ihrem Vaterlande Pionierdienste leistend.
Indessen wurde durch Grndung von Lehrerinnenseminarien und Colleges dem
Bedrfnis der weiblichen Jugend mehr und mehr Rechnung getragen. 1860
entstand das erste College nur fr Frauen,--Vassar-College,--das von
Anfang an auf einem hheren wissenschaftlichen Standpunkt stand, als die
anderen oft sehr primitiven Institute. Hier war es auch, wo zuerst eine
Frau den wissenschaftlichen Lehrstuhl bestieg: Maria Mitchel wurde als
Professor fr Astronomie und Mathematik 1866 nach Vassar berufen. Kurze
Zeit spter gestattete der oberste Gerichtshof von Iowa Arabella
Mansfield die Ausbung der Praxis als Rechtsanwalt. Diesen Frauen, im
Verein mit den Schwestern Blackwell, gebhrt der Ruhm, in Amerika ihrem
Geschlecht Bahnbrecherinnen geworden zu sein. Als die Universitt
Michigan ihm als erste ihre Thore ffnete, war dies gleichsam die
Anerkennung des Beweises, den die Frauen fr ihre wissenschaftliche
Befhigung erbracht hatten.

Auch auf dem Gebiet des gewerblichen Unterrichts hatten die Frauen
Erfolge zu verzeichnen. Zwar wurden die ersten Lden, in denen weibliche
Kommis thtig waren, von den sittlich entrsteten Einwohnern
geboykottet,[238] aber schon zwei Jahre spter, 1856, wurde mit privaten
Mitteln die erste Handels- und Gewerbeschule fr Frauen in New York
erffnet. Dem wachsenden Bedrfnis gegenber war sie jedoch keineswegs
ausreichend. 1859 grndete Peter Cooper, selbst ein Kaufmann, der die
Vorteile weiblicher Arbeit erkannt hatte, eine Schule der Art im
grten Stil, die heute noch besteht und eine Musteranstalt genannt
werden kann. Eine lebhafte Kontroverse ber die Zunahme der
Frauenarbeit, ihre Vorteile und Nachteile, entspann sich in der Presse
und wurde durch Broschren und Bcher ber den Gegenstand vertieft und
erweitert. Gail Hamilton und Catherine Cole traten als Agitatoren im
Interesse der Frauen auf und forderten ihre vllige Gleichstellung mit
dem Mann in Bezug auf Unterricht, Beruf und Erwerbsbedingungen.[239]
Epochemachend fr ganz Amerika waren die Schriften Virginia Pennys[240],
in denen sie schilderte, unter welch traurigen Bedingungen die Million
arbeitender Frauen, die der Census von 1860 gezhlt hatte, zu arbeiten
gezwungen wren, und wie nur eine grndliche Vorbereitung zur
Berufsarbeit ihre Lage zu ndern im stande wre. Die Agitation, die in
Amerika weniger die Aufgabe hatte, mit heftigen Gegnern zu kmpfen, als
vielmehr Blinden die Augen zu ffnen, hatte berall Erfolg: Colleges und
Gewerbeschulen ffneten sich mehr und mehr den Frauen, ja die
staatlichen und landwirtschaftlichen Schulen, die dadurch ins Leben
gerufen waren, da der Washingtoner Kongre von 1862 den einzelnen
Staaten zu diesem Zweck groe Lndereien berwiesen hatte, lieen in
immer grerem Umfange Frauen zu. Zum Verstndnis fr diese, im
Vergleich zu Europa ungewhnlich frhe Erfllung der Wnsche der Frauen,
die zwar darum zu kmpfen hatten, aber auf geringeren Widerstand
stieen, mu man sich vergegenwrtigen, da nicht etwa der grere
Edelmut oder das tiefere Verstndnis der Amerikaner fr die Bestrebungen
des weiblichen Geschlechts die Ursache davon ist, sondern vielmehr die
Thatsache, da die Vereinigten Staaten erst auf eine kurze
wirtschaftliche Entwicklung zurcksahen und von einer Ueberfllung der
Berufe, die den Widerstand der Mnner htte hervorrufen mssen, keine
Rede war.

Im Mutterlande lagen die Dinge anders. Wohl waren schon 1835 Karoline
Herschel und Mary Somerville einstimmig zu Mitgliedern der englischen
Astronomischen Gesellschaft erwhlt worden und ihre wissenschaftlichen
Verdienste dadurch zu einer bisher unerhrten Anerkennung gelangt,[241]
aber die allgemeine Lage der "gentlewoman" war noch jahrzehntelang so
gut wie unbercksichtigt geblieben. Zuerst lenkten die traurigen
Verhltnisse, in denen sich die Erzieherinnen befanden, deren mhselige
Lebensarbeit ihnen nicht einmal ein sorgenloses Alter sicherte, die
Aufmerksamkeit auf sich. Es wurde ein Pensionsverein fr Lehrerinnen
gegrndet, und nach unermdlichen Kmpfen der Lehrerinnen selbst, die
lngst eingesehen hatten, da sie nur auf Grund besserer Leistungen eine
hhere Entschdigung beanspruchen konnten, wurde 1846 das erste
Lehrerinnenseminar erffnet,[242] dem wenige Jahre spter Queens College
und Bedford-College folgten. Das war ein groer Schritt auf dem Wege der
Befreiung der Frauen durch Arbeit, der noch an Bedeutung gewann, als,
wieder infolge zher Agitation, die bis dahin privaten Anstalten die
Genehmigung der Regierung erhielten. Damit war dem immer noch
verlachten, als unweiblich bekmpften Brotstudium der Frau die erste
ffentliche Sanktion erteilt worden. Es hatte dazu noch einer strkeren
treibenden Kraft bedurft, als der Agitation einiger Frauen; sie fand
sich in den Ergebnissen der Volkszhlung 1851. Furchtbare Zustnde
deckte sie auf und man stand entsetzt vor der Thatsache, da ber zwei
Millionen alleinstehender Frauen auf Selbsterhaltung angewiesen waren,
ohne da ihnen die Mittel dazu zur Verfgung standen. Mi Leigh Smith
bearbeitete zuerst in einer aufsehenerregenden Broschre, Women und
Work, die Ergebnisse der Statistik und schuf in dem Englishwomens
Journal--1875--das Organ der nunmehr krftig einsetzenden
Frauenbewegung.

Ein neuer Beruf fr gentlewomen hatte sich inzwischen aufgethan: die
internationale Telegraphengesellschaft stellte seit 1853 Frauen als
Telegraphistinnen an. Aber ebenso wie in Amerika die zunehmende
Verwendung von Frauen im Lehrberuf, wie Gneist in seiner oben erwhnten
Broschre ganz richtig sagte, nicht auf humanitre, sondern pekunire
Ursachen zurckzufhren ist, so wurden hier die weiblichen Arbeitskrfte
lediglich ihrer greren Billigkeit wegen den mnnlichen vorgezogen.
Die kapitalistische Gesellschaft strzte sich wie ein Raubtier auf seine
Beute, auf die ihr durch die Not entgegengetriebenen Opfer. Der
brgerlichen Frauenbewegung fehlte dafr aber das Verstndnis. Sie
jubelte nur ber jede neue Mglichkeit, ihre nach Arbeit suchenden
Schutzbefohlenen unterzubringen.[243] Neue Arbeitsgebiete zu schaffen,
mute auch in diesem Stadium der Entwicklung ihr wesentlichstes
Bestreben sein.

Die Universitten waren den Frauen noch verschlossen; wie Mi Hunt in
Amerika ein Jahrzehnt frher, so hatte Mi Jessie Meriton 1856 in
England den ersten vergeblichen Versuch gemacht, zugelassen zu
werden.[244] Der ersten Englnderin von Geburt, die im Ausland Medizin
studiert hatte, Elisabeth Garret, gelang es erst 1865 nach langen
Kmpfen, das Recht zu erringen, als Lizentiat der Apothekergesellschaft
zu praktizieren. Dieser Weg war also vorlufig fr die Masse der Frauen
ungangbar. Es muten andere, die schneller zum Ziele fhrten und von
vielen betreten werden konnten, gefunden werden. Zu diesem Zweck
entstand im Jahre 1859 unter Leitung von Mi Jessie Boucherett die
Society for Promoting the Employment of Women. Sie setzte sich
ausdrcklich das Ziel, den notleidenden Frauen der Brgerklasse--den
gentlewomen--Hilfe zu bringen. Sie erffnete Unterrichtskurse fr
Handelsangestellte, Zeichnerinnen, Photographinnen, Holzschneiderinnen,
Lithographinnen, Kunststickerinnen u. dergl. und es strmten ihr nicht
nur die Schlerinnen zu, sie fanden auch, einmal ausgebildet, leicht ein
Unterkommen. Whrend es 1851 in ganz England keine Photographin und
keine Buchhalterin und nur 1742 Verkuferinnen gab, zhlte man 1861
bereits 308 Buchhalterinnen, 130 Photographinnen und 7000
Verkuferinnen, und 1871 war allein die Zahl der Buchhalterinnen auf
1755 gestiegen.

Englands Beispiel wirkte anregend auf das Festland, wo dieselben
Zustnde Abhilfe forderten. In Schweden stellte sich die Frauenzeitung
Tidskrift for Hennet an die Spitze der Bewegung; hhere Unterrichtskurse
fr Mdchen, eine Handelsschule und ein Lehrerinnenseminar entstanden in
den Jahren 1859 bis 1861. Selbst Ruland wurde vom Zuge der Zeit
berhrt. Nach heftiger Agitation, besonders seitens der Lehrerinnen,
deren Bildungsgrad ebenso niedrig war, wie ihr Einkommen, entschlo man
sich schon 1867, Universittskurse fr Frauen einzurichten. Schon ein
Jahr spter promovierte Barbara Rudnewa als Dr. med. an der
medico-chirurgischen Akademie in Petersburg.[245] Zu gleicher Zeit
machte ihre Landsmnnin, Nadjesda Suslawa in Zrich, wo Frauen nur als
Hrerinnen hie und da zugelassen worden waren, ihr Doktorexamen.[246] In
Holland und Belgien wirkten seit 1865 Vereine fr den gewerblichen
Unterricht der Frauen; die Zulassung der Frauen zum Apothekerberufe war
ihr erster praktischer Erfolg in den Niederlanden[247]; die Errichtung
einer Handels- und Gewerbeschule in Brssel ihre erste That dort.[248]

Der fruchtbarste Boden jedoch fr die sich anbahnende Umwlzung war der
von politischen Strmen wie von einer Pflugschar immer wieder
aufgewhlte Frankreichs. Als die Julirevolution ausbrach, kam der
Gedanke an die Befreiung auch der Frauen aus langer Knechtschaft aufs
neue deutlicher zum Ausdruck und erregte die Frauenwelt selbst aufs
tiefste. Die alte Forderung der politischen Emanzipation trat wieder in
den Vordergrund, und der Saint-Simonismus warf einen neuen Zndstoff in
die Welt, indem er die Befreiung der Frau von der mnnlichen Tyrannei
auch auf dem Gebiete des Geschlechtslebens verkndete. Eines der
interessantesten Dokumente der Zeit ist die von 1832 bis 1834 in Paris
erschienene Zeitschrift: La Femme nouvelle. Die neue Frau, die darin
geschildert wird, deren Existenzmglichkeit durch Umwandlung der Gesetze
und Sitten gesichert werden sollte, forderte auch ihr Recht auf Arbeit,
als Grundlage wahrer Befreiung. Als dann vom Jahre 1836 ab Madame
Poutret de Mauchamps an der Spitze der franzsischen Frauenbewegung
trat, begann sie systematisch vorzugehen. La Gazette des femmes wurde
ihr Organ, ein treues Spiegelbild ihres Wachstums. Die Erffnung der
Universitten, die Zulassung der Frauen zu hheren Berufen, das waren
die Forderungen, mit denen sie nunmehr ihren Feldzug erffnete und die
Grndung einer Gesellschaft zur Hebung der Lage der Frauen,--der ersten
ihrer Art,--war ihr nchster praktischer Erfolg.[249] Ein ideeller
Erfolg aber von weittragender Bedeutung war das wachsende Interesse, mit
dem Mnner der Wissenschaft sich der Frauenfrage zuwandten. So hielt
Ernest Legouv im Jahre 1847 im Collge de France eine Reihe von
Vorlesungen ber die moralische Geschichte der Frauen[250], in denen er
durch die Schilderung ihrer traurigen Lage den grten Eindruck
hervorrief. "Keine ffentliche Erziehung, kein gewerblicher Unterricht
fr die Mdchen; das Leben ohne Heirat eine Unmglichkeit fr sie, und
die Heirat ohne Mitgift unmglich", rief er aus, und malte mit dunklen
Farben das Los der armen Tchter der Bourgeoisie, denen nur das Kloster,
der Beruf der Gesellschafterin und Lehrerin, oder das entehrende
Bettlerleben bei begterten Verwandten brig blieb. Er forderte fr sie
Zulassung zum rztlichen Beruf und wnschte ihre staatliche Anstellung
als Schul-, Gefngnis- und Fabrikinspektoren,--eine Forderung, ber
deren Berechtigung noch ein halbes Jahrhundert spter, in gewissen
Lndern noch immer gestritten wird! "Die Arbeit, das heit Freiheit und
Leben" war fr ihn der Ausgangspunkt und das Ziel der Emanzipation. Das
Gesetz von 1850, wonach alle Kommunen von 800 Seelen an verpflichtet
wurden, mindestens eine Mdchenschule zu grnden[251], und die den
Frauen erteilte Erlaubnis, den Vorlesungen des Collge de France
beizuwohnen, knnen als Erfolg der von Legouv mit getragenen Agitation
betrachtet werden. Die Reaktion nach 1848 hinderte bald jede lebhaftere
Vorwrtsbewegung. Die hhere Mdchenerziehung, die einen so
vielversprechenden Aufschwung genommen hatte, litt besonders schwer
unter der rapiden Zunahme der Erziehungsklster, die die Revolution von
1789 vllig unterdrckt und Napoleon auf das uerste beschrnkt hatte.
Ihre Konkurrenz war fr die weltlichen Pensionen fast vernichtend; nicht
nur da die Bourgeoisie die gut eingerichteten, von Grten umgebenen,
Vorteile aller Art bietenden Klster den engen, dunklen weltlichen
Erziehungsanstalten fr ihre Tchter vorzog, auch die Lehrerinnen
vermochten sich den Klosterschwestern gegenber kaum zu behaupten. Die
Unterlehrerinnen in den Pensionaten muten Dienstbotenarbeit mit
bernehmen und erreichten kaum ein Gehalt von 200 Frs. im Jahr und die
Privatlehrerinnen waren froh, wenn sie nach einem ermdenden 12- bis
14stndigen Arbeitstag 4 Frs. verdienten. Dabei wuchs ihre Zahl infolge
des Mangels anderer Berufsarten enorm. 1864 gab es allein 3000
Klavierlehrerinnen in Paris![252] Erst Englands Beispiel rttelte die
Frauen aus ihrer Lethargie. Madame Allard und Jules Simon grndeten nach
dem Vorbild des englischen Vereins zwei Gesellschaften zur gewerblichen
Vorbildung der Frauen. Eine Reihe von Artikeln, die im Jahre 1862 ber
die Frage der Frauenarbeit im Journal des Dbats erschienen und das auf
grndlichen Studien beruhende Buch von Jeanne Daubi ber die Lage der
vermgenslosen Frauen[253], beeinfluten die ffentliche Meinung und
untersttzten die Ideen jener Vereinigungen. Handels- und Gewerbeschulen
fr Frauen wurden erffnet und fanden binnen kurzem zahlreichen
Zuspruch.[254] Die Post machte zuerst den Versuch mit der Verwendung von
Frauen, der Staat stellte sie, nachdem seit Frau von Genlis keine Frau
mehr den Posten bekleidet hatte, als Schulinspektorinnen an. Und wie in
England und Amerika, so pochte auch hier eine Frau, Madame Madeleine
Brs, an die Pforten der Universitt und verlangte, zu den Vorlesungen
der medizinischen Fakultt zugelassen zu werden. Ihre Forderung wurde
dem Ministerrat vorgelegt und dem energischen Eintreten der Kaiserin
Eugenie zu ihren Gunsten ist es zu verdanken, da die Pariser
Universitt den Frauen geffnet und die Erwerbung akademischer Grade
ihnen ermglicht wurde.[255] Wieder war Frankreich, wie zu den Zeiten
Condorcets und Olympe de Gouges, bahnbrechend vorgegangen. Und wie hier
die Revolution es jedesmal war, mit der der Aufschwung der
Frauenbewegung zusammenfllt, so lste sie auch in Deutschland die Zunge
der Stummen.

Ihrem Einflu hat die brgerliche Frauenbewegung ihre erste
Vorkmpferin, Luise Otto, zu verdanken; durch sie bekam sie in ihren
strmischen Anfngen einen politischen Charakter, der aber unter der
eisernen Rute der Reaktion schnell wieder verschwand. Die praktische
Frage des augenblicklichen Notstands trat in den Vordergrund, und die
Erregung, die sich darber der Gemter bemchtigte, spiegelte sich vor
allem in dem Kampf um die Entwicklung der Mdchenschulen ab; die
Radikalen wollten durch die Erziehung die Frauen erwerbsfhig machen,
die Konservativen wollten dagegen den huslichen Beruf wieder strken
und betonen.[256] Da sie am Staatsruder saen und die deutschen Frauen
selbst viel zaghafter waren, als ihre auslndischen Genossinnen,--selbst
eine Luise Otto schwieg, von der Reaktion eingeschchtert, viele Jahre
lang,--blieben sie Sieger im Kampf auch gegen die privaten
Unternehmungen zur Erweiterung der Frauenbildung. Die unter den
glnzendsten Aussichten von Emilie Wstenfeld 1849 in Hamburg
gegrndete, zwei Jahre lang von Karl Frbel geleitete Hochschule fr
Frauen wurde zur Schlieung gezwungen. Selbst in den Frbelschen
Kindergrten, die schon vielen Frauen befriedigende Beschftigung
sicherten, sah man Herde verderblicher Aufklrung; sie wurden 1851 von
Staats wegen aufgelst.[257] Man brachte die Notleidenden zum
Schweigen,--das war ja von jeher das Ziel antirevolutionrer
Bewegungen,--aber die Not selbst wuchs im Stillen um so schneller.

Der einzige Beruf brgerlicher Frauen, der der Lehrerin, war schon aufs
uerste berfllt. Von 1825 bis 1861 war ihre Zahl allein in Preuen
von 705 auf 7366 gewachsen[258], whrend die Grndung von
Mdchenschulen nicht im entferntesten gleichen Schritt gehalten hatte.
Es kam vor, da sich innerhalb einer Woche zu einer Schulstelle 114
Bewerberinnen meldeten![259] Dazu kam, da die preuische Volkszhlung
von 1861 nicht weniger als 700000 alleinstehende Frauen und Mdchen
ergeben hatte. Als daher die Berichte ber die englischen und
franzsischen Vereine, die gegen dieselben Zustnde kmpften, die hier
in die Augen sprangen, nach Deutschland gelangten, wirkten sie wie
Schlssel zu einer neuen Welt. Es waren nicht Frauen, wie dort, sondern
Mnner--und das ist bezeichnend fr den Standpunkt der deutschen
Frauen--, die nunmehr die Initiative ergriffen: Adolph Lette legte im
Jahre 1865 dem Verein fr das Wohl der arbeitenden Klassen eine
Denkschrift vor, in der er auf Grund der Ergebnisse der Volkszhlung und
persnlicher Beobachtungen, die Grndung eines dem englischen und
franzsischen Vorbild hnlichen Vereines befrwortete.[260] Dieser msse
sich in seiner Thtigkeit, so fhrte er aus, ausschlielich auf die
Frauen des Mittelstandes beschrnken, und ihnen durch Einfhrung
praktischer Unterrichtskurse neue Berufszweige erffnen. Als solche
bezeichnete er in der Heilkunde den rztlichen Beruf und den der
Krankenpflegerinnen; in der Technik die Anfertigung von chemischen,
chirurgischen, mikroskopischen, optischen Apparaten, von Farben,
Parfmerien und Essenzen, sowie von Photographieen; im Handel:
Buchhaltung, Korrespondenz, Kassenfhrung, Warenverkauf; im ffentlichen
Dienst: Post und Telegraphie. Damit umschrieb er ungefhr die Berufe,
die auch heute noch als Berufe brgerlicher Frauen angesehen werden
knnen. Wenn er, seine Anhnger und alle Befrderer seiner Ideen in
ihren Bestrebungen nicht ber den Kreis dieser Frauen hinausgehen
wollten, so drckt sich darin ein Klassenegoismus aus, der um so
abstoender wirkt, als die Not der Proletarierinnen weit mehr nach
Abhilfe zu schreien schien. Aber gerade in dieser Einseitigkeit lag die
Strke der jungen Bewegung. Indem sie mit den beschrnkten Krften, die
sie noch besa, engbegrenzten Zielen zusteuerte, konnte sie sicher sein,
sie schlielich zu erreichen. Der Gedanke entsprach so sehr der
Zeitstrmung, da er nicht allein durch den Mund Lettes zum Ausdruck
kam. Auf dem Vereinstage deutscher Arbeitervereine beantragte Moritz
Mller, da Staat und Gemeinden veranlat werden mchten, Gewerbeschulen
fr Frauen zu grnden, denn "die Frauen sind zu jeder Arbeit berechtigt,
zu der sie befhigt sind"; der schlesische Gewerbetag nahm eine
Resolution zu gunsten der kaufmnnischen Ausbildung und der Anstellung
der Frauen im Post- und Telegraphendienst an, und in Leipzig, wo ein
Hauptmann auer Diensten, A. Korn, in seiner Allgemeinen Frauenzeitung
die Sache der Frauen energisch vertrat, berief er im selben Jahr, als
Lette in Berlin seinen Vortrag hielt, eine Frauenkonferenz ein, an deren
Spitze die alte Kmpferin Luise Otto trat. Auch hier wurde die Frage der
Erweiterung der weiblichen Wirkungskreise allein errtert. Ihr
praktisches Ergebnis war die Grndung des Allgemeinen Deutschen
Frauenvereins, als dessen Ziel "die erhhte Bildung des weiblichen
Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen
Hindernissen" aufgestellt wurde.[261] Whrend der in Berlin ins Leben
gerufene Letteverein von Mnnern geleitet wurde und Frauen nur zur
Beihilfe heranzog, stellte der Leipziger Verein sich sofort auf
radikaleren Standpunkt, indem er Luise Otto zur Vorsitzenden whlte und
Mnner sowohl von der Leitung als von der Mitgliedschaft ausschlo. Hier
also kmpften die deutschen Frauen zum erstenmal persnlich, in
organisiertem Verbande fr ihre Rechte. Sie, die durch die Reaktion
gleichsam auf den Mund geschlagen worden waren, wagten es nun auch
wieder, durch Wort und Schrift ihre Sache zu frdern. Dieselbe
Einseitigkeit, die schon den Letteverein charakterisiert, spiegelt sich
auch in ihren Ansprchen wieder und beweist, da der aus rein
wirtschaftlichen Motiven entsprungene Kampf um Arbeit die Urquelle der
brgerlichen Frauenbewegung ist. "Wir verlangen nur, da die Arena der
Arbeit den Frauen geffnet werde", hatte Auguste Schmidt, die
eigentliche Wortfhrerin des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins
ausgerufen.[262] "Die einzige Emanzipation, die wir fr unsere Frauen
anstreben, ist die Emanzipation ihrer Arbeit"[263], schrieb Luise Otto.
Und Fanny Lewald-Stahr, die von sich selbst erzhlt, da sie heimlich
habe arbeiten mssen, weil es sich fr Mdchen ihrer Art nicht schickte,
Geld zu verdienen, und die anerkennt, da "der gewaltigste Aufklrer,
die bittere Not" es war, die vielen die Augen geffnet hat, erklrt die
"Emanzipation zur Arbeit" fr die einzige, von der vor der Hand geredet
werden kann.[264]

So hatte sich in Nordamerika, in England, Frankreich und Deutschland,
dem sich ein Jahr spter, durch Grndung des Frauenerwerbvereins, auch
Oesterreich anschlo, jener Proze vollzogen, durch den die brgerliche
Frau in eine neue Phase ihrer Entwicklung eintrat. Eine Revolutionierung
der Sitten und Begriffe, des Haus- und Familienlebens, der Staats- und
Gesellschaftseinrichtungen, bereitete sich dadurch vor, die keiner von
Denen, die nur der augenblicklichen Not abhelfen wollten, voraussah, ja
die sie vor ihrem eigenen Vorhaben zurck htte schaudern lassen, wenn
sie sie htten ahnen knnen.


Dritte Periode. Die Bestrebungen fr Frauenbildung und Frauenarbeit in
neuester Zeit.

Der organisierte Kampf um Arbeit, der an die Stelle des Ringens
einzelner Frauen um einen Erwerbsberuf trat, bezeichnet den Beginn der
modernen Frauenbewegung. Es mute ihm erst die wirtschaftliche
Entwicklung vorausgehen, die die Frauen mehr und mehr aus der
Vereinzelung der huslichen Thtigkeit herausri, sie zwang, Arbeit
auerhalb der engen vier Wnde zu suchen und sie schlielich ihre
Interessengemeinschaft lehrte. Selbstverstndlich konzentrierte sich die
Frauenbewegung je nach dem Grade der Verarmung des Brgerstandes und der
Zahl den die Mnner berwiegenden Frauen auf diesen Kampf um Arbeit; und
der Widerstand, der ihr auf diesem Gebiet entgegengesetzt wurde,
gestaltete sich dort am schrfsten, wo die allgemeine wirtschaftliche
Lage die gedrckteste, die Ueberfllung der Berufe die grte und die
Konkurrenz der Mnner infolgedessen die strkste war.

Am leichtesten vollzog sich daher der Kampf in Nordamerika. Die
Frauenbewegung war hier seit den Tagen der Sklavenbefreiung in erster
Linie eine politische geworden und gegen sie richteten sich
hauptschlich die Gegner, whrend der Wunsch, der Frauen, zu den hheren
Lehranstalten und Berufen zugelassen zu werden, auf geringeren
Widerstand stie. Zwar wurde im Anfang der Vorwurf der Unweiblichkeit
auch gegen die Schlerinnen der ersten Frauen-Colleges erhoben, ja von
der Kanzel herunter gegen sie gepredigt, besonders das System des
gemeinsamen Unterrichts beider Geschlechter heftig befehdet, aber bald
beschrnkte sich der Widerstand nur auf einzelne Zeloten. In den
siebziger Jahren ffnete sich den andrngenden Frauen eine Hochschule
nach der anderen und sie entschlossen sich auch zum Teil, ihnen
akademische Grade zu verleihen. Die in allen Staaten entstehenden
Frauenvereine hatten die Forderung hheren Unterrichts in ihre Statuten
aufgenommen; besondere Vereine, wie die Female Medical Educational
Society, richteten ihre Agitation auf bestimmte Berufsvorbereitungen.
Schon 1874 wurde in der medizinischen Fakultt der Universitt Boston
ein besonderer Kursus fr weibliche Studenten eingerichtet; heute stehen
ihnen, mit Ausnahme der Staatsschulen, alle medizinischen Schulen offen.
Wie Elisabeth Blackwell auf diesem Gebiet bahnbrechend vorgegangen war,
so Antoinette Brown auf dem des Studiums der Theologie. Im
Oberlin-College, wo sie ihr Examen glnzend bestanden hatte, waren ihr
schon von den Lehrern die grten Schwierigkeiten bereitet worden und
man strafte ihr "unweibliches" Vorgehen damit, da man ihren Namen nicht
in die Liste der Graduierten aufnahm. Wenige Jahre spter jedoch
begannen die kirchlichen Gemeinschaften, mit Ausnahme der katholischen
und episkopalischen Kirche, in ihre theologischen Schulen auch weibliche
Studenten zuzulassen. Aehnlich entwickelte sich das Studium der
Jurisprudenz, das Arabella Mansfield zuerst fr sich erzwungen hatte.
Viel schwieriger wurde es den Frauen, nun auf Grund ihrer Kenntnisse zur
Berufsthtigkeit zugelassen zu werden.

Den weiblichen Aerzten wurde die klinische Ausbildung schon dadurch
unmglich gemacht, da keines der bestehenden Krankenhuser sie zulie,
noch weniger fanden sie natrlich Patienten, man begegnete ihnen sogar
mit Mitrauen und Geringschtzung. Als Dr. Emily Blackwell und Dr. Marie
Zakzrewska sich in New York niederlieen, wo das erste Krankenhaus fr
Frauen, an dem nur weibliche Aerzte ordinierten, durch sie entstand, war
es ihnen zuerst unmglich, eine Wohnung zu bekommen: kein Hausherr
wollte die Verachteten aufnehmen. Die ersten Juristinnen wurden entweder
von den Gerichtshfen als Advokaten nicht zugelassen, oder sie warteten
vergebens auf Klienten. Niemand wollte den Frauen seine Sache
anvertrauen. Die weiblichen Geistlichen wurden ausgepfiffen, zuweilen
sogar mit Steinwrfen vertrieben, und die Graduierten der
philosophischen Fakultten fanden nur selten einen Lehrstuhl in einem
College. Etwas rascher gelang den Erwerb Suchenden der Eintritt in den
kaufmnnischen Beruf und zwar war die Regierung ihnen hier behilflich.
Schon 1862 stellte General Spinner, die allgemeine Entrstung darber
nicht achtend, sieben Frauen als Beamte in der National-Bank an, und
1875 konnte er von ber tausend Angestellten im Staatsdienst berichten,
und deren Leistungen als durchaus zufriedenstellend bezeichnen.[265]
Ebenso bewhrten sie sich im Postdienst, in dem Mitte der sechziger
Jahre gleichfalls die ersten Frauen beschftigt wurden. Ihr Eintritt in
brgerliche Berufe machte von da an rapide Fortschritte. Ein ganzes Netz
von Vereinen aller Art spann sich ber Amerika aus; ihre Agitatorinnen
reisten von Ort zu Ort, den Gedanken der Frauenbefreiung durch
selbstndige Arbeit berall hin tragend.

Mehr aber als durch ihre Agitation erreichten die Frauen durch ihre
Leistungen whrend des Brgerkrieges, wo sie den Beweis fr ihre
Arbeitsfhigkeit fhrten. Nicht nur, da weibliche Journalisten als
Leiter von Zeitungen und Berichterstatter sich einen Namen erwarben, es
waren auch allein die Frauen, die mit heldenmtiger Aufopferung die
Pflege der Soldaten und ihrer Hinterbliebenen bernahmen und einheitlich
organisierten. In dieser Zeit entstand in Clara Barton, die bis dahin
Geistliche gewesen war, und nun rastlos pflegend und helfend den
furchtbarsten Greueln des Krieges ins Antlitz sah, der Plan eines
allgemeinen Verbandes von Krankenpflegern, wie er 1864 auf der Genfer
Konvention unter dem Namen des Roten Kreuzes ins Leben trat. Zur
obersten Leiterin der Verwundetenpflege war whrend des Krieges Dorothea
Dix in Anerkennung fr ihre Leistungen als Reformatorin des
Gefngniswesens von der Regierung ernannt worden. Zu gleicher Zeit
riefen eine Anzahl weiblicher Aerzte einen Frauenverein ins Leben, der
zunchst nur den Zweck hatte, fr die Pflege, Nahrung, Bekleidung und
Untersttzung der Soldaten und ihrer Angehrigen zu sorgen, sich aber
nachher zu jener Sanitts-Kommission entwickelte, deren Zweigvereine
heute in jedem Staat und fast jeder Stadt fr die unbemittelten Kranken
Sorge tragen. So bewiesen die Frauen Kraft zur Arbeit und Verstndnis
fr ffentliche Angelegenheiten. Der Widerstand gegen ihr Ringen um
Bildung und Arbeit wurde immer schwcher. Heute haben sie von 484
Colleges und Universitten zu 345 Zulass von 51 technischen Hochschulen
zu 28. Auerdem bestehen 4 Universitten und gegen 160 Colleges fr
Mdchen allein. Seit dem Jahre 1886, wo ca. 36000 an diesen Anstalten
studierende Frauen gezhlt wurden[266], hat ihre Zahl sich verdoppelt;
allein 25000 studieren davon an den Universitten.[267] Neben 6
medizinischen Frauenhochschulen stehen fast alle Schulen fr Mnner auch
den Frauen offen; in 6 Frauenhospitlern knnen sie ihrer klinischen
Ausbildung nachgehen. Selbst das Studium der Theologie ist ihnen
ermglicht.

Diese glnzenden Resultate eines fast hundertjhrigen Kampfes drfen
jedoch nicht mit europischem Mastab gemessen werden. Es giebt,
besonders im Westen, sogenannte Universitten, deren Unterrichtskreis
nicht ber die Tertia unserer deutschen Gymnasien herausgeht; die
meisten entsprechen in Lehrplan und Lehrstoff der Sekunda und Prima,
soda der zum Schlu verliehene Grad eines Bachelor of Arts (B.A.) nicht
hher steht, als unser Abiturientenzeugnis. Sehr viele Colleges gleichen
hheren Tchterschulen in Deutschland, mit dem Unterschied, da
Mathematik und klassische Sprachen dem Unterricht eingegliedert sind;
andere wieder erreichen die Hhe deutscher Universitten. So kann
angenommen werden, da von den 25000 studierenden Frauen nur etwa 500 in
unserem Sinne Studentinnen sind.[268] Danach kann auf eine gewisse Hhe
der Allgemeinbildung der Amerikanerinnen, nicht aber auf
wissenschaftliche Grndlichkeit geschlossen werden. In der Erkenntnis
dieser Thatsache suchen nicht nur ernster Strebende an einer
europischen Universitt den Doktorgrad zu erringen, sie haben sich auch
zur Verbindung der Collegiate Alumnae zusammengethan, die durch
Stipendien das Studium im Auslande ermglicht und ein hheres Niveau der
inlndischen Ausbildung zu erreichen sucht. Das erstrebenswerteste Ziel
aber fr die weibliche Jugend Amerikas ist die bisher unerreichte
Erffnung der vier bedeutendsten Universitten: Harvard, Yale, Johns
Hopkins und Columbia. Erst eine Frau hat in Harvard ihr philosophisches
Doktorexamen machen drfen, und diese mute sich mit einer privaten
Bescheinigung darber begngen. Da sich nun aus den, als B.A.
entlassenen Schlerinnen der Universitten die Schulvorsteherinnen und
Lehrerinnen, auch vielfach die Professorinnen der Colleges rekrutieren,
so gehen deren Schlerinnen selbstverstndlich wieder als mangelhaft
Vorgebildete aus ihnen hervor, ein Zirkel, der nur dann durchbrochen
werden wird, wenn die schrfer werdende Konkurrenz mit den Mnnern die
Frauen zu grerer Energie um vertiefteren Unterricht aufstachelt.

Heute wird den Amerikanerinnen der Zutritt zu brgerlichen
Berufen--wohlbemerkt: Erwerbsberufen, nicht staatlichen oder kommunalen
Ehrenmtern--nur selten erschwert. Seit 1872, wo Illinois durch Gesetz
bestimmte, da alle Berufe ohne Unterschied des Geschlechtes jedem offen
stnden, sind etwa zwei Drittel der Bundesstaaten seinem Beispiel
gefolgt. Kaum ein Beruf drfte den Frauen vollstndig verschlossen sein;
seit der Ernennung von Dr. Anita Newcomb zur Militrrztin mit dem Range
eines Leutnants scheint selbst die militrische Karriere ihnen in
gewisser Weise offen zu stehen. Unter den Staatsbeamten finden sich
nicht nur Frauen in subalternen Stellungen: in zwei Staaten bekleiden
sie das Amt eines Staatssuperintendenten des Schulwesens, sind also mit
anderen Worten Unterrichtsminister. Weibliche Gemeindevorsteher
giebt es in grerer Zahl.[269] In 22 Staaten finden sich 227
Provinzialsuperintendenten der Erziehungsanstalten. Eine Frau, Mi
Estelle Reel, wurde von der Bundesregierung zum Oberinspektor der
gesamten Indianerschulen ernannt. In Michigan fungiert seit 1899 eine
Frau als Staatsanwalt; in Kansas sind 20 Prozent aller Schulrte und 5
Prozent aller Notare Frauen. In verschiedenen Parlamenten sind die
amtlichen Stenographen Frauen; 30 weibliche Fabrikinspektoren wirken in
den Bundesstaaten. Staatsarchivare und Bibliothekare sind zahlreich
angestellt. In allen Ministerien der Bundesregierungen sind weibliche
Beamte beschftigt. In den sogenannten liberalen Berufen ist die Zahl
der weiblichen Advokaten besonders bemerkenswert; sie werden in 22
Staaten zugelassen und selbst der oberste Gerichtshof in Washington
stellte durch Gesetz vom Jahre 1879 die Frauen den Mnnern gleich. Bis
heute nahm er acht Frauen auf. Weibliche Universittsprofessoren finden
sich auch an den ersten Universitten des Landes, so in Boston Mercy
Jackson als Professor fr Kinderkrankheiten, in Wiskonsin Helen Campbell
als Professor der Nationalkonomie. Auer in den genannten Berufen haben
Frauen sich durch kaufmnnische Unternehmungen selbstndig zu machen
gesucht, und besonders in den Sd- und Weststaaten haben sie sich als
Besitzer und Leiter von ausgedehnten Viehzchtereien und
Milchwirtschaften, von Gemse-, Obst- und Blumenkulturen aus Armut zum
Reichtum emporzuarbeiten verstanden.[270]

Der amerikanischen Entwicklung dieser Seite der Frauenfrage kommt die
englische am nchsten; die politische Freiheit verbunden mit der open
door policy, d.h. dem Gedanken des freien Wettbewerbs, hatte einen
rapiden wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge, der auch den Frauen
zugute kam. Der Platz am Brotkorb brauchte ihnen nicht in so heftiger
Weise streitig gemacht zu werden, wie sonst in Europa. Auch ihrem Ringen
nach hherer Ausbildung wurden weniger Schwierigkeiten in den Weg
gelegt.

Nachdem die knigliche Kommission zur Untersuchung der Schulzustnde,
die 1864 eingesetzt wurde, und deren weibliches Mitglied Mi Beale den
Stand der hheren Mdchenschulen zu begutachten hatte, die denkbar
ungnstigsten Berichte ber den Unterricht des weiblichen Geschlechts zu
geben gezwungen war, entstanden allenthalben Vereine zur Verbesserung
der Mdchenerziehung, die auf die Hhe des vorbereitenden Unterrichts
der Knaben zur Universitt gehoben werden sollte. Um einen Mastab fr
sie zu haben, richtete sich die nchste Agitation auf die Zulassung der
Mdchen zu den Lokalexamen der Universitten. Schon 1865 verstand sich
Cambridge, etwas spter Oxford zur Abhaltung dieser Examen, die etwa
zwischen das 13. und 16. Lebensjahr der Schler zu fallen pflegen.[271]
Sie stehen ungefhr den Examen unserer Realschulen gleich und
berechtigen keineswegs zum Universittsstudium. Um dies zu erreichen,
das den Frauen hartnckig verweigert wurde, legte Mi Emily Davies, die
schon die erfolgreiche Agitatorin fr die Lokalexamen gewesen war, im
Jahr 1869 zuerst in einem kleinen Hause in Hitchin die Grundlage zu
Girton College. Es gelang ihr, einige Professoren von Cambridge fr ihre
Idee, ihre Schlerinnen zunchst zu dem leichtesten--dem sogenannten
little-go--Universittsexamen vorbereiten, zu gewinnen. Sie bestanden
nicht nur dies, sondern drei Jahre spter auch das schwerste, das
Triposexamen. Inzwischen wurden nach dem Muster von Girton,
Newnham-College, gegrndet. Durch vereinte Bemhungen, die oft zu
heftigem Federkrieg fhrten, wurde endlich erreicht, da die Frauen zu
einzelnen Vorlesungen in der Universitt selbst Zutritt erlangten und
schlielich--im Jahre 1881--wurden sie zu den Universittsexamen, dem
little-go und Tripos, offiziell zugelassen; bis heute jedoch mssen sie
sich, trotz dauernder Bemhungen, mit einem einfachen Zertifikat
begngen; die Erteilung, der mit dem bestandenen Examen bei den
mnnlichen Studenten verbundenen Titel wird ihnen standhaft
verweigert,--es ist das das letzte Prrogativ, das die Mnner sich
vorbehalten wollen!--Der Kampf um Oxford war ein hnlicher, wie der um
Cambridge.[272] In dem Zeitraum von 1870 bis 1894 wurden die Frauen
nach und nach zu den Vorlesungen und Examen aller Fakultten, mit
Ausnahme der medizinischen zugelassen, aber die Titel gnnten ihnen auch
hier ihre mnnlichen Kollegen nicht. Dafr gewhrte ihnen schon 1878 die
Universitt London--lediglich eine Examinationsbehrde--smtliche Grade,
was um so wichtiger ist, als ihre Examen fr die weitaus schwersten
gelten. Mit kleinen Unterschieden,--so ist das Studium der Theologie und
Medizin an einigen Universitten den Frauen verboten--nehmen heute
smtliche Universitten Grobritanniens weibliche Studenten mit gleichen
Rechten auf wie mnnliche. Als eine Folge jedoch nicht nur der
englischen Prderie, wie viele meinen, sondern vor allem der auf diesem
Gebiet besonders lebhaften Konkurrenzfurcht der Mnner mu es angesehen
werden, wenn der schwierige Kampf der Frauen sich um das Studium der
Medizin, vor allem um die klinische Ausbildung drehte. Keine Schule und
keine Examinationsbehrde wollte Frauen zulassen und so entschlossen sie
sich denn, sich selbst zu helfen, indem sie, mit Untersttzung einiger
Professoren, 1874 die mit einem Frauenhospital verbundene London school
of Medicine for women grndeten. Ihrem energischen Vorgehen war es zu
danken, da durch Parlamentsbeschlu zwei Jahre spter die
Prfungsbehrden autorisiert wurden, weibliche Studenten zu examinieren.
Sie folgten freilich nur sehr langsam dieser offiziellen Aufforderung.
Bis heute haben sich neun Universitten und medizinische Schulen dazu
bereit erklrt, auerdem stehen ihnen acht allgemeine Krankenhuser
neben achtzehn Frauenhospitlern offen.[273]

Dem Beispiel des Mutterlandes folgten die Kolonieen. Die indischen
Universitten sind seit 1878 den Frauen geffnet; vier hhere Schulen,
von denen die in Pronah unter Leitung der gelehrten und wohlthtigen
Indierin Pundita Ramabai steht, sorgen fr die Vorbereitung; die
australischen Universitten Sydney und Melbourne haben nie einen
Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.[274]

Auch auf anderen Gebieten des vorbereitenden Unterrichts fr
brgerliche Lebensberufe ist fr das weibliche Geschlecht in England
fast ebenso gut gesorgt, wie fr das mnnliche. Private und ffentliche
Schulen zur gewerblichen, kaufmnnischen und knstlerischen Ausbildung
nehmen sie auf. Auf den Lehrerseminarien, von denen es fr Frauen mehr
giebt als fr Mnner, genieen sie die Vergnstigung unentgeltlicher
Ausbildung.

Den Weg zu einem neuen Frauenberuf erffnete die 1891 gegrndete
Gartenbauschule von Swanley[275]. Durch ihre Erfolge wurde den Frauen
auch die Schule der kniglichen botanischen Gesellschaft zugnglich.
Eine landwirtschaftliche Schule, die statutengem ausschlielich fr
gentlewomen, d.h. Frauen der brgerlichen Kreise bestimmt ist, richtete
Lady Warwick auf ihrer Besitzung 1898 ein. Wie sie neben der Grtnerei
die Geflgel- und Bienenzucht und die Milchwirtschaft in den Kreis neuer
$Arbeitsmglichkeiten einbezog, so geschieht es auch durch die von den
Grafschaftsrten und Gemeinden vielfach ins Leben gerufenen
landwirtschaftlichen Schulen; auch die landwirtschaftliche Nationalunion
von Grobritannien hat sich durch Grndung eines Frauenzweigvereins der
Sache angenommen. Durch die Einrichtung der Krankenpflegerinnenschule am
St. Thomashospital, die Florence Nightingale durchgesetzt hatte, nachdem
ihr im Krimkrieg die Schden der dilettantischen Krankenpflege traurig
genug bekannt geworden waren, wurde auch dieser Beruf ein Erwerbsberuf
gebildeter Frauen. So giebt es kaum ein Gebiet des Berufslebens, fr das
die Englnderinnen sich nicht vorbereiten knnten. Im Unterschied von
Amerika aber ist die Erziehung der Geschlechter,--mit Ausnahme von
Irland, wo krzlich der Versuch eines fr Knaben und Mdchen gemeinsamen
Colleges gemacht wurde,--fast durchweg eine getrennte. Daraus ergeben
sich sowohl praktische als psychologische Folgen schdlichster Natur und
die Ausbildung der Frauen ist vielfach eine minderwertige; so werden sie
z.B. in zwei Jahren zu Landschaftsgrtnern vorbereitet, whrend Mnner
dazu eine Studienzeit von 5 bis 6 Jahren brauchen; und fast alle, fr
das weibliche Geschlecht allein eingerichteten kaufmnnischen und
knstlerischen Schulen haben einen krzeren oder weniger grndlichen
Studiengang, als die fr Mnner bestimmten. Andererseits wird aber auch
durch das System der Trennung der Gegensatz zwischen den Geschlechtern,
der durch den Konkurrenzkampf hervorgerufen wird, noch verschrft, statt
da er durch gemeinschaftliche Erziehung htte gemildert werden und der
Begriff der Interessengemeinschaft seine Stelle htte einnehmen knnen.

Der Zugang zu brgerlichen Berufen wurde den Englnderinnen im
allgemeinen nicht allzu schwer gemacht. Sie waren nicht nur seit den
Zeiten des Feudalismus keine unbekannte Erscheinung im ffentlichen
Leben, sie hatten auch durch frhe, ausgedehnte und vortrefflich
organisierte philanthropische Thtigkeit fr ihr Verstndnis und ihre
Leistungskraft Zeugnis abgelegt. Von Elisabeth Fry, der Reformatorin des
Gefngniswesens, bis zu Beatrice Webb finden wir eine Reihe bedeutender
Frauen, die durch ihre Leistungen, mehr als durch ihre Worte fr das
Recht der Frau auf Arbeit kmpften. So konnte die Regierung schon 1873
den Versuch machen, die erste Frau, Mrs. Nassau Senior, als Inspektor
der unter dem Localgovernment Board geregelten Armenpflege anzustellen,
und wie sie schon 1864 eine Frau in die Kommission zur Untersuchung der
Schulverhltnisse berufen und ihr eine auerordentlich wertvolle Arbeit
zu verdanken hatte, so bergab sie nach und nach immer hufiger Frauen
wichtige Aufgaben. Von einschneidender Bedeutung war 1892 die Einsetzung
einer Kommission zur Untersuchung der Arbeiterverhltnisse, in der vier
Frauen mit Erhebungen ber die Lage der Arbeiterinnen betraut wurden.
Sie bewhrten sich so, da kurze Zeit spter eine von ihnen, Mi
Abraham, als erste Fabrikinspektorin und eine andere, Mi Collet, als
Korrespondentin des Labour Department angestellt wurde. Auch Aerztinnen
wurden als Bezirksrzte, als Sanittsinspektorinnen, als Leiter
ffentlicher Krankenhuser,--besonders in den Kolonieen,--Beamte der
Regierung. Vier von ihnen sind im Postdepartement beschftigt.

Seit 1870 hatte die Regierung die Telegraphenlinien aus dem Besitz der
privaten Gesellschaft bernommen und die weiblichen Angestellten
beibehalten, ja sie hatte, trotz der lebhaften Agitation dagegen,--der
einzigen, die in so groem Stil gegen das Eindringen der Frauen in
brgerliche Berufe in England entfaltet wurde,--Frauen bei den
Postsparkassen angestellt. Heute stehen 25928 Frauen im Post- und
Telegraphendienst Grobritanniens.[276] Unter ihnen giebt es eine
Anzahl, die bis zur Stellung von Postmeistern emporgestiegen sind. Fast
in allen Ministerien beschftigt die Regierung Beamtinnen, ebenso in der
Gefngnisverwaltung und -Aufsicht, auf kniglichen Observatorien und als
Assistenten der Bibliothekare. In hervorragend leitenden Stellungen
jedoch befinden sich keine Frauen. Bis vor einigen Jahren fhrte Miss
Abraham ziemlich selbstndig die Geschfte des aus 7 Personen
bestehenden weiblichen Fabrikinspektorats; als sie jedoch infolge ihrer
Heirat ausschied, nahm man dies zum Vorwand, die weiblichen Inspektoren
unter die Leitung des mnnlichen Oberinspektors zu stellen. Es scheint,
da sich in der: Zurckdrngung der Frauen auf untergeordnete Stellungen
der letzte Kampf gegen ihr Gleichberechtigungsbestreben ausdrckt. Er
spielt sich in den englischen Lokalverwaltungen ebenso ab, obwohl die
Frauenarbeit hier noch ausgedehnter und segensreicher wirkt, als im
Dienst der Regierung. Wohl haben die Frauenvereine in jedem Ort, fast in
jeder Gemeinde um die Anstellung weiblicher Beamten jahrelang ringen
mssen, jetzt aber knnen sie stolz auf das Erreichte sein: Wir finden
sie als Schul-, Sanitts und Handelsinspektoren, als Polizeimatronen und
Leiterinnen ffentlicher Anstalten aller Art, als Standes- und
Kirchspielbeamte, als Armenpfleger, als Steuererheber, als
Landschaftsgrtner ffentlicher Anlagen und als Dozentinnen in den
Haushaltungs- und landwirtschaftlichen Schulen der Grafschaftsrte
thtig, aber Gemeindevorsteher und Brgermeister wie in Amerika finden
wir nicht. Anders gestaltet es sich in den privaten Berufen, wo die
persnliche Leistungsfhigkeit allein den Ausschlag giebt. Nicht
nur, da weibliche Handelsangestellte, Stenographinnen und
Maschinenschreiberinnen vor den Mnnern schon vielfach den Vorzug
erhalten, immer mehr Frauen arbeiten sich zu Leiterinnen groer
Geschfte, selbst zu Bankiers empor, die, obwohl die Brse ihnen
verschlossen ist, zahlreiche Kunden haben. Und die Zahl der
Privatgelehrten und Schriftstellerinnen, der Journalisten und Reporter
nimmt Jahr um Jahr erheblich zu. Selbst in scheinbar den Frauen
fernliegenden Berufen, wie in dem des Architekten, finden wir sie thtig
und zwar mit solchem Erfolg, da krzlich eine von ihnen zum Mitglied
der sehr exklusiven Kniglichen Gesellschaft der Architekten gewhlt
wurde. Unter den gelehrten Berufen aber ist der medizinische derjenige,
in dem die Frauen in England wie in Amerika sich am meisten auszeichnen.
Sie erfreuen sich groer Praxis und allgemeiner Anerkennung, die auch
den Konkurrenzneid der Mnner soweit besiegte, da sie vor wenigen
Jahren Mrs. Garrett-Anderson zur Vorsitzenden einer groen Abteilung der
fast nur aus Mnnern bestehenden medizinischen Gesellschaft erwhlten.

Am strksten ist natrlich das weibliche Geschlecht im Lehrberuf
vertreten. Nicht nur, da sie die mnnlichen Lehrer an Zahl berwiegen,
es ist ihnen gelungen, leitende Stellungen, auch an Knabenschulen zu
erobern. Dabei mu eingeschaltet werden, da das englische hhere
Schulwesen ausschlielich in Privathnden ruht, weder Staatshilfe noch
Staatsaufsicht geniet und die Gesellschaften, die es leiten, zum groen
Teil auch aus Frauen bestehen. Infolgedessen konnte die englische
Lehrerin zu solcher Bedeutung gelangen. Die mnnlichen Staats- und
Lokalverwaltungen reprsentieren immer eine konservative Macht, die nur
schwerfllig vorwrts schreitet. Das zeigt sich auch dort, wo die Frau
solche Stellungen zu erreichen strebt, auf deren Gewhrung die Behrden,
vom eingewurzelten Vorurteil berdies untersttzt, irgend welchen
Einflu ben. Kranken- und Armenpflege, Erziehung und Unterricht waren
seit alten Zeiten ein Frauenberuf innerhalb der Familien und des
Stammes, es galt nur, ihn weiter auszubilden, ihn ber die
ursprnglichen Grenzen herauszufhren, um zur Armenpflegerin und
Inspektorin, zur Lehrerin und Aerztin zu fhren. Berufe aber, die nicht
von Anfang an mit dem Weib als Geschlechtswesen in engem Zusammenhang
standen, galten von vornherein fr unweiblich und wurden ihr daher
verschlossen. So geschieht es z.B. in England noch bei dem Beruf des
Geistlichen und des Advokaten; nur einzelne Sekten haben Predigerinnen
und Missionarinnen, die Hochkirche lt sie ebensowenig zu wie die
lutherische und katholische; und nur als Rechtskonsulenten drfen Frauen
seit kurzem praktizieren, weibliche Advokaten schliet jeder
Gerichtshof vorlufig noch aus.

Frankreich, das im 18. Jahrhundert der Frauenbewegung Richtung und Ziel
gegeben und sie in den revolutionren Strmen des 19. Jahrhunderts
jedesmal zu neuem Leben erweckt hatte, blieb schlielich in seinen
Erfolgen hinter Amerika und England zurck. Die Ursache davon ist
vorwiegend in der durch die Napoleonische Gesetzgebung hervorgerufenen
zivilrechtlich ungnstigen Lage der Frauen zu suchen. Sobald daher die
Frauenbewegung sich von der Reaktion der fnfziger Jahre erholt hatte,
verwandte sie ihre besten Krfte auf den Kampf gegen eine Unterdrckung,
die wohl geeignet war, jedes Vorwrtsstreben zu erschweren. Ihre
Agitation fr hheren Unterricht und Zulassung zu brgerlichen Berufen
war aber immerhin, wenn sie auch in zweiter Linie stand, eine lebhafte.
Zunchst galt es, die teilweise Erffnung der Universitt nicht dadurch
illusorisch werden zu lassen, da die Erfllung der Vorbedingungen nicht
vorhanden war. Man versuchte es Ende der sechziger Jahre mit der
Einrichtung freier Vortragskurse fr Mdchen, ohne Erfolg zu haben. Auch
die Privatanstalten gengten nicht. Legouv, der nach wie vor an der
Spitze dieser Bewegung stand, sammelte schlielich eine immer grere
Zahl von Frauen und Mnnern um sich, die fr die Idee der staatlichen
Intervention eintraten und die Errichtung von Mdchengymnasien
verlangten, die denen fr Knaben entsprechen sollten. Aber erst im Jahre
1880 setzte Camille Se ein Gesetz durch, wonach der Staat sich
verpflichtete, mit Untersttzung der Kommunen hhere Mdchenschulen ins
Leben zu rufen. Wenn dies Gesetz auch den Wnschen der Frauen und ihrer
Freunde noch nicht entsprach, denn in der Praxis gestalteten sich die
neuen Institute, von denen jetzt 32 staatliche und 27 stdtische
bestehen, nur zu erweiterten Elementarschulen, keineswegs zu Gymnasien,
so war die Anerkennung der Notwendigkeit hherer Frauenbildung durch den
Staat immerhin ein Fortschritt. Seine Bedeutung ist um so grer, als
von vornherein ausschlielich Frauen zu Leitern und Lehrern in den
Lyceen bestimmt wurden. Das brachte eine Hebung des Lehrerinnenberufs
mit sich und fhrte schon ein Jahr spter zur Grndung der Ecole normale
in Svres, an der die Ausbildung der dem hheren Mdchenunterricht sich
widmenden Frauen erfolgt[277], soweit sie sich nicht durch
Universittsstudien vorbereiten. Seit 1870 schon stehen ihnen, mit
Ausnahme der theologischen, nicht nur smtliche Fakultten offen, sie
knnen auch dieselben Grade erwerben wie die Mnner. Auf dem Gebiet der
Medizin hatten sie allerdings einen Kampf zu kmpfen, der bis heute noch
nicht ganz zum Ziele fhrte: Zur klinischen und chirurgischen Ausbildung
und dem damit verbundenen Examen wurde ihnen gar nicht oder nur
ausnahmsweise Zula gewhrt. Schlielich erreichten sie es, in den
Pariser Spitlern vier Jahre studieren zu drfen, ohne da man sie
jedoch zu den hheren Prfungen zulie. Die Studenten sowohl wie die
Aerzte waren whrend des ganzen Kampfes ihre ausgesprochenen Gegner.
Auch auf einem anderen Gebiete, dem des knstlerischen Studiums, war von
einer Gleichberechtigung der Frauen lange Zeit hindurch keine Rede.
Selbst die Leistungen einer Rosa Bonheur, einer Vig-Lebrun waren nicht
im stande gewesen, den Frauen den Zugang zur Ecole des Beaux-Arts zu
ermglichen. Die traditionelle Meinung, da die guten Sitten dadurch
verletzt wrden, mute hier ebenso wie beim klinischen Unterricht als
Vorwand der Ausschlieung dienen. Erst 1897 erfolgte die Zulassung; die
franzsische Kammer bewilligte zugleich eine bestimmte Summe zur
Grndung von zwei Ateliers fr Schlerinnen, um damit dem Vorurteil der
gemeinsamen Ausbildung der Geschlechter entgegen zu kommen.

Viel rascher ging die Frage des gewerblichen und kaufmnnischen
Unterrichts der Frauen einer Lsung entgegen. Schon 1870 zhlten die
fnf Pariser kaufmnnischen Schulen 800 Schlerinnen. In den Provinzen
entstanden, zum Teil durch die Kommunen, hnliche Anstalten, deren
starke Frequenz dafr Zeugnis ablegt, da sie einem dringenden Bedrfnis
entsprechen.

Die Frau im kaufmnnischen Beruf ist denn auch seit langem eine
wohlbekannte Erscheinung in Frankreich, und man rhmt ihr allgemein ihre
Umsicht und ihren praktischen Verstand nach. Frauen, die ihr Geschft
wirklich ganz selbstndig leiten, sind hier daher verhltnismig
hufiger zu finden, als in anderen Lndern. Schon in den
fnfziger Jahren wurden ihre Talente dadurch anerkannt, da die
Eisenbahngesellschaften anfingen, Frauen in ihren Bureaux anzustellen,
und der Staat, der schon im Anfang des Jahrhunderts Frauen im Postdienst
beschftigt hatte, vermehrte ihre Zahl von 1877 ab bedeutend.[278]
Auerdem vertraute er smtliche Tabakgeschfte--die Tabakfabrikation und
der Handel mit Tabak sind bekanntlich Staatsmonopol--, Frauen an, und
beschftigt eine groe Zahl von ihnen in der Bank von Frankreich. Im
brigen ist die Zahl der staatlich angestellten Frauen gering und sie
befinden sich fast ausschlielich in untergeordneten Stellungen. Den
hchsten Rang nehmen die Gefngnis- und Schulinspektorinnen--von denen
es allerdings nur drei giebt--ein. Die Fabrikinspektorinnen bekleiden
nur das Amt von Assistentinnen, haben sich aber so bewhrt, da z.B.
allein im Seine-Departement 14 thtig sind. Auer ihnen sind weibliche
Staatsbeamte als Gefangenenwrter, als Lehrerinnen in Taubstummen- und
Hebammenschulen zu finden. Seit einiger Zeit hat die Regierung auch
Aerztinnen in ihren Dienst genommen: Madame Sarraute wirkt an der groen
Oper; fr das weibliche Postpersonal sind in Paris zwei Aerztinnen
angestellt, andere Aerztinnen wurden den afrikanischen Missionen
angeschlossen oder an staatlichen Mdchenlyceen verwendet.[279] Von
allen Frauen werden natrlich Lehrerinnen vom Staat und von den Kommunen
am meisten beschftigt. Ihr Einflu reicht soweit, da sie sowohl den
Departementsrten als dem Oberschulrat als gleichberechtigte Mitglieder
angehren knnen. Aber noch keiner Frau ist es gelungen, als Dozent an
der Universitt zugelassen zu werden oder die Leitung eines Hospitals in
die Hand zu bekommen. Sobald es sich um angesehene oder besser bezahlte
Stellungen handelt, hrt auch bei den damenfreundlichen Franzosen das
Entgegenkommen auf. Trotzdem wird der Zugang zu brgerlichen Berufen den
Frauen leichter gemacht, als etwa in England; sei es, weil infolge der
stagnierenden Bevlkerung die Konkurrenz keine so lebhafte ist, sei es,
weil die Franzsinnen der brgerlichen Kreise selbst noch nicht nach Amt
und Brot so heftig zu streben gezwungen sind. Unter den Studentinnen
giebt es wenig geborene Franzsinnen, selbst unter den Aerztinnen, von
denen in Paris allein 77 eine groe Praxis ausben, sind viele
Auslnderinnen. Neuerdings hat die franzsische Frauenbewegung dadurch
einen wichtigen Schritt vorwrts gethan, da die Frauen zur Advokatur
zugelassen wurden. Es war das jedenfalls nur die notwendige Konsequenz
der Zulassung zum juristischen Studium. Jeanne Chauvin, die es schon vor
Jahren glnzend absolvierte, hatte lange vergebens alles aufgeboten, um
zu ihrem Recht zu gelangen. Nur als Beamte in den Bureaux der
Rechtsanwlte hatten Frauen festen Fu gefat. 1899 jedoch nahm die
Kammer einen Antrag des sozialistischen Abgeordneten Viviani an, der die
Zulassung der Frauen zur Advokatur forderte. Im Herbst 1900 besttigte
der Senat das Votum und ein Vierteljahr spter wurde die erste
Advokatin, Madame S. Balachowski-Petit, feierlich vereidet.

Unter den brgerlichen Berufen privater Natur, in denen die Franzsinnen
thtig sind, wird einer von ihnen besonders geschtzt: der
schriftstellerische und journalistische. Von jeher haben sich die
Franzsinnen durch ihre Gewandtheit, mit der Feder umzugehen,
hervorgethan. Es sei hier nur auf Madame de Stal, Georges Sand, Madame
d'Agoult (Daniel Stern), neuerdings auf Juliette Adam, die Severine, die
Gyp und viele andere hingewiesen. Seit 1898 nun haben sie, allen anderen
Lndern vorangehend, den Versuch gemacht, die weiblichen Talente
zusammenzufassen, indem Madame Marguerite Durand unter dem Titel La
Fronde eine nur von Frauen redigierte, geschriebene, ja sogar gedruckte
politische Tageszeitung grndete. So wenig solch ein Unternehmen auch
dem wirklichen Fortschritt entspricht und im Interesse der
Frauenbewegung gelegen ist--denn erst das Zusammenarbeiten von Mann und
Weib auf gleichen Gebieten und unter gleichen Bedingungen wrde ihre
Krfte sthlen und erproben--, so liefert es doch fr die Fhigkeiten
der Frau den Beweis und bahnt den Weg zu neuen Erwerbsmglichkeiten.

Trotz der Fortschritte, die Frankreich auf dem Gebiet der brgerlichen
Frauenarbeit gemacht hat, sind sie doch nicht in demselben Tempo
erfolgt, wie man es nach den Anfngen der franzsischen Frauenbewegung
htte annehmen knnen, und in dem, was erreicht wurde, ist es von
manchen anderen Lndern berflgelt worden.

Nur ein flchtiger Ueberblick,--die Schilderung der Frauenbewegung eines
jeden Landes wrde ins Endlose fhren und im groen und ganzen dieselben
Entwicklungslinien zeigen, die wir schon verfolgt haben,--soll den
Beweis dafr erbringen.

In Ruland, das schon in den sechziger Jahren Universitts- und
medizinische Kurse eingerichtet hatte, vermochte selbst die mehr als
zehnjhrige Reaktionszeit von 1882 an, whrend der das Studium der
Medizin den Frauen nicht gestattet wurde, dem Fortschritt ihrer Sache
nicht Einhalt zu gebieten. Schon 1883 wirkten allein in Petersburg 52
Aerztinnen. 1896 erfolgte dann die Neuerffnung der medizinischen
Hochschule, die den Frauen dieselbe Ausbildung zu teil werden lt, wie
sie die Mnner erhalten, und sie denselben Prfungen unterwirft. Sowohl
in Moskau als in Kiew knnen sie unter gleichen Verhltnissen Medizin
studieren, auerdem steht ihnen in Petersburg ein orientalisches Seminar
zur Verfgung. Die Vorbereitung zur Universitt vermitteln die schon
1868 von Frauen gegrndeten und geleiteten hheren Frauenkurse, die mit
der Zeit in Bezug auf den Unterrichtsstoff und die Organisierung immer
besser ausgebildet wurden. Auer ihnen bestehen noch klassische
Mdchengymnasien, deren Besuch ebenfalls zum Universittsstudium
berechtigt, und 350 Mdchenlyceen, die in manchen Punkten unseren
hheren Tchterschulen hnlich sind, in anderen wieder,--z.B. werden die
klassischen Sprachen gelehrt, wenn auch dieser Unterricht nur fakultativ
ist,--weit ber sie hinaus gehen.[280] Besonders hoch steht in Ruland
die Ausbildung der Lehrerinnen. Nicht nur, da sie groenteils
Universittsbildung besitzen, es wird ihnen auch in den "Instituten der
Kaiserin Maria", die der kaiserlichen Kanzlei unterstehen, eine ebenso
billige wie vortreffliche Erziehung geboten, die sie, nach Absolvierung
der Prfungen, zum Gouvernanten- und Volksschullehrerinnenberuf
berechtigt. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, da
unter den russischen Frauen die Lehrerin die Trgerin nicht nur der
Frauenbewegung, sondern auch die wichtigste Befrderin der
Volksaufklrung und des sozialen Fortschrittes ist. Ihre Leistungen
fanden soweit ffentliche Anerkennung, da Mdchenschulen und
Mdchengymnasien groenteils weibliche Lehrkrfte und sogar weibliche
Direktoren haben, die allerdings zum Direktor des Knabengymnasiums in
einem gewissen Abhngigkeitsverhltnis stehen.

Einer groen Beliebtheit erfreuen sich die weiblichen Aerzte, deren
staatliche Anstellung immer allgemeiner wird. Im Gegensatz zu der
herkmmlichen Ansicht, da Frauen groen krperlichen Strapazen nicht
gewachsen sind, hat es sich gezeigt, da gerade die Landrztinnen, die
gezwungen sind, unter elenden Verhltnissen, inmitten einer rohen
Bevlkerung, auf schlechten Landwegen, bei allen Schauern eines
russischen Winters, ihrer Praxis nachzugehen, sich auerordentlich
bewhren. Aber auch in den Grostdten sind sie mit Erfolg thtig. In
Petersburg, wo neben 21 mnnlichen 15 weibliche Bezirksrzte und
auerdem 35 Aerztinnen in staatlichen Krankenhusern Anstellung
fanden[281], hat der Magistrat in einem offiziellen Bericht
festgestellt, da auf einen mnnlichen Arzt 5400 bis 8000 Patienten, auf
einen weiblichen 7000 bis 11000 fallen, diese also vom Publikum
bevorzugt werden. Auer ihnen erfreuen sich auch die weiblichen
Apotheker eines guten Rufs. Noch ein anderer fr die russischen
Verhltnisse wichtiger Frauenberuf findet die Untersttzung des Staates:
Seit kurzem hat das Ministerium fr Landwirtschaft landwirtschaftliche
Lehranstalten fr Frauen in allen Teilen des Landes eingerichtet, in
denen sie sich fr alle in Betracht kommenden Fcher ausbilden knnen.
Die ersten, die ihre Studien zu Ende fhrten, wurden von der Regierung
teils in den Bureaux des Ministeriums, teils als Inspektorinnen
angestellt. Auch der Frage der Fabrikinspektoren ist Ruland in
hnlicher Weise nahegetreten, indem es zunchst die Einrichtung von
Unterrichtskursen plant, deren Schlerinnen dann als Aufsichtsbeamte
Verwendung finden sollen. Als ein groer Erfolg kann es ferner
betrachtet werden, da die Staatsbank Frauen beschftigt. Diese
Untersttzung, die seitens der ffentlichen Verwaltung der
Frauenbewegung zu teil wird, lt sich wesentlich aus dem Mangel an
Arbeitskrften erklren und der geringe Widerstand, der ihr seitens der
Mnner entgegengesetzt wird, hat seinen Grund darin, da das riesige
Land und das groe Volk besonders fr Lehrer und Aerzte noch unendlich
viel Platz haben.

Noch weiter vorgeschritten als Ruland ist Finland, wo Gymnasien und
Universitt dem weiblichen Geschlecht mit gleichen Rechten offen stehen,
wie dem mnnlichen. Hier finden sich neben staatlich angestellten
Aerztinnen auch weibliche Armenpfleger und Direktoren von Armenhusern.
In den Privatberufen haben die Frauen sich vor allem als Leiterinnen und
Lehrerinnen der weit verbreiteten Volkshochschulkurse hervorgethan.

Das benachbarte Schweden, das schon 1870 zwei Universitten den Frauen
erffnete und ihnen die medizinische Laufbahn erschlo, gewhrt
ihnen heute fast berall dieselben Rechte wie den Mnnern. Die
Mdchenschulen, an die sich Gymnasialklassen anschlieen, bereiten zum
Abiturientenexamen vor, das auch von den Mdchen mit Vorliebe gemacht
wird, die nicht das Universittsstudium daran schlieen; infolgedessen
ist die Bildung der Schwedinnen eine im allgemeinen hohe. Seit Sonja
Kowalewska als erster weiblicher Dozent den Lehrstuhl fr Mathematik in
Stockholm bestieg, steht auch diese Laufbahn den Frauen offen. Dr. Ellen
Fries war ihre nchste Nachfolgerin, und 1897 wurde Dr. Elsa Eschelson
zum Professor der Jurisprudenz an die gleiche Universitt berufen. Ein
Jahr spter wurde eine Aerztin am Pathologisch-Anatomischen Institut der
Stockholmer medizinischen Hochschule angestellt. Die Lehrerinnen, die an
der Lehrerschaft Schwedens mit 63 Proz. beteiligt sind, knnen schon
seit 15 Jahren Mitglieder der Schulaufsichtsbehrden werden, auch als
Armenpfleger und im Dienste der Sittenpolizei finden Frauen Verwendung.
Seit dem Jahre 1898 sind sie offiziell zur Advokatur zugelassen.
Norwegen war darin mit gutem Beispiel vorangegangen. Der erste
juristische Verein hatte sich mit solchem Nachdruck auf die Seite der
Frauen gestellt, da sogar ihre Zulassung zum Verwaltungsdienst und zum
Notarberuf erfolgte,[282] Die Universitt, die ihnen erst 1880 erffnet
wurde, lt sie heute zu jedem Studium und zu allen Prfungen zu, ebenso
sind die Gymnasien ihnen geffnet. Apothekerinnen und Aerztinnen,
Gymnasiallehrerinnen und Schulinspektorinnen sind schon lange eine
gewohnte Erscheinung. Im Post- und Telegraphendienst befinden sich
Frauen in Norwegen und Schweden schon seit 1857 resp. 1860.

Dnemark steht hinter den genannten Lndern zurck. Zwar lt die
Universitt Kopenhagen seit 1825 Frauen mit gleichen Rechten zu,
Aerztinnen sind den Aerzten gleichgestellt, und die Schulbehrden haben
weibliche Mitglieder, aber der Anwaltsberuf ist ihnen verschlossen und
der Staat stellt nur selten weibliche Beamte an.

Ein hnliches Verhltnis besteht in Belgien, wo sogar die Aerztinnen
ihrem Beruf nicht ungehindert nachgehen knnen. Besonders gut
eingerichtet ist dagegen hier die gewerbliche und landwirtschaftliche
Ausbildung der Frauen, die auch vom Staat dadurch untersttzt wird, da
landwirtschaftliche Lehrerinnen zur Abhaltung von Vortragskursen und
Leitung praktischen Unterrichts auf das Land geschickt werden. Einen
heftigen, aber bisher ganz vergeblichen Kampf kmpfen bisher die Frauen
unter Fhrung der Juristin Marie Popelin um Zulassung zur
Advokatur.[283]

Weit grere Fortschritte hat die hollndische Frauenbewegung zu
verzeichnen. In Bezug auf wissenschaftliche Ausbildung genieen
die Frauen genau dieselben Vorteile wie die Mnner. Auch die
Gymnasien besuchen Knaben und Mdchen gemeinsam. Ebenso ist kein
wissenschaftlicher Beruf ihnen verschlossen. Besonderer Beliebtheit
erfreuen sich die weiblichen Aerzte. Eine von ihnen, Frulein Dr. von
Tussenbroek, wurde 1898 als Professor der Frauenheilkunde an die
Universitt Utrecht berufen. Unter den drei von der Kommunal-Verwaltung
Amsterdams angestellten Aerzten ist einer eine Frau, und die
medizinische Examinationskommission hat seit 1898 auch ein weibliches
Mitglied. Im Staatsdienst steht auerdem eine Assistentin der
Fabrikinspektion, deren Anstellung allerdings erst das Ergebnis einer
sehr langen Agitation gewesen ist.

Die Schweiz, die zuerst Frauen zum Universittsstudium zulie, ist ihrem
frauenfreundlichen Prinzip seitdem treu geblieben. Zunchst spricht die
steigende Verwendung von Lehrerinnen dafr: seit 1871 haben sie um 87
Proz., die Lehrer nur um 9 Proz. zugenommen. Einen noch strkeren Beweis
liefert der Umstand, da die Frauen nicht nur als Schulrte,
Schulinspektoren, Armenpfleger und,--wenn auch vorlufig in geringem
Umfang,--als Arbeitsinspektoren thtig sind, sondern da ihnen auch das
Recht gewhrt wurde, Lehrsthle der Universitten einzunehmen, sowie
seit 1899 als Rechtsanwlte zu praktizieren.

Italien hat gleichfalls seine alten Traditionen nicht verleugnet. Wie im
Mittelalter, so lehren auch jetzt noch weibliche Dozenten an den
Universitten, die den weiblichen Studenten nie verschlossen waren, und
in denen sie seit 1890 den mnnlichen in jeder Beziehung gleichstehen.
Die Knabengymnasien werden auch von Mdchen besucht, auerdem existieren
noch besondere Mdchengymnasien mit dem gleichen Lehrplan, von denen das
erste 1891 vom Kultusministerium in Rom erffnet wurde. Schon 1868
stellte der Staat die erste Schulinspektorin an[284]; heute sind doppelt
soviel Lehrerinnen als Lehrer thtig und wirken sowohl an Knaben- wie an
Mdchenschulen. Aerztinnen und Apothekerinnen stehen den Mnnern vllig
gleich. Nur um die Zulassung zur Advokatur kmpfen die Frauen, seitdem
Laida Pot, nach glnzend absolviertem Doktorexamen, energisch dafr
eintrat[285], bis heute ebenso vergebens wie in Belgien, und im
Staatsdienst stehen, auer den Post- und Telegraphenbeamtinnen, nur
wenige Frauen.

Unter den romanischen Lndern sind Spanien und Portugal die
zurckgebliebensten, obwohl auch ihre Universitten, zum Teil sogar seit
Jahrzehnten, den Frauen offen stehen. Es fehlt jedoch an den Mitteln zur
ntigen Vorbildung. In Spanien sind auch die hheren Berufe den Frauen
verschlossen, whrend in Portugal weibliche Aerzte praktizieren
drfen.[286] Selbst die Trkei, wo ein Mdchengymnasium besteht,
gestattet den Frauen schon seit 1894 das Studium der Medizin und lie
sie bereits ein Jahr frher zur rztlichen Praxis zu. Griechenland,
Serbien und Rumnien gewhren den Frauen in Bezug auf Bildung und Beruf
fast vllig gleiche Rechte mit den Mnnern. Rumnien lt sie zu den
Lehrsthlen der Universitt und zur Advokatur zu.[287] Erklren lt
sich diese, fr die kulturell im allgemeinen zurckgebliebenen Lnder
merkwrdige Erscheinung dadurch, da der Zudrang zum Studium und zu den
wissenschaftlichen Berufen seitens der Mnner kein groer ist, und man
nicht nur die Lcken durch Frauen ausfllen, sondern auch durch ihren
Wettbewerb die Leistungen der Mnner steigern will. Hierzu kommt, da
weibliche Aerzte gerade in muhamedanischen Bevlkerungen, wo die kranken
Frauen jeder rztlichen Hilfe entbehrten, weil sie nur von Mnnern
ausging, einem dringenden Bedrfnis entsprechen.

Aus diesem Grunde hat auch Oesterreich sich schon verhltnismig frh
entschlossen, Aerztinnen anzustellen, obwohl seine Stellung zur
Frauenbewegung damals noch eine reaktionre war. 1890 wurde die erste
Aerztin, Dr. Krajewska, nach Bosnien berufen, der bald drei andere
folgten. Sie stehen in ihren amtlichen Rechten und Pflichten den
mnnlichen Aerzten vllig gleich. Ihrer Ausbildung konnten sie jedoch
nur auf nicht-sterreichischen Universitten nachgehen. Obwohl bereits
im Jahre 1878 die ersten Frauen als Gste einzelnen Vorlesungen an
sterreichischen Universitten beiwohnen durften, wurden sie erst seit
1897 als Studentinnen zu den Vorlesungen und Prfungen der
philosophischen Fakultt zugelassen, whrend sie offiziell weder Medizin
studieren noch darin geprft werden konnten. Erst neuerdings ist es
ihnen ermglicht worden; es steht sogar zu erwarten, da das Studium der
Jurisprudenz ihnen an allen Universitten gestattet wird. Gnstiger
stellt sich die Frage des Universittsstudiums der Frauen in Ungarn, wo
sie 1896 an der Universitt Budapest zu allen Fakultten zugelassen
wurden.[288] Die Vorbereitung zur Universitt ist die Aufgabe einer
Anzahl privater Mdchengymnasien, die seit Anfang der neunziger Jahre in
Prag, Wien, Budapest, Krakau und Lemberg bestehen und auf die zhe
Agitation verschiedener Frauenvereine zurckzufhren sind.

Die Berufsthtigkeit der sterreichischen Frauen, die sich besonders im
letzten Jahrzehnt rasch erweitert hat, beschrnkt sich trotzdem nur auf
wenige Berufe. Zwar steht ihnen die rztliche Laufbahn offen, in Ungarn
sind sie auch zum Apothekerberuf zugelassen, im allgemeinen aber wenden
sich die meisten erwerbsuchenden Frauen aus brgerlichen Kreisen noch
dem traditionellen Lehrerinnenberuf zu. Dort hat die Regierung sich nach
und nach immer mehr dazu verstanden, die Volksschule, vielfach auch die
Knabenklassen, weiblichen Lehrkrften anzuvertrauen. Seit
kurzem--1899--hat Galizien den Anfang gemacht, Frauen auch in den
Bezirksschulrat aufzunehmen,--ein Vorgehen, das von den brigen Lndern
der sterreichisch-ungarischen Monarchie bald nachgeahmt werden drfte.
Im Staats- und Gemeindedienst stehen, auer den Volksschullehrerinnen,
die Post- und Telegraphenbeamtinnen, deren Zulassung erst nach hartem
Kampf mit den mnnlichen Kollegen erfolgte, eine Anzahl
Gerichtssachverstndige und Bureaubeamte in untergeordneten Stellungen.

Noch ein Blick auf die auereuropischen Lnder vollende die Uebersicht:
in Australien genieen die Frauen fast berall die gleichen Rechte auf
Bildung und Beruf wie die Mnner. Sie stehen als Fabrik- und
Schulinspektoren, als Ministerialbeamte im Staatsdienst; sie wirken als
Aerzte, Anwlte und Lehrer ungehindert. In Mexiko und Brasilien knnen
sie als Advokaten und Aerzte praktizieren. Selbst in Asien hat die
Frauenbewegung Fortschritte zu verzeichnen: weibliche Aerzte und
Rechtsanwlte sind in Indien, dessen Universitten den Frauen offen
stehen, keine Seltenheit. Neuerdings nimmt auch die japanische
Universitt Studentinnen auf und die Grndung einer eigenen
Frauenhochschule steht in Aussicht. Im japanischen Postdienst finden
Frauen Verwendung. China hat krzlich ein Mdchengymnasium gegrndet und
an der Universitt Peking dozieren weibliche Professoren. Der Negus von
Abessinien und der Emir von Afghanistan haben Aerztinnen an ihren Hof
berufen, und in Arabien verbreitet eine Frauenzeitung die Ideen der
Frauenbewegung.

Wenden wir uns nunmehr Deutschland zu, das wir absichtlich
zurckgestellt haben, damit es sich um so deutlicher, gleichsam wie ein
dunkles Relief von einem hellen Hintergrund, von der vorgeschrittenen
Entwicklung der brigen Lnder abhebe.

Der Fortschritt der Frauenbewegung wurde hier zunchst allein durch die
Organisation der Frauen bezeichnet. Fr die deutsche Frau, die mehr als
irgend eine andere an die Familie, an das Haus gebunden gewesen war,
erschien die Grndung von Frauenvereinen an sich schon als ein
bedeutsames Ereignis. Da es einem Bedrfnis entsprach, bewies das
zahlreiche ins Leben treten von Verbnden im Anschlu an den Allgemeinen
deutschen Frauenverein und an den Letteverein. Einesteils drngte das
von Sorgen und Zweifeln bervolle Frauenherz nach Aussprache,
andererseits trieben die traurigen Vermgensverhltnisse Tausende auf
die Suche nach Arbeit. Schon 1869 konnte daher der Letteverein an die
Spitze eines Verbandes deutscher Bildungs- und Erwerbsvereine treten,
deren Organ "Der Frauenanwalt" eine freilich recht gemigte Sprache
fhrte, und der Allgemeine deutsche Frauenverein konnte fr sich und
seine Zweigvereine das Blatt "Die neuen Bahnen" ins Leben rufen, das
etwas energischer auftrat. Auf eine bessere Ausbildung der Mdchen
versuchten beide zunchst einzuwirken. Handels- und Gewerbeschulen, wie
sie in Berlin, Leipzig und Hannover seit einigen Jahren bestanden[289],
wurden auch anderwrts eingerichtet, um die Mdchen vor allem zum
kaufmnnischen Beruf vorzubereiten; sie verdankten ihr Entstehen
jedoch fast ausschlielich privater Untersttzung. Staat und
Kommunalverwaltungen verhielten sich ganz ablehnend. Noch schroffer war
ihre Haltung, sobald die Frage der wissenschaftlichen Erziehung der
Mdchen an sie herantrat. Fanny Lewald hatte ihre Zulassung zu den
bestehenden Gymnasien gefordert[290]; der Allgemeine deutsche
Frauenverein war schon vorsichtiger, indem er auf einer seiner
Generalversammlungen der Rede des Dr. Wendt zustimmte, der die Grndung
von Realgymnasien fr Mdchen befrwortete. Aber nicht nur auerhalb,
auch innerhalb des Vereins gab es noch ngstliche Gemter genug, die um
die Gefhrdung der Weiblichkeit zitterten, oder die Bestrebungen der
Frauen mit Hohn und Spott berschtteten. Unter den Politikern, wie
unter den Mnnern der Wissenschaft fand sich kein Verteidiger ihrer
Sache. Die erste Petition des Lettevereins um Errichtung von
Mdchengymnasien wurde mit Entrstung zurckgewiesen[291], und Heinrich
von Sybel machte sich zum Wortfhrer der Gegner des Frauenstudiums,
indem er sich scharf gegen jede Emanzipation wandte und das Schlagwort
von dem "einzigen Beruf" des Weibes, dem, Gattin und Mutter zu sein,
schuf, das die poetischen wie die prosaischen Feinde der Frauenbewegung
mit gleicher Gewandtheit seitdem im Munde fhren. Ganz blind konnte
jedoch selbst er nicht an den thatschlichen Verhltnissen vorbergehen,
die es vielen Frauen unmglich machten, ihren "einzigen Beruf" zu
erfllen und so entschlo er sich zu der Inkonsequenz, der
Unverheirateten wegen, die Einrichtung von naturwissenschaftlichen,
medizinischen und kaufmnnischen Schulen fr wnschenswert zu
erklren.[292]

Eine hnliche Stimmung zeigte sich berall: man gab die Notwendigkeit
besserer Mdchenerziehung zu, aber man htete sich ngstlich, sich
einzugestehen, wodurch sie verursacht wurde. Charakteristisch hierfr
waren die Verhandlungen der Tchterlehrerversammlung in Weimar 1872.
Eine Neuorganisation des hheren Mdchenschulwesens, sogar ihre
gesetzliche Regelung wurde allgemein gewnscht, die Erwerbsfrage aber
feige verleugnet und ausdrcklich bestimmt, da die Mdchenschule die
Teilnahme an der allgemeinen Geistesbildung den Frauen ermglichen
solle, ihre Gestaltung aber auf die Natur und die Lebensbestimmung des
Weibes Rcksicht zu nehmen habe. Der deutsche Verein fr das hhere
Mdchenschulwesen, der ein Jahr spter ins Leben trat, fute auf diesen
Grundstzen, und als sich im selben Jahre das preuische
Unterrichtsministerium entschlo, sich mit der Frage zu beschftigen,
stellte es sich auf den gleichen Standpunkt, machte aber der
Frauenbewegung insofern eine Konzession, als es erklrte, da die
Vorbildung fr knftige Berufsarbeit besonderen Einrichtungen
vorbehalten werden msse. Solche Einrichtungen zu treffen, sollte jedoch
ganz der privaten Initiative berlassen bleiben. Eine Auslnderin, Mi
Archer, war es, die zuerst dazu den Mut gefunden hatte, indem sie unter
dem Namen Viktoria-Lyceum in Berlin eine Anstalt ins Leben rief, in der
Mdchen, die die Schule absolviert hatten, sich wissenschaftlich
weiterbilden konnten. Fast zehn Jahre spter wurde die Humboldt-Akademie
in Berlin zu hnlichem Zweck gegrndet, ohne da beide zunchst
praktische Folgen aufweisen konnten, weil das Studium in den Anstalten
zu keinerlei Prfung berechtigte. In dieser ganzen Zeit war die
Agitation der Frauen fr ihre Sache eine sehr zaghafte. Sie beschrnkte
sich fast nur auf die Thtigkeit innerhalb der Vereine. Dagegen setzte
die litterarische Fehde seit Sybels Auftreten ihr Fr und Wider lebhaft
fort. Die streitbare Feder Hedwig Dohms trat seit Anfang der siebziger
Jahre in den Dienst der Frauenbewegung[293], whrend die milde Luise
Bchners durch Rcksichtnahme auf Tradition und Vorurteil die Leser zu
gewinnen suchte[294]. So wurde zwar die Aufmerksamkeit mehr als bisher
auf die Frauenfrage gelenkt, aber von ffentlichem Interesse war sie
nicht.

Mit dem Ende der achtziger Jahre entwickelte sich eine lebhaftere
Bewegung zu gunsten des wissenschaftlichen Unterrichts der Frauen.
Unzufrieden mit dem vorsichtigen Vorgehen des Allgemeinen deutschen
Frauenvereins, der auerdem seine Krfte vielfach verzettelte, wurde der
Verein Frauenbildungs-Reform ins Leben gerufen, der die Errichtung
von Mdchengymnasien und Erffnung von Universitten zu
seinem ausschlielichen Ziele nahm und sofort 1888-89 an die
Unterrichtsministerien und Volksvertretungen aller Staaten eine Petition
um Zulassung zu den Maturittsprfungen der Gymnasien und dem Studium an
den Hochschulen versandte. Inzwischen war auch der Allgemeine deutsche
Frauenverein lebendiger geworden; er reichte im selben Jahre allen
Kultusministerien Deutschlands ein Gesuch ein, wonach das Studium der
Medizin, sowie alle Studien und Prfungen, durch welche die Mnner die
Befhigung zum wissenschaftlichen Lehramt erlangen, den Frauen
freigegeben werden mchten. Die Antworten, die beide Vereine erhielten,
gaben die Stimmung Deutschlands gegenber den Frauen zu einer Zeit, wo
sie in fast allen Kulturlndern studieren, als Aerztinnen oder
Advokatinnen praktizieren konnten und wichtige Staatsmter
ihnen anvertraut wurden, deutlich genug wieder: dem Verein
Frauenbildungs-Reform gegenber erklrten sich die Einzelstaaten nicht
kompetent zur Lsung der Frage, der Reichstag aber verwies wieder an
die Einzelstaaten, und der Allgemeine deutsche Frauenverein bekam von 7
Staaten eine ablehnende, von 6 gar keine Antwort. Nur in einer Beziehung
kam der Staat den Frauen entgegen, indem er dem Viktoria-Lyceum das
Recht erteilte, Oberlehrerinnen auszubilden und sie durch eine
offizielle Prfungsbehrde examinieren lie.

Inzwischen war noch ein anderer Verein mit radikaleren Zielen unter dem
Namen "Frauenwohl" entstanden, der sich zur Grndung von Realkursen fr
Mdchen entschlo, aus denen einige Jahre spter unter der Leitung von
Helene Lange Gymnasialkurse sich entwickelten. Ihrer klugen und
energischen Agitation war es auch zu danken, da endlich, 1893, die
Zulassung zum Abiturientenexamen den Mdchen gestattet wurde. Die
Gymnasien selbst blieben ihnen verschlossen,--nur die Gymnasien von
Pforzheim und Mannheim nehmen neuerdings auch weibliche Schler
auf,--man sah sich daher wieder auf Selbsthilfe angewiesen. Allmhlich
entstanden in einer Reihe deutscher Grostdte Gymnasien nach dem Muster
der Knabengymnasien oder Gymnasialkurse, die Mdchen nur nach der
absolvierten Tchterschule aufnehmen wie das Berliner Vorbild. Von
groer Bedeutung war es, da die Stadt Karlsruhe das Gymnasium
schlielich selbst bernahm, es schien gewissermaen die ffentliche
Sanktion der bisher privaten Bestrebungen der Frauen zu sein. Die Stdte
Mnchen und Breslau gingen noch weiter, indem sie Mdchengymnasien
selbstndig errichten wollten. Aber die Erlaubnis wurde ihrem
staatsgefhrlichen Beginnen versagt! Der damalige preuische
Kultusminister Dr. Bosse sprach in Bezug auf das Breslauer Unternehmen
von einem Flmmchen, das er ersticken msse, ehe es zur verheerenden
Flamme werde. Und das geschah im Jahre 1898, zu einer Zeit, wo Ruland
schon 30 Jahre lang staatliche Mdchengymnasien besa, und China im
Begriffe stand, das erste zu grnden! Da die Haltung der Regierung und
der Volksvertretung gegenber der Forderung der Zulassung der Frauen zu
den Universitten keine freundliche war, wo schon ihre Vorbereitung
dafr keine Untersttzung fand, ist nicht zu verwundern. Als 1891 die
erste Petition um Freigabe des rztlichen Studiums im deutschen
Reichstage zur Verhandlung kam, wurde sie wie ein revolutionrer Akt
betrachtet. "Das deutsche Weib", "die deutsche Familie", "die deutsche
Sittsamkeit", wurden mit groem Aufwand an Pathos ihr gegenber
verteidigt. Nur die Sozialdemokraten, Bebel an ihre Spitze, traten mit
nachdrcklichem Ernst fr die Sache der Frauen ein[295],--gefhrliche
Bundesgenossen, denn nun war in den Augen aller Konservativen die
Frauenbewegung rot abgestempelt. Als in den folgenden Jahren die
Petition aufs neue zur Verhandlung kam, zeigten sich die Vertreter
liberaler Parteien zwar der Sache geneigter, das Resultat aber blieb
dasselbe: die Wnsche der Frauen wurden durch einfachen Uebergang zur
Tagesordnung erledigt.[296]

Seitdem hat eine Aenderung der Verhltnisse sich im stillen vorbereitet.
Die Universitten fingen an, Frauen als Hospitantinnen zuzulassen,
zunchst--wahrscheinlich aus Ehrfurcht vor dem "deutschen
Weibe"--wesentlich Auslnderinnen, von denen einige sogar deutsche
Doktordiplome erringen durften, dann aber auch Deutsche. Die
Erfahrungen, die man machte, muten keine schlechten sein, denn, obwohl
die Aufnahme weiblicher Hrer von dem Wohlwollen jedes Dozenten abhing,
steigerte sich ihre Zahl von Jahr zu Jahr. Und zwar lieen, im
Unterschied zu anderen Lndern, Professoren aller Fakultten, auch der
theologischen, Frauen zu ihren Vorlesungen zu. Aber einen praktischen
Wert besa ihr Studium insofern nicht, als sie immer nur geduldet und
nicht geprft wurden. Erst im Jahr 1899 beschlo der Bundesrat die
Zulassung der weiblichen Studierenden zu den medizinischen und
pharmazeutischen Staatsprfungen. Gegenwrtig hat er auf Antrag des
Reichskanzlers beschlossen, den Frauen weitere Zugestndnisse zu machen,
indem ihnen die Studienzeit auf auslndischen Universitten,--auf die
sie bisher allein angewiesen waren, wollten sie mit dem Examen
abschlieen,--bei der Meldung zur deutschen Staatsprfung voll
angerechnet werden soll. Das ist fr Deutschland ein groer Fortschritt,
auch wenn man in Betracht zieht, da in Italien schon seit zehn Jahren
weibliche Dozenten der Medizin Lehrsthle der Universitten bekleiden,
Griechenland dem Deutschen Reich um zwei, die Trkei gar um fnf Jahre
voraus ist, und in Ruland schon seit nahezu 18 Jahren die
Staatsprfungen den Frauen offen stehen.

Der Geist des neuen Jahrhunderts schien sich endlich auch der deutschen
Frauen erbarmen zu wollen: Heidelberg und Freiburg gewhrten ihnen
volles akademisches Brgerrecht.

Nach alledem sind die deutschen Tchter der Bourgeoisie auf folgende
Bildungsmglichkeiten angewiesen: Es stehen ihnen neben Privatinstituten
580 hhere Mdchenschulen offen, im Gegensatz zu 850 hheren
Knabenschulen, die aber nur gehobene Elementarschulen und im preuischen
Etat z.B. den Volksschulen zugerechnet sind; von ihnen sind nur 17
staatlich. Sie knnen ferner Mdchengymnasien, die, bis auf eins, unter
privater Leitung stehen, besuchen und zum Abiturientenexamen Zulassung
finden. Wollen sie sich zur Lehrerin vorbereiten, so stehen ihnen in
Deutschland 114 Seminare zur Verfgung. Charakteristisch ist, da in
Preuen allein 112 Staatsseminare fr Mnner und--10 fr Frauen gezhlt
werden. Das Oberlehrerinnenexamen knnen sie auf Grund ihrer Studien am
Viktoria-Lyceum, an der Humboldt-Akademie oder in den von Gttingen
eingerichteten Fortbildungskursen machen. Nur an zwei Universitten
knnen sie mit gleichen Rechten wie die Mnner studieren und nur das
medizinische Doktorexamen steht ihnen offiziell berall offen. Die
staatlichen Kunst- oder Kunstgewerbeakademieen verhalten sich nicht
anders als die Mehrzahl der Universitten.

Zu den nicht wissenschaftlichen Berufen wird ihnen die Vorbereitung
weniger erschwert, obwohl die betreffenden Schulen auch hier fast
ausschlielich privater Initiative ihren Ursprung und ihr Bestehen
verdanken. Neben den Handels- und Gewerbeschulen sind neuerdings, nach
dem Muster Englands, auch Gartenbauschulen fr Frauen entstanden.

Das trbe Bild, das wir entwerfen muten und das auf einen
auerordentlich langsamen zaghaften Fortschritt schlieen lt, wird
noch um vieles trber, wenn wir von dem Kampf um Ausbildung fr das
Berufsleben zum Kampf um die Berufe selbst bergehen.

Im Jahre 1867, als in England und Frankreich Frauen schon mit Erfolg im
Post- und Telegraphendienst standen, erregte die darauf bezgliche
erste Petition des Allgemeinen deutschen Frauenvereins im Reichstag des
Norddeutschen Bundes nichts als schallende Heiterkeit[297], die sich
fnf Jahre spter, unter Fhrung des Staatssekretrs von Stephan
wiederholte[298], und nur insofern einen Fortschritt in der Stimmung zum
Ausdruck brachte, als sie dem Reichskanzler zur Bercksichtigung
berwiesen wurde. Gleiches Schicksal erfuhren die Petitionen um
Zulassung der Frauen zum Apothekerberuf. In der Frauenwelt selbst war
ein leiser, aber anhaltender Fortschritt bemerkbar. Not lehrt denken,
und so wurden in den freilich engbegrenzten Kreisen der Vereine die
Erwerbsmglichkeiten in eingehende Erwgung gezogen. Der Brsenkrach von
1873 bis 1874 zwang besonders Scharen von Frauen und Mdchen dazu, sich
nach einem Beruf, der sie ernhren konnte, umzusehen. Man petitionierte
bei den verschiedenen Landesvertretungen um vermehrte Anstellung von
Lehrerinnen, man grndete--im Allgemeinen deutschen Frauenverein--einen
Stipendienfonds, um arme Mdchen im Ausland studieren zu lassen, man
sprach zum erstenmal davon, da Frauen im Gemeindedienst, in Kranken-,
Armen- und Arbeitshusern, in Gefngnissen und bei der Sittenpolizei
Verwendung finden mten, ohne natrlich den geringsten positiven Erfolg
zu haben. In der Not verstieg man sich sogar dazu, den "wohlerzogenen"
Mdchen den Beruf der Schneiderinnen anzupreisen, "deren Los ein
angenehmes und besonders eintrgliches sei".[299] Thatschlich wandten
sich auch, in Ermangelung anderer Berufe, viele Frauen der Bourgeoisie
Arbeiten zu, die ihnen fr Haus und Familie schon gewohnt waren und die
sie nun ernhren, oder--der hufigste Fall--ihre finanzielle Lage
verbessern sollten. Dem deutschen Philister war solch ein Vorgehen, das
Weib und Tochter nicht dem "trauten Heim" entri, sympathisch; kmpfte
er doch sogar gegen jede Erweiterung desjenigen Berufs an, der schon
lange ein Frauenberuf war: dem der Lehrerin. Dabei leitete ihn freilich
weniger Vorurteil und Sentimentalitt, als Konkurrenzfurcht.--Die
Differenzen zwischen Lehrern und Lehrerinnen traten zuerst im Verein fr
das hhere Mdchenschulwesen zu Tage, ergriffen aber schnell weitere
Kreise. Die Mnner wollten die Thtigkeit des weiblichen Erziehers
womglich nur auf die Elementarfcher beschrnken, whrend die Frauen,
gereizt durch diese Haltung, in das entgegengesetzte Extrem verfielen,
und den ganzen Mdchenunterricht in die Hnde bekommen wollten, indem
sie sich natrlich auch ihrerseits auf Sittlichkeit, Weiblichkeit und
wie die schnen Worte alle heien, die dem Deutschen besonders gelufig
sind, beriefen. Dieser Streit spitzte sich zu, als der Verein fr hhere
Mdchenschulen darum petitionierte, da die Leitung solcher
Anstalten nur einem Mann anvertraut, die Lehrerinnen dagegen dem
Unterrichtsministerium ein Gesuch einreichten, wonach der Unterricht in
der Mittel- und Oberstufe hauptschlich den Frauen berlassen werden
sollte. Erst nach fast zwanzigjhrigem Kampf bestimmte das preuische
Kultusministerium die strkere Verwendung weiblicher Lehrkrfte und die
Anstellung von Oberlehrerinnen fr die Oberstufe.[300] Dieser Erfolg war
groenteils dem organisierten Vorgehen der Lehrerinnen selbst zu danken,
die sich unter Leitung von Frulein Helene Lange 1890 zu einem Verein
zusammengeschlossen hatten, der heute ber elftausend Mitglieder zhlt.
Trotz seiner numerischen Strke, die allerdings zu der Gesamtzahl der
deutschen Lehrerinnen in traurigstem Miverhltnis steht, ist die
Anstellung von Oberlehrerinnen sein wesentlichster Erfolg geblieben, der
noch dadurch beeintrchtigt wurde, da die Wnsche der Mnner von der
Regierung insofern Bercksichtigung erfuhren, als die Oberlehrerin nicht
selbstndige Direktorin werden kann, sondern nur dem Direktor als
oberste Hilfskraft zur Seite gestellt ist.

Schroffer noch als gegen die Lehrerin, die doch immerhin die Tradition
fr sich hat, war bis in die neueste Zeit die Stellung der deutschen
Bourgeoisie der Aerztin gegenber. Sie konnte zwar, dank der
Gewerbefreiheit, nicht an der Ausbung ihres Berufs gehindert werden,
aber sie rangierte unter den Kurpfuschern, und jede ffentliche
Stellung war ihr nicht nur verschlossen, sie war auch stndig der Gefahr
ausgesetzt, auf Grund von Denunziationen oder dergleichen um ihr Brot
gebracht zu werden. Wiederholt wurden Petitionen an den Reichstag sowohl
wie an die Landtage gerichtet, die eine Aenderung dieses Zustandes und
die Gleichstellung der weiblichen mit den mnnlichen Aerzten wnschten.
Die vom Jahre 1894 trug nicht weniger als 50000 Unterschriften. Aber die
Regierung sowohl als die Majoritt des Reichstags sprach sich gegen sie
aus. Wie in der Frage des Studiums, so stellte sich auch in dieser
Berufsfrage die sozialdemokratische Partei allein rckhaltlos auf die
Seite der Frauen. Seit den Reaktionsjahren nach 1848 hatte der deutsche
Liberalismus seinen revolutionren Geist und seine demokratischen Ideen
so sehr eingebt, da er die Vertretung liberaler Forderungen mehr und
mehr der Sozialdemokratie berlie. So kam es, da zu einer Zeit, wo die
Frage der Zulassung der Frauen zum rztlichen Beruf in Amerika, England,
Frankreich, Ruland und Oesterreich soweit entschieden war, da sie
sogar im Staatsdienst Verwendung fanden, in Deutschland ihre Lsung zu
Gunsten der Frauen wie ein revolutionrer Akt gefrchtet wurde. So kam
es aber auch, da die Frauenbewegung bei allen "staatserhaltenden"
Parteien in den Geruch sozialdemokratischer Gesinnung kam und zahllose
von ihren Vtern, Mnnern und Brdern abhngige Frauen sich entweder
ganz von ihr zurckzogen, oder so vorsichtig und zurckhaltend in ihren
Wnschen wurden, wie etwa der Allgemeine deutsche Frauenverein es stets
gewesen ist.

Der im Jahre 1894 nach dem Vorbild des amerikanischen Nationalverbandes
gegrndete Bund deutscher Frauenvereine wirkte, so brgerlich ngstlich
er auch auftrat, doch belebend auf die deutsche Frauenbewegung, die an
der groen Organisation--er umfat heute 131 Vereine--einen Rckhalt
hat. Der Widerstand gegen sie wurde aber dadurch nur noch heftiger
herausgefordert. Ein charakteristischer Beweis dafr ist die Haltung der
Aerzte gegenber den Ansprchen, die die Frauen auf Eintritt in ihren
Beruf erhoben. Es war auch hier in erster Linie der Kampf ums Brot, der
die Mediziner zu den Waffen rief. Einige waren ehrlich genug, das ohne
weiteres zuzugestehen, andere handelten wie blinde Fanatiker, indem sie
die Verhltnisse im Ausland unrichtig darstellten, um ihre Ansicht zu
untersttzen.[301] Zu einem gemeinsamen Vorgehen gestalteten sich die
Verhandlungen und Beschlsse des 26. deutschen Aerztetags in Wiesbaden
1898, wo im Anschlu an Professor Penzoldts, auf einseitigstem Material
beruhendem Referat gegen die Zulassung der Frauen zur rztlichen
Berufsthtigkeit Beschlu gefat wurde,--im selben Jahr, als der groe
englische Verein der Mediziner Mrs. Garrett-Anderson zu seiner
Prsidentin erwhlte! Einen hnlichen, in schroffster Form ausgedrckten
Beschlu fate zu gleicher Zeit der deutsche Apothekerverein, whrend
ein Jahr frher der belgische Pharmazeutenkongre zu Mons genau das
Gegenteil erklrt hatte, der russische Staat eine pharmazeutische Schule
fr Frauen grndete und in Holland bereits seit 30 Jahren weibliche
Apotheker thtig waren! Aber das war noch nicht alles. 1899 weigerte
sich der Kongre deutscher Zahnrzte, eine Berufskollegin als
Teilnehmerin aufzunehmen, und der Berliner rztliche Standesverein
denunzierte den Hilfsverein fr weibliche Angestellte, weil er es gewagt
hatte, fr seine 10000 Mitglieder drei weibliche Aerzte anzustellen.
Infolgedessen befahl das Polizeiprsidium die Streichung der Aerztinnen
aus der Liste. Damit aber auch die alten Aerzte sicher sein konnten,
nicht auszusterben, erlieen die Kliniker in Halle einen fulminanten
Protest "im Interesse der Sittlichkeit und Moral" gegen die Beteiligung
von Frauen an klinischen Vorlesungen; schlielich kamen diese Ansichten
im Reichsamte des Innern zu offiziellem Ausdruck, als die medizinische
Sachverstndigen-Konferenz die Frage der Zulassung des weiblichen
Geschlechts zum rztlichen Beruf noch nicht fr spruchreif
erklrte--nachdem seit ber zwanzig Jahren Aerztinnen in Amerika,
Australien, England, Ruland praktizierten, und der Negus von Abessinien
und der Emir von Afghanistan dem Volke der Denker schon so weit voraus
waren, da sie Leib- und Hausrztinnen ernannten.

Diese lcherlichen Feindseligkeiten hemmten zwar die Bewegung,
vermochten aber nicht, ihr Einhalt zu gebieten. Die in Deutschland
thtigen weiblichen Aerzte, deren Bahnbrecherin Frulein Dr.
Tiburtius gewesen war, erfreuen sich einer groen Praxis. Die
Lebensversicherungsgesellschaften stellen sie mehr und mehr in ihren
Dienst, und die Krankenkassen, die sich auf ihrer Generalversammlung
1899 einstimmig zu ihren Gunsten aussprachen, setzten es durch, da ihre
Anstellung offiziell genehmigt wurde. Als Assistentinnen wirken eine
Anzahl Aerztinnen in Krankenhusern und Sanatorien. Krzlich hat auch
die Berliner Sittenpolizei einen weiblichen Arzt angestellt. Seit
einigen Jahren besteht eine von Berliner Aerztinnen gegrndete und
geleitete Klinik, die zwar winzig ist im Vergleich zu den Hospitlern
Amerikas und Englands, aber sicher eine gnstige Entwicklung haben wird.
Durch die Zulassung der Studentin zu den Staatsprfungen drfte die
Aerztinnenfrage endlich auch in Deutschland gelst sein.

Von bedeutenden Erfolgen der Frauenbewegung ist auf dem, Gebiet der
Berufsthtigkeit nicht viel zu berichten. Sie sind minimal, wenn wir sie
im Lichte der auslndischen Entwicklung betrachten: Seit kurzem werden
hie und da weibliche Inspizienten des Handarbeitsunterrichts angestellt,
den bisher Mnner zu begutachten hatten; einige Kommunalverwaltungen
machen den Versuch mit der Beschftigung von Armen- und
Waisenpflegerinnen; in Mannheim wurde eine Frau in den Aufsichtsrat der
hheren Mdchenschule berufen; auch in stdtischen Arbeitsvermittlungen
sind zuweilen Frauen thtig. Im Staatsdienst stehen, neben den Post-,
Telegraph- und Telephonbeamtinnen, Gefngnisaufseherinnen in
untergeordneten Stellungen und einige Gerichtssachverstndige und
Dolmetscher; neuerdings sollen Frauen auch als Aufsichtsorgane in der
Zwangserziehung Verwendung finden. Als Assistentinnen an
Universittsinstituten sind gleichfalls auch Frauen thtig. Weit
wichtiger ist die nach langer hartnckiger Agitation endlich erfolgte
Anstellung weiblicher Assistenten der Fabrikinspektoren in Bayern,
Wrttemberg, Baden, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha und schlielich auch in
Preuen. Die Diskussionen, die ihrer Berufung im Reichstag und in den
Landtagen vorausgingen, bilden allein ein interessantes Kapitel der
Frauenbewegung. Im Anfang wurde die von den Sozialdemokraten
untersttzte Forderung mit Gelchter aufgenommen, etwas spter entschlo
man sich zu ernster Errterung, begrndete aber die ablehnende Haltung
mit den--Mierfolgen der Fabrikinspektorinnen in England und besonders
in Amerika, whrend ihre Existenz in Frankreich berhaupt angezweifelt
wurde. Als schlielich auch die Liberalen der Sache Verstndnis
entgegenbrachten, wurde sie von den Konservativen bekmpft, als gelte
es, die Grundlagen des Staates zu schtzen. Man sprach sogar von Seiten
der Regierung die Befrchtung aus, die weiblichen Beamten knnten zu
sehr die Partei der Arbeiterinnen nehmen. Im schsischen Landtag
erklrte ein Abgeordneter die Standesehre der Fabrikanten durch ihre
Anstellung fr verletzt, und als im Mrz 1899 die Frage dem preuischen
Abgeordnetenhaus zur Entscheidung vorlag, wurde von allen Seiten betont,
da nur ein Versuch gemacht werden solle und die Frauen auf keinen Fall
selbstndig sein, sondern nur als "Beamte zweiter Kategorie" angesehen
werden drfen. Nur in diesem Sinn wurde endlich die Entscheidung
getroffen.

Einen etwas gnstigeren Verlauf nahmen die Bestrebungen zur Erweiterung
der Berufsthtigkeit auf privatem Gebiet. Der von der Tradition
geheiligte alte Frauenberuf der Krankenpflegerin, der bisher fr die
einzelnen mehr eine Opferthat religiser Gesinnung, als ein aus Grnden
des Erwerbs aufgesuchter Lebensberuf war, begann sich langsam den
modernen Forderungen anzupassen. Sowohl der Verein des Roten Kreuzes,
als, in noch hherem Grade, der evangelische Diakonieverein, bieten den
Krankenpflegerinnen neben einer festen Organisation eine von religiser
Engherzigkeit befreite Thtigkeit.[302] Aber das Odium christlicher
Liebesarbeit, die keinen Lohn verlangt, klebt dem Berufe noch so fest
an, da er noch keinen ausreichenden Lebensunterhalt bietet und dabei
eine Aufgabe alles persnlichen Behagens fordert, der nur wenige
gewachsen sind.[303] Infolgedessen bietet er noch Platz fr viele. Erst
eine vllige Umgestaltung, durch die die Erinnerung an die Nonne ganz
verwischt wird, kann hierin Wandel schaffen, und wrde viele brach
liegende Frauenkrfte nutzbar machen. Wenn auch eine "Lsung der
Frauenfrage" nicht davon zu erwarten ist[304], so doch eine
Erleichterung und Bereicherung des Frauenlebens.

Manche Enthusiasten der Frauenarbeit--es giebt auch solche in
Deutschland!--haben durch einen anderen Beruf die Frauenfrage zu lsen
geglaubt: durch den der Handelsangestellten. In der That ist ihre Zahl
in rapider Zunahme begriffen und sie bewhren sich so sehr, da ihre
Verwendung selbst in verantwortlichen Stellungen eine immer hufigere
ist. Wir finden weibliche Handelsreisende und Agenten, weibliche Beamte
in Lebensversicherungs-Gesellschaften und Banken, in den Bureaux der
Rechtsanwlte und der groen Industriellen. Zumeist aber erklrt sich
ihre starke Vermehrung weniger aus dem Wunsch, den Bedrfnissen der
Frauen entgegenzukommen, sondern vielmehr daraus, da sie ihren
mnnlichen Berufsgenossen gegenber als Lohndrcker ausgespielt werden.
Auf anderen Gebieten, die sich die Frauen erst neuerdings erobert haben,
fllt dieser Umstand weit weniger ins Gewicht.

So sind in den zoologischen Instituten weibliche Hilfsprparatoren, in
einzelnen chemischen Fabriken akademisch gebildete weibliche Chemiker
thtig, und den Aufschwung des Kunstgewerbes haben sich viele Frauen zu
nutze gemacht, indem sie als gelernte Modelleure und Zeichner in groen
Werksttten Anstellung fanden, oder selbstndig als Kunststicker,
Dekorateure u. dergl. arbeiten; auch als Grtner, Obst- und
Gemsezchter finden Frauen eine lukrative Berufsthtigkeit. Ebenso sind
weibliche Photographen, Bibliothekare, Versicherungsagenten keine
Seltenheit mehr.[305] Einen weiteren Schritt auf dem Wege zur
Gleichstellung hat die Humboldt-Akademie in Berlin den Frauen erffnet,
indem sie in immer grerem Umfange wissenschaftlich Gebildete, meist
weibliche Doktoren, zur Abhaltung von Vortragskursen heranzog.
Allerdings ist das nicht im entferntesten ein Lebensberuf, wohl aber
eine Anerkennung der wissenschaftlichen Befhigung der Frauen.
Vorteilhafter fr sie ist ihre zunehmende Verwendung im Journalismus.
Zwar sind sie noch weit davon entfernt, wie in Amerika und England als
Kriegskorrespondentinnen groer Zeitungen, oder, wie in Frankreich, als
Leiterinnen politischer Bltter thtig zu sein, ihre Mitarbeit
beschrnkt sich meist auf spezielle Gebiete des Frauenlebens und der
Frauenfrage, und sie stehen nur an der Spitze von Frauenzeitschriften,
aber ihrem Einflu ist der Umschwung in der Stimmung gegenber der
Frauenbewegung, der unverkennbar Platz greift, mit zu verdanken. Von
wesentlicher Bedeutung hierfr ist es jedoch, da auch die deutschen
Frauen anfangen sich wissenschaftlich zu bethtigen, und durch ihre
Leistungen dem Gegner Achtung abntigen. Whrend bis vor nicht allzu
langer Zeit selbst die Fhrerinnen der Frauenbewegung einen Mangel an
Kenntnissen, selbst in Bezug auf ihr eigentliches Gebiet, verrieten, der
oft geradezu verblffend war, haben sie im Laufe des letzten Jahrzehnts
an Vertiefung und Einsicht gewonnen. Eine Reihe von Frauen haben
Arbeiten ber die rechtliche sowohl wie ber die soziale Lage des
weiblichen Geschlechts geliefert[306], die zwar an die Leistungen einer
Beatrice Webb oder Helen Campbell nicht heranreichen, aber doch
verraten, da sie mit dem Dilettantismus, dem traurigen Schokind gerade
der deutschen Frauen, endgltig gebrochen haben. Auch das Prinzip
ngstlicher Zurckhaltung, das bisher die deutsche Frauenbewegung
kennzeichnete, scheint mehr und mehr zu verschwinden. Die Berhrung mit
dem Ausland,--ein Verdienst des Bundes deutscher Frauenvereine, der sich
im Anschlu an den internationalen Frauenbund bildete,--die
Kenntnisnahme der Stellung und der Handlungsweisen der nichtdeutschen
Frauen, die mit der Gewalt einer neuen Entdeckung wirkte, waren von
belebendem Einflu. Vor allem aber ist es die zunehmende Not, die mit
ihren Peitschenhieben auch die Trgsten vorwrts treibt.




2. Die treibenden Krfte der brgerlichen Frauenbewegung.


Der Kampf um Arbeit in der brgerlichen Frauenwelt zeigt, sowohl in
Bezug auf seine geschichtliche Entwicklung, als auf seinen
gegenwrtigen Stand, in den verschiedenen Lndern eine auffallende
Uebereinstimmung: Nachdem er schon seit dem Mittelalter einzelne
Vorlufer gefunden hat, setzt er um die erste Hlfte des 19.
Jahrhunderts berall ein und wird in der zweiten Hlfte aus einer Art
Guerillakrieg zu einem berlegten Feldzug gut organisierter Truppen, die
von Jahr zu Jahr an Zahl und Bedeutung zunehmen. Kaum ein Beruf, auer
dem des Soldaten, wird heute noch als eine gesicherte Domne des
mnnlichen Geschlechts betrachtet, die Frauen sind berall, hier etwas
langsamer und dort etwas rascher, im Vordringen begriffen, dem bisher
keine noch so heftige Gegnerschaft Einhalt gebieten konnte.

Diese gleichmigen Erscheinungen mssen demnach auf gleiche Ursachen
zurckzufhren sein.

Das erste Argument, um den Kampf der Frauen um den Erwerb zu erklren,
pflegt darin zu bestehen, da in der Mehrzahl der Kulturlnder das
weibliche Geschlecht das mnnliche an Zahl berragt, und die Ehe, die in
den brgerlichen Kreisen fast immer eine Versorgung der Frau bedeutet,
von vornherein fr viele unerreichbar ist. Diese Begrndung erweist sich
insofern als stichhaltig, als die Erwerbsfrage um so mehr die treibende
Kraft der Frauenbewegung zu sein pflegt, je grer der Frauenberschu
des betreffenden Landes ist. Folgende Tabelle dient als Beweis:[307]

Lnder              Zhlungsjahr    Weibliche
                                    auf
                                    1000 mnnliche

Deutschland                 1890    1040
Oesterreich                 1890    1044
Schweiz                     1888    1057
Niederlande                 1889    1024
Belgien                     1890    1005
Dnemark                    1890    1051
Schweden                    1890    1065
Norwegen                    1891    1092
Grobritannien und Irland   1891    1060
Frankreich                  1891    1007

In den Vereinigten Staaten dagegen, wo die Frauenbewegung in erster
Linie eine politische ist und der Eintritt der Frauen in brgerliche
Berufe sehr wenig Widerstand findet, kommen auf 1000 Mnner 953 Frauen.
Betrachten wir Nordamerika aber genauer, so zeigt es sich, da die
Frauenbewegung in den Oststaaten, wo auf 1000 Mnner 1005 Frauen gezhlt
werden, nicht nur ihren Ursprung genommen, sondern auch ihren
energischsten Ausdruck gefunden hat, whrend die westlichen Staaten, wo
1000 Mnnern nur 698 Frauen gegenberstehen, von ihr nur leise berhrt
werden.

Dem Argument des Frauenberschusses haben manche Gegner der
Frauenbewegung die Thatsache gegenbergestellt, da die gezhlte
Bevlkerung der Erde einen Mnnerberschu aufweist. Soweit sie sich
berhaupt statistisch feststellen lt, ist die Verteilung der
Geschlechter folgende:[308]

Erdteile    Mnnliche   Weibliche   Weibliche
                                    auf
                                    1000 mnnliche

Europa      170818561   174914119   1024
Amerika      41643389    40540386   973
Asien       177648044   170269179   958
Australien    2197799     1871821   852
Afrika        6994064     6771360   968
Zusammen    399301857   394366865   988

Ganz abgesehen von der unvermeidlichen Ungenauigkeit dieser
Berechnung--Millionen knnen statistisch gar nicht erreicht
werden--kommt es bei der Beurteilung dieser Frage weit weniger auf groe
allgemeine Zahlen, als vielmehr darauf an, wie das Verhltnis der
Geschlechter in den einzelnen Lndern sich stellt. Ist es schon fr die
berzhligen Frauen Europas ein schlechter Trost, da es in Australien
oder Asien berzhlige Mnner giebt, so ist auch z.B. den Frauen von
Rhode Island, von denen 1078 auf 1000 Mnner kommen, wenig geholfen,
wenn in den Oststaaten das umgekehrte Verhltnis besteht, oder denen der
niederlndischen Kolonieen im westindischen Archipel, die gar um 263 auf
1000 die Mnner berragen, wenn man sie auf die berzhligen Asiaten
verweisen wollte. Es kommt aber noch ein Umstand in Betracht, der bisher
ganz unbeachtet blieb und gerade im Hinblick auf die brgerliche
Frauenfrage schwer ins Gewicht fllt: das ist die Frage, aus welchen
sozialen Schichten der Bevlkerung sich der Mnner- oder Frauenberschu
zusammensetzt. Es ist klar, da bei den heutigen, aus den Gegenstzen
zwischen Arm und Reich herrhrenden Unterschieden in Bildung und
Lebensgewohnheiten die etwa berzhligen Tchter der Bourgeoisie nicht
auf die vielleicht gleichfalls berzhligen Shne des Proletariats als
knftige Ehegatten rechnen knnen. Die Statistik lt uns hierbei
freilich im Stich, denn die Volkszhlungen fragen nicht nach der
sozialen Herkunft der Einzelnen; es fehlt aber trotzdem nicht an
Anhaltspunkten, um die Behauptung, da der Frauenberschu in der
Bourgeoisie im Verhltnis ein grerer ist, als der der Frauenwelt im
allgemeinen, nicht als vllig aus der Luft gegriffen erscheinen zu
lassen.

Schon die bloe Beobachtung lehrt, da die Familien der unteren
Bevlkerungsschichten weit mehr mit Kindern gesegnet sind, als die der
oberen, und Untersuchungen, die in Frankreich besonders genau
vorgenommen wurden, besttigten es. So stellte Bertillon fr 20
Arrondissements von Paris den Zusammenhang zwischen der Wohlhabenheit
und der Geburtenhufigkeit fest und fand, da auf je 1000 Frauen
zwischen 15 und 50 Jahren der sehr armen Bevlkerung durchschnittlich
108, der armen 95, der wohlhabenden 72, der sehr wohlhabenden 65, der
reichen 53 und der sehr reichen 34 jhrliche Geburten kamen[309]; es hat
sich ferner ergeben,--und das ist angesichts des allgemeinen Rckgangs
der franzsischen Bevlkerung besonders bemerkenswert,--da ihr Zuwachs
in der Hauptsache dem Kinderreichtum der armen Bauern der Bretagne und
der Berg- und Fabrikarbeiter der Departements Nord und Pas-de-Calais zu
verdanken ist.[310] Leider geben die betreffenden Untersuchungen ber
das Geschlecht der Kinder keinen Aufschlu, dagegen hat man in Sachsen
fr einen zehnjhrigen Zeitraum und eine Zahl von fast 5 Millionen
Kindern auf ca. 1 Million Mtter festgestellt, da die fruchtbarsten
Frauen die meisten Knaben zur Welt bringen.[311] So vorsichtig solche
Einzelergebnisse auch aufzunehmen sind, so lt sich doch
vielleicht, da die Erfahrung und der allgemeine Volksglaube sie
untersttzt, der Schlu daraus ziehen, da die kinderreichen unteren
Bevlkerungsschichten im Vergleich zu den oberen mehr Knaben erzeugen,
da also der Frauenberschu in den brgerlichen Kreisen ein grerer
ist als in den proletarischen. Noch ein anderes kommt hinzu: wir finden
z.B. innerhalb Deutschlands, das bekanntlich einen groen Ueberschu an
Frauen besitzt, ganze Landstriche, wo das mnnliche Geschlecht
berwiegt, so kommen in Westfalen 958, im Rheinland 998 und in
Elsa-Lothringen 989 Frauen auf 1000 Mnner.[312] Fr die
Verheiratbarkeit der Tchter der Bourgeoisie ist diese Thatsache jedoch
ohne jede Bedeutung, denn es stellt sich heraus, da der Mnnerberschu
lediglich auf die starke Industriebevlkerung und die vielen Soldaten
zurckzufhren ist. Ein hnliches Verhltnis weist Nordamerika auf,
dessen Mnnerberschu--953 Frauen auf 1000 Mnner--auf den ersten Blick
zu der Annahme verfhrt, als mte seine Frauenbewegung anderen als
wirtschaftlichen Ursachen--etwa rein ethischen und humanitren, wie
viele behaupten wollen--entsprungen sein. Dabei wird jedoch auer acht
gelassen, da die groe Zahl der Mnner der Einwanderung zu verdanken
ist und da diese Einwanderer zum grten Teil Handwerker, Landleute,
Arbeiter sind[313], also auch hier die Annahme nicht unberechtigt ist,
da, trotz des allgemeinen Mnnerberschusses, in der Bourgeoisie ein
Frauenberschu besteht und die Verheiratbarkeit auch hier eine
beschrnkte bleibt.

Nach alledem scheint es klar zu sein, da, selbst wenn auf der ganzen
Erde eine annhernde Gleichheit der Geschlechter festgestellt werden
knnte, die brgerliche Frauenfrage dadurch noch nicht gelst sein
wrde, und die von Eduard von Hartmann nicht unrichtig bezeichnete
Jungfernfrage auch in solchen Lndern besteht, wo ein Ueberschu an
Mnnern konstatiert wurde.

Die Frage kompliziert sich aber noch dadurch, da eine Gegenberstellung
der Geschlechter allein nicht gengt, um die Verheiratbarkeit
festzustellen, sondern die Gegenberstellung der Heiratsfhigen dazu
notwendig ist. Berechnen wir zunchst beide Geschlechter nach gleichen
Altersstufen und nehmen wir, um nicht zu tief greifen zu mssen, 20
Jahre als untere und 40 Jahre als obere Altersgrenze an, so ergiebt sich
folgendes[314]:

Auf 1000 mnnliche im Alter von 20-40 Jahren treffen weibliche Personen:

Deutschland                1034
Oesterreich                1047
Schweiz                    1080
Niederlande                1029
Belgien                     987
Dnemark                   1102
Schweden                   1096
England und Wales          1093
Schottland                 1104
Irland                     1062
Frankreich                 1003

Aber auch diese Tabelle vermag den Kern der Sache noch nicht zu treffen.
Denn, da das Heiratsalter der Mnner in den meisten Lndern erst mit dem
25. Jahre beginnt und spter schliet, als das der Frauen[315], so mte
man, um zu einem genaueren Resultat zu kommen,--obwohl auch das, infolge
der groen Verschiedenheit des Altersaufbaus der Heiratenden, je nach
den Nationalitten, nicht unbedingt sicher sein kann,--die Mnner im
Alter von 25-45 Jahren den Frauen von 20-40 Jahren gegenberstellen
Leider mssen wir uns hierbei nur auf die Resultate weniger Lnder
beschrnken, weil die Bevlkerung nicht durchweg, wie es wnschenswert
wre, nach fnfjhrigen Altersperioden berechnet wird Das Ergebnis ist
dieses[316]:

                Mnner       Frauen       Auf 1000 Mnner
Lnder          25-45 Jahre  20-40 Jahre  kommen Frauen

Deutschland     6229564      7272025      1167
Oesterreich     3147188      3638396      1154
Frankreich      5420922      5743177      1069

Auch abgesehen von den in die Augen springenden Zahlenverhltnissen ist
es klar, da bei dem bestehenden Altersaufbau der Heiratenden die
_Verheiratbarkeit des weiblichen Geschlechts immer eine unvollkommene
bleiben mu, weil es stets mehr Frauen ber 20 als Mnner ber 25 Jahren
giebt_.

Nun handelt es sich aber nicht allein darum, wie viel Frauen durch die
Heirat eine Versorgung finden knnen, sondern vielmehr darum, welcher
Prozentsatz von ihnen thatschlich heiratet.

Die letzten Zhlungen ergaben folgende Anzahl verheirateter Frauen:

Lnder    Zhlungsperiode Zahl der Verheiratete Prozent
                          Frauen   Frauen
                          15 u.
                          darber

Deutschland         1895  16531748  8398607     50,80
Oesterreich         1891   9353260  4022202     43,00
Frankreich          1891  12359544  7656679     61,95
England             1891   9848981  4916449     41,71
Vereinigte Staaten  1890  19602178 11126196     56,76

Wir sehen daraus, da zur Zeit der betreffenden Zhlung circa die Hlfte
heiratsfhiger Frauen ledig, verwitwet oder geschieden waren. Diese
Thatsache hat die brgerliche Frauenbewegung vielfach als
Agitationsmittel zu verwenden gesucht, indem sie alle alleinstehenden
erwachsenen Frauen als solche betrachtet wissen wollte, die auf den
Erwerb angewiesen sind. Das aber ist ein Trugschlu. Denn ganz abgesehen
davon, da ein groer Teil der Ledigen noch bei den Eltern lebt und von
ihnen versorgt wird, ein anderer, wenn auch ein viel kleinerer, durch
eigenes Vermgen, Pension oder dergleichen sich erhlt, kann ein
betrchtlicher Prozentsatz der Mdchen noch darauf rechnen, zu heiraten,
um so mehr, als sie nicht nur auf die ledigen Mnner sondern auch auf
die Witwer zhlen knnen, die bekanntlich sehr hufig zu einer zweiten
Ehe schreiten. Man kommt daher der Zahl der wirklich Uebriggebliebenen
viel nher, wenn man nicht die Unverheirateten im allgemeinen ins Auge
fat, sondern nur diejenigen, die das Alter der Verheiratbarkeit
berschritten haben. Da sich auf Grund verschiedener Berechnungen
ergeben hat, da fr Frauen, die das vierzigste Lebensjahr berschritten
haben, die Heiratswahrscheinlichkeit eine sehr geringe ist, so knnen
wir die ledig Bleibenden von dieser Altersgrenze an zusammenstellen. Das
Ergebnis ist dies:

Lnder                      Unter 100 weibl. Personen
                            von 40 und mehr Jahren
                            sind ledig

Deutschland                 10,7
Oesterreich                 15,6
Frankreich                  12,7
Grobritannien und Irland   14,0
Belgien                     17,6
Niederlande                 13,5
Schweiz                     18,3

Damit aber knnen wir uns keineswegs beruhigen, denn nicht nur, da es
bis zu vierzig Jahren noch eine groe Zahl Mdchen giebt, die nicht
heiraten, oder sagen wir lieber, die nicht geheiratet werden, wir mssen
vielmehr, bei der Betrachtung der Ursachen der Frauenbewegung, nicht die
Ledigen allein, sondern die Alleinstehenden im allgemeinen
bercksichtigen. Da die Frauen im Durchschnitt frher heiraten als die
Mnner, eine lngere Lebensdauer haben als sie und schwerer zum zweiten
Male heiraten, so ist es natrlich, da es eine groe Zahl Witwen giebt,
zu denen die geschiedenen Frauen noch hinzukommen. Die genauen Zahlen
sind folgende:

Lnder              Frauen   Auf 100 Frauen ber
                             15 Jahren sind Witwen

Deutschland         2208579   13,36
Oesterreich         1001136   10,70
England             1124310   11,40
Frankreich          2060778   16,67
Vereinigte Staaten  2226510   11,30

Wir mssen aber auch noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen, der
gerade fr die brgerliche Frauenfrage von Wichtigkeit ist: die spten
Heiraten. Nach einer preuischen Statistik[317] heiraten Mdchen in
brgerlichen Berufen durchschnittlich erst mit 28 Jahren, und wenn dem
gegenber auch behauptet werden kann, da die Berufsthtigkeit die
Heirat hinausschiebt, so mu andererseits doch auch betont werden, da
die spten Heiraten zur Berufsarbeit zwingen. Daher knnen auch, soweit
nur die Bourgeoisie in Frage kommt, die verheirateten Frauen nicht ohne
weiteres zu denen gerechnet werden, die niemals dem Erwerb nachgingen,
weil thatschlich viele von ihnen vor der Ehe darauf angewiesen waren.

Auf Grund der bisherigen Errterungen sind wir zu dem Resultat gekommen,
da eine groe Zahl von Frauen nicht heiraten knnen, weil es an Mnnern
fehlt und noch mehr nicht heiraten, weil die Heiratslust der ledigen
Mnner keine groe, ist. Fr die knftige Entwicklung der Frauenfrage,
der brgerlichen insbesondere, ist es nun aber von grter Bedeutung, ob
eine Aussicht vorhanden ist, da zwei ihrer Ursachen,--der
Frauenberschu und die Heiratsunlust der Mnner,--verschwinden oder in
ihren Wirkungen abgeschwcht werden knnen. Da entsteht zunchst die
Frage, aus welcher Wurzel beide entspringen.

Die feststehende Thatsache eines Knabenberschusses bei der Geburt, 106
Knaben auf 100 Mdchen, hat viele[318] zu der Annahme verfhrt, als
bestnde ein Naturgesetz des Gleichgewichts der Geschlechter. Wir haben
gesehen, da schon die verschiedene Verteilung und Altersgliederung der
Geschlechter dem widerspricht. Fr den vorhandenen Frauenberschu ist
jedoch der Hauptgrund in den verschiedenen Absterbeverhltnissen der
Geschlechter zu suchen.[319] Die Sterbeziffern haben sich fr das letzte
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts folgendermaen gestaltet[320]:

                                        Setzt man die mnnliche Sterbe-
                   Mnner     Frauen    ziffer = 100, so ergeben sich
                                        fr die weibliche Sterbeziffer:

Italien             26,2       25,6                  98
Frankreich          23,6       21,6                  92
Schweiz             21,3       19,5                  91
Belgien             21,9       19,8                  90
Niederlande         20,8       19,2                  92
Deutschland         25,0       22,5                  90
Oesterreich         29,8       26,8                  90
Ungarn              33,7       32,2                  96
England und Wales   20,6       17,8                  89
Schottland          19,6       18,7                  95
Irland              18,4       18,5                 100,6
Schweden            17,8       16,7                  91
Norwegen            18,3       16,5                  91
Dnemark            19,7       18,3                  93
Finland             22,2       20,4                  92
Massachusetts       20,7       19,0                  92
Connecticut         20,5       18,7                  91
Rhode Island        20,4       19,0                  93
Japan               21,7       21,1                  97

Die grere Sterblichkeit der mnnlichen Suglinge vor den weiblichen,
die lngere Lebensdauer der Frauen im allgemeinen,--auf 100 gestorbene
Mdchen im Alter bis zu 5 Jahren sterben etwa 114 Knaben, auf 100
gestorbene Frauen im Alter von 60 bis 80 Jahren sterben gegen 108
Mnner,--scheint fr die strkere Lebenskraft der Frauen zu zeugen. Von
einschneidenderer Bedeutung jedoch ist es, da die Mnner sowohl als
Soldaten wie als Erwerbsthtige im allgemeinen greren Gefahren
ausgesetzt sind, als die Frauen und da sie infolge ihrer
Lebensweise,--geschlechtlichen Excessen, Alkoholgenu u.
dergl.,--zerstrenden Krankheiten leichter unterworfen werden. Unter
den gegenwrtig herrschenden wirtschaftlichen Verhltnissen, die die
Intensitt des Kampfes ums Dasein steigern und sittlich korrumpierend
auf Reiche und Arme wirken, ist daher an eine Abnahme der Sterblichkeit
der Mnner nicht zu denken, dagegen ist bei der Zunahme der weiblichen
Erwerbsthtigkeit eher eine Annherung der Sterbeziffern beider
Geschlechter mglich.

Was ihre Heiratsziffern, deren Zu- resp. Abnahme betrifft, so stellen
sie sich folgendermaen dar[321]:

Auf 100 Einwohner heirateten

                  1841/50       1881/90

Schweden           7,27          6,26
Norwegen           7,78          6,52
Dnemark           7,87          7,33
Finland            8,15          7,32
England            8,05          7,47
Niederlande        7,41          7,08
Belgien            6,79          7,07
Deutsches Reich    8,05          7,77
Weststerreich     7,71          7,50
Galizien           9,54          8,50
Frankreich         7,94          7,38

Man kann auf Grund dieser Statistik nachweisen, da sich die
Heiratsziffer berwiegend im Rckgang befindet. Umfassen die
Berechnungen krzere Zeitrume, so sind natrlich auch die Differenzen
geringer, ja es zeigen sich zuweilen, wie z.B. in Deutschland, nur
Schwankungen. Es ist aber ein Fehlschlu, daraufhin ein
durchschnittliches Gleichbleiben der Heiratsfrequenz behaupten zu
wollen[322], und es ist verkehrt, den Tchtern der Bourgeoisie dieses
Gleichbleiben gewissermaen als Trstung vorzuhalten. Nicht nur, da das
Heiratsalter der Mnner in brgerlichen Kreisen sich immer weiter
hinausschiebt,--in Preuen betrgt es bei den Berufslosen
durchschnittlich 41, bei den ffentlichen Beamten 33 Jahr,--und die
Heiratsfrequenz infolgedessen notwendig sinkt, ihre Heiratslust ist auch
in stndiger Abnahme begriffen. Leider lt sich das statistisch nicht
feststellen, da es fast ganz an einer Einteilung der Heiratenden nach
sozialen Schichten fehlt.[323] Nach einer Berechnung ber die
Bevlkerung Kopenhagens kommen auf 100 Mnner in brgerlichen Berufen
nur 51,94% Verheiratete resp. verheiratet Gewesene, whrend auf
diejenigen in proletarischen Berufen 62,40% kommen[324]; ber die
Abnahme der Heiratsfrequenz in der Bourgeoisie findet sich aber auch
hier nichts, sie lt sich jedoch mit einiger Sicherheit auf Grund der
allgemeinen Entwicklungstendenz behaupten.[325] Wo eine Schwankung, wo
eine Steigerung der Heiratsziffern zu finden ist, drften sie allein auf
Rechnung der greren Heiratsfrequenz im Proletariat zu setzen sein,
whrend die Eheschlieungen in der Bourgeoisie sich in stetiger Abnahme
befinden. Und hier stoen wir wieder auf einen wesentlichen Unterschied
zwischen der brgerlichen und der proletarischen Frauenfrage: der
Proletarier heiratet frh und leicht--sogenannt leichtsinnig--, weil die
Frau in der Ehe keine "Versorgung" sucht, ihre Arbeitskraft, d.h. die
Mglichkeit, sich selbst zu versorgen, ist sogar meist die gesuchteste
Mitgift; der Mann aus brgerlichen Kreisen heiratet spt und schwer,
weil die ganze Last der Bestreitung des Familienlebens allein auf seinen
Schultern ruht, falls er keine reiche Frau findet. Aber auch da, wo das
Einkommen des Mannes ihm die Erhaltung einer Familie leicht machen
wrde, nimmt die Heiratslust ab. "Ein gewisses Ma des hheren
Wohlbefindens wirkt in der Neuzeit nicht mehr ehefrdernd"[326], im
Gegenteil: der Junggeselle, der sich ein bequemes Leben schaffen kann,
scheut sich, es aufzugeben. Und die praktischen Erwgungen ber die
Mglichkeit, eine Familie auf dem gleichen gesellschaftlichen Niveau zu
erhalten, sind um so gewichtiger, je mehr der Mann seine
Liebesempfindung in hundert kleinen Passionen und Verhltnissen
verzettelt hat, je unfhiger er also ist, in erster Linie einem Zuge des
Herzens zu folgen, hinter den alle Bedenken von selbst zurcktreten. Der
moderne junge Mann der brgerlichen Kreise--mag er Beamter, Offizier,
Schriftsteller, Knstler oder Kaufmann sein--hat aber gewhnlich nur ein
Einkommen, das kaum ihm persnlich ein standesgemes Leben sichert, und
es gehrt mit zu jener Masse verschrobener Ehrbegriffe, da die
Aufrechterhaltung eines solchen Lebens unbedingt notwendig ist. Sein
Junggesellenleben, das ihm besonders in der Grostadt in jeder Beziehung
bequem gemacht wird, ist fr ihn angenehmer und billiger, als es das
eheliche Leben sein wrde, das ihm berdies, wenn er Umschau hlt unter
seinen verheirateten Bekannten, hchst selten verlockend erscheinen
wird. Auch seine Herzensbedrfnisse kann er fr wenig Geld befriedigen;
setzt er Kinder in die Welt, so kosten sie ihm nicht so viel, als
eheliche kosten wrden, er trgt keine Verantwortung fr ihr Fortkommen
und sie haben so gut wie keine Rechte an ihn. Wenn er berhaupt
heiratet, so geschieht es nicht selten erst zu einer Zeit, wo er auf den
bitteren Grund der genossenen Freuden gestoen ist und der Ruhe und
Pflege bedarf. Doch auch fr sittlich ernst denkende Mnner der
brgerlichen Kreise, die gern heiraten mchten, wird die Eheschlieung
immer mehr erschwert. Ihr Einkommen steht meist zu den Bedrfnissen in
grtem Miverhltnis; ihr Beruf selbst erschwert hufig die
Familiengrndung, indem er Reisen und hufigen Ortswechsel nach sich
zieht und ihr Fortkommen darin von ihrer leichteren Beweglichkeit
abhngig ist. Aber die Schuld,--wenn berhaupt gegenber den Ergebnissen
wirtschaftlicher Entwicklungen von Schuld gesprochen werden kann,--an
dem Rckgang der Heiratsfrequenz trifft nicht allein die Mnner.

In der Bourgeoisie, besonders in der des Mittelstandes, die von
fortschrittlichen Ideen am schwersten berhrt wird, ist die Erziehung
der Tchter im allgemeinen durchaus dazu angethan, gerade die besten
Mnner vom Heiraten abzuschrecken: sie knnen weder geistig
gleichstehende Gefhrtinnen, noch gute Hausfrauen und Mtter werden; sie
sind Dilettantinnen in allen Dingen, von ihren oberflchlichen
Schulkenntnissen und traurigen knstlerischen Bettigungen an bis in ihr
niedergetretenes Gefhlsleben hinein. Sie sind fr den Mann
Luxusgegenstnde, nicht viel anders als es die Haremsfrauen fr die
Muhamedaner sind, und sie sind nicht dazu angethan, den Trieb zur Ehe zu
erhhen.

Bei den gesteigerten Ansprchen, die die Erziehung der Shne an den
Geldbeutel des Vaters macht, bei der wachsenden Schwierigkeit fr sie,
sich selbst zu erhalten, auch wenn sie ganz bescheiden leben,--ein
preuischer Leutnant ist oft zehn Jahre lang auf ein Monatsgehalt von 75
bis 97 Mark[327], und unbesoldete Referendare sind oft bis zum 30.
Lebensjahr ganz auf ihre Eltern angewiesen,--bleibt fr die Mitgift der
Tchter immer weniger brig, und ihre Heiratsaussichten schwinden mehr
und mehr, whrend ihre Ansprche schon unwillkrlich durch die
Gewohnheit des Lebens im elterlichen Hause gesteigerte sind. Wird ihr
Vater pensioniert, oder ihre Mutter wird Witwe, so steht die bitterste
Not vor der Thr. Einige Zahlen mgen zur Illustration dienen: Ein
preuischer Hauptmann erhlt eine Pension von 1033 bis hchstens 4000
Mark jhrlich, ein Stabsoffizier kann schon mit 2300 Mk. jhrlich
pensioniert werden; das Witwengeld schwankt zwischen dem Mindestbetrag
von--216 Mk. und dem Hchstbetrag von 3000 Mk. jhrlich, den aber nur
die Witwe eines Generals erhlt, die an ein Jahreseinkommen von 10 und
20000 Mk. gewhnt war[328]; das Waisengeld betrgt 1/5 der
Witwenpension, ist also auch nicht entfernt ausreichend, die Kinder,
entsprechend der sozialen Schicht, der sie angehren, zu erziehen. In
demselben Verhltnis bewegen sich die fr Beamte, deren Witwen und
Waisen festgesetzten Pensionen. Weisen wir noch darauf hin, da auch der
kaufmnnische Mittelstand sich in einer keineswegs beneidenswerten Lage
befindet, da er mehr und mehr vom kaufmnnischen Grobetrieb
zurckgedrngt wird, so erklrt sich daraus zum groen Teil die
abnehmende Verheiratbarkeit der Tchter, und ihr zunehmendes Eindringen
in die Erwerbsarbeit.

So ist vorauszusehen, da der Rckgang der Heiratsfrequenz, der in der
Hauptsache auf wirtschaftliche Ursachen zurckzufhren ist, die Zunahme
der auf Erwerb angewiesenen alleinstehenden Frauen sich auch in Zukunft
weiter entwickeln, und der wesentliche Ausgangspunkt der Frauenbewegung,
insbesondere der brgerlichen, bleiben wird. Es ist jedoch nicht der
einzige.

Die Zeichen beginnen sich zu mehren, wonach nicht nur die unversorgte,
sondern auch die durch die Ehe versorgte Frau der Bourgeoisie eine
Berufsthtigkeit zu suchen gezwungen ist, ebenso wie die Proletarierin,
wenn auch oft aus anderen Grnden als sie. Dabei will ich derer nicht
gedenken, die, um ihr Wirtschafts- oder ihr Toilettengeld zu erhhen,
der Arbeiterin Schmutzkonkurrenz machen, sondern vielmehr jener, deren
brachliegende Krfte nach Bethtigung verlangen. Ihre Zahl steigt, je
mehr die Industrie sie als Hausfrau und die Schul-Erziehung sie als
Mutter entlastet. Der Gasherd, die elektrische Beleuchtung, die
Zentralheizung, die Dampfwschereien sind schon heute wichtige Faktoren
im Emanzipationskampf der Frau, denen in den verschiedensten Formen eine
unbegrenzte Entwicklung bevorsteht. Die Kindergrten, der ffentliche
Schulunterricht, die zunehmende Neigung, heranwachsende Kinder auf Jahre
hinaus Instituten anzuvertrauen, die sie womglich von dem geistig und
krperlich korrumpierenden Einflu der Stdte fernhalten, geben der
Mutter ein gut Stck der freien Verfgung ber ihre Zeit zurck, das
sich dadurch noch vermehrt, da die Berufsarbeit und die politischen
Interessen des Mannes ihn immer mehr aus dem Hause fhren. Ueber diese
Dinge mag man denken, wie man will, mag ihnen freundlich oder feindlich
gegenberstehen,--ableugnen lassen sie sich nicht und auf ihnen beruht
ein weiterer Fortschritt der Frauenbewegung, neben einer
unausbleiblichen weiteren Zersetzung des traditionellen Familienlebens.
Die unbeschftigten Gattinnen und Mtter haben die Wahl, ihre Zeit mit
Vergngungen totzuschlagen oder sie mit ntzlicher Thtigkeit
auszufllen. Die besten unter ihnen suchen nach Arbeit. Zunchst fanden
sie sie in Wohlthtigkeitsvereinen; mit der wachsenden Erkenntnis
entwickelt sich dann aus dem oft recht schdlichen Wohlthun eine
ernstere soziale Hilfsarbeit, die schlielich zu dem Wunsche nach einer
geregelten Berufsthtigkeit fhrt. So lt sich mit Recht behaupten, da
die Frauenbewegung mit der Lsung der Jungfernfrage, nicht, wie Eduard
von Hartmann behauptet, aus der Welt geschafft sein wrde, da vielmehr
der Kampf um Arbeit auch der verheirateten Frauen der Bourgeoisie, der
sich eben erst im Anfangsstadium befindet, ihr eine sehr lange Dauer
sichert, eine um so lngere, als das steigende Miverhltnis zwischen
Bedrfnissen und Einnahmen sie schon zu ntigen anfngt, fr den Erwerb
zu arbeiten.

Es hat sich gezeigt, da die Zunahme der alleinstehenden Frauen, die
Abnahme der Heiratsfrequenz und die wirtschaftliche Not als Ursachen der
Frauenbewegung in allen Lndern anzusehen sind. Gleiche Ursachen werden
notwendig gleiche Wirkungen hervorbringen. Das Vordringen der Frau in
alle Erwerbsgebiete haben wir aus dem geschichtlichen Ueberblick ihres
Kampfes um Arbeit kennen gelernt. Es handelt sich nun darum,
festzustellen, in welchem Tempo es fortschreitet, und wie sich dieses
Tempo im Vergleich zur Mnnerarbeit darstellt. Sehen wir zunchst von
der Unterscheidung in brgerliche und proletarische Arbeit ab, so
ergiebt sich fr nachbenannte Staaten folgendes Verhltnis der
erwerbsthtigen Bevlkerung zur Gesamtbevlkerung:

Lnder     |Zhlungs-|Gesamtbevlkerung|Erwerbsthtige  |Von 100
           |periode  |                 |Bevlkerung     |Mnnern resp.
           |         |                 |                |Frauen sind
           |         |                 |                |erwerbsthtig
           |         |-----------------+----------------+------+------
           |         |Mnner  |Frauen  |Mnner  |Frauen |Mnner|Frauen
-----------+---------+--------+--------+--------+-------+------+------
Vereinigte |         |        |        |        |       |      |
Staaten    |  1880   |25518820|24636963|14744942|2647157| 57,78| 10,74
Vereinigte |         |        |        |        |       |      |
Staaten    |  1890   |32067880|30554370|18821090|3914571| 58,69| 12,81
England u. |         |        |        |        |       |      |
Wales      |  1881   |12639902|13334537| 7783656|3403918| 61,58| 25,53
England u. |         |        |        |        |       |      |
Wales      |  1891   |14052901|14949624| 8883254|4016230| 63,20| 26,87
Frankreich |  1881   |18656518|18748772|10496652|5033604| 56,26| 26,84
Frankreich |  1891   |18932354|19201031|11137065|5191084| 58,82| 27,03
Deutschland|  1882   |22150749|23071364|13415415|5541527| 60,56| 24,02
Deutschland|  1895   |25409191|26361123|15531841|6578350| 57,19| 24,94
Oesterreich|  1880   |10819737|11324516| 6823891|4688687| 63,07| 41,40
Oesterreich|  1890   |11689129|12206284| 7780491|6245073| 66,56| 51,16

Die Zunahme der Mnner- und der Frauenarbeit fr den Zeitraum von
1880-1890 stellt die folgende Tabelle dar:

Lnder            |      Mnner         |      Frauen
                  |---------------------+---------------------
                  |absolute|Zunahme     |absolute|Zunahme
                  |Zunahme |in Prozenten|Zunahme |in Prozenten
------------------+--------+------------+--------+------------
Vereinigte Staaten| 4076148|    27,64   | 1267414|    47,88
England und Wales | 1099598|    12,38   |  612312|    15,22
Frankreich        |  640413|     6,10   |  157480|     3,11
Deutschland       | 2116426|    15,78   | 1036833|    18,71
Oesterreich       |  956600|    14,02   | 1556386|    33,19

Betrachten wir die Frage auch noch von einer anderen Seite, indem wir
feststellen, wie sich die Zahl der weiblichen Erwerbsthtigen zu der der
mnnlichen in den bezglichen Zhlungsperioden stellt, so kommen wir zu
folgendem Resultat:

Lnder            |Zhlungs-|Die erwerbsttige         |Von 100
                  |periode  |Bevlkerung               |Erwerbsttigen
                  |         |                          |waren
                  |         |--------------------------+--------------
                  |         |im ganzen|Mnner  |Frauen |Mnner|Frauen
------------------+---------+---------+--------+-------+------+-------
Vereinigte Staaten|  1880   | 17392099|14744942|2647157| 84,78| 15,22
    "         "   |  1890   | 22735661|18821090|3914571| 84,10| 15,90
England u. Wales  |  1881   | 11187574| 7783656|3403918| 69,59| 30,41
   "    "    "    |  1891   | 12899484| 8883254|4016230| 68,09| 31,91
Frankreich        |  1881   | 15540256|10496652|5033604| 67,59| 32,41
    "             |  1891   | 16328149|11137056|5191084| 68,20| 31,80
Deutschland       |  1882   | 18956932|13415415|5541517| 71,24| 28,76
     "            |  1895   | 22110191|15531841|6578350| 70,25| 29,75
Oesterreich       |  1880   | 11512578| 6823891|4688687| 59,27| 40,67
     "            |  1890   | 14025564| 7780491|6245073| 55,47| 45,53

Aus der Betrachtung der vorhergehenden drei Tabellen lassen sich
folgende Schlsse ziehen: Die erste Tabelle zeigt, da die Frauenarbeit
im Verhltnis zur gesamten weiblichen Bevlkerung durchschnittlich um
2,86 Proz., die Mnnerarbeit dagegen nur um 2,39 Proz. gewachsen ist.
Betrachten wir diese Tabelle nher, so ergiebt sich jedoch, da der
Prozentsatz der Zunahme der Frauenarbeit wesentlich auf das Resultat
Oesterreichs zurckzufhren ist, wo die weibliche Erwerbsthtigkeit um
9,76 Proz. zugenommen haben soll, whrend die betreffende Zahl fr
Amerika,--das das schnellste Wachstum der Frauenarbeit aufweist,--2,07
Proz., fr England 1,34 Proz., fr Frankreich 0,19 Proz. und fr
Deutschland 0,92 Proz. aufweist. Da diese abnorm hohe Zunahme der
sterreichichen Frauenarbeit, der wir an anderen Stellen wieder begegnen
werden, sich auf keinerlei besondere wirtschaftliche Ursachen
zurckfhren lt, so mssen wir annehmen, da entweder die Zahlung von
1880 nicht alle weiblichen Erwerbsthtigen umfat hat, oder die von 1890
bedeutende Fehler, sei es in der Aufnahme sei es in der Berechnung,
enthlt. Schalten wir deshalb, um eine richtigere Durchschnittszahl zu
gewinnen, Oesterreich hier aus, so stellt sich die Zunahme der
Frauenarbeit im Verhltnis zur gesamten weiblichen Bevlkerung auf 1,13
Proz., und die Zunahme der Mnnerarbeit auf 2,11 Proz. Dies Ergebnis,
das zunchst die Gegner der Erwerbsthtigkeit der Frau sehr beruhigen
drfte, ist jedoch im wesentlichen auf den groen Frauenberschu
zurckzufhren. Als Beweis dafr dient Amerika, dessen weibliche
Bevlkerung an Zahl hinter der mnnlichen zurckbleibt und wo die
weiblichen Erwerbsthtigen im Verhltnis zu ihr um 2,07 Proz., die
mnnlichen dagegen nur um 0,91 Proz. zugenommen haben.

Ein klares Bild des Wachstums der Frauenarbeit gewinnen wir aus der
nchsten Tabelle auf S. 172. Mit Ausnahme von Frankreich, dessen
eigentmliches Bild im Stillstand der Bevlkerung seine Ursache hat und
dessen besonders langsam wachsende Frauenarbeit vielleicht auf den
greren Wohlstand der Bevlkerung zurckzufhren ist,--wenn nicht die
Unvollkommenheit der Zhlung einen Teil der Schuld trgt,--zeigt es
sich, da die Erwerbsthtigkeit des weiblichen Geschlechts in den
betreffenden Lndern in weit rapiderem Tempo zunimmt, als die des
mnnlichen. Vergleichen wir sie mit dem Wachstum der Bevlkerung, so
zeigt sich, da, whrend die mnnliche Bevlkerung durchschnittlich um
13,77 Proz., die mnnlichen Erwerbsthtigen um 15,18 Proz. zunahmen, die
weibliche Bevlkerung um 13,46 Proz. und die weiblichen Erwerbsthtigen
um 23,62 Proz. gewachsen sind. Aus diesen Zahlen spricht deutlich der
Notstand, unter dem das weibliche Geschlecht zu leiden hat und der es
in Scharen in den Kampf um Arbeit treibt. Noch drastischer wird dies
Verhltnis durch die dritte Tabelle auf S. 172 beleuchtet, die zeigt, in
welchem Verhltnis die Geschlechter an der Erwerbsthtigkeit beteiligt
sind. Wieder mit Ausnahme Frankreichs, das aber gegenber den hohen
Zahlen anderer Lnder wenig ins Gewicht fllt, wchst der Anteil der
Frau am Erwerbsleben. Wir sehen auch, wie sehr er von der Zahl der
alleinstehenden Frauen abhngig ist: in Amerika ist er auerordentlich
gering, in England sehr hoch und in raschester Zunahme begriffen. Da
nun, wie wir oben darstellten, nicht nur die Menge der Alleinstehenden
stetig wchst, sondern auch die verheirateten Frauen immer mehr zur
Arbeit gentigt werden, so ist an eine Abnahme der Frauenarbeit, die
etwa gar durch uere Maregeln herbeigefhrt werden soll, berhaupt
nicht zu denken. Sie kann allenfalls von einem Zweig der Erwerbsarbeit
in den anderen gedrngt werden, ihre Entwicklung aber ist eine
gesetzmige, deren aufsteigende Tendenz unverkennbar ist.

Fr den gegenwrtigen Zweck der Untersuchung ist es nun notwendig, aus
dem Bereich der weiblichen Erwerbsthtigkeit den Kreis herauszuschlen,
der die brgerlichen Berufe umfat. Dabei kann man nicht bei den
liberalen Berufen stehen bleiben und stt deshalb auf groe
Schwierigkeiten. Handelt es sich doch hauptschlich darum, die Zahl von
erwerbsthtigen Frauen festzustellen, die aus der Bourgeoisie
hervorgegangen sind und hierfr fehlen, da an eine Feststellung der
sozialen Herkunft der Erwerbsthtigen, trotz ihrer Wichtigkeit, bisher
so gut wie gar nicht gedacht wurde, fast alle statistischen
Anhaltspunkte. Obwohl die Erfahrung mit einiger Sicherheit lehrt, da
Lehrerinnen, hhere weibliche Beamte, weibliche Aerzte und Gelehrte
aller Art aus brgerlichen Kreisen stammen, so steht das fr
Handelsangestellte, Krankenpflegerinnen, Wirtschafterinnen,
Schauspielerinnen u. dgl. keineswegs fest, vielmehr setzen sich diese
Berufe aus Gliedern brgerlicher und proletarischer Schichten zusammen.
Eine Untersuchung, die auf Grund des Materials, das dem Berliner
Hilfsverein fr weibliche Angestellte zur Verfgung steht, angestellt
wurde[329], verbreitet einiges Licht ber diese Frage, soweit sie den
kaufmnnischen Beruf betrifft. Danach stellt sich heraus, da 84 Proz.
des kaufmnnisch gebildeten, also des Aufsichts- und Bureaupersonals,
und 66 Proz. der Verkuferinnen brgerlichen Kreisen entstammen. Dieses
Resultat lt sich jedoch nicht ohne weiteres auf die Gesamtheit der
Handelsangestellten anwenden, weil der genannte Verein ihre Elite
umfat und das Verhltnis in den Provinzstdten und unter den
Nichtorganisierten ein anderes sein drfte. Wir glauben der Wahrheit
nahe zu kommen, wenn wir,--soweit die Zhlungen der verschiedenen Lnder
das zulassen,--die Verkuferinnen aus dem Kreis der brgerlichen
Frauenarbeit ganz ausscheiden, dagegen das kaufmnnisch gebildete
Personal vollstndig dazurechnen; der Prozentsatz unter ihm, der etwa
aus proletarischen Schichten stammt, drfte durch den der Verkuferinnen
ersetzt werden knnen, der ihre Herkunft aus brgerlichen Kreisen
darstellt. Eine weitere Schwierigkeit bildet die Frage der selbstndigen
erwerbsthtigen Frauen. Ein groer Prozentsatz von ihnen kann nicht zu
denen gerechnet werden, die sich aus eigner Kraft emporarbeiteten und
wirklich selbstndige Leiterinnen ihrer Unternehmungen sind; sie sind
vielmehr durch Erbschaft in deren Besitz gekommen und sind keineswegs
die leitenden Krfte; ihre Zu- resp. Abnahme ist daher vom Standpunkt
der Frauenfrage vllig belanglos. Um so bedeutsamer wre es jedoch,
liee es sich ermglichen, diejenigen unter ihnen statistisch
festzustellen, die als selbstndig Erwerbsthtige in unserem Sinne
gelten knnen. Das ist aber beinahe unmglich: nur Knstler,
Photographen, Zeichner, Apotheker und Chemiker knnen ohne weiteres
berechnet und in die Kategorie der brgerlichen Erwerbsthtigen
einbezogen werden; im allgemeinen vermgen wir nur, und zwar wesentlich
auf Grund der amerikanischen und englischen Verhltnisse, anzunehmen,
da die Zahl der selbstndigen Frauen aus eigner Kraft in steter Zunahme
begriffen ist. Leichter schon wre es, wenn dabei die Betriebszhlungen
zu Grunde gelegt werden, die proletarischen Existenzen unter den
Selbstndigen von den brgerlichen zu sondern.

Noch schwerer als bei der Betrachtung der einzelnen Lnder gestaltet
sich die Feststellung der in brgerlichen Berufen thtigen Frauen fr
eine internationale Vergleichung, weil die Methoden, nach denen die
Berufe eingeteilt werden, gar zu verschiedene sind. Teils werden, wie in
Amerika und England, die sozialen Schichten nicht scharf genug
auseinandergehalten, teils Berufe zusammengeworfen, wie z.B. die der
Hebammen und Krankenpflegerinnen, die getrennt aufgefhrt werden mten.

Nach alledem steht es fest, da die statistische Umgrenzung der
brgerlichen Frauenarbeit keinen Anspruch auf vollkommene Genauigkeit
machen kann, trotzdem aber ein im allgemeinen richtiges Bild von ihr
geben drfte. Teilen wir sie in 38 Berufsarten ein, so stellt sie sich
nach den Ergebnissen, die ich den letzten offiziellen Berufszhlungen
entnommen habe, folgendermaen dar.

Berufe                 |Deutsch-  |Oester-  |Frankreich|England    |Vereinigte
                       |land      |  reich  |          | u. Wales  |Staaten
-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
1.  Beamte und         | \        |         |          |           |\
    Bureauangestellte  | }        |         |          |           | }
    im Staatsdienst    | }        |   865   |    445   |    8546   | }
2.  Beamte und         | } 1852   |         |          |           | } 4875
    Bureauangestellte  | }        |         |          |           | }
    im Gemeinde-       | }        |         |          |           | }
    und Kommunaldienst | /        |   357   |    387   |    5165   |/
3.  Polizeibeamte,     |          |         |          |           |
    Gendarmerie        |          |         |          |           |
    und Wachtdienst    |     --   |    10   |     --   |      --   |    279
4.  Post-, Telegraphen-|          |         |          |           |
    und Telephonbeamte |   2499   |  2703   |   5211   |    4356   |   8474
5.  Eisenbahnbeamte    |    382   |   605   |   3767   |     849   |   1438
6.  Geistliche         |     --   |    --   |     --   |  4194[335]|   1143
7.  Kirchen- und       |          |         |          |           |
    Anstaltsbeamte     |    430   |  2715   |     --   |      --   |     --
8.  Aerzte, Chirurgen  |\         |         |          |           |
    und Zahnrzte      | }        |    37   |    870   |     446   |   4894
9.  Krankenpflegerinnen| }72837   |         |          |           |
    und Hebammen       |/  [330]  | 14623   |13475[333]|   53057   |  41396
10. Tierrzte          |     --   |    --   |     --   |       2   |      2
11. Advokaten          |     --   |   6[332]|     --   |      --   |    208
12. Bureaubeamte       |          |         |          |           |
    bei Advokaten      |     --   |         |          |           |
    und Notaren        |   [331]  |   102   |    389   |      --   |     --
13. Professoren        |          |         |\         |\          |
    an Universitten   |          |         | }        | }         |
    und Lyceen         |     --   |    --   | }68448   | }144393   |    695
14. Lehrer             |  66181   | 21417   |/         |/          | 245371
15. Privatgelehrte     |\         |\        |\         |      42   |\
16. Schriftsteller     | }        | }       | }        |\          | } 2725
    und Redakteure     | }  410   | }       | }  391   | }   660   |/
17. Journalisten       |/         | } 332   |/         |/          |    888
18. Stenographen und   |          | }       |          |           |
    Maschinenschreiber |    436   |/        |     --   |     127   |  21270
19. Bibliotheks-,      |          |         |          |           |
    Museums-           |          |         |          |           |
    und Privatbeamte   |    865   |   572   |     --   |     240   |     --
20. Architekten        |     --   |    20   |     --   |      19   |     22
21. Ingenieure         |     --   |    --   |     --   |      --   |    124
22. Maler und Bildhauer|    839   |   337   | \ 3818   |    3032   |  10815
23. Musiker            |\         |\        | /        | \ 19111   |\ 34519
24. Musiklehrer        | }        | }       |   4888   | /         |/
25. Schauspieler       | } 8976   | }2586   |          |           |
    und Snger         |/         |/        |   5301   |    3696   |   3949
26. Theaterbeamte      |    195   |  1074   |     --   |      --   |     --
27. Chemiker           |     92   |    42   | \  657   |      27   |     39
28. Apotheker          |     60   |   134   | /        |     160   |    734
29. Photographen       |    208   |\        |     --   |    2496   |   2201
30. Zeichner,          |          | }       |          |           |
    Musterzeichner,    |          | } 156   |          |           |
    Graveure,          |          | }       |          |           |
    Modelleure         |    114   |/        |     --   |      --   |    346
31. Agenten            |    195   |\ 1809   |     91   |     765   |   4875
32. Handelsreisende    |\         |/        |     --   |     165   |    611
33. Buchhalter         | }        |\        | \94003   |      50   |  27772
34. Handelskommis      | }11987   | }8138   | /  [334] |   17859   |  64219
35. Bankbeamte         |/         |/        |   1135   |     249   |    217
36. Verwalter,         |          |         |          |           |
    Wirtschaftsbeamte  |          |         |          |           |
    und Rechnungsfhrer|          |         |          |           |
    in landschaftlichen|          |         |          |           |
    Betrieben          |  17170   |  1001   |  16766   |      --   |   --[336]
37. Technisch gebildete|          |         |          |           |
    Beamte in          |          |         |          |           |
    industriellen      |          |         |          |           |
    Betrieben          |   5099   |  2094   |     --   |     748   |   --[337]
38. Andere freie Berufe|     --   |   177   |     --   |      --   |    479
-----------------------+----------+---------+----------+-----------+----------
Summa:                 |  190827  | 61382   |  220042  |   269454  |  484580

Wir sehen aus dieser Tabelle, da die relativ grte Anzahl brgerlicher
Frauen als Lehrerinnen, Handelsangestellte und Krankenpflegerinnen
thtig sind. Wo sie, wie in Amerika, Zugang zu allen wissenschaftlichen
Berufen haben, scheint ihre Neigung sie am meisten der Medizin und der
Theologie zuzufhren. Bei dieser Berufswahl kommen die ursprnglichsten
und durch die Erziehung der Jahrtausende gefestigten Begabungen ihres
Geschlechts zum Ausdruck, als deren Grundzug die in jeder unverdorbenen
Frau ruhende Mtterlichkeit anzusehen ist. Sie wirkt in der Lehrerin,
die statt der eigenen fremde Kinder erzieht, in der Aerztin und
Krankenpflegerin, der Missionarin und Predigerin. Und der Sinn fr
Ordnung, die von dem Augenblick der ersten festen Ansiedelung an gebte
Kunst der Haushaltung kommt in dem Talent des weiblichen Geschlechts fr
den kaufmnnischen Beruf wieder zum Ausdruck. Seiner Begabung
entsprechen auch die ffentlichen Anstellungen, die ihr gerade dort in
immer erweitertem Mae zugeteilt werden, wo man bereits Erfahrungen ber
die Befhigung der Frauen zum Staats- und Gemeindedienst gemacht hat: In
England und Amerika werden Frauen hauptschlich im Bureaudienst, als
Erzieher, Armenpfleger, Armenhaus-, Sanitts- und Gewerbe-Inspektoren
verwendet.

Um aber zu einer richtigen Wrdigung der Zahl brgerlich erwerbsthtiger
Frauen zu kommen, mu sie mit der Zahl der in denselben Berufen thtigen
Mnner verglichen werden. Dabei ergiebt sich nach der neuesten Zhlung
fr die betreffenden Lnder als Resultat:

Lnder              Von 100 Erwerbsttigen
                    in brgerlichen Berufen sind

                    Mnner       Frauen

Deutschland         88,34        11,46
Oesterreich         87,77        12,23
Frankreich          78,02        21,98
England             77,67        22,33
Vereinigte Staaten  81,25        18,75

Die Berechnung zeigt, da die geringste Beteiligung der Frauen am
brgerlichen Erwerbsleben dort zu finden ist, wo der Zugang dazu ihnen
am meisten erschwert wird, und die hchste da vorhanden ist, wo nicht
nur die Berufe ihnen offen stehen, sondern wo zu gleicher Zeit ein
starker Frauenberschu konstatiert wurde. Wo, wie in Amerika, ein
Mnnerberschu besteht, ist, trotz der Zulassung der Frauen zu allen
Erwerbsgebieten, ihr Anteil daran ein geringerer.

Der Eindruck dieses Momentbildes verschiebt sich jedoch wesentlich,
sobald wir das Wachstum der brgerlichen Frauenarbeit einer Betrachtung
unterziehen. Folgende Zusammenstellung giebt Aufschlu darber:

Erwerbsttige in brgerlichen Berufen:

Lnder     |1880 resp.   |1890 resp.    | Absolute     |Prozentuale
           |1881 und 1882|1891 und 1895 | Zunahme der  |Zunahme der
           |-------------+--------------+--------------+-------------
           |Mnner|Frauen|Mnner |Frauen| Mnner|Frauen|Mnner|Frauen
-----------+------+------+-------+------+-------+------+------+------
Deutschland|808213|118070|1474072|190827| 665859| 72757| 82,32| 61,61
Oesterreich|276070| 41693| 440288| 61328| 164218| 19690| 59,52| 47,22
Frankreich |660459|196296| 781052|220042| 120593| 23746| 18,26| 10,79
England    |605245|168656| 936970|269454| 331725|100798| 54,81| 59,47
Verein.    |      |      |       |      |       |      |      |
Staaten    |992736|229451|2099513|484580|1106777|255129| 89,69|111,19

Sie zeigt deutlich, da die Zunahme der brgerlichen Frauenarbeit in
England und Amerika, wo eine groe Ausbreitungsmglichkeit fr sie
besteht, eine weit raschere ist, als die der Mnner.

Eine nach dieser Hinsicht interessante Zusammenstellung, die wir hier
wiedergeben, und die sich ber zwei Jahrzehnte erstreckt, liegt fr
Amerika vor:[338]

Von 100 Erwerbsttigen in Amerika waren

Berufe                         1870             1880             1890
                           Mnner Frauen    Mnner Frauen    Mnner Frauen

Knstler und Kunstlehrer   89,90  10,10     77,36  22,64     51,92  48,08
Musiker und Musiklehrer    64,07  35,93     56,75  43,25     44,46  55,54
Professoren und Lehrer     33,73  66,27     32,21  67,79     29,16  70,84
Buchhalter und Kommis      96,53   3,47     92,90   7,10     83,07  16,93

Es handelt sich eben um einen allgemeinen Notstand, der die Frauen in
rapidem Tempo in die sich ihnen ffnenden Berufe drngt, und es lt
sich daraus schlieen, da dasselbe Verhltnis sich in anderen Lndern
zeigen wird, wenn die verschlossenen Thren sich auch dort ihnen ffnen.
Vor allem aus der prozentualen Zunahme der Lehrerinnen und
Handelsangestellten in Deutschland und Oesterreich lt sich unschwer
der Beweis dafr erbringen:

                             Oesterreich      Deutschland
                             Zunahme der      Zunahme der
                            Mnner Frauen    Mnner Frauen
Lehrer                       42,14  44,62     24,79  48,84
Handelsangestellte          115,81 126,66     80,60 279,21

Wir stehen somit zweifellos der Thatsache eines raschen Wachstums der
brgerlichen Frauenarbeit gegenber. Dafr spricht auch der Umstand, da
jeder offenen Stelle eine erschreckend groe Zahl Bewerberinnen
gegenberstehen, die natrlich dort den grten Umfang annimmt, wo die
arbeitsuchenden Frauen die geringste Auswahl unter den Berufen haben.
Nach einer in Frankreich angestellten Untersuchung[339] bewarben sich
bei einer Konkurrenz allein im Seine-Departement ber 8000 Frauen um 193
offene Schulstellen; fr 200 Stellungen, die die Post ausgeschrieben
hatte, meldeten sich gegen 5000 Frauen; bei der Bank von Frankreich, die
jhrlich hchstens 25 Stellen neu zu besetzen hat, stellten mehr als
6000 Arbeitsuchende sich vor; der Crdit Lyonnais zhlte fr ca. 80
Stellen 700 bis 800 Bewerberinnen und im Magasin du Louvre pflege im
Durchschnitt 100 sich auf eine offene Stelle zu melden. Diese Zahlen
zeigen nicht nur, da das Problem der Arbeitslosigkeit fr die Mdchen
aus brgerlichen Kreisen vielfach in demselben Grade besteht, wie fr
die Proletarierinnen, sie sprechen auch fr die wachsende Not, die sie
zur Erwerbsarbeit treibt. Ein weiterer Beweis dafr ist die rasche
Zunahme der weiblichen Studenten. An den preuischen Universitten, die
sich bekanntlich sehr ablehnend gegen sie verhalten, haben sie trotzdem
vom Jahre 1895 bis 1899 von 117 bis auf 414 zugenommen; an den Schweizer
Universitten betrgt die Zunahme von 1890 bis 1900 184 zu 1026.[340]
Diese Zahlen wrden noch bedeutend hher sein, wenn nicht das Studium
und der Eintritt in einen gelehrten Beruf groe finanzielle Opfer
forderte, die bis jetzt in erster Linie nur den Shnen gebracht worden
sind. Bei den Frauen gilt es meist, mglichst rasch zum Erwerb zu
gelangen, daher whlen sie Berufe deren Vorbereitung nicht zu viel Zeit
und Geld erfordert. Und das ist einer der proletarischen Zge in der
brgerlichen Frauenbewegung. Noch ein anderer, bedeutungsvollerer sei an
dieser Stelle erwhnt: die Berufsarbeit verheirateter Frauen. Ihr
Verhltnis zu den alleinstehenden Frauen ist folgendes:

                 Auf 100 Erwerbsthtige in brgerlichen
Lnder           Berufen kommen verheiratete Frauen

Deutschland              15,02
Oesterreich              36,22
Vereinigte Staaten        8,92

Die Konkurrenzfurcht, die sich in dem oft leidenschaftlichen Kampf der
Mnner gegen die Zulassung der Frauen zu brgerlichen Berufen ausdrckt,
ist daher nicht unbegrndet, und sie gewinnt an Bedeutung, wenn wir die
Bedingungen, unter denen die Frauen arbeiten, einer Betrachtung
unterziehen. Ueberall, selbst in den Lndern, wo die Frauenarbeit die
glnzendsten Fortschritte macht, zeigt es sich, da ihre Bewertung, auch
bei gleicher Leistung, eine geringere ist als die der Mnner. In den
Oststaaten Nordamerikas verdienen weibliche Buchhalter 5 bis 20 Dollars
wchentlich, ihre mnnlichen Kollegen dagegen 10 bis 35 Dollars.
Mnnliche Bureaubeamte im Staatsdienst haben ein Gehalt von 800 bis 2000
Dollars jhrlich, Frauen in gleichen Stellungen beginnen mit einem
Mindestgehalt von 500 und erreichen nur ein Hchstgehalt von 1200
Dollars. Ueber die Verschiedenheit der Gehlter der Lehrer und
Lehrerinnen giebt folgende Tabelle Aufschlu:[341]

                                Durchschnittlicher Verdienst der
                                Mnner           Frauen

New York                        74,95 $          51,33 $
Massachusetts                  128,55 $          48,38 $
Rhode Island                   101,83 $          50,06 $
Connecticut                     85,58 $          41,88 $
Delaware                        36,60 $          34,08 $
Maryland                        48,00 $          40,40 $
South-Carolina                  25,46 $          22,32 $
Florida                         35,50 $          34,00 $

Der Umstand, da der weitaus grte Teil der Lehrer in Amerika Frauen
sind, fllt dabei besonders schwer ins Gewicht und beweist, da die
Mehranstellung von Frauen nicht auf Grund besserer Leistungen, sondern
geringerer Ansprche erfolgt. Derselben Thatsache ist zum Teil auch das
rasche Vordringen der Englnderin in alle Erwerbsgebiete zu verdanken.
Die weiblichen Bibliothekare z.B., von denen sich 19 in leitenden
Stellungen befinden, erreichen nur ein Gehalt von 40 bis 80 Pfund
jhrlich,--fast die Hlfte dessen, was ihren mnnlichen Kollegen
zugestanden wird.[342] Auch die Lehrerinnen an hheren Mdchenschulen
sind in keiner gnstigen finanziellen Lage. Viele von ihnen haben nur
eine Jahreseinnahme von 80 bis 100 Pfund, wenige erreichen ein Einkommen
von 150 Pfund und nicht mehr als ein halbes Dutzend stehen sich auf 200
Pfund. Noch schlechter sind die Verhltnisse der Volksschullehrerinnen,
die von der Girls Day School Company angestellt werden und
durchschnittlich 12 Pfund 12 sh jhrlichen Gehalt beziehen! Die
Lehrerinnen der Elementarschulen, die mit 40 Pfund beginnen, haben auch
nur in Ausnahmefllen die Aussicht, ihre Einnahmen zu erhhen.[343]
Auch die Krankenpflegerinnen, die in England fast ausschlielich
brgerlichen Kreisen entstammen, werden fr ihre aufopfernde Thtigkeit
in ungengender Weise entschdigt: neben Wohnung und Bekstigung
erhalten sie 12 bis 30 Pfund jhrlich. Selbst die vom Staat angestellten
Post- und Telegraphenbeamtinnen erfreuen sich keineswegs einer
glnzenden Stellung, da der grte Teil von ihnen nur 65 bis 80 Pfund im
Jahr bezieht, ihre mnnlichen Kollegen erhalten fr gleiche Leistungen
ein Mindestgehalt von 70 Pfund und whrend sie in den hheren Stellungen
eine Einnahme bis zu 900 Pfund haben, bekommen die Frauen in denselben
Stellungen im gnstigsten Falle 400 Pfund.[344] Gleiches lt sich von
den Handelsangestellten sagen, deren Einnahmen sich auf 20 bis 40 Pfund
im Jahr belaufen, eine Summe, die etwa 33% niedriger ist, als die der
Mnner.[345] Dasselbe Bild wiederholt sich in Frankreich, und ist in
Bezug auf die staatlich Angestellten besonders unerfreulich. Die
weiblichen Beamten im Post- und Telegraphendienst beziehen ein
Anfangsgehalt von 1000 Frs., die mnnlichen bei gleicher Leistung 1500
Frs.; die Einnahme der Frauen steigt alle 2 Jahre mit 100 Frs., die der
Mnner alle 3 Jahre mit 300 Frs.; das Hchstgehalt der Frauen endlich
betrgt 1800 Frs., das der Mnner dagegen weit ber das Doppelte,
nmlich 4000 Frs.[346]

Trauriger noch sind die Zustnde in Deutschland und Oesterreich. Giebt
es doch im Deutschen Reich noch Lehrerinnen, deren Jahreseinkommen 300
bis 450 Mk. betrgt, eine Einnahme, die sich mit der einer besonders
schlecht gestellten Wschenherin vergleichen lt. Eine
Volksschullehrerin, die mit 700 Mk. angestellt wird,--kein Lehrer
bezieht unter 900 Mk.,--hat die Aussicht, nach 31 jhriger angestrengter
Thtigkeit 1560 Mk. alles in allem zu erhalten. In Gumbinnen erreicht
sie nach 20jhrigem Dienst ein Hchstgehalt von 1150 Mk.[347] Zwei
Drittel der technischen Lehrerinnen in Berlin beziehen ein Gehalt
von--25 Mk. monatlich! In wie schroffem Gegensatz die Gehlter der
Lehrerinnen zu denen der Lehrer an den hheren Mdchenschulen stehen,
zeigt folgende Tabelle ber ihre niedrigsten und hchsten Einnahmen an
den genannten Orten:[348]

              Lehrerinnen      Lehrer
Berlin        1800-2600 Mk.    2800-6000 Mk.
Breslau       1300-2300  "     1800-4550  "
Danzig        1200-2000  "     1800-4850  "
Hannover      1000-2000  "     2250-5150  "
Kassel        1200-1950  "     2600-5150  "
Kln          1200-2200  "     1800-6075  "

Dabei ist berechnet worden, da eine grostdtische Lehrerin bei
bescheidensten Ansprchen ein Mindesteinkommen von 1500 Mk. haben mu.

Viel schlimmer gestaltet sich die Lage der Frauen an Privatschulen, wo
sie hufig mit 500-800 Mk. zufrieden sein mssen[349] und berdies durch
Einkauf in die verschiedenen Pensions- und Rentenversicherungsanstalten
fr Lehrerinnen fr ihr Alter selbst zu sorgen haben. Freilich ist die
Pension, die Staat und Gemeinden den Frauen gewhren, die, unter
Verzicht auf persnliches Lebensglck, ihre besten Jahre der
Heranbildung der Tchter des Landes geopfert haben, jammervoll genug:
sie betrgt 405 bis 912 Mk. jhrlich;--es liegt grimmiger Hohn darin,
diese Summe mit dem Namen Ruhegehalt zu bezeichnen, denn von Ruhe ist
auch fr die alternde Lehrerin keine Rede. Wie sie schon in ihren besten
Jahren kaum existieren kann, ohne Vermgen zu besitzen, oder--der
hufigste Fall--durch Privatstunden den Rest ihrer Krfte aufzureiben,
so kann sie sich auch der verdienten Ruhe nicht erfreuen, wenn sie nicht
aus anderen Quellen eine Pension sich selbst sicherte, oder, bis ihre
Gesundheit ganz versagt, tagaus, tagein, treppauf, treppab luft, um
sich noch ein paar Mark zu verdienen.

Die Handelsangestellten befinden sich in keiner gnstigeren Lage, als
die Lehrerinnen. Kaum ein Sechstel des weiblichen Bureaupersonals vermag
als Hchstgehalt das Monatseinkommen zu erringen, das die Mnner in
gleichen Stellungen in der Regel beziehen.[350] Gehlter zwischen 20 und
30 Mk. monatlich gehren, besonders in der Provinz, nicht zu den
Seltenheiten und stehen in schreiendem Gegensatz zu der Behauptung, da
eine Jahreseinnahme von 1000 bis 1200 Mk. fr die Handelsangestellten
ein Existenzminimum darstellt. Nach den Angaben einer Anzahl Berliner
Angestellten, die ganz auf eigenen Erwerb angewiesen sind, stellen sich
ihre Ausgaben fr Wohnung und Nahrung--also ohne Kleidung, Wsche,
Extraausgaben, wie Omnibusfahrten u. dergl., von Vergngungen ganz
abgesehen--auf ca. 51 Mk. monatlich, dabei schwanken die Einnahmen von
28 Proz. unter ihnen zwischen 30 und 70 Mk.[351] Fr Oesterreich werden
die Einnahmen der Handlungsgehilfinnen folgendermaen berechnet: 60
Proz. haben ein Gehalt von 10-25 Gulden, 20 Proz. 30 bis 35 Gulden, 10
Proz. 40-45 Gulden, 5 Proz. 50-60 Gulden und 5 Proz. verteilen sich auf
noch hhere Gehlter. Trotz dieser jmmerlichen Bezahlung drngen sich
die Mdchen zum kaufmnnischen Beruf; so mute z.B. eine der
unentgeltlichen Fachschulen von 600 Aufnahmesuchenden 292 abweisen.[352]
Die mnnlichen Bureaubeamten pflegen ein Anfangsgehalt von 35 bis 40
Gulden zu beziehen und stehen nach lngerem Dienst unverhltnismig
gnstiger als die Frauen. Die Eisenbahnbeamtinnen beziehen ein Gehalt
von 360 bis 600 Gulden jhrlich, nur sehr wenige erreichen eine Einnahme
von 840 Gulden.[353] Aehnlich sind die Verhltnisse bei den
Telegraphenbeamtinnen. Sie beginnen mit einem Gehalt von 30 Gulden
monatlich, das alle fnf Jahre um 5 Gulden steigt, bis es den
Hchstgehalt von 50 Gulden erreicht hat. Fast die Hlfte der
Angestellten beziehen gegenwrtig den niedrigsten Gehalt, und whrend
die Bezge der mnnlichen Beamten, von denen keine hhere Vorbildung und
keine anderen Leistungen verlangt werden, als vom weiblichen Personal,
wiederholte Aufbesserung erfuhren, sind sie in den ca. drei
Jahrzehnten, seit denen der Staat Frauen beschftigt, fr die Frauen
unverndert geblieben. Die Pensionen, die nur bei vlliger
Dienstunfhigkeit gewhrt werden, entsprechen dem Gehalt: nach
dreiigjhrigem Dienst, dem lngsten, der nach den gemachten Erfahrungen
erreicht wird, sind sie auf 30 Gulden monatlich angewiesen.[354]

Fast noch schlimmer ist die finanzielle Lage der Lehrerinnen, ja
geradezu haarstrubend, soweit die Privatschulen in Betracht kommen. Sie
nutzen die Zwangslage, in der sich die Mdchen dadurch befinden, da sie
erst nach zweijhriger Lehrthtigkeit zur Lehrbefhigungsprfung, die
sie in eine hhere Gehaltsstufe aufrcken lt, zugelassen werden, aus,
indem sie die jungen Lehrerinnen groenteils--umsonst arbeiten lassen.
Es kommt vor, da die Entschdigung fr 4 bis 5 Stunden Unterricht im
Gabelfrhstck besteht; in den Klosterschulen werden die Volontrinnen
am Ende des Schuljahrs mit einem Rosenkranz und einem Wachsstock
belohnt. Nur wenige Institute gewhren ein Hchstgehalt von 30 bis 35
Gulden whrend der neun Monate des Schuljahrs. Stellungen mit 10, 15
oder 20 Gulden sind schon sehr gesucht.[355] Ist es ihnen endlich nach
zweijhriger Arbeit unter den elendesten Verhltnissen gelungen, eine
Anstellung als Unterlehrerin zu erhalten, so sind sie zunchst auf 1,16
bis 1,33 Gulden tglich angewiesen, mit der Aussicht, eventuell 10 bis
15 Jahre in hnlicher Stellung zu bleiben.[356] Handelt es sich um
Industrielehrerinnen, so knnen sie bestenfalls auf ein Jahreseinkommen
von 450 bis 600 Gulden rechnen, mssen aber auch darauf gefat sein,
jahrelang mit 180 Gulden auszukommen.[357] Nun sind fr sehr bescheidene
Bedrfnisse die notwendigen Ausgaben einer in brgerlichen Berufen
thtigen Oesterreicherin zusammengestellt worden, wobei Ausgaben fr
Arzt und Apotheke, Krankenkasse oder Altersversicherung, Tramwayfahrten,
Bildungsmittel, Vergngungen etc. nicht in Rechnung kamen, und es hat
sich ergeben, da 703 Gulden das Geringste ist, wessen sie bedarf.[358]
Es zeigt sich also auch hier, da die Einnahmen zu den Ausgaben in
schreiendem Miverhltnis stehen.

Ein ganz besonders trauriges Kapitel in der Geschichte der erwerbenden
Frau, das auf alle Lnder gleichmig pat, behandelt die Lage der
Bhnenknstlerinnen. Nominell scheint ihr Einkommen hufig dem der
Mnner gleichzustehen, thatschlich ist es ganz bedeutend geringer, weil
Toilettenanforderungen an sie gestellt werden, von denen bei den Mnnern
keine Rede ist, und sie, besonders an kleineren Bhnen, auch die
historischen Kostme selbst zu beschaffen haben, die ihren mnnlichen
Kollegen geliefert werden. Wir finden in Deutschland Gagen fr
Solistinnen bis zu 50 Mk. monatlich, in Oesterreich bis zu 30 Gulden
hinab, auf denen noch, als eine unertrgliche Steuer, die Prozentabgaben
an die Agenten ruhen. Dabei wird der Luxus mehr und mehr in die Hhe,
die Einnahme mehr und mehr heruntergeschraubt, weil in den Grostdten
die Unsitte der Anstellung sogen. "Luxusdamen", die oft auf jede Gage
verzichten, hingegen der Direktion infolge ihrer reichen Freunde einen
groen Toiletteaufwand garantieren, berhand nimmt.[359]

Werfen wir noch einen Blick auf die groe, rasch wachsende Zahl der
weiblichen Schriftsteller, so zeigt es sich, da ihre starke Mitarbeit
an Familienblttern zweiten und dritten Ranges zum grten Teil auf ihre
geringen Ansprche zurckzufhren ist. Selbst in England, dem Dorado
schreibender Damen, sind es nur die wenigen hervorragenden Autorinnen,
die, dank ihres Talents, glnzend situiert sind. Im allgemeinen knnen
100 Pfund im Jahr schon als eine sehr gute Einnahme gelten.[360]
Dasselbe gilt fr die Journalistinnen, die in Deutschland ganz bedeutend
schlechter gestellt sind. Auch die weiblichen Zeichner und Maler, sowie
die in allen Zweigen des Kunstgewerbes thtigen Frauen, geben sich mit
Honorierungen zufrieden, die man einem Mann gar nicht wagen wrde,
anzubieten.

Das rasche Vordringen der Frau in die brgerlichen Berufe lt sich
nach alledem weniger durch bessere Leistungen, als durch geringere
Ansprche erklren; selbst der Staat handelt nicht anders wie jeder
Fabrikant, der Arbeiterinnen beschftigt: es ist fr ihn eine Ersparnis.
Die Ursachen aber der niedrigen Bewertung der Frauenarbeit sind auf den
verschiedensten Gebieten zu suchen. Zunchst ist die Frau als
selbstndig Erwerbende ein Begriff, der dem traditionellen, von dem
durch den Mann zu ernhrenden Weibe, vollstndig widerspricht. Die
Entlohnung ihrer Arbeit gilt daher nur fr einen Zuschu zum
Lebensunterhalt, nicht fr seine vollstndigen Kosten, und der
sentimentale Hinweis auf den Schutz der Familie, womit sogen.
Menschenfreunde dem armen Mdchen helfen wollen, entspringt demselben
Boden, aus dem der rohe Cynismus wchst, mit dem Kaufleute und
Theaterdirektoren ihre Angestellten in die Arme hilfreicher "Freunde" zu
treiben suchen. Aber die Schuld liegt nicht allein auf Seite der
Brotgeber. Bis in die neueste Zeit hinein ist die Ausbildung der Frau
fr die Berufsarbeit eine unzulngliche und der dadurch erzeugte
Dilettantismus entwertet nicht nur die Frauenarbeit im allgemeinen,
unter seinem Odium haben vielmehr auch diejenigen zu leiden, die
dasselbe leisten wie die Mnner. Und noch ein anderes, fr die
brgerliche Frauenarbeit charakteristisches Moment kommt hinzu: eine
groe Zahl der Arbeit suchenden Frauen ist nicht vollstndig auf ihre
Ertrgnisse angewiesen; sei es, da sie bei den Eltern wohnen und nur
ein Nadelgeld verdienen mssen, sei es, da sie eine Rente beziehen, die
nur nicht ganz zum Leben ausreicht,--auf jeden Fall sind sie in der
Lage, die Mnner, und, was noch schlimmer ist, die wirklich Not
leidenden weiblichen Konkurrenten zu unterbieten. Und sie thun das
skrupellos. Es fehlt ihnen an jedem Solidarittsgefhl. Ihre
jahrhundertelange Vereinzelung als Tchter, Gattinnen und Mtter--jede
in einer engen Welt fr sich--hat sie kurzsichtig und egoistisch
gemacht. Erst eine wirklich allgemeine Not wird das Ferment werden, das
sie zusammenschmiedet und wird die Lohnfrage lsen helfen. Solange aber
Beamtentchter durch Bureaudienst nur Toilettengeld zu verdienen
wnschen und junge Damen sich die Langeweile wegpinseln und wegsticken,
solange wird ein erfolgreicher Kampf um Gleichstellung mit dem Mann im
Erwerbsleben nicht zu Ende gefhrt werden knnen.




3. Die brgerliche Berufsthtigkeit von prinzipiellen Gesichtspunkten.


Fr die Gegner der Frauenbewegung beruht die geringere Bewertung der
Frauenarbeit in erster Linie auf der nach ihrer Meinung feststehenden
Thatsache der minderwertigen krperlichen und geistigen Fhigkeiten des
weiblichen Geschlechts.

Was zunchst die krperlichen Fhigkeiten betrifft, so fallen selbst
gelehrte Mnner, blind gemacht durch ihre Voreingenommenheit, in den
Fehler, die zweifellose Verschiedenartigkeit der Geschlechter mit der
Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts zu identifizieren, und das
Moment der krperlichen Ausbildung ganz auer acht zu lassen. Beginnt
doch ihre Verschiedenheit fr Mann und Frau schon in frhester Jugend:
dem Mdchen wird gelehrt, mit vielen langen Rcken, die die
Bewegungsfreiheit beeintrchtigen, still bei den Puppen zu sitzen,
whrend der Knabe in kurzen Hschen zum Laufen und Springen angehalten
wird. Die Turnstunden in der Schule, die Bewegungsspiele auerhalb
strken weiter seine Muskeln, dem Mdchen dagegen wird dafr bestenfalls
ein minderwertiges Surrogat geboten, meist aber sitzt sie ber
geistttenden Handarbeiten, oder qult sich und andere am Klavier,
whrend ihr Bruder Fuball spielt, oder frhliche Wanderungen
unternimmt. Neuerdings hat ein starker Emanzipator darin einige Wandlung
geschaffen: das Fahrrad, dessen Wirkung zu Gunsten der Selbstbefreiung
des weiblichen Geschlechts schon jetzt in der greren Selbstndigkeit
und der Vereinfachung der Kleidung der jungen Mdchen deutlich zu Tage
tritt, und auch darin einen glcklichen Ausdruck findet, da der Absatz
der Klaviere seit seiner Einfhrung in stetigem Sinken begriffen ist.
Die Masse der brgerlichen Mdchen aber, besonders in Deutschland und
Oesterreich, wird von diesem Fortschritt ebensowenig berhrt, wie von
der gnstigen Aenderung der krperlichen Ausbildung, die in Amerika und
England Platz greift. Wrde der Entwicklung der weiblichen Muskelkraft
eben solche Aufmerksamkeit geschenkt wie der der mnnlichen, so drften
die Frauen dem Durchschnitt der Mnner zweifellos gleichkommen, das
lehren die weiblichen Akrobaten und Hochtouristen, ganz abgesehen von
den Lasttrgerinnen, Steinarbeiterinnen, Schnitterinnen u.s.w., zur
Genge. Aber selbst wenn es nicht geschhe, wrde dadurch etwas anderes
bewiesen werden, als da gewisse Berufe, wie etwa die der Bergfhrer,
den Mnnern berlassen werden mssen? Auf die Geisteskrfte sind die
Muskelkrfte jedenfalls ohne hervorragenden Einflu, und noch immer ist
der Geist ohne Muskelkraft weiter gekommen, als Muskelkraft ohne Geist.

Doch die Gegner der Frauenbewegung haben noch gewichtigere Grnde fr
ihre Ansicht, indem sie auf all die Punkte hinweisen, die man als
sekundre Geschlechtsmerkmale bezeichnet, und unter denen die
Verschiedenartigkeit des weiblichen vom mnnlichen Gehirn und die
weiblichen Lebensfunktionen besonders hervorgehoben werden. Die
verhltnismige Leichtigkeit des Gehirns der Frauen ist lange Zeit
hindurch, hauptschlich auf Grund der Untersuchungen Bischofs, ihr
Hauptargument gewesen, indem man ohne weiteres annahm, da die
Geisteskrfte damit in direktem Zusammenhange stehen. Thatschlich haben
die Mnner ein absolut greres Hirngewicht als die Frauen, es hat sich
aber schlielich infolge genauerer Untersuchungen herausgestellt, da es
im Vergleich zum Krpergewicht kleiner ist als das des Weibes, da die
Frauen daher ein relativ schwereres Gehirn haben als die Mnner.[361]
Wie wenig mit beiden Ergebnissen zu beweisen war, geht schon daraus
hervor, da die schwersten der bisher gewogenen Gehirne einem
Ziegelstreicher, einem Idioten, dem russischen Dichter Turgeniew, einem
einfachen Tagelhner und dem Zoologen Cuvier gehrten. Als eine Ironie
der Natur kann es wohl auch angesehen werden, da Bischof, der aus dem
absolut leichteren Gehirn der Frau mit besonderer Schrfe ihre geistige
Inferioritt beweisen wollte, selbst ein leichteres Gehirn hatte, als es
nach seiner Angabe die Frauen durchschnittlich besitzen. Auch das
Wachstum der Hirnmasse hat man zu Ungunsten der Frauen ausgelegt, obwohl
nichts weiter gefunden wurde, als da es bei den Mdchen schneller
zunimmt, frher zu wachsen aufhrt und notwendigerweise infolgedessen
auch frher anfngt abzunehmen, als bei den Mnnern. Weiter wurde die
Gre des Stirnlappens fr ausschlaggebend erachtet. Experimente mit
Tieren und der Umstand, da Schwachsinnige die grten zu haben pflegen,
sprechen aber fr die Hinflligkeit auch dieses Beweises. Bei den
Wgungen der verschiedenen Hirnteile hat sich ferner ergeben, da ein
wesentlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern in Bezug hierauf
nicht besteht. Es stellt sich nach alledem heraus, da durch die
Hirnuntersuchungen in Bezug auf die intellektuelle Veranlagung von Mann
und Weib nichts bewiesen wurde. Selbst die Unterschiede, die etwa
bestehen, haben fr die Lsung dieser Frage so gut wie keinen Wert, weil
nicht nur die Zahl der untersuchten Gehirne eine viel zu geringe ist, um
allgemein gltige Folgerungen daraus zu ziehen, sondern weil ihre grte
Menge Mitgliedern geistig und krperlich unterdrckter Klassen angehrt
hat, eine Beziehung zwischen den Gehirnteilen und der geistigen
Veranlagung aber doch erst dann zur Feststellung gelangen kann, wenn die
Gehirne intellektuell entwickelter Personen beiderlei Geschlechts mit
denen der geistig tiefstehenden verglichen werden und man zugleich den
Einflu der Erziehung auf die Gehirnentwicklung beobachten knnte.

Weit begrndeter erscheint es, wenn die Geschlechtsfunktionen des Weibes
als eine von der Natur gegebene Schranke betrachtet werden, die sie von
der Berufsarbeit trennt. Schon die merkwrdige Thatsache eines
periodisch wiederkehrenden Blutverlustes, die die Ansicht hervorgerufen
hat, die Frauen seien dauernd krank, scheint sie von der Erwerbsarbeit
auszuschlieen. "Das Weib leitet bestndig an dem Vernarben einer
inneren Wunde," sagt Michelet, und Galiani erklrt sie fr ein von Natur
schwaches und krankes Tier. Kulturvlker des Altertums und Naturvlker
der Gegenwart betrachteten und betrachten sie zu gewissen Zeiten als
Unreine und haben aberglubische Furcht vor ihnen.[362] All diese
Ansichten sind durchaus verstndlich, da es sich um eine den Mnnern
vollstndig fremde Funktion handelt, deren Folgen zu beurteilen sie
daher durchaus nicht imstande sind. Wenn Aerzte an den heutigen Frauen
whrend der Zeit der Menstruation krankhafte Erscheinungen, eine Abnahme
der Krfte und die Unfhigkeit, Anstrengungen zu ertragen, beobachten,
so sollten sie darin nichts weiter erkennen, als Folgen ungesunder
Kleidung und Lebensweise, sich aber hten, diese Erscheinungen fr
natrliche zu erklren.[363] Hierber drfte das endgltige Urteil den
Frauen allein zustehen und dabei wrde sich herausstellen, da die
Gesunden unter ihnen von einem Einflu der Menstruation auf ihre Krper-
oder Geisteskrfte berhaupt gar nichts spren, manche sich sogar
whrend der Zeit eines besonderen Wohlseins erfreuen. Die Kranken aber
sind nicht besser und nicht schlechter daran, als die krnklichen
Mnner, die ja leider auch nicht zu den Seltenheiten gehren. Gnstige
Arbeitsbedingungen vorausgesetzt,--und diese sind ja fr alle ohne
Unterschied des Geschlechts eine Notwendigkeit,--knnen daher Frauen
trotz der Menstruation ohne Schaden ihrem Beruf nachgehen. Selbst wenn
sie sich hier und da nicht ganz wohl befinden, so kann das doch
ebensowenig ein Grund sein, ihnen gewaltsam die Thren zum Erwerb zu
verschlieen als es Grund wre, die Mnner von der Arbeit
zurckzuhalten, weil sie zuweilen Schnupfen oder Rheumatismus haben.

Den Vorwand dazu bietet fr viele auch der Umstand, da die Vorbereitung
zum Beruf, das Studium und der damit verbundene Zwang, lange in meist
gebckter Stellung zu sitzen, der krperlichen Konstitution des Weibes
besonders schdlich sein soll.[364] Das geben wir ohne Einschrnkung zu.
Es fragt sich nur, ob das traditionelle Leben der Tchter brgerlicher
Eltern whrend der in Betracht kommenden Jahre, das Sitzen ber
nervenzerrttenden Romanen und geistig abstumpfenden Handarbeiten, das
stundenlange nchtliche Tanzen in berhitzten Slen der Gesundheit
zutrglicher ist, und ob die Wirkungen der heutigen Art der gymnasialen
und akademischen Erziehung nicht auf die mnnliche Jugend ebenso
traurige sind. Ist dies der Fall,--und daran werden Einsichtige kaum
zweifeln,--so sollte die Folge nur die sein, gesndere Formen der
Ausbildung fr alle zu schaffen, und die mit der geistigen Ueberbrdung
Hand in Hand gehende krperliche Vernachlssigung endgltig ber Bord zu
werfen, denn die im ersten Augenblick rhrend erscheinende Sorge fr die
knftigen Mtter wird schnell all ihrer Menschenfreundlichkeit
entkleidet, wenn sie sich nicht mit der Sorge um die knftigen Vter
verbindet. Vielleicht, da die Thatsache der mehr und mehr in die
brgerlichen Berufe eindringenden Frauen allen denjenigen, die bisher an
den blassen, rundrckigen, kurzsichtigen mnnlichen Opfern unserer
wissenschaftlichen Lehrinstitute blind vorbergingen, endlich die Augen
ffnen wird. Damit htte die Frauenbewegung eine ihrer groen Missionen
erfllt und bewiesen, da sie zu jenem frischen Lebensstrom gehrt, der
die stagnierenden Gewsser der gegenwrtigen Zustnde von innen heraus
aufwhlt und fortschwemmt.

Damit aber wre das wichtigste Argument der Gegner der weiblichen
Berufsthtigkeit noch nicht aus der Welt geschafft. Es ist uralt, bis
zur Phrase herabgesunken; es wird von den typischen Frauenrechtlerinnen
verlacht und kommt gewhnlich mit den Worten zum Ausdruck: Der einzige
Beruf des Weibes ist der, Gattin und Mutter zu sein, mit ihm ist kein
anderer vereinbar. Thatschlich ist dies Argument das schwerwiegendste
und begrndetste, und die groe Schwierigkeit, es zu widerlegen, drckt
sich schon darin aus, da die Vertreter der Frauenemanzipation ihm
entweder mit bedeutungsvollem Schweigen oder mit billigem Spott und
oberflchlichen Redensarten aus dem Wege gehen, obwohl die Mglichkeit
der Verwirklichung der Ideen der Frauenbewegung schlielich allein davon
abhngt, ob es steht oder fllt. Angesichts der gegenwrtigen
Verhltnisse ist es freilich weniger bedeutungsvoll, weil, wie wir
gesehen haben, es hauptschlich alleinstehende Frauen sind, die in
brgerlichen Berufen stehen. Da die Frauenbewegung sich jedoch das Ziel
gesetzt hat, alle Frauen durch selbstndige Arbeit aus ihrer
wirtschaftlichen Versklavung zu befreien, so sollte zuerst untersucht
werden, ob, wie weit und auf welche Weise das berhaupt geschehen kann.

Stellen wir uns einen Arzt, Advokaten, Handelsangestellten oder
Staatsbeamten in seinem Arbeitskreise vor: Er geht frh zu seinem
Patienten oder in sein Bureau, kommt bestenfalls zur Mittagsstunde nach
Hause, und mu meist auch einen groen Teil des Nachmittags seinem
Berufe nachgehen. Die Ueberanstrengung der Gymnasialzeit setzt sich fort
und wird in ihrer Wirkung durch die notwendige Einseitigkeit der
Berufsarbeit noch verschrft, so da nur sehr starke, elastische Geister
sich davor bewahren knnen, zu bloen Arbeitsmaschinen einzutrocknen.
Bringen wir in Gedanken zunchst die verheiratete kinderlose Frau in
dieselbe Lage und fragen wir uns, ob sie, sofern sie zu Hause eine
selbstndige Wirtschaft zu fhren hat, ohne Schaden ihren Beruf
ausfllen kann? Abgesehen davon, da sie sich natrlich zu derselben
unerfreulichen Erscheinung entwickeln wird, wie ihr mnnlicher Kollege,
ist es unseres Erachtens dann mglich, wenn eine zuverlssige
Wirtschafterin ihr die huslichen Geschfte abnimmt, denn sich auch mit
ihnen in den wenigen Stunden daheim belasten wollen, hiee sich jeder
Ruhe berauben und die Gesundheit vollstndig untergraben. In hnlicher
Lage befindet sich die Mutter erwachsener Kinder, nur da hier die Frage
entsteht, ob eine durch Schwangerschaften und Kinderwartung Jahre
dauernde Unterbrechung der Berufsthtigkeit, die jede Mglichkeit, darin
vorwrts zu kommen, so wie so abschneidet, ihr nicht auch die Fhigkeit
dafr geraubt hat. Besser wre es fr sie, wenn sie, wie es in England
und Amerika auch hufig geschieht, in einen neuen, fr sie geeigneten
Beruf eintritt, auf den sie sich teils durch Studium, teils durch
Beteiligung an Wohlthtigkeitsbestrebungen und an sozialer Hilfsarbeit
vorbereiten kann, so lange sie im Hause unentbehrlich ist. Es kme dabei
wesentlich der Armen- und Krankendienst und etwa die Schulinspektion in
Frage[365], und es ist sicher, da es fr all die Frauen, die sich, sobald
die Kinder das Haus verlassen, pltzlich so gut wie aller Thtigkeit
beraubt sehen und die nur zu hufig in den Vergngungen aller Art oder
in Toilettenluxus einen Ersatz suchen und das tragikomische Schauspiel
des Nichtaltwerdenknnens bieten, ein Segen wre, fnden sie ein Feld
fr ihren Lebensdrang und ihre Arbeitskraft. Auch die kinderlose Frau
wrde durch Berufsarbeit ber viele Klippen und heimliche nagende
Schmerzen leicht hinweggefhrt werden.

Ganz anders liegen die Dinge, sobald es sich um jngere verheiratete
Frauen handelt, die Kinder im Hause haben oder solche erwarten.
Gem den heutigen Verhltnissen, besonders in Europa, kmen
fr sie nur solche Berufe in Betracht, die sich innerhalb der heimischen
vier Wnde erledigen lassen, also etwa die der Malerin, Schriftstellerin
und Kunststickerin, allenfalls die der Zahnrztin, falls die Praxis
beschrnkt wird. Aber auch dann mu die Frau verstehen, mit ihrer Zeit
hauszuhalten, mu entweder von vornherein in gnstiger Lage sein, um
sich gute Dienstboten halten zu knnen, oder der Ertrag ihrer Arbeit mu
es ihr ermglichen und zur selben Zeit das Mehr an Kosten ausgleichen,
das zweifellos entsteht, wenn die Wirtschaftsfhrung fremden, und--was
die Hauptsache ist--meist ungeschulten Krften berlassen bleibt. Vor
allem aber darf sie ihren Kindern nichts entziehen: von der Muttermilch
an, die der Lebensborn der kommenden Generation wieder werden sollte,
bis zur krperlichen und geistigen Pflege, oder mindestens der
Oberaufsicht darber. Nicht viele werden im stande sein, alle diese
divergierenden Aufgaben miteinander zu vereinen, alle Konflikte
glcklich zu lsen, die daraus entstehen, und sich und das Leben der
Ihren zu einem harmonischen zu gestalten. Meist leidet eine Aufgabe
unter der anderen, oder die Frau reibt sich innerlich auf. Und noch eins
ist die Folge: sie wird, falls sie, sei es aus ueren oder inneren
Grnden, berufsthtig sein mu, ihre Kinderzahl zu beschrnken suchen,
denn fr die nervsen, degenerierten Damen unserer Zeit ist
Schwangerschaft und Wochenbett meist eine Krankheit, und die ersten
Jahre des Kindes nehmen, selbst bezahlte Pflege vorausgesetzt, die
Mutter stark in Anspruch. Da unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen
unserer Zeit die brgerliche Berufsthtigkeit auer dem Hause fr die
junge verheiratete Frau unmglich ist, oder den Ruin der Kinder und der
huslichen Wirtschaft nachziehen mu, braucht nach alledem nicht noch
bewiesen werden. Geschichten, die hufig von amerikanischen Frauen
erzhlt werden, die etwa als Arzt oder Advokat eine groe Praxis haben,
daneben den Haushalt persnlich fhren und ein Dutzend Kinder
ausgezeichnet pflegen und erziehen sollen, sind Mrchen, und nur die
leider so zahlreichen unverheirateten oder kinderlosen Sprecherinnen der
brgerlichen Frauenbewegung knnen naiv genug sein, sie zu verbreiten.

Bedeutet das nun den Bankerott der Frauenemanzipation berhaupt? Ganz
und gar nicht! Es tritt vielmehr auch hier die Forderung an Denker und
Gesetzgeber heran, die Formen zu finden, die sich den neu entstehenden
Zustnden anpassen. Gerade diejenigen, die der Entwicklung der
Frauenbewegung angstvoll zuschauen, mten sich dazu bereit finden,
statt sie durch ihren Widerstand auf Seitenwege zu drngen und der
Zerrttung des Familienlebens, der geistigen und finanziellen Not der
Frauen noch Vorschub zu leisten. Nichts unbedingt Neues, Unnatrliches
brauchte aus dem Boden gestampft zu werden, man brauchte nur den
wirtschaftlichen und industriellen Entwicklungstendenzen aufmerksam
nachzugehen und die Reformversuche, die besonders in Amerika gemacht
werden, weiter auszubilden. Im wesentlichen kme es darauf an, die
ungeheure Verschwendung von Arbeitskrften und Mitteln, die heute durch
die Masse der Einzelwirtschaften,--den kmmerlichen Rest der groen
Hauswirtschaft des Mittelalters,--getrieben wird, einzudmmen. Das
knnte in groen Mietshusern durch Zentralkchen geschehen, die unter
der Leitung einer wissenschaftlich und technisch ausgebildeten
Wirtschafterin stehen mten und in der Lage wren, sich alle modernen
Errungenschaften der Chemie und des Maschinenwesens zu Nutze zu machen.
Das wre nicht nur eine groe Ersparnis, sondern dadurch wrde auch dem
Dilettantismus in der Kche,--in nichts anderem besteht die mit so viel
Aufwand an Sentimentalitt festgehaltene Thtigkeit der
Durchschnittsfrau und ihrer Kchin,--ein Ende bereitet, statt da man
ihn noch weiter auf einem so wichtigen Gebiet, wie die Ernhrung des
Menschen es ist, Unheil stiften lt. Es wre ferner mit keinen groen
Schwierigkeiten verbunden, fr bestimmt umgrenzte Husergruppen Turn-
und Spielpltze, im Winter in Slen, im Sommer in Grten, anzulegen und
auf gemeinsame Kosten der Eltern fr ihren Beruf grndlich vorgebildete
Erzieherinnen und Kindergrtnerinnen anzustellen; selbst fr die
Kleinsten, die heute gewhnlich zu verhtschelten Egoisten erzogen
werden, wre es von groem Vorteil, wenn sie nicht nur, um vor der
traurigen Frhreife der Stadtkinder bewahrt zu werden, mit
Altersgenossen sich herumtummeln knnten, sondern auch beizeiten
lernten, ihr kleines Ich nicht fr den einzigen Mittelpunkt der Welt zu
betrachten. Durch solche Einrichtungen, die sich besonders in den
Vororten groer Stdte, womglich in Verbindung mit Gruppen kleiner
Familienhuser, treffen lieen,--es handelt sich ja, wie wir wissen,
zunchst nur um einen kleinen Prozentsatz verheirateter berufsthtiger
Frauen,--htten sie Stunden des Tages, ohne innere Unruhe, zu ihrer
Verfgung, und die brige Zeit wrden sie sich um so frischer und
freudiger ihrem Mann und ihren Kindern widmen, whrend heute nur zu
hufig aus geistig angeregten, begabten Mdchen, unter dem Druck der
huslichen Sorgen, der erzwungenen Vernachlssigung ihrer geistigen
Bedrfnisse, und dem oft herzzerreienden stillen Kampf zwischen der
nach Leben und Bethtigung drngenden Begabung und den notwendig zu
erfllenden Pflichten, frh alternde, interesselose, stumpfe Frauen
werden, die weder ihren heranwachsenden Kindern eine Erzieherin und
Freundin, noch ihrem Gatten eine gute Gefhrtin sein knnen.

Natrlich wird diesen Ausfhrungen das bekannte Schlagwort von der
Auflsung der Familie entgegengeschleudert werden. Sehen wir aber doch
einmal ehrlich, ohne die rosige Brille, mit der man das Familienleben zu
betrachten pflegt, den Thatsachen ins Gesicht, und fragen wir uns, ob
nicht die alte Familienform ohne unser Zuthun, einfach infolge der
wirtschaftlichen Entwicklung, der auch die Frauenbewegung angehrt,
ihrer Zersetzung entgegengeht. Am charakteristischsten ist es, da
gerade da, wo man sehr konservativ zu sein glaubt und von modernen
Strmungen nichts wissen will, diese Zersetzung deutlich Platz greift:
oder werden Mdchen und Knaben nicht mit Vorliebe Bonnen und
Gouvernanten anvertraut, schickt man sie nicht fr Jahre in Institute,
Kadettenanstalten und dergleichen, wo jeder mtterliche Einflu
wegfllt; und hat sie nicht noch andere, recht schdliche Einrichtungen
hervorgebracht? Dabei sei nur daran erinnert, wie sich das Leben der
Mnner, und zwar in den vorgeschrittensten Lndern am meisten, zwischen
Bureau und Klub abspielt, und die Frauen anfangen, es ihnen schleunigst
nachzumachen. Man hat eben, statt der Entwicklung offenen Auges zu
folgen und sie in der Hand zu behalten, sie durchgehen lassen wie ein
wildes Pferd. Es hilft nichts, sich vor der Wahrheit die Augen zu
verbinden und zu versuchen, die Gegner zu entwaffnen, indem man in ihre
Heiligpreisung der Familie einstimmt. Eine weit bessere Politik ist es,
ihnen und uns den Gang der Dinge klar zu machen und ruhig auszusprechen,
da die Frauenbewegung mit ihrer Tendenz der wirtschaftlichen Befreiung
der Frau, zweifellos die heutige Familienform untergrbt, und es an uns
liegt, den neuen Formen fr das Gemeinschaftsleben zwischen Mann, Weib
und Kind nachzuspren und sie aufbauen zu helfen.

Fr das Proletariat, wo von einem Familienleben nach den hergebrachten
Anschauungen lngst keine Rede mehr ist, bahnt sich eine Neugestaltung,
wenn auch sehr langsam und sehr vorsichtig, nach und nach an. Anstze
dazu finden sich in den Kindergrten, Kinderhorten, in den vielfach
entstehenden Krippen in der Nhe der mtterlichen Arbeitssttte, die den
Frauen ermglichen, ihre Kinder zu nhren; in der Errichtung von
Arbeiterwohnungen, die Zentralkchen, Kinderhorte, Grten, Sle fr
gesellige Zusammenknfte u. dgl. mehr umfassen; in der Kranken- und
Invalidenversicherung, in der, wenn auch zunchst fast nur in der Idee
bestehenden Mutterschaftsversicherung[366], sowie schlielich in der
ganzen Gesetzgebung fr Arbeiterschutz. Aehnliche Maregeln werden auch
fr brgerliche Arbeiter beiderlei Geschlechts, die sich brigens sowohl
in Bezug auf Entlohnung wie auf Ausbeutung ihrer Arbeitskraft mehr und
mehr proletarisieren, nach und nach notwendig werden. Dabei wird die
Regelung und Beschrnkung der Arbeitszeit fr Beamte, Bureauangestellte,
Lehrer und hnliche Berufsthtige die grte Bedeutung haben.
Und, erst wenn diese Reform mit der Reform der Wohnungs- und
Hauswirtschaftsverhltnisse Hand in Hand geht, wird die brgerliche
Berufsarbeit der Frauen nicht mehr mit dem Eintritt in die Ehe
abzuschlieen brauchen, sie wird sich auch leichter ermglichen lassen,
weil bei geringer Ausnutzung der einzelnen Platz fr viele frei wird.

Damit wre, ohne auf die gleich wichtige ethische und psychologische
Seite der Frage, deren Errterung nicht hierher gehrt, einzugehen, das
Argument der Gegner, das die krperlichen Funktionen des Weibes als
Hinderung seiner Berufsarbeit auffat, zugleich gesttzt und widerlegt:
neue wirtschaftliche Gestaltungen, vernderte Arbeitsbedingungen sind
notwendig, falls das Streben nach der Befreiung der Frau sein Ziel
vollstndig erreichen und nicht zu neuer Versklavung und krperlichem
und geistigem Siechtum ihrer selbst und ihrer Kinder fhren soll. Dabei
gilt es, noch ein Moment im Auge zu behalten. Manche der besten Frauen
unserer Zeit, die das Weib in sich zugleich mit individueller geistiger
Persnlichkeit auszubilden verstanden, und die natrliche Sehnsucht
ihres Geschlechts nach Mann und Kind in gesteigertem Mae besitzen, weil
keine Konvention ihr Herz verkrppelte, wenden sich doch von der Ehe,
wie sie ihnen heute erscheint, bewut ab. Denn was sie von ihr sehen,
widerspricht ihrem geistigen und persnlichen Freiheitsbedrfnis und sie
lassen lieber ihr tiefstes Wesen verkmmern, als da sie sich zu ihr
entschlieen. Und das wird um so hufiger geschehen, je weniger sie
einer Versorgung bedrfen, je mehr Berufe ihnen offenstehen und im
stande sind, Geist und Herz von dem abzulenken, was ihnen fehlt. Im
Interesse der Menschheit aber liegt es, der kommenden Generation die
besten Mtter zu sichern; die Art des Familienlebens mte sich daher
auch deshalb den neuen Bedrfnissen anpassen.

Der Widerstand gegen das Eindringen der Frauen in mnnliche
Berufssphren findet aber noch andere Begrndungen: in dem Hinweis auf
die Menge der mnnlichen Bewerber drckt sich ein brutaler
Geschlechtsegoismus aus, entspricht es doch nur einer vollstndig
berwundenen Rechtsanschauung, irgend jemandem zu verwehren, sich in
welchem Beruf immer durchzusetzen. Etwas ernsteren Charakter hat es,
wenn von der Erwerbsarbeit der Frauen eine Schdigung ihrer Weiblichkeit
gefrchtet wird. Dabei sollte man sich, was gewhnlich nicht geschieht,
zunchst ber diesen Begriff klar werden. Meines Erachtens lt er sich
in zwei Worte fassen: Anmut und Gte. Da diese Eigenschaften, statt
sich zu hchster Vollendung zu entfalten, unter dem Einflu des Kampfes
ums Dasein in seinen gegenwrtigen barbarischen Formen verkmmern und
hufig in ihr Gegenteil umschlagen, unterliegt kaum einem Zweifel. Die
drckende Arbeitslast, verbunden mit dem unzureichenden Einkommen,
gewhren den meisten Frauen weder Zeit, noch Lust, noch Mittel, um ihre
uere Erscheinung zu pflegen, ihr Schnheitsbedrfnis zu kultivieren,
und die hufige innere Verbitterung und Vereinsamung raubt ihnen den
Rest der Anmut ihres Wesens, wie der Zwang, sich rcksichtslos gegen
andere durchzusetzen, und die Notwendigkeit, durch die Arbeit sich
allein nur erhalten zu knnen, ihre natrliche Gte unterdrckt. Dazu
kommt, da gerade die brgerliche Frauenbewegung, die wesentlich die
Forderungen alleinstehender Frauen vertritt, einen zum Teil notwendigen,
zum Teil ins Groteske auswachsenden Kampf gegen den Mann entfaltete, der
die Schrfen des weiblichen Wesens zu unerfreulichem Ausdruck brachte.
Er zeitigte jene sogenannten Emanzipierten, deren Typen in England und
Deutschland besonders zahlreich zu finden sind: Frauen, die sich
vernachlssigen, mnnliche Allren annehmen, ihr Weibsein uerlich und
innerlich unterdrcken. Sie sind die Karikaturen der Frauenbewegung, wie
jede soziale und revolutionre Bewegung sie hervorbringt, und der
Ausdruck "das dritte Geschlecht" ist eine zutreffende Bezeichnung fr
sie. Aus ihrer Richtung gehen alle Auswchse der Frauenbewegung hervor:
so die Damenklubs, die die Trennung der Geschlechter noch mehr
verschrfen helfen, statt da der gesunden Tendenz der Frauenbewegung,
die sie wieder einander nhern will, allein nachgegeben wrde; so die
von England ausgehende halbmnnliche Uniformierung der Frauen mit ihren
groen, absatzlosen Stiefeln, ihren Herrenhten und ihren die Brust
zurckdrngenden Herrenhemden. Aber all diesen Erscheinungen gegenber,
die abzuleugnen Thorheit wre, wollen wir doch die Frage aufwerfen, ob
unser gesellschaftliches, soziales und wirtschaftliches Leben und
Streben nicht auf das mnnliche Geschlecht in hnlicher Art einwirkt. Wo
findet sich bei unseren mnnlichen geistigen Arbeitern, die ber
Manuskripten und Bchern hocken und zur Erholung dem Skat- und Biertisch
zustrmen, noch mnnliche Kraft und Schnheit? Besitzen sie, die in der
Mehrzahl unter der Geiel der Abhngigkeit Frondienste leisten, noch
jene gerhmten Tugenden ihres Geschlechts: Mut und Unabhngigkeit? Sind
nicht, bei Licht betrachtet, unsere Jnger der Wissenschaft, die
Studenten, in einem viel jmmerlicheren Zustand, als ihre weiblichen
Genossen?

So kann man wohl mit Recht behaupten, da die Weiblichkeit unter unseren
heutigen Berufs- und Arbeitsverhltnissen Schaden leidet, aber man soll
nicht vergessen, hinzuzufgen, da die Mnnlichkeit nicht weniger
geschdigt wird, und der weiteren Degenerierung nur durch grndliche
Reformen vorgebeugt werden kann.

Noch ein anderer Einwand gegen die Gleichberechtigung der Frauen auf dem
Gebiet der Wissenschaft und der brgerlichen Berufe bleibt zu errtern;
ihre angebliche untergeordnete geistige Befhigung.

Leider fehlt es noch fast ganz an einem ausreichenden,
wissenschaftlichen, unanfechtbaren Thatsachenmaterial, aus dem sich
sichere Schlsse ber die Begabung der beiden Geschlechter ziehen
lieen, und auch der Wert der vorhandenen ist kein allzugroer, weil
sich die von der ersten Kindheit an verschiedenartige Erziehung der
Geschlechter als eine nicht zu vermeidende Fehlerquelle erweist. So hat
eine Untersuchung an einer Anzahl Berliner Kinder beim Schuleintritt
gezeigt, da die Mdchen den Knaben in der Kenntnis der Dinge und
Begriffe aus der nchsten Umgebung und dem tglichen Leben berlegen
sind, whrend die Knaben von ueren entfernteren Dingen genauer
unterrichtet waren.[367] Als das Ergebnis einer italienischen
Untersuchung stellte es sich heraus, da Mdchen lieber lernen als
Knaben, und es weit mehr Knaben giebt als Mdchen, die fr nichts
Interesse haben.[368] Mit solchen Einzelheiten aber lt sich fr
unseren Zweck wenig anfangen, wissen wir doch, da Mdchen von klein auf
an husliche Thtigkeit, also an eine Kenntnis der Umgebung, gewhnt
werden, und Knaben sich meist frei drauen herumtummeln drfen, also
uere Dinge kennen lernen, ja da schon das verschiedenartige Spielzeug
nach dieser Richtung erziehend einwirkt. Nach meiner Erfahrung werden
Mdchen, die statt mit den Puppen, den Puppenstuben und Puppenkchen,
mit Pferden, Viehstllen und Bleisoldaten spielen, denselben Kreis von
Begriffen und Vorstellungen haben, wie die Knaben. Der Mangel an
geistigen Interessen, die geringere Lernbegierde endlich, die bei den
Knaben konstatiert wurde, lt sich sicherlich zum groen Teil auf ihre
frhe geistige Ueberbrdung zurckfhren. Vielleicht da auch die hufig
beobachtete Thatsache der schnelleren geistigen Entwicklung der Mdchen
in der geringeren Belastung ihres Gehirns mit Gedchtniskram eine
Erklrung findet, whrend die vom 20. Jahre ab sich meist geltend
machende Ueberlegenheit der jungen Mnner ihre Ursache gewi darin hat,
da sie sich nun frei und ungehindert im Leben umsehen knnen, whrend
das Dasein der Mdchen gerade jetzt ein eng umgrenztes wird und man sie
vor dem grten Lehrmeister, der persnlichen Lebenserfahrung, ngstlich
behtet. Auch auf den Umstand, da Frauen im Bureaudienst mehr Flei und
Geduld als Intelligenz bekunden, wie Umfragen bei Kaufleuten und bei der
englischen Post- und Telegraphenverwaltung ergeben haben[369], ist die
Art ihrer Erziehung sicher von wesentlichstem Einflu gewesen. Und die
andere vielfach auftauchende Klage, da sie fr ihren Dienst wenig
persnliches Interesse haben, wird ebenso wie die hufige Nachlssigkeit
ihrer Vorbildung dadurch vollstndig erklrt, da leider heute noch fast
alle Mdchen in ihrer Erwerbsthtigkeit keinen Lebensberuf sehen, dem
sie sich mit voller Hingabe widmen, sondern nur ein fatales
Durchgangsstadium zur Ehe, das sie rasch zu berwinden hoffen. Selbst
die schnellere Auffassungsgabe der Frau, ihre Fhigkeit zu raschen
Entschlssen, scheint kein feststehendes Attribut ihres Geschlechts zu
sein, denn sie beruht weniger auf Raschheit des Denkens und Energie des
Charakters, als darauf, da ihr in bedeutend hherem Mae als dem Mann
mehr Gedanken als Denken gelehrt, blinder Respekt vor Autoritten in ihr
gro gezogen wurde, und sie den Zweifel als die Ursache der geistigen
Selbstndigkeit, aber auch der langsameren Entgegennahme der Ideen
anderer und des vorsichtigeren Handelns, kaum kennt. So hat Buckle nicht
Unrecht, wenn er meint[370], die Frauen seien geistig so beweglich, weil
sie mehr von Gedanken als von geduldig gesammeltem Thatsachenmaterial
ausgehen. Ist es ihnen denn gelehrt worden, da das rechte Wissen in der
auf eigenen Untersuchungen beruhenden Gewiheit und nicht im bloen
Nachbeten anderer besteht? Und wie verhlt es sich mit dem Mangel an
Energie und Unabhngigkeitssinn, den man dem weiblichen Geschlecht
vorwirft und auf Grund dessen man meint, da keine Frau ein Bacon oder
Galilei werden knnte? Hat man nicht Jahrtausende hindurch jene
Weiblichkeit in ihr gro gezogen und verehrt, deren Inbegriff in der
bedingungslosen Hingabe, der Aufopferung, dem blinden Gehorsam besteht?
Mehren sich nicht heute, wo man anfngt, von diesem Ideal sich
abzuwenden, die Zeichen fr eine ganz enorme Energie des Weibes und
einen Unabhngigkeitssinn, der keine anderen als die selbst gezogenen
Schranken anerkennt? Ich erinnere nur an die Vorkmpferinnen der
Sklavenbefreiung und der Frauenbewegung in Amerika, an die wachsende
Zahl mutiger und durchaus selbstndiger Schriftstellerinnen beider
Hemisphren.

Gewhnlich wird die geistige Begabung des Weibes fr eine so
minderwertige gehalten, da man sich aus diesem Grunde berechtigt
glaubt, ihr den Zugang zu mnnlichen Berufen zu verwehren. Dabei fehlt
es an vollgltigen Beweisen, die dies apodiktische Urteil ber die
Befhigung der Frauen sttzen knnten. Aber selbst Gelehrte, die gewhnt
sein sollten, erst auf Grund ausreichenden Thatsachenmaterials
allgemeine Schlsse zu ziehen, sind, was das betrifft, vom
Geschlechtsegoismus meist zu verblendet, da sie in leichtsinnigster
Weise urteilen. So berief sich ein berhmter Mediziner und enragierter
Feind des Frauenstudiums, den ich nach seinen Grnden befragte, auf
folgende Erfahrung, die er gemacht hatte: In einer Vorlesung ber
Gehirnanatomie befand sich eine ltere weibliche Hrerin; nach Schlu
der Stunde, in der der Dozent auch den Umstand erwhnt hatte, da das
weibliche Gehirn in seinem Wachstum frher zum Stillstand kommt, und
auch frher abzunehmen beginnt, als das mnnliche, kam die Dame zu ihm
und sagte, da sie das nicht glauben knne, denn sie sei doch schon 50
Jahr und fhle keinerlei Abnahme ihrer Geisteskrfte. "Niemals wrde ein
Student," meinte der Professor, "solch eine thrichte, auf rein
subjektiver Auffassung beruhende Bemerkung machen, das ist
ausschliesslich Frauenart." So grnden viele Universittslehrer ihre
absprechende Meinung auf die Erfahrung, die sie mit ihren weiblichen
Zuhrern machten, aber whrend die einen,--zumeist solche, die seit
Jahren viele Studentinnen mit Studenten unterrichten, wie z.B. Professor
Winter in Mnchen[371],--ihnen das grte Lob erteilen und sie den
Mnnern vllig gleichstellen, sprechen andere, die zumeist nur wenige,
schlecht vorbereitete Schlerinnen haben, von ihrer durchgehenden
Mittelmigkeit im Studium. Sind sie Mediziner, so pflegen sie den
Frauen die Befhigung zum Hebammen- und Krankenpflegerinnenberuf
zuzuerkennen, sie ihnen aber fr den rztlichen vollstndig
abzusprechen; sind sie Juristen, so mchten sie ihnen den Bureaudienst
zwar berlassen, halten sie aber fr unfhig, als Advokaten oder Richter
zu praktizieren. Demgegenber stt uns nicht nur wieder die Frage auf,
ob denn die bisher gemachten ganz minimalen Erfahrungen zu solchen
Urteilen berechtigen, sondern wir schauen uns unwillkrlich unter den
mnnlichen Studenten, den mnnlichen Aerzten etc. um und fragen uns, ob
denn hier nicht auch die Mittelmigkeit dominiert, ja, ob die Begabung
berhaupt der Mastab dafr ist, zu welchem Beruf ein junger Mann sich
vorbereitet. Giebt nicht der Geldbeutel und der Stand des Vaters fast
allein den Ausschlag? Sind aber die Mnner trotzdem von der
Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts fest berzeugt, so brauchten
sie ja seine Konkurrenz nicht zu frchten. Wer aber beiden Geschlechtern
durchschnittlich hnliche Fhigkeiten zuerkennt, der sollte den Eintritt
der Frauen in die brgerlichen Berufe schon darum befrworten, damit
eine genauere Auslese der Besten mglich ist und die Mittelmigkeit,
die mnnliche und die weibliche, etwas aus ihrer herrschenden Position
gedrngt wird. Dabei darf man sich nicht verhehlen, da dieser als Folge
der Frauenbewegung auftretende und mit ihrem Fortschreiten immer
heftiger sich gestaltende Konkurrenzkampf notwendigerweise die
unerfreulichsten Nebenresultate zeitigen mu: der Egoismus, der
Brotneid, die geistige Ueberanstrengung und krperliche
Vernachlssigung, die dadurch schon unter den Mnnern hervorgebracht
werden, mssen nach und nach auch auf die Frauen korrumpierend wirken.
Das abzuleugnen, wre ebenso thricht, als es thricht ist, von der
Zulassung zu den Universitten und den brgerlichen Berufen die
Befreiung der Frau zu erwarten.

Freunde der Frauen, die sich vor einseitigen Urteilen hten und die
Notwendigkeit ihrer Berufsarbeit anerkennen, sehen aber neben diesen
daraus entstehenden Uebeln noch andere und behaupten, da der Eintritt
der Frauen in das Berufsleben nicht nur auf sie selbst schdlich,
sondern vor allen Dingen auf den Fortschritt der Welt hemmend einwirken
mu. Und zwar berufen sie sich dabei auf den alten Erfahrungssatz: das
weibliche Geschlecht hat noch kein Genie hervorgebracht.

Urteilslose Anhnger des Feminismus pflegen dem unbedingt zu
widersprechen, indem sie ihren ganzen Namensvorrat berhmter Frauen von
Sappho und Hypatia an bis auf Sonja Kowalewska vor uns ausbreiten.
Betrachten wir sie aber genau und ohne Voreingenommenheit, so ist das
Ergebnis dieses: Von den Dichterinnen und Gelehrten des Altertums ist
uns fast nur der Name geblieben, mehr als ihre Werke interessierte stets
ihre Persnlichkeit. Die Leistungen der weiblichen Gelehrten neuerer und
neuester Zeit sind achtungswert, zum Teil hervorragend, sie zeugen von
ernstem Studium und groem Flei und berragen diejenigen vieler Mnner
der Wissenschaft, aber eine wirklich geniale Leistung, eine
bahnbrechende wissenschaftliche That ist ihnen bisher nicht gelungen.
Die Freunde der Frauenbewegung pflegen hier die Erklrung abzugeben, da
die Erziehung des weiblichen Geschlechts, seine soziale Gebundenheit,
seine Ausschlieung von den wissenschaftlichen Lehranstalten die Ursache
hiervon sei. Sie haben nicht unrecht. Nur wenige Frauen haben freie Bahn
gehabt fr ihre Entwicklung, erst die neueste Zeit beginnt sie langsam
auf gleiche Stufe zu stellen mit den Mnnern, und statt ber die
geringen Leistungen der Frauen zu spotten, sollte man staunen ber das,
was sie, trotz der Ungunst der Verhltnisse, geleistet haben. Der Mangel
an weiblichen Genies aber lt sich dadurch noch nicht zur Genge
erklren und er fllt noch mehr in die Augen, wenn wir das Gebiet der
Kunst, zu dem der Zutritt berdies den Frauen viel leichter gemacht
wird, mit in den Kreis der Beobachtung ziehen. Auch hier viel Talente,
starke Begabungen, besonders solche reproduzierender Art, aber keine
schpferische Kraft. Selbst groe Dichterinnen wie Annette v.
Droste-Hlshoff, Elisabeth Barrett-Browning, Ada Negri, erreichen auch
nicht von ferne die Hhen der Klassiker; im Drama stehen die Frauen
sogar zweifellos unter dem Durchschnitt der mnnlichen Dichter. Ihre
groe Neigung zur Musik hat noch nicht eine Komponistin hervorgebracht,
die sich mit mnnlichen Komponisten zweiten und dritten Rangs messen
knnte, und keine der berhmten Malerinnen kann beanspruchen, mehr als
Tchtiges geleistet oder gar neue Wege gewiesen zu haben. Greifen wir
noch auf andere Gebiete ber, auf denen genialer Erfindungsgeist zum
Ausdruck kommen kann, so bleibt doch der Eindruck derselbe: Die Frauen
haben auch im Umkreis naheliegender Interessen, wie in der Kochkunst,
der Wscherei und Schneiderei, keinerlei umwlzende Leistungen zu
verzeichnen, obwohl es eine ganze Reihe von Frauen giebt, die allerhand
sehr ntzliche Erfindungen machten. Alledem gegenber ist man hufig zu
dem Resultat gekommen, das die geniale Begabung der Frau keine
produktive, sondern eine reproduktive sei, da es mehr groe
Schauspielerinnen als Schauspieler, mehr bedeutende weibliche als
mnnliche Virtuosen gbe. Ich glaube, da eine Entscheidung hierber
sich kaum treffen lt, und da sie nur in Betreff der Schauspielerinnen
zu Gunsten der Frauen ausfallen knnte. Ich bin vielmehr der
Ueberzeugung, da die Genialitt der Frau auf einem ganz anderen Gebiet
sich zu uern bestimmt ist, auf einem Gebiet, das sich erst jetzt der
Menschheit erschliet.

Wir haben gesehen, da die von den Frauen bevorzugten Berufe--die der
Erzieherin und Schulinspektorin, der Pflegerin und Aerztin, der
Armenpflegerin und Fabrikinspektorin, der Handelsangestellten und
Bureaubeamtin--der Mtterlichkeit ihres Wesens entsprechen, und wir
knnen, trotz einer nicht allzulangen Erfahrung, doch heute schon
konstatieren, da sie sich in den von ihnen gewhlten Berufen ganz
besonders auszeichnen. Wir wissen ferner, da fast alle
Wohlthtigkeitsbestrebungen, auch die grten Stils, fast ausschlielich
den Frauen ihr Entstehen und ihre Entwicklung verdanken, da sie sich
berall in wachsendem Mae an allem beteiligen, was unter den Begriff
Sozialreform fllt, und sowohl als Agitatoren wie als Gelehrte hier ihr
Bestes leisten. Whrend sie im allgemeinen am Althergebrachten zu hngen
pflegten und die schwierige Position der Avantgarde stets den Mnnern
berlieen, wenden sie sich jetzt mit erstaunlichem Verstndnis
und seltener Energie den jngsten der Wissenschaften, den
Sozialwissenschaften, zu, und kmpfen darum, in ihren Rahmen zu
praktischer Thtigkeit zu gelangen. Sie sehen ein ungeheures Feld vor
sich, dessen Bearbeitung ihnen entspricht, in der ihre Persnlichkeit
zum vollendeten Ausdruck kommen kann, denn es handelt sich hier darum,
Mittel und Wege zu finden, um den Elenden und Schwachen zu helfen, um,
wie einst die Oekonomie des Hauses, jetzt die Oekonomie der Welt zu
begreifen, zu leiten und zu beherrschen, um an Stelle des Schwertes
Hammer, Meiel und Pflugschar als Symbol des Vlkerlebens aufzurichten.
Und besteht nicht Genialitt im Ausdruck der Persnlichkeit?

Darum tritt die Frau gerade jetzt so sehr in den Vordergrund, darum
nimmt die Frauenbewegung so groe Dimensionen an: weil die Atmosphre
sich bildet, in der sie frei zu atmen vermag, weil Despotismus,
Sklaverei und Krieg im Bewutsein der Menschheit mehr und mehr als
barbarische Reste einer berwundenen Vergangenheit angesehen werden,
weil die Kraft der Muskeln an Wert verliert und die Kraft des Geistes
und Herzens langsam an ihre Stelle tritt. Wenn es auch heute, wo die
ersten Schritte auf diesem Wege gemacht werden, noch keine weiblichen
Genies giebt, die bahnbrechend vorangehen, so steht es fr mich auer
allem Zweifel, da sie kommen werden. In diesem Sinne haben die Gegner
recht, wenn sie ein Zeitalter des Feminismus voraussehen; sie haben aber
unrecht, wenn sie meinen, da es eins der Schwche, der Degeneration
sein wird. Denn erst die Ergnzung der mnnlichen Begabung durch die
weibliche, erst das Zusammenarbeiten beider Geschlechter, die ja doch
mit gleichen Daseinsrechten die Erde bevlkern, kann Wirkungen
hervorbringen, die nicht durch ihre Einseitigkeit den einen Teil
schdigen. Wren die Fhigkeiten des Geistes und Herzens gleich, so wre
der Eintritt der Frauen in das ffentliche Leben fr die Menschheit
vollkommen wertlos und wrde nur auf einen noch wilderen Konkurrenzkampf
hinauslaufen. Erst die Erkenntnis, da das ganze Wesen des Weibes ein
vom Manne verschiedenes ist, da es ein neues belebendes Prinzip im
Menschheitsleben bedeuten wird, macht die Frauenbewegung zu dem, was sie
trotz mignstiger Feinde und lauer Freunde ist: einer sozialen
Revolution.

Die brgerliche Frauenfrage, wie sie uns auf Grund der bisherigen
Untersuchungen entgegentritt, ist in erster Linie eine wirtschaftliche
Frage, die im Kampf um Arbeit am deutlichsten zum Ausdruck kommt. Sie
spitzt sich um so mehr zu, je grer der Frauenberschu ist, je
geringer die Heiratsaussichten, je schroffer die Gegenstze zwischen
Einnahmen und Bedrfnissen sich gestalten. Die Erffnung der
Universitten, der hheren Lehranstalten aller Art und der brgerlichen
Berufe sind ein notwendiger Schritt zur Lsung der Frauenfrage; unter
den bestehenden Verhltnissen jedoch sind sie allein im Hinblick auf die
Hebung der Lage der alleinstehenden Frauen von Bedeutung, ziehen aber
auch eine Reihe von Uebelstnden, die in dem immer heftiger werdenden
Konkurrenzkampf der Geschlechter zum schrfsten Ausdruck kommen, nach
sich. Angesichts dieser Folgen der Frauenemanzipation, die auch auf die
krperliche Kraft und die geistige Frische der Frauen und ihrer Kinder
nachteilig einwirken, und der Thatsache, da von ihrer wirtschaftlichen
Befreiung erst dann die Rede sein kann, wenn die verheirateten Frauen,
die auch in der Bourgeoisie in immer ausgedehnterem Mae zum Erwerb
gezwungen sind, durch Arbeit konomisch selbstndig zu werden vermgen,
ist eine tiefgreifende Vernderung der Arbeitsbedingungen, der Wohnungs-
und Hauswirtschaftsverhltnisse und der Formen des Familienlebens die
unausbleibliche Voraussetzung der Lsung der wirtschaftlichen Seite der
Frauenfrage. Ein Urteil ber den Wert des Anteils der Frauen an der
brgerlichen Berufsthtigkeit wird auch erst dann zu fllen mglich
sein, wenn ihre individuellen Fhigkeiten ungehemmt zur Entwicklung
gelangen knnen, und die eigentmliche Genialitt der Frau sich
entfalten kann.

Damit ist auch ber die heutige brgerliche Frauenbewegung, die sich
weder ihrer treibenden Krfte vollkommen bewut wird, noch ihre letzten
Konsequenzen klar ins Auge fat und eingesteht, das Urteil gesprochen.
Das hchste, was sie vermag, ist, die ersten Schritte auf einem Wege zu
fhren, den die Frauen nur in der Gefolgschaft einer allgemeinen, beide
Geschlechter umfassenden sozialen Bewegung bis zum Ende werden gehen
knnen.




4. Die Entwicklung der proletarischen Frauenarbeit.


Wer die Geschichte der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert zu
schreiben unternehmen wollte, mte zugleich die Geschichte der Maschine
schreiben. Sie war es, die wie ein Hexenmeister durch ihre eintnig
rasselnde Rede und ihren feuersprhenden Atem jene dunklen, endlosen
Scharen bleicher Frauen aus ihren stillen Heimsttten herauslockte und
in ihre Dienste nahm. Zwar hat es nie eine Zeit gegeben, in der nicht
durch die Handarbeit der Frau ein groer Teil der allgemeinen
Bedrfnisse befriedigt wurde, aber erst von der Zeit an, wo die Kraft
der Maschine anfing, die Muskelkraft des Menschen zu ersetzen, war es
mglich, Arbeiter ohne Muskelkraft in Massen anzustellen. Mit Hammer und
Zange, mit Hobel und Sge in der eigenen krftigen Faust beherrschte der
Mann die Produktion; er beherrscht sie auch dann noch, wenn die
Triebkraft der komplizierteren Produktionsmittel auf Menschenkraft
beruht, aber er mu dem Weibe neben sich Platz machen, je mehr die
mechanischen Triebkrfte sich entwickeln und an Stelle der brutaleren
Eigenschaften des menschlichen Krpers Gewandtheit und Geschicklichkeit
erfordert werden. Frauen- und Kinderarbeit war daher die notwendige
Folge der aufblhenden Groindustrie.[372] Aber wie das rastlose Streben
nach technischen Vervollkommnungen keine moralischen Beweggrnde--etwa
den Wunsch nach Entlastung des Menschen, nach verringerter Anstrengung
und verkrzter Arbeitszeit--hat, sondern von dem Verlangen nach
Verbilligung der Produktion beherrscht wird, so fhrt dasselbe Verlangen
zur Beschftigung weiblicher Arbeiter. Die Maschine whlt die in der
Frau verkrperte billigste Arbeitskraft[373], und ihre Wahl fr eine
Arbeit wird durch die Arbeitsarten bestimmt. Die Erfindung einer neuen
Maschine oder die Benutzung motorischer Krfte kann ein ungebtes
Mdchen den gelernten krftigen Arbeiter ersetzen lassen. Erst die
Vernderung des Arbeitsprozesses ermglicht also die Beschftigung der
Frauen.[374]

Um die Wende des 18. Jahrhunderts vollzog sich jener groe Umschwung auf
dem Gebiete der Technik, der von so weittragender Bedeutung fr die
Entwicklung der Industrie sein sollte. Die Erfindung der Spinning-Jenny,
der Kmmmaschine, der Bobbinetmaschine, des mechanischen Webstuhls, des
Strumpfwirkerstuhls u.a.m., fiel in denselben Zeitraum wie die Erfindung
der Dampfmaschine, und eine ungeheure Umwlzung im gewerblichen Leben
war ihre Folge. In Wahrheit war es die Maschine, die den im Nebel
phantastischer Trume schwebenden demokratischen Ideen eine reale
Grundlage schaffen half: die gesteigerte Produktion entri zahlreiche
Gebrauchsartikel dem Alleinbesitz privilegierter Klassen und fhrte sie
breiteren Massen des Volkes zu. An Stelle der einen Spindel, mit der der
Mensch frher spann, treten schon im Anfang des Jahrhunderts durch die
Maschine zwlf und mehr Spindeln, an Stelle der vier Nadeln, mit denen
gestrickt worden war, trat der Strumpfwirkerstuhl mit Hunderten von
Nadeln. Die Spinnmaschine war die erste, die ihren Eroberungszug durch
die Kulturwelt antrat; Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie in England
zum erstenmal in Bewegung gesetzt, kurz darauf kam sie nach
Massachusetts, wo bis zum Jahr 1809 87 Spinnereien mit 80000
Spinning-Jennys und einem Stamm von 66000 weiblichen Arbeitern ins Leben
traten[375]; zu gleicher Zeit entstanden die drei ersten mechanischen
Spinnereien in den Rheinlanden; vom Jahre 1806 datiert die Einfhrung
der Spinnmaschinen in Deutschland, 1812 wurde eine von ihnen in
Mlhausen bereits mit Dampf getrieben[376], und sieben mechanische
Spinnereien waren im Oberelsa allein im Gang.[377] Zwei Jahrzehnte
spter rief die geniale Erfindung des Selbstspinners neue Umwlzungen
hervor. Aus der einen Spindel in der Hand der Frau ist die selbstthtig
arbeitende Spinnmaschine entstanden, die heute bis zu 1200 Spindeln
treibt. Aber auch smtliche Vorbereitungsarbeiten, die frher in
langsamster und z.T. ungesundester Weise ausgefhrt wurden, sind von der
Maschine bernommen worden: die Wollkmmer, die unter der
schrecklichsten Staubentwicklung, mit den primitivsten Werkzeugen
ausgerstet, ihre Arbeit verrichteten, haben sie der bis zur hchsten
Vollkommenheit ausgebildeten Kmmmaschine bergeben mssen, und sowohl
das Waschen wie das Krempeln der Baumwolle und der Wolle geschieht auf
mechanischem Wege. Am lngsten widerstand die Seidenspinnerei der
Einfhrung komplizierterer Maschinen. Erst neuerdings ist das
langwierige und durch die dauernde Hantierung im Wasser
gesundheitsschdliche Schlagen der Kokons mit der Hand durch Einfhrung
von Schlagmaschinen ersetzt worden.

Gleichen Schritt mit der technischen Vervollkommnung der Spinnerei hielt
die Weberei in allen ihren Arbeitszweigen. Whrend gemusterte Gewebe
frher nur auf sehr mhsame und kostspielige Weise hergestellt werden
konnten, ermglichte die Erfindung Jacquards, die im wesentlichen auf
der Anwendung der mit dem Webstuhl in Verbindung gebrachten durchlochten
Musterkarten beruht, die Herstellung der Musterung auf mechanischem
Wege. Wozu vorher ein hoher Grad von Uebung und Kunstfertigkeit
notwendig war, das entstand jetzt mit Hilfe weniger, leicht gelernter
Handgriffe. Die Erfindung des selbstthtig arbeitenden Webstuhls, mit
dessen Problem sich schon Lionardo da Vinci beschftigt hatte, bedeutete
einen neuen Fortschritt. Schon in den zwanziger Jahren des 19.
Jahrhunderts entstanden die ersten mechanischen Webereien in Amerika,
England und Frankreich, durch die auch die Vorbereitungsarbeiten der
Hausindustrie mehr und mehr entrissen wurden: statt da eine Spulerin an
dem Aufwickeln einer Maschine arbeitete, drehen sich an der Maschine
fnfzig und mehr Spulen auf einmal; das Scheren und Aufbumen, eine sehr
beschwerliche Arbeit fr die Handwerker frherer Zeit, besorgt eine
Spule allein; auch das Schlichten oder Leimen, das durch Eintauchen der
Garnstrhne in verschiedenartige Lsungen oder durch Brsten der schon
auf dem Webstuhl befindlichen Fden besorgt wurde und nachher noch ein
langwieriges Trocknen ntig machte, besorgt eine Maschine in
erstaunlicher Geschwindigkeit. Whrend noch ein Jahrzehnt frher jedes
gewebte Stck zum Appretieren, Walken, Rauhen, Scheren, Frben, Drucken
und Pressen an ebensoviele andere Gewerbe berging, vereinigte die
Fabrik bald auch diese Arbeitsweisen in ihren eigenen Rumen. Das
Trocknen der appretierten Gewebe geschieht jetzt auf kupfernen, von
innen geheizten Zylindern, ist also nicht mehr von der Laune der Sonne
abhngig; das Walken des Tuchs, das unter groer Kraftanstrengung durch
die Hnde des Arbeiters im warmen Wasser geschah, wird jetzt von den
schweren Hmmern der Walkmaschine besorgt; das Rauhen, das vor nicht
allzulanger Zeit in der Weise vorgenommen wurde, da der Arbeiter mit
den rauhen Fruchtkpfen der Kardendistel das Tuch wiederholt stark
andrckend bestrich--eine sehr zeitraubende Thtigkeit--ist jetzt
durchweg Maschinenarbeit; das Scheren mit der Handschere, das Bedrucken
mit der Handpresse, wodurch groe Gewerbe Beschftigung fanden, ist
durch sie ersetzt worden. Wer heute neben der mit fabelhafter
Geschwindigkeit rotierenden Walzendruckmaschine, die bis zwanzig Farben
auf einmal in Anwendung bringen kann, den Handdrucker sehen knnte, der
sein Druckmodel dem Stoff nach und nach aufpret und fr jede neue Farbe
immer wieder von vorne anfangen mu, oder wer zuschauen knnte, wie der
Samtweber frherer Zeiten die wie in Schluchen aufliegenden Faden des
Gewebes mit dem Messer einzeln aufschneiden mute, whrend der
mechanische Webstuhl zwei miteinander durch die Florkette verbundene
Stoffstreifen schafft, die zu gleicher Zeit mit dem Weben durch
Schneidvorrichtungen auseinandergeschnitten werden, so da zwei
vollstndig fertige Samtgewebe auf einmal entstehen--der wrde sich von
dem riesigen Fortschritt der Technik ein Bild machen knnen, vor dem die
phantastischsten Mrchenbilder verblassen mten.

Aber noch tiefgreifender vielleicht, als auf das Spinnen und Weben, das
ja schon lange die Anwendung gewisser, wenn auch primitiver Maschinen
ntig machte, war der Einflu der technischen Fortschritte auf die
Spitzenindustrie, die Stickerei und die Wirkerei. Alle drei Arbeitsarten
waren Jahrhunderte hindurch ausschlielich Handarbeit gewesen, die
Klppel, die Nhnadel und die Stricknadeln die einzigen Werkzeuge. Die
Erfindung der Bobbinetmaschine, spter noch vervollkommnet durch
Verbindung mit der Jacquardmaschine bedeutete geradezu eine Umwlzung
auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung. Kaum ein Jahrzehnt nachher waren
bereits allein in England 920 solcher Maschinen im Gange und vom
einfachen Tllgrund und dem Schleier angefangen bis zum gemusterten
Vorhang und der feinsten Besatzspitze lieferten sie in Massen, was einst
nur in wenigen Stcken den Reichsten zugnglich war. Noch tiefer griff
die erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfundene Plattstichstickmaschine in
die husliche Arbeit der Frauen ein. Statt da mit der Nhnadel ein
Faden vorsichtig neben den anderen gelegt wurde, hat die Stickerin
nunmehr nichts weiter zu thun, als das kleine Musterbild mit dem Stift
des Pantographen (Storchschnabel) nachzuziehen, der die Maschine, die es
nachstickt, in Bewegung setzt. Diese Stickmaschine, bei der zunchst die
mechanische Triebkraft nicht in Anwendung gebracht werden konnte, drang
rasch in die fernsten Winkel der Hausindustrie, so da die
Weistickereiproduktion einen enormen Umfang annahm; sie wirkte in ihrer
weiteren Vervollkommnung aber auch noch revolutionierender auf die
Spitzenindustrie, als die Bobbinetmaschine. Indem man nmlich ein
Karbonisationsverfahren anwandte, durch das der Grundstoff oder
Stickboden der Stickerei weggetzt wurde, entstanden auerordentlich
feine, sogenannte Luftspitzen, die manche knstlerische Gebilde frherer
Zeit in den Schatten stellen.

Wie die Plattstichmaschine, so bildete auch die erste Strickmaschine
eine Untersttzung der Hausindustrie, da sie mit der Hand getrieben
wurde, und statt des einen Paares grober Strmpfe, die eine
Handstrickerin in einem Tage fertigstellen konnte, deren 10 bis 12 Paar
erzeugte. Mit der Erfindung der mechanischen Strumpfstrickerei ging sie
notwendigerweise zum Fabrikbetrieb ber. Heute erzeugt die selbstthtige
Standard-Rundstrickmaschine nicht weniger als sechs Dutzend fast vllig
fertiger Strmpfe tglich. Auch die der Strickerei so auerordentlich
hnliche Wirkerei war zunchst fr den Handbetrieb eingerichtet; ein
Handwirkerstuhl macht in der Minute bis 40000 Maschen, eine gebte
Handstrickerin hchstens 100. Neben diesen Sthlen, die nur einfache
gewirkte Stoffbreiten herstellen, entstand schon Anfang des 19.
Jahrhunderts der erste Rundstuhl, aus dem die Stoffe in Schlauchform
hervorgehen. Die Entwicklung der gewirkten Leibwsche und des brigen
gewirkten Unterzeuges ist auf sie zurckzufhren.

Die Thtigkeit des Arbeiters bei all diesen Maschinen, die Spinn- und
Webemaschinen eingeschlossen, beschrnkt sich, sobald sie im Gang sind,
groenteils auf das Ausrcken des Stuhles, sobald ein Faden gerissen ist
und auf das Anknpfen desselben. Neuerdings werden schon vielfach
mechanische Ausrckvorrichtungen in Anwendung gebracht, so da die
Notwendigkeit dauernden, angestrengten Aufpassens in Wegfall kommt und
der Arbeiter nur, sobald die Maschine still steht, den gebrochenen Faden
zusammenzuknpfen braucht. Da diese Arbeit, die feine, gelenkige Finger
erfordert, zu einer Frauenarbeit wurde, ist selbstverstndlich. Das
Weben am Webstuhl mit Hand- oder Fubetrieb war fast immer Arbeit des
Mannes. Sobald statt der Muskelkraft die Kraft der Maschine der
Bewegungsmotor wurde, mute er Frauen, ja selbst Kindern weichen.

Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einflu der Maschine. Noch
erzhlen unsere Groeltern, wie sie sich ihre Briefumschlge stets
mhsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Husern der Aermsten
durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und
Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen
die Kuverts und liefern bis zu 300000 tglich; und in einer anderen
Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden,
damit sie die fertigen Umschlge--4000 in der Stunde!--auf der anderen
wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des
Zuschneidens, das krftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die
Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der
Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun
brig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre groe Vernderung die
Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum
erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist,
da sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthtig zu fertigem Papier
verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst
der Maschine: Die Verbreitung der Zndhlzchen. Sie wre unmglich
gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hlzchen,
die frher Stck fr Stck mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe
gekommen wre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit
armer Kinder gewesen sind, fabrikmig hergestellt und gefllt--25000
tglich!

Es lt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen
die Frauenarbeit am meisten beeinflute; wohl aber kann ohne weiteres
behauptet werden, da keine eine so nachhaltige, sich immer weiter
ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und
Websthle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nhmaschine. Sie
blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die
erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich
mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich
hatte, als ihre verhltnismige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder
Fu, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit
verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Hnden
der Frauen gelegen hatte. Sie verzwlffachte berdies die Leistung der
Handnherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.[378]
Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die
Knopfloch- und Knopfannh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die
Handschuh-Nhmaschine, und endlich die verschiedenen, in der
Schuhwarenindustrie benutzten Nhmaschinen, deren erstes Aufkommen schon
das altehrwrdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den
Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische
Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die
der der Weberei annhernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle
Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine bernommen
worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das
Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das
fr den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Faonbiegen des Oberleders
mhelos ausfhrt, bis zum Gltten des fertigen Schuhs, dem Nhen der
Knopflcher und Annhen der Knpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die
meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die
alte vielseitige Thtigkeit des Schusters beinahe zu einer bloen
Aufsicht fhrenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten groen
Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst
die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Mrchenprinzessin, der graue
Knig Dampf und lie ber ihr sein erstes, prophetisches,
eintnig-drhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter
seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten
Eisenkolosse hervor, er hllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen
in sein eigenes schwarzgraues Gewand--das Kleid der Armut und der
Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der
mit stillem weileuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre berstrahlte
und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird
er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hllen helfen?----

Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter
Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der
sozialen und politischen Entwicklung nichts wei, der mu erwarten, eine
von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion
reich gewordene, gesunde und glckliche Menschheit vor sich zu sehen.
Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur
einige der fr unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten
die groe Masse des Volks abhngig von ihren Besitzern; sie rissen,
soweit sie infolge ihrer groe und Kompliziertheit oder der Einfhrung
des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die
Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten
sie ihrer selbstndigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre
Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskrfte brauchten und die billigsten
die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am
rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am hchsten entwickelt
ist.[379] Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Groindustrie,
in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, da von den 419560
Fabrikarbeitern in Grobritannien 242296 Frauen waren; in den
Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den
Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter
weiblich.[380] Und zwanzig Jahre spter konstatierte der englische
Fabrikinspektor Robert Baker, da die mnnlichen Arbeiter seit 1835 um
92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen
greren Zeitraum berechnet, erhht sich die Ziffer zu Gunsten der
Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der mnnlichen
Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.[381] Die
absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher[382]
(s. Tabelle).

                   |     1841     |     1851     |      1861     |      1871     |      1881     |      1891
                   | Mnner|Frauen|Mnner |Frauen|Mnner | Frauen| Mnner| Frauen|Mnner | Frauen| Mnner| Frauen
-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
Tpferei           |  23600|  7400|  34800| 11100|  42500|  13400|  49700|  17700|  52200|  19700|  64300|  23800
Gas, Chemikalien   |   5800|   300|  16400|  1700|  24800|   1500|  34900|   4100|  44000|   4000|  66400|   6300
Pelzwerk, Leder,   |       |      |       |      |       |       |       |       |       |       |       |
  Leim             |  31600|  2400|  44500|  6500|  47300|   2300|  49400|  10200|  49400|  13300|  59100|  18200
Holzwaren, Wagen   | 147500|  4900| 180200|  8900| 202200|  14100| 214200|  19500| 221600|  18400| 253600|  23300
Papier etc.        |   8900|  3200|  13600|  8300|  14600|  10700|  20300|  13400|  24600|  23200|  28600|  34200
Textilwaren,       |       |      |       |      |       |       |       |       |       |       |       |
  Frberei         | 346200|257600| 462400|472100| 439700| 526500| 414500| 555500| 396400| 566200| 430500| 585600
Bekleidung         | 343600|177200| 397500|471200| 378600| 550900| 363300| 552700| 344700| 609300| 353800| 681300
Ernhrung,         |       |      |       |      |       |       |       |       |       |       |       |
  Getrnke,  Tabak |  82700|  8000| 120100| 12400| 133400|  15600| 145700|  18500| 152300|  28900| 173100|  50200
Uhren, Instrumente,|       |      |       |      |       |       |       |       |       |       |       |
  Spielzeug        |  19600|   800|  23500|  1300|  32800|   2900|  35900|   3000|  41700|   3400|  44600|   5500
Buckdruckerei,     |       |      |       |      |       |       |       |       |       |       |       |
  Buchbinderei etc.|  21100|  1800|  30400|  3800|  41300|   6200|  57600|   8600|  75000|  13100| 102100|  19100
-------------------+-------+------+-------+------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------+-------
Total:             |1030600|463600|1324200|997900|1357200|1150100|1385500|1203200|1401900|1299500|1576100|1447500

Selbst in solchen Industrieen, fr die die Frauenarbeit ganz ungeeignet
zu sein scheint, wie in den Gelbgieereien, der Minen- und
Kohlenproduktion, der Ziegelei und Backsteinmacherei waren fast
ausschlielich Frauen beschftigt.[383]

Obwohl sich fr andere Lnder genauere auf lngere Zeitrume sich
erstreckende Berechnungen nicht machen lassen, so spricht alles dafr,
da die Entwicklung berall dieselbe gewesen ist. Seit 1840, wo die
Textilindustrie in Deutschland berhaupt erst anfing, Bedeutung zu
gewinnen, nahm die Frauenarbeit in erschreckender Weise zu. Die
Landmdchen strmten in Scharen in die Fabrikstdte; kleine Orte, wie
z.B. Gladbach, riefen in einem Jahr Hunderte von Frauen in ihre Mauern,
und in Krefeld war ein Frauenberschu von 50% die Folge.[384] In
Nord-Amerika wurden allein in den Spinnereien von Massachusetts 1816
neben 10000 Mnnern 66000 Frauen gezhlt[385], und in den
Baumwollfabriken von 25 Staaten der Union waren 1850 schon 62661
weibliche Arbeiter beschftigt, die zehn Jahre spter auf 75169
angewachsen waren, whrend sich zur selben Zeit in den Wirkereien
dreimal so viel Frauen als Mnner befanden.[386] Fr die Vereinigten
Staaten im allgemeinen zeigt es sich, da 1870 in der Industrie auf 100
arbeitende Mnner gegen 17 Frauen, 1890 dagegen auf 100 Mnner ber 25
Frauen beschftigt waren. Natrlich trat, wie es uns die Entwicklung der
Maschine schon ohne weiteres lehrt, in den verschiedenen
Industriezweigen eine mehr oder weniger starke Verschiebung der
Geschlechter ein, die, besonders in der ersten Zeit, einer Verdrngung
der Mnner durch die Frauen gleich kam. So arbeiteten in 412 Fabriken in
Lancashire im Jahre 1840 10721 verheiratete Frauen und nur 5314 ihrer
Ehemnner waren in denselben Fabriken thtig, whrend 3927 als
anderwrts beschftigt, 821 als arbeitslos angegeben wurden und fr 659
nhere Nachrichten fehlten. Es kamen demnach auf jede Fabrik zwei bis
drei Mnner, die von der Arbeit ihrer Frauen lebten. Das Bild einer vom
arbeitslosen Mann geleiteten Hauswirtschaft, fr deren Unterhalt die
Frau allein sorgt, war zu jener Zeit durchaus kein seltenes.[387] Die
Maschine brauchte ihre gelenken Finger und das Unternehmertum ihre
billige Arbeitskraft. Nach Adam Smith produzierten zehn Mnner zu seiner
Zeit durch Teilung der Arbeit etwa 48000 Nhnadeln tglich, Marx
berichtet, da die Maschine in elf Stunden 145000 Nhnadeln
hervorbringt, und eine Frau vier solcher Maschinen beaufsichtigen kann,
was einer Produktion von 600000 Stck tglich gleichkommt.[388] Eine
Frau ersetzte also fast 130 Mnner! In Rheims waren im Anfang des 19.
Jahrhunderts 10000 husliche Wollkmmer vollauf beschftigt; nach
Einfhrung der Kmmmaschine gab es bald keinen einzigen mehr, whrend
junge Mdchen an der Maschine standen.[389] In die Ngel- und
Schraubenfabrikation Englands drangen schon 1843 weibliche Arbeiter ein:
die Maschine machte die mnnliche Kraft entbehrlich.[390] Fnfzig Jahre
frher fhrte der Teppichweber das Schiffchen mit der Hand, und
produzierte 45 bis 50 englische Ellen, jetzt produziert die von einem
Mdchen beaufsichtigte Maschine 360 Ellen wchentlich[391], d.h. sie
schafft die Arbeit von sieben Mnnern. Ueberall zeigt sich dasselbe
Bild: So war die Gravierung der Banknoten in England bis vor kurzem die
schwierige Arbeit von Mnnern, eine neue Maschine ermglicht es,
ungelernte Frauen anzustellen, die fr dieselbe Leistung statt 18 sh.
nur 12 sh. wchentlich erhalten. In den Konservenbchsenfabriken, wo
frher auch nur Mnner fr 15 bis 20 sh. wchentlich thtig waren,
arbeiten jetzt gleichfalls Frauen fr den halben Lohn und die Arbeit des
Stempelns vergoldeter Buchstaben auf Bchereinbnde haben sie sogar fr
ein Drittel des Mnnerlohnes bernommen.[392] Den grten Einflu nach
dieser Richtung hatte die Einfhrung der mechanischen Spinnerei und
Weberei. An Stelle des Spuljungen, der eine Spule fllte, trat das
Spulmdchen, das zwanzig und mehr an der Maschine beaufsichtigte;
zahlreiche selbstndige Kleinmeister sahen sich gezwungen, in die Fabrik
zu gehen, wo ihre Frauen und Tchter, die die alten schweren Websthle
nicht hatten beherrschen knnen, ihre siegreichen Konkurrenten geworden
waren.[393] Ueberall dort, wo eine handwerksmige Ausbildung frher
unausbleiblich schien, aber neue Erfindungen sie berflssig machten,
drangen die Frauen vor. So fhrte die Papiermachmasse sehr bald schon
weibliche Arbeitskrfte in die Spielwarenindustrie ein, die, solange das
Schnitzen und Bossieren ihren wesentlichen Inhalt gebildet hatte, ein
Privilegium der Mnner gewesen war.[394] Und die Handmaler fr
Porzellan, die bis 1840 ihr gutes und reichliches Einkommen hatten,
sahen sich sofort durch die Frauen beiseite geschoben, als die
Mglichkeit, Porzellan zu bedrucken, den Anla bot, ungebte Mdchen fr
einen Hungerlohn anzustellen.[395] Die Schuhmacherei ist, wie wir schon
gesehen haben, neuerdings derselben Wandlung unterworfen; die
Schneiderei fngt an, denselben Weg zu gehen, seitdem in den groen
Fabriken zu Leeds selbst der fr ganz unentbehrlich geltende Mann, der
Zuschneider, durch die Maschine, die die Stoffe in zahllosen Lagen
ausstanzt, ersetzt wurde.

Es ist nun zwar notwendig, um von vornherein jedes schiefe Urteil zu
vermeiden, sich stets vor Augen zu halten, da dieses scheinbare
Verdrngen der Mnner durch die Frauen fast immer nur ein Verschieben
ist, und die Zahlen fast berall beweisen, da zwar das Wachstum der
Frauenarbeit im Verhltnis bedeutend grer ist als das der Mnner, jene
aber von diesen, sobald die absoluten Zahlen in Frage kommen, noch immer
bedeutend berflgelt werden; aber es ist auch begreiflich, da die
vollstndig neue Erscheinung der weiblichen Konkurrenz im Erwerbsleben,
wie sie zuerst im Anfang des 19. Jahrhunderts hervortrat, die Gemter
auerordentlich erregte. In Verbindung mit der gefhrlichen Bedrohung
des Handwerks durch die Maschine rief sie allerorten strmische
Emprungen hervor, die zu Anfang einen revolutionren Charakter
annahmen. Jeder einzelne dieser fruchtlosen Kmpfe gegen den eisernen
Riesen, der den Boden unterwhlte, auf dem der Arbeiter fest zu stehen
glaubte, der die Bande der Familie lockerte, an denen das Glck und der
Frieden des Volkes hing, hat etwas von jener antiken Tragik an sich, die
den Helden mit der Gewalt eines Naturgesetzes der Vernichtung preis gab.
Die erste Wut richtete sich in geheimen Verschwrungen und offenen
Revolten gegen ihre blinden Werkzeuge, die Maschinen selbst. Unter dem
Jubelgeheul der Massen zerstrten die Bewohner Blackburns Hargreaves
Spinning-Jenny; kaum glaubte er in Nottingham eine Zuflucht gefunden zu
haben, als die Emprung gegen ihn und sein Werk sich bis zum
Volksaufstand steigerte und sein Haus, mit allem was es enthielt, dem
Erdboden gleich machte. Er selbst starb im Armenhause, von denen am
meisten verfolgt und verachtet, denen er sein Bestes gegeben hatte.
Gegen Cartwrights Kmmmaschine richtete sich eine so wtende Agitation
der Handkmmer, da ihre Einfhrung erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung
mglich wurde. Jacquards Webemaschinen gingen wiederholt in Flammen auf;
er selbst sah sich wie einen Verbrecher von Land zu Land vertrieben und
Heathcoats Spitzenmaschine fiel jener geheimen Verbindung der Ludditen
zum Opfer, die sich gegen alle Maschinen verschworen hatte und ganz
England in Schrecken versetzte. Ein Kampf, wenn auch ohne Feuer und
Schwert, war es auch, wenn der Handwerker sich krampfhaft gegen die neu
eingefhrte Maschine zu behaupten versuchte, indem er die Produkte
seiner Arbeit so lange im Preise herabsetzte[396], bis er auf der
untersten Stufe der Existenzmglichkeit angekommen war, und sich nun mit
Frau und Tochter in den Dienst des Feindes begeben mute. Systematisch
war der Feldzug, den die englischen Gewerkvereine um die Mitte des 19.
Jahrhunderts gegen die Maschine fhrten. Sie widersetzten sich mit allen
ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gegen ihre Einfhrung; sie nahmen
lieber die Entbehrungen wochen- und mondelanger Streiks auf sich--wie
z.B. die Schuster von Northamptonshire--, als da sie nachgegeben
htten.[397] Und mit derselben zhen Energie versuchten sie die
Frauenarbeit nicht aufkommen zu lassen. So entspann sich ein heftiger
Kampf der Setzer gegen die 1848 zuerst angestellten Frauen, und er wurde
um so bitterer, als der Streik der Setzer von Edinburgh infolge der
weiblichen Streikbrecher mit einer Niederlage endete.[398] Zu dem Siege,
den die Pariser Setzer errungen hatten, indem die Frauen durch
gesetzliche Bestimmung von den Setzereien ausgeschlossen wurden,
gelangten sie freilich nicht.[399] Dagegen griffen die Gewerkschaften
vielfach zur Selbsthilfe. Die Bestimmung, da kein Mitglied neben einer
Frau arbeiten drfe, fand sich in zahlreichen Statuten und findet sich
zum Teil heute noch darin. Wo weibliche Arbeiter zum erstenmal die Thore
der Fabrik durchschritten, begegneten sie allgemeiner Verachtung, wenn
nicht gar Beleidigungen grbster Art. Es kam hufig vor, da sie sich
durch Hinterpfrtchen in die Arbeitsrume schleichen muten, um
berhaupt hinein zu gelangen. Was in England, wo die industrielle
Entwicklung eine rapide war, in besonders krasser Weise zu Tage trat,
das wiederholte sich, wenn auch in abgeschwchter Form, auf dem
Kontinent. Ueberall betrachteten die Mnner ihre weiblichen
Arbeitsgenossen mit Ha und Mitrauen und versuchten sich ihrer zu
entledigen. Die deutsche Handwerkerbewegung der Revolutionszeit fhrte
an verschiedenen Orten des Landes sogar zu kleinen Revolten gegen die
Frauen und die Berliner Schneiderinnung ging so weit, beim
Gewerbeministerium zu beantragen, da den Frauen, mit Ausnahme der
Witwen von Schneidermeistern, das Schneiderhandwerk verboten werden
sollte, und die Modemagazine fertige Damenkleider nicht mehr verkaufen
drften.[400] Dasselbe Gefhl, das die Innung zu diesem Antrag trieb,
beherrschte auch das Frankfurter Handwerkerparlament des Jahres 1848,
als es kategorische Gesetze gegen das Fabriksystem, durch das der groe
Markt fr die Frauenarbeit vorbereitet wurde, forderte.

Man hat hufig versucht, den erbitterten Kampf der Mnner gegen die
Frauenarbeit ihnen zum persnlichen Vorwurf zu machen, ein Versuch, der
sich nur aus einer vlligen Unkenntnis der wirtschaftlichen und sozialen
Entwicklungsgeschichte erklren lt. Thatschlich war und ist zum Teil
heute noch dieser Kampf ihre notwendige Begleiterscheinung. Wollte man
berhaupt einen Vorwurf erheben,--was allgemeinen Erscheinungen des
Wirtschaftslebens gegenber immer thricht ist,--so mte er sich weit
eher gegen die Frauen richten. Nicht, weil sie berhaupt arbeiteten, das
war eine bittere Notwendigkeit fr sie, sondern weil sie die mnnlichen
Konkurrenten statt durch bessere Leistungen, durch geringere Ansprche
zu besiegen suchten. Aus der huslichen Vereinzelung, aus der sie frher
groenteils auch dann nicht herauszutreten brauchten, wenn sie um Lohn
arbeiteten, traten sie unvorbereitet in das Gemeinschaftsleben der
Industriearbeiter hinein. Sie dachten nur an die Befriedigung der
nchsten persnlichsten Bedrfnisse, die auerordentlich geringe waren;
die jahrhundertelange Niederdrckung des weiblichen Geschlechts, die
unaufhrliche Predigt von der Demut und Bescheidenheit, die ewige
Wiederholung von der Minderwertigkeit der Frauen, an die sie schlielich
selber glaubten, rchte sich nun an den Mnnern: die weiblichen Arbeiter
waren mit Lhnen zufrieden, die ihnen grade nur ein Stck Brot
gewhrleisteten; sie, die zu Sklaven erzogen worden waren, hatten nichts
von einer Rebellennatur mehr in sich. Sie wurden zu Streikbrechern, ohne
etwas anderes dabei zu empfinden, als Freude ber Arbeitsgelegenheit;
sie lieen sich ausbeuten bis aufs uerste und nahmen es hin, wie ein
Fatum, wenn sie nur ihren Kindern dafr einen Tag lang den schlimmsten
Hunger stillen konnten. Das Gefhl von Solidaritt mit den Genossen
ihrer Arbeit mte denen vllig fremd sein, deren hchste Tugend bisher
die gewesen war, ihr Haus allein als ihre Welt zu betrachten. So muten
sie werden, was sie waren, und leider noch sind,--ein Jahrhundert
verwischt nicht die Spuren von Jahrtausenden--: Schmutzkonkurrenten der
Mnner. Sie drckten die Lhne und machten es infolgedessen immer mehr
Mnnern unmglich, ihre Familien allein zu erhalten; so zog jede neu
eintretende Industriearbeiterin Scharen anderer nach sich. Da die
Mnner eine Gefahr darin sahen, da sie nicht blinden Auges und kalten
Herzens an der Zerstrung der Huslichkeit und der Verwahrlosung der
Kinder vorbergehen konnten, war nur natrlich.

Nicht allzu lange sollten die Mnner allein unter dem Wachstum des
Grobetriebs leiden. Ihr eigenes Schicksal wurde bald auch das der
Frauen: die Maschine, die sie in die Fabrik gezogen hatte, trieb sie
wieder hinaus. Whrend frher z.B. je 2 Seidenhasplerinnen 1 Mdchen zum
Schlagen der Kokons ntig hatten, versorgte die Schlagmaschine 25 und
mehr Hasplerinnen, warf also mindestens 6 Mdchen aufs Pflaster. Die
Einfhrung verbesserter Maschinen in den Webereien des Oberelsa hatte
zur Folge, da die Arbeiterzahl trotz der starken Vermehrung der
Fabriken von 23000 im Jahre 1828 auf 19000 im Jahre 1851 gesunken
war[401]; in 35 englischen Spinnereien waren 1829 1060 Spinner mehr
angestellt als 1841, obwohl die Zahl der Spindeln sich um 99000 vermehrt
hatte[402] und in den sechziger Jahren beseitigte eine einzige
verbesserte Spinnmaschine die Hlfte aller Arbeiterinnen.[403] Am
furchtbarsten waren die Folgen der Einfhrung der Nhmaschine. Eine
einzige Fabrik New-Yorks, die 1862 400 Nhmaschinen aufstellte, von
denen eine die Arbeit von 6 Handnherinnen ausfhrte, machte ca. 2000
Nherinnen brotlos. Der Segen, den viele sich von der Nhmaschine
versprachen, weil sie der Frau ermglichte, im eigenen Heim ihrem Erwerb
nachzugehen, verwandelte sich rasch zum Fluch: sie erschlug die
schwchsten Handarbeiter; in London lief die Zunahme des Hungertods
parallel mit ihrer Ausbreitung.[404] Da die Einfhrung neuer oder die
Verbesserung alter Maschinen nun keineswegs eine Steigerung der Lhne
zur Folge hatte, sondern die Entlassung von Arbeitern nur dem
Kapitalisten zu Gute kam, mute die berflssig gewordene menschliche
Arbeitskraft sich nach anderen Arbeitsgebieten umsehen. Sie fand sie
dort, wo auch der Handwerker seine letzte, elende Zufluchtssttte fand,
in der Hausindustrie.

Der Begriff, der sich mit diesem Namen verbindet, ist durchaus kein
feststehender. Die deutsche Reichsstatistik, die sich in ihren beiden
letzten Berufszhlungen eingehend mit der Hausindustrie beschftigte,
versteht darunter die "Arbeit zu Hause fr fremde Rechnung". Die
Bezeichnung ist vieldeutig, sie kann z.B. nur die Heimarbeiter, d.h.
diejenigen, die im eignen Wohnraum fr die Unternehmer beschftigt sind,
umfassen und die Werkstattarbeiter ausschlieen. Das geschieht
ausdrcklich durch die neueste belgische Statistik, die als
Hausindustrielle nur diejenigen ansieht, "die bei sich zu Hause auf
Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten arbeiten". Das sterreichische
Handelsministerium hat gleichfalls den Begriff der Hausindustrie darauf
beschrnkt, indem es "Erwerbsarbeiter in eigener Werksttte ohne
gewerbliches Hilfspersonal" hchstens mit Angehrigen des eigenen
Hausstands, darunter verstanden wissen will. Auch die Gelehrten sind
verschiedener Meinung: so wird z.B. auf der einen Seite die
Hausindustrie als Grovertrieb von Waren, die im Kleinbetriebe
hergestellt werden[405], bezeichnet, whrend nicht die Art des
Vertriebes, sondern die des Betriebes sie kennzeichnet, auf der anderen
erklrt man sie fr groindustrielle Arbeit in kleinen Werksttten und
in der Wohnung[406], wobei wieder die Bezeichnung "klein" ein
schwankendes Bild giebt. Die sinngemeste, die Sache klar bezeichnende
Erklrung dagegen ist diese: Hausindustrie ist diejenige Betriebsform
der kapitalistischen Unternehmung, bei welcher die Arbeiter in ihren
eigenen Wohnungen oder Werksttten beschftigt werden.[407]

Mit der Hausindustrie frherer Zeiten hat diese fast nur noch den Namen
gemein, sie ist ein modernes Erzeugnis der Groindustrie. Einerseits
nhrt sie sich vom untergehenden Handwerk,--der einst selbstndige
Meister wird zum Verleger,--andererseits von der um jeden Preis sich
verkaufenden menschlichen Arbeitskraft, die in den Industriestdten
infolge der sich zusammendrngenden proletarischen Bevlkerung
massenhaft emporschiet oder vereinzelt in abseits liegenden
Gebirgsthlern und Hochplateaus zu finden ist. Besonders das billige
Produktionsmittel, die weibliche Arbeitskraft, konnte die Industrie sich
nicht entgehen lassen. Mit der Mglichkeit der Arbeitszerlegung, der
Ausgabe von Teilarbeiten aus dem Betrieb, verstrkte sich noch die
Tendenz, die Hausindustrie gro zu ziehen. Dazu kam, da nicht nur die
Ersparnisse in Bezug auf die Lhne sich als bedeutende erwiesen: sowohl
die Kosten fr Miete, Instandhaltung der Fabrik, Beleuchtung,
Beaufsichtigung kamen in Fortfall und das befrderte selbstverstndlich
eine weitere Dezentralisierung des Grobetriebs. Beweis hierfr ist
unter anderem die Rckentwicklung des Cigarrengrobetriebs zur
Hausindustrie; 1882 betrug in Deutschland die Verschiebung vom Gro- zum
Kleinbetrieb 57%, 1895 59%. Die Schwchsten, die die Fabrik als die
wenigst Brauchbaren abschob, die Aermsten, die in ihrem versteckten
Elend kein Hauch der neuen Zeit berhrte, die Frauen, die Kinder und die
Greise wurden die ersten Opfer der Hausindustrie. Und wieder war es die
Maschine, durch deren Hilfe sie bis in die einsamsten Berggehfte, die
entlegensten Landstdtchen vordrang, sich in die Dachkammern und die
Keller der Grostdte einschlich. Alle Maschinen, die zum Antrieb
menschliche Kraft gebrauchen konnten und klein genug waren, um berall
Platz zu finden, sind in der Hausindustrie vertreten; der
Hausindustrielle kauft sie auf Abzahlung, nimmt sie in Pacht, oder
bekommt sie vom Fabrikanten, fr den er arbeitet, geliefert.
Nhmaschinen aller Art, von der einfachsten bis zur komplizierten
Stiefelstepp- und Knopflochmaschine, rasseln in den engen Behausungen
der elendesten Sklaven des Kapitalismus; ber die Strickmaschine sitzen
sie gebckt, und die Plattstichmaschine, die sich besonders in der
Schweiz verbreitet hat, macht aus den blhenden Kindern der Berge
dieselben flachbrstigen, blassen Gesellen, wie die Fabrikarbeiter der
Grostdte es sind. Und so lange die menschliche motorische Kraft
billiger ist als Dampf und Elektrizitt, werden die Unternehmer sie fr
sich ausnutzen und die Hausindustrie, dieser Bastard der Groindustrie,
den sie mit der Not, ihrem Kebsweib, gezeugt hat, wird wachsen, da sie
fast ihren Vater berragt.

Ein riesiges Arbeitsfeld erffnete sich den Frauen durch die
Konfektionsindustrie. Vor der Erfindung der Nhmaschine gehrte die
Herstellung der Wsche und der Kleidung im wesentlichen in das Bereich
huslicher Thtigkeit. Hausfrau und Haustchter, eventuell die
verfgbaren Dienstmdchen, beschftigten sich damit. In einer spteren
Periode erst kam die im Hause der Kundschaft arbeitende Nherin als
Hilfskraft hinzu und die bei sich fr die Kunden arbeitende Schneiderin
war schon ein Produkt der Neuzeit. Modegeschfte, die mit Hilfe der
hausindustriell thtigen Nherinnen fertige Kleider verkauften, kamen
erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf, als die Nhmaschine die
Massenproduktion ermglichte. Sie wuchsen wie Pilze aus der Erde und
suchten sich gegenseitig zu unterbieten, was nur durch steigende
Ausbeutung der Arbeiterinnen mglich war. "Alle Nherinnen," sagte ein
englischer Arzt, "leiden an dreifachem Elend--Ueberarbeit, Luftmangel
und Mangel an Nahrung." Whrend der Saison saen in London gegen 30
Mdchen in Rumen zusammen, die kaum fr ein Drittel die ntige Luft
gewhrten, sie schliefen zu zweien in einem Bett in engen Sticklchern,
wenn sie berhaupt zum Schlafen kamen, denn eine ununterbrochene
Arbeitszeit von 18 bis 24, ja 26 Stunden gehrte durchaus nicht zu den
Ausnahmen; die physische Unfhigkeit, die Nadel noch lnger zu fhren,
war die einzige Grenze ihrer Arbeitsleistung. Gingen sie nicht
infolgedessen an Ueberarbeitung zu Grunde,--wie die arme Mary Anne
Walkley, von der Marx erzhlt[408],--so drohte ihnen in der toten Zeit
der Hunger. Fr 4-1/2 sh. wchentlich arbeiteten in den vierziger Jahren
Londoner Kleidernherinnen 16 und mehr Stunden tglich. Und doch waren
sie noch in glnzender Lage im Vergleich zu ihren Kolleginnen, die
Wsche nhten: Fr ein gewhnliches Hemd bekamen sie--1-1/2 pence, fr
elegante Hemden, deren Fertigstellung 18 Stunden Arbeitszeit erforderte,
betrug ihr Lohn 6 pence. Wochenlhne von 2-1/2 bis 3 sh. waren bei
angestrengter Thtigkeit gang und gbe.[409] Aber Thomas Hoods Lied vom
Hemde, das der Not der Arbeiterinnen so ergreifenden Ausdruck gab, galt
nicht nur fr die armseligsten Tchter des reichen England; ihre
Unglcksgefhrten verteilten sich ber die ganze zivilisierte Welt. Mit
Tagelhnen von 20 bis 50 cents sollten nicht weniger als 20000
Arbeiterinnen Bostons ihr Leben bestreiten; dieselbe Zahl von Frauen
lebte in New-York in stndigem Kampf mit Hunger und Pauperismus.[410]
Die Pariser Nherinnen der fnfziger und sechziger Jahre, die, infolge
der hohen Entwicklung der Pariser Konfektion, zu den bestgestellten
gehrten, muten sich mit Lhnen von 40 und 60 c. tglich begngen[411],
whrend, nach Berechnungen jener Zeit, 60 c. ein Minimum allein an
tglicher Nahrung gewhrleisteten.[412] Dabei hatten diese sogenannt
freien Arbeiterinnen, die thatschlich ein weit elenderes Leben fhrten,
als die schwarzen Sklaven Amerikas, fr deren Befreiung eine ganze Welt
sich begeisterte, noch dauernd gegen eine Konkurrenz anzukmpfen, die
groenteils von jenen geschaffen wurde, die sich Wohlthter der Armen
nennen lieen. So ntigten die Armenhuser Londons, deren Insassen
Hemden nhten, die Nherinnen zur Herabsetzung ihrer Preise auf dasselbe
niedrige Niveau und die Klster Frankreichs, in denen Mnnerhemden fr
10 bis 25 c., und Babyausstattungen von 20 Stck fr 1,10 fr.
hergestellt wurden, die im Jahre 1870 allein 150000 Frauen beschftigten
und von denen Jules Simon berichtete, da von 100 Dutzend Hemden, die in
Paris in den Handel kamen, allein 85 Dutzend in den Klstern hergestellt
wurden[413], warfen sie mitleidlos dem Hunger oder der Prostitution in
die Arme.[414] Kein Wunder, da 1866 doppelt so viel Frauen als Mnner
der Armenpflege anheim fielen.

Dieselbe Konkurrenz drckte auch auf die Spitzenindustrie, die durch
Colberts Einflu in Frankreich eine riesige Verbreitung gefunden hatte;
1866 waren 250000 Frauen in ihr beschftigt. Zwanzig Jahre frher sah
Blanqui in Dieppe Arbeiterinnen, die bei fnfzehnstndiger Arbeitszeit
nicht mehr als 52 c. tglich verdienten und in den Vogesen, wo der Wert
der jhrlich produzierten Spitzen auf 3 Millionen Franken berechnet
wurde, betrug ihr hchster Verdienst 80 c.[415]! Noch 1860 konstatierte
Jules Simon, da fr die Herstellung der points d'Alenon, jener
kostbaren Spitzen, bei denen Hunderte von Arbeiterinnen ihr Augenlicht
einbten, 75 c., und fr die wunderbarsten Spitzen Belgiens, die
Brsseler, gar nur 30 c. tglich an Lohn gezahlt wurde.[416] Die
Stickerinnen waren in derselben Lage: Von den ca. 200000, 1866 in
Frankreich beschftigten, verdiente die grte Mehrzahl nicht mehr als
20 bis 30 c. Das Bild jener Arbeiterfamilie von Lille,--Mitte der
vierziger Jahre,--wo der Mann in guten Zeiten 2 frs., die Frau als
Spitzenarbeiterin 10 bis 15 c.(!) tglich verdiente und die vier Kinder
betteln gingen, weil sie, trotz angestrengter Arbeit, bei der
kmmerlichsten Lebenshaltung und einer Behausung 3 m unter dem
Erdboden, allein fr Wohnung und Nahrung 12,75 frs. wchentlich
gebrauchten[417],--drfte fr das Proletariat jener Zeit typisch sein.

Die Fabrikarbeiterinnen waren in keiner wesentlich besseren Lage. In den
dreiiger Jahren betrugen die Frauenlhne in den englischen
Leinenwebereien bei einer zwlf- bis sechzehnstndigen Arbeitszeit 4 bis
5 sh. die Woche, von denen fr Material noch 1 bis 2 sh. abgingen; in
den Baumwollfabriken sanken die Lhne auf 1 bis 4 sh., junge Mdchen
unter sechzehn Jahren verdienten bei zwlfstndiger Arbeitszeit oft
nicht mehr als 4 sh. in drei Wochen![418] In der Periode von 1830 bis
1845 berstieg der Verdienst der franzsischen Fabrikarbeiterinnen
selten 1,60 frs. pro Tag.[419] Die Seidenweberinnen Lyons erreichten bei
vierzehnstndiger Arbeitszeit nur ausnahmsweise einen hheren
Jahresverdienst als 300 frs.[420] Zwar stiegen die Lhne sowohl in der
Wollmanufaktur Frankreichs wie in der Baumwollmanufaktur des Oberelsa
in den dreiiger Jahren von 1840 bis 1870, aber der niedrigste Lohn
betrug auch dann noch l bis 1,25 frs. und der hchste, selten erreichte,
3 frs.[421], und die Steigerung hielt weder Schritt mit der Steigerung
der Wohnungen, der Lebensmittel und sonstigen Bedrfnisse, noch war sie
eine stetig fortschreitende. Alle Krisen, denen die Groindustrie im 19.
Jahrhundert so oft unterworfen war, bedeuteten fr die Arbeiterin Hunger
und Entbehrung. Die geringfgigste Trbung des geschftlichen Horizontes
wurde von den Unternehmern gleich zu Lohnreduktionen ausgenutzt. In den
dreiiger Jahren sanken die Lhne der Weber am Niederrhein bei einer
Arbeitszeit von 1/2-5 Uhr morgens bis in die sinkende Nacht auf 1-1/2
bis 3 Thaler die Woche[422] in den schlimmen Jahren von 1845 bis 1850
waren in Krefeld allein 12000 Personen vollstndig brotlos[423],--von
dem Weberelend in Schlesien gar nicht zu reden! Die groe
wirtschaftliche Krisis, die infolge des Krieges zwischen den Nord- und
Sdstaaten Amerikas ber Europa hereinbrach, steigerte die Not aufs
neue. In Rouen feierten nicht weniger als 40000 Arbeiter, in Belfort
sanken die Frauenlhne bis auf 20 c.[424] Kaum weniger empfindlich fr
die deutschen Arbeiter waren die Jahre nach dem franzsischen Krieg. Die
Einnahmen sanken vielfach um 25 bis 30% und Tausende von Websthlen
gerieten vollstndig in Stillstand.[425]

Aber die industriellen Umwlzungen und die wirtschaftlichen Krisen waren
nicht die einzigen Gefahren, die die Existenz der Arbeiter bedrohten und
untergruben. Der Kapitalismus machte keinen Unterschied zwischen dem
Arbeiter und der Maschine: er verausgabte fr beide nur genau so viel,
als notwendig war, um sie in Bewegung zu erhalten, und wie er jede neue
Errungenschaft der Technik freudig ergriff, wenn sie ihm einen hheren
Profit zusicherte, so war ihm jedes Mittel recht, durch das er aus der
menschlichen Maschine mehr Gewinn herauspressen konnte. Das Trucksystem
war eines dieser Mittel. Der Arbeiter wurde statt mit Geld mit
Nahrungsmitteln entlohnt, deren Preis der Unternehmer willkrlich
stellen konnte. Um die Frauen noch besonders willfhrig zu machen, wurde
auf ihre Eitelkeit spekuliert: an Stelle des baren Verdienstes traten
Schrzen und Bnder, Tcher und Mtzen. Wie oft kam die arme Arbeiterin
am Ende der Woche nach Hause und hatte, trotz angestrengter Arbeit
nichts, um den Hunger ihrer Kinder zu stillen. Vergebens wartete sie auf
die Heimkehr des Mannes--er sa im Kramladen seines Chefs und lie sich
in Branntwein den Lohn auszahlen. Vielleicht brachte er noch einen Laib
Brot nach Hause,--um den doppelten Preis als er ihn von seinem Geld
htte kaufen knnen! Das unverschleierte Trucksystem, d.h. die
Auszahlung des Lohnes durch Waren, war um die Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts berall zu finden. Nach und nach versteckte es sich hinter
den Thren der Kauflden, die der Fabrikherr oder seine Beamten hielten,
und in denen einzukaufen der arme Arbeiter gezwungen war, wenn er die
Entlassung nicht frchten wollte. So verkaufte der Konfektionr wie der
Zwischenmeister den Nherinnen Garn und Seide und zog ihnen durch die
Preise, die er dafr anrechnete, ein Bedeutendes von ihrem so wie so
schon krglichen Lohne ab. So verkauft noch heute der kleine Krmer des
Dorfes, der zugleich der Verleger oder Zwischenhndler der
Hausindustriellen ist, das Material fr ihre Arbeit zu Wucherpreisen an
sie.

Die Folgen dieser Ausbeutung im einzelnen darzustellen, hiee ein Buch
schreiben, dessen Bilder in seiner Grauenhaftigkeit die Phantasie eines
Hllenbreughel weit hinter sich lieen. Blicken wir in die Wohnungen
jener Sklaven der Industrie: In einem Arbeiterviertel Londons, einer
ihrer Hochburgen, hausten 1844 in 1400 kleinen Husern 12000 Personen;
ganze Familien, ja ganze Generationen besaen nur ein kleines Zimmer, in
dem sie lebten und arbeiteten, oft fehlte jede Art von Einrichtung, ein
Haufen Lumpen war das Bett aller. Und doch waren sie noch glcklich zu
nennen, denn nicht weniger als 50000 Menschen besaen berhaupt kein
Obdach; sie drngten sich nachts, soweit es irgend ging, in den
Logierhusern zusammen--Mnner, Weiber, Alte, Junge, Kranke und Gesunde,
Nchterne und Betrunkene, alle durcheinander, zu fnf und sechs in einem
Bett. Nicht anders sah es im Zentrum der Baumwollindustrie, aus dem die
Millionre des Landes herauswuchsen, in Manchester aus. Am Irk, einem
schwarzen, stinkenden Flu voll Schmutz und Unrat, ragten die
Arbeiterkasernen auf; um frchterlich kleine Hfe drngten sie sich,
verruchert, verfallen, oft ohne Thren und Fenster, mit winzigen
Stbchen, die fr zahlreiche Familien kaum zwei Betten fassen konnten;
die meisten enthielten nichts als Strohhaufen.[426] In derselben
Verfassung waren die Arbeiterquartiere in Frankreich. Schmale Straen,
in denen kaum zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, trennten in
Lille die Huser voneinander. In der Mitte befand sich ein stinkender
Rinnstein, der alle Abwsser aufnahm; aus Sparsamkeitsgrnden waren die
Fenster der Zimmer nicht zum Oeffnen eingerichtet und in den
berfllten, nur mit Stroh und Lumpen eingerichteten Rumen herrschte
ein pestilenzialischer Geruch. Greisenhafte Kinder mit geschwollenen
Gliedern, zerfressen von Ungeziefer, starrten mit blden Augen dem
Fremden entgegen, der sich in diese Hlle verirrte.[427] Welch ein Glck
fr sie, da der Tod sie fast immer von der Verdammnis zum Leben
erlste, denn von 21000 Kindern starben 20700 vor dem fnften Jahr![428]
Zwanzig Jahre spter hatten sich die Verhltnisse noch um kein Haar
gebessert![429] In Rouen waren die Zustnde hnlich: Der Eingangsflur
war zugleich offener Kanal fr die Abwsser; Wendeltreppen ohne Licht
und ohne Gelnder fhrten in die oberen Stockwerke.[430] Entsetzlich ist
das Bild, das Villerm von Mlhausen entwirft, wo infolge des raschen
industriellen Aufschwunges auf demselben Raum, den frher 7000 Menschen
innehatten, nun 20000 sich zusammendrngten. Jules Simon sah in Reims
einen feuchten, dunklen, ber einem Kloset befindlichen Raum, den zwei
Arbeiterinnen und ein Ehepaar gemeinsam bewohnten; in Roubaix fand er
einen dunklen Hngeboden ber einem kleinen von sechs Personen bewohnten
Zimmer, in dem eine Arbeiterin mit einem Sugling, der Tags ber im
Bett angebunden wurde, hauste, und einen dunklen Raum unter einer
Treppe, 2 zu 1-1/2 m gro, den eine andere schon 2-1/2 Jahre bewohnte.
Wie gro das Elend war, bewies eine alte Frau, die, auf ihr feuchtes
Kmmerchen zeigend, ausrief: "Ich bin nicht reich, aber ich habe einen
Strohsack, Gott sei Dank!"[431] Wo die Industrie den Fu hinsetzte,
folgte ihr die Not und der Jammer, wie ihr Schatten. So spotteten die
Wohnungsverhltnisse Berlins in den fnfziger Jahren jeder Beschreibung.
Charakteristisch fr sie waren besonders die zahlreichen
Kellerwohnungen, in denen das Wasser oft 1/2 bis 3 Fu hoch stand. Noch
1875 machten sie 10% aller Wohnungen aus; ein einziger solcher
feuchtdunkler Raum war vielfach von einem Ehepaar, Kindern,
Schlafburschen und Schlafmdchen zugleich besetzt.[432]

Kamen die Arbeiter aus ihren elenden Hhlen,--denn der Ausdruck Wohnung
erscheint solchen Behausungen gegenber ganz ungeeignet,--in die
Werkstatt oder in die Fabrik, so fanden sie hier hnliche Zustnde
wieder. Die ersten Fabriken wurden bis tief in die zweite Hlfte des
neunzehnten Jahrhunderts hinein in alten Husern, Klstern und
Schlssern eingerichtet. Die Rume wurden ohne Rcksicht auf
die Sicherheit der Arbeiter auf das uerste ausgenutzt,
soda sich der Einzelne nur mit groer Vorsicht zwischen den
schwingenden Rdern hindurchwinden konnte. Weder Sicherheits-, noch
Ventilationsvorrichtungen waren vorhanden. In der furchtbaren Hitze der
Baumwollspinnereien,--bis zu 37 Celsius,--schlugen die Arbeiterinnen
bis in die fnfziger Jahre die Baumwolle behufs Lockerung und Reinigung
mit Ruten, und atmeten den dichten Staub 14 bis 16 Stunden lang ein. Die
Spinnerinnen standen halbnackt vor den Maschinen, bis zu den Kncheln im
Wasser, das zur Feuchterhaltung des Fadens notwendig war.[433] In den
Seidenspinnereien saen die Frauen selbst im heiesten Sommer zwischen
glhendem Ofen und kochendem Wasser, in das sie immerfort ihre Finger
tauchen muten, was schwere Erkrankungen zur Folge hatte.[434] In
feuchten, halbdunklen Kellern saen die Spitzenarbeiterinnen, weil die
feuchtkalte Luft der Feinheit der Arbeit zu Gute kam. Dabei gab es fr
diese Unglcklichen kaum ein Ausruhen; mitten im Schmutz und Staub
muten sie hastig ihr Essen hinunterschlingen; den Kindern wurde es von
den Aufsehern hufig in den Mund geschoben, damit die Maschine keine
Sekunde still zu stehen brauchte und dem Unternehmer kein Atom Profit
entging.[435] Wohnten sie auerhalb der Fabrikstdte, so hie es frh um
vier schon sich aufmachen, um abends um zehn erst heim zu kehren.[436]
Eine Schar bleicher, magerer Frauen, in Schwei gebadet, ohne schtzende
Hlle, blofig waten sie im Schmutz,--so schildert ein Augenzeuge die
Heimkehrenden,--daneben laufen eine Menge Kinder, nicht minder
schmutzig, nicht minder abgezehrt, bedeckt mit Lumpen, triefend vom Oel
der Maschine, das in der Fabrik dauernd auf sie niedertrufelte.[437]
Kartoffeln und wieder Kartoffeln, im besten Fall etwas Hafermehl oder
ein Stckchen Hering sollen die Krperkrfte aufrecht halten, um sie
tglich aufs neue im Dienst das Kapitals aufzureiben. Und selbst dafr
reicht der karge Lohn kaum aus. Fast alle sind verschuldet, die Zahl der
Pfandleiher, zu denen nur zu oft das letzte Bett wanderte, nahm in allen
Industriezentren erschreckend rasch zu.[438]

Aus der Qual endloser Arbeit, die keinen Sonntag kannte, der die Nacht
nicht heilig war, aus den berfllten, schmutzstarrenden Husern, aus
den Wolken von Staub und glhendem Dampf, der die Fabriken erfllte,
wuchs in riesenhafter Gre jenes hohlugige Gespenst hervor, das von
nun an rastlos, erbarmungslos durch die Straen der Armen schritt und
die Luft mit seinem Hauch vergiftete: die Schwindsucht. Allein in der
Spitzenindustrie Englands kam im Jahre 1852 ein Schwindschtiger auf 45
Arbeiter und zehn Jahr spter schon einer auf acht.[439] Kein Weber
konnte darauf rechnen, das Alter von 25 Jahren zu berleben[440] und
dann schon sah er aus wie ein Greis; von den Kindern der Weber, die
schon im Mutterleibe vergiftet waren, starb die Hlfte vor dem zweiten
Jahr. Sie kannten keine Pflege; schon drei bis vier Tage nach der
Entbindung trieb die Not ihre Mtter zurck in die Fabrik; die Milch,
durch die ihre Kleinen gro und stark htten werden knnen, lief ihnen
bei der Arbeit aus den Brsten![441] Die deutsche Reichserhebung von
1874 erklrte mit einem eigenen Cynismus, da die Arbeiterinnen in den
Zndholzfabriken zwar an Nekrose litten und den Unterkieferknochen ganz
oder teilweise verlren, ihnen das aber gar nichts schadete![442] Sie
konstatierte ferner, da die Atmosphre der Fabriken diejenigen
lungenkrank machen mu, die "Anlage dazu haben".[443] Und wer hatte
diese Anlage nicht?! Die zunehmende krperliche Degenerierung der
arbeitenden Bevlkerung sprach deutlicher als alle Erhebungen es
vermocht htten.

Aber es blieb nicht bei der krperlichen allein. Die Zusammenarbeit der
Geschlechter in glhender Hitze, fast unbekleidet, das fast vllige
Fehlen gesonderter Wasch- und Ankleiderume, die gemeinsame Arbeit von
Mann und Weib in den verschwiegenen, dunklen Gngen der Bergwerke und
der frhe Eintritt der Kinder mitten in dieses Leben und Treiben,
steigerte den ungeregelten Geschlechtsverkehr und verwstete schon die
Unschuld der Kinder. Die Wohnungszustnde untersttzten diese moralische
Degeneration. Nicht nur, da die Geschlechter, die Schlafburschen und
Schlafmdchen und die Kinder regellos in engen Rumen zusammen wohnen
muten, sie wurden von den Unternehmern selbst dazu gedrngt. In
Ziegeleien, bei Bergwerken, zur Landarbeit--berall wurden ihnen elende
Baracken zum Schlafen angewiesen, wo man sie zusammentrieb wie das
Vieh. Weit mehr noch als diese ueren Umstnde, unter denen Mnner und
Frauen gleichmig litten, wirkten die Lohnverhltnisse der weiblichen
Arbeiter auf ihre Sittlichkeit. Sie wurden durch die Bedrfnisse der
verheirateten Frauen, die zum Verdienst des Mannes nur einen Zuschu
brauchten, und der bei den Eltern wohnenden Mdchen, die oft nur fr
ihre Kleidung zu sorgen hatte, bestimmt; die Alleinstehenden waren durch
die bitterste Not gezwungen, sich nach einer andern Ergnzung umzusehen.
Die einen,--die Glcklichsten von ihnen,--hatten keine eigene
Schlafstelle, sie brachten die Nchte bei ihren Liebhabern zu[444], das
Konkubinat verbreitete sich infolgedessen; so kam in Frankreich, wo das
Gesetz es noch dadurch frderte, da es das uneheliche Kind der Mutter
allein zur Last fallen lie, nach einer Enqute der vierziger Jahre in
einer Industrie auf einen verheirateten zwlf im Konkubinat lebende
Arbeiter.[445] Den anderen,--und das waren die Unglcklichsten,--lehrten
Not und Hunger frhzeitig, ihren Krper verkaufen, wie ihre
Arbeitskraft. Jede industrielle Krisis steigerte ihre Zahl. Wie oft
siegten sie im Kampf ums Brot gegen die Konkurrentin um die
Arbeitsstelle nur dadurch, da sie sich dem Herrn oder dem Werkfhrer
preisgaben. Das Fabrikmdchen stand infolgedessen hufig nicht hher im
Ansehen, als die Straendirne.

Das ist der Weg, den die Industriearbeiterin im 19. Jahrhundert hat
gehen mssen. Aus dem Hause vertrieben, um das tgliche Brot gebracht,
glaubte sie in der Fabrik ihre Rettung zu finden. Sie opferte sich auf,
unermdlich Tag fr Tag; endlich, so hoffte sie, sollte die Arbeit
Erlsung bringen, Nahrung, Obdach, Kleidung ihr und ihren Kindern! Sie
war ja so bedrfnislos, sie dachte kaum daran, den Reichen, fr die sie
schaffte, ihren Reichtum zu neiden. Was hatte sie erreicht? Kaum ein
Dach ber dem Haupt, kaum ein Kleid auf dem Leib, kaum das Ntigste, den
Hunger zu stillen, und die drohenden Gespenster,--Not und
Schande,--rastlos auf ihren Fersen.

Warum strmten trotzdem die Frauen in immer wachsender Zahl diesem Elend
zu? Waren sie als Landarbeiterinnen, als Dienstboten nicht in weit
besserer Lage? Das ist oft behauptet worden, obwohl die Thatsachen
dagegen sprechen.

Den ersten klaren Einblick in die Verhltnisse der Landarbeiter
vermittelte die englische Untersuchungskommission im Jahre 1867.[446]
Das Bild, das sie entrollte, war ein schauerliches. Die Mdchen und
Frauen wurden allgemein bei der schwersten und schmutzigsten Arbeit,
z.B. Heu-, Korn- und Dungladen, verwendet.[447] Ihre Arbeitszeit war
grenzenlos und ein Auflehnen dagegen schon deshalb oft ganz unmglich,
weil ihr Dienstgeber zugleich der Landlord war, ebenso wie der deutsche
Gutsbesitzer sehr hufig zugleich Amtsvorsteher ist. Dabei war auch fr
die Wohnung der Landarbeiter in der unzureichendsten Weise gesorgt.
Ganze Familien wohnten nicht nur in halb verfallenen, einzimmerigen
Htten, es wurden ihrer oft zwei und drei zusammengepfercht. An eine
Trennung der Tagelhner beiderlei Geschlechts dachte man kaum; Scheunen
und leere Stlle dienten ihnen nur zu oft zum Aufenthalt und waren der
Ausgangspunkt sittlicher Verwilderung. "Es ist unmglich," sagt die
englische Kommission, "den schdlichen Einflu der Wohnungen nach der
physischen sowohl wie der moralischen, sozialen, konomischen und
intellektuellen Seite hin zu bertreiben."[448] Die traurigste
Erscheinung aber im Leben der englischen Landarbeiter war das
Gangsystem, das darin bestand, da Agenten Scharen von Mdchen und
jungen Mnnern,--den Mdchen wurde brigens immer der Vorzug
gegeben,--mieteten und sie zur Feldarbeit auf eine bestimmte Zeit aufs
Land fhrten. Nicht nur, da die in der Entwicklungszeit sich
befindenden Mdchen durch die harte Arbeit krperlich schwer geschdigt
wurden, frhzeitige geschlechtliche Ausschweifungen ruinierten sie
vollends. Dachte doch keiner der Gutsherren daran, ihnen anstndige
Unterkunft und Beaufsichtigung zu gewhren. Fr ihn waren sie nichts als
billige Arbeitsmaschinen, die ihn im brigen nichts angingen. Natrlich
war die Konkurrenz dieser jungen Leute auch verderblich fr die alten
eingesessenen Tagelhner. Fr den Gutsherrn war es viel billiger und
bequemer, zur Zeit dringender Arbeit ber ein Heer von Arbeitskrften zu
verfgen, die er entlassen konnte, wenn er wollte, als die
Gutstagelhner durch die stille Zeit mit durchfttern zu mssen. Auch
das Gangsystem trieb daher die Tagelhner beiderlei Geschlechts vom
Lande fort in die Stadt.[449] In der Sachsengngerei Deutschlands, deren
erstes Aufkommen gleichfalls mit der Ausbreitung der Industrie
zusammenfllt, haben wir eine hnliche Erscheinung. Auch sie ist
zugleich Folge und Ursache der Landflucht der Arbeiter. Welchen Umfang
diese annahm und wie sie zunimmt, geht z.B. daraus hervor, da in der
Periode 1871 bis 1876 in Frankreich 600000, und 1876 bis 1881 800000
Personen vom Lande in die Industriestdte bersiedelten.[450] In England
verringerte sich die Zahl der Landarbeiter von 1861 auf 1881 um 273000.
Die Maschine spielte auch hierbei eine wichtige Rolle. So machte die
Dreschmaschine nicht nur thatschlich eine Menge Arbeiter berflssig,
sie fhrte auch eine andere Arbeitseinteilung herbei; das Dreschen, eine
frher wochenlang sich hinziehende Arbeit vieler Hnde, wurde jetzt in
krzester Zeit mit wenig menschlicher Hilfskraft erledigt.[451] Fr die
Frauen fiel besonders schwer der Umstand ins Gewicht, da das Spinnen
und Weben, die allgemeine Winterbeschftigung der Landarbeiterinnen,
durch die Konkurrenz der Maschine ihnen entrissen wurde. Die
arbeitslosen Zeiten verlngerten sich daher fr sie mehr und mehr, und
diese wachsende Unsicherheit der Existenz trieb sie in die Stadt, wo sie
sich eher durchschlagen zu knnen glaubten. Hatte doch auch der im
Verhltnis hohe Lohn der Industriearbeiterin viel Verlockendes fr sie.
Eine franzsische Landmagd verdiente Mitte des vorigen Jahrhunderts z.B.
selten mehr als 90 frs. im Jahr und erhielt als Ergnzung vielfach eine
ungengende Kost und Wohnung. Eine Tagelhnerin brachte es nicht ber 60
bis 75 c. tglich.[452] Aber noch andere Schwierigkeiten verbitterten
das Dasein der Landarbeiterinnen: Sie waren soweit abhngig von ihren
Herren, da auch hufig die Eheschlieung ihnen erschwert, wenn nicht
gar unmglich gemacht wurde.

Etwas von dem neuen Geist, der die Arbeiterwelt durchglhte, trugen erst
die Eisenbahnen mit ihrer steigenden Ausdehnung in die fernen Drfer und
Gutshfe. Den Druck der Abhngigkeit fingen die Landarbeiter an nach und
nach zu spren das Bewutsein ihres Sklaventums, die Sehnsucht nach
Freiheit dmmerte in ihnen. Stadt und Freiheit galt ihnen bald als
verwandter Begriff. Je strker das Klassenbewutsein sich in ihnen
regte, desto entschiedener strebten sie vom Lande fort. Das lndliche
Gesinde, meist aus unverheirateten, daher leichter beweglichen jungen
Leuten bestehend, verminderte sich am schnellsten. So kamen in Preuen
auf 100 Personen der Bevlkerung gewerbliches (landwirtschaftliches)
Gesinde:

1819: 8,5
1837: 7,0
1849: 6,9
1852: 6,4
1855: 6,7
1861: 5,7
1871: 3,6.

In Bayern sank die Zahl des landwirtschaftlichen Gesindes von 10,8% im
Jahre 1840 auf 6,6% im Jahre 1882, in Sachsen von 7,5% im Jahre 1861 auf
3,5% im Jahre 1882, in Hessen von 3,17% im Jahre 1861 auf 1,38% im Jahre
1882.[453] Wenn auch der Mangel an lndlichen Arbeitern durchaus keine
neue Erscheinung ist--suchte man ihn doch schon vor fast 300 Jahren
durch die Einfhrung des Gesinde-Zwangsdienstes zu bekmpfen--, in
seiner heutigen Gestalt aber, wo er der Ausdruck des Klassenbewutseins
und nicht nur die sporadische Folge besonders drckender Verhltnisse
ist, kann er als der Beginn ernster sozialer Kmpfe angesehen werden.

Dasselbe gilt fr die Entwicklung der Dienstbotenfrage. Es ist nicht nur
die Thatsache, da die huslichen Arbeiter sich mehr und mehr in
industrielle verwandeln, und die Hauswirtschaft zusammenschrumpft, durch
die die Abnahme der huslichen Dienstboten ihre natrliche Erklrung
findet, denn thatschlich bersteigt die Nachfrage berall das Angebot,
es ist vielmehr das erwachende Selbstgefhl, das die Mdchen vom
Dienstbotenberuf in immer strkerem Mae zurcktreibt. Kaum giebt es
einen Beruf, an dem die Verachtung der Handarbeit im allgemeinen, die
das klassische Altertum aufweist, so unvernderlich haften geblieben
ist, wie an diesem. Kein anderer erinnert aber auch bis in die neueste
Zeit hinein so an die Sklaverei, wie er: Der Arbeiter verkauft hier
nicht seine Arbeitskraft, sondern gewissermaen seine ganze Person, er
steht Tag und Nacht im Dienst und unter Aufsicht des Herrn. Luther gab
seinerzeit nur der allgemein herrschenden Ansicht Ausdruck, wenn er das
Gesinde als eine "Plage von Gott", als die "Allerunwrdigsten", als
"Unflat" und "Madensack" bezeichnet, und die Zuchthaus- und Prgelstrafe
als allein richtige Erziehungsmittel anfhrt.[454] Und der Geist Luthers
spukte weiter in allen Kpfen. Die Klagen ber die schlechten
Dienstboten sind keine Errungenschaften moderner Damenkaffees, Am Anfang
des 19. Jahrhunderts schrieb ein Arzt: "Noch nie war vielleicht eine
Klasse von Menschen bermtiger, trotziger und widerspenstiger als der
grte Teil unserer jetzigen Dienstboten."[455] Ueber Putzsucht und
Unzucht, ber Unredlichkeit und Untreue werden die beweglichsten
Klagelieder angestimmt, den Ursachen dieser Fehler wird entweder gar
nicht nachgeforscht, oder man sucht sie im Mangel an Erziehung und
Religion. Wie diese Auffassung sich durch Jahrhunderte hindurch gleich
geblieben ist, geht aus folgenden Aussprchen hervor: "Bei den
Gesindeschulen," sagt Krnitz[456], "mu man sein Hauptaugenmerk darauf
richten, da man darin frommes und gottesfrchtiges, in der Religion
wohl unterrichtetes Gesinde zu erziehen suche"; und 1873 erklrt v.d.
Goltz: "Die Ursache der sich durch die Jahrhunderte ziemlich gleich
bleibenden Klagen ber die dienende Bevlkerung liegen in der
Unvollkommenheit und Sndhaftigkeit der menschlichen Natur
begrndet."[457] Amalie Holst sieht 1802 die Hauptursache der
Sittenlosigkeit des Gesindes "in dem Mangel einer zweckmigen Erziehung
der niederen Volksklassen,"[458] und Mathilde Weber ist keinen Schritt
weiter gekommen, wenn sie 1886 schreibt: "Die Dienstbotenfrage ist
vielfach ein Produkt der Nichterziehung."[459] Wo solche Ansichten ber
die Ursachen der "Dienstbotennot" herrschten, unter der man nicht die
Not der Dienstboten, sondern die Not der Herrschaften an guten
Dienstboten verstand, konnten auch die Besserungsversuche nur falsche
Wege einschlagen. Keine Befreiung, sondern eine strkere Knechtung war
ihr wesentlicher Inhalt. Das spiegeln die Anfang des 19. Jahrhunderts
entstandenen oder umgewandelten Dienstbotenordnungen ebenso wieder, wie
alle privaten Bestrebungen auf diesem Gebiete. Die Wiederherstellung des
"patriarchalischen Zustandes", jenes Mrchens, das sich die deutschen
Hausfrauen besonders so gern immer wieder als lautere Wahrheit einreden
lassen, wird allseitig als das erwnschteste Ziel betrachtet. Da es die
rechtlichen, sozialen und konomischen Zustnde sind, die einer
Besserung dringend bedrfen, und aus denen sich sowohl die durch sie
gezchteten Eigenschaften der Dienstboten wie ihre Abnahme erklren
lassen, ist bis zum 20. Jahrhundert nur sehr selten jemandem in den Sinn
gekommen.

Der Mangel an Dienstboten wurde immer fhlbarer und sie kehrten nicht
nur ihrem Beruf den Rcken, sondern sie sprachen sich auch, wenn auch
nur sehr schchtern und vereinzelt, ber ihre Lage aus. Im April 1848
fand in Leipzig sogar eine Versammlung weiblicher Dienstboten statt, die
Erhhung der Lhne, bessere Kost und lngere Nachtruhe forderte. Wie es
thatschlich um alle diese Dinge stand, das schilderte 1867 ein
deutscher Autor[460] folgendermaen: "Man giebt ihnen die roheste Kost;
sie mssen zu zwei und drei in Rumen schlafen, die nicht einmal den
Namen einer Kammer verdienen, ja oft zu zwei in einem Bett. Und was das
fr Marterinstrumente, welche Pfhle voll Krankheitsstoff diese sind!
Auerdem, da die Dienstboten nicht allein vom frhen Morgen bis zum
Sonnenuntergang zur Arbeit angehalten werden, knnen die Dienstherren
doch nicht genug kriegen und verlangen darber und immer noch mehr!" Was
die Lage der huslichen Dienstboten aber noch verschrfte, waren die
sittlichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Mehr noch als andere
Arbeiterinnen galten sie dem verrohten Teil der Mnnerwelt, besonders
der gebildeten, fr vogelfrei. 1866 waren in Paris fast die Hlfte der
Frauen in den ffentlichen Entbindungsanstalten Dienstmdchen, und mehr
als die Hlfte der unehelichen Kinder hatten Dienstmdchen zu Mttern.
Wie tief die armen Mdchen sanken, beweist die Thatsache, da zur selben
Zeit unter zehn Prostituierten in Paris sich ein verfhrtes
Dienstmdchen befand und sie den dritten Teil der Kindsmrderinnen in
Frankreich ausmachten.[461]

Die psychologischen, die konomischen und die moralischen Grnde sind
nach alledem stark genug, um die Abnahme der Dienstboten begreiflich
erscheinen zu lassen. Wie sich ihre Zahl im Verhltnis zur Bevlkerung
vernderte, lt sich, abgesehen von den letzten Zhlungen, schwer
feststellen, weil die Erhebungen ungenaue waren, das husliche Gesinde
auch vielfach mit dem landwirtschaftlichen zusammen gerechnet wurde.
Einen annhernden Begriff von der Zu- resp. Abnahme der huslichen
Dienstboten giebt folgende Tabelle.[462]

Auf 100 Personen der Gesamtbevlkerung kamen Dienstboten in

Lnder          | 1811/19 | 1847/49 | 1861/66 | 1871 | 1880 | 1882 | 1885
----------------+---------+---------+---------+------+------+------+------
Preuen         |    0,9  |    1,1  |         |      |      | 3,2  |
Hamburg         |   10,5  |         |  12,1   | 7,5  |  6,3 | 5,7  |  4,8
Oldenburg       |         |         |         | 3,1  |  2,4 |      |  2,5
Sachsen         |         |         |   2,2   |      |      | 2,7  |
Bayern          |         |    0,9  |         |      |      | 1,7  |
Mecklenburg     |         |         |         | 3,6  |      | 2,2  |
Hessen          |         |         |   2,77  | 2,50 |      | 1,94 |
Sachsen -       |         |         |         |      |      |      |
  Altenburg     |         |         |   2,1   |      |      | 1,7  |
Sachsen -       |         |         |         |      |      |      |
  Weimar        |         |         |   2,4   |      |      | 1,5  |
Schwarzburg-    |         |         |         |      |      |      |
  Sondershausen |         |         |   2,0   |      |      | 1,6  |

So unzulnglich und wenig beweiskrftig auch diese Zusammenstellung
ist, so geht doch aus ihr schon hervor, da auch dieser proletarische
Frauenberuf,--der lteste vielleicht, den es berhaupt giebt,--im
letzten Drittel des 19. Jahrhunderts anfing, einer Umwandlung
entgegenzugehen, die sich im weiteren Verlaufe der Zeit immer deutlicher
ausprgt. Die wirtschaftliche und die soziale Entwicklung drngt eben
immer strker dazu, diejenigen Frauenberufe, die frher als die fast
einzigen angesehen wurden und die in mehr oder weniger direkter
Beziehung zum Hause und zur Hauswirtschaft standen, durch andere zu
entwerten und abzulsen.

Als ein ganz moderner Beruf, dessen rapide Ausbreitung in die jngste
Zeit fllt, ist der der Verkuferinnen anzusehen. Whrend die
fachmnnisch vorgebildeten weiblichen Handelsangestellten meist aus
brgerlichen Kreisen stammen, strmen dem Beruf der ungelernten
Verkuferinnen immer mehr Proletariertchter zu. Diese Bewegung begann
schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts, aber es blieb bei vereinzelten
Fllen. Erst als Schichten der Arbeiter sich durch Bildung und hhere
Lebenshaltung, infolge besserer Arbeitsbedingungen, aus den Massen
emporhoben, konnten sie fr ihre Tchter an Stellungen denken, die ein
gewisses Ma von feinerer Lebensart erforderten, und, uerlich
betrachtet, einige Stufen hher standen, als die der Fabrik- oder
Werkstattarbeiterin. Wer nher zusah, bemerkte freilich vor lauter
Schatten kaum mehr das Licht: niedriger Lohn und Ausbeutung bis zum
uersten gingen meist Hand in Hand und das enorm rasche Anwachsen der
Zahl der Verkuferinnen war leider groenteils darauf zurckzufhren,
da sie sich Bedingungen unterwarfen, die jeder Mann mit Entrstung von
sich wies. Sie thaten es nicht nur aus einer gewissen naiven Unkenntnis
dessen, was sie htten beanspruchen knnen, sondern auch im scharfen
Konkurrenzkampf gegen die vielen Mdchen aus dem Mittelstand, die, weil
sie Anschlu an ihre Eltern oder ein eigenes kleines Einkommen hatten,
mit jedem Lohn, der ihnen nur ein Taschengeld war, sich zufrieden gaben.

Die Zunahme der proletarischen Frauenarbeit im 19. Jahrhundert
beschrnkt sich auf die Industrie und den Handel. Sie ist hier wie dort
eine rapide. Fr die Industrie wird sie durch die groartige
Entwicklung der Technik untersttzt, ja vielfach berhaupt erst durch
sie ermglicht. Das wachsende Miverhltnis zwischen dem Einkommen der
Mnner und den Bedrfnissen der Familie trieb die Frauen zur Lohnarbeit;
durch ihren massenhaften Eintritt in das Erwerbsleben bten sie jedoch
wieder einen Druck auf die Lhne aller aus. Sie befinden sich demnach in
einem Zirkel, aus dem ein Entrinnen unmglich scheint.

Die Abnahme der proletarischen Frauenarbeit in der Landwirtschaft und im
Hausdienst ist teils auf konomische Motive,--niedrige Lhne und lange
Arbeitszeit,--teils auf psychologische,--das Freiheits- und
Freudebedrfnis erwachender Individualitten,--zurckzufhren, und bei
oberflchlicher Betrachtung gewinnt man den Eindruck, als sei dem
entstehenden Mangel an Arbeitskrften in beiden Berufsgebieten
ebensowenig abzuhelfen, wie dem Ueberangebot in Handel und Industrie.

Die Erwerbsarbeit der Frauen war schon vor dem 19. Jahrhundert eine
bekannte Erscheinung gewesen, aber sie bewegte sich im groen und ganzen
in den Grenzen des Hauses und dessen, was man unter spezifisch
weiblicher Arbeit verstand. Ihr massenhaftes Heraustreten aus dem Hause,
ihr Zusammenstrmen in den Betrieben der Groindustrie, ihre durch die
Maschine bedingte vernderte Organisation, die die Frau von der Stellung
eines gewissermaen selbstndigen Handwerkers, der seine Arbeit in all
ihren Teilen allein ausfhrte, zur Teilarbeiterin und Bedienerin der
Maschine herabsinken lie, rief eine Umwandlung hervor, die einer
Neuschpfung gleich kam. Die moderne Proletarierin hat mit der
Arbeiterin vergangener Zeiten nicht mehr viel gemein. Und sie hat vieles
vor ihr voraus. Denn die Maschine, die sie in Not und Elend strzte,
hilft ihr auch, sich daraus zu befreien. Ohne sie wre die Frau stets in
ihrer allen Fortschritt hemmenden Vereinzelung geblieben. Durch sie
wurde sie dem Heere der Proletarier eingegliedert, der reiche Strom
ihrer Liebe und ihres Mitempfindens wurde ber den Kreis der Familie
hinausgefhrt; sie lernte leiden mit ihren Arbeitsgenossen, und wird mit
derselben Hingebung auch mit und fr sie kmpfen lernen, mit der sie
einst nur fr ihr eigen Fleisch und Blut gekmpft hat.




5. Die Statistik der proletarischen Frauenarbeit nach den letzten
Zhlungen.


Um ein klares Bild des gegenwrtigen Standes der proletarischen
Frauenarbeit zu gewinnen, gilt es zunchst, ihre Ausbreitung zahlenmig
festzustellen. Diesem Bestreben stellen sich jedoch groe
Schwierigkeiten entgegen: die Erhebungen der verschiedenen Lnder sind,
was ihre grundlegenden Prinzipien sowohl wie die Art ihrer Ausfhrung
betrifft, so abweichend voneinander, da eine Zusammenstellung
internationaler Ergebnisse nicht zu unbedingt richtigen Resultaten
fhren kann. Selbst wenn wir uns im wesentlichen auf Deutschland,
Oesterreich, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten
beschrnken, haben wir es mit ganz ungleichartigen Zhlungen zu thun.
Schon der Begriff der Berufsthtigen berhaupt ist kein feststehender,
Deutschland und Oesterreich zhlen, zum Teil in hohem Mae, die
mithelfenden Familienangehrigen dazu, whrend England z.B. sie
vollstndig ausscheidet. Ferner ist in Frankreich, England und
Nordamerika die erste Voraussetzung einer Zhlung der proletarischen
Arbeit dadurch nicht erfllt, da die soziale Schichtung, d.h. die
Einteilung der Berufsthtigen in Selbstndige, Angestellte, Arbeiter
u.s.w., ganz fehlt oder sehr unzureichend ist. Frankreich, das in den
allerdings ungengenden Zhlungen von 1881 und 1891 die soziale
Schichtung in Unternehmer, Angestellte und Arbeiter vorgenommen hatte,
ist in der Zhlung von 1896 davon abgegangen und hat Angestellte und
Arbeiter unbegreiflicherweise wieder zusammengeworfen, soda sie, trotz
ihrer sonstigen Vorzge, fr unseren Zweck nur mit Einschrnkungen
brauchbar ist. England kennt nur die Einteilung in Arbeitgeber,
Arbeitnehmer und auf eigene Rechnung Arbeitende, und auch diese erst in
der letzten Zhlung von 1891, der von 1881 fehlt fast jede Einteilung,
und nur die groe Detaillierung der Arbeitszweige ermglicht eine
annhernd richtige Feststellung der proletarischen Arbeit. Dasselbe gilt
fr Nordamerika, wo die soziale Schichtung so gut wie vollstndig fehlt
und nur die Ausfhrlichkeit in der Darstellung der einzelnen Berufe
darber hinwegzuhelfen vermag. In Oesterreich, zum Teil auch in
Deutschland, sind die letzte und die vorletzte Zhlung nach so
verschiedenen Prinzipien erfolgt, da auch hier ein Vergleich schwer
ist.

So hat man in Oesterreich neben den Selbstndigen, Angestellten und
Arbeitern eine vierte Schicht, die der Tagelhner geschaffen, die bei
internationalen Vergleichungen sehr strend wirkt, weil sie sich in
dieser Form nirgends wiederfindet. Eine weitere Schwierigkeit besteht
darin, da der Begriff der "Selbstndigen" ein sehr schwankender ist.
Die deutsche Statistik versteht darunter sowohl die Besitzer
landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, als jede Nherin oder Putzmacherin,
die auf eigene Rechnung arbeitet. Die Betriebszhlung hilft diesem
Uebelstande zum Teil ab, und man kann wenigstens mit ihrer Hilfe die
ausgesprochen proletarischen Existenzen aussondern. Unmglich dagegen
ist es in England, wo die Schicht der "auf eigene Rechnung Arbeitenden"
die groe Schneiderin, ebenso wie die arme Nherin umfassen kann; und in
Frankreich wieder hat man die Kleinmeister (petits patrons), die frher
besonders berechnet wurden, in der letzten Zhlung ohne weiteres den
Arbeitern zugezhlt. Ganz abgesehen von all diesen Bedenken in Bezug auf
die einzelnen Lnder, gilt fr alle das gleiche: da nmlich gerade die
proletarische Frauenarbeit in ihrem ganzen Umfang schwer zu erfassen
ist; teils versteckt sie sich in fast unerreichbare Erden- und
Huserwinkel, teils sind die befragten Frauen selbst zu schwerfllig und
unaufgeklrt, um genaue Antworten geben zu knnen. Die folgenden
Tabellen, die auf Grund eines so unzureichenden Materials
zusammengestellt wurden, machen daher nicht den Anspruch, den Stand der
proletarischen Frauenarbeit unbedingt richtig wiederzugeben.

Eine Betrachtung der proletarischen Arbeit im Verhltnis zur
Erwerbsthtigkeit berhaupt giebt den besten Begriff fr ihre Bedeutung.

           |       |        |       ||        |Davon   ||Auf 100 erwerbs-
           |  Zhl |Erwerbs-|Davon  ||Erwerbs-|waren   ||thtige Mnner
           |  ungs-|thtige |waren  ||thtige |Arbeite-||resp. Frauen
Lnder     |periode| Mnner |Arbei- ||Frauen  |rinnen  ||    kamen
           |       |        |ter    ||        |        ||Arbei-|Arbeite-
           |       |        |       ||        |        || ter  | rinnen
-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+--------
           |       |        |       ||        |        ||      |
Deutschland|  1882 |13415415|8020114|| 5541517| 4408116|| 59,78| 79,55
    "      |  1895 |15531841|9295082|| 6578350| 5293277|| 59,85| 80,47
           |       |        |       ||        |        ||      |
Oesterreich|  1880 | 6823891|3670338|| 4688687| 3642864|| 53,79| 77,69
    "      |  1890 | 7780491|4363074|| 6245073| 5310639|| 56,07| 85,04
           |       |        |       ||        |        ||      |
Frankreich |  1881 |10496652|4376604|| 5033604| 3635802|| 41,69| 72,23
    "      |  1891 |11137065|4990635|| 5191084| 3584518|| 43,91| 69,05
           |       |        |       ||        |        ||      |
Verein.    |  1880 |14744943|7053702|| 2647157| 2041466|| 47,84| 77,12
Staaten    |  1890 |18821090|8735622|| 3914571| 2864818|| 46,41| 73,18
           |       |        |       ||        |        ||      |
England u. |       |        |       ||        |        ||      |
Wales      |  1891 | 8883254|5368965|| 4016230| 3113256|| 60,44| 77,51

Zunchst geht aus der Zusammenstellung hervor, da die Frauenarbeit
berhaupt einen ausgesprochen proletarischen Charakter hat: etwa drei
Viertel aller erwerbsthtigen Frauen sind Arbeiterinnen. Wenn das
brigbleibende eine Viertel bisher in der Frauenbewegung allein zu Worte
kam und sich mit seinen Wnschen in den Vordergrund zu drngen
verstand, so ist dies ein Beweis mehr fr die traurige Lage der
Arbeiterinnen: sie bildeten jene groe Armee der Stummen, denen die Not
den Mund verschlo. Fr ihre Zunahme scheint die vorstehende Tabelle
nicht zu sprechen; nur in Deutschland und Oesterreich verschiebt sich
der Anteil der Arbeiterinnen am weiblichen Erwerbsleben zu ihren
Gunsten; in Frankreich und Nordamerika findet ein Rckgang statt, der
sich fr Frankreich sogar in den absoluten Zahlen ausdrckt. Diese
frappierende Thatsache, die uns nur in Frankreich begegnet, wird durch
die Zhlung von 1896 berichtigt, da hier nur eine relative und zwar sehr
geringfgige Abnahme zu konstatieren ist. Da sie jedoch, wie gesagt,
Arbeiter und Angestellte zusammenrechnet, mssen beide Kategorien, um
einen Vergleich zu ermglichen, auch fr 1891 zusammengezhlt werden.
Das Resultat ist folgendes:

           |       |        |       ||        |Davon   ||Auf 100 erwerbs-
           |  Zahl |Erwerbs-|Davon  ||Erwerbs-|waren   ||thtige Mnner
           |  ungs-|thtige |waren  ||thtige |Arbeite-||resp. Frauen
Land       |periode| Mnner |Arbei- || Frauen |rinnen  ||    kamen
           |       |        |ter und||        |und An- ||Arbei-|Arbeite-
           |       |        |Ange-  ||        |gestell-|| ter  | rinnen
           |       |        |stellte||        |te      ||
-----------+-------+--------+-------++--------+--------++------+--------
           |       |        |       ||        |        ||      |
Frankreich | 1891  |11197065|5563898|| 5191084| 3735904|| 49,96|  71,97
     "     | 1896  |11725978|8290204|| 6152983| 4287006|| 70,61|  69,67

Was Amerika betrifft, so wird die Verschiebung in der Zusammensetzung
der Erwerbsthtigen aus brgerlichen und proletarischen Elementen durch
die Zunahme der ersteren, infolge des starken geistigen Aufschwungs und
der erheblich gesteigerten Anteilnahme der Frauen an brgerlichen
Berufen im Laufe des zehnjhrigen Zeitraumes zur Genge erklrt. Aber
noch eine andere Thatsache springt aus der vorliegenden Tabelle ins
Auge: Die enorme Vermehrung der proletarischen Frauenarbeit in
Oesterreich; sie hat um fast zwei Millionen zugenommen und bersteigt
die Zahl der mnnlichen Arbeiter um ca. eine Million--ein nirgends
wiederkehrendes Verhltnis! So wenig Wert, der verschiedenen angewandten
Methoden wegen, auf den Vergleich beider Zhlungsresultate zu legen ist,
so wichtig bleibt das Ergebnis der letzten Zhlung, mit dem wir uns noch
werden beschftigen mssen. Hier sei nur darauf hingewiesen, da es
hauptschlich dem Umstand der starken Erfassung der verheirateten
arbeitenden Frauen entspringt und zweifellos Fehler schwerwiegender Art
mit untergelaufen sind.

Die Frage des Wachstums der proletarischen Arbeit mu aber noch von
anderen Seiten beleuchtet werden, und zwar zunchst im Vergleich mit dem
Wachstum der Bevlkerung:

           |Auf 100 mnn- |Auf 100 weib- |Auf 100      |Auf 100
           |liche Personen|liche Personen|Arbeiter     |Arbeiterinnen
Lnder     |der ersten    |der ersten    |der ersten   |der ersten
           |Zhlungs-     |Zhlungs-     |Zhlungs-    |Zhlungs-
           |periode       |periode       |periode      |periode
           |kommen in der |kommen in der |kommen in der|kommen in der
           |zweiten       |zweiten       | zweiten     |zweiten
-----------+--------------+--------------+-------------+-------------
Deutschland|      115     |      114     |    116      |      120
Oesterreich|      108     |      108     |    119      |      147
Frankreich |      101     |      102     |    114      |       99
Vereinigte |              |              |             |
  Staaten  |      126     |      124     |    124      |      140

Aus vorstehender Berechnung geht hervor, da eine normale Zunahme der
Arbeiter, d.h. eine, die der Zunahme der Bevlkerung entspricht, nur
soweit die Mnner in Betracht kommen und zwar blo in Deutschland und
Nordamerika stattgefunden hat. Die Zunahme der Arbeiterinnen ist berall
eine anormale, sie bersteigt, mit Ausnahme von Frankreich, zum Teil,
und wie in Oesterreich um ein Bedeutendes, die Zunahme der weiblichen
Bevlkerung. In Frankreich ist die Differenz keine sehr groe, ja es
zeigt sich auch hier eine weit strkere Zunahme der weiblichen
Arbeiterschaft, als der weiblichen Bevlkerung, wenn wir der Berechnung
die Zhlungen von 1891 und 1896 zu Grunde legen.

           |Auf 100 mnn- |Auf 100 weib- |Auf 100    |Auf 100 Ar-
           |liche Personen|liche Personen|Arbeiter   |beiterinnen
Land       |der Zhlung   |der Zhlung   |der Zhlung|der Zhlung
           |von 1891 kamen|von 1891 kamen|von 1891   |von 1891
           |1896[463]     |1896          |kamen 1896 |kamen 1896
-----------+--------------+--------------+-----------+-----------
Frankreich |     100      |    100,35    |    151    |    115

Fr England ist es unmglich, den Fortschritt der proletarischen
Frauenarbeit allein festzustellen, weil nur die letzte Zhlung eine
soziale Schichtung kennt. Betrachten wir die gesamte erwerbsthtige
weibliche Bevlkerung ber zehn Jahr in ihrem Verhltnis zur weiblichen
Bevlkerung im allgemeinen, so kann von einer wesentlichen Vermehrung
nicht die Rede sein: 1881 waren von je 100 weiblichen Personen ber zehn
Jahr 34,05 erwerbsthtig, 1891 dagegen 34,42. Aber auch der Prozentsatz
der mnnlichen Erwerbsttigen hat sich nicht verschoben, er betrug in
beiden Zhlungsperioden 83%.[464]

Das Verhltnis der mnnlichen und weiblichen Arbeiter zu einander und
seine Verschiebung im Laufe der Zeit mu gleichfalls einer nheren
Betrachtung unterzogen werden. Folgende Tabelle giebt Aufschlu darber:

Lnder            |Zhlungs-|       |       |Von
                  |periode  |Mnner |Frauen |100 Arbeitern
                  |         |       |       |sind
                  |         |       |       |
                  |         |       |       |Mnner|Frauen
------------------+---------+-------+-------+------+------
Deutschland       |   1882  |8020114|4408116| 64,53| 35,47
     "            |   1895  |9295082|5293277| 63,65| 36,35
Oesterreich       |   1880  |3670338|3642864| 50,19| 49,81
     "            |   1890  |4363074|5310639| 45,10| 54,90
Frankreich[465]   |   1881  |4376604|3635802| 54,62| 45,38
     "            |   1891  |4990635|3584518| 59,36| 40,64
     "            |   1891  |5563898|3735904| 53,44| 46,54
     "            |   1896  |8290204|4287006| 65,86| 34,14
England und Wales |   1881  |   --  |   --  |   -- |   --
   "     "    "   |   1891  |5368965|3113256| 63,30| 36,70
Vereinigte Staaten|   1880  |7053702|2041466| 77,56| 22,44
     "        "   |   1890  |8735622|2864818| 75,30| 24,70

Mit Ausnahme von Frankreich wre der Eindruck eines Zurckdrngens der
Mnner durch die Frauen hiernach der vorherrschende, wenn nicht aus der
Tabelle auf Seite 248 schon hervorgegangen wre, da thatschlich die
Zunahme der mnnlichen Arbeiter mit der Zunahme der Bevlkerung gleichen
Schritt hlt, ja sie zum Teil bersteigt. Es handelt sich also wohl um
eine andere Zusammensetzung, nicht aber um einen Rckgang der mnnlichen
Arbeiter. Interessant ist bei vorliegender Tabelle das Bild, das
Frankreich bietet. Auch nach der neuesten Zhlung scheinen die Frauen
den Mnnern bedeutend nachzustehen. Ein Blick auf die absoluten Zahlen
der mnnlichen Arbeiter bringt die Erklrung dafr: danach sollen die
Angestellten und Arbeiter im Laufe von nur fnf Jahren eine Zunahme von
fast drei Millionen erfahren haben! Das ist, angesichts der minimalen
Zunahme der Bevlkerung, selbst dann eine Unmglichkeit, wenn in
Betracht gezogen wird, da die Zhlung von 1896 die Kleinmeister (petits
patrons) den Arbeitern zugerechnet hat, und es kann als das
Wahrscheinlichste angenommen werden, da die Statistik von 1891 einen
groen Teil der Arbeiter nicht erfate. Ist das der Fall, so wrde die
Zusammensetzung der Arbeiter nach Geschlechtern eine andere werden.

Die starke Zunahme der proletarischen Frauenarbeit wird fast immer mit
einer Verdrngung der Mnnerarbeit in Zusammenhang gebracht. Zum Beweise
dafr beruft man sich auf die oft beobachtete, im vorigen Abschnitt auch
von uns angefhrte Thatsache, da durch die Einfhrung neuer, leichter
zu handhabender Maschinen in gewissen Fabrikationszweigen Frauen an
Stelle der Mnner treten. Ganz abgesehen davon, da es auch Maschinen
giebt,--z.B. die Setzmaschine,--die ihrerseits wieder die Frauenarbeit
verdrngen, zeigt es sich an der Hand der Statistik, da im allgemeinen
von einem Ersatz der Arbeiter durch Arbeiterinnen kaum die Rede sein
kann, es sich vielmehr um Verschiebungen handelt. Die gegenteilige
Behauptung ist auch eines jener auf ungengender Kenntnis der Thatsachen
beruhenden Schlagworte der Frauenbewegung. Folgende Tabelle diene zum
Beweis dafr.[466] Es verblieben nmlich in der Stellung von berufslosen
Familienangehrigen:

Von je 1000 Personen      |   Deutschland   |   Oesterreich
in der Altersklasse       |-----------------+-----------------
                          |mnnlich|weiblich|mnnlich|weiblich
--------------------------+--------+--------+--------+--------
unter 20 Jahr             |  742   |  812   |  655   |  691
von 20-30 Jahr            |   24   |  531   |   28   |  268
 "  30-40  "              |    9   |  743   |   11   |  340
 "  40-50  "              |    7   |  710   |    7   |  304
 "  50-60  "              |   10   |  632   |    8   |  267
 "  60-70  "              |   22   |  553   |   18   |  261
 "  70 Jahr und darber   |  106   |  469   |   54   |  253

Daraus geht hervor, da in den fr die Berufsarbeit entscheidenden
Altersklassen kaum 1% Mnner zum Eintritt in den Erwerb brig bleibt.
Man kann annehmen, da dieses eine Prozent groenteils aus jenen
physisch und moralisch Kranken besteht, die berhaupt von der
Berufsarbeit ausgeschlossen sind, da daher fast alle verfgbaren Mnner
zur Arbeit herangezogen wurden. Anders steht es mit den Frauen. Ihr
Anteil an der Berufsarbeit fllt wesentlich in das 20. bis 30.
Lebensjahr, aber auch hier ist noch fast die Hlfte der Frauen
erwerbslos und diese Erwerbslosigkeit steigert sich erheblich in den
Jahren, wo Mutter- und Hausfrauenpflichten die Frauen in Anspruch
nehmen. Erst in spteren Jahren, zu einer Zeit, wo der Rcktritt der
Mnner in die Reihen der Berufslosen beginnt, wchst wieder, infolge der
groen Zahl von Witwen, der Anteil der Frauen am Erwerbsleben.
Jedenfalls bleiben in allen Altersklassen noch viele erwerbsfhige
Frauen verfgbar, und aus ihren Reihen nimmt besonders die Industrie die
ihr ntigen, aus der Mnnerwelt nicht zu deckenden Arbeitskrfte.
Infolgedessen wird auf absehbare Zeit hinaus die proletarische
Frauenarbeit im Verhltnis strker zunehmen als die Mnnerarbeit, ohne
da diese durch jene gefhrdet wird. Diese Auffassung kann scheinbar
durch den Hinweis auf die groe Zahl der Arbeitslosen entkrftet werden.
Aber nur scheinbar! Denn die Arbeitslosigkeit entspringt wesentlich dem
Saisoncharakter zahlreicher Berufsarten, auch die mangelhafte
Organisation des Arbeitsmarkts spielt dabei eine Rolle, und Mnner und
Frauen werden gleicherweise von ihr heimgesucht.

Die Betrachtung der proletarischen Frauenarbeit verlangt aber auch
ein nheres Eingehen auf ihre Beteiligung an den einzelnen
Berufsabteilungen. Sie gestaltet sich im Verhltnis zu den Mnnern
folgendermaen:

Lnder                   |Zhlungs-|Landwirtschaft
                         |periode  |
                         |         |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern
                         |         |       |       |sind
                         |         |       |       |mnnlich|weiblich
-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
Deutschland              |  1882   |3629959|2251860| 61,71  | 38,29
Deutschland              |  1895   |3239646|2388148| 57,57  | 42,43
Oesterreich              |  1880   |1646317|2088985| 43,70  | 56,30
Oesterreich              |  1890   |1962688|3652445| 34,95  | 65,05
Frankreich (nur Arbeiter)|  1881   |1858131|1542407| 54,67  | 45,33
Frankreich (nur Arbeiter)|  1891   |2120799|1452924| 59,34  | 40,66
Frankreich (Arbeiter u.  |  1891   |2166351|1482772| 59,37  | 40,63
    Angestellte)         |         |       |       |        |
Frankreich (Arbeiter u.  |  1896   |3818509|1487123| 71,97  | 28,03
    Angestellte)         |         |       |       |        |
England und Wales        |  1881   | 807608|  40346| 95,26  |  4,74
England und Wales        |  1891   | 734984|  24150| 96,82  |  3,18
Vereinigte Staaten       |  1880   |2208400| 399309| 84,69  | 15,31
Vereinigte Staaten       |  1890   |2316399| 363544| 86,43  | 13,57

Lnder                   |Zhlungs-|Industrie
                         |periode  |
                         |         |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern
                         |         |       |       |sind
                         |         |       |       |mnnlich|weiblich
-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
Deutschland              |  1882   |3551014| 545229| 86,69  | 13,31
Deutschland              |  1895   |4963409| 992302| 83,35  | 16,65
Oesterreich              |  1880   |1193265| 449746| 72,63  | 27,37
Oesterreich              |  1890   |1558914| 585692| 72,69  | 27,31
Frankreich (nur Arbeiter)|  1881   |1869639|1161960| 61,67  | 38,33
Frankreich (nur Arbeiter)|  1891   |2146156|1173061| 64,72  | 35,28
Frankreich (Arbeiter u.  |  1891   |2262222|1219217| 64,98  | 35,02
    Angestellte)         |         |       |       |        |
Frankreich (Arbeiter u.  |  1896   |3048030|1611078| 65,42  | 34,58
    Angestellte)         |         |       |       |        |
England und Wales        |  1881   |       |       |        |
England und Wales        |  1891   |3926934|1466130| 72,81  | 27,19
Vereinigte Staaten       |  1880   |2878133| 690798| 80,65  | 19,35
Vereinigte Staaten       |  1890   |4236760|1206807| 77,83  | 22,17

Lnder                   |Zhlungs-|Handel und Verkehr
                         |periode  |
                         |         |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern
                         |         |       |       |sind
                         |         |       |       |mnnlich|weiblich
-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
Deutschland              |  1882   | 582885| 144777| 80,11  | 19,89
Deutschland              |  1895   | 868042| 365005| 70,40  | 29,60
Oesterreich              |  1880   | 131043|  31039| 80,86  | 19,14
Oesterreich              |  1890   | 189281|  59246| 76,16  | 23,84
Frankreich (nur Arbeiter)|  1881   | 304605| 119115| 71,89  | 28,11
Frankreich (nur Arbeiter)|  1891   | 497655| 228656| 68,52  | 31,48
Frankreich (Arbeiter u.  |  1891   | 909310| 334038| 73,10  | 26,90
    Angestellte)         |         |       |       |        |
Frankreich (Arbeiter u.  |  1896   |1223919| 527073| 69,90  | 30,10
    Angestellte)         |         |       |       |        |
England und Wales        |  1881   |       |       |        |
England und Wales        |  1891   | 638423|  12556| 98,07  |  1,93
Vereinigte Staaten       |  1880   |  91502|   4803| 95,90  |  4,10
Vereinigte Staaten       |  1890   | 127619|  10027| 92,72  |  7,28

Lnder                   |Zhlungs-|Persnlicher Dienst und
                         |periode  |Lohnarbeit wechselnder Art
                         |         |Mnner |Frauen |Von 100 Arbeitern
                         |         |       |       |sind
                         |         |       |       |mnnlich|weiblich
-------------------------+---------+-------+-------+--------+--------
Deutschland              |  1882   | 213746| 183836| 53,76  | 46,24
Deutschland              |  1895   | 198626| 233865| 45,91  | 54,09
Oesterreich              |  1880   | 495425| 501500| 49,70  | 50,30
Oesterreich              |  1890   | 620301| 588169| 51,23  | 48,77
Frankreich (nur Arbeiter)|  1881   |       |       |        |
Frankreich (nur Arbeiter)|  1891   |       |       |        |
Frankreich (Arbeiter u.  |  1891   |       |       |        |
    Angestellte)         |         |       |       |        |
Frankreich (Arbeiter u.  |  1896   |       |       |        |
    Angestellte)         |         |       |       |        |
England und Wales        |  1881   |   5728|  95826|  5,65  | 94,35
England und Wales        |  1891   |  10097| 124253|  7,50  | 92,50
Vereinigte Staaten       |  1880   |1715733|  70179| 99,60  |  0,40
Vereinigte Staaten       |  1890   |1828265|  53096| 99,72  |  0,28

Lnder                   |Zhlungs-|Husliche Dienstboten
                         |periode  |
                         |         |Mnner|Frauen |Von 100 Arbeitern
                         |         |      |       |sind
                         |         |      |       |mnnlich|weiblich
-------------------------+---------+------+-------+--------+--------
Deutschland              |  1882   | 42510|1282414|  3,20  | 96,80
Deutschland              |  1895   | 25359|1313957|  1,89  | 98,11
Oesterreich              |  1880   |204288| 571594| 26,53  | 73,67
Oesterreich              |  1890   | 31890| 424387|  6,99  | 93,01
Frankreich (nur Arbeiter)|  1881   |344229| 812320| 29,76  | 70,24
Frankreich (nur Arbeiter)|  1891   |226015| 699877| 24,30  | 75,70
Frankreich (Arbeiter u.  |  1891   |226015| 699877| 24,30  | 75,70
    Angestellte)         |         |      |       |        |
Frankreich (Arbeiter u.  |  1896   |199746| 661732| 23,19  | 76,81
    Angestellte)         |         |      |       |        |
England und Wales        |  1881   | 66262|1230406|  5,11  | 94,89
England und Wales        |  1891   | 58527|1386167|  4,06  | 95,94
Vereinigte Staaten       |  1880   |159934| 876377| 15,43  | 84,57
Vereinigte Staaten       |  1890   |226679|1231344| 15,50  | 84,50

Es zeigt sich dabei, da in der Landwirtschaft die Frauenarbeit, mit
Ausnahme von Deutschland und Oesterreich, wesentlich abgenommen hat,
eine Abnahme, die sich fr England und Amerika auch in den absoluten
Zahlen ausdrckt. In der Industrie ist ihre Zunahme in Deutschland und
Amerika eine raschere als die Mnnerarbeit, whrend sie in Oesterreich
und Frankreich von dieser berrannt wird, obwohl eine absolute Zunahme
stattfand. Ganz bedeutend rascher wchst dagegen die Frauenarbeit im
Handel und Verkehr und zwar gilt das fr alle Lnder. Fr die Lohnarbeit
wechselnder Art hat berall eine Verschiebung zu Gunsten der Mnner
stattgefunden, die sich in Amerika sogar auf die absoluten Zahlen
erstreckt. Die weiblichen Dienstboten dagegen haben, mit Ausnahme von
Amerika, rascher zugenommen als die mnnlichen, die, wieder mit Ausnahme
von Amerika, berall an Zahl bedeutend zurckgingen. Eine absolute
Verminderung fand in Oesterreich und Frankreich auch fr die weiblichen
Dienstboten statt. Diese Darstellung illustriert aber noch nicht genau
genug die Gestaltung der proletarischen Arbeit in den einzelnen
Berufsabteilungen. Das prozentuale Verhltnis des Wachstums zeigt am
besten die Tabelle.

Zunahme resp. Abnahme der Arbeiter und Arbeiterinnen.

               |   Landwirtschaft  |     Industrie     | Handel und Verkehr
               |                   |                   |
               |-------------------+-------------------+-------------------
               |                              Auf 100
Lnder         |-------------------+-------------------+-------------------
               |mnnliche|weibliche|mnnliche|weibliche|mnnliche|weibliche
               |-----------------------------------------------------------
               | Arbeiter der ersten Zhlungsperiode kommen in der zweiten
---------------+---------+---------+---------+---------+---------+---------
Deutschland    |         |         |         |         |         |
  1882 bis 1890|    89   |   106   |   140   |   182   |   149   |   253
Oesterreich    |         |         |         |         |         |
  1880 bis 1890|   119   |   175   |   131   |   130   |   144   |   191
Frankreich     |         |         |         |         |         |
  1881 bis 1891|   114   |    94   |   116   |   101   |   163   |   192
Frankreich     |         |         |         |         |         |
  1891 bis 1896|   176   | 100 3/10|   135   |   132   |   134   |   158
Vereinigte     |         |         |         |         |         |
  Staaten      |         |         |         |         |         |
  1880 bis 1890|   105   |    92   |   113   |   176   |   139   |   209

               |Lohnarbeit         |
               |wechselnder Art    |   Dienstboten
               |-------------------+-------------------
               |                 Auf 100
Lnder         |-------------------+-------------------
               |mnnliche|weibliche|mnnliche|weibliche
               |---------------------------------------
               | Arbeiter der ersten Zhlungsperiode
               | kommen in der zweiten
---------------+---------+---------+---------+---------
Deutschland    |         |         |         |
  1882 bis 1890|   108   |   127   |    60   |   103
Oesterreich    |         |         |         |
  1880 bis 1890|   125   |   117   |    16   |    72
Frankreich     |         |         |         |
  1881 bis 1891|    --   |    --   |    66   |    86
Frankreich     |         |         |         |
  1891 bis 1896|    --   |    --   |    87   |    95
Vereinigte     |         |         |         |
  Staaten      |         |         |         |
  1880 bis 1890|   106   |    76   |   142   |   141

Vergleichen wir diese Tabelle mit dem Wachstum der Bevlkerung, wie die
Tabelle es wiedergiebt, so zeigt es sich, da die proletarische
Frauenarbeit in Industrie und Handel berall bedeutend rascher
zugenommen hat als die Bevlkerung, da die Landarbeiterinnen und die
Dienstboten dagegen eine starke Abnahme zeigen, oder zum mindesten weit
hinter dem prozentualen Wachstum der Bevlkerung zurckblieben. Die
verschiedenartige Zusammensetzung innerhalb der weiblichen
Arbeiterschaft whrend der letzten und der vorletzten Zhlungsperiode
giebt einen noch drastischeren Beweis dafr:

           |         |   Von 100 Arbeiterinnen waren beschftigt in
           |         |-------------------------------------------------
           |         |          |         |Handel |          |Husliche
   Lnder  |Zhlungs-|   Land-  |         |  und  |Lohnarbeit| Dienst-
           | periode |wirtschaft|Industrie|Verkehr|wechs. Art|  boten
-----------+---------+----------+---------+-------+----------+---------
Deutschland|  1882   |   51,08  |   12,37 |  3,29 |   4,17   |  29,09
     "     |  1895   |   45,16  |   18,70 |  6,90 |   4,42   |  24,82
Oesterreich|  1880   |   57,34  |   12,35 |  0,85 |  13,77   |  15,69
     "     |  1890   |   68,78  |   11,03 |  1,12 |  11,08   |   7,99
Frankreich |  1891   |   39,69  |   32,64 |  8,94 |    --    |  18,73
     "     |  1896   |   34,69  |   37,58 | 12,29 |    --    |  15,44
Vereinigte |  1880   |   19,56  |   32,84 |  0,24 |   3,44   |  42,92
  Staaten  |  1890   |   12,69  |   42,13 |  0,35 |   1,85   |  42,98

Die Verschiebung geht danach fast durchweg zu Gunsten der
Handelsangestellten und der Industriearbeiterinnen vor sich.

In Bezug auf diese ist es nicht ohne Interesse, die Zhlungen der
Gewerbeaufsichtsbeamten zu Hilfe zu nehmen, obwohl sie immer nur einen
beschrnkten Kreis von Arbeitern umfassen. Nach den Berichten der
deutschen Inspektoren hat sich die Zunahme der Industriearbeiterinnen
folgendermaen gestaltet:[467]

         |  Weibliche Arbeiter
         |
Zhlungs-|-------------------------
periode  |absolute |    Zunahme
         |Zahl     |---------------
         |         |absolut|Prozent
---------+---------+-------+-------
  1895   |  739 755|       |
  1896   |  781 882| 41,127| 5,7
  1897   |  822 462| 40,580| 5,2
  1898   |  859 203| 36,741| 4,5
  1899   |  884 239| 35,036| 4,1

Wir sehen daraus, da zwar die Zunahme alljhrlich eine sehr starke ist,
da sie aber von Jahr zu Jahr an Intensitt abnimmt. Ein Schlu auf eine
rasche Zunahme der mnnlichen Arbeiter lt sich daraus nicht ziehen,
obwohl ein Vergleich aus Mangel an statistischem Material nicht mglich
ist. Die Wahrscheinlichkeit aber spricht dafr, da auch das Tempo des
Wachstums der mnnlichen Arbeiter sich verlangsamt hat, weil die
industrielle Entwicklung gleichfalls ruhiger vorschreitet. Die
entsprechenden Zahlen fr Frankreich,--so vorsichtig sie auch wegen der
mangelhaften Berichterstattung aufgenommen werden mssen,--sind
besonders merkwrdig. Es zeigt sich nmlich, wie nachstehende Tabelle
angiebt, da dem starken Wachstum von 15% zwischen 1894 und 1896 in den
nchsten zwei Jahren ein empfindlicher Rckschlag folgte:

         |   Weibliche Arbeiter     |    Mnnliche Arbeiter
         |--------------------------+--------------------------
Zhlungs-|absolute Zu- resp. Abnahme|absolute Zu- resp. Abnahme
periode  |--------------------------+--------------------------
         |  Zahl  |absolut | Prozent|  Zahl  |absolut | Prozent
---------+--------+--------+--------+--------+--------+--------
  1894   | 732760 |        |        | 1722183|        |
  1896   | 844911 | 112,151|  15,9  | 1828403| 106,220|   6,2
  1898   | 812591 | -32,320|  -3,9  | 1820979|  -7,424|   0,4

Es zeigt sich aber auch, da fr die Mnner, wenn auch nicht in genau
demselben Ma, doch das gleiche gilt.[468]

Die proletarische Frauenarbeit wird nun aber keineswegs allein durch
die soziale Schicht der Arbeiterinnen erschpft. Es giebt zweifellos
auch unter den Selbstndigen eine groe Zahl proletarischer Existenzen,
die sich allerdings nur an der Hand einer eingehenden Betriebs- und
Gewerbezhlung annhernd feststellen lassen und diese liegt nur fr
Deutschland vor.[469] Wir mssen daher hierbei auf internationale
Vergleichungen ganz verzichten. Wir knnen aber auch in Deutschland die
Proletarier unter den Selbstndigen nicht vllig erfassen, weil die
Einteilung der Betriebe nach ihren Grenklassen uns daran verhindert:
Sie werden nmlich nur in Alleinbetriebe und Betriebe von 2 bis 5, 6 bis
20, 21 und mehr Personen eingeteilt. Fr unsere Zwecke mssen wir daher
bei den Alleinbetrieben stehen bleiben, whrend Betriebe mit 2 Personen
zweifellos noch einen proletarischen Charakter tragen. Um von der
Verteilung, der Zu- resp. Abnahme der Frauen in den Alleinbetrieben ein
klares Bild zu bekommen, mu die Zahl der Frauen in den
Gehilfenbetrieben ihnen gegenbergestellt werden, wie es in folgender
Tabelle geschieht:

Gewerbearten          |  Frauen | Ihre Zu-|Frauen in|Ihre Zu-
                      |in Allein|resp. Ab-|Gehilfen-|resp. Ab-
                      |betrieben|  nahme  |betrieben| nahme
                      |   1895  |seit 1882|   1895  |seit 1882
----------------------+---------+---------+---------+----------
Grtnerei, Tierzucht  |         |         |         |
  und Fischerei       |     708 |     285 |   17998 |   10505
Industrie, Bergbau,   |         |         |         |
  Baugewerbe          |  443333 |  -87753 | 1114986 |  479030
Handel, Verkehr, Gast-|         |         |         |
  und Schankwirtschaft|  145165 |   42500 |  617115 |  385591

Wir sehen daraus, da die weiblichen Leiter von Alleinbetrieben nur in
der Industrie erheblich abgenommen haben, ein Umstand, der, wie wir aus
der Zunahme der Arbeiter in den Gehilfenbetrieben sehen, nur auf die
Verschiebung zu Gunsten des Mittel- und Grobetriebs zurckzufhren ist.
Eine Betrachtung der Gewerbearten, in denen das weibliche Geschlecht
besonders stark vertreten ist, erlutert das Gesagte noch deutlicher:

Gewerbearten           |Frauen in|Zu- resp.||Frauen in|Zu- resp.
                       |Allein-  |Abnahme  ||Gehilfen-|Abnahme
                       |betrieben|         ||betrieben|
-----------------------+---------+---------++---------+---------
Strickerei und Wirkerei|   15472 |  -2324  ||  28164  | 14950
Hkelei und Stickerei  |    6178 |   -336  ||   6049  |  3413
Spitzen-Verfert.,      |         |         ||         |
  Weizeugstickerei    |    7802 |  -8737  ||  11532  |  7017
Nherei                |  185716 | -58183  ||  28078  |  3848
Schneiderei            |   89250 |  35227  ||  84350  | 46746
Kleider- und           |         |         ||         |
  Wschekonfektion     |     585 |  -3886  ||  35409  | 15946
Putzmacherei,          |         |         ||         |
  knstl. Blumen       |   12429 |  -1150  ||  28874  | 11213
Handschuh, Kravatten,  |         |         ||         |
  Hosentrger          |    3995 |  -4109  ||   7760  |  1754
Wscherei, Pltterei   |   66029 | -17662  ||  27687  | 14057

Die Abnahme in den Alleinbetrieben wird fast berall durch die Zunahme
in den Gehilfenbetrieben mehr als wett gemacht. Trotz dieser
Konstellation, die im Interesse des Fortschritts wie in dem der Frauen
selbst liegt, ist die Zahl der alleinstehenden Selbstndigen immer noch
eine auerordentlich hohe, wie aus folgender Tabelle hervorgeht:

                                |Von 100      |Von 100
Gewerbearten                    |selbstndigen|selbstndigen
                                |Frauen sind  |Mnnern sind
--------------------------------+-------------+-------------
Inhaber von Alleinbetrieben     |     84,4    |     50,0
  "      "  Gehilfenbetrieben   |     15,6    |     50,0
  "     mit bis zu 5 Personen   |     13,9    |     40,5
  "      "  6-20 Personen       |      1,5    |      6,9
  "      "  21 und mehr Personen|      0,2    |      2,6

Aus diesen Ziffern ist die gedrckte Lage der erwerbthtigen Frauen mit
aller Deutlichkeit zu ersehen: Fast alle selbstndigen Frauen arbeiten
allein, d.h. sie sind fast ausnahmslos Proletarierinnen. Das zeigt sich
noch deutlicher, wenn wir ins Auge fassen, da, whrend die mnnlichen
Alleinmeister sich auf viele Gewerbe verteilen und hufig die Stellung
kleiner Handwerker einnehmen, bei den Frauen davon kaum die Rede ist.
Ueber ein Fnftel von ihnen finden wir in der Hausindustrie, zwei
Fnftel in der Bekleidung und Reinigung, 18,8% im Handel, 11,3% in der
Textilindustrie, 4,8% in der Gast- und Schankwirtschaft, 3,4 % in
sonstigen Gewerben. Diese noch dazu auf so wenige Gewerbe sich
konzentrierende Vereinzelung der Frauen ist ein schweres Hindernis auf
dem Wege zu besseren Arbeitsbedingungen.

In der Landwirtschaft ist das uere Bild ein hnliches. Rechnen wir die
Selbstndigen, soweit sie ein Areal von unter 2 bis 5 ha bewirtschaften,
zu den Proletariern, so sind von den selbstndigen Landwirtinnen nicht
weniger als drei Viertel Arbeiterinnen in unserm Sinne. Nachstehende
Tabelle giebt die genaueren Zahlen:

Areal          |Selbstndige in der Landwirtschaft  |Von je
               |------------------------------------|100 Selb-
               |     Absolut     |   in Prozenten   |stndigen
               |                 |                  |sind
               | Mnner | Frauen | Mnner |  Frauen |weiblich
---------------+--------+--------+--------+---------+---------
unter 2  ha    | 248209 | 177088 | 15,96  |  52,24  | 33,71
2 bis 5  "     | 604562 |  74565 | 27,70  |  22,00  | 10,98
5  " 10  "     | 501482 |  40059 | 22,98  |  11,82  |  7,40
10 " 50  "     | 636275 |  41167 | 29,15  |  12,14  |  6,08
50 " 100 "     |  62920 |   4182 |  2,88  |   1,23  |  6,23
100 und mehr ha|  28921 |   1918 |  1,33  |   0,57  |  6,21

Ueber die Zu- resp. Abnahme lt sich leider nichts Genaueres, nach
Geschlechtern gesondert, feststellen. Im allgemeinen aber kann, obwohl
ein schwacher Rckgang der betreffenden Betriebe stattfand,--von 76,63%
auf 76,51%,--angenommen werden, da wenigstens die Zahl der
selbstndigen Inhaberinnen von Zwergbetrieben zugenommen hat; man kann
darunter nmlich meist solche Frauen verstehen, die an den Grenzen der
Industriestdte sogenannte "Lauben" besitzen, und hier im kleinsten Ma
Gemse, Blumen und Obst ziehen. Im Gegensatz zur Industrie, wre diese
Vermehrung von Alleinbetrieben freudig zu begren, weil sie der
Gesundheit der Frauen und Kinder zu Gute kommt. Auch im Handel, wo die
von Frauen geleiteten Alleinbetriebe um 41% zugenommen, die von Mnnern
geleiteten dagegen um 5% abgenommen haben, sind die Folgen keine
schdlichen, die Ursachen aber sind dieselben, wie die fr die steigende
Erwerbsthtigkeit der Frauen berhaupt: Not, und die durch die
Ertrgnisse des mnnlichen Erwerbs nicht zu deckenden gesteigerten
Bedrfnisse.

Wie sehr die Thatsache, da das Haupt der Familie sie nicht allein
ernhren kann, ins Gewicht fllt, beweist ein Blick auf eine andere
Seite der Frauenarbeit: die Zahl der mithelfenden Familienangehrigen.
Sie fr alle Berufsabteilungen festgestellt zu haben, ist bisher allein
das Verdienst der deutschen Berufsstatistik von 1895. Das Ergebnis ist,
da, whrend fast smtliche mnnliche Arbeiter,--99,2%,--Berufsarbeiter
sind, von den weiblichen mehr als ein Fnftel zu den helfenden
Familiengliedern gehren. Das genauere Verhltnis ist, auch unter
Bezugnahme auf die Gre der Betriebe, dieses:

              || Von  100 berufsmigen   ||Von  100 mithelfenden
              || Arbeitern sind weiblich  ||Familienangehrigen
              || in Betrieben             ||sind weiblich in Betrieben
Berufsarten   ||--------------------------||---------------------------
              ||bis 5   |6 bis 20|ber 20 ||bis 5    |6 bis 20|ber 20
              ||Personen|Personen|Personen||Personen |Personen|Personen
--------------++--------+--------+--------++---------+--------+--------
Landwirtschaft||  14,3  |  25,6  |  19,9  ||  76,5   |  85,6  |  85,7
Industrie     ||   9,8  |  15,2  |  19,9  ||  84,4   |  77,9  |  44,2
Handel und    ||        |        |        ||         |        |
  Verkehr     ||  44,0  |  34,0  |  20,2  ||  92,9   |  85,9  |  79,7
--------------++--------+--------+--------++---------+--------+--------
   im ganzen  ||  18,9  |  19,5  |  20,0  ||  90,2   |  82,0  |  56,0

Die Lehre, die sich aus dieser Tabelle ziehen lt, ist auerordentlich
wichtig fr die Erkenntnis der proletarischen Frauenarbeit und dessen,
was ihr Not thut, will man sie aus ihrer untergeordneten Stellung
emporheben: in den kleinen Betrieben finden sich die wenigsten
berufsmigen Arbeiterinnen,--besonders hervorstechend ist das
Verhltnis in der Industrie,--und fast alle mithelfenden
Familienangehrigen sind hier Frauen. Demnach bedeutet die Entwicklung
des Grobetriebs eine Frderung der berufsmigen proletarischen
Frauenarbeit, der jetzt noch, und zwar wesentlich in den Kleinbetrieben,
eine groe Zahl mithelfender weiblicher Familienmitglieder gegenber
steht. Gegenber in jedem Sinn: denn diese in und durch die Familie
ausgebeuteten Krfte sind die natrlichen Feinde der aufstrebenden
weiblichen Arbeiterschaft, sie helfen den Kleinbetrieb erhalten, und
hindern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ebenso wie die Erhhung
der weiblichen Arbeitsleistung, weil sie, statt ganz auf sich angewiesen
zu sein, an der Familie einen Rckhalt haben.

Als allgemeine Ergebnisse unserer bisherigen Berechnungen lt sich
feststellen, da die proletarische Frauenarbeit im allgemeinen in
rascherem Tempo zugenommen hat, als die Mnnerarbeit und viel schneller
gewachsen ist, als die weibliche Bevlkerung. Nur in Zeiten
wirtschaftlichen Niedergangs kann von einem Verdrngen der mnnlichen
Arbeiter die Rede sein. Unter normalen Verhltnissen zeigt sich dagegen,
da durch die Entwicklung der proletarischen Arbeitsgelegenheiten,
besonders in der Industrie, die mnnlichen Arbeitskrfte groenteils
erschpft wurden und die Heranziehung weiblicher unausbleiblich ist. Sie
erfolgt in um so strkerem Mae, als Frauen zur Verfgung stehen. Bis
jetzt allerdings bedeutet dieses Nachrcken der weiblichen Reservearmee
zugleich ein Einrcken in untergeordnete Stellungen und Betriebsarten.
Eine wirtschaftliche Entwicklung in nur annhernd hnlichem Tempo wie
die jetzige vorausgesetzt, ist aber nicht nur auf ein weiteres
numerisches Wachstum der Frauenarbeit, sondern auch auf ihr Emporsteigen
zu hherem wirtschaftlichen Wert zu rechnen. Das Wachstum an sich ist
als nichts Unnatrliches anzusehen oder zu beklagen, es liegt vielmehr
durchaus auf dem Wege normaler Evolution. Die schweren Schden, die sie
mit sich bringt, sind nicht die Folgen der Frauenarbeit berhaupt,
sondern vielmehr die Folgen der Arbeitsorganisation und der
Arbeitsbedingungen.

Aber nicht nur die Frage des Wachstums der Frauenarbeit und ihrer
Position innerhalb der allgemeinen proletarischen Arbeit bedurfte
eingehender Errterung, auch ihre Verteilung auf die Berufsarten ist von
ganz besonderem Interesse, und zwar wesentlich im Hinblick auf die
Industrie. Folgende Zusammenstellung derjenigen Berufsarten, in denen
die meisten Frauen beschftigt sind, giebt Aufschlu darber:

Die wichtigsten Frauenberufe in der Industrie.[470]

                 | Deutschland | Oesterreich |   England u. |  Vereingte   |  Frankreich  |    Belgien
                 |             |             |     Wales    |   Staaten    |              |
                 +-------------+-------------+--------------+--------------+--------------+-------------
                 |      |Von   |      |Von   |       |Von   |       |Von   |       |Von   |      |Von
                 |      |100   |      |100   |       |100   |       |100   |       |100   |      |100
                 |      |Ar-   |      |Ar-   |       |Ar-   |       |Ar-   |       |Ar-   |      |Ar-
                 |      |beit- |      |beit- |       |beit- |       |beit- |       |beit- |      |beit-
                 |      |ern   |      |ern   |       |ern   |       |ern   |       |ern   |      |ern
Gewerbearten     |      |bei-  |      |bei-  |       |bei-  |       |bei-  |       |bei-  |      |bei-
                 |      |derlei|      |derlei|       |derlei|       |derlei|       |derlei|      |derlei
                 |Zahl  |Ge-   |Zahl  |Ge-   |Zahl   |Ge-   |Zahl   |Ge-   |Zahl   |Ge-   |Zahl  |Ge-
                 |der   |schle-|der   |schle-|der    |schle-|der    |schle-|der    |schle-|der   |schle-
                 |Ar-   |chts  |Ar-   |chts  |Ar-    |chts  |Ar-    |chts  |Ar-    |chts  |Ar-   |chts
                 |beite-|sind  |beite-|sind  |beite- |sind  |beite- |sind  |beite- |sind  |beite-|sind
                 |rinnen|weibl.|rinnen|weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen |weibl.|rinnen|weibl.
-----------------+------+------+------+------+-------+------+-------+------+-------+------+------+------
Kleider- und     |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Wschekonfektion| 27453| 83,38| 59923| 93,58|  38812| 95,83| 304303| 98,08|\      |\     |\     |\
Schneiderinnen   | 61480| 31,66|\43678|\35,72|  82667| 48,89|  63809| 34,42|}      |}     |}     |}
Nherinnen       | 97979|100,00|/     |/     |\      |\     | 146043| 97,33|}      |}     |}44324|}66,06
Putzmacherinnen  | 16517| 98,33|  7388| 89,04|}257408|}98,80|  60087| 99,35|}      |}     |}     |}
Korsettnherinnen|  5663| 88,80|   -- |  --  |/      |/     |   5800| 88,78|}      |}     |/     |/
Handschuh-,      |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |      |
 Kravatten- und  |      |      |      |      |       |      |       |      |}976161|}88,50|      |
 Hosentrger-    |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |      |
 fabrikation     |  6428| 54,45|  7863| 63,26|   9007| 78,50|   8675| 57,28|}      |}     |  3043| 52,20
Hutfabrikation   |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |      |
 und Krschnerei |  7659| 31,24|  5070| 30,28|  16392| 45,74|   6694| 23,71|}      |}     |  1052| 23,88
Blumen- und      |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |      |
 Federn-         |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |      |
 fabrikation     |  8227| 87,32|   -- |  --  |   6174| 88,76|   2543| 83,48|/      |/     |   -- | --
Schuhfabrikation | 11537|  7,03|  8774|  6,54|  43671| 22,93|  33677| 15,77|   --  |   -- |  3154| 11,76
Stroh-, Bast- und|      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Holzflechterei, |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Strohhte       |  7297| 32,50|   -- |  --  |  11227| 54,58|   2423| 66,09|   --  |   -- |   -- |  --
Spitzen-         |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 fabrikation,    |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Stickerei und   |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Hkelei         | 12376| 70,34| 18030| 75,35|   6945| 87,57|   4435| 84,38|\      |\     |\     |\
Strickerei und   |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |}     |}
 Wirkerei        | 25325| 54,59|  8639| 62,35|  29111| 63,29|  20810| 70,40|}      |}     |}     |}
Posamenten-      |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |}     |}
 fabrikation     |  9974| 52,07|  5001| 67,72|  19634| 62,47|   --  |  --  |}      |}     |}95944|}62,80
Spinnerei,       |      |      |      |      |       |      |       |      |}483393|}52,18|}     |}
 Hechelei,       |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |}     |}
 Haspelei        |103350| 59,76| 31586| 55,46|\540832|\59,82|\202848|\49,72|}      |}     |}     |}
Weberei          |175918| 48,47|116034| 43,01|/      |/     |/      |/     |}      |}     |/     |/
Frberei und     |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |      |
 Bleicherei      | 22551| 29,96|  4494| 23,60|   5167| 11,75|   3246| 15,52|/      |/     |  1285| 21,88
Gummi-,          |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Guttapercha-,   |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 und Kautschuk-  |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 fabrikation     |  3532| 29,31|   308| 35,16|   4112| 40,22|   6456| 39,95|\      |\     |   306| 53,11
Buchbinderei     |      |      |      |      |       |      |       |      |} 23370|}35,76|      |
 und Kartonage   | 15010| 32,22|  3242| 33,70|  30234| 71,15|  24603| 59,11|}      |}     |   -- |  --
Papierfabrikation| 22352| 33,70|  6362| 40,12|  13101| 39,79|   2961| 13,57|/      |/     |  3043| 35,60
Setzer, Drucker, |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Lithographen und|      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Schriftgieer   | 13071| 13,93|  1966| 15,72|   4737|  5,46|  12054| 10,32|  14720| 19,58|   745|  7,30
Bcker und       |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Konditoren      | 23740| 14,10|  6617|  9,40|  26358| 28,56|   7961| 23,57|\      |\     |  228 |  2,15
Herstellung      |      |      |      |      |       |      |       |      |}      |}     |      |
 vegetabilischer |      |      |      |      |       |      |       |      |} 43795|}13.98|      |
 Nahrungsmittel  | 13142| 28,60|  7916| 27,54|   5228|  5,36|\      |\     |}      |}     |   -- |  --
Animalische      |      |      |      |      |       |      |}  2130|}10,12|}      |}     |      |
 Nahrungsmittel  | 18140| 15,20|  6192| 12,36|  26022| 29,54|/      |/     |/      |/     |   -- |  --
Tabakfabrikation | 65286| 53,75| 16985| 89,01|  12574| 60,41|  27997| 25,08|   --  |  --  |  7710| 33,83
Ziegelei,        |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Thonrhren-     |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 fabrikation     | 12925|  7,45|  7785| 68,10|   2601|  6,27|    144|  0,24|   --  |  --  |\     |\
Steingut-,       |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |} 1176|}19,90
 Porzellan-      |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |}     |}
 fabrikation     | 11204| 27,22|  4552| 31,47|  21679| 39,28|    -- |   -- |   --  |  --  |/     |/
Glasblserei     |  5095| 12,12| 11882| 32,57|   2086|  8,80|   1710|  0,50|   --  |  --  |  3174| 11,20
Verarbeitung     |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 edler Metalle   |  9737| 30,55|  1222| 14,81|   3156| 16,54|   3349| 16,53|   7209| 31,95|   -- |  --
Zinnwaren-       |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 fabrikation     |  7027| 13,48|   106| 20,78|   6466| 15,10|    899|  1,62|   --  |  --  |   -- |  --
Ngelfabrikation |  1685| 12,78|  1152| 16,36|   4690| 50,52|    477| 10,41|   --  |  --  |   -- |  --
Nh- und         |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Stecknadeln,    |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Stahlfedern     |  2912| 26,98|   -- |  --  |   5220| 68,19|    -- |   -- |   --  |  --  |   -- |  --
Besen- und       |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
Brstenmacher    |\     |\     |   758| 25,68|   5945| 80,56|   1166| 11,53|   --  |  --  |   -- |  --
Schirmmacher und |} 5608|}30,07|      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 Stockarbeiter   |/     |/     |  4907| 15,49|   4086| 53,13|   1938| 56,95|   --  |  --  |   -- |  --
Mbelfabrikation |      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 und Tischlerei  |  1760|  0,67|  5946|  7,73|  10921| 15,18|   1748|  6,81|   --  |  --  |  1040|  8,73
Andere Industrie-|      |      |      |      |       |      |       |      |       |      |      |
 arbeiter        |  6459| 23,23| 60164| 48,64|  40843|  5,64|  15908| 20,74|   --  |  --  |  8769| 86,59

Sie zeigt deutlich, da die Konzentration der Frauenarbeit auf
bestimmte Berufe eine um so strkere ist, je fortgeschrittner die
industrielle Entwicklung des betreffenden Landes sich darstellt. Nehmen
wir z.B. die Spitzenfabrikation, Stickerei und Hkelei: Deutschland
zhlt 70 %, England dagegen 88 % Arbeiterinnen; oder die Buchbinderei
und Kartonage, in der in Deutschland 32 %, in Oesterreich 33 %, in
England 71 % Arbeiterinnen beschftigt werden. Besonders
charakteristisch ist auch die Mbeltischlerei: Deutschland zhlt darin
wenig ber 1/2 %, England 15, Amerika 7 % Frauen. Umgekehrt zeigt es
sich, da in anderen Berufen die Frauenarbeit in den industriell
vorgeschrittenen Lndern sehr geringen Anteil an ihnen hat. Als Beispiel
diene die Glasblserei: Oesterreich zhlt 32 %, Deutschland 12, England
8 und Amerika 1/2 % Arbeiterinnen, oder die Setzerei und Druckerei, in
der Oesterreich 16, Deutschland 14, England nur 5 % weibliche Arbeiter
beschftigt. So viele Umstnde auch sonst noch bei der Zusammensetzung
der Arbeiter nach Geschlechtern mitsprechen, so scheint doch
festzustehen, da die allgemeine Tendenz eine Differenzierung nach
Berufen bevorzugt, und das wachsende Eindringen der Frauen in bestimmte
Berufe mit einem Rckgang der weiblichen Arbeiterschaft in anderen
Berufen Hand in Hand geht, da sich also nach und nach bestimmte fast
ausschlielich von Frauen und andere fast ausschlielich von Mnnern
besetzte Berufe herausbilden werden.

Als Frauenberufe in oben genanntem Sinn sind schon jetzt die der
Konfektion, der Nherei, der Putzmacherei, der Blumen-, Federn- und
Spitzenfabrikation anzusehen; die Buchbinderei und Kartonage, die
Papier-, die Guttapercha- und die Kautschukfabrikation versprechen
Frauenberufe zu werden. Die Grnde dieser sich immer strker
ausprgenden Differenzierung der Geschlechter in der Berufsthtigkeit
liegen teils in ihrer verschiedenen geistigen und krperlichen
Veranlagung, teils in dem Umstand, da bestimmte wohlfeile
Industrieerzeugnisse die Anstellung ungelernter, d.h. mglichst billiger
Arbeitskrfte notwendig machen. Was die Veranlagung betrifft, die an
dieser Stelle ausschlielich in Betracht gezogen werden soll, weil der
zweite Punkt die Arbeitsbedingungen berhrt, die nicht hierher gehren,
so ist die Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger ein
wesentliches Moment, das die Frau fr alle Thtigkeiten prdestiniert,
die in das Bereich der feinen Handarbeit fallen. Die Konfektion, die
Stickerei, die Spitzenfabrikation u.a.m. gehren daher ebensowohl
hierher, wie die Spinnerei und Weberei, solange sie keine groen
Krperkrfte erfordern; auch zur Kartonage sind Frauen infolgedessen
besonders befhigt. Aber auch negative Eigenschaften gereichen ihnen zum
Vorteil, so z.B. der Mangel an Muskelkraft, auf Grund dessen sie berall
dort die mnnlichen Arbeiter verdrngen, wo die Maschine die menschliche
Kraft ersetzt. Negativ sind im wesentlichen auch die geistigen
Eigenschaften, die die Frauen in bestimmte Arbeitszweige hineintreiben.
So werden sie durch ihren Mangel an geistiger Schulung und technischer
Vorbildung fr alle diejenigen Arbeiten gewhlt, die ungelernte Arbeiter
im allgemeinen gebrauchen knnen und die fast stets zu beobachtende
Schwierigkeit, sich zu konzentrieren, d.h. alle Gedanken auf eine Arbeit
zu richten, ist die Ursache, da rein mechanische Thtigkeiten ihnen mit
Vorliebe berlassen werden. Diese negativen sowohl krperlichen als
geistigen Fhigkeiten aber sind ohne Ausnahme das traurige Resultat der
gnzlichen Vernachlssigung, unter der das weibliche Geschlecht leidet,
und das die Armen stets besonders hart getroffen hat. Aber auch die
Geschicklichkeit und Gelenkigkeit der Finger sind die Folge der
Erziehung und Gewohnheit. Die Hnde des Mannes hrteten sich, sie wurden
breit und stark infolge der Arbeiten, die er von Urzeiten an
verrichtete, die des Weibes wurden zarter, schmaler und gewandter, weil
alle feineren Arbeiten meistens ihr berlassen blieben. Von grtem
Einflu hierauf war alle Art der Nadelarbeit. Sie war und ist es aber
auch, die den weiblichen Geist ungnstig beeinflute, indem sie die
Zerfahrenheit und Gedankenlosigkeit untersttzt hat; nichts ermglicht
mehr ein Umherschweifen der Gedanken, als alles, was unter der
Bezeichnung "weibliche Handarbeit" verstanden wird. Die Einfhrung des
maschinenmigen Betriebs, der, selbst in seiner einfachsten Form, der
Nhmaschine, ein gewisses Ma von Aufmerksamkeit erfordert, ist daher
auch von diesem Standpunkt aus betrachtet, ein Vorteil fr die Frauen.
Wrde mit seiner weiteren Entwicklung eine geistige und krperliche
Ausbildung, die der der Mnner entspricht, Hand in Hand gehen, so wre
zu erwarten, da nach Jahrhunderten der Wirksamkeit all dieser Einflsse
die genannten positiven und negativen Eigenschaften des weiblichen
Geschlechts eine wesentliche Umwandlung erfahren knnten. Das scheint
unserer vorhin ausgesprochenen Ansicht von einer immer schrferen
Differenzierung der Geschlechter in Bezug auf ihre Berufsarbeiten zu
widersprechen, whrend es sie thatschlich nur besttigt. Denn erst die
Beseitigung anerzogener Eigenschaften wird den natrlichen zur
Entwicklung verhelfen und zwar drfte sich dabei folgendes
herausstellen: in Bezug auf ihre Krperkrfte werden die Geschlechter
sich einander nhern, weil einerseits die bisher fast ungenutzten des
Weibes ausgebildet werden, andererseits die starke Muskelkraft
erfordernden Arbeitsweisen durch die Maschine ihre Existenzberechtigung
mehr und mehr verlieren, der Mann daher durch Mangel an Uebung notwendig
an Kraft verlieren wird. Die geistigen Kapazitten der Geschlechter
dagegen werden sich in durchaus verschiedener Richtung entwickeln und
die Differenzierung in den Berufen wird infolgedessen nicht wie heute
auf ihre krperlichen, sondern vielmehr auf ihre geistigen Eigenschaften
zurckzufhren sein.

Kehren wir nach dieser Abschweifung in das Gebiet der Hypothesen zu den
Thatsachen zurck. Da ist es nun notwendig ein wichtiges, weit
ausgedehntes Gebiet der Frauenarbeit zu beleuchten, das groenteils noch
arg im Dunkel liegt: die Hausindustrie.

Deutschland und Belgien gebhrt bis jetzt das Verdienst, eine Statistik
der Hausindustrie unternommen zu haben. Natrlich ist sie eine
unvollkommene geblieben, weil gerade die in ihr beschftigten Personen
auerordentlich schwer zu erfassen sind. Wenn daher auch mit Recht
angenommen werden kann, da die gewonnenen Zahlen viel zu niedrige sind,
so ist der Vergleich zwischen den Resultaten der beiden letzten
Zhlungen in Deutschland insofern zuverlssig, als ihre Methoden die
gleichen waren. Es zeigt sich danach, da die Hausindustriellen im
allgemeinen abgenommen haben, und zwar sind sie, nach den Angaben der
Arbeiter, bei der Gewerbezhlung von 476080 im Jahre 1882 auf 460085 im
Jahre 1895, nach den Angaben der Unternehmer von 544980 auf 490711
zurckgegangen; die Betriebe dagegen, die Arbeiter in der Hausindustrie
beschftigen, sind von 19209 auf 22307 angewachsen. Eine Betrachtung der
einzelnen Gewerbearten fhrt jedoch zu dem Resultat, da die Abnahme
sich nicht auf alle gleichmig verteilt, da vielmehr bedeutende
Abnahmen auf der einen Seite von starken Zunahmen auf der anderen
begleitet werden.[471] Eine Zusammenstellung dieser Gewerbearten, je
nach der Verschiedenheit ihrer Entwicklung, fhrt zu folgenden
Resultaten:

Gewerbearten mit Verminderungstendenz.

                                |  Seit 1882 haben abgenommen
                                |------------------------------
Gewerbearten                    | Betriebe um  |  Personenzahl
                                |              |       um
--------------------------------+--------------+---------------
                                |              |
Zeugschmiede, Scherenschleifer, |              |
  Feilenhauer                   |     2006     |      4044
Seiden- und Shoddyspinnerei     |     2037     |      2922
Baumwollspinnerei               |     4067     |      3645
Seidenweberei                   |    20000     |     34381
Leinenweberei                   |    10660     |     14667
Baumwollenweberei               |    18859     |     19089
Weberei von gemischten Waren    |     5811     |      4895
Strickerei und Wirkerei         |     7026     |     12768
Hkelei und Stickerei           |     1251     |       549
Posamentenfabrikation           |       73     |      2098
Strohhutfabrikation und         |              |
  Strohflechterei               |     4185     |      2836
Nherinnen                      |    12391     |     11502
Handschuhmacherei,              |              |
  Kravattenfabrikation          |     4087     |      3653
                                |--------------+---------------
                                |    92483     |    117049

Gewerbearten mit Vermehrungstendenz.

                                |  Seit 1882 haben zugenommen
                                |------------------------------
Gewerbearten                    | Betriebe um  |  Personenzahl
                                |              |       um
--------------------------------+--------------+---------------
Grobschmiede                    |     1394     |      2638
Schlosser                       |     1126     |      2903
Stellmacher                     |      986     |      1519
Musikinstrumente                |     1383     |      1955
Wollenweberei                   |      645     |      4072
Gummi- und Haarflechterei       |     1712     |       889
Spitzenverfertigung und         |              |
  Weizeugstickerei             |     2091     |      5560
Sattlerei, Spielwaren aus Leder |     1041     |      1673
Verfertigung grober Holzwaren   |      530     |       634
Tischlerei und                  |              |
  Parkettfabrikation            |     3934     |      9338
Korbmacherei                    |     3903     |      6007
Dreh- und Schnitzwaren          |     1805     |      3526
Tabakfabrikation                |     3400     |      6949
Schneiderei                     |    17268     |     30106
Konfektion                      |      382     |       885
Putzmacherei                    |      376     |        96
Schuhmacherei                   |     7099     |      7765
Wscherei                       |     1353     |      2388
                                |--------------+---------------
                                |    50228     |     88883

Die Betrachtung dieser Tabellen zeigt, da diejenige Art der
Hausindustrie, die als eine Fortsetzung der alten handwerksmigen
Organisation angesehen werden kann, im allgemeinen im Absterben
begriffen ist. Wenn z.B. auch, was im ersten Augenblick berraschend
wirkt, die Zahl der Nherinnen abnimmt, so ist das wohl im wesentlichen
darauf zurckzufhren, da sie sich in Werkstatthausindustrielle
umgewandelt haben. Das beweist folgende Zusammenstellung: Es wurden
Nherinnen gezhlt in Betrieben mit


     |zwei    |drei bis  |sechs bis |zwei bis
     |Personen|fnf Pers.|zehn Pers.|zehn Pers.
-----+--------+----------+----------+----------
1882 |   6551 |   2321   |    793   |   9656
1895 |  11514 |   9247   |   2456   |  23247

Diese Tendenz zur Zusammenfassung der frher vereinzelt
arbeitenden Nherinnen in Werksttten ist im wesentlichen auf die
Wohnungsverhltnisse zurckzufhren. Die Ausgaben fr Miete werden
geringer, wenn der Arbeitsraum erspart und eine bloe Schlafstelle dafr
eingetauscht wird.

Was die Vermehrung der hausindustriellen Betriebe und der darin
beschftigten Personen betrifft, so hngt sie fast ohne Ausnahme mit der
Entwicklung einer durchaus modernen Form der Hausindustrie zusammen, die
zugleich die allein lebensfhige ist: die Werkstattarbeit mit dem
Zwischenmeister, an der Spitze, der zwischen dem Verleger und dem
Arbeiter die Vermittlung bernimmt. In der Konfektionsindustrie hat sich
diese Organisation am vollendetsten herausgebildet, eine Industrie, in
der, wie [die] Tabelle [oben, Die wichtigsten Frauenberufe in der
Industrie] zeigt, das weibliche Geschlecht besonders stark vertreten
ist.

Das Geschlechtsverhltnis in der deutschen Hausindustrie ist von
besonderem Interesse. Im allgemeinen widerlegt es zunchst die bliche
Meinung von einem Ueberwiegen der Frauen. Das Verhltnis ist
dieses:[472]

       1895        |       1882      |      1895
-------------------+----------------------------------
mnnliche|weibliche|Von je 100 Hausindustriellen sind
-------------------+----------------------------------
 Hausindustrielle  |  Mnner Frauen  | Mnner Frauen
-------------------+-----------------+----------------
 256131  | 201853  |   56,3   43,7   |  55,9   44,1

Die Tendenz zum Wachstum der Frauenarbeit ist keine zufllige oder
vorbergehende, sie hngt vielmehr eng mit der ganzen modernen
Entwicklung der Hausindustrie zusammen, die mit darauf zurckzufhren
ist, da der Unternehmer durch Dezentralisation der Arbeiter Ersparnisse
machen will. Er sucht die billigsten Arbeitskrfte und stt dabei
zuerst auf die Frauen. Sehen wir nun, in welchen Arbeitszweigen die
Zunahme der Frauenarbeit am strksten war:

                                     |   1882  |  1895
                                     |------------------
                                     |    Von je 100
Gewerbearten                         | Hausindustriellen
                                     |   sind weiblich
-------------------------------------+------------------
Tpferei                             |   7,9   |  29,9
Glasblserei vor der Lampe           |  27,7   |  44,9
Gold- und Silberschlgerei           |  50,0   |  53,3
Gold- und Silberdrahtzieherei        |  80,3   |  86,9
Verfertigung von Spielwaren aus      |         |
  Metall, feinen Blei- und Zinnwaren |  38,6   |  60,1
Erzeugung von Metalllegierungen      |  13,3   |  35,8
Blechwarenfabrikation                |   5,1   |  27,6
Fabrikation von Weberei- und         |         |
  Spinnereimaschinen                 |  30,5   |  37,2
Verfertigung von Bleistiften         |  65,8   |  83,5
Leinenweberei                        |  35,0   |  43,4
Baumwollweberei                      |  25,9   |  43,3
Weberei von gemischten Waren         |  18,7   |  33,4
Gummi- und Haarflechterei            |         |
  und -Weberei                       |  60,6   |  81,5
Strickerei und Wirkerei              |  29,0   |  50,3
Leinenbleicherei und -Frberei       |  19,4   |  50,9
Frberei und Bleicherei              |  19,7   |  21,2
Verfertigung von Papiermachwaren    |  42,0   |  50,0
Buchbinderei und Kartonage           |  36,3   |  40,8
Sattlerei, Spielwaren aus Leder      |  32,7   |  44,7
Verfertigung von Dreh- und           |         |
  Schnitzwaren                       |   6,7   |  13,2
Tabakfabrikation                     |  30,3   |  45,2
Putzmacherei                         |  93,8   |  99,8
Hutmacherei und Filzwaren            |  34,8   |  36,3
Verfertigung von Korsetts            |  67,1   |  94,8

Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, da eine Verschiebung zu
Gunsten der hausindustriellen Frauenarbeit in sehr vielen Fllen dort
stattfindet, wo es sich um alte, absterbende Formen der Hausindustrie
handelt. Sie nimmt die verlassene, dem Untergang geweihte Mnnerarbeit
auf, und ist in ihrem verzweifelten Existenzkampf ein Hemmschuh der
Entwicklung. Den schlagendsten Beweis dafr liefert die Textilindustrie.
Hier, wo die Maschine mehr und mehr in Funktion tritt, zeigt sich ein
Rckgang der Hausindustrie von 285102 auf 195780 Personen; allein von
den 43000 Hauswebern im Jahre 1882 sind 34000 im Jahre 1895 weniger
gezhlt worden. Trotz dieses Rckgangs zeigt die Frauenarbeit im
Verhltnis zur Mnnerarbeit wesentliche Fortschritte. Sie verlngert den
Todeskampf der Textilhausindustrie. Der Umstand, da dem Unternehmertum
eine Armee von Frauen zu Gebote steht, die sich herbeilt, gegen
Hungerlhne zu Hause zu arbeiten, verhindert die Entwicklung der
Hausindustrie zur Groindustrie, wie sie andernfalls heute schon mglich
wre. Das sehen wir unter anderem bei der Tabakfabrikation und der
Buchbinderei und Kartonage. Der Maschinenbetrieb knnte an Stelle des
Handbetriebs treten und der Hausindustrie wenigstens in ihrer
schlimmsten Form den Todessto versetzen. Das gilt auch in
beschrnkterem Mae von der Nhmaschinenarbeit in jeder Form: die
Einfhrung motorisch betriebener Nhmaschinen scheitert wesentlich an
der Billigkeit weiblicher Arbeitskraft. Die Maschine in ihrer hchsten
Vollendung, der mechanisch funktionierenden, ist fast der einzige
Gegner, der die Hausindustrie zu besiegen im stnde ist. Auerhalb ihres
Eroberungsgebiets giebt es keine fhlbare Aufsaugung durch die
Fabrik.[473]

Unter den brigen hier in Betracht kommenden Lndern hat zweifellos
Oesterreich eine besonders hohe Zahl von Hausindustriellen zu
verzeichnen. Es fehlt aber an einer zusammenfassenden Statistik.
Neuerdings sind Spezialberichte der Gewerbeinspektoren erschienen, die
aber noch nicht vollendet vorliegen. Der erste Band[474] behandelt nur
Bhmen und giebt in Bezug auf die Statistik sehr unzureichende
Aufschlsse. Im Vorwort betont das Handelsministerium selbst die
unbersteiglichen Hindernisse, die einer genauen zahlenmigen
Darstellung entgegenstehen: Mitrauen der Unternehmer sowohl wie der
Arbeiter, die als den Zweck der Nachfragen eine schrfere Besteuerung
vermuten, Unklarheit des Begriffs der Hausindustrie u.a.m., lauter
Grnde, die auch die deutsche Statistik als ungengend kennzeichnen
lieen. Nur ein Aufsichtsbezirk, der Budweiser, hat eine Statistik
aufzunehmen sich entschlossen. Danach waren Heimarbeiter beschftigt:

Heimarbeiter im Budweiser Bezirk

mnnlich|weiblich|mithelfende       |im ganzen
        |        |Familienangehrige|
--------+--------+------------------+---------
  5231  |  6107  |       4317       |  15655

Die Zahl der Frauen berwiegt danach die der Mnner um fast tausend und
ist insofern noch zu niedrig gegriffen, als unter den "mithelfenden
Familienangehrigen" sich neben den Kindern zweifellos mehr Frauen als
Mnner befinden. Besonders stark sind die Frauen in Oesterreich in der
Spitzenindustrie, der Glasperlenerzeugung, der Strohflechterei und der
noch vielfach ganz im alten Stil betriebenen Spinnerei und Weberei
beschftigt. An Zahlen fehlt es, wie gesagt. Selbst die hypothetische
Berechnung der Brnner Handelskammer, die auf einer Kombination der
Angaben der Genossenschafts- und der Unfallversicherungsstatistik
beruht, und 760522 hausindustrielle Arbeiter, d.h. 34 % aller Arbeiter,
feststellt[475], kann nur ungenau sein und bleibt jedenfalls hinter der
Wirklichkeit zurck.

Frankreichs Hausindustrie ist auch eine weitverbreitete, und ihre
zahlenmige Erfassung eine ganz unzuverlssige. Fr die Frauen kommt im
wesentlichen die Seiden- und die Spitzenindustrie, die Nherei,
Schneiderei, die Handschuhnherei und die Verfertigung der sogenannten
Articles de Paris in Betracht. Im Departement Rhne wurden noch gegen
20000 Handwebsthle fr Seidenwaren gezhlt, die eine noch grere Zahl
von Arbeitern fr die erste Bearbeitung der rohen Seide zur
Voraussetzung haben und diese sind meist Frauen. Die Spitzenindustrie
beschftigt vielleicht heute noch eine viertel Million Arbeiterinnen. In
der Schneiderei beschftigt allein Paris 72 % Frauen, in der
Handschuhnherei 57 %, in der Herstellung von Articles de Paris 80 %,
fast lauter Hausindustrielle.

England hat infolge seiner industriellen Entwicklung mit der alten Form
der Hausindustrie schon grndlich aufgerumt. Dagegen hat die moderne
sich rasch entwickelt. Sie umfat hauptschlich die Konfektionsindustrie
und die Schuhmacherei. Eine statistische Darstellung fehlt so gut wie
vollstndig. Fr Amerika gilt dasselbe. Auch hier ist die
Konfektionsindustrie das wichtigste Glied der Hausindustrie, die ihre
Ausbreitung wesentlich der Einwanderung verdankt und sich von dem
elendesten und schwchsten Menschenmaterial nhrt, das Europa abstt.
Ueber ihre Zunahme giebt folgende, auf Illinois bezgliche Tabelle
Aufklrung:[476]

Zhlungs-|           |      |             |
 periode |Werksttten|Mnner|Frauen|Kinder|Im ganzen
---------+-----------+------+------+------+---------
  1893   |    704    | 2611 | 3617 |  595 |   6823
  1894   |   1413    | 4469 | 5912 |  721 |  11101
  1895   |   1715    | 5817 | 7780 | 1307 |  14904
  1896   |   2378    | 6383 | 7181 | 1188 |  14752

Mit Ausnahme des letzten Jahres zeigt die Frauenarbeit eine raschere
Zunahme als die Mnnerarbeit, der gegenber sie auch absolut im
Uebergewicht ist. Die Abnahme des letzten Jahres erklrt sich teils aus
der strengeren Handhabung der Gesetze, teils daraus, da es sich bei den
vorliegenden Zahlen nur um Werkstttenarbeiter handelt, die vereinzelten
Heimarbeiter dagegen nicht eingerechnet wurden. Je mehr nun die
Gesetzgebung in die Werksttten eingreift, wobei es sich fast immer um
den Schutz der Frauen und Kinder handelt, um so mehr werden diese sich
in die Heimarbeit zurckziehen mssen.

Die belgische Berufszhlung von 1896[477]--die erste, die sich hier mit
der Frage beschftigte--teilt alle Arbeiter in zwei groe Kategorien
ein: 1.) Die in Fabriken, Werksttten u.s.w. arbeiten; 2.) die bei sich
zu Hause auf Rechnung von Fabrikanten oder Kaufleuten erwerbsthtig
sind. Das heit mit anderen Worten, da nur die eigentlichen
Heimarbeiter als Hausindustrielle angesehen werden. Die allgemeinen
Ergebnisse der nach diesen Grundstzen erfolgten Erhebung waren
folgende:

                  | Es waren beschftigt  | Von 100
                  |-----------------------| Arbeitern
                  | Mnner    |   Frauen  | waren weiblich
------------------+-----------+-----------+---------------
In Fabriken, Werk-|           |           |
  sttten u.s.w.  | 588248    |   115981  |    16,47
Zu Hause          |  41689    |    77058  |    64,89
------------------+-----------+-----------+---------------
Im ganzen         | 629937    |   193039  |    23,43

Die Teilnahme der Frauen an der Heimarbeit ist danach viel bedeutender
als die der Mnner und betrchtlich grer als der Anteil der
Arbeiterinnen an der Fabrikarbeit im Verhltnis zu dem der Mnner. Die
wichtigsten Berufszweige der belgischen Heimarbeiterinnen sind:

Spitzenarbeiterinnen            49158
Kleiderkonfektion                7166
Handschuhfabrikation             3477
Strohflechterei fr Hte         2611
Wollenweberei und Spinnerei      2458
Leinenweberei und Spinnerei      2383
Strickerei                       2376
Schuhmacherei                    1437

Die groe Zahl der Spitzenarbeiterinnen fllt hier besonders ins Auge.
Sie ist um so bemerkenswerter, als ihr allergrter Teil, nmlich ber
47000, auf dem Lande leben. Die Vervollkommnung der Maschinenspitze ist
aber jetzt schon eine gefhrliche Konkurrenz, sie kann nach und nach zum
Mittel werden, das Land zu Gunsten der Industriestdte zu entvlkern.

Die einschneidende Bedeutung der Hausindustrie in Bezug auf die
erwerbsthtigen Frauen scheint nach alledem erwiesen zu sein. Sie wrde
weit schneller ihren verdienten Untergang entgegen gehen, wenn nicht
gerade die Frauen sie zh am Leben erhielten, worin sie von den
Unternehmern--allein die Zunahme der hausindustriellen Betriebe in
Deutschland spricht dafr--untersttzt werden. Die Grnde dafr sind
teils in dem Mangel an Bewegungsfreiheit zu suchen, unter dem die an
Haus und Kinder gefesselte Frau zu leiden hat und die den aufklrenden
Ideen den Zugang zu ihr verschlieen, teils in dem Bestreben des
profitgierigen Unternehmertums, Ersparnisse an Material, Arbeitsrumen,
Heizung, Beleuchtung etc. zu machen und die Arbeiterschutzgesetze zu
umgehen. Beweis dafr ist unter anderem, da in dem industriell
fortgeschrittensten Land, England, die Hausindustrie den geringsten und
in einem der zurckgebliebenen Lnder z.B. in Oesterreich, allem
Anschein nach den grten Umfang aufweist. Daraus geht aber auch klar
hervor, da die fortschreitende Entwicklung die Hausindustrie in ihrer
gegenwrtigen Form nach und nach vernichten wird.

Noch ein anderer Kreis von weiblichen Arbeitern verdient eine besondere
Betrachtung: diejenigen nmlich, die in persnlichen oder huslichen
Diensten stehen, und zu denen, auer den Dienstboten, die
Aufwartefrauen, Kche etc., die Wscherinnen und die Kellnerinnen
gehren. Ihre Zahl ist folgende:

-------------------------------------------------------------------------------
                                   |          |         | England |
Berufsarten                        | Deutsch- | Oester- |   und   | Vereinigte
                                   |  land    |  reich  |  Wales  |   Staaten
-----------------------------------+----------+---------+---------+------------
Husliche Dienstboten              | 1313957  | 424387  | 1386167 |  1302728
Aufwartefrauen, Kche u.s.w.       |  182769  |  75533  |  124253 |     3444
Wscherinnen                       |  129513  |   --    |  185246 |   216631
Kellnerinnen und Hotelbedienstete  |  302743  |  76083  |   87984 |     --

Wir haben schon gesehen, da die Zahl der Dienstboten fast berall im
Rckgang begriffen ist. Vergleichen wir die Zahl der weiblichen
Dienstboten im Verhltnis zur Bevlkerung, so ist das Resultat dieses:

                   |          | Auf 100 Personen
   Lnder          |Zhlungs- | der Bevlkerung
                   |periode   | kamen weibliche
                   |          |   Dienstboten
-------------------+----------+------------------
Deutschland        |   1882   |       2,84
    "              |   1895   |       2,54
Oesterreich        |   1880   |       2,58
    "              |   1890   |       1,78
England und Wales  |   1881   |       2,69
   "     "    "    |   1891   |       2,28
Vereinigte Staaten |   1880   |       1,75
    "         "    |   1890   |       1,97
Frankreich         |   1881   |       2,17
    "              |   1891   |       1,84
    "              |   1896   |       1,73

Die Zusammenstellung zeigt mit Ausnahme von Amerika berall eine Abnahme
der Zahl der Dienstboten, und die Zunahme in Amerika fllt auch nicht
schwer ins Gewicht, weil der Prozentsatz von 1880 ein ungemein niedriger
war und der wachsende Reichtum eines Teils der Bevlkerung eine
Steigerung im Gefolge haben mute. Das Bild drfte sich wesentlich
verschieben, sobald die Ergebnisse der Zhlung von 1900 vorliegen, denn
das Verhltnis der Zahl der Dienstboten zur Bevlkerung hngt nicht nur
von deren pekuniren Lage, von der Lust oder Unlust der Mdchen zum
Dienen ab, sondern sehr wesentlich auch von dem Umstand, welche
Arbeitsgebiete die Hauswirtschaft umfat. Je mehr sie, wie es z.B. in
England und Frankreich besonders deutlich sichtbar ist,
zusammenschrumpfen, desto mehr werden die Dienstboten abnehmen. Dagegen
werden sich die fr gelegentliche Dienstleistungen bentigten auer dem
Hause wohnenden Hilfskrfte vermehren. Sie standen in folgendem
Verhltnis zur Bevlkerung:

                  |               |Auf 100 Personen
                  |               |der Bevlkerung
                  |               |kamen auerhus-
Lnder            |Zhlungsperiode|liche Dienstboten
------------------+---------------+-----------------
Deutschland       |     1882      |        0,26
     "            |     1895      |        0,35
Oesterreich       |     1880      |         --
     "            |     1890      |        0,32
England und Wales |     1881      |        0,47
    "    "    "   |     1891      |        0,55

Diese Tabelle giebt nun aber keineswegs genau den richtigen Stand der
Dinge an, nicht nur, weil der Begriff der diesem Beruf Zugehrigen ein
sehr unbestimmter ist,--deshalb muten die Zahlen fr Frankreich und die
Vereinigten Staaten ganz fortgelassen werden,--sondern weil sicher viele
hierher Gehrige unter "Lohnarbeit wechselnder Art", "Tagelhner" etc.
einbezogen worden sind. Eine starke Vermehrung hat auch die Zahl der
Kellnerinnen und Hotelbediensteten erfahren, die sich aber nur fr
Deutschland feststellen lt, wo sie 33 % betrgt. Es kann aber auch im
allgemeinen eine erhebliche Zunahme des Hotel- und Restaurant-Personals
angenommen werden, sie ging Hand in Hand mit der Abnahme der Dienstboten
und beweist auch ihrerseits, da der Privathaushalt zu Gunsten des
ffentlichen im Rckgang begriffen ist: Das Leben auer dem Hause ist
fr einen groen Teil der Bevlkerung immer mehr in Aufnahme gekommen.

Eine auerordentlich wichtige Seite der Arbeiterinnenfrage, deren
Statistik freilich bisher im allgemeinen sehr unzureichend blieb, ist
die Alters- und Familienstandsgliederung der Proletarierinnen. Sie
gewhrt einen tiefen Einblick in das soziale Leben und ihre statistische
Darstellung ist die notwendige Grundlage vieler Reformen und Reformplne
nach dieser Richtung.

Nun entspricht es sowohl hygienischen Grundstzen, als den Prinzipien
geistig-sittlicher Volkserziehung, da die Erwerbsthtigkeit in ihrer
heutigen aufreibenden Form nicht vor dem achtzehnten resp. dem
zwanzigsten Lebensjahre einsetzen sollte. Betrachten wir daraufhin
folgende Tabellen:

Von je 1000 Arbeiterinnen stehen im Alter von
---------------------------------------------
                  unter 20 Jahren         346
                  20-30       "           314
                  30-40       "           124
Deutschland       40-50       "            92
                  50-60       "            73
                  60-70       "            39
                  70 Jahren und darber    12
---------------------------------------------
                  unter 20 Jahren         200
                  21-30       "           220
                  31-40       "           182
Oesterreich       41-50       "           173
                  51-60       "           135
                  61-70       "            71
                  ber 70     "            19
---------------------------------------------
                  unter 18 Jahren         141
                  18-24       "           209
                  25-34       "           218
Frankreich        35-44       "           152
                  45-54       "           125
                  55-64       "            90
                  65 Jahren und darber    65

Besonders die auf Deutschland sich beziehenden Zahlen fallen hierbei
auf: 35 % aller Arbeiterinnen sind unter zwanzig Jahre alt! In
Oesterreich sind es noch 20, in Frankreich 14 %. In Oesterreich fllt
die strkste Beteiligung der Frauen an der proletarischen Arbeit in das
einundzwanzigste bis dreiigste, in Frankreich in das fnfundzwanzigste
bis vierunddreiigste Lebensjahr; wir haben also nach dieser Richtung
hier die gesndesten Verhltnisse vor uns. Andererseits aber sehen wir,
da vom vierzigsten Jahre ab in Deutschland die Frauenarbeit bedeutend
abnimmt, whrend sie in Oesterreich noch im sechzigsten Jahre und in
Frankreich im vierundfnfzigsten einen hohen Prozentsatz ausmacht, und
whrend in Deutschland die ber siebzigjhrigen Greisinnen 12 % der
Arbeiterinnen ausmachen, weist Oesterreich 19 % und Frankreich fr die
ber fnfundsechzigjhrigen gar 65 % auf. Im allgemeinen verteilt sich
die proletarische Frauenarbeit in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland
weit regelmiger ber das ganze Leben, hat daher, die starke
Beteiligung der Greisinnen abgerechnet, einen normaleren Charakter
angenommen. Noch deutlicher tritt uns die Altersgliederung der
Arbeiterinnen entgegen, wenn wir sie im Verhltnis zur weiblichen
Bevlkerung betrachten:

Von je  1000 weiblichen Personen
               im Alter               sind
               von           Arbeiterinnen
------------------------------------------
               14-20 Jahren            397
               20-30    "              273
               30-40    "              136
Deutschland    40-50    "              127
               50-60    "              127
               60-70    "              105
               70 Jahren und darber    57
------------------------------------------
               11-20  Jahren           570
               21-30     "             685
               31-40     "             577
Oesterreich    41-50     "             561
               51-60     "             507
               61-70     "             393
               ber 70   "             218
------------------------------------------
               unter 24 Jahren         517
               25-34       "           324
Frankreich     35-44       "           256
               45-54       "           237
               55-64       "           245
               65 Jahren und darber   161

In Deutschland stehen danach nicht weniger als 40 % aller vierzehn- bis
zwanzigjhrigen Mdchen im Kampf ums Brot. Eine erschreckende Zahl! In
Frankreich, wo der Vergleich nicht genauer durchgefhrt werden konnte,
weil zwar die Bevlkerung nach fnfjhrigen Altersperioden gegliedert
wurde, man fr die Berufsthtigen der jngeren Altersklassen aber eine
andere Einteilung, nmlich die unter achtzehn Jahr und achtzehn bis
vierundzwanzig Jahr bevorzugte, ist die Beteiligung smtlicher
Altersklassen an der proletarischen Arbeit eine auerordentlich hohe.
Die gesteigerte Erwerbsthtigkeit fllt besonders fr die Altersklasse
zwischen dem fnfundfnfzigsten und vierundsechzigsten Lebensjahre auf.

Von noch grerer Bedeutung fr die Beurteilung der proletarischen
Frauenarbeit ist die Frage des Familienstandes der Arbeiterinnen. Leider
ist das vorliegende statistische Material insofern ganz ungengend, als
die Darstellung des Familienstandes im Zusammenhang mit dem Beruf und
der sozialen Schichtung zum Teil vollstndig fehlt. Ein Vergleich
zwischen den Zhlungen der verschiedenen Erhebungsperioden ist nur fr
Deutschland mglich, und zwar auch hier mit der Einschrnkung, da im
Jahre 1882 die Verwitweten, resp. Geschiedenen mit den Ledigen
zusammengerechnet, whrend sie 1895 getrennt gezhlt wurden.

Auf Grund der letzten Zhlungen stellt sich die Gliederung nach dem
Familienstand folgendermaen dar:

            |                 | Von je 1000 Arbeiterinnen waren
Lnder      | Zhlungsperiode |---------------------------------
            |                 | ledig  | verheiratet | verwitwet
------------+-----------------+--------+-------------+----------
Deutschland |     1895        |   702  |     215     |   83
Oesterreich |     1890        |   424  |     446     |   130
Frankreich  |     1896        |   649  |     206     |   145
Vereinigte  |                 |        |             |
  Staaten   |     1890        |   791  |     113     |   96

Bei dieser Zusammenstellung fllt Oesterreich wieder besonders ins Auge,
wo mehr verheiratete als ledige Frauen Arbeiterinnen sein sollen. Dieses
Verhltnis kann nicht allein dadurch erklrt werden, da bei der Zhlung
die Erfassung der dem Manne helfenden Ehefrauen eine besonders starke
war, im Gegensatz z.B. zu den Vereinigten Staaten, wo sie gar keine
Bercksichtigung fanden, eine genauere Betrachtung der sterreichischen
Statistik fhrt vielmehr zu dem merkwrdigen Resultat, da in der
Landwirtschaft 2106618 verheiratete Arbeiterinnen neben nur 667382
verheirateten Arbeitern aufgefhrt werden! Um festzustellen, ob diese
enorme Zahl verheirateter Arbeiterinnen im Bereich der Mglichkeit
liegt, mte man in Erfahrung bringen knnen, wo sich die Ehemnner
dieser Frauen befinden. Mglich, da die Gattinnen der Besitzer
landwirtschaftlicher Zwergbetriebe, die also unter der Rubrik der
Selbstndigen zu finden wren, sich als Arbeiterinnen bezeichneten,
immerhin knnte das fr die volle Zahl der 1400000 Frauen nicht
zutreffen, da nur 1500000 selbstndige verheiratete Landwirte ihnen
gegenber stehen, deren Frauen unmglich fast alle Arbeiterinnen sein
knnen. Es bleibt also nur noch brig anzunehmen, da Frauen von
Industriearbeitern, die etwa neben der Hauswirtschaft ein kleines
Gartenland bebauen, als Arbeiterinnen eingetragen wurden. Diesen
gnstigsten Fall, und nicht, wie es nahe lge, positive Fehler in der
Erhebung selbst angenommen, scheint es klar zu sein, da diese zwei
Millionen verheirateter Landarbeiterinnen zu einem groen Teil nicht als
Arbeiterinnen im eigentlichen Sinn angesehen werden knnen. Auffallend
bei der vorliegenden Tabelle ist ferner der hohe Prozentsatz Verwitweter
resp. Geschiedener in Oesterreich und Frankreich. Die Armut des Volks
zwingt in Oesterreich eine besonders groe Zahl von Witwen zur
Erwerbsarbeit, whrend in Frankreich die zahlreichen geschiedenen und
eheverlassenen Frauen von wesentlichem Einflu auf die prozentuale
Gestaltung des Familienstandes sind.

Betrachten wir nunmehr sein jetziges Verhltnis zu dem der vorletzten
Zhlungsperiode, so ergiebt sich fr Deutschland folgendes:

            |                 | Von 1000 Arbeiterinnen waren
            | Zhlungsperiode |-------------------------------
            |                 | ledig resp. ver- | verheiratet
            |                 |  witwet          |
------------+-----------------+------------------+------------
Deutschland |      1882       |       827        |    173
    "       |      1895       |       785        |    215

In absoluten Zahlen ausgedrckt ist das Verhltnis dieses:

            |                 | Von 1000 Arbeiterinnen waren[A]
            | Zhlungsperiode |-------------------------------
            |                 | ledig resp. ver- | verheiratet
            |                 |  witwet          |
------------+-----------------+------------------+------------
Deutschland |      1882       |     2433682      |    507784
    "       |      1895       |     2938283      |    807172
------------------------------+------------------+------------
Zunahme:                      |      504601      |    299388

[Transskriptionsanmerkung A: Die offensichtlich falsche Legende "Von
1000 Arbeiterinnen waren..." findet sich so im Original.]

Fr Amerika ist ein allgemeiner Vergleich nicht mglich. Dagegen liegt
eine Spezialerhebung vor, die nicht ohne Wert fr die vorliegende Frage
ist.[478] Ihre Resultate sind aus einer Enqute gewonnen worden, die
1067 verschiedene industrielle Betriebe in dreiig verschiedenen Staaten
mit 42990 mnnlichen und 51539 weiblichen Arbeitern in der frheren
Beobachtungsperiode (1885 bis 86), und 68380 mnnlichen und 79987
weiblichen Arbeitern in der letzten (1895 bis 96) umfate. Wir haben es
also in beiden Fllen mit ca. 3 % aller Arbeiterinnen der Vereinigten
Staaten zu thun, wonach die Bedeutung der Ergebnisse sich annhernd
bewerten lt. Sie waren folgende:

Von 51539 Frauen waren 1885-86

Ledig      ||Verheiratet||Verwitwet  ||Geschieden ||Unbekannt
-----------++-----------++-----------++-----------++------------
Ab-  |Proz.||Ab-  |Proz.||Ab-  |Proz.||Ab-  |Proz.||Ab.  | Proz.
solut|     ||solut|     ||solut|     ||solut|     ||solut|
-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------
32801|63,6 || 1357| 2,6 || 498 | 1,0 ||  4  | --  ||16879|  32,8

Von 79987 Frauen waren 1895-96

Ledig      ||Verheiratet||Verwitwet  ||Geschieden ||Unbekannt
-----------++-----------++-----------++-----------++------------
Ab-  |Proz.||Ab-  |Proz.||Ab-  |Proz.||Ab-  |Proz.||Ab.  | Proz.
solut|     ||solut|     ||solut|     ||solut|     ||solut|
-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+-----++-----+------
70921|88,7 || 6775| 8,5 ||2011 | 2,5 || 36  | --  ||  244|  0,3

Der Wert der vorliegenden Tabelle wird dadurch noch mehr eingeschrnkt,
da in der frheren Zhlungsperiode von fast einem Drittel aller
Arbeiterinnen der Familienstand unbekannt blieb. So sehr daher auch der
Augenschein dafr spricht, da die Verheirateten und die Verwitweten
zugenommen haben, so ist dies Resultat doch mit Vorsicht aufzunehmen, da
die hohe Zahl der Arbeiterinnen unbekannten Familienstandes im Jahr 1885
bis 1886 einen genauen Vergleich von vornherein ausschliet.

Fr England sind wir auf noch unsicherere Zahlen angewiesen. Eine
Zhlung des Familienstandes in Verbindung mit der Berufsthtigkeit und
der sozialen Schichtung wurde weder 1881 noch 1891 im Zusammenhang mit
dem Zensus vorgenommen. Trotzdem ist der Versuch gemacht worden, auf
Grund seiner Ergebnisse den Familienstand der Arbeiterinnen
festzustellen.[479] Zwei Angaben der Erhebungen bildeten die
Anhaltspunkte fr die Untersuchung: Die Zahl aller ledigen und die Zahl
aller berufsthtigen Frauen. In den Orten, wo die Zahl der Ledigen, wohl
bemerkt, aller Ledigen, die Zahl der Berufsthtigen bertraf, gab die
Differenz zwischen beiden Zahlen die Minimalzahl der verheirateten
berufsthtigen Frauen an. Wenn auch dabei betont wird, da es sich um
Minimalzahlen handelt, so sind selbst diese von vornherein
problematisch, weil doch ohne weiteres einzusehen ist, da nirgends alle
Ledigen berufsthtig sind. Aber selbst abgesehen davon, sind die
Resultate der Untersuchung, die eine Abnahme der verheirateten
Arbeiterinnen konstatieren, hchst fraglicher Natur. Nur neunzehn Stdte
sind von 61 mit ber 50000 Einwohnern in Betracht gezogen worden, und
die einzelnen Berechnungen weisen in ihrer Methode betrchtliche Fehler
auf.[480] Wir knnen uns daher nicht auf sie sttzen und mssen die
Frage des Familienstandes der englischen Arbeiterinnen offen lassen.

Wie gestaltet sich nun der Familienstand je nach den Berufsabteilungen?

Folgende Tabelle beantwortet die Frage:

           |         |       Von 1000 Arbeiterinnen waren in der
           |         |--------------------------------------------------
Lnder     |Zhlungs-|                |                |
           |periode  |Landwirtschaft  |   Industrie    |     Handel
           |         |--------------------------------------------------
           |         |     |ver-|ver- |     |ver-|ver- |     |ver-|ver-
           |         |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei- |ledig|wit-|hei-
           |         |     |wet |ratet|     |wet |ratet|     |wet |ratet
-----------+---------+-----+----+-----+-----+----+-----+-----+----+-----
Deutschland| 1895    | 671 | 91 | 238 | 751 | 81 | 168 | 763 |  36| 201
Oesterreich| 1890    | 419 | 63 | 518 | 663 | 96 | 241 | 511 | 201| 288
Frankreich | 1896    | 714 | 88 | 199 | 629 | 74 | 297 | 340 | 232| 428

Das Bild, das sie uns vorfhrt, ist kein einheitliches. Den strksten
Prozentsatz verheirateter Frauen weist Deutschland und Oesterreich in
der Landwirtschaft, Frankreich dagegen in der Industrie auf. Strker als
die Ledigen sind die Verheirateten in der Landwirtschaft Oesterreichs
und im Handel Frankreichs vertreten, wo in beiden Fllen auch die
Verwitweten einen ungewhnlich hohen Prozentsatz aufweisen. Die meisten
Verwitweten zhlt Deutschland dagegen in der Landwirtschaft. Die meisten
Ledigen zeigt der Handel in Deutschland, die Industrie in Oesterreich
und die Landwirtschaft in Frankreich.

Was die Zusammensetzung der Arbeiterinnen je nach ihrem Familienstand,
ihrem Beruf im Verhltnis zu frheren Zhlungen betrifft, so kann
hierbei nur Deutschland in Betracht kommen, weil die anderen Staaten
keine so eingehende Berechnungen besitzen. Die folgende Tabelle
kennzeichnet die Lage in Deutschland:

              |           1882           |           1895           |
              |--------------------------+--------------------------|
              |            |   nicht     |            |   nicht     |
              |verheiratet | verheiratet |verheiratet | verheiratet |
--------------+------------+-------------+------------+-------------|
Landwirtschaft|414189|18,39|1877671|81,61|567542|23,76|1820606|76,24|
Industrie     | 69215|12,69| 476014|87,31|166338|16,76| 825964|83,24|
Handel        | 24380|16,89| 119997|83,11|73212 |20,08| 291713|79,92|

Die Zunahme der verheirateten Arbeiterinnen in Landwirtschaft und
Industrie ist eine raschere gewesen als die der ledigen. Fr die
Landwirtschaft kann angenommen werden, da eine strkere Erfassung der
mithelfenden Ehefrauen zu dem Resultat beigetragen hat. Die Zunahme der
Verheirateten in der Industrie dagegen lt sich nicht nur, wie es stets
und fast ausschlielich geschieht, daraus erklren, da zur
Befriedigung der Bedrfnisse der Familie der Verdienst des Mannes allein
nicht mehr ausreicht, sondern auch aus der Zunahme der Arbeiterinnen
berhaupt. Es ist klar, da, je mehr die Zahl der Arbeiterinnen wchst,
die Mnner desto mehr darauf angewiesen sind, bereits erwerbsthtige
Frauen zu heiraten. Sie thun es um so lieber, als die Erwerbsarbeit der
Frau eine beachtenswerte Mitgift ist; immer weniger hufig tritt daher
die Arbeiterin mit der Heirat aus ihrem auerhuslichen Beruf in das
Haus und das Familienleben zurck. Das alte Ideal des Familienlebens,
dessen typisches Bild Schiller in seiner Glocke gezeichnet hat, verblat
mehr und mehr, nur denjenigen schwebt es noch vor, die in der
Erwerbsarbeit der Ehefrauen etwas unbedingt Widernatrliches sehen. Im
Volksbewutsein ist sie das nicht mehr. Und mit Recht. So wenig wie die
Frauenarbeit berhaupt eine beklagenswerte Erscheinung innerhalb der
sozialen Entwicklung ist, so wenig ist es die Arbeit der Ehefrauen.
Verderblich wirkt auch sie nur durch die Bedingungen, unter denen sie
vor sich geht.

Gerade in Bezug hierauf ist es notwendig, festzustellen, in welchen
Berufsarten der Industrie die meisten verheirateten Frauen thtig sind.
Nach den letzten Zhlungen fr Deutschland, Oesterreich und
Nordamerika,--die Ergebnisse fr Frankreich liegen im einzelnen noch
nicht vor,--zeigt sich folgendes:

Deutschland

                            | von 100
                            | Arbeiterinnen
Berufsarten                 | des betreffenden
                            | Berufs sind
                            | verheiratet
----------------------------+-----------------
Fleischerei                 |    40,92
Ziegelei                    |    30,01
Bckerei                    |    29,45
Weberei                     |    25,30
Tuchmacherei                |    24,94
Zubereitung v. Spinnstoffen |    24,88
Tabakfabrikation            |    24,72
Lohnarbeit wechselnd. Art   |    19,55
Bleicherei, Appretur        |    18,59

Oesterreich

                                 | von 100
                                 | Arbeiterinnen
Berufsarten                      | des betreffenden
                                 | Berufs sind
                                 | verheiratet
---------------------------------+------------------
Verarbeitung von Eisen und Stahl |    34,50
Verfertigung von Maschinen       |    33,98
Textilindustrie                  |    28,49
Industrie der Nahrungsmittel     |    24,77

Vereinigte Staaten

                      | von 100
                      | Arbeiterinnen
Berufsarten           | des betreffenden
                      | Berufs sind
                      | verheiratet
----------------------+------------------
Wscherei             |   31,60
Husliche Dienste     |   26,78
Putzmacherei          |   17,66
Tabakfabrikation      |   16,53
Bcker und Konditoren |   12,95
Baumwollenweber       |   12,59
Kleiderkonfektion     |   12,23
Schuhmacher           |   11,36

Daraus geht hervor, da die verheirateten Arbeiterinnen besonders in der
Textilindustrie beschftigt sind.

Nachstehende Tabelle bringt einen noch strkeren Beweis dafr:[481]

                    |Land                     |Zhlungs-|Von 100
Industriezweige     |                         |  jahr   |Arbeiterinnen
                    |                         |         |waren
                    |                         |         |verheiratet
                    |                         |         |
--------------------+-------------------------+---------+-------------
                    |Massachusetts            |  1885   |   14,9
                    |Lancashire and Cheshire  |  1894   |   22,2
                    |Burnley                  |         |   30,3
                    |Blackburn                |         |   29,4
Baumwollindustrie   |Stockport                |         |   26,3
                    |Oldham                   |         |   23,2
                    |Bolton                   |         |   12,6
                    |Wigan                    |         |    5,7
--------------------+-------------------------+---------+-------------
                    |Massachusetts            |  1885   |   14,6
                    |England                  |  1894   |   24,5
Streichgarnindustrie|Gloucestershire und      |         |
                    |  Somersetshire          |  1894   |   37,4
                    |Schsische Bezirke       |         |
                    |  Krimmitschau und Werdau|  1892   |   31,3

Am wertvollsten fr die Beurteilung der Arbeit verheirateter Frauen je
nach den Berufsarten sind die Ergebnisse der Untersuchungen der
deutschen Gewerbeinspektoren fr das Jahr 1899.[482] Danach verteilen
sich die Ehefrauen einschlielich der Verwitweten und Geschiedenen in
folgender Weise auf die verschiedenen Industriezweige:

                                |Verheiratete |Von 100
                                |Arbeiterinnen|verheirateten
  Industriezweige               |             |Arbeiterinnen
                                |             |in dem betr.
                                |             |Industriezweig
                                |             |beschftigt.
--------------------------------+-------------+--------------
Bergbau-, Htten-, Salinenwesen,|             |
Torfgrberei                    |      1333   |     0,58
Industrie der Steine und Erden  |     19475   |     8,49
Metallverarbeitung              |     10739   |     4,68
Industrie der Maschinen,        |             |
  Instrumente und Apparate      |      4493   |     1,99
Chemische Industrie             |      4380   |     1,91
Industrie der forst-            |             |
  wirtschaftlichen Nebenprodukte|      1162   |     0.51
Textilindustrie                 |    111194   |    48,49
Papierindustrie                 |     11049   |     4,82
Lederindustrie                  |      2063   |     0,86
Industrie der Holz-             |             |
  und Schnitzstoffe             |      5635   |     2,46
Industrie der Nahrungs- und     |             |
  Genumittel                   |     39080   |    17,04
Bekleidungs- und                |             |
  Reinigungsgewerbe             |     13156   |     5,74
Baugewerbe                      |       141   |     0,06
Polygraphische Gewerbe          |      4770   |     2,08
Sonstige Industriezweige        |       664   |     0,29
--------------------------------+-------------+--------------
                  Im ganzen:    |    229334   |   100,00

Fast die Hlfte aller verheirateten Arbeiterinnen Deutschlands sind
danach in der Textilindustrie beschftigt. Ganz besonders interessant
dabei ist, da die Berufszhlung von 1895 allein 38506 verheiratete und
verheiratet gewesene Frauen in der Textilhausindustrie zhlte, die
hchste Zahl der hausindustriellen Ehefrauen berhaupt; ihnen zunchst
steht, wie nach den Ergebnissen der Gewerbeinspektorenberichte, die
Berufsgruppe der Bekleidung und Reinigung mit 24366 Ehefrauen in der
Hausindustrie. Da in der gesamten Hausindustrie 71005 verheiratete
Frauen gezhlt wurden,--48 % aller weiblichen Hausindustriellen,--so
sind 89 % von ihnen allein in der hausindustriellen Textilindustrie und
in der Bekleidung und Reinigung thtig. Wir sehen daraus wieder, da die
Frauen, speziell die verheirateten, an das Haus gebundenen Frauen, den
Fortschritt der Industrie zu hheren Arbeitsprozessen merklich
aufhalten. Wir sehen aber auch im allgemeinen, da die verheirateten
Arbeiterinnen sich noch intensiver, als die Arbeiterinnen berhaupt, in
wenige Berufsgruppen zusammendrngen.

Wenn es auch nicht mglich war, fr eine Reihe von Lndern das Wachstum
der Arbeit verheirateter Frauen festzustellen, so lt sich aus den fast
berall gleichen Vorbedingungen,--gesteigerte Bedrfnisse und Zunahme
der Frauenarbeit berhaupt,--der Schlu ziehen, da jedenfalls von einem
Rckgang nicht die Rede sein kann und die Zunahme voraussichtlich sogar
eine raschere sein drfte, als die der ledigen Arbeiterinnen.

Aber auch das Wachstum der Arbeit der Witwen, Geschiedenen und
Eheverlassenen ist der Erwgung zu unterziehen. Ist es auf grere Not
allein zurckzufhren? Meiner Ansicht nach nicht. Die Arbeiter heiraten
hufiger als frher,--im Jahre 1882 waren in Deutschland 40, im Jahre
1895 41 % verheiratet;--da nun nichts die Krfte der Mnner frher
erschpft als die proletarische Arbeit, und sie, bei der kolossalen
Entwicklung, vor allem der Industrie immer mehr Mnner--also auch
krnkliche und schwache--in Anspruch nimmt, so mu die Zahl der
verwitweten Proletarierinnen rasch zunehmen. Noch ein anderer Umstand
kommt hinzu: die Zunahme der Scheidungen, sei es mit sei es ohne Hilfe
der Gerichte. Die Erwerbsarbeit des weiblichen Geschlechts hat diese
Entwicklung zweifellos untersttzt. Weder ist die Frau in dem Mae wie
frher einfach infolge der tglichen Notdurft ihrer selbst und ihrer
Kinder an den Mann als den Ernhrer gefesselt, noch fhlt er selbst ihr
gegenber ein so starkes Verantwortlichkeitsgefhl wie einst. Auch das
mag guten Seelen als eine sehr bedenkliche Folge der Zunahme der
weiblichen Erwerbsarbeit erscheinen, whrend es, von einem hheren
Standpunkt aus betrachtet, der Erneuerung der Ehe die Wege bahnt. Je
selbstndiger das Weib dem Manne gegenbersteht, desto freier wird sie
dem Zuge ihres Herzens folgen knnen.

Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen
Zahlen entgegengetreten ist, mu jedem, der nicht blind ist oder sein
will, das Eine klar vor Augen fhren: keine andere Erscheinung in der
Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie wrde die
Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die
Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die
Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib,
dieses konservativste Element im Vlkerleben, zu einem strebenden und
denkenden Menschen; sie allein ist seine groe Emanzipatorin, die sie
aus der Sklaverei zur Freiheit emporfhrt.




6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.

Die Groindustrie.


Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die
Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine
Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines
Galeerenstrflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu
gestalten.

Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, fr den er seine
Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die
Bestreitung der notwendigen Lebensbedrfnisse zu den Einnahmen verhlt,
mte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und
Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar
nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen sttzen knnen. Das ist
leider unmglich. Nicht nur, da die vorhandene Lohnstatistik statt
genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative
Bestimmungen enthlt, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, da
ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als
der Ausgangspunkt unumstlicher Erkenntnisse gelten knnen. Noch
schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben fr die notwendigen
Lebensbedrfnisse. Was an Angaben darber zu finden ist, erscheint um
so unzuverlssiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs
feststeht. Und doch mte die Statistik der Lebensbedrfnisse die
selbstverstndliche Ergnzung der Lohnstatistik sein, da die bloe
Angabe der Hhe der Lhne uns ber die Lage des Arbeiters nicht im
mindesten aufklrt. Er kann z.B. in einem Dorfe Sd-Frankreichs von
demselben Lohn auskmmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden
mte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und
Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene
Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei kme es nicht nur auf Vergleiche
etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta
essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine
reichliche Fleischkost gewhnt ist, sondern auf viel feinere und
eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der
eine nicht im mindesten vermit, das ist dem anderen schon eine schwer
empfundene Entbehrung.

Fr unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur
Beurteilung der Arbeiterinnenlhne wre es neben den genannten
Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Mnnerlhnen zu vergleichen, und
zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige
Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche
der Art, sie sind aber unzulnglich. Nehmen wir z.B. an, da unter der
Rubrik Papierkartons Mnner- und Frauenlhne verglichen werden, so ist
das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es
knnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der
daran geleisteten Arbeit przisiert wrde. Auch genauere Bezeichnungen,
wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur
Beurteilung der Lohnhhe von mnnlichen und weiblichen Arbeitern darauf
ankme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes
kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig
beurteilt werden, wenn sich feststellen lt, ob ihr Lohn wirklich die
Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergnzung eines anderen
Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch
das ist nur in gewissem Umfang mglich.

Alle diese Einschrnkungen vorausgeschickt, knnen wir uns daher nur
auf Untersuchungen sttzen, die den Wert von Stichproben haben, ohne
ber das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen.

Was bei der Betrachtung der Frauenlhne zunchst in die Augen fllt, ist
ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die
deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von
Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr
hufig vor, whrend solche von 12 bis hchstens 19 Mk. schon als eine
groe Seltenheit bezeichnet wurden.[483] Um dieselbe Zeit wurde fr die
Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, da besonders tchtige
Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen knnten, die weniger tchtigen
aber bei 5 bis hchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.[484] Aber auch
in jngster Zeit gehren Lhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So
erreichten in Stuttgart die Hlfte aller Arbeiterinnen nur
einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.[485], und in der Berliner
Papierwarenindustrie traf fr 56 % dasselbe zu.[486] In Wien haben sich
bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enqute hnliche Verhltnisse
herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die
niedrigsten Wochenlhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, whrend 4 bis 5 fl.
fr die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn
angesehen wurde.[487] In Fabriken Bhmens fanden sich sogar Frauenlhne
von 1 fl. wchentlich, und ber die Hlfte der Arbeiterinnen verdienten
2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.[488] Fr Frankreich wurden Jahreseinnahmen
der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und--am hufigsten--250 frs.
festgestellt.[489] Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie
Wochenlhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60
frs. auf.[490] In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen
eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt,
immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken
Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen
unter 6 sh. wchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der groen
Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh.,
nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % ber 18 sh. die Woche.[491] In
Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 groen Stdten 5,24 $
betrgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts
Seltenes.[492] Dabei mu, wie berhaupt bei allen Enqueten ber
Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht
gezogen werden, da nur die intelligentesten, die eigentlichen
Elitearbeiterinnen,--im vorliegenden Fall nur 7 % aller
Befragten,--antworten und richtig antworten. Die groe Masse wird nicht
erfat.

Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen
besen, sie wrden nichts als eindruckslose Zahlen fr uns bleiben,
wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Mnnerlhne gegenberstellen
knnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafr, es erweist sich nur
bei nherer Betrachtung zum groen Teil als unzureichend. So findet sich
z.B., da in den oberelsssischen Spinnereien in den achtziger Jahren
die mnnlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. tglich verdienten, die
weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar
schon bei den arbeitenden Kindern; die mnnlichen Geschlechts verdienten
40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Fr
die Webereien galt das gleiche: whrend die Tageseinnahmen der Mnner
3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall
einen Lohn von 2,40 Mk.[493] In den Mannheimer Fabriken wurde
festgestellt, da 56 % der Mnner 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten,
71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Mnner konnten
sogar auf einen Verdienst von ber 35 Mk. rechnen, whrend nur 0,08 %
Frauen die hchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.[494] Nach
einer Zusammenstellung fr Grobritannien, die sich auf 110 Fabriken mit
17430 Arbeitern bezieht, und fr Massachusetts, die 210 Fabriken mit
35902 Arbeitern umfat und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich
schliet, gestalten sich die Lohnverhltnisse fr beide Geschlechter
folgendermaen:[495]

                                      |Grossbritannien|Massachusetts
                                      |---------------+--------------
                                      | Mnner| Frauen|Mnner| Frauen
--------------------------------------+-------+-------+------+-------
                                      |   $   |   $   |  $   |   $
Durchschnittlicher hchster Wochenlohn| 11,36 |  4,10 | 25,41|  8,57
        "     niedrigster      "      |  4,72 |  2,27 |  7,09|  4,62
        "     Wochenlohn              |  8,26 |  3,37 | 11,85|  6,09

Hier, wo allgemeine Durchschnittszahlen gewonnen wurden, ist, wie wir
sehen, der Unterschied zwischen Mnner- und Frauenlhnen ein
auerordentlich betrchtlicher. In all diesen Fllen fragt es sich nun
aber, welche Art von Arbeit die Frauen verrichten, und da die Frage
unbeantwortet bleibt, so lassen sich aus dieser Verschiedenartigkeit der
Lhne keine positiven Ergebnisse ableiten. In ein helleres Licht
gerckt wird die Frage durch folgende Angaben: In der Berliner
Kontobuchindustrie stanzen Mnner und Frauen Titel auf der
Vergolderpresse. Der Arbeiter bekommt 1 Mk. pro 1000 Stck, die
Arbeiterin 70 Pf. Die Arbeiter, die Linien ziehen, haben einen
Wochenlohn von 27 Mk., die Frauen, die die gleiche Arbeit verrichten, 12
bis 15 Mk.[496] Die mnnlichen Ketten- und Karabinermacher in der
Bijouterieindustrie Badens erreichen einen Maximalwochenverdienst von
26,74 Mk., die weiblichen einen von 17,98 Mk., die mnnlichen
Drahtzieher, Presser und Aushauer in derselben Industrie verdienen im
besten Fall 26,18 Mk., die weiblichen dagegen nur 18,28 Mk.[497] Die
Marmorpoliererinnen an den Niagara-Marmorbrchen in Nord-Amerika
verdienen 4,80 $ bis 8 $ die Woche, ihre mnnlichen Kollegen 9 bis 18 $
fr dieselbe Arbeit.[498] Aber auch dieses speziellere Eingehen auf die
Arbeitsverrichtungen der Mnner und Frauen lt insofern noch keine
allgemeineren Schlsse zu, als, mit Ausnahme der Arbeiter an der
Vergolderpresse, nicht feststeht, welche Arbeitsleistung den Lhnen zu
Grunde liegt. Liniiert die Arbeiterin in der Kontobuchindustrie z.B.
langsamer, als der Arbeiter, macht die Bijouteriearbeiterin weniger
Ketten oder Karabiner als der Arbeiter in derselben Zeit, so ist ihr
geringerer Lohn durchaus erklrlich. Es mu daher Zeit- und Stcklohn
auseinander gehalten werden, um ein Resultat der Vergleiche zu
ermglichen. Die umfangreiche franzsische Lohnstatistik liefert die
beste Grundlage fr diese Untersuchung.[499] Folgende Tabelle giebt
zunchst eine Uebersicht ber die Lohnverhltnisse in solchen
Industrien, an denen zwar die Frauenarbeit stark beteiligt ist, die sie
aber nicht beherrscht:

                      |      |       Mnner          |       Frauen
                      | Zeit |-----------------------+-----------------------
                      | oder-|Niedr.|Hchst| Durch-  |Niedr.|Hchst| Durch-
Gewerbeart            |Stck |Tage- |Tage- |schnitts-|Tage- |Tage- |schnitts-
                      | lohn-|lohn  |lohn  | Tagel.  |lohn  |lohn  | Tagel.
----------------------+------+------+------+---------+------+------+---------
                      |      |frs.  |frs.  | frs.    |frs.  |frs.  | frs.
Papierfabrikation:    |      |      |      |         |      |      |
  Maschinenpapier-    |      |      |      |         |      |      |
    herstellung       | Zeit |1,75  |2,50  | ----    |1,25  |1,50  | ----
  Appreteur           |Stck |1,50  |2,50  | 2,35    |0,75  |2,00  | 1,45
  Kouvertfalzung      | Zeit |1,50  |4,25  | 2,55    |2,00  |2,75  | 2,35
  Lumpensortierer     |   "  |1,50  |6,00  | 5,00    |2,00  |2,75  | 2,35
  Zuschneider von     |      |      |      |         |      |      |
    Cigarettenpapier  |   "  |3,50  |5,00  | 4,45    |1,75  |2,25  | 2,00
Kartonage:            |      |      |      |         |      |      |
  Lackierer           |   "  |0,50  |6,50  | 5,00    |0,50  |3,00  | 2,00
Druckerei:            |      |      |      |         |      |      |
  Typographen         |   "  |4,50  |5,00  | ----    |1,50  |2,00  | ----
  Lithographen        |   "  |3,00  |4,50  | ----    |1,75  |2,25  | ----
  Setzer              |   "  |1,75  |3,50  | 3,30    |1,00  |2,00  | 2,00
Gummischuhfabrikation:|      |      |      |         |      |      |
  Zuschneider         |   "  |2,00  |5,50  | 3,85    |2,00  |6,00  | 3,75
  Montiere            |   "  |2,00  |4,50  | 2,85    |1,50  |4,00  | 2,35
  Sohlenarbeiter      |Stck |4,25  |5,75  | 4,90    |2,50  |3,50  | 2,90
Lacklederfabrikation: |      |      |      |         |      |      |
  Polierer            | Zeit |3,75  |4,25  | 4,10    |2,00  |2,25  | 2,10
Stiefelfabrikation:   |      |      |      |         |      |      |
  Montierer           |Stck |4,00  |6,00  | 4,75    |1,25  |2,25  | 1,50
Handschuhfabrikation: |      |      |      |         |      |      |
  Dresseur            |  "   |4,00  |5,00  | 4,25    |2,50  |4,00  | 3,25

Wir sehen zunchst daraus, da sich in der niedrigsten Lohnstufe
vielfach nicht nur gleiche Lhne fr Mnner und Frauen, sondern sogar
zuweilen hhere Frauenlhne vorfinden, in der hchsten dagegen
differieren sie zum grten Teil wieder bedeutend. Und die Ursache? Die
Statistik des vorigen Abschnitts hat ber die Altersgliederung der
Arbeiter beiderlei Geschlechts Aufschlu gegeben und es hat sich dabei
herausgestellt, da die strkste Beteiligung des weiblichen Geschlechts
an der proletarischen Arbeit in die jngsten Jahrgnge fllt, mit
anderen Worten: zu einer Zeit, wo der mnnliche Arbeiter in seinem Fach
die hchste Vollkommenheit und damit einen hohen Lohn erreicht, hat die
Mehrzahl der Frauen der Arbeit bereits den Rcken gekehrt. Die Frauen
bleiben in ihrer Masse auf dem Standpunkt ungelernter Arbeiter stehen
und knnen daher auch die hchste Lohnstufe nicht erreichen. Einen
weiteren Beweis hierfr bilden die wenigen Zahlen unserer Tabelle, in
denen der hchste Lohnsatz der Mnner von den Frauen fast erreicht, ja
sogar bertroffen wird: Die Zuschneider und Montierer in der Gummischuh-
und die Dresseure in der Handschuhfabrikation. Alle drei Arbeitsfcher
haben gebte, also ltere Arbeiter zur Voraussetzung; wo solche
weiblichen Geschlechts vorhanden sind, ist die Bezahlung der Leistung
entsprechend, ohne Bercksichtigung des Geschlechts. Noch schrfer
beleuchtet wird die Frage, wenn wir der Betrachtung die Lhne in solchen
Berufen zu Grunde legen, die sich uns wesentlich als Frauenberufe
dargestellt haben, und in denen die grte Mehrzahl der verheirateten,
also der lteren Frauen, beschftigt ist. Folgende Zusammenstellung aus
derselben Statistik ist besonders charakteristisch:

                   |      |       Mnner           |       Frauen
                   |Zeit- |------------------------+------------------------
                   |oder  |Niedr.|Hchst.|Durch-   |Niedr.|Hchst.|Durch-
Gewerbearten       |Stck-|Tage- |Tage-  |schnittl.|Tage- |Tage-  |schnittl.
                   |lohn  |lohn  |lohn   |Tagel.   |lohn  |lohn   |Tagel.
-------------------+------+------+-------+---------+------+-------+---------
                   |      | frs. | frs.  |  frs.   | frs. | frs.  |  frs.
Leinenspinnerei:   |      |      |       |         |      |       |
  Spinner          | Zeit | 2,00 | 2,50  |  2,25   | 2,00 | 2,25  |  2,15
Hanfweberei:       |      |      |       |         |      |       |
  Weber            |Stck | 2,00 | 2,75  |  2,50   | 1,50 | 2,50  |  1,90
  Weber            |  "   | 2,25 | 2,75  |  2,50   | 1,25 | 1,75  |  1,50
Tuchfabrikation:   |      |      |       |         |      |       |
  Weber            |  "   | 1,50 | 6,00  |  2,60   | 1,00 | 2,75  |  1,85
  Weber            |  "   | 2,25 | 3,00  |   --    | 4,00 | 5,00  |   --
  Kardierer        | Zeit | 2,50 | 5,00  |  3,25   | 2,25 | 1,75  |  2,40
  Kardierer        |  "   | 1,50 | 6,00  |  3,75   | 2,25 | 2,50  |  2,35
Leinenweberei:     |      |      |       |         |      |       |
  Weber            |Stck | 2,00 | 3,50  |  2,75   | 2,00 | 3,50  |  2,55
Netzstrickerei:    |      |      |       |         |      |       |
  Netzstricker     |  "   | 2,75 | 4,00  |  2,75   | 1,75 | 2,00  |  1,75
Baumwollspinnerei: |      |      |       |         |      |       |
  Kmmer           | Zeit | 2,00 | 2,25  |  2,10   | 2,00 | 2,25  |  2,10
  Knpfer          |  "   | 2,00 | 3,50  |  2,45   | 2,00 | 3,50  |  2,15
  Spuler           |  "   | 1,25 | 2,50  |  1,60   | 1,75 | 2,50  |  1,80
  Haspler          |Stck | 3,00 | 4,00  |  3,50   | 2,75 | 4,00  |  3,50
  Spinner          |  "   | 4,00 | 5,00  |   --    | 1,50 | 2,75  |   --
  Spinner          |  "   | 4,50 | 5,25  |  4,80   | 4,00 | 4,25  |  4,10
  Packer           |  "   | 1,50 | 1,75  |  1,75   | 1,50 | 2,75  |  2,00
Baumwollweberei:   |      |      |       |         |      |       |
  Weber            |Stck | 3,00 | 4,00  |   --    | 2,50 | 3,75  |   --
  Weber            |  "   | 3,00 | 3,50  |   --    | 2,00 | 2,75  |   --
  Weber            |  "   | 3,00 | 3,75  |  3,25   | 2,75 | 3,75  |  2,60
  Weber            |  "   | 2,25 | 4,25  |  2,55   | 1,50 | 3,50  |  2,25
  Weber            |  "   | 1,50 | 3,25  |  2,20   | 1,50 | 3,25  |  2,20
  Weber            |  "   | 2,00 | 2,75  |  2,05   | 2,00 | 2,75  |  2,00
  Weber            |  "   | 2,00 | 2,25  |  2,05   | 2,00 | 2,50  |  2,20
Wollkmmerei:      |      |      |       |         |      |       |
  Kmmer           | Zeit | 1,75 | 3,00  |  2,70   | 1,50 | 3,00  |  2,25
Wollweberei:       |      |      |       |         |      |       |
  Weber            |Stck | 3,00 | 4,00  |   --    | 2,50 |  --   |  4,00
  Weber            |  "   | 3,50 | 5,00  |  4,00   | 2,75 | 3,75  |  3,05
  Weber            |  "   | 4,00 | 6,00  |  4,50   | 3,75 | 5,50  |  4,50
Tuchfabrikation:   |      |      |       |         |      |       |
  Weber            |  "   | 2,25 | 3,00  |   --    | 4,00 | 5,00  |   --
  Weber            |  "   | 1,50 | 6,00  |  2,60   | 1,00 | 2,75  |  1,85
  Kardierer        | Zeit | 2,50 | 5,00  |  3,25   | 2,25 | 2,75  |  2,40
  Kardierer        |  "   | 1,50 | 6,00  |  3,75   | 2,25 | 2,50  |  2,35
  Frber           |  "   | 2,25 | 3,50  |  2,40   | 1,50 | 2,25  |  1,60
Seidenweberei:     |      |      |       |         |      |       |
  Weber            |Stck |  --  |  --   |  2,20   |  --  |  --   |  2,20
  Weber            |  "   |  --  |  --   |  3,00   |  --  |  --   |  3,00
  Weber            |  "   | 1,75 | 4,50  |  2,50   | 1,75 | 4,50  |  2,50
  Weber            |  "   | 1,50 | 4,00  |   --    | 2,75 | 3,00  |
  Weber            |  "   | 1,50 | 3,50  |  1,75   | 1,50 | 2,50  |  1,65
Sammetweberei:     |      |      |       |         |      |       |
  Weber            | Zeit | 2,50 | 3,50  |  3,10   | 2,50 | 3,50  |  3,00
  Bandweber        |Stck | 3,50 | 4,50  |  3,65   | 3,50 | 4,50  |  3,40
Mechanische        |      |      |       |         |      |       |
Stickerei:         |      |      |       |         |      |       |
  Sticker          | Zeit | 0,75 | 1,25  |  0,95   | 0,75 | 1,25  |  0,95
  Sticker          |Stck | 2,75 | 6,00  |   --    | 1,50 | 1,75  |   --

Hier zeigt sich, wenige Ausnahmen abgerechnet, eine fast durchgehende
Gleichheit der Mnner- und Frauenlhne, aber es zeigt sich zu gleicher
Zeit, da die Frauenlhne nicht etwa auf der Hhe der Mnnerlhne
stehen, sondern da vielmehr die Mnnerlhne eher die Tendenz haben, zum
Durchschnittslohn der Frauen herabzusinken. Eine amerikanische Statistik
wiederholt dasselbe Bild:[500]

                            |  Durchschnitt-  |  Vorkommender
                            |  licher         |
                            |  Wochenlohn     |  Wochenlohn
Gewerbeart                  |-----------------+-----------------
                            |Hchster|Niedrig-|Hchster|Niedrig-
                            |        |ster    |        |ster
----------------------------+--------+--------+--------+--------
Mnnliche Maschinenstricker |  7,50  |  6,00  | 12,00  |  4,39
Weibliche     "       "     |  7,00  |  5,20  | 13,87  |  3,15
Mnnliche Baumwollenweber   |  5,91  |  5,11  | 10,20  |  2,20
Weibliche      "      "     |  5,76  |  4,83  | 10,00  |  1,80
Mnnliche Flanellweber      |  8,55  |  7,39  | 12,00  |  3,45
Weibliche    "     "        |  7,00  |  5,60  |  9,99  |  3,41

Eine Zusammenstellung der Lhne besonders geschickter englischer
Baumwollweber beiderlei Geschlechts besttigt unsere Auffassung
gleichfalls:[501]

Mnner |Frauen |Mnner |Frauen
-------+-------+-------+------
 sh.   | sh.   | sh.   | sh.
 21,7  | 21,4  | 19,5  | 19,4
 22,2  | 20,11 | 19,7  | 19,0
 21,11 | 20,9  | 19,2  | 18,11
 21,0  | 20,8  | 19,8  | 18,4
 21,5  | 20,4  | 22,2  | 17,11

Ziehen wir zum Vergleich nur einige Lhne in ausschlielichen
Mnnerberufen heran: Die Panzerplattenarbeiter im englischen Schiffsbau
nehmen wchentlich 28 bis 61 sh. ein, der Wochenlohn der
Maschinenarbeiter bewegt sich zwischen 20 und 39 sh., die Typographen
verdienen zwischen 29 und 40 sh., whrend die Lhne der Baumwollweber
zwischen 18 und 30 sh., die der Wollenweber zwischen 10 und 24 sh.
schwanken.[502]

Es ist nach alledem keinem Zweifel unterworfen, da Industrien mit hohen
Lhnen Monopole der Mnner sind[503], aber nur deshalb, weil es sich
dabei um Arbeitsarten handelt, fr die die Mnner ihrer ganzen
krperlichen und geistigen Disposition nach hauptschlich befhigt und
in der sie lange thtig sind. Diejenigen Industrien dagegen, die
besonders zahlreiche Arbeiterinnen beschftigen, denen die Frauen schon
gewissermaen durch die Tradition angehren, weisen niedrige Lohnstze
auf, und wo Mnner und Frauen in ihnen zusammen arbeiten, verdienen sie
zusammen nur wenig mehr, wie Mnner in den Industrien verdienen, wo sie
allein arbeiten.[504]

Die Grnde fr die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit und ihre
allgemeine lohndrckende Tendenz sind damit aber noch nicht gegeben. Man
ist im allgemeinen gewohnt, hier ohne viel Ueberlegung mit dem
Schlagwort von dem Konkurrenzkampf zwischen den mnnlichen und
weiblichen Arbeitern zu operieren, weil man von den brgerlichen
Berufssphren her gewohnt ist, Mnner und Frauen als Lehrer,
Journalisten, Schriftsteller, Maler, Musiker, Aerzte, Handelsangestellte
in genau denselben Arbeitsgebieten thtig zu sehen, und annimmt, da
dasselbe auf die proletarische Arbeit zutrifft. Thatschlich sind die
Verhltnisse hier ganz andere und in gewi 9/10 industrieller Arbeiten
findet eine scharfe Differenzierung zwischen den Geschlechtern statt.
Selbst in den Industrien, wo Mnner und Frauen scheinbar mit vllig
gleicher Arbeit beschftigt werden, giebt es Unterschiede in der Art der
Ausfhrung.[505] So bekamen z.B. in einer Glasgower Druckerei die
weiblichen Setzer fr 1000 Typen um 2 p. weniger als die mnnlichen,
weil sie nicht die vollstndige Arbeit bewltigen knnen, sie bedrfen
zum Umbrechen, Korrigieren u.s.w. die Hilfe der Mnner und knnen bei
schwereren Druckarbeiten nicht beschftigt werden.[506] In der Londoner
Cigarrenindustrie machen Frauen die geringere Sorte Cigarren, in der
Velvetfabrikation schneiden Frauen nur ein Stck Stoff, whrend Mnner
zwei auf einmal schneiden knnen. In der englischen Tpferei fllen
Frauen, infolge ihrer geringeren Uebung, lediglich die Umrisse der
Zeichnungen mit Farbe aus, whrend Mnner die schwierigere Arbeit
machen.[507] In der Cigarettenfabrikation liefern Frauen wchentlich nur
9000, Mnner aber 13000 Stck.[508] In den Seidenwebereien Derbys
erreichen die Mnner einen hheren Lohn, weil sie zwei, die Frauen nur
einen Webstuhl bedienen.[509] Vielfach sind die Mnner auch an
schwereren Websthlen beschftigt.[510] In italienischen Webereien, wo
sie an gleichen Sthlen arbeiten, leisten die Frauen bedeutend weniger,
und in der Handweberei zeigt sich wieder ihr Mangel an Uebung darin, da
sie gentigt sind, auf das Muster zu sehen, whrend die Mnner mehr nach
dem Gedchtnis arbeiten.[511] In der franzsischen Papier- und
Lederfabrikation, fr die wir in der Tabelle [oben] betrchtliche
Lohnunterschiede konstatierten, findet eine fast durchgehende
Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern statt. Die Arbeit an den
Vergolderpressen der Berliner Kontobuchfabrikation ist insofern auch
eine verschiedene fr Mnner und Frauen, als diese die kleineren und
jene die groen Sachen pressen.[512] In der Pforzheimer
Bijouterieindustrie fallen im Kettenmachen den Mdchen die leichteren
Ketten, im Polieren und Aushauen die leichteren Arbeiten zu.[513]

Die Niedrigkeit der Lhne weiblicher Arbeiter ist daher zu einem
wesentlichen Teil auf ihre Inferioritt in der Handfertigkeit und in der
Produktionskraft, die sich manchmal in Bezug auf die Quantitt, manchmal
in Bezug auf die Qualitt uert, zurckzufhren.

Wenn wir aber einen anderen Standpunkt einnehmen, und nicht die Lhne
fr die auerordentlich seltene identische Arbeit, sondern die fr
gleichwertige Arbeit miteinander vergleichen, so zeigt sich auch hier,
da der Verdienst der Frauen im allgemeinen geringer ist, als der der
Mnner. Ich brauche nur an all die Flle zu erinnern, wo, infolge
technischer Vervollkommnungen, Frauen an Stelle der Mnner treten, z.B.
in der englischen Tpferei, wo sie um den halben Preis dieselbe Arbeit
machen, als frher die Arbeiter, oder an die Lhne in den speziellen
Frauenberufen, etwa der Blumenmacherei, wo die Arbeitsleistung auf der
Hhe jeder mnnlichen in speziellen Mnnerberufen steht. Diese traurige
Thatsache hat leider so viele Ursachen, da man fast daran verzweifeln
knnte, sie jemals aus der Welt zu schaffen. Die wichtigste liegt in dem
dilettantischen Charakter der weiblichen Arbeit berhaupt. Das Mdchen
erfat sie nicht als einen Lebensberuf, wie der junge Mann, sondern
sieht in ihr--so wenig es auch zutreffen mag--eine Durchgangsstation zur
Ehe, dem eigentlichen "Beruf". Sie hat nicht unter allen Umstnden die
Verpflichtung, sich selbstndig zu machen, sie findet vielfach in der
Familie noch einen Rckhalt. Daher liegt ihr gar nicht so viel daran,
einen gewissen Grad der Vervollkommnung zu erreichen. Nichts liefert
einen strkeren Beweis hierfr, als der Umstand, da die
Textilarbeiterinnen von Lancashire eine Lohnhhe erreicht haben, wie
keine andere Gruppe ihrer Geschlechtsgenossinnen. Hier hat sich eben
durch eine fast schon ein Jahrhundert lange Erziehung ein Geschlecht
von Arbeiterinnen herausgebildet, das es mit seinem Beruf ebenso ernst
nimmt, wie der Mann und fhig ist, neben ihm zu arbeiten, dabei ein
ausgeprgtes Klassenbewutsein besitzt. Freilich haben sie ihre Erhebung
zu diesem Standpunkt auch noch einem anderen Umstnde zu verdanken: sie
haben nicht mehr gegen jenen Feind anzukmpfen, der die Masse der
Arbeiterinnen am Emporkommen in ihrer Berufsarbeit verhindert. Damit ist
nicht der Mann gemeint,--er ist im Bereiche der proletarischen Arbeit
weit weniger noch als Feind der Frauen anzusehen, als in dem der
brgerlichen,--sondern vielmehr der Amateurarbeiter des eigenen
Geschlechts, und die verheiratete Frau, die nur einen Zuschu zum
Verdienst des Mannes erwerben will. Amateurarbeiter sind alle
diejenigen, die nur ein Taschengeld verdienen wollen, alle diejenigen
ferner, die in den Zwischenrumen huslicher Beschftigungen Arbeit um
jeden Preis bernehmen und so die Arbeiterinnen im allgemeinen in dem
Hexenzirkel, wo niedrige Lhne zu schlechter Arbeit und schlechte Arbeit
zu niedrigen Lhnen fhren, krampfhaft festhalten.

In die Kategorie der Amateurarbeiter hat man vielfach auch gemeint, die
verheirateten Arbeiterinnen einreihen zu mssen.[514] Die
Vergngungssucht, die Luxusbedrfnisse der Arbeiterinnen sind gewachsen,
die huslichen Tugenden haben abgenommen, deshalb drngen sich die
Ehefrauen zur Fabrik, statt ihren huslichen Pflichten nachzugehen,--so
jammert man. An Material, um diese Behauptung zu beweisen, fehlte es
bisher ebenso, wie an solchem, um sie zu entkrften. Erst auf Grund
einer Resolution des Deutschen Reichstags vom 22. Januar 1898 wurden die
Gewerbeaufsichtsbeamten mit einer Untersuchung dieser Frage beauftragt,
und es stellte sich bereinstimmend heraus[515], da der weitaus grte
Teil der verheirateten Arbeiterinnen durch die Not zum Erwerb gezwungen
ist. Selbstverstndlich ist es bei den Witwen, den geschiedenen oder
eheverlassenen Frauen, die etwa 1/5 aller Frauen ausmachen, aber auch
von den Frauen, deren sogenannter Ernhrer mit ihnen lebt, ist diese
Thatsache sogar vielfach zahlenmig konstatiert worden; so hat sich die
Notlage als Veranlassung der Fabrikarbeit verheirateter Frauen in Bremen
fr 71 % in Mainz fr 73 % in Niederbayern fr 74 %, in Plauen fr 75 %
in Lothringen fr 83 % in Aachen fr 88 % in Schleswig fr 97 %
aller Frauen erwiesen. Wo Erhebungen darber angestellt
wurden,--unbegreiflicherweise hat man versumt, den Beamten dahingehende
allgemeine Direktiven zu geben,--zeigte es sich, da die Ehemnner
dieser Frauen fast ausschlielich ungelernte Tagelhner oder solche
Arbeiter waren, die in Frauenberufen, z.B. in der Textilindustrie,
thtig sind, also ganz unzulngliche Einnahmen haben. Von 78
Gewerbeaufsichtsbezirken haben leider nur zwanzig brauchbare Angaben
ber den Verdienst der Ehemnner gemacht, die in folgender Tabelle von
mir zusammengestellt wurden:

              |Anteil der|  Wochenlohn       |  Anteil  | Wochenlohn
              |Ehemnner |      der          |der Frauen|    der
Bezirk        |   in     |  Ehemnner        |   in     |  Frauen
              |Prozenten |                   |Prozenten |
--------------+----------+-------------------+----------+----------------
Danzig        |    --    |  10-20   Mk.      |    --    |  5-10 Mk.
              |          |                   |          |
Elbing        |     3    |  unter 5 "        |    47    |     7 "
              |    25    |    "  10 "        |    53    | 10,76 "
              |    71    |    "  15 "        |    --    |    --
              |          |                   |          |
Berlin-       |          |  durchschnittlich:|          |
Charlottenburg|    --    |  19,50 Mk.        |    --    |    --
              |          |  von 12-30 Mk.    |          |
              |          |                   |          |
Oppeln        |    --    |  6,72-11 Mk.      |    --    | 3,60-7,51 Mk.
              |          |                   |          |
Magdeburg     |    --    |       --          |    25    | unter 7 Mk.
              |          |                   |    50    | 7-8     "
              |          |                   |    17    | ber 9  "
              |          |                   |          |
Erfurt        |    75    |  9-17 Mk.         |    50    | 3-7     "
              |    25    |  17-20 "          |    33    | 8-10    "
              |          |                   |    17    | 11-20   "
              |          |                   |          |
Schleswig     |    --    |unter 20 "         |    --    | 7,5-12  "
              |          |                   |          |
Hannover      |    --    |    --             |     2    | unter 6 "
              |          |                   |    24    | 6-9     "
              |          |                   |    48    | 9-12    "
              |          |                   |    26    | ber 12 "
              |          |                   |          |
Aachen        |    --    |    --             |    20    | 4-8     "
              |          |                   |    47    | 8-12    "
              |          |                   |    25    | 12-16   "
              |          |                   |     8    | ber 16 "
              |          |                   |          |
Oberbayern    |    13    | nichts oder nicht |     4    | 6       "
              |          | ermittelt         |          |
              |     6    | 9-12  Mk.         |    38    | 6-9     Mk.
              |    11    | 12-15 "           |    44    | 9-12    "
              |    51    | 15-20 "           |    11    | 12-15   "
              |    19    | 20 Mr. u. darber |     3    |  ber 15 Mk.
              |          |                   |          |
Oberpfalz u.  |          |                   |          |
Regensb.      |    --    | 6-22 Mk.          |    --    | 6,60-9,50 Mk.
              |          |                   |          |
              |          | Im Durchschnitt:  |          | Im Durchschnitt:
Mittelfranken |    --    | 18,50 Mk.         |    --    | 8,50
              |          |                   |          |
              |          |                   |          | Im Durchschnitt:
Wrttemberg I |    --    | --                |    --    | 10,74 Mk.
              |          |                   |          |
              |          |                   |          | Im Durchschnitt:
    "       II|    --    | --                |    --    | 10,00 Mk.
              |          |                   |          |
Darmstadt     |    --    | --                |    59    | 2-6   Mk.
              |          |                   |    35    | 6-10  "
              |          |                   |     6    | 10-18 "
              |          |                   |          |
Gieen        |    0,4   | nichts            |    --    | Im Durchschnitt:
              |    10    | 4-10  Mk.         |          | 7,80  Mk.
              |    76    | 12-16 Mk.         |          |
              |    10    | 18-24 "           |          |
              |          |                   |          |
Bremen        |    19    | 9-13  "           |    26    | 5-9   Mk.
              |    24    | 13-15 "           |    26    | 9-10  "
              |    15    | 16-17 "           |    41    | 10-12 "
              |    34    | 18-20             |     4    | 12-14 "
              |     8    | 21-30 "           |     3    | 14-16 "
              |          |                   |          |
Unterelsa    |    --    | 10,80-16,80 Mk.   |    --    | 6-12  "
              |          |                   |          |
              |          | Im Durchschnitt:  |          |
Oberelsa     |    --    | 15    Mk.         |    --    | --
              |          |                   |          |
Lothringen    |    40    | 9-12  "           |    13    | 3-6   Mk.
              |    50    | 16-20 "           |    71    | 7-12  "
              |    10    | 22 Mk. u. darber |    26    | 13-24 "

Nur in einem Bezirk,--in Gieen,--und auch hier nur fr eine Industrie,
hat man eine Zusammenstellung der thatschlichen Familieneinnahmen
gemacht; danach erreichten 53 der geschicktesten Cigarrenarbeiterinnen
mit ihren Mnnern einen durchschnittlichen Wochenverdienst von 23,65
Mk., 23 weniger geschickte dagegen eine Einnahme von nur 16,52 Mk.
durchschnittlich.[516] Es handelt sich auch hier um einen Beruf mit sehr
starker Frauenbeteiligung.

Sehr hufig konstatieren aber auch die Aufsichtsbeamten, da es sich bei
den Ehemnnern der Fabrikarbeiterinnen um Arbeitsscheue, Trunkenbolde
und Liederliche handelte, die ihren Verdienst zum allergrten Teil fr
sich selbst verbrauchten, oder sich gar noch von der Frau ernhren
lieen. Dabei darf eins nicht vergessen werden, das geeignet ist, die
moralische Entrstung ber das Verhalten der Gatten ein klein wenig
einzudmmen: Sie haben sich vor der Ehe an eine verhltnismig hohe
Lebenshaltung gewhnt, da sie den Lohn allein fr sich verbrauchen
konnten, und es gehrt ein Grad von Charakterstrke dazu, nach der
Heirat die Lebensbedrfnisse mehr und mehr herabzuschrauben, zu dem nur
ernst angelegte Naturen fhig sein knnen. Aber auch dort, wo eine
direkte Notlage nicht vorliegt, ist es doch auch Not, die die Frauen in
die Fabriken treibt: in fast allen jungen Proletarierehen mssen die
Schulden fr die Haushaltungseinrichtung nach und nach getilgt werden;
ist das vorbei, so mchten gerade die Ordentlichsten einen Notgroschen
zurcklegen knnen, was vom Verdienst des Mannes allein nicht mglich
ist; die Mtter--und zwar gerade die besten--mchten fr ihre Kinder
etwas erbrigen, ja auch der Wunsch nach Dingen, die ber das tgliche
Brot und die Schlafstelle hinausliegen, gehrt meiner Ansicht nach in
dieses Gebiet. Oder ist es etwa nicht Not, wenn die Proletarierfamilie
tagaus tagein, Sommer und Winter nichts sieht, als ihr dumpfes
Arbeiterviertel und ihre staubige Arbeitsstelle; ist der Wunsch nach
frischer Luft und freier Natur angesichts der blassen Kinder wirklich so
vermessen? Ist es nicht Not, wenn man zwar satt zu essen, und ein Dach
ber dem Kopfe hat, aber alles entbehrt, was das Dasein schmckt und
erhebt, und eigentlich erst lebenswert macht? Die Zunahme der
verheirateten Arbeiterinnen spricht viel mehr fr den Fortschritt ihrer
geistigen und seelischen Entwicklung, als fr deren Niedergang. Ihre
Wirkung aber ist, wenn wir zunchst die auf die Lhne in Betracht
ziehen, keine erfreuliche. In Industrien mit starker Beschftigung
verheirateter Frauen sind nicht nur die Mnnerlhne besonders niedrig,
auch die Lhne der alleinstehenden Frauen sind nichts weniger als
ausreichend, weil die Verheirateten den Ertrag ihrer Arbeit nicht als
die alleinige Grundlage ihrer Existenz ansehen, sondern nur als eine
notwendige Ergnzung des mnnlichen Einkommens, Die Steigerung des
mnnlichen Lohnes aber wird wieder dadurch gehemmt, da er nicht mehr
die einzige Lebensbedingung der ganzen Familie bildet. Die Arbeit
verheirateter Frauen ist daher sowohl die Folge als die Ursache des
unzureichenden Einkommens der Mnner und sie ist einer der Steine, die
den alleinstehenden Frauen auf dem Wege zu besseren Zustnden im Wege
liegen. Ihre rasche Entwicklung, an deren Anfang wir erst stehen, wird
diese lohndrckende Tendenz dauernd verschrfen und zwar um so mehr, je
mehr die verheirateten Frauen durch Gesetz und Gewohnheit eine
Ausnahmestellung, nicht nur ihren mnnlichen, sondern auch ihren
alleinstehenden weiblichen Arbeitsgenossen gegenber einnehmen.

Eine Beurteilung der Lohnverhltnisse kann aber nur dann zu richtigen
Resultaten fhren, wenn einerseits die Kaufkraft des Geldes,
andererseits die Bedrfnisse der Lohnarbeiter in Betracht gezogen
werden. Fr beides fehlt es an ausreichendem Material und auch das
vorhandene ist ungengend. Im allgemeinen wird fr die hier in Betracht
kommenden europischen Staaten angenommen werden knnen, da im Laufe
des 19. Jahrhunderts die Wohnungsmieten sich verdoppelt resp.
verdreifacht, die Lebensmittelpreise sich verdoppelt haben.[517] Die
Lhne der Arbeiterinnen in der Groindustrie sind in derselben Zeit
teils um ein Drittel, teils um die Hlfte gestiegen[518], die
Bedrfnisse dagegen, deren Wachstum sich natrlich zahlenmig nicht
feststellen lt, haben im Verhltnis weit rascher zugenommen, obwohl
gerade das weibliche Geschlecht die langsamsten Fortschritte gemacht
hat. Wenn schon bei dieser ganz uerlichen Betrachtung ein Defizit
unvermeidlich ist, so ist es in Wahrheit noch viel bedeutender, weil zur
Zeit des hier angenommenen Ausgangspunktes,--dem Anfang des 19.
Jahrhunderts,--das Miverhltnis zwischen Einnahmen und Ausgaben bei den
weiblichen Arbeitern noch unverhltnismig stark war. Selbst den
gnstigsten Fall angenommen, da sowohl die Lebensbedrfnisse als die
Lhne um die Hlfte gestiegen sind, bleibt dieses ursprngliche
Miverhltnis nicht nur unverndert bestehen, es steigert sich auch noch
infolge der erhhten Bedrfnisse, und infolge der schwer ins Gewicht
fallenden Thatsache, da die industrielle Entwicklung den verschiedenen
Arbeitszweigen mehr und mehr den Charakter der Saisongewerbe aufdrckt.
Die Maschine ermglicht eine kolossale Produktivitt in einem kurzen
Zeitraum und wirft eine groe Zahl von Arbeiterinnen nach Monaten
fieberhafter Thtigkeit fr Wochen mitleidslos aufs Pflaster, whrend
andere sich starke Lohnreduktionen gefallen lassen mssen. Die
Arbeiterin, die sich schon in der lebhaften Zeit nur mhsam
durchschlagen kann, steht in der stillen der bittersten Not gegenber.

Einige Beispiele mgen das Gesagte illustrieren. Vorausgeschickt sei,
da im allgemeinen die Ernhrung weiblicher Arbeiter 4/5 dessen
ausmacht, was mnnliche dafr gebrauchen; gehen wir von dem
Bekstigungsbudget der deutschen Heeresverwaltung aus, die eine Mark pro
Tag und Mann rechnet, so wren ca. achtzig Pfennige fr arbeitende
Frauen anzunehmen, wobei jedoch nicht vergessen werden darf, da die
Heeresverwaltung bei Einkauf und Wirtschaft im groen fr die
ausgesetzte Summe eine weit bessere und reichlichere Bekstigung zu
bieten vermag, als die Arbeiterin sie sich fr ihr Geld schaffen kann.
Fr eine Schlafstelle wird monatlich sechs bis neun Mark Miete
gefordert, ein mbliertes Zimmer,--das sehnlichst ertrumte Ideal all
der armen Heimatlosen!--ist kaum unter fnfzehn bis zwanzig Mark zu
haben. Das Mindeste also, was eine alleinstehende Arbeiterin wchentlich
fr Kost und Wohnung ausgeben mu, ist 7,48 Mk.; hat sie ein eigenes
Zimmer, so mu sie allein zehn Mark fr Logis und Ernhrung ansetzen.
Nun stellt sich der durchschnittliche Wochenverdienst der gewhnlichsten
Arbeiterinnen in zwanzig deutschen Grostdten auf 8,70 Mk.[519] Es
blieben ihnen also, wenn sie sich halbwegs ausreichend ernhren wollen
und nicht in der eigenen Familie wohnen knnen, ca. 78 Pf. wchentlich
fr alle brigen Lebensbedrfnisse--Kleidung, Wsche etc.
Inbegriffen--brig! Dabei ist die Voraussetzung noch die, da die
Wocheneinnahme sich das ganze Jahr ber gleich bleiben mte, whrend
thatschlich im gnstigsten Fall nicht auf 52, sondern nur auf 48 Wochen
regelmigen Verdienst gerechnet werden kann. Es giebt aber auch eine
ganze Anzahl Arbeiterinnen, die unter acht Mark, ja die nur drei bis
sechs Mark in der Woche verdienen. Wenn auch bei den niedrigsten
Lohnstzen angenommen werden kann, da es sich meist um jugendliche
Arbeiterinnen, die vielfach bei den Eltern wohnen, handelt, so bleiben,
wie die Ergebnisse vieler Untersuchungen beweisen, noch viele brig, die
bei solch einem Hungerlohn auf sich allein angewiesen sind, und es giebt
noch zahlreiche Unglckliche, die eine alte Mutter, oder ein armes
vaterloses Kind mit zu erhalten haben. Aber selbst bei einem Wochenlohn
von neun bis zwlf Mark, dem blichsten fr deutsche Arbeiterinnen, und
einer Jahreseinnahme von 430 bis 570 Mk.,--die schon als eine sehr hohe
angesehen werden mu,--wobei in dem einen Fall vierzig, in dem anderen
170 Mk. fr alle brigen Ausgaben brig bleiben,--lebt die Arbeiterin in
unaufhrlichem Kampf mit Not und Verschuldung. Dieselben Zustnde
wiederholen sich berall, wo die Industrie, der groe Eroberer,
eingedrungen ist und aus den Unterworfenen Sklaven gemacht hat.

In Wien kann eine Arbeiterin mit 4 fl. 80 kr., wenn sie sich keine
Erholung, kein Vergngen gnnt, niemals krank wird und niemanden zu
untersttzen hat, gerade auskommen. 60 % arbeitender Frauen Wiens
verdienen aber nur 4 fl. 50 kr., und es kommen Lhne von 1 fl. 80 kr.
bis 3 fl. noch immer hufig genug vor[520], whrend die arbeitslose Zeit
fr sie gleichfalls von vornherein in Rechnung gezogen werden mu. Das
mindeste, was eine Pariser Arbeiterin zum Leben braucht, ist eine
Jahreseinnahme von 850 bis 1200 frs.[521], unter einer tglichen
Einnahme von 2,25 frs. liegt das tiefste Elend und erst von 4 frs. an
beginnt ein gesichertes Leben fr die Alleinstehende[522], dabei gehren
Tagelhne von 1,50 bis 2 frs. durchaus nicht zu den Ausnahmen, und auf
unfreiwillige Ferien mu sich jede Arbeiterin gefat machen.

Durch vier Auskunftsmittel,--eins frchterlicher als das andere,--sucht
die Arbeiterin dem Gespenst der Not zu begegnen: Ueberarbeit,
Unterernhrung, schlechte Wohnung und Prostitution. Die Ueberarbeit wird
dadurch mglich, da sie aus der Fabrik oder Werkstatt noch Arbeit mit
nach Hause nimmt, wo sie bis in die Nacht hinein schafft, um das elende
Leben zu erhalten, das sich ohne Ruhepause in einem Kreislauf bewegt,
zu dem im Grunde nur das elendeste Arbeitstier verurteilt ist: Arbeiten,
Essen, Schlafen, und von den letzten beiden gerade nur so viel, als
ntig ist, um jeden Tag von neuem ins Joch zu gehen. Wie die
Unterernhrung aussieht, dafr giebt es Beispiele genug. Eine
Arbeiterin, die nur 8 Mk. die Woche verdient, kann hchstens 40 bis 50
Pf. fr ihre tgliche Bekstigung ausgeben,[523] Sie lebt von
Cichorienbrhe, genannt Kaffee, Brot, Kartoffeln, ein wenig kraftloser
Suppe, Wurst oder Hering[524]; Fleisch und Gemse, das, wenn berhaupt,
in minimalen Quantitten genossen wird, ist meist von so schlechter
Qualitt, da von einem gengenden Nhrwert gar nicht die Rede sein
kann. Gerade an der Nahrung sparen sich die Arbeiterinnen in der hohen
Saison alles ab, um ihre Schulden aus der toten bezahlen zu knnen. So
genieen die meisten Wiener Arbeiterinnen nichts als dreimal des Tages
Kaffee und Brot und abends ein Stck Wurst; sie verderben sich den
Magen, wenn sie einmal krftigere Nahrung zu sich nehmen![525] Und um
fr die an sich schon mangelhafte Ernhrung noch vollends den Appetit zu
verderben, ja sie gradezu widerlich und gefhrlich zu machen, kommt der
Ort, wo sie zumeist eingenommen wird, noch hinzu: mitten im staubigen
Fabriksaal, oder, falls er, wie es oft geschieht, mittags geschlossen
wird, auf Hfen und Treppen ist der "Esaal" der meisten
Fabrikarbeiterinnen. Selten nur wird ihnen ein eigener Raum zum Essen
angewiesen, noch seltener findet sich die Einrichtung von Fabrikkantinen
in Verbindung mit ihm. Ins Wirtshaus zu gehen, dazu reichen selten die
Mittel, und der Weg nach Hause ist meist viel zu weit. Die Mglichkeit,
sich vor dem Essen zu waschen, die staubigen, von Oel, Leim und tausend
anderen Dingen beschmutzten Kleider mit reinen zu vertauschen, ist auch
nur selten in ausreichendem Mae gegeben, und so schlucken die armen
Geschpfe mit dem schlechten Essen Millionen Miasmen und Krankheitskeime
in sich hinein. Ein einziger Blick in das gemtliche Ezimmer des
Fabrikherrn mit den schmackhaften Gerichten und reinen Tellern auf dem
frisch gedeckten Tisch und in den schmutzigen Winkel, wo diejenigen, auf
deren Arbeit seine Behaglichkeit beruht, aus einer alten Blechkanne oder
einem irdenen Topf ihre Suppe oder ihr mit schlechter Butter und einer
Wurst, bei deren nherer Untersuchung wir schaudern wrden, belegtes
Brot verzehren, mte allein gengen, um das Verbrecherische der
herrschenden Wirtschaftsordnung einzusehen.

Folgen wir der Arbeiterin auch in ihr "Heim". Sie ist nur zu oft
gezwungen, eine Schlafstelle zu nehmen, wo sie nicht einmal auf ein
eigenes Bett Anspruch hat. Von 95365 Schlafleuten, die 1890 in Berlin
gezhlt wurden, waren 39 % in Wohnungen mit nur einem Raum
untergebracht[526], d.h. sie schliefen mit der ganzen Familie im selben
Zimmer. In einer groen Zahl von ihnen,--1885 wurden 607 der Art in
Berlin gezhlt,--hausten neben der Familie Schlafburschen und
Schlafmdchen, bis zu acht an der Zahl![527] In Leipzig fand sich solch
ein Raum mit folgenden Bewohnern: einen trunkschtigen Mann, einer
schwindschtigen Frau, drei Kindern und zwei Schlafmdchen.[528] Am
gnstigsten ist es noch fr sie, wenn in einem Bett zwei Schlafmdchen
zusammen schlafen, sehr hufig aber mssen sie ihr Lager mit den Kindern
ihrer Wirtsleute, ohne Unterschied des Geschlechts, teilen; in Belgien
hat eine Untersuchung der Arbeiter-Wohnungsverhltnisse sogar ergeben,
da jugendliche Arbeiter beiderlei Geschlechts auf ein gemeinsames Bett
angewiesen waren![529] Nicht nur, da die Arbeiter nur zu oft weniger
Luftraum im Zimmer haben, als die Gefangenen, sie haben nach des Tages
Last und Arbeit nicht einen Platz auf Erden, wo sie allein sein, wo sie
sich ausruhen und erholen knnen! Ja, das arme Schlafmdchen hat auer
den Nachtstunden nicht einmal einen Anspruch auf ihren Bettanteil; tags
ber ist der Raum, in dem sie mietete, Werkstatt, Kche, Kinderstube, in
dem fr sie kein Platz ist. So wird sie gezwungen, sich herumzutreiben,
so kommt es auch, da das Elend des Schlafstellenwesens sich zum
Grauenhaften steigern kann: die Mdchen bringen schlielich von ihren
zuerst erzwungenen, spter freiwilligen abendlichen Vergngungen ihre
Liebhaber mit nach Hause, und verkehren hier, durch den Zwang, die
intimsten Dinge tglich vor aller Augen zu verrichten, lngst aller
Scham entblt, ungestrt durch die Mitbewohner und die kleinen Kinder,
mit ihnen.[530] Die enorme Zunahme der unehelichen Kinder,--es giebt
Fabrikdistrikte, z.B. Schleswig und Chemnitz, wo sie an Zahl die
ehelichen bertreffen[531],--ist die Folge davon. Ist der Vater ein
Arbeitsgenosse der Mutter, so pflegt im allgemeinen die schlieliche
Heirat selbstverstndlich zu sein, denn selten nur kommt es vor, da ein
Arbeiter die Vaterschaft nicht anerkennt und die Geliebte verlt, er
wrde sich dadurch der Verachtung seiner Kollegen aussetzen.[532] Wie
oft aber fllt die Arbeiterin ihrem Vorgesetzten zum Opfer: Sie findet
keine Arbeit, wenn sie nicht mit ihrer Arbeitskraft ihre Ehre verkauft,
sie mu sich den Lsten der Werkfhrer, hufig auch der des Chefs selber
fgen, wenn sie sich nicht dem aussetzen will, bei der nchsten
Geschftsstockung ihre Stelle zu verlieren.[533] Und ihr ganzes
freudloses Dasein, das ihr, wenn sie ehrlich bleiben will, in
gleichfrmiger der Farblosigkeit verfliet, prdestiniert sie noch
dazu. Sie hat doch auch ein Recht auf Freude, und sie sehnt sich danach;
nicht blo der physische Hunger zwingt sie, sich von einem Liebhaber
untersttzen zu lassen[534], oder sich gelegentlich zu prostituieren,
der psychische thut es mit gleicher Gewalt. Liegt nicht gerade darin
eine furchtbare Grausamkeit, da das bichen Lebensfreude,--oft besteht
es in weiter nichts, als in ein paar bunten Fhnchen und reichlichen
Mahlzeiten,--von den Proletariermdchen so hufig nur durch Schande
erkauft werden kann?!

Ein Fabrikmdchen! Nasermpfend hrt man es oft sagen. Fr die Leute,
die mit reinen Kleidern am Familientisch sitzen und abends in ihr
eigenes warmes Bett kriechen, verbindet sich mit dem Wort der Gedanke an
krperlichen und sittlichen Schmutz. Sie wissen nicht, welch eine Summe
von Qual und Entbehrung und Hoffnungslosigkeit es ausdrckt, wie viel
heldenmtige Entsagung, von der nur manche stillen, frh gealterten
Gesichter Zeugnis ablegen, hinter ihm steckt, welch namenloses Unglck
ihm anhaftet, und sie sehen nicht, oder wollen nicht sehen, welch eine
Anklage gegen sie und ihresgleichen aus diesen Worten emporwchst.

Der niedrige Lohn ist aber nicht die einzige Arbeitsbedingung, die
verheerend auf das Leben der Arbeiterin einwirkt. Neben ihn, als der
Hauptgrundlage der Existenz, dem bestimmenden Faktor fr die physische
und geistige Entwicklungsmglichkeit, tritt die Zeit, die aufgebracht
werden mu, um ihn zu verdienen, als zweitwichtiges Moment hinzu. Die
Frauen in der Groindustrie genieen fast berall den Vorzug, da die
Stunden, die sie dem Erwerb widmen, gesetzlich geregelt sind. Fr sie
besteht, in der Theorie wenigstens, der zehn- oder elfstndige
Maximalarbeitstag und teilweises Verbot der Nachtarbeit, in der Praxis
aber wird er nicht nur durch die sehr weitgehende Erlaubnis seiner
Ausdehnung durch Ueberstunden, sondern auch durch die infolge der
mangelhaften Kontrolle leicht mgliche Uebertretung der gesetzlichen
Vorschriften vielfach berschritten. Nach den deutschen
Gewerbeaufsichtsberichten fr 1899 wurden fr rund 184000 Arbeiterinnen
nicht weniger als 3 Millionen Ueberstunden bewilligt.[535]

Die vielen Uebertretungen der gesetzlichen Arbeitszeit, die den Beamten
berhaupt gar nicht zur Kenntnis kommen, wrden diese Zahl gewi mehr
als verdoppeln. Was aber die gesetzlichen Vorschriften vollends fast
illusorisch macht, das ist die Gewohnheit der Unternehmer, den
Arbeiterinnen noch Arbeit mit nach Hause zu geben, und die
Bereitwilligkeit der Arbeiterinnen, dadurch ihren Lohn ein wenig zu
erhhen. Auf diese Weise verlngert sich die Arbeitszeit ins
ungemessene. In Verbindung mit der schlechten Ernhrung untergraben
diese Verhltnisse die Gesundheit der Frauen schon im ersten Lenz ihres
Lebens. Gerade in der Entwicklungszeit, wo der Krper des Weibes sich zu
seiner schnsten Bestimmung, der Mutterschaft, vorbereitet, wo er durch
geeignete Abwechselung von Ruhe und Bewegung, durch frische Luft und
gesunde Nahrung gesthlt werden mte, wird er dazu verdammt, mindestens
zehn Stunden lang in Staub und Hitze hintereinander zu stehen, oder zu
sitzen, Maschine zu treten oder sonst eine gleichfrmige, nur bestimmte
Muskeln ausbildende Bewegung auszufhren. Die Bleichsucht, mit ihrem
Gefolge von Reizung zur Lungenschwindsucht, Unterleibskrankheiten und
geistiger Depression, Verkrmmung des Rckgrats und der Beine u. dergl.
mehr, halten daher ihren unaufhaltsamen Siegeszug unter den
Proletariermdchen.[536]

In solchen Betrieben, wo sehr vollkommene technische Einrichtungen eine
groe Produktion auch ohne Ausnutzung der Arbeitszeit bis an die Grenze
des gesetzlich Zulssigen ermglichen, tritt die Tendenz der
freiwilligen Verkrzung der Arbeitszeit hervor.[537] Das gilt auch fr
einen Teil der Textilindustrie und kommt insofern auch den Frauen zu
Gute. Fr Frankreich und England lt sich die gleiche Entwicklung
verfolgen, aber ihr Tempo ist ein sehr langsames. Die menschliche
Arbeitskraft, und besonders die weibliche, ist hufig, selbst bei
geringerer Leistungsfhigkeit, noch viel billiger, als ihre teilweise
Ersetzung durch Maschinen. Die gesetzwidrige Verlngerung der
Arbeitszeit drfte daher immer noch viel hufiger vorkommen, als ihre
Verkrzung, und zwar vor allem in den Betrieben, wo die Frauen mit ihrer
stumpfen Resignation, ihrem Mangel an energischen Solidarittsgefhl
sich zusammendrngen. Aber selbst die Einhaltung des Zehn- resp.
Elfstundentags vorausgesetzt, ist der weibliche Arbeiter, verglichen mit
dem mnnlichen, immer noch im Nachteil, weil die Mehrzahl der Frauen mit
der Berufsarbeit nicht die Arbeit berhaupt, die auszufhren ihnen
obliegt, erledigt haben. Nicht nur, da es Arbeiterinnen giebt, die, um
einen Teil der Miete zu sparen, ihrer Wirtin im Haushalt, bei den
Kindern, oder, wie es hufig vorkommt, in irgend einem Zweige der
Heimarbeit helfen,--eine "Hilfe", die oft nicht ganz freiwillig
ist,--fr fast alle die, welche bei den Eltern wohnen, ist die
Hausarbeit neben der Erwerbsarbeit etwas Selbstverstndliches. So wird
der zehn- oder elfstndige Arbeitstag zum dreizehn-, vierzehn- und
mehrstndigen und der Sonntag wird noch dazu oft der Reinigung und
Instandhaltung der Kleidung gewidmet. Denn darauf hlt auch die rmste
Arbeiterin; in dem bunten Band, womit sie ihre Taille grtet, in den
Blumen, die sie auf ihren Hut steckt, in dem mglichst modernen Kleid,
womit sie auf den Tanzboden geht, konzentriert sich hufig all ihre
Lebensfreude, der sie sogar leichten Herzens auch das bichen krftige
Nahrung opfert, die sie sich sonst vielleicht gnnen knnte. Engherzige
Puritaner schlagen wohl ber die "Putzsucht" der Arbeiterin die Hnde
ber dem Kopf zusammen; das Recht auf Jugend, das man den Mdchen der
wohlhabenden Bevlkerung voller Wohlwollen und sogar voll freudiger
Genugthuung zuerkennt, soll fr sie durchaus keine Geltung haben. Und
dabei bedenkt man nicht einmal, da der Proletarierin fr andere
Gensse, fr deren Verstndnis man die brgerliche Jugend von frh an
erzieht, die Aufnahmefhigkeit fehlt. Was dem Arbeiter Bier und
Branntwein, das ist der Arbeiterin Putz und Tand: oft die einzig
erreichbare Lebensfreude.

Niedriger Lohn und lange Arbeitszeit sorgen schon dafr, da sie nicht
ppig ins Kraut schiet, und die traurigen sanitren Verhltnisse in
Werkstatt und Fabrik nehmen ihr vollends frhzeitig das Sonnenlicht, in
dem sie allein gedeihen kann. Auch darin ist der Arbeiter in gnstigerer
Lage, als die Arbeiterin: Bei dem weiblichen Geschlecht hat sich bisher
berall eine strkere Empfnglichkeit fr die Schdlichkeiten gewisser
Gewerbe herausgestellt, sowohl der Staub, als vor allem die Giftstoffe,
die sie einatmet, wirken strker auf sie, als auf den Mann[538], auch
Betriebsunfllen ist sie in hherem Mae ausgesetzt. Die Grnde dafr
sind vielfach rein uerlicher Natur: In den langen Kleidern und den
leider immer noch blichen vielen Unterrcken, in den unbedeckten
langen Haaren knnen sich unendlich mehr jener schdlichen
Fremdkrperchen festsetzen, als bei den Mnnern. Ein Wechseln der
Kleidung verbietet sich schon dadurch oft von selbst, da die Arbeiterin
nur einen Arbeitsanzug hat, hufig aber wird es unterlassen, weil es an
einem geeigneten Umkleideraum fehlt. Oft trennt ihn nur ein leichter
Vorhang von dem der Mnner, oder dem Arbeitssaal, oft ist er in diesem
selbst, wo die Arbeiterin ihre Sachen, die sie schonen mu, gar nicht
hinhngen mag. Aus hnlichen Grnden unterdrckt sie nur zu oft zum
Schaden ihrer Gesundheit natrliche Funktionen ihres Krpers, weil das
Kloset teils unverschliebar in nchster Nhe des von den Mnnern
benutzten liegt, teils, weil es in einem unbeschreiblichen Zustand sich
befindet.

Alle Industriezweige fast, in denen Frauen beschftigt sind, bringen
besondere Gefahren fr Leben und Gesundheit mit sich. Werfen wir
zunchst einen Blick auf die Textilindustrie und treten wir in eine
Spinnerei: Mit heiem Wasserdampf ist die Luft gesttigt, auf dem
Steinboden steht das Wasser, ein ekelhafter Geruch erhebt sich aus dem
Spinnwasser, das die Abflle und leimigen Substanzen des Gespinstes
aufnimmt. Mit Hnden und Vorderarmen arbeitet die Spinnerin in der
unreinen, klebrigen Flssigkeit; eiternde Geschwre an Hnden und Armen,
schwere Augenentzndungen stellen sich infolgedessen hufig ein. Mit
bloen Fen steht sie auf dauernd nassem Boden, ungengend bekleidet
vertauscht sie dann den Aufenthalt im glhenden Arbeitsraum womglich
mit der Winterklte drauen,--rheumatische Krankheiten,
Unterleibsentzndungen sind die Folge.[539] Dauernder Druck auf
besonders empfindliche Teile fhren zu frhzeitigen Erkrankungen der
Geschlechtsorgane.[540] In kleineren Betrieben wird zur Entfettung roher
Wolle fauliger Urin verwendet. Ein pestilenzialischer Geruch erfllt
daher die Luft, Ekzeme, Furunkeln zeigen sich an den Hnden der
Arbeiterinnen. Wo man zu demselben Zweck Schwefelkohlenstoff gebraucht,
treten Vergiftungserscheinungen auf, die bis zur vlligen geistigen
Umnachtung fhren knnen.[541] In den Wollkmmereien herrschen tropische
Glut und ekelerregende Ausdnstungen; die Gasrume der Seidenfabriken
wetteifern mit ihnen, was die Hitze betrifft, und vergiften die
Arbeiterinnen durch das Ausstrmen des Gases.[542] Die Fabrikation von
Kunstwolle und von grauer Watte erweist sich als ein Herd furchtbarer
Krankheiten: Die Verlesung der Lumpen, aus denen die Kunstwolle gemacht
wird, wirbelt Millionen Bakterien auf, Infektionskrankheiten schlimmster
Art, chronische Bronchialkatarrhe berfallen heimtckisch die
Arbeiterinnen, die sogenannte Hadernkrankheit, die mit starkem Fieber
beginnt und im Starrkrampf endet, ttet sie in wenigen Tagen. Das
Sortieren der Abflle zur Herstellung grauer Watte ist noch ekelhafter:
findet sich doch sogar gebrauchte Verbandwatte darunter![543] Mit
wunden, eiternden Fingern stehen die Andreherinnen in den Webereien am
Webstuhl, bis die Kraft sie verlt[544]; zerstrend wirkt das Blei, das
in gefrbter Baumwolle sich meist befindet, auf die Weberinnen, und
strker noch auf die Arbeiterinnen in der Spitzenfabrikation. Wohl giebt
es gefahrlose Mittel, um den feinsten Erzeugnissen der Textilindustrie
Glanz und Appretur zu verleihen, aber sie sind teuer und so wird
Bleiwei dazu verwandt, ohne Rcksicht auf Leben und Gesundheit; den
Unternehmer ficht es nicht an, ob seinen "Hnden" die Arbeit entsinkt,
er findet Ersatz genug! In Webereien, in der Fabrikation von Kartons und
buntem Papier und knstlichen Blumen, bei der Polierarbeit in der
Fabrikation eiserner Bettstellen strmt das Gift in die Atmungsorgane,
in die Poren der Frau und wird mit ihren Kleidern in ihr Heim getragen;
ja es kommt vor, da sie es mit dem Essen zu sich nimmt, weil kein
anderer Raum als der Arbeitssaal ihnen dafr zur Verfgung steht.[545]
Koliken, Magenerkrankungen, Kopfleiden sind die Folge. In den
Bleiweifabriken erreichen diese Leiden den hchsten Grad: epileptische
Krmpfe, Erblindungen, teilweiser Verlust der Sprache sind Zeichen des
letzten Stadiums der Bleivergiftung, die zum Wahnsinn oder zum Tode
fhren kann.[546] Der Schwefelkohlenstoff in der Kautschukfabrikation
fhrt zu hnlichen Erscheinungen, nur mit der Variation, da Lhmungen
der Geschlechtsorgane schlielich hinzutreten knnen.[547]

Eine groe Zahl von Frauen beschftigt, wie wir gesehen haben, die
Tabakindustrie. Ihre Arbeiter sind die am schlechtesten bezahlten und
die schwchsten von allen. Schon nach den ersten sechs Monaten der
Beschftigung erkranken von 100 72 an Nikotinvergiftung. Besonders bei
den jngeren Arbeiterinnen stellen sich als Folge Nerven- und
Magenleiden und Erkrankungen der Geschlechtsorgane ein.[548] Wie dies
Gift den Krper von innen zerstrt, zerstrt das Phosphor in der
Zndholzfabrikation ihn von auen: zu einer grauenhaften Maske wird das
Antlitz der Frau durch die Kiefernekrose, die zuerst die Zhne und dann
den Kiefer zerfrit.[549]

Wir sind noch nicht am Ende: Die Zieglerkrankheit, die Anmie, ergreift
mnnliche wie weibliche Ziegelarbeiter, besonders, wenn ihr Schlafraum
sich auf der Oberflche von Ringfenanlagen befindet, aus denen
unaufhrlich giftige Dmpfe entweichen. Die Lunge der Porzellanarbeiter,
besonders der Frauen, die den Arbeitsraum auskehren, fllt sich durch
Einatmung des scharfen Kieselstaubes mit frmlichen Steinen,
schwrzliche Steine bilden den Auswurf.[550] Kein Leiden aber erreicht
das der Quecksilberarbeiterin: sehr bald schon wird ihr Gesicht
aschfahl, die Augen trb, der Gang schwankend, wie der eines
Rckenmarkleidenden. Bei dem Anblick eines Fremden berfllt sie
konvulsivisches Zittern; das krgliche Mahl vermag sie kaum zum Munde zu
fhren, die Sprache versagt oft ihre Dienste, in erschreckender Weise
nehmen die Geistesfhigkeiten ab, bis zum letzten Stadium, dem Bldsinn.
Jeder geht ihr aus dem Wege, denn der Speichelflu macht ihren Anblick
widerlich und vor dem Hauch ihres Mundes prallt man zurck.[551]

Aber nicht nur die Gifte vernichten Gesundheit und Krperkraft. Dem
"schwachen" Geschlecht werden Lasten auf die Schultern gelegt, die es zu
Boden werfen. In Steinbrchen, Porzellanfabriken, Ziegeleien, selbst bei
Bauten schleppen oder schieben sie schwerbeladene Trge und Schubkarren;
in Zuckerfabriken tragen sie tglich whrend zehn Stunden bis zu 800 je
16 Kilogramm schwere Kisten zu den Schlagmaschinen.[552] In den
Spinnereien und Webereien stehen sie oft whrend elf und zwlf Stunden;
geschwollene Fe, Krampfadern, Nieren- und Unterleibsleiden zeugen
davon.

Und nun jener eigentlichste Frauenberuf: die Maschinennherei! In
gebckter Stellung sitzen die Armen an ihrer rasselnden Tyrannin,
unausgesetzt bewegen sich die Beine auf und nieder. Junge und Alte,
Kranke und Gesunde--alle glauben sich fhig zu dieser mrderlichen
Arbeit, die schlielich auch die strkste Konstitution untergrbt. Ein
Lyoner Fabrikant sagte einmal: "Ich beschftige nur Mdchen von sechzehn
bis achtzehn Jahren an der Nhmaschine, sind sie erst zwanzig, so sind
sie reif fr's Hospiz."[553] Und er hat nicht bertrieben. Die
Bleichsucht in all ihren Stadien, Unterleibsleiden, Lagevernderungen
der Gebrmutter, die eine Mutterschaft fast unmglich machen,
neurasthenische Erkrankungen aller Art, suchen die Frauen heim als bse
Gste.[554] Wohl hat die Technik, wie berall so auch hier, ein Mittel
zur Hilfe geschaffen: statt durch die Fe der Nherinnen kann die
Maschine durch Dampf oder Elektrizitt in Bewegung gesetzt werden, aber
die Einrichtung ist den Unternehmern nicht lohnend, denn mit derselben
Schnelligkeit fast treibt die durch die Not vorwrts gepeitschte
Menschenkraft die Rder, als die motorische Kraft es thun wrde, und
der Profit ist der einzige ausschlaggebende Faktor.

Furchtbarer als Dantes Hlle ist diese Welt der Arbeit, bevlkert mit
bleichen Gestalten, die sich auf wunden Fen nur schwer fortbewegen,
deren Hnde, aus denen Behaglichkeit, Wrme, Schnheit, Nahrung,
Kleidung fr die glcklicheren Menschen hervorgehen, bluten und
schwren, deren Rcken gekrmmt, deren Glieder zerfressen sind von
Giften, aus deren irren Blicken oft der Wahnsinn starrt. Und doch fehlt
zur Vollendung des Bildes noch eins: dichte Wolken von Staub umhllen
die Gestalten,--Staub aus scharfem Metall, aus Pflanzenfasern und
Tierhaaren, mit Gift und Krankheitskeimen durchsetzt. Er verdichtet sich
vor unseren Augen zu dem riesigen, hohlwangigen Gespenst, das in den
Proletariervierteln sein Wesen treibt: der Lungenschwindsucht. Wer kann
sagen, in welchem Industriezweig es am meisten zu Hause ist: bei den
Textilarbeitern, bei den Tabakarbeitern, bei den Tpfern?! Es herrscht
berall, wo die Jagd nach Gewinn rcksichtslos ber Menschenleichen
dahinbraust!

Kann es noch schwereres Leiden geben, als das, was an uns vorberzog? O
ja; und es findet sich dort, wo es die Frau nicht mehr allein, sondern
durch sie auch ihre Kinder trifft. Das Mdchen trumt noch von der
Zukunft; es glaubt, die Ehe wird sie aus dem Arbeitsjoch erlsen, darum
bringt es seinem Beruf bei weitem nicht das Interesse entgegen, das der
Mann ihm entgegenbringt, fr den er zum ausschlielichen Lebensberuf
werden soll; die Frau aber hat keine Hoffnung mehr auf Befreiung. Und
ihre Not verschrft sich ins unertrgliche durch den Anblick der Not
ihrer Kinder. Wie hufig hrt man angesichts des Elends sagen: Die Leute
sinds nicht anders gewhnt, sie spren es nicht. So richtig es nun auch
sein mag, da die im Elend Geborenen nicht die Empfindung dafr haben,
wie die, welche erst hineingestoen wurden, so falsch ist es, da irgend
eine Mutter in der Welt, und wre es die allerrmste, sich jemals an das
Leid ihrer Kinder gewhnen wird. Kinderleid ist das grte auf Erden,
weil es die Unschuldigen und die Wehrlosen trifft.

Nach allgemeiner Annahme kann in Deutschland eine aus Mann, Frau und
zwei Kindern bestehende Arbeiterfamilie mit 1500 Mk. im Jahre die
notwendigsten Bedrfnisse decken.[555] Eine auskmmliche Lebenshaltung,
bei der aber von einer Befriedigung hherer Bedrfnisse,--Kunst,
Theater, Natur,--auch nur in ganz geringem Umfang die Rede sein kann,
ist erst mit einer jhrlichen Einnahme von 2000 Mk. mglich.[556] Es
mte demnach fr den ersten Fall eine tgliche Einnahme,--ohne
Unterbrechung!--von fnf Mark, im zweiten eine von fast sieben Mark
gesichert sein. Das davon nur in Ausnahmefllen die Rede sein kann,
lehrt ein Blick auf unsere Lohntabellen. Aeuerst selten nur erreicht
der Mann allein solch einen Verdienst, aber selbst die Mitarbeit der
Frau, die sich, nach diesem Mastab gemessen, als unbedingt notwendig
erweist, kann ihn nicht gewhrleisten. Einnahmen von 800 bis 1000 Mk.
gelten in Proletarierkreisen schon als gute. Sie sind vollstndig
unzureichend und auch die von 1000 bis 1500 Mk. sind es, sobald mehr als
zwei Kinder zu erhalten sind. Es klingt geradezu wie Wahnsinn, und doch
ist es Thatsache: je mehr Kinder die Familie besitzt, je mehr also die
Mutter zu Hause ntig ist, desto notwendiger mu sie in die Fabrik. Und
doch kann sie sich und ihren Kindern dadurch noch kein einigermaen
behagliches Leben erkaufen. Der Grund- und Boden- und der Huserwucher
verschlingt zum groen Teil, was sie erwirbt, und lt ihr dafr eine
elende Behausung, die den Namen Wohnung nicht verdient. Schon im Jahre
1880 wurde in deutschen Grostdten eine erschreckende Zahl
bervlkerter Wohnungen konstatiert[557]; die Untersuchungen des Vereins
fr Sozialpolitik deckten entsetzliche Zustnde auf, die vielleicht nur
noch von denen in Wien bertroffen wurden.[558] Hier wurde z.B. ein
Zimmer mit Kche von einer Witwe mit sechs Kindern und zwei Schlafleuten
bewohnt, die sich alle in drei Betten, einem Kinderbett und einem Sofa
teilten; in einer Kammer mit einem einzigen Fenster nach dem Flur hauste
ein Ehepaar mit vier Kindern, in einer anderen von 13 qm Bodenflche,
fand sich eine siebenkpfige Familie! Parterrewohnungen in
Hinterhusern, die mit dem engen Hofe auf gleicher Hhe liegen, im
Sommer heie, im Winter eisigkalte Dachkammern, Wohnungen mit nur einem
heizbaren Raum, oder ganz ohne Kche, sogenannte Kochstuben, als
einzigen Raum[559],--das sind die Wohnungen, in denen das Familienleben
der Arbeiter sich abspielen und gedeihen soll! Und doch sind auch diese
vielfach noch unerschwingbar fr ihren schwindschtigen Beutel. In
Nrnberg kostet der qm Wohnraum in den kleinsten Wohnungen 7,70 Mk., in
den grten 4,36 Mk., in Basel im mittleren Stockwerk 3,04, im
Dachgescho 4,15 Mk.[560] In den Fabrikstdten Nordbhmens kostet ein
cbm Luftraum jhrlich nur um eine Kleinigkeit weniger, als in den
Palsten der Wiener Ringstrae.[561] Nach einer Zusammenstellung des
Gewerbeaufsichtsbeamten fr Sachsen-Koburg-Gotha schwankte die Summe,
die der Arbeiter zur Bestreitung seiner Wohnungsmiete zu verausgaben
hat, zwischen 20 und 38 % seines Arbeitslohnes; er mte bis zu 57 Tagen
arbeiten, um allein den Mietspreis zu verdienen, whrend fr die
begterten Schichten der Bevlkerung die Ausgabe fr Wohnungsmiete im
allgemeinen mit zehn bis hchstens zwanzig Prozent des Einkommens
angesetzt wird.[562] Die Armen haben also fr ihre elende Wohnung
relativ mehr zu bezahlen, als die Reichen, und sind daher gezwungen, sie
mit Fremden, Aftermietern und Schlafleuten zu teilen, ihre Kinder nicht
nur ohne Luft und Licht aufwachsen zu lassen, sondern sie auch noch der
moralischen Vergiftung auszusetzen. Und wie sieht der Haushalt aus, wenn
die Hausfrau in die Fabrik gehen mu. Am frhen Morgen, hufig ehe die
Kinder erwachen, mu sie zur Arbeitsstelle eilen. Die ein- bis
einundeinhalbstndige Mittagspause, die ihr in Deutschland gesetzlich
gewhrleistet wird, reicht nicht immer aus, um heimzukehren, und
niemals um, wie die Gewerbeordnung prahlend sagt, den Haushalt zu
besorgen. Bestenfalls wird das abends vorher zusammengekochte Essen
aufgewrmt, oder das vom Morgen an langsam auf dem Grudeofen brodelnde
auf den Tisch gestellt, in beiden Fllen ist aus den an sich schon
minderwertigen Speisen der Nhrwert entflohen. Am hufigsten begngt
sich die ganze Familie bis zur Heimkehr der Mutter am Abend mit
Butterbrot und Kaffee, dann erst bereitet die bermdete Frau die
Hauptmahlzeit, dann erst, nach zehn-, elf-, auch dreizehnstndiger
Arbeit, beginnt ihre husliche Thtigkeit. Sie nht und flickt und
wscht und scheuert, wenn sie gewissenhaft ist, so da ihr kaum fnf
Stunden zum Schlafen brig bleiben. Vorzeitiges Altern, geistige und
krperliche Erschpfung sind die Folgen. Oder sie kmmert sich um nichts
mehr, wenn die Arbeit sie schon stumpfsinnig und gleichgltig gemacht
hat: dann verwahrlost die Wirtschaft und die Kinder. Zwischen diesen
beiden Wegen allein hat sie zu whlen! Wie oft sie den ersten whlt,
dafr spricht die Bewunderung, mit der die gewi wenig enthusiastischen
deutschen Fabrikinspektoren von der Willensstrke, dem Opfermut und der
unermdlichen Arbeitskraft der verheirateten Arbeiterinnen reden.[563]
Aber selbst mit der Hingabe ihrer Krfte knnen sie dem Haushalt nicht
die Leiterin, den Kindern nicht die Mutter ersetzen.

Eine grndliche Statistik der Kinderzahl der Arbeiterinnen giebt es
leider nicht. Die deutschen Erhebungen der Gewerbeaufsichtsbeamten fr
das Jahr 1899 sind nach dieser Richtung vllig ungengend. Nur in
siebzehn Bezirken von 78 wurden Untersuchungen darber angestellt, und
auch hier handelt es sich lediglich um Stichproben. Sie werfen
aber immerhin gengendes Licht in dieses dunkle Bereich des
Proletarierlebens; die folgende Tabelle bietet eine Zusammenstellung
aller Ergebnisse:

               |Anzahl |Von diesen|      Von den Kindern waren
    Bezirk     |der be-|  Frauen  |---------------------------------
               |fragten|  hatten  |noch nicht|  schul-   |  schul-
               |Frauen |  Kinder  |  schul-  |pflichtig  |entlassen
               |       |          |pflichtig |           |
               |       |       |  |       |  |       |   |       |
               |       |absolut|% |absolut|% |absolut| % |absolut| %
---------------+-------+-------+--+-------+--+-------+---+-------+--
Oppeln         |    -- |  1057 |--|   765 |35|   886 | 41|   509 |24
Magdeburg      |  2680 |  1858 |70|  1283 |31|  1878 | 45|   996 |24
Minden         |  1120 |   701 |63|   703 |46|   804 | 54|    -- |--
               |       |       |  |`------v-------------|       |
Aachen         |  2412 |  1576 |65|  2859 |82|       |   |   643 |18
Sigmaringen    |    56 |    29 |52|    37 |55|    21 | 31|     9 |14
Anhalt         |    -- |   805 |--|   511 |28|   742 | 41|   577 |31
Bremen         |   541 |   411 |76|   428 |41|   628 | 59|    -- |--
Wrttemberg III|   175 |   147 |84|   154 |47|    77 | 23|    97 |30
               |       |       |  |`---------------v---------------
Darmstadt      |   848 |   522 |62|       |  |  1513 |   |       |
Offenbach      |   843 |   568 |67|    -- |--|    -- | --|    -- |--
Gieen         |   510 |   420 |82|   318 |32|   352 | 35|   328 |33
Oberbayern     |   641 |   347 |54|  1231 |54|   844 | 37|   188 | 9
               |       |       |  |`----------------v--------------
Niederbayern   |   329 |   232 |74|       |  |   690 |   |       |
               |       |       |  |`----------------v--------------
Pfalz          |  1978 |  1348 |70|       |  |  3208 |   |       |
Oberpfalz      |   213 |   165 |77|   143 |37|   154 | 39|    93 |24
               |       |       |  |`----------------v--------------
Unterpfalz     |   388 |   272 |70|       |  |   578 |   |       |
               |       |       |  |`----------------v--------------
Zittau         |  4494 |  2523 |56|       |  |  4484 |   |       |

Aus der umstehenden Tabelle geht hervor, da 65 % aller Frauen Kinder
haben; auf 100 Frauen kommen im ganzen 231 Kinder, darunter 90 Kinder
unter 6 Jahren, 108 Kinder unter 14 Jahren, im allgemeinen 201 Kinder,
die noch nicht der Schule entwachsen sind. Legen wir denselben Mastab
an smtliche verheiratete Arbeiterinnen an, wie die deutsche
Berufszhlung von 1895 sie zhlte, so haben 149067 Frauen, d.h. 65 %
aller verheirateten Arbeiterinnen, 334345 Kinder, von denen 299625 noch
zu Hause sind. Diese Zahl ist aber noch viel zu niedrig gegriffen, weil
die ledigen Mtter und deren Kinder nicht mit eingerechnet sind. Es
drfte wohl kaum bertrieben sein, wenn wir sagen, da etwa eine halbe
Million Kinder unter 14 Jahren in Deutschland Arbeiterinnen zu Mttern
haben, also so gut wie mutterlos aufwachsen. Diese Mutterlosigkeit
beginnt schon in der allerersten Lebenszeit der Suglinge: Kaum vier
Wochen nach der Geburt mu die Mutter wieder zur Arbeit zurck, ja wo
die Not gro ist, versucht sie noch viel frher etwas zu verdienen,
indem sie, solange die Thore der Fabrik ihr noch verschlossen sind,
durch Waschen, Nhen oder Reinemachen das Ntigste zum Leben zu schaffen
versucht. Die Nahrung, die eine gtige Natur dem mtterlichen Weibe fr
das hilflose kleine Wesen mit auf den Weg gab, versiegt fast ungenutzt;
noch hufiger wohl hat die Ueberanstrengung und schlechte Ernhrung
whrend der Entwicklungsjahre des Mdchens und whrend der
Schwangerschaft sie gar nicht in Erscheinung treten lassen. Statt dessen
wurde im Mutterleibe schon das Kind vergiftet; man hat im Fruchtwasser,
wie im Ftus all diejenigen Gifte gefunden, die durch die Lunge und
durch die Poren in den Krper der Arbeiterin eindringen: Blei,
Quecksilber, Phosphor, Jod, Anilin und Nikotin; hufig schdigen sie
sogar die Frucht mehr als die Mutter[564], und fr die Erblichkeit der
Tuberkulose, jener eigentlichen Proletarierkrankheit, spricht deutlicher
als das Urteil medizinischer Autoritten ein Blick auf die Kinder in den
Proletariervierteln.

Eine erschreckend hohe Sterblichkeit, besonders der Suglinge, ist die
Folge der ursprnglichen Infizierung und der Entziehung der Muttermilch.
Nur sieben von tausend mit Muttermilch genhrten Kindern pflegen im
ersten Lebensjahr zu sterben, von 1000 mit Tiermilch und Milchsurrogaten
genhrten dagegen 125, und zu ihnen gehren die meisten Arbeiterkinder.
Nur 8 % der Kinder der hheren Stnde sterben im ersten Lebensjahr, fr
die Kinder des Proletariats steigt die Sterbeziffer bis auf 30 %[565] Im
reichsten Wiener Stadtviertel kommt ein Todesfall im ersten Lebensjahr
auf 870 Bewohner, im Arbeiterviertel dagegen schon auf 71. Im
wohlhabenden Viertel der Berliner Friedrichstadt starben von 1000
Suglingen 148, im armen des Wedding 346.[566] In den Fabrikbezirken am
Niederrhein starb die Hlfte der Arbeiterkinder im ersten
Lebensjahr[567]; die verheirateten Fabrikarbeiterinnen von Massachusetts
verloren 23 % ihrer Kinder im gleichen Alter.[568] Wie sehr die
Suglingssterblichkeit mit der Zunahme der Frauenarbeit im Zusammenhang
steht, geht aus seinem Wachstum in den Industriezentren hervor. In
Berlin ist sie whrend eines vierjhrigen Zeitraumes fast um das
Doppelte[569], in Plauen von 33 % im Jahre 1800 auf 43 % im Jahre 1899
gestiegen.[570] Die Beschftigungsarten der Mtter sind dabei von
grtem Einflu In Bezirken der englischen Textilindustrie starben von
100 22, in denen der deutschen 38 Suglinge im ersten Lebensjahr.[571]
Von 100 Kindern der Berliner Papierwarenindustrie starben nicht weniger
als 48 im Suglingsalter.[572] Der hchste Prozentsatz der
Suglingssterblichkeit findet sich aber unter den Kindern der
Quecksilber- und Tabakarbeiterinnen: 65 von 100 lebend Geborenen sind
dem Tode verfallen[573], noch viel mehr erblicken gar nicht das Licht
der Welt. Es ist eine alte Erfahrung, da Frauen, welche Kinder haben
wollen und sich schwanger fhlen, die Tabakfabrik verlassen, whrend
schwangere Mdchen darin Arbeit suchen, weil nur selten Kinder von
Tabakarbeiterinnen lebend zur Welt kommen. Und wenn sie leben, sind sie
meist gezeichnet vom ersten Augenblick an, oder sie trinken sich den Tod
aus den Brsten der Mtter, deren Milch von Nikotin durchsetzt ist.[574]
Dabei beschftigt die Tabakindustrie nchst der Textilindustrie die
meisten Frauen! Furchtbar sind die Opfer des Quecksilbers; selten kommen
Kinder lebendig zur Welt. So war ein Frther Spiegelbeleger dreimal mit
Arbeitsgenossinnen verheiratet, von allen hatte er Kinder, kein einziges
lebte und auch die Mtter starben smtlich an der Auszehrung.[575] In
einem anderen Fall hatte eine Arbeiterin bei zehn Schwangerschaften acht
Fehlgeburten, eine Totgeburt und nur ein lebendes Kind, das nach fnf
Monaten starb. Aehnlich vernichtend wirkt z.B. das Gas, wie in
Plttereien, Glasblsereien u.s.w., auf das keimende Leben. Wo es nicht
geschieht, wchst ein skrophulses, rachitisches, schwachsinniges Kind
heran.[576] So werden dem Moloch des Kapitalismus Hekatomben
unschuldiger Kinder geopfert! Wachsen sie gesund auf, so werden die
Gefahren, die sie bedrohen, nicht geringer. Die Strae ist ihr
Spielplatz, ihre Erziehungsanstalt; da sie, besonders in den
Grostdten, keinen gnstigen Einflu bt, da der physische und
moralische Schmutz, den sie vielfach ausstrmt, an den Kindern hngen
bleiben kann, bedarf keines Beweises. Die arme Mutter ist diesen
Gefahren gegenber nicht blind. Sie mchte ihre Kinder davor behten und
kommt oft auf die seltsamsten Auskunftsmittel: sie schliet die Kinder
bis zu ihrer Rckkehr im Zimmer ein, sie bindet sie im Bettchen fest,
sie wird grausam aus lauter ngstlicher, vorsorglicher Liebe. Und dann
kommt es zu jenen schrecklichen Unglcksfllen, von denen die Zeitungen
so hufig berichten, und denen gegenber der behbige Brger nicht genug
ber die "Roheit" der proletarischen Mtter zetern kann. Die armen
Kleinen kommen dem Ofen zu nahe und verbrennen, sie greifen in das
Waschfa, verlieren das Gleichgewicht und ertrinken, sie klettern zum
Fenster, um doch wenigstens durch das Hinausschauen die Langeweile zu
vertreiben--Spielzeug, das sie beschftigen knnte, haben sie ja
nicht--und strzen kopfber auf den Hof, sie verwickeln sich im Bettchen
und die Mutter findet, heimkehrend, ihr Jngstes erstickt unter dem
Kissen.

Neben all diesen ueren und inneren Gefahren, die die Kinder der
Proletarierin umdrohen, wenn die Mutter fern ist, giebt es aber noch
andere, denen sie unterworfen sind, wenn die Mutter heimkehrt. Sie hat
auch dann keine Zeit fr ihre Kinder. Einen erzieherischen Einflu auf
sie kann sie nur in oberflchlichster Weise ausben. Sie hat keine Ruhe,
um ihre Wesen zu beobachten, sie ist geistig infolge all der
unausgesetzten Arbeit zu stumpf geworden, um den kindlichen Geist durch
den ihren zu befruchten. Verlassen die Kinder ihr Haus, so hat sie
ihnen meist nichts, was ihr inneres Leben erfllen und begeistern
knnte, mit auf den Weg zu geben. Sie war schon eine gute Mutter, wenn
sie sie rein und ordentlich hielt, ihnen ausreichend zu essen gab und
sie nicht betteln schickte. Aber eine Freundin der heranwachsenden
Kinder hat sie nur in seltenen Fllen zu werden vermocht. Und doch
beruht gerade auf dem geistigen und sittlichen Einflu der Mutter ein
gut Teil der Entwicklung der jungen Generation. Den Samen, den sie in
Herz und Geist der Kinder streut, kann kein Lebenssturm vllig verwehen,
aus ihm wchst hufig der starke Baum empor, der dem erwachsenen
Menschen den einzigen Schutz gewhrt. So wird die Ueberlastung der
Mutter zum Fluch fr die Kinder und fr die Gesellschaft, deren Glieder
sie sind, deren gute und schlechte Entwicklung mit von ihnen abhngt.

Aber auch der Mann hat unter der Erwerbsarbeit seines Weibes zu leiden:
sie hat auch fr ihn keine Zeit. Die kurzen Stunden, die sie daheim
verbringt, mu sie der Haushaltung und den Kindern widmen. Ist die
Arbeit gethan, so sinkt sie mde aufs Bett, unfhig, an anderen Dingen
teil zu nehmen als an den tglichen, sie umdrngenden Sorgen. So wird
sie oft dem Manne fremd und fremder, sie versteht seine Interessen nicht
und sie bekmpft sie, sobald sie auch nur ein paar Groschen kosten.
Gelangweilt, verrgert, von der unordentlichen Wirtschaft und dem
schlechten Essen angewidert, sucht so mancher seine Zuflucht mehr und
mehr in der Kneipe und im Alkoholgenu.

Fr die Frau persnlich bedeutet die Ueberlastung mit Arbeit den
krperlichen und geistigen Ruin. Nicht nur, da sie unnatrlich frh
altert--seht doch die Arbeiterinnen an, wie oft sind sie mit vierzig
Jahren schon alte Frauen!--sie verliert auch jede Widerstandskraft gegen
Krankheit und drohende Gebrechen. Sie kann sich keine Ruhe gnnen, auch
wenn sie der Ruhe bedrftig ist, darum stellen sich Leiden aller Art bei
ihr ein, die entweder ihr ganzes Leben vergiften, sie arbeitsunfhig
machen oder einem frhen Tode entgegenfhren.

So hart wie ihren Krper trifft die Ueberlastung ihren Geist. Ihm, dem
schon die Volksschule nur die allernotdrftigste Nahrung zufhrte,
vermag sie noch weniger zu bieten; wohl lechzt auch sie nach der Quelle
des Wissens, wohl steigert sich ihr Durst, je mehr sie, gezwungen durch
die Arbeitsbedingungen, unter denen sie leidet, Interesse gewinnt an den
Fragen des ffentlichen Lebens, sie hat aber keine Zeit dazu, sich satt
zu trinken.

Je mehr die Frau in die Groindustrie eindringt, desto mehr werden sich
all die Konflikte und all die Leiden zuspitzen und vergrern, die wir
geschildert haben.

Je mehr aber auch die Industrie sich auf Frauenarbeit sttzen wird,
desto mehr werden zwei Momente hervortreten, die beide auf dem Wege der
Emanzipation des Weibes liegen: die lohndrckende und die
arbeitszeitverkrzende Tendenz ihrer Arbeit. Unter Lohndrckung verstehe
ich hier die Hemmung einer Lohnsteigerung, die sich voraussichtlich
entwickeln wrde, wenn der Mann der alleinige Ernhrer der Familie
bliebe. Je weniger er das ist und zu sein braucht, desto nher rckt das
weibliche Geschlecht jenem Grundprinzip seiner Befreiung, der
konomischen Selbstndigkeit. Da tiefgehende Umwandlungen sowohl des
Familien- und huslichen, als des ffentlichen Lebens damit in
Verbindung stehen werden, beweist nur nochmals, welche revolutionierende
Macht der Frauenerwerbsarbeit innewohnt. Sie zeigt sich auch auf dem
Gebiete der Arbeitsregelung und des Arbeiterschutzes. Der Arbeiterschutz
war in erster Linie ein Frauen- und Kinderschutz, die Regelung der
Arbeitszeit bezieht sich noch heute fast nur auf die Frauen. Dabei zeigt
sich aber, da sie notwendig auch die Regelung der mnnlichen
Arbeitszeit nach sich ziehen mu. In allen Industrien, wo Mnner und
Frauen beschftigt werden, regelt sich schon jetzt die mnnliche
Arbeitszeit nach der der Frauen, weil anderenfalls Betriebsstrungen
eintreten wrden. Eine weitere Herabsetzung der Arbeitszeit Wird
zunchst fr die Frauen, auf Grund der Erkenntnis der geradezu
vlkermordenden Folgen der Ueberanstrengung, eintreten mssen und wieder
auf die Mnner zurckwirken. Die Mehreinstellung von Arbeitern wird sich
dann als notwendig erweisen, da es aber an mnnlichen Arbeitskrften
mangelt, wird Platz geschaffen fr die in immer strkerem Mae
arbeitsuchenden Frauen. Und ganz allmhlich wird die befreiende Macht
der Arbeit auch an ihnen zur Geltung kommen. Die ersten Zeichen davon
treten heute schon hervor: es entwickelt sich gerade aus der
Arbeiterschaft heraus ein Geschlecht thatkrftiger, geistig und
materiell selbstndiger Frauen, die beginnen, ber den engen Kreis ihrer
Interessen hinauszuwachsen, die jene Konflikte spren, die bisher fast
nur zu stumpfer Resignation gefhrt haben, und an ihrer Lsung
mitzuarbeiten versuchen. Denn die Erkenntnis der eigenen Lage ist das
erste Mittel, sich aus ihr zu befreien.


Hausindustrie und Heimarbeit

Wer die Lage der Proletarierin in ihrer Gesamtheit berblickt, der sieht
nichts als eine gleichmige graue Oede: Arbeit und Not,--Not und
Arbeit. Die Unterschiede, die zu Tage treten, sind nichts als
Variationen desselben Themas. Was fr die Arbeiterin in der
Groindustrie gilt, das gilt ebenso fr die in der Hausindustrie, im
Handel oder im persnlichen Dienst Beschftigte. Es kann daher fr uns
nur noch darauf ankommen, neue mit ihrem Beruf in Verbindung stehende
Seiten ihrer Lage, oder noch unerreichte Tiefen ihres Elends
aufzudecken, ohne das Allgemeingltige nochmals zu wiederholen. Die
Hausindustrie ist allzu reich an Zgen, die uns zwar in der
Groindustrie schon begegneten, dort aber gewissermaen nur die ersten
Sorgenfalten des Antlitzes waren, whrend sie hier jenen tiefen Furchen
gleichen, die ein Leben voll Qual den Gesichtern armer, alter Leute
unauslschlich eingeprgt hat. Alles ist hier ins Ungeheuerliche
vergrbert und vergrert: die Niedrigkeit der Lhne, die schlechten
Wohnungen und Arbeitssttten und ihre physischen und moralischen
Folgeerscheinungen. Das gilt fr beide Organisationsformen der
Hausindustrie--die Heimarbeit und die Werkstattarbeit--und in hchstem
Mae fr diejenige Werkstattarbeit, die unter der Bezeichnung "Sweating
System" sich einer traurigen Berhmtheit erfreut. Einzelbilder aus
denjenigen Zweigen der Hausindustrie, in denen die weibliche Arbeit eine
bedeutende Rolle spielt, werden das Gesagte am besten erhrten.

Betrachten wir zunchst die Textilindustrie, deren hausindustrieller
Betrieb auf dem Aussterbeetat steht und einen verzweifelten Kampf um
seine Existenz zu kmpfen hat, der um so hrter ist, als die Schwchsten
ihn auszufechten haben.

Viele Menschen, die vor Gerhart Hauptmanns Webern von Mitleid und
Grauen zerflieen, gehen eine Stunde spter mit dem beruhigten
Gefhl nach Hause, da alles, was sie hrten und sahen, einer
lngstverflossenen Zeit angehrt. Thatschlich aber sahen sie ein
Spiegelbild des Elends von heute. Die bhmischen Weber z.B. wohnen in
ihrer bergroen Mehrzahl in Htten, in deren oft einzigem Raum neben
dem Webstuhl der Herd und die Lagersttten der Familie sich befinden.
Hier wird geschlafen, gekocht, gewaschen und gearbeitet; zwischen den
verwahrlosten Kindern treiben sich im Winter auch noch Hhner und Ziegen
herum. Eine dicke, feuchtwarme Luft schlgt dem Eintretenden daraus
entgegen, zu ihrer Erhaltung bleiben auch im Sommer die Fenster
geschlossen. Der ble Geruch beim Schlichten, wobei zersetzungsfhige
und giftige Stoffe zur Verwendung kommen, vermischt sich mit dem Dunst
der Petroleumlampen, dem Kohlenoxydgas der schlechten Oefen, dem Staub
des Webens. Dabei ist an grndliche Reinigung kaum je zu denken,--denn
die ganze Familie ist zu fieberhafter Arbeit gezwungen,--Kchenabfall,
schmutzige Wsche und dergl. mehr verpesten den Raum bis aufs uerste.
Oft steht der Webstuhl Tag und Nacht nicht still, da Mann und Frau sich
daran ablsen; eine vierzehn-, sechzehn- und achtzehnstndige
Arbeitszeit gehrt nicht zu den Seltenheiten.[577] Vom sechsjhrigen
Kinde an bis zum Greise ringt ein jedes in unablssigem Mhen um sein
Stck Brot.[578] Zeiten der Arbeitslosigkeit bedeuten Hunger; berfallen
Schneeverwehungen die im Gebirge wohnenden Weber, die dadurch oft auf
Monate vom Arbeitgeber abgeschnitten sind so nimmt der Hungertod in
erschreckender Weise zu.[579]

Zu dieser Ueberanstrengung auf der einen und der Schwierigkeit des
Betriebs auf der anderen Seite stehen die Lhne in schreiendem
Miverhltnis. Das Weben feiner Leinengewebe, z.B. der
Damast-Tischgedecke, die sich vorlufig von der Maschine nicht in
derselben Gte herstellen lassen, bringt noch am meisten ein, und doch
verdient ein Arbeiter bei grter Ausnutzung seiner Krfte selten mehr
als 7 fl. die Woche[580] ein Shawlweber kann es bis auf 10 fl. bringen,
wenn er von frh vier Uhr bis abends zehn Uhr zu arbeiten im stande
ist.[581] Der hufigste Jahresverdienst bhmischer Weberfamilien
schwankt zwischen 120 und 150 Gulden, wovon oft sieben bis acht Personen
erhalten werden mssen![582] Eine achtgliedrige Familie, die sich in der
besonders gnstigen Lage befand, ber eine Jahreseinnahme von 350 fl. zu
verfgen, gab tglich fr Nahrung pro Person ganze zehn Kreuzer aus; fr
alle brigen Ausgaben blieben 70 fl. brig. Eine Witwe mit nicht weniger
als zehn Kindern konnte nicht mehr als 200 fl. im Jahr trotz allem Flei
aufbringen[583], d.h. diese elf Personen muten mit fnfundfnfzig
Kreuzern tglich ihre smtlichen Bedrfnisse befriedigen! Ein Arbeiter,
der mit Frau und Kindern sogenannte Putzel-Leinwand herstellte,
verdiente 1,48 fl. die Woche; ein anderer, der leichte Baumwollwaren
unter Mithilfe seiner Familie webte, kam bei zwlfstndiger Arbeitszeit
aller auf 1,20 fl.[584] Unter den alleinarbeitenden Frauen sind die
Seidenwinderinnen die bestgestellten, denn sie erreichen den hohen Lohn
von--2 fl. wchentlich.[585] Die Spulerinnen der Baumwollunterketten fr
Plschgewebe dagegen,--meist lebensmde Greisinnen mit zitternden Hnden
und gekrmmten Rcken,--kommen bei groem Flei auf 1,10 fl. die
Woche[586], und die Weberinnen der Rohfutterstoffe, die noch vor
fnfzehn Jahren fr 22 Meter 80 kr. bekamen, kommen heute bei 45 Meter
auf 75 kr., wobei hufig vier volle Arbeitstage darauf gehen.[587] Wie
es bei solchen Lhnen mit der Ernhrung der Bevlkerung
aussieht,--allein im Kniggrtzer Bezirk wurden 30000-40000 Heimweber
gezhlt[588],--bedarf keiner nheren Beschreibung. Es ist dabei oft noch
ein besonderes Glck, wenn der Weber berhaupt seinen Lohn zu sehen
bekommt. Viele Faktoren, die die Vermittlung zwischen dem Verleger, dem
eigentlichen Unternehmer, und dem Heimarbeiter in Hnden haben,
beschftigen nur solche Weber, die von vornherein auf den Geldlohn
verzichten und sich durch Waren aus ihren Kramlden entschdigen lassen.
Manche arme Mutter, deren Kinder nach Brot schreien, kommt infolgedessen
mit irgend einem wertlosen Stck Stoff, einem Tuch od. dergl. nach
Hause. Ist der Faktor Gastwirt, so verfhrt er den Weber, Branntwein
statt Lohn zu nehmen[589], was den vollstndigen Ruin der unglcklichen
Familien herbeifhrt. Aber das ist noch nicht alles: wird der Lohn
gezahlt, so sucht ihn der Faktor durch willkrliche Schadenersatz- oder
Strafgelder oft bis zur Hlfte hinabzudrcken[590] und der in seiner
Vereinzelung wehrlose Arbeiter, der das Gespenst der Arbeitslosigkeit
vor Augen sieht, fgt sich stumm darein. Ja, er entschliet sich sogar,
den Faktor mit Produkten seiner armseligen Landwirtschaft zu bestechen,
um der Arbeit sicher zu sein.[591]

Gegenber solchen Zustnden kann man sich nicht einmal damit trsten,
da sie sich etwa auf den einen Landstrich beschrnken, denn sie
herrschen berall, wo die motorisch getriebene Maschine im Grobetrieb
noch nicht hat Einzug halten knnen. In Belgien z.B., wo die mechanische
Spinnerei und Weberei die Hausindustrie fast ganz aufgesogen hat[592],
mute sie ihr doch bisher noch die Weberei der Leinendamaste, wie der
feinen Battiste berlassen.[593] Seltsam genug: die Luxusartikel der
Reichsten werden in den elendesten Hhlen des Jammers von den Hnden der
rmsten hergestellt! Die Battistweber und Weberinnen arbeiten meist in
feuchtdunklen Kellern, um die feinen Fden am Brechen zu
verhindern.[594] Sie erblinden infolgedessen hufig und ihre Glieder
krmmen sich unter rheumatischen und gichtischen Schmerzen. Wie in
Bhmen haust die ganze Familie des Webers in seinem Arbeitszimmer, wie
dort ist der Lohn ein klglicher. Die geschickteste Weberin feiner
Leinwand verdient im gnstigsten Fall bei ausgedehntester Arbeitszeit
1,80 fr. tglich, whrend Wochenlhne von 3 fr. gar nicht selten
sind.[595] Ein trauriges Bild, das sich den geschilderten wrdig
anreiht, bietet die Seiden-Hausindustrie Frankreichs. Schon die Zucht
der Seidenraupen in den Privathusern, die hauptschlich in den Hnden
der Frauen liegt, ist im hchsten Grade widerlich: jeder Winkel der
Wohnung wird dafr ausgenutzt, Massen von welken Blttern, toten Raupen
und ihren Exkrementen bedecken den Boden und verbreiten ekelhafte
Gerche; mitten darin wohnt, schlft und kocht die ganze Familie.[596]
In den Heimen der Hasplerinnen sieht es wenig anders aus; hier ist die
Ausdnstung des heien, klebrigen Wassers, in das sie bei der Arbeit
unaufhrlich die Hnde tauchen mssen, atembeklemmend. Die Lyoner
Seidenweber, von denen die Hlfte weiblichen Geschlechts sind, haben es
nicht besser. Dabei belaufen sich ihre Jahreseinnahmen, je nach der
Lnge ihrer Arbeitszeit und Schwierigkeit ihrer Arbeit, auf 382 bis 882
fr.[597] Eine der besten Lyoner Hausweberinnen, die ein siebenjhriges
Kind zu versorgen hatte und 907,70 fr. im Jahr einnahm, stellte
folgendes Budget auf:[598]

Wohnung                  130,00 fr.
Nahrung                  653,35 fr.
Heizung                   34,80 fr.
Kleidung                  63,80 fr.
-----------------------------------
             Im ganzen:  918,45 fr.

Trotzdem sie fr Nahrung tglich nur 1,80 fr. rechnete, und die Kleidung
fr das Kind durch ihren Bruder beschafft wurde, mu das Defizit ein
bedeutend hheres sein, als sie angab, weil sie weder fr Krankheit,
noch fr Erholung und Nebenausgaben etwas ansetzte. Wohlthtigkeit oder
Prostitution sind die einzigen Mittel, um es wett zu machen; die
Arbeiterin, die sich aufreibt von frh bis spt, hat dafr nicht einmal
die Genugthuung, durch eigne Kraft sich und ihr Kind erhalten zu
knnen,--sie mu betteln gehen oder sich verkaufen!

Fast an jedem Stck unserer Kleidung und unseres Hausrats kleben der
Schwei und die Thrnen unglcklicher Frauen. Fr elegante Brustbestze
von Hemden, die den gepflegten Krper reicher Damen umhllen und fr die
sie selbst drei bis fnf Gulden zahlen mssen, empfngt die Stickerin
des Erzgebirges nur sechzehn bis achtzehn Kreuzer, fr kunstvoll
gestickte Bettdecken, die ihr weiches Lager umhllen, und bei einer
tglichen Arbeitszeit von zwlf bis fnfzehn Stunden fnf Wochen zur
Fertigstellung erfordern, empfngt die Arbeiterin ganze--fnf
Gulden![599] Die gestickten Rckchen und Hubchen, die die zarten
Glieder glcklicher Kinder wrmen, bringen den bhmischen Strickerinnen
zwanzig Kreuzer den Tag.[600] Ob wohl die Heldinnen grostdtischer
Feste, deren von Fttern und Perlen glitzerndes Kleid sie wie eine
Schlangenhaut umgiebt, jener vogesischen Stickerinnen gedenken, die in
zwlf- und vierzehnstndiger Arbeitszeit mit Hilfe ihrer eignen, oder
zur Arbeit angenommenen Kinder diese verfhrerischen Gewnder
herstellen, und bestenfalls eine Mark pro Tag daran verdienen?![601]
Auch die goldgestickten Uniformen der Mnner knnen vom Elend derer, die
sie schufen, erzhlen. Eine fleiige franzsische Goldstickerin mit
einem dreijhrigen Kind hatte eine Jahreseinnahme von 529,50 fr. und
eine Ausgabe fr die notwendigsten Bedrfnisse von 707,90 fr. Das
Defizit erschreckte sie aber nicht mehr: "Ich habe glcklicherweise
jemanden, der das deckt."[602] Eine ihrer Kolleginnen in Paris verdiente
wchentlich bei elfstndiger Arbeitszeit 11,50 fr., womit sie kaum ihre
Ernhrung beschaffen konnte; "sie hat einen Liebhaber, Gott sei Dank,"
sagte ihre Nachbarin auf eine mitleidige Frage.[603] Dabei bietet diese
ganze Industrie gar keine Aussicht auf eine Aufbesserung der Lhne, denn
die Maschine dringt unaufhaltsam vor. In Plauen z.B., wo eine
Handstickerin im Jahre 1871 noch 34 Mk. wchentlich verdiente, stand sie
sich zehn Jahre spter bereits auf 17 bis hchstens 23 Mk.[604]

Auch der Spitzenhausindustrie ist die Maschine ein grimmiger Feind. Nach
Hunderttausenden schtzte Leroy-Beaulieu noch vor dreiig Jahren die
franzsischen Spitzenarbeiterinnen.[605] Ihre Zahl ist heute sehr
zusammengeschrumpft. Eine blhende Industrie war einst die bhmische
Spitzenklppelei, heute vermag sie die wenigen Getreuen nicht zu
ernhren. Sechzehn bis achtzehn Stunden mu die Klpplerin ber dem
Kissen gebckt arbeiten, wenn sie einen Jahresverdienst von 30--sage und
schreibe dreiig!--bis hchstens 100 Gulden erreichen will. Fnfjhrige
Kinder mssen schon acht Stunden tglich neben der Mutter sitzen und
klppeln, um drei bis zwlf Kreuzer zu verdienen. Ein elendes Geschlecht
wchst unter solchen Umstnden heran, tuberkuls und skrophuls,
physisch und geistig herabgekommen.[606] Im klassischen Lande der
Spitzenproduktion, in Belgien, sieht es nicht anders aus. Vom sechsten
Jahre an sitzen die Arbeiterinnen zwlf Stunden tglich in feuchter
Kellerluft mit der Aussicht 150 bis 200 fr. im Jahre zu verdienen.[607]
Bei einer jhrlichen Spitzenproduktion im Wert von ca. 50 Millionen
Mark, stehen sich die Arbeiterinnen durchschnittlich auf 52 bis 53 c.
tglich.[608] Jahreseinnahmen von 154 bis 341 fr. wurden bei vier Lyoner
Spitzennherinnen ermittelt, und zwar erreichten sie diesen Satz nur
dann, wenn bei tglicher zwlfstndiger Arbeitszeit im Laufe des Jahres
keine Arbeitsunterbrechung stattfindet. Dasselbe gilt fr die
Schleierarbeiterinnen, die dabei noch schlimmer daran sind, weil sie
keine differenzierte Arbeit haben, wie die Spitzennherinnen; alle Tage,
zwlf Stunden lang, das ganze Jahr hindurch, setzen sie Chenilletupfen
auf das feine Gewebe.[609] Zehrende Krankheiten sind das Gefolge der
Spitzenarbeit. Noch schrfer als in der Fabrik wirkt das Blei, das zur
Appretur angewendet wird, auf die Arbeiterinnen; fast alle weisen
Zeichen der Vergiftung auf, neben rasch abnehmender Sehkraft.[610] Auch
hier ist die Lage vllig hoffnungslos; die Maschine und die massenhafte
Konkurrenz der Frauen untereinander sind die Ursachen.

Ein Trost ist es vielleicht, sich sagen zu knnen, da die
Textilhausindustrie auf dem Aussterbeetat steht und die Zustnde, die
sie zeitigt, mit ihr verschwinden werden. Dies Sterben ist aber leider
nicht nur ein auerordentlich langsames, dieselben Verhltnisse finden
sich vielmehr auch bei anderen Hausindustrien, die gleichfalls nicht
leben und nicht sterben knnen. Sehen wir z.B. jene englischen
Heimarbeiter an, die Zndholzschachteln machen: im engen Zimmer arbeitet
eine Mutter mit ihren Kindern bis zu den kleinsten herab; der ganze,
auch im Sommer geheizte Raum ist erfllt mit trocknenden Schachteln,
Geruch von schlechtem Leim erfllt die Luft, und 7 sh. wchentlich ist
die hchste zu erzielende Einnahme.[611] Oder betrachten wir jene in den
Drfern und Flecken Bhmens verstreuten Glasarbeiter-Familien, deren
Frauen die schwersten und gesundheitsschdlichsten Arbeiten obliegen;
stundenweit, bei jedem Wetter, auf unwegsamen Bergpfaden mssen sie die
schweren Lastkrbe schleppen, um Waren abzuliefern und Material zu
holen[612], oder sie sind mit der Glasmalerei beschftigt und infolge
der bleihaltigen Farben Vergiftungserkrankungen ausgesetzt.[613] Bla
und hohlugig wie sie, sind die Glasperlenarbeiterinnen Thringens. Um
den Perlen jenen beliebten perlmutterartigen Glanz zu geben, blasen die
Mdchen eine belriechende, oft giftige Substanzen enthaltende Gallerte
von Fischschuppen und Gelatine hinein. Sie werden zwar magen- und
augenkrank, aber sie erreichen auch den fabelhaften Lohn von 50 bis 75
Pf. tglich![614] Noch elender daran sind die belgischen
Strohflechterinnen, die tglich 47 bis 57 c. verdienen, und dabei
vollstndig in den Hnden des Faktors sind, der sie am liebsten mit
Waren entlohnt.[615]

Selbst angenommen, diese Arten der Hausindustrie gingen, ohne Ansto von
auen, ihrem natrlichen Verfall entgegen, so wre damit die
Hausindustrie an sich nicht aus der Welt geschafft. Denn wie sie
einerseits durch die Groindustrie erdrckt wird,--ein Proze, der in
der Textilhausindustrie am deutlichsten zum Ausdruck kommt,--so werden
ihr andrerseits durch sie neue Gebiete erffnet, auf denen eine fast
grenzenlose Ausbreitungsmglichkeit gegeben ist. Diese Dezentralisation
des Grobetriebs tritt in der Tabakindustrie besonders scharf hervor;
hier ist die Heimarbeit berall in starkem Zunehmen begriffen[616],
obwohl deren Schden zum Teil ganz ungeheuerliche sind. Die Kinderarbeit
spielt hier eine solche Rolle, da, wo eigene Kinder fehlen, fremde,
sogenannte Kaufkinder angenommen werden.[617] Es kommen Rume von kaum
zwei Meter Hhe vor, in denen Frauen mit fnf bis acht Kindern den
ganzen Tag Cigarren machen; in Kchen und Schlafkammern wird der zum
Entrippen angefeuchtete Rohtabak getrocknet, so da der Tabakdunst nicht
mehr zu vertreiben ist und dauernd eingeatmet wird.[618] Welche Folgen
die Nikotinvergiftung nach sich zieht, haben wir schon erfahren. Dabei
verdient eine ganze, aus Mann, Frau und Kindern bestehende hart
arbeitende Familie 12 bis 20 Mk. die Woche, whrend eine alleinstehende
Frau mit einem Kind auf 6 bis hchstens 10 Mk. rechnen kann.[619] Welche
Gefahren die hausindustrielle Herstellung von Cigarren auch fr die
Konsumenten mit sich bringt, dafr nur ein Beispiel: In New-York fand
ein Sanittsinspektor eine Familie, die in derselben engen Kammer
Cigarren herstellte, in der zwei Kinder an Diphtheritis schwer krank
danieder lagen.[620]

Eine dezentralisierende Tendenz hat auch die Spielwarenindustrie, die
von alters her eines der traurigsten Kapitel der Hausindustrie bildet
und weiter bilden wird, weil der Grobetrieb sich besonders fr billiges
Spielzeug als weniger gewinnbringend erweist, als die Heimarbeit. In
ihrer deutschen Hauptzentrale, in Sonneberg, fand Sax die furchtbarsten
Lohn- und Wohnungsverhltnisse. Typisch war eine Behausung, die aus
Kche und Kammer bestand. Die Kche, zugleich Wohn- und Arbeitsraum,
wurde dauernd geheizt, damit die ringsum aufgeschichteten Sachen,
Puppenkpfe und dergleichen, schneller trocknen; die kaum ventilierbare
Kammer war durch zwei bis drei Betten ganz ausgefllt, in denen oft
zwei- bis dreimal so viel Menschen schliefen. Die Bekstigung bestand
neben Kartoffeln aus Wurstsuppe, d.h. dem Wasser, in dem der Fleischer
Wrste gekocht hat, und Schnippeln, den Sehnen, die aus dem Rindfleisch
als unbrauchbar entfernt werden.[621] Diese Ernhrung soll dem Krper
Krfte genug verleihen, um in der Hochsaison eine tgliche Arbeitszeit
von achtzehn bis zwanzig Stunden auszuhalten.[622] Dabei waren die Lhne
so elend,--eine Sonneberger Bossiererfamilie verdiente bei angestrengter
Arbeit eines jeden ihrer Glieder 12 bis 15 Mk. die Woche, mute sich
aber mit diesem Verdienst auch noch ber eine vier- bis sechsmonatliche
Arbeitslosigkeit hinweghelfen[623],--da die Drechsler sich ihr Holz
stehlen muten, um nur existieren zu knnen.[624] Man sage nicht, da
diese Zustnde zwanzig Jahre hinter uns liegen und berwunden sind; denn
heute ist das Elend in der Thringer Spielwarenindustrie noch viel
grer.[625] Eine Drckerfamilie, die aus Papiermach Spielzeug
herstellt, arbeitete zu neun Personen in einem einzigen stickigen,
heien Raum voll Staub und voll trocknender Waren; ein Sugling in der
Wiege lag dabei. Ein Arbeitstisch, eine Bank, ein Stuhl, eine einzige
Schssel, die zum Waschen und Essen gleichzeitig benutzt wurde, bildeten
die ganze Einrichtung; dem gegenber hatte der Pfarrer des Orts die
Stirn, zu behaupten, da alle Leute gut und angenehm wohnen[626]! Die
Lhne sind von Jahr zu Jahr zurckgegangen. Heute verdient z.B. eine
Arbeiterin an einem Dutzend Puppenkleidchen von 25 bis 30 cm Lnge, mit
Aermeln, Schleifen, Spitzen und Knpfen nicht mehr als 12 bis 20
Pf.[627] Die beliebten Puppentuflinge liefert der Sonneberger
Hausindustrielle fr 95 Pf. das Dutzend, wobei er pro Stck--1 Pf.
verdient! Eine Bossiererfamilie von vier erwachsenen Personen kommt bei
tglicher,--den Sonntag mitgerechnet,--vierzehn-bis fnfzehnstndiger
Arbeitszeit auf 9,50 Mk. pro Woche, das bedeutet eine Einnahme von 34
Pf. tglich fr die Person.[628] da unter solchen Verhltnissen die
Mnner sich bemhen, andere Arbeit zu finden, ist begreiflich. Die
Schwchsten, die Frauen, die Greise und die Kinder nehmen sie auf. 81 %
der Schulkinder werden im Bezirk der Meininger Spielwarenindustrie zur
Arbeit herangezogen; sie arbeiten nach den Schulstunden oft bis zehn und
zwlf Uhr nachts, drngt die Arbeit, so wird es auch zwei und drei Uhr,
ehe sie zur Ruhe kommen. Infolgedessen wurde im Winter 1895 konstatiert,
da im Herzogtum Meiningen 2809 arbeitenden Kindern 3037 arbeitslose
Erwachsene gegenberstanden.[629] Auch in anderen Zweigen der
Spielwarenindustrie mssen die Mtter nicht nur all ihre Krfte daran
geben, um einen nennenswerten Verdienst zu erreichen, sie sind auch noch
gezwungen, das Liebste, was sie haben, ihr eigenes Fleisch und Blut, dem
unersttlichen Moloch in den Rachen zu werfen. So liegt die Bemalung der
Zinnsoldaten hauptschlich in ihren Hnden. Sie sitzen beide bla und
still vor den Farbentpfen, nur die Hnde fieberhaft bewegend; das arme
Kind mit dem alten, mden Zug um Mund und Augen wendet teilnahmlos die
bunten Figrchen in den Hnden, es wei gar nicht, was Spielen heit.
Hunderte von Nrnberger Zinnmalerinnen fristen so ihr Leben; bei
vierzehn- bis siebzehnstndiger Arbeitszeit erreichen sie einen
wchentlichen Reinverdienst von hchstens 4,35 Mk.[630] Die Rume, in
denen all dies Spielzeug hergestellt wird, das aus Metall, wie das aus
Holz und Papiermach, sind mit ihrem Staub, ihrer Hitze, ihrer
verpesteten Luft, wahre Herde der Lungenschwindsucht, deren Keime mit
den Waren in die Familien der ahnungslosen Kufer getragen werden. Eine
unbewute Rache der Elenden an den Reichen, wenn sie ihnen mit dem
bunten Spielzeug den unheimlichsten Wrgeengel der Menschheit ins Haus
schicken!

Wir kommen nunmehr zu jenem groen Arbeitsgebiet, auf dem sich die
Frauen in Scharen zusammendrngen, und das die Nherei in allen ihren
Zweigen umfat. Die Art der Arbeit ist hier eine sehr differenzierte.
Wir haben die Werkstattarbeiterin in den Schwitzhhlen, die
Heimarbeiterin, die fr die Konfektions- und Putzgeschfte arbeitet, die
Schneiderin und die Putzmacherin, die nur von der Privatkundschaft
leben, die Nherin und Ausbesserin, die bei den Kunden selbst nht.
Dabei handelt es sich neben der Herstellung der Wsche und Kleidung um
die der Hte, der Handschuhe, der Kravatten. Wie wichtig dies Gebiet fr
die Frauenarbeit ist, geht schon daraus hervor, da allein in
Deutschland zwei Drittel aller hausindustriell thtigen Frauen der
Bekleidungsindustrie angehren. Die Nadel ist eines der urltesten
Attribute in der Hand der Frau; sie ist ihr geblieben als eines jener
wenigen Werkzeuge, die sich ihrer Form und Idee nach im Laufe der
Jahrhunderte kaum verndert haben, und in der Bekleidungsindustrie mehr
als in irgend einer anderen, hat sich besttigt, was wir schon in Bezug
auf andere Berufsarten ausfhrten, da die Frauenarbeit die technische
Entwicklung hemmt. In allen Industrien hat das Maschinenwesen gerade in
der letzten Hlfte des 19. Jahrhunderts einen enormen Fortschritt
gemacht, nur in der Nherei ist man seit fnfzig Jahren bei denselben
primitiven Instrumenten stehen geblieben, und die Hausindustrie herrscht
nicht nur noch unumschrnkt, sie hat sogar die beste Aussicht, den
Fabrikbetrieb auf geraume Zeit hinaus aus dem Felde zu schlagen.

Fr die Beleuchtung der Lage der Nadelarbeiterinnen fehlt es zwar nicht
an Material, es hat aber durchweg nur den Wert, den etwa
Momentphotographien aus einem Feldzug fr die Beurteilung des ganzen
Krieges haben: Wo der Kampf am heiesten ist, wo die Wunden am
schwersten sind, dahin dringt der Photograph nicht. Meist haben
pltzlich an die Oberflche tretende Mistnde das Elend der Konfektion
der Oeffentlichkeit vor Augen gefhrt; Erhebungen, wie die beiden
deutschen im Jahre 1886, veranlat durch den Kampf der Arbeiter gegen
den geplanten Nhgarnzoll, und im Jahre 1896, infolge des
Konfektionsarbeiterstreiks, wurden dadurch hervorgerufen. Daneben
gewhren eine ganze Reihe von Einzeluntersuchungen, die der
Privatinitiative zu verdanken sind, Einblick in die Verhltnisse. An
umfassenden, sorgfltig vorbereiteten, besonders die Hhe der
Wochenlhne und Jahreseinnahmen bercksichtigenden Enqueten fehlt es
jedoch vollstndig. Mit der Angabe der Wochenlhne allein wre nicht
viel gewonnen, da der Saisoncharakter in keiner Industrie ein so
ausgeprgter ist, als in der der Bekleidung. Meist dauert die Hochsaison
nur fnf Monate, die brigen sieben bedeuten teils eine stille, teils
eine vollstndig tote Zeit fr die Arbeiterin. Selbst Wochenlhne von 15
bis 20 Mk., die auerordentlich selten vorkommen, knnen demnach oft nur
eine kmmerliche Existenz gewhrleisten. In folgender Tabelle habe ich
versucht, einige der festgestellten Wochenlhne in Verbindung mit den
Jahreseinnahmen der Konfektionsarbeiterinnen zusammenzustellen:

                       | Wochen- | Jahres-
   Art der Arbeit      |  lohn   | ein-
                       |         | kommen
                       |         |
                       |   Mk.   |   Mk.
-----------------------+---------+--------
Kleider- und Mntel-   |         |
konfektion[631]: Berlin|    8-9  | 160-180
    "            "     |    4-5  |  80-100
Wschekonfektion:      |         |
  Rheinprovinz         |    5,95 | 314,64
Wschekonfektion:      |         |
  Erfurt               |    6-7  |  250
Knabenkonfektion:      |         |
  Stettin              |   3-4,80|  250
Knabenkonfektion[632]: |         |
  Berlin               |    3-10 | 280-300
Wschekonfektion[633]: |         |
  Erfurt               | 2,25 bis|
                       |   4,75  | 167,25
    "                  | 3,45 bis|
                       |   7,20  | 253,95
    "                  | 4,60 bis|
                       |   9,60  | 338,60
Herrenkonfektion:      |         |
  Berlin               |   12,46 |  490
     "                 |    9,70 |  380
     "                 |    6,30 |  250
     "                 |    6,99 |  280
Wschekonfektion:      |         |
  Berlin               |    9,48 |  470
Knabenkonfektion:      |         |
  Stettin              |    7,50 |  300
Damenkonfektion:       |         |
  Berlin               |     --  |  375
Damenkonfektion:       |         |
  Breslau              |     --  |  250
Damenkonfektion:       |         |
  Erfurt               |     --  |  220
Wschekonfektion:      |         |
  Berlin               |    5,88 |   --
Damenkonfektion:       |         |
  Berlin               |    7    |  280
Unterrock-             |         |
  konfektion[634]:     |         |
  Berlin               |    7-8  |
Blusenkonfektion:      |         |
  Berlin               | 3,50 bis| 200-311
                       |    4,50 |   --
    "                  |   7-7,50|   --
    "                  |    9    |   --
Kleiderkonfektion[635]:|         |
  Breslau              | 4,50 bis|
                       |    7,50 | 250-300
    "                  |    2-3  | 100-150
Konfektion[636]:       |         |
  Lbbecke             |     --  |  250
     "                 |     --  |  376
Damenkonfektion[637]:  |         |
  Berlin               |    7,42 |  386
    "                  |     --  |  322
    "                  |    5,95 |  309
    "                  |     --  |  393
                       |         |

Betrachten wir diese Tabelle, die in den meisten Fllen Jahreseinnahmen
unter 300 Mk. konstatiert, und bedenken wir, da eine regelmige
wchentliche Einnahme von 9 Mk. und eine jhrliche von 468 Mk. gerade
nur das notdrftigste Leben einer alleinstehenden Arbeiterin zu sichern
vermag, eine grostdtische Arbeiterin sogar unter 600 Mk. nicht
auskommen kann, so brauchen wir ihr nichts hinzuzufgen, um ihre Sprache
beredter zu machen. Dabei erreicht die Arbeiterin diese Hungerlhne nur
mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft. In der Saison sind Arbeitszeiten von
vierzehn bis achtzehn Stunden keine Seltenheit. So arbeiten die
Stepperinnen in den Berliner Zwischenmeisterwerksttten oft bis elf
Uhr nachts und lnger;[638] Nrnberger Nherinnen, die acht bis neun
Mark verdienen, mssen dafr fnfzehn bis sechzehn Stunden hinter der
Maschine sitzen.[639] In den Werksttten betrgt die Arbeitszeit selten
weniger als zwlf bis dreizehn Stunden, sehr hufig,--das konnte die
Kommission fr Arbeiterstatistik wiederholt konstatieren,--wird,
besonders vor den Liefertagen, die Nacht durch gearbeitet. Ins Endlose
wird sie noch dadurch ausgedehnt, da die Arbeiterinnen Arbeit mit nach
Hause nehmen und hier noch drei bis fnf Stunden ihr letztes bichen
Kraft daran wenden, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen. Es kam
vor, da Erfurter Arbeiterinnen auf diese Weise bis zu 125
Arbeitsstunden wchentlich berechnen konnten.[640] Die Vorteile der
Werkstattarbeit sinken infolgedessen fast in nichts zusammen, um so
mehr, als auch die Werkstatt in den meisten Fllen nichts weiter ist,
als eine enge, schlecht beleuchtete und schlecht ventilierte
Proletarierwohnung. In demselben Raum, der vom Dunst der Bgeleisen
erfllt ist, in dem Glieder der Familie des Zwischenmeisters nchtigen,
der womglich auch noch zum Kochen und Waschen benutzt wird, sitzen die
Nherinnen dicht gedrngt vor dem oft einzigen Fenster. Werksttten in
feuchten Kellern, oder in glhendheien Dachstuben kommen vor, dabei ist
hufig die Ueberfllung so gro, da statt 28 cbm nur 5 bis 12 cbm
Luftraum auf die Person kommen.[641] Und doch steht die
Werkstattarbeiterin sich immer noch besser, als die Heimarbeiterin. Das
grte Elend ist dort zu Hause, wo, versteckt in den eigenen vier
Wnden, die arme Witwe, die verlassene Ehefrau, die Gattin des
Arbeitslosen oder Arbeitsscheuen fr sich und ihre Kinder den harten
Kampf ums Dasein kmpfen. Rcksichtslos und schutzlos sind sie der
unbeschrnktesten Ausbeutung preisgegeben. Da sie zum groen Teil nicht
freiwillig die Heimarbeit gewhlt haben, sondern sich dazu gezwungen
sehen, weil Familiensorgen sie ans Haus fesseln, geht schon daraus
hervor, da die meisten Heimarbeiterinnen nicht zu den in Wort und Bild
so oft verherrlichten "flotten Nhmamsellen" gehren, sondern
sorgenvolle Frauen sind, von deren Arbeit die Existenz der Ihren
abhngt.[642] Fast durchweg liegt die Herstellung der gewhnlicheren
Konfektion in ihren Hnden,[643] infolgedessen erreichen sie bei
hchster Arbeitszeit nur den niedrigsten Lohn. Aber auch da, wo sie
dieselbe Arbeit leisten, wie die Werkstattarbeiterin, ist ihr Verdienst
geringer.[644] Eine verwitwete Nherin in Berlin mute, um 10 Mk.
Wochenlohn zu erreichen, von frh vier und fnf Uhr bis nachts elf Uhr
arbeiten; trotz dieser bermenschlichen Anstrengung konnte sie ihre
Familie nicht allein erhalten, sie mute noch zur Armenuntersttzung
ihre Zuflucht nehmen![645] Eine Leipziger Heimarbeiterin, die im ersten
Morgengrauen ihre Hauswirtschaft besorgte, arbeitete dann bis 1/2 11 Uhr
nachts; weil sie sich die Zeit dafr nicht nehmen konnte, mute ihr
ltester elfjhriger Bub das Mittagessen bereiten und die Geschwister
beaufsichtigen.[646] Berliner Blusennherinnen wiesen Wochenlhne von
3,50 Mk. bis 4,50 Mk. auf![647] In Essen verdiente eine Mutter mit ihrer
Tochter bei sechzehn- bis achtzehnstndiger Arbeitszeit 9,75 Mk. fr das
Nhen leinener Arbeiterhosen; pro Stck erhielten sie--12 Pf., obwohl
das Futter zuzuschneiden, Taschen, vier Knopflcher, zehn Knpfe neben
den Maschinennhten zu nhen waren und das Garn dazu geliefert werden
mute.[648] Knopflochverrieglerinnen kommen auf 3 bis 3,60 Mk.
wchentlichen Verdienst, Knopflochnherinnen in der stillen Zeit auf 2
bis 4 Mk., in der Hochsaison auf 5 Mk.; eine Wschenherin, Mutter von
vier kleinen Kindern, konnte bei angestrengtester Arbeit nicht mehr als
9 Mk. wchentlich verdienen.[649] Wie sich bei solchen Einnahmen die
Lebenshaltung gestaltet, dafr nur einige Beispiele. Eine
alleinstehende Berliner Heimarbeiterin, die 7 Mk. wchentlich verdiente,
hatte folgendes Wochenbudget:

Mit einer anderen geteilte Kochstube      1,50 Mk.
Feuerung                                  0,30  "
Spiritus zum Kochen                       0,20  "
Petroleum                                 0,30  "
Wsche                                    0,15  "
Mehl, Gemse, Gegrupe                    0,70  "
Kartoffeln                                0,15  "
Brot                                      1,00  "
Milch                                     0,35  "
Salz, Schweden etc                        0,10  "
Kaffee                                    0,40  "
Butter                                    0,50  "
Schmalz                                   0,38  "
Kassenbeitrag                             0,22  "
                                        ----------
Im ganzen:                                6,25 Mk.

Ihre tgliche Ausgabe fr die Nahrung betrug demnach nicht ganz 50 Pf.,
fr Kleidung, Beschuhung, sonstige Ausgaben blieben wchentlich nur 75
Pf. brig.[650] Eine andere, die eine Schlafstelle inne hatte und Mittag
fr 30 Pf. tglich auswrts a, brauchte, da sie sich ein wenig besser
nhrte, 7,45 Mk. die Woche. Die Wochenausgaben einer Breslauer Nherin,
die durchschnittlich 6 Mk. verdiente, stellten sich folgendermaen:

Wohnung                                 1,00 Mk.
Mittagessen                             1,75  "
Frhstck, Vesper, Abendbrot            2,25  "
Heizung, Beleuchtung, Wsche            1,35  "
Kassenbeitrag                           0,15  "
                                     ------------
Im ganzen:                              6,50 Mk.

Hier zeigt sich schon, obwohl Kleidung und Nebenausgaben aller Art nicht
in Rechnung gestellt wurden, und die tgliche Ausgabe fr die Ernhrung
nur 57 Pf. betrgt, ein wchentliches Defizit von 50 Pf.[651] Sobald
noch Kinder zu ernhren sind, wird die Lage natrlich zu einer ganz
verzweifelten. Eine Witwe mit einem elfjhrigen Sohn, die 366 Mk. im
Jahr, also ca. 7 Mk. wchentlich verdiente, und die Ausgabe fr Miete
durch Aftervermietung deckte, hatte folgende Wochenausgaben:

Feuerung                              0,90 Mk.
Petroleum                             0,55  "
Brot                                  1,30  "
Ein Pfund Fett                        0,60  "
Zehn Pfund Kartoffeln                 0,30  "
Gemse und Gegrupe                   0,70  "
Knochen zum Auskochen                 0,15  "
Sonntags 1/2 Pfund Fleisch            0,30  "
Salz, Schweden, Wichse etc            0,10  "
Wsche                                0,15  "
Kaffee                                0,60  "
Milch                                 0,35  "
                                  -------------
Im ganzen:                            6,00 Mk.

Fr die Kleidung und alle Extraausgaben, z.B. fr Krankheit, Fahrten,
Schulmittel etc. etc. blieb demnach 1 Mk. wchentlich brig, die Nahrung
stellte sich tglich auf 30 Pf. pro Person![652] Kann man sich wohl von
einer Lebenshaltung eine Vorstellung machen, die auf einer
Wocheneinnahme von fnf oder gar nur drei Mark beruht?! Lt sich das
Elend ausdenken, das herrschen mu, wenn mehr als ein Kind davon
erhalten werden soll?!

Man knnte versucht sein, anzunehmen, da solche Verhltnisse vielleicht
einzig dastehen und sich in anderen Lndern nicht wiederholen. Leider
zeigt sich aber auch hier, da gewisse soziale Zustnde im unmittelbaren
Gefolge wirtschaftlicher Erscheinungen auftreten, und daher berall die
gleichen sind, wo die wirtschaftliche Entwicklung denselben Stand
erreicht hat. Die Wiener Nherin, die von sechs Uhr frh bis in die
spte Nacht Trikottaillen nht, um 3,50 fl. zu verdienen; die beiden
Schwestern, die zusammen 10, hchstens 20 fl. im Monat erwerben, und oft
nicht mehr wie 20 kr. fr ihr Mittagessen auszugeben vermgen;[653] die
bhmische Handschuhnherin, die bei vierzehnstndiger Arbeitszeit nur
208 fl. im Jahr einnimmt, fr Nahrung, Heizung und Wohnung fr sich und
ihr Kind aber allein 252 fl. braucht[654],--sie alle geben ihren
deutschen Leidensgenossinnen nichts nach. Von besonderem Interesse aber
ist es, da selbst im gelobten Lande der Nherei und Schneiderei, das
die Modedamen der ganzen Welt mit seinen Erzeugnissen versorgt, in
Frankreich, die Lage derjenigen, aus deren Hnden all die Wunderwerke
hervorgehen, keine gnstigere ist. Die Tageseinnahme erscheint vielfach
hoch, sie ist aber, auf das Jahr verteilt, oft noch niedriger, als die
deutscher Arbeiterinnen, weil der Saisonbetrieb ein noch intensiverer
ist. Nur die ersten Arbeiterinnen, also etwa diejenigen, die als
Vorarbeiterinnen in den Werksttten der groen Konfektionshuser
beschftigt werden, knnen auf eine annhernd regelmige Arbeit whrend
des ganzen Jahres rechnen, die mittelguten haben 200 bis hchstens 230,
die gewhnlichen,--und die meisten!--haben 60 bis 160 Tage zu thun.[655]
In der toten Zeit findet sich bestenfalls eine Arbeit, die tglich eine
bis zwei Stunden Beschftigung gewhrt, in der hohen Saison dagegen
kommen Arbeits-"Tage" bis zu 28 Stunden vor![656] Bei vierzehn- bis
fnfzehnstndiger Arbeitszeit kann die Durchschnittskonfektionsnherin
in Paris eine Jahreseinnahme von 250 bis 350 fr. erreichen, wobei sie 75
c. bis 1,25 fr. tglich verdient.[657] Bei einer Einnahme von 900 fr.
aber fngt erst die Mglichkeit an, selbstndig davon leben zu knnen,
und nur ein Drittel aller ihrer Arbeiterinnen verdienen, nach den
Aussagen der Chefs der ersten Pariser Konfektionsfirmen, mehr als
das.[658] Eine der ersten Pariser Schneiderinnen, die fr ein groes
Haus Modelle arbeitet, also hchst selten arbeitslos ist, verdiente
jhrlich 875 fr. Sie hatte folgendes Ausgabenbudget[659]:

Nahrung                       550 fr.
Miete                         200 "
Wsche                         20 "
Zwei Paar Schuhe               20 "
Zwei Kleider (selbst genht)   40 "
Zwei Hte (selbst garniert)    10 "
Schirm, Handschuhe             10 "
Kleine Ausgaben                25 "

Im ganzen:                    875 fr.

Aus diesem Budget geht deutlich genug hervor, da selbst fr eine Kraft
ersten Ranges nur dann die Existenz gesichert erscheint, wenn nicht nur
die Ansprche geringe sind, die Gesundheit gefestigt ist und auf
Vergngungen fast ganz verzichtet wird, sondern vor allem dann, wenn es
sich nur um die Erhaltung der eignen Person handelt. Bei einer anderen,
auch noch zu den besseren Arbeiterinnen zu zhlenden Nherin, die 3 fr.
tglich und 465 fr. im Jahr einnahm, stellten sich die Ausgaben
folgendermaen[660]:

Nahrung                511 fr.
Miete                  120 "
Kleidung                55 "
Wsche                  48 "
Stiefel                 30 "
Licht und Heizung       25 "
Kleine Ausgaben         40 "

Im ganzen:             829 fr.

Wir stoen hier auf ein Defizit von 364 fr., das selbst durch uerste
Einschrnkung nicht zu decken wre. Da es unmglich ist, beweist das
Budget einer Vorarbeiterin in einem der ersten Pariser Geschfte. Sie
gab monatlich 81 fr. aus, indem sie selbst hinzufgte, da sie sich
dabei alles versagen msse, was das trbe, einfrmige Leben erheitern
knne. Trotz einer achtmonatlichen, mit 4 fr. tglich entlohnten Arbeit,
hatte sie am Schlu des Jahres gegen 200 fr. Schulden.[661] Wie sich
aber das Leben all derer gestaltet, die unter 400 fr. einnehmen und
davon auszukommen versuchen, dafr nur ein Beispiel: Eine Pariser
Konfektionsnherin hatte ein Jahreseinkommen von 375 fr. im Jahr. Sie
gab aus fr:[662]

Miete                      100,00 fr.
Nahrung                    237,25 "
Licht                        4,00 "
Ein Kleid                    5,00 "
Ein Fichu                    2,00 "
Zwei Paar Strmpfe           1,30 "
Zwei Paar Schuhe             8,00 "
Zwei Hemden                  2,50 "
Eine Hose                    1,25 "
Zwei Taschentcher           0,80 "
Zwei Servietten              0,80 "

Im ganzen:                 362,90 fr.

Ihre tgliche Nahrung bestritt sie fr 55 c., d.h. fr 5 c. Milch, fr
20 c. Brot, fr 10 c. Kartoffeln, fr 10 c. Kse und fr 10 c. Wurst!
Selbst die Heizung mute sie sich versagen, von Vergngungen war keine
Rede, ein einziges Fhnchen fr 5 fr. mute das ganze Jahr aushalten!
Und das war ein Mdchen von zwanzig Jahren mit all der Sehnsucht nach
Glck und Freude, die so strmisch nach Erfllung verlangt; ein Mdchen
von zwanzig Jahren mitten in der von Lebenslust fiebernden Luft von
Paris! Und doch giebt es noch tiefere Stufen des Elends. Die
Heimarbeiterinnen von Lyon sind auf ihnen angelangt: hier finden sich
Jahreseinnahmen von 170, 200, 250 fr., whrend das Leben sich mit
weniger als 350 fr. unmglich bestreiten lt.[663]

Auch in England, wo die rapide Entwicklung des Fabriksystems die alten
Hausindustrien schon fast ganz zu Boden rannte, herrscht im
Bekleidungsgewerbe die Hausindustrie noch so gut wie unumschrnkt. Die
furchtbaren Enthllungen des Elends in den kleinen Werksttten des
Londoner Ostens waren es, die berhaupt zuerst die Blicke der Welt auf
die Zustnde in der Konfektionsindustrie lenkten. Der Begriff des
Sweating-Systems stammt von dort. In den Werksttten der
Zwischenmeister, wo in dunklem, engen Raum die armen Opfer der Armut
dicht gedrngt zusammensitzen, wo die Arbeit oft Tag und Nacht nicht
ruht, wo die Kindheit begraben wird, und Greisinnen noch mit zitternden
Hnden fr ein Stck Brot die Nadel fhren, wo der Fluch Jehovahs: "Im
Schweie deines Angesichts sollst du dein Brot essen" erst in Erfllung
gegangen zu sein scheint, bt es seine Herrschaft aus. In Glasgow, in
Manchester, in Leeds hat es sich ausgebreitet. Niedrige Lhne und lange
Arbeitszeit sind auch hier seine Begleiterscheinungen, Nherinnenlhne
von 6 p. an sind an der Tagesordnung[664]; die Glasgower
Heimarbeiterinnen in der Wschekonfektion, die hufig von sechs Uhr frh
bis zehn Uhr abends in ihrem verwahrlosten Zuhause, neben schmutzigen
oder kranken Kindern an den feinen Batisthemden sticheln, die irgend
eine Herzogin ahnungslos ber den gepflegten Krper ziehen wird,
verdienen 4 bis 6 sh., zuweilen sogar nur 2 sh. die Woche[665]; in den
Londoner Schneiderwerksttten erreicht eine gelernte Schneiderin bei
vierzehn- bis siebzehnstndiger Arbeitszeit im besten Fall 4 sh.
tglich, hufig mu sie sich mit derselben Summe als Wochenlohn
zufrieden geben[666], whrend die Heimarbeiterin berhaupt kaum mehr zu
verdienen vermag[667], sie nht z.B. Unterrcke fr 7 p. das Stck,
wobei sie den Faden noch zugeben mu.[668]

Selbst in die neue Welt brachten die unglcklichsten Flchtlinge der
alten das Sweating-System mit. Blhende Industrien, die ihren Arbeitern
ein gutes Auskommen sicherten, brachen unter der Schmutzkonkurrenz der
kleinen Werksttten und der armen Heimarbeiter zusammen.[669]
Ein einziger Stadtteil Chicagos wies nicht weniger als 162
Konfektionswerksttten auf, ber die Hlfte aller Arbeiter darin waren
verschuldet, denn nur selten konnten die Einnahmen mit den notwendigsten
Ausgaben das Gleichgewicht halten.[670] Als typisches Beispiel fr die
Wirkung der Hausindustrie kann folgendes gelten: ein Schneider, der seit
seinem vierzehnten Jahre ein fleiiges und nchternes Leben fhrte, und
trotzdem nie mehr als 200 bis 300 $ jhrlich einnahm, hatte nach zwanzig
Jahren vier an der Schwindsucht sterbende Kinder und wurde selbst, im
Alter von 34 Jahren! als altersschwach und arbeitsunfhig befunden.[671]
Da die Lhne der weiblichen Arbeiter noch viel niedriger sind--solche
von 25 c. tglich kommen sehr oft vor--, ihre Widerstandsfhigkeit eine
geringere ist und ihre Krfte sich oft in wenigen Jahren
verbrauchen,[672] so kann man sich ungefhr eine Vorstellung von der
Lage machen, in der sie sich befinden.

Als notwendige Folge der niedrigen Lhne ist die berarbeit, die
Unterernhrung und die Wohnungsnot berall die gleiche. Es giebt naive
Gemter, die in der Heimarbeit des Weibes ein Mittel zur
Aufrechterhaltung des durch die Fabrikarbeit bedrohten Familienlebens
sehen. Sie stellen sich die Heimarbeiterin etwa unter dem Bilde der
handarbeitenden Frau aus brgerlichen Kreisen vor, die nur mige
Stunden auszufllen sucht, sonst aber ihren Kindern, ihrer Wirtschaft
stets zur Verfgung steht. Sie wollen nicht einsehen, da Heimarbeit zu
fieberhafter Thtigkeit verdammt, da sie den Menschen der Maschine
gegenberstellt, und er in rasender Hast mit ihr den Wettkampf aufnehmen
mu, bis er zusammenbricht. Selbst neben dem sterbenden Kinde mu die
New-Yorker Arbeiterin ihr Tagespensum erledigen; oft hat sie keine Zeit,
ihre Toten zu begraben! Die Lebenden aber, die noch nicht mit arbeiten
knnen, schickt sie auf die Strae, oder bestenfalls zu Pflegefrauen, um
in der Arbeit nicht gestrt zu werden.[673] Ihre Berliner
Leidensgefhrtin greift zu dem Mittel, ihre Kleinen in Kisten zu
pferchen, oder an Sthle anzubinden, weil sie keine Zeit hat,
aufzuspringen, um den Fallenden aufzuhelfen oder die Umherlaufenden zu
beaufsichtigen.[674] Die Hausindustrie erhlt die Frau nicht der
Familie, denn sie mu Mann, Kinder und Wirtschaft ebenso
vernachlssigen, als ginge sie in die Fabrik.[675] Die Hausindustrie
zerstrt vielmehr den letzten Rest des Familienlebens, den die Fabrik
noch erhlt, weil sie ihrer Sklavin berhaupt keine Ruhe lt, weil sie
den armseligen Wohnraum des Proletariers auch noch zur Werkstatt
verwandelt. Die ganze Familie und die ganze Arbeit der Berliner
Heimarbeiterin drngt sich in einem Raum, der womglich auch noch zum
Kochen benutzt wird, zusammen; die kleine Stube daneben mu an
Schlafleute vermietet werden und wird oft noch von den Kindern
geteilt.[676] Wie sie keinen Raum besitzen, in dem sie bei Tage fr sich
sein knnen, so haben sie nachts kaum ein Bett fr sich allein; zwei
Drittel aller Berliner Heimarbeiterinnen mssen ihr Bett mit anderen
teilen.[677] Bilder grauenhaften Elends rollen sich auf, wenn wir diese
Wohnungen nher betrachten: Im fnften Stock eines Berliner Hauses
befindet sich ein einfenstriges Zimmer und eine winzige, fensterlose
Kche; darin haust eine gelhmte Greisin, ihre Tochter, die Nherin ist,
und deren vier Kinder. In einem Keller derselben Stadt wohnt in einer
Kche von 8 qm Bodenflche eine Witwe mit vier Kindern, die Stube
daneben hat sie an Schlafburschen vermietet; in beiden Rumen schimmeln
die Mbel, so feucht ist es. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen
Rumen haust ein Ehepaar mit vier Kindern und einem Schlafmdchen; den
Mann zerfrit auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs. In einem
Keller, dessen Dielen verfault sind, und dessen Fenster tief unter der
Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern fr die, die droben in Luft und
Sonne lachend vorbergehen. In einem anderen Keller hnlicher Art liegt
der Mann in den letzten Stadien der Lungenschwindsucht, die Frau nht
neben seinem Bett, die Kinder atmen seine Krankheit ein.[678] In
New-York fand man eine siebenkpfige Familie in einer Wohnung von drei
Rumen, von denen nur einer hell war, zusammen mit nicht weniger als
fnfzehn Schlafleuten,--alle waren auf nur drei Betten angewiesen.[679]
In einer anderen Wohnung, in die ein Fabrikinspektor nachts eindrang,
lagen zehn bis zwlf Menschen, Mnner, Frauen und Kinder, manche halb
nackt, auf dem bloen Fuboden.[680]

Es mag immerhin noch Menschen geben, die beim Anblick solchen Elends
nichts anderes empfinden, als wenn sie vom Samtfauteuil des ersten
Ranges aus die Not der "Weber" oder das Leiden "Hanneles" betrachten:
sie gehen nach Hause und denken nicht mehr daran. Nachhaltiger aber
drfte ihr Schrecken sein, wenn sie erfhren, da jene Armut ihnen
selbst an das liebe Leben greift: in einem Zimmer Berlins nhte eine
arme Mutter Blusen, halbfertig lagen sie auf dem Bett, in dem drei
diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen; in einer Werkstatt, die
eben noch an derselben Krankheit Leidende beherbergt hatte, arbeiteten
gleich darauf sieben Arbeiterinnen.[681] Masern, Keuchhusten,
Scharlach,--kurz alle Kinderkrankheiten nisten sich in der armseligen
Stube der Nherin ein, und werden von ihren Hemden und Blusen und Rcken
in die Huser der Kufer getragen. Die Schwindsucht haftet an den
beliebten billigen Jacken und Mnteln der groen Warenhuser; das
furchtbare Gift der Syphilis dringt auf diese Weise in die physisch und
moralisch reinsten Familien.[682] Niemand kann ermessen, wie oft es
geschieht, keiner aber sollte sich die Gre der Gefahr verhehlen.
Treibt doch die Armut ihre Opfer der Schande in die Arme.

Wir haben gesehen, da die Hausindustrie Lhne aufweist, durch die kaum
das nackte Leben erhalten werden kann. Ihre Arbeiterinnen aber sind
jung, es graut sie mit vollem Recht vor einem Dasein, das aller Freude
entbehrt; sie sind Mtter, sie knnen ihre Kinder nicht darben lassen;
sie sehen das Alter vor sich, sie wollen nicht im Armenhaus enden.
Selbst durch den Verkauf ihrer ganzen Arbeitskraft knnen sie nicht
leben, der Verkauf ihres Leibes, ihrer Ehre mu die Ergnzung sein. Die
Arbeit selbst mssen sie hufig damit bezahlen. Am gnstigsten noch
gestaltet sich ihre Lage, wenn sie ein festes Verhltnis haben, wie jene
arme Mutter, die erklrte, sie habe sich dazu entschlieen mssen, sonst
wre sie zu Grunde gegangen.[683] Ein Liebhaber aus den eigenen Kreisen
wird vielleicht einmal ein Ehemann. In den weitaus meisten Fllen jedoch
fallen die hausindustriellen Arbeiterinnen der gelegentlichen
Prostitution anheim.[684] Hunger und Lebenslust sind strker als alle
Moral, und die Moralpredigt oder gar die moralische Entrstung wird
angesichts dieses Elends zu einer ekelhaften Farce.

Die ganze Stufenleiter der Not haben wir durchlaufen bis zu ihrer
letzten Konsequenz. Wo ist ein Lichtblick, der eine Besserung der
Zustnde verheit? Kann die Hausindustrie ihren Arbeitern, wie der
Fabrikbetrieb nach und nach eine hhere Lebenshaltung ermglichen? Um
diese Fragen zu beantworten, ist es notwendig, sich die Ursachen des
herrschenden Elends klar zu machen.

Dort, wo Arbeitskraft billig zu haben ist, hat die Hausindustrie sich
festgesetzt: in den Grostdten, wo eine groe Arbeiterbevlkerung sich
vorfindet.[685] Hier strmen in wachsender Zahl die Proletarier
zusammen, ihre Frauen und Tchter schaffen ein bermiges Angebot von
Arbeitskraft, das durch die starke Einwanderung von Landmdchen und
durch die wachsende Konkurrenz der Frauen und Mdchen aus den Kreisen
des Brgertums stndig gesteigert wird. Diese Arbeitskrfte knnen aber
nur von Industrien ausgenutzt werden, die an ihre Ausbildung keine
Ansprche machen und deren technische Entwicklung noch in den Anfngen
stecken geblieben ist; das sind die Hausindustrien aller Art, in erster
Linie diejenigen, die an alte hauswirtschaftliche Frauenarbeit
anknpfen, wie die Nherei und Schneiderei. Sie sind auch besonders
geeignet, alle diejenigen Frauen heranzuziehen, die zur Ergnzung des
mnnlichen Einkommens einen Nebenerwerb suchen, der sie im Hause
beschftigt. All diese zusammentreffenden Umstnde nun: die
Konzentrierung proletarischer Elemente in den Grostdten, das starke
Angebot weiblicher Arbeitskrfte, die zum Teil durch ihre Leistungen
nicht ihren ganzen Lebensunterhalt zu bestreiten brauchen, die Tendenz
der Industrie, mglichst billig zu produzieren, sind die Ursachen der
grostdtischen Hausindustrie, mit ihrem Gefolge an physischem und
sittlichem Elend. Fr England und Amerika gilt dasselbe, nur da dort
die billigen Arbeitskrfte durch die armen Einwanderer gestellt werden.

Aber nicht nur in den Grostdten findet die Hausindustrie die
Voraussetzungen fr ihre Existenz. Sie findet sie in gleichem Mae in
den Gebirgen, wo infolge der schlechten Transportverhltnisse der
Fabrikbetrieb nicht Fu fassen kann,[686] und in den Landorten des
Flachlands, wo der kleine Bauer nicht mehr im stande ist, von der
Landwirtschaft allein seine Familie zu ernhren. Da die Hausindustrie
einerseits mit Frauen, andererseits mit Mnnern und Frauen zu thun hat,
die von der modernen Arbeiterbewegung nicht erreicht werden, weil sie
abgeschnitten sind vom Verkehr mit der Welt, so hat sie neben einem
billigen auch ein auerordentlich fgsames Material in der Hand. Trotz
alledem hat sie mit der Konkurrenz des Fabrikbetriebs zu kmpfen. Ihre
Kampfmittel sind neben den niedrigen Lhnen, der langen Arbeitszeit und
dem Trucksystem die Ausbeutung der Lehrlinge. Die hausindustriellen
Werksttten beschftigen sie wochenlang unentgeltlich oder womglich
gegen Lehrgeld, sparen dadurch bezahlte Arbeitskrfte und entlassen sie,
sobald die "Ausbildung" vollendet ist und eine Anstellung erwartet
wird.[687]

Es kommt nun darauf an, festzustellen, ob die Existenzbedingungen der
Hausindustrie fernerhin vorhanden sein werden, und ob ihre
Arbeitsbedingungen Aussicht haben, sich zum Vorteil der Arbeiter zu
verndern.

Es giebt Industrien, z.B., um gleich die fr unseren Zweck wichtigste zu
nennen, die Textilindustrie, die durch groe technische
Vervollkommnungen der Hausindustrie auf ihrem Gebiet den Todessto
versetzen. Sie kann die Konkurrenz nicht mehr aushalten, sie wird
gewissermaen ausgehungert. In England hat sich dieser Proze bereits
vollzogen, in anderen Lndern wird er denselben Verlauf nehmen. Andere
dagegen--und hier kommt im wesentlichen die Bekleidungsindustrie in
Betracht--bedrfen in der Hauptsache der menschlichen Hand; selbst ihre
Maschinen, die Nhmaschine, die Knopflochmaschine, ja sogar die neue
Zuschneidemaschine, haben den Fabrikbetrieb nicht zur notwendigen
Voraussetzung. Und sie werden durch uere Umstnde auf absehbare Zeit
hinaus nicht dazu gezwungen werden, weil die Bevlkerungsverhltnisse
sich in der selben und nicht in der entgegengesetzten Richtung
weiterentwickeln. Die proletarische Bevlkerung wchst ebenso aus sich
heraus, wie durch Zuwanderung und durch ein allmhliches Hinabsinken des
Kleinbrgertums. Dazu kommt, da die Hhe der mnnlichen Arbeitslhne
immer mehr durch den Frauenerwerb, der als Ergnzung hinzugedacht wird,
beeinflut wird, und ihrerseits das Arbeitsangebot weiblicher Hnde
steigern hilft. Auch die Erwerbsarbeit der Frauen des Brgerstandes hat
eine steigende Tendenz, weil die Einnahmen der Mnner weder den erhhten
Bedrfnissen, noch der allgemeinen Preissteigerung entsprechen. Allein
das riesige Indiehheschnellen der Mieten macht den Nebenerwerb der
Frauen zur Notwendigkeit[688], der andererseits auch vielfach, infolge
des Zusammenschrumpfens der Hauswirtschaft, der Langenweile entspringen
mag. Es kommt aber noch eins hinzu, um die Weiterentwicklung der
Hausindustrie in ihrer modernen Form zu sichern: die Tendenz zur
Dezentralisation des Grobetriebs. Die Ausdehnung und schrfere
Handhabung der Arbeiterschutzgesetzgebung lt den Unternehmer nach
einem Ausweg suchen, um ihr aus dem Wege zu gehen, er findet ihn in der
Hausindustrie. Die Tabakindustrie bietet dafr ein besonders drastisches
Beispiel. Die Bedingungen zur Erhaltung und zur Ausbreitung der
Hausindustrie, und zwar grade dort, wo Frauenarbeit eine bedeutende
Rolle spielt, sind demnach gegeben. Dabei ist aber auch die Frage nach
der Mglichkeit der Hebung der hausindustriellen Arbeitsbedingungen zum
Teil mit beantwortet. Es ist ein Zirkel, aus dem ein Ausweg zunchst
unmglich erscheint: die schlechten Arbeitsbedingungen sind zugleich
Ursache und Folge der Hausindustrie. Ihr Sieg ber den Fabrikbetrieb
beruht eben auf der Ausnutzung und Ausbeutung der menschlichen
Arbeitskraft bis an die Grenze des Mglichen. Ein Rckgang der Lhne, im
Gegensatz zu ihrer Zunahme im Fabrikbetrieb, zeigt sich berall.[689]
Die Ursachen liegen auf den verschiedensten Gebieten. Wie wir wissen,
ist es die Notlage der Familie, die die verheiratete Frau zur
Erwerbsarbeit zwingt. In den weitaus meisten Fllen whlt sie, in der
Ansicht befangen, dadurch ihren Kindern mehr ntzen zu knnen, die
Heimarbeit. Der grte Teil der Heimarbeiterinnnen sind berall Frauen
mit Kindern.[690] Von der Not getrieben, nehmen sie Arbeit um jeden
Preis. Ihre Helfershelfer im Lohndruck und der Aufrechterhaltung der
schlimmsten Form der Hausindustrie, der Heimarbeit, sind die Frauen und
Tchter der Bourgeoisie, jene "verschmten" Armen, die ihre
Erwerbsarbeit als nicht standesgem mglichst geheim zu halten
suchen[691], und die an primitive Lebensverhltnisse gewhnte, daher
billig arbeitende Landbevlkerung. Die Nherinnen im Vogtland z.B., die
viel fr Berlin arbeiten, verdienen 25 % weniger als die Berliner
Arbeiterinnen.[692] Und diese gefhrliche Konkurrenz wird teils durch
den Staat, der Webe- und Korbflechtschulen u. dergl. m. errichtet, teils
durch kurzsichtige Privatwohlthtigkeit, die im Gebirge und auf dem
Lande den sogenannten "Gewerbeflei" einfhrt, untersttzt[693], auch
noch knstlich grogezogen. Die Frauen, die Landbewohner und schlielich
auch die Vlker mit niedriger Lebenshaltung,--der Einflu der fabelhaft
billigen Erzeugnisse der japanischen und chinesischen Heimarbeit beginnt
bereits fhlbar zu werden,--bilden das riesige Reservoir, aus dem die
Hausindustrie stets neue Nahrung schpft, und die sie gegeneinander
ausspielt. Sie ist wie ein ungeheuerer Sumpf, der nie austrocknet, weil
er aus trben unterirdischen Quellen immer wieder gespeist wird, und der
mit seinen Miasmen die ganze Luft verpestet. Nichts Gesundes und
Lebenskrftiges kann er jemals hervorbringen, er kann sich nicht aus
sich selbst heraus in einen klaren See verwandeln. Um seine Wirkungen zu
beseitigen, giebt es nur ein Mittel: er selbst mu verschwinden.


Der Handel.

Die Ausbreitung der Frauenarbeit im Handel ist in nennenswertem Umfang
erst viel spter in Erscheinung getreten, als in anderen
Arbeitsgebieten. Zwar petitionierten bereits 1848 die Berliner Kommis an
das preuische Staatsministerium um Einschrnkung der weiblichen
Konkurrenz[694], aber erst seit den letzten zwanzig Jahren droht ihnen
durch sie eine ernste Gefahr. Einerseits sind es die Tchter des
mittleren und kleinen Brgerstandes, die mehr und mehr vor die
Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, gestellt werden
und im kaufmnnischen Beruf ein standesgemes Unterkommen zu finden
glauben, andererseits sieht die aufstrebende Arbeiterklasse in ihm eine
hhere Stufe der sozialen Stufenleiter und versucht in steigendem Mae
ihre Tchter hinauf zu heben.

Die Entwicklung des Handels, seine Konzentrierung in Bazaren und
Warenhusern kommt diesen Bestrebungen entgegen. Immer geringer werden
hier die Anforderungen an kaufmnnische Bildung und genaue
Warenkenntnis, da jede Verkuferin nur eine bestimmte Abteilung
zugewiesen bekommt und auf den einzelnen Gegenstnden die Preise meist
deutlich vermerkt zu werden pflegen. Infolgedessen ist es erklrlich,
da in zahlreichen Geschftszweigen, besonders in den Geschften fr
Bekleidung und solchen fr frische Nahrungsmittel mehr Frauen als Mnner
zu finden sind; sie rekrutieren sich meist aus proletarischen Kreisen,
haben oft nur die Volksschule besucht und knnen, wie z.B. in Berlin,
nur selten grammatikalisch und orthographisch richtig schreiben.[695]
Aber nicht nur ihrer Herkunft, sondern vor allem den Bedingungen ihrer
Arbeit nach, mssen die Verkuferinnen zu den Kreisen der proletarischen
Frauenarbeit gerechnet werden. Die Untersuchungen aller Lnder,
die sich mit ihrer Lage beschftigen, stimmen darin berein, da
der Lohn zur Leistung in grtem Miverhltnis steht, und alle
charakteristischen Zeichen der proletarischen Arbeit,--Ueberarbeit und
Arbeitslosigkeit,--auch auf sie zutreffen.

Was zunchst die Lohnfrage betrifft, so ist ein einigermaen
ausreichendes Material zu ihrer Beleuchtung nicht vorhanden. Selbst die
deutsche Kommission fr Arbeiterstatistik hat es bei Gelegenheit ihrer
Untersuchungen der Lage der Handelsgehilfen unbegreiflicherweise
frmlich ngstlich vermieden, sich ber den Stand der
Arbeitsentschdigung Aufklrung zu verschaffen. Auch die englische
Arbeitskommission bringt nur sprliche Ziffern. Wir mssen uns daher im
wesentlichen auf die Resultate privater Enqueten sttzen.

Das Durchschnittseinkommen Berliner Verkuferinnen wird vom
kaufmnnischen Hilfsverein fr weibliche Angestellte auf 58 Mk.
monatlich geschtzt. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit durchschnittlich
1-3/4 Monate betragen soll, so wrde ein Jahreseinkommen von 594 Mk.,
eine tgliche Einnahme von 1,60 Mk. zu verzeichnen sein.[696] Schon mit
dieser Summe ist es fr die grostdtische Verkuferin nicht mglich
auszukommen. Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn eine Jahreseinnahme
von 900 bis 1000 Mk. erst als diejenige angesehen werden kann, die der
Berliner Verkuferin eine sorgenfreie Existenz zu sichern vermag. Nun
gehren aber die Mitglieder des Hilfsvereins fr weibliche Angestellte
zweifellos zur Elite der Ladengehilfinnen; ihr Lohn kann daher fr die
groe Masse nicht magebend sein. Thatschlich kommen selbst in Berlin
Monatslhne von 30 bis 40, ja sogar von 20 bis 30 Mk. vor; in der
Provinz, besonders in den kleinen Stdten, sind solche Stze keine
Seltenheit; das Durchschnittsgehalt der Verkuferinnen in Kln betrug
40, in Frankfurt 39, in Kassel 30, in Knigsberg gar nur 27 Mk.[697],
ein Lohn, der vielfach hinter dem der Fabrikarbeiterinnen zurcksteht.
Selbst Leipzig weist Monatslhne von 20 bis 30, ja sogar solche unter 20
Mk. auf.[698] Verkuferinnen, die eben die Lehrzeit hinter sich haben,
mssen sich sogar oft genug mit 10 Mk. im Monat einrichten.[699]
Mnnlichen Verkufern wagt man solchen Gehalt nur hchst selten
anzubieten, wo es geschieht, handelt es sich um einen Anfangsgehalt, der
schnell gesteigert wird; ihr Durchschnittseinkommen wird auf 100 Mk.
angegeben, betrgt also fast das Doppelte des Einkommens ihrer
weiblichen Kollegen. Je nach der Zahl der Dienstjahre kann nun zwar auch
die Verkuferin auf Steigerung des Gehalts rechnen; 70 und 80 Mk.
bezeichnen aber in den meisten Fllen ein nur schwer erreichbares
Maximum, Monatseinnahmen von 100 bis 120 Mk. kommen nur ausnahmsweise
vor. Da die Zeit der Arbeitslosigkeit sich hufig bis auf drei Monate
ausdehnt, so schrumpft die im ganzen Jahr der Verkuferin zu Gebote
stehende Summe so sehr zusammen, da ein Auskommen schwer mglich ist.
Die Angaben Berliner Handelsgehilfinnen besttigen das. Danach betrug
die durchschnittliche Ausgabe fr Kost und Wohnung 51 Mk., 30 Mk. wurde
als das geringste bezeichnet, womit das Leben sich notdrftig bestreiten
liee.[700] Stellen wir diesen Ausgaben die Durchschnittseinnahme von 58
Mk. gegenber, so ist ohne weiteres klar, da mit einem Rest von 7 Mk.
die Ausgaben fr Wsche, Kleidung, Tramwayfahrten etc.--vom Vergngen
ganz abgesehen--nicht gedeckt werden knnen. Besonders die Ansprche an
die Toilette, die das Budget der Handelsangestellten so sehr belasten,
knnen damit nicht bezahlt werden und doch riskiert die Verkuferin
ihre Stellung, wenn sie sie nicht erfllt. Wie hoch sie sind, beweist
eine amerikanische Zusammenstellung der Ausgaben fr Wohnung und
Kleidung je nach den Berufen der Arbeiterinnen. Whrend die
Fabrikmdchen oft kaum den vierten Teil dessen fr ihre Kleidung
verwenden, was sie fr ihre Wohnung ausgeben, bersteigt die Summe, mit
der die Verkuferinnen ihre Toilette bestreiten, fast immer die Ausgaben
fr die Wohnung, sehr oft sogar ist sie hher, als diejenige, die sie
fr ihren ganzen Lebensunterhalt anlegen.[701] Denken wir nun aber an
Monatseinnahmen, die den Durchschnitt von 58 Mk. nicht erreichen, die
vielleicht nur 20 oder 30 Mk. betragen, so ist, selbst bei einer
Aufwendung von nur 30 Mk. fr Kost und Wohnung, wobei nur eine
Schlafstelle in Betracht kommen kann und die Unterernhrung chronisch
wird, ein bedeutendes Defizit unvermeidlich. Die Existenz ist nur dann
gesichert, wenn die dermaen niedrig Entlohnten bei ihrer Familie
wohnen. In welchem Umfang dies thatschlich geschieht, lt sich nicht
feststellen. Eine Privatenquete, die 825 Berliner Handelsangestellte
umfate, ergab, da 585, also 71 %, von ihnen bei Familienangehrigen
wohnen; 240 sind darauf angewiesen, sich ihr Unterkommen selbst zu
beschaffen, und zwar haben 36,75 % dieser selbstndigen Mdchen eine
Monatseinnahme von unter 30 bis zu 60 Mk.[702], sie gehren also zu
denjenigen, die nach unserer Berechnung entweder nur unter grten
Entbehrungen, oder unter fortwhrender Anhufung von Schulden ihr Leben
fristen knnen. Da es sich jedoch auch bei diesen Handelsgehilfinnen um
besonders Bevorzugte handelt,--nur die besser gestellten,
intelligenteren unter ihnen entschlieen sich, einem Verein beizutreten,
und Vereinsmitglieder waren smtliche Expertinnen,--so ergiebt sich, da
fr die Allgemeinheit sowohl der Prozentsatz der niedrig Entlohnten, als
der der Alleinstehenden ein wesentlich hherer sein mu. Aber selbst
wenn wir die sehr gnstige Berliner Berechnung zu Grunde legen, um die
Lage aller Handelsgehilfinnen danach zu beurteilen, zeigt es sich, da
von 365005 nicht weniger als 105851 allein stehen, und von diesen wieder
beinahe 17000 von dem Ertrag ihrer Arbeit nicht leben knnen.

In England sind die Lohnverhltnisse keineswegs besser, obwohl man
zuweilen versucht ist, es anzunehmen, weil die Handelsangestellten neben
dem Gehalt freie Station haben. Aber selbst den unwahrscheinlichen Fall
angenommen, da diese so vortrefflich ist, da ein Zuschu zur Ernhrung
aus dem eigenen Beutel sich nicht als ntig erweist, reicht ein
Jahreseinkommen von 10 bis 12 [703] in den Grostdten Englands bei
weitem nicht aus, um die notwendigen Ausgaben, die den Verkuferinnen
erwachsen, zu bestreiten. Dabei herrscht in England das Unwesen der
Strafgelder in ausgedehntestem Mae. In manchen Geschften giebt es bis
zu hundert verschiedene Versumnisse, die durch Lohnabzge gebt werden
mssen.[704]

Fr Frankreich knnen wir uns auf offizielle Untersuchungen nicht
berufen, um die Lage der Handelsangestellten danach zu schildern; dafr
liegt in Zolas "Au Bonheur des Dames" ein weit wertvolleres Dokument
vor. Es zeigt uns den kleinen Laden mit seinen schlecht genhrten und
schlecht bezahlten Arbeitern, es fhrt uns in das fieberhafte Getriebe
des groen Warenhauses, das Nerven- und Muskelkrfte untergrbt; es
ffnet uns die Thr zu den winzigen, unheizbaren, allen Komforts
entbehrenden Dachkammern, wo die Mdchen abends halb ohnmchtig auf ihr
Lager sinken und zu den Eslen, wo die menschlichen Arbeitsmaschinen
mit weit weniger Sorgfalt gespeist werden, als die eisernen
Maschinen in den Fabriken. Es nimmt uns mit seiner groartigen
Wirklichkeitsschilderung jede Illusion ber die Lage der Ladenmdchen.
Aber weit mehr noch als fr das Riesenhandelshaus, das durch seinen
gewaltigen Umsatz im stande ist, seinen Angestellten eine gesicherte
Stellung zu geben, trotz aller Ausbeutung und Vernachlssigung, gilt es
fr die kleinen, mhsam um ihr Bestehen kmpfenden Geschfte, wenn sich
der uere Glanz des kaufmnnischen Berufs bei nherem Zuschauen in sein
Gegenteil verwandelt. Je kleiner der Laden und die Stadt, desto
trauriger steht es um die Angestellten, desto klarer ist es vor allem,
da die Wohnung und Bekstigung im Hause des Prinzipals zwar eine
Wohlthat ist, aber nicht fr die Angestellten, sondern fr ihn. Er
macht dadurch nicht nur Ersparnisse, sondern er hat auch ein Mittel in
der Hand, ber seine Angestellten wie ber husliche Dienstboten frei
verfgen zu knnen.[705] Die Bekstigung im Hause des Chefs, die in
Deutschland besonders auch dort hufig blich ist[706], wo die
Verkuferinnen fr ihre Wohnung selbst zu sorgen haben, bietet den
willkommenen Vorwand, die Mittagspause entweder sehr einzuschrnken oder
berhaupt dem Zufall und der momentanen Geschftsruhe zu berlassen. In
England wurden Mittagspausen von zehn bis hchstens zwanzig Minuten
festgestellt, die noch dazu jeden Augenblick durch den Eintritt von
Kunden unterbrochen werden konnten[707]; in Deutschland ist es nicht
viel besser; dabei ist diese Pause oft die einzige; Frhstcks- und
Vesperpausen werden, vor allem in den kleinen Geschften, sehr selten
gewhrt.[708] Abendbrot giebt es in England hufig gar nicht, so da die
Mdchen gentigt sind, es sich selbst zu beschaffen[709]; die
Bekstigung ist dort wie in Deutschland meist, was Quantitt und
Qualitt betrifft, gleich minderwertig[710], und mu im Geschftsraum
selbst oder in engen, dumpfigen Nebenrumen hastig verschlungen werden.
Nur die groen Geschfte, die groen Warenhuser und Bazare machen hie
und da eine rhmliche Ausnahme; wo sie berhaupt ihren Angestellten
Bekstigung bieten, ist sie ausreichend, besondere Speisesle sind dafr
angelegt und die Zeit zu ihrer Einnahme ist so weit gesteckt, da sie
auch ein Ausruhen in sich schlieen kann. In den kleinen Stdten und in
den kleinen Geschften, wo die weiblichen Angestellten auch husliche
Arbeiten verrichten mssen, ist ihre Lage durchweg eine traurige; auch
in Bezug auf die Wohnung unterscheiden sie sich nicht von den
Dienstmdchen: es werden ihnen unheizbare Dachstuben oder schlecht
gelftete, halbdunkle Rume neben dem Laden zur Unterkunft
angewiesen[711]; in England und Amerika gilt dasselbe sogar in den
groen Stdten und Geschften. Londoner Verkuferinnen mssen sich oft
zu zweien in ein Bett teilen, und die Rume, in denen sie hausen,
entbehren jeder Bequemlichkeit.[712] In den Riesengeschften New-Yorks
wohnen die Mdchen so eng, da man Gefangenen solch einen Mangel an
Luftraum nicht bieten wrde.[713] Damit sind die Nachteile der freien
Station jedoch noch nicht erschpft; die Prinzipale bestimmen auch,
unter dem Vorwand der Aufrechterhaltung der Moral und des
patriarchalischen Familienverhltnisses, ber die freie Zeit der
Angestellten. Sie sind nicht nur im Hause selbst der strengsten Aufsicht
unterworfen, sie drfen auch nur an bestimmten Abenden der Woche
ausgehen und mssen vor Thorschlu heimkehren, da sie sonst keinen
Einla mehr finden.[714] In England sind sie andererseits vielfach
verpflichtet, am Sonntag frh das Zimmer zu verlassen und erst spt
abends heimzukehren.[715] Der Prinzipal spart auf diese Weise an sechzig
Tagen des Jahres die Bekstigung; die arme Verkuferin aber, die oft am
liebsten den Tag verschlafen, oder die ihn, als die einzige freie Zeit,
zur Herstellung ihrer Garderobe benutzen mchte, mu entweder an solch
erzwungenen Festtagen ihre schmale Brse leeren, oder Bekanntschaft
suchen, die sie versorgt.

Die Beraubung der schwer verdienten Ruhe ist hierbei wohl das hrteste,
denn die Arbeitszeit der Handelsgehilfin war bis vor kurzem eine ganz
unbeschrnkte. Die Ladenzeit betrug im Deutschen Reich im Maximum bis zu
achtzehn Stunden, im Durchschnitt vierzehn Stunden tglich[716]; nicht
weniger als 43 % der Betriebe mit weiblichem Personal hatten eine
Ladenzeit von dreizehn bis sechzehn Stunden.[717] Die lngste fand sich
in der Lebensmittel-und Bekleidungsbranche; in Breslauer
Kolonialwarenhandlungen kam es vor, da der Laden um fnf Uhr frh
geffnet und um zehn oder elf Uhr nachts geschlossen wurde.[718] In der
Hochsaison verlngerte sie sich berall, dabei war von einer Vergtung
der berstunden selten die Rede,[719] und wenn der Laden geschlossen
war, ging die aufreibende Arbeit hinter verschlossenen Jalousien bis in
die sinkende Nacht weiter. In England waren die Verhltnisse genau
dieselben.[720] Und doch wren diese Zustnde noch ertrglich zu nennen,
wenn sie nicht durch die schlimmsten Qualen verschrft worden wren:
nicht nur, da die armen Mdchen von morgens bis abends mit freundlichem
Diensteifer die Kunden,--und unter ihnen die unangenehmsten,--zu
bedienen haben, da sie die Leitern hinauf und hinab klettern, Ste von
Waren hin und her schleppen mssen, sie drfen sich, auch wenn niemand
im Laden ist, auch wenn ihre Kniee zittern und ihre Fe schmerzen,
nicht setzen[721]! Stehen--stehen--zwlf, vierzehn und mehr Stunden
stehen--und dabei lcheln, immer lcheln! Eine Folter, die wrdig wre,
spanische Inquisitoren zu Erfindern zu haben!

Erst in jngster Zeit hat man allenthalben den Versuch gemacht, diesen
belstand aus der Welt zu schaffen; bei der Zaghaftigkeit aber, mit der
vorgegangen wurde, ist wohl anzunehmen, da er, in etwas gemilderter
Form vielleicht, noch immer besteht. In Betreff der Arbeitszeit gilt
dasselbe; ist doch sogar nicht einmal die Sonntagsruhe den abgehetzten
Mdchen berall gesichert; auch am Sonntag mssen sie stundenweise im
Laden stehen, damit nur ja dem Herrn Prinzipal kein Pfennig Profit
entgeht.

Am schlimmsten von allen sind die Lehrlinge, wahre Prgelknaben und
Mdchen fr alles, daran. Kaum der Schule entwachsene Kinder werden mit
Vorliebe aufgenommen; sie kosten wenig und lassen sich widerstandslos
ausnutzen. Welchen riesigen Umfang ihre Beschftigung annimmt, geht
daraus hervor, da sie in einem Viertel aller deutschen Geschfte die
Gehilfen an Zahl berragen, in einem Fnftel sich noch einmal so viel
Lehrlinge als Gehilfen befinden, und es sogar vorkommt, da Geschfte
vielfach alle Gehilfen durch Lehrlinge ersetzen.[722] Sie sind
Laufmdchen, Hausmdchen, Verkuferin--alles in einer Person. In einem
Alter, wo der weibliche Krper der Schonung bedarf, mssen sie
dieselben, ja oft noch lngere Arbeitszeiten aushalten, als die
Erwachsenen.[723] Nur die Strksten berstehen es, die anderen werden in
der Blte geknickt, noch ehe ihnen die Frhlingssonne recht aufging.
Trotzdem fehlt es nie an neuem Nachwuchs; in Scharen, wie die Motten,
fliegen die Mdchen zu dem blendenden Licht hinter den Spiegelscheiben,
von dem sie Mrchenwunder erwarten. Und der Handel braucht Jugend! Die
Kunden sehen nicht gern alte Gesichter; ein hbsches junges Mdchen ist
eine strkere Anziehungskraft, als die beste Ware. Sehen wir uns um in
den Geschften, besonders in denen der Grostadt: fast lauter junge
Dinger mit hochfrisiertem Lockenkopf und glnzenden Augen treten uns
entgegen. Die Statistik besttigt das: von den Berliner Verkuferinnen
sind 71 % 15 bis 21 Jahre alt[724]! Wo bleiben die Alternden,
diejenigen, die nicht heiraten, die nicht das ungewhnliche Glck haben,
sich selbstndig machen zu knnen? Die edelsten Pferde haben das
traurige Schicksal, da sie aus dem Rennstall-Palais, wo sie in ihrer
Jugend genhrt, gepflegt und gehtet wurden, sorgfltiger als mancher
Mensch, zuerst in den engen Stall des Droschkenkutschers und dann zu den
armseligen Ackergulen des Bauern geraten--je lter sie werden, desto
hrter wird ihr Los. Den arbeitenden Frauen, und unter ihnen ganz
besonders den Verkuferinnen, geht es nicht anders. Werden sie alt und
hlich, so treten Junge an ihren Platz, und sie mssen sich mit immer
schlechteren Stellungen begngen. Der in Deutschland bisher bliche
Modus, wonach keine oder nur ganz kurze Kndigungsfristen ausgemacht
wurden,--d.h. der Prinzipal konnte die Angestellte oft von einem Tag zum
andern entlassen, die Angestellte aber mute die Kndigung vier Wochen
vorher einreichen,[725]--hatte zur Folge, da die alternden Gehilfinnen
sich einer dauernden Wanderschaft ausgesetzt sahen und nie wissen
konnten, ob nicht der nchste Tag sie arbeitslos macht. Mit 40 Jahren
freilich sind sie so wie so schon verbraucht.

Infolge des vielen Stehens, der langen Arbeitszeit und der schlechten
Ernhrung tritt schon frh allgemeine Entkrftung und Muskelschwche
ein. Die jungen Mdchen werden fast durchweg von der Bleichsucht
heimgesucht,--ein Blick in die Gesichter der Verkuferinnen beweist das
zur Genge,--Unterleibsleiden treten hinzu. Dabei schwellen die
Fugelenke an, an den Beinen zeigen sich Krampfadern, Magenkrankheiten
zerstren den Rest der Nervenkraft. Infolgedessen wird die Mutterschaft
fr die meisten ehemaligen Verkuferinnen zu einer schweren
Krankheit.[726] Die groe krperliche Abspannung, die oft so weit geht,
da die jungen Mdchen sich abends mit den Kleidern aufs Bett werfen,
weil sie nicht mehr die Kraft haben, sich auszuziehen,[727] fhrt
schlielich auch zu geistiger Erschlaffung. Selten nur reichen die
Interessen ber die alltglichen, persnlichen hinaus; ein energischer
Kampf um bessere Arbeitsbedingungen liegt ganz auerhalb der
Vorstellungsmglichkeit.

Neben die krperlichen und geistigen Folgen der proletarischen
Frauenarbeit im Handel treten aber noch die traurigen moralischen hinzu.
Die groe Masse der Angestellten kann von ihrem Arbeitseinkommen nicht
leben; nicht nur, da sie sehr hufig das einfachste Leben kaum fristen
knnen, ihre Ansprche sind auch von Haus aus hhere und werden durch
ihre ganze Umgebung, besonders in den Bazaren und Konfektionsgeschften,
noch gesteigert. Und Gewohnheit und Ansprche gilt es in Rechnung zu
ziehen, wenn man Notlagen und die Gre der damit verbundenen Gefahren
richtig beurteilen will. Eine Fabrikarbeiterin in irgend einer kleinen
schsischen Fabrikstadt kann sich durch dasselbe Einkommen gesichert und
befriedigt fhlen, das eine Verkuferin in einem Berliner Geschft der
Schande in die Arme treibt. Weit strkere Einflsse, als auf die arme
Arbeiterin, wirken bei ihr noch mit: diese heiratet leicht, nach der
Ansicht khler Rechenmeister, leichtsinnig; ihr Erwhlter sieht in ihrer
Arbeitskraft ihre wertvollste Mitgift, fr jene aber ist die Heirat ein
selten erreichter Traum, denn ihre mnnlichen Arbeitsgenossen suchen vor
allem eine klingende Mitgift, um sich dadurch selbstndig machen zu
knnen, und schliet fr die Frauen ihr Beruf die Ehe aus. Wenn die Not
sie nicht zu Falle bringt, so ist es der Durst ihres Herzens und ihrer
Sinne, der sie in jene Liebesverhltnisse verstrickt, die so oft ein
tragisches Ende finden. Dabei naht ihr auch die Verfhrung mehr als
anderen durch den Verkehr mit der Kundschaft. Es ist nicht bertrieben,
sondern entspricht den tglich zu beobachtenden Thatsachen, da die
Lebemnner der Grostdte in den Bazaren und Warenhusern ein beliebtes
Feld fr ihre Jagd nach Menschenware erblicken. Aber auch fr die Chefs
selbst sind ihre Angestellten nicht selten Freiwild. Ein armes Mdchen
mu entweder ein hohes Ma an sittlicher Kraft, Selbstverleugnung und
Entsagungsfhigkeit, oder einen traurigen Mangel an Jugendlust und
Liebessehnsucht besitzen, um rein und unangefochten aus diesem Leben
hervorzugehen. Wie Zolas Denise sieht sie sich umgeben nicht nur von
leichtsinnigen, sondern auch von moralisch verdorbenen Kolleginnen. Und
damit berhren wir einen der traurigsten Punkte der Frauenarbeit im
Handel, der es so vielen unmglich macht, sich durch eigene Kraft
ehrlich durchzuschlagen: unter dem Deckmantel der Verkuferin und mehr
noch der Probiermamsell verbirgt sich hufig die Prostitution in grober
und feiner Art. Die femme soutenue ist es besonders, die hierbei in
Betracht kommt, und da sie hbsch ist und jung und elegant, auf die Hhe
des Lohnes wenig Wert legt, so macht der Unternehmer ein gutes Geschft
durch ihre Anstellung. Schulter an Schulter mit ihr machen die
wohlerzogenen Tchter des mittleren Brgerstandes, die Wohnung und Kost
bei ihren Eltern haben und mit einer Einnahme, die nur ein Taschengeld
reprsentiert, zufrieden sind, den alleinstehenden, mhsam sich
emporringenden Arbeiterinnen die empfindlichste Konkurrenz. Sie erhalten
die Lhne auf einem niedrigen Niveau, ja sie drcken sie durch ihr
massenhaftes Eintreten in den Handel vielfach noch herunter.
Infolgedessen zeigt sich in hherem Mae noch als in der Fabrikarbeit,
da die Entwicklung der Lhne mehr und mehr die Tendenz hat, sich nach
den Frauenlhnen zu gestalten, so da der Unterhalt der Familie auf dem
Erwerb von Mann und Frau beruht. Da die verheiratete Frau aber unter den
Angestellten eine beinahe unmgliche Erscheinung ist,--die Heirat
bedeutet fast stets den Austritt aus dem Geschft,--so sind die Folgen
dieser Entwicklung zunchst fr Mann und Weib gleich traurige.

Die Lage der Handelsgehilfinnen wrde eine verzweifelte sein, wenn sich
nicht in der den Wste ihres Daseins Quellen knftigen blhenden Lebens
nachweisen lieen. Eine der strksten und wichtigsten ist auch hier die
Entwicklung zum Grobetrieb. Je grer der Betrieb desto hher ist der
Lohn, desto krzer die Arbeitszeit und geregelter die Ruhepausen, desto
mehr nimmt aber auch die im Hause des Prinzipals lebende Zahl der
Angestellten ab. Damit schwindet das patriarchalische Verhltnis mehr
und mehr, der Angestellte nimmt nach und nach dieselbe Stellung ein, wie
der Fabrikarbeiter, dessen persnliches, husliches Leben und Treiben
den Unternehmer nicht kmmert. Hierdurch und durch die allerdings erst
in den ersten Anfngen steckende Regelung der Arbeitszeit, wird es
schlielich auch der verheirateten Frau leichter mglich sein, ihrem
Mdchenberuf treu zu bleiben. Das alles wrde aber nur wenig ntzen,
wenn nicht noch ein anderes Moment hinzukme: die Tchter des
Brgerstandes werden durch den Druck der Verhltnisse,--nicht zum
mindesten hervorgerufen durch die, das kleine Geschft ttenden
Warenhuser,--gezwungen werden, den Lohn nicht mehr als Mittel zur
Befriedigung von Luxusbedrfnissen, sondern als Mittel zum
Lebensunterhalt anzusehen. In der Not selbst liegen die Keime fr ihre
Beseitigung.

Neben der Entwicklung zum Grobetrieb, die aber,--das sei all denen
gesagt, die bequem genug sind, sich durch Zukunftshoffnungen ber die
Gegenwart trsten zu lassen,--eine auerordentlich langsame ist, luft
eine andere her, die eine entgegengesetzte Tendenz zu haben scheint und
gerade im Hinblick auf die Frauen sehr wichtig ist: die Zunahme der von
Frauen geleiteten Alleinbetriebe. Nach der Zhlung von 1895 gab es deren
145165, was gegenber der Zhlung von 1882 einer Zunahme von 41 %
gleichkam, whrend die von Mnnern geleiteten Alleinbetriebe um 5 %
abgenommen haben.[728] Trotz der Selbstndigkeit der Hndlerinnen ist
ihre Existenz eine proletarische, ihr Kampf ums Dasein ebenso so hart,
als der der Arbeiterin. Ueber die Hlfte,--56 %,--sind Witwen, 27 %
verheiratete Frauen, aber nur 17 % ledige. Die Witwen richten das
Geschft, wenn es nicht vom Manne ererbt ist, mit einem oft winzigen
Kapital ein, um sich und ihre Kinder zu erhalten; die verheirateten
Frauen, hufig ehemalige Dienstmdchen, wenden ihren Sparpfennig daran,
um durch ihren eigenen Erwerb den des Mannes zu ergnzen; alternde
Mdchen, oft frhere Verkuferinnen in hnlichen Geschften, versuchen
gleichfalls damit ihr Brot zu verdienen. Eine wichtige Rolle spielt bei
dieser Art Frauenarbeit der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten
und gerade er ist geeignet, sich auch fernerhin in Zwergbetrieben zu
konzentrieren: die Waren bilden den tglichen Bedarf jeder
Hauswirtschaft, sie mssen also mglichst in der Nhe zu haben sein und
knnen daher auch nicht in Warenhusern aufgestapelt werden; allein das
Wachstum der Stdte fhrt ihre Vermehrung herbei, die scharfe Konkurrenz
jedoch macht sie zu wahren Eintagsfliegen und zwingt die Besitzerinnen,
die bisher mhsam ihre Selbstndigkeit aufrecht erhielten, zur
Lohnarbeit. Trotzdem ist ihre Zunahme, solange die Privatkchen bestehen
werden, wahrscheinlich und sicher ist, da sich gerade dieses
Handelszweiges mehr und mehr die Frauen bemchtigen werden.

Welches Los hrter ist, das der Angestellten im glnzenden Kaufhaus, die
in seinem Dienst hinwelkt, die ihre Jugend entweder vertrauern oder
wegwerfen mu, oder das der Hndlerin im dsteren Keller oder stickigen
Laden, die oft auch noch die Nchte opfert, um ihre armselige
Huslichkeit in Ordnung zu halten, und sich um ein paar Pfennige plagt
von frh bis spt--das wage ich nicht zu entscheiden.


Die Landwirtschaft.

Whrend die Industriearbeiterin und die Handelsangestellte Erscheinungen
sind, die in den Augen der meisten feste Gestalt gewonnen haben, die
das Interesse der Nationalkonomen, der Politiker und der Gesetzgeber
erregen, ist die Landarbeiterin bisher ein ziemlich vager Begriff
geblieben. Man ereifert sich hchstens ber ihre Landflucht und wundert
sich, da sie ihr gesundes, gesichertes Leben so leichten Herzens
preisgiebt. Wie dies Leben sich in Wirklichkeit abspielt, das machen
sich nur Wenige klar und diese wenigen mssen sich teils auf ihre
eigenen beschrnkten Beobachtungen, teils auf Privat-Untersuchungen
sttzen, die auch immer nur unzulnglich bleiben knnen. Aber noch durch
einen anderen Umstand wird die Kenntnis der Lage der Landarbeiterinnen
erschwert.

Sie bilden keine durch gleiche Arbeitsbedingungen gekennzeichnete Masse,
sie gliedern sich vielmehr in zwei Kategorien von Arbeitern: die
kontraktlich gebundenen und die freien, und in eine ganze Anzahl von
Unterabteilungen beider. Zu den ersteren gehren zunchst die in festem
Jahreslohn stehenden Mgde, die Wohnung und Nahrung von der
Herrschaft empfangen und deren Arbeit eine teils husliche, teils
landwirtschaftliche ist. Zu ihnen gehren ferner im ostelbischen
Deutschland die Instleute, die vom Gutsherrn Wohnung und ein Stck Land,
auerdem einen gewissen Anteil am Ertrage des Gutes erhalten, dafr aber
nicht nur ihre eigene und die Arbeitskraft ihrer Frau in seinen Dienst
stellen, sondern auch eine Anzahl, gewhnlich zwei, andere Arbeiter fr
den Gutsherrn halten mssen; es sind das die Scharwerker, meist
Angehrige des Instmanns, seine Tchter und Shne, auch seine Mutter
oder sein Enkelkind, sehr oft aber auch fremde Mgde und Knechte, die
der Instmann zu dem Zweck dingt.[729] Im Westen Deutschlands nehmen die
Heuerleute eine hnliche Stellung ein, nur da ihnen Wohnung und Land
nicht geliefert wird, sondern da sie es gegen geringes Entgelt pachten
mssen, dafr aber verpflichtet sind, fr eine bestimmte Reihe von Tagen
um die Hlfte des ortsblichen Lohns fr den Besitzer Arbeit zu
leisten.[730] Eine breite Schicht der Landarbeiter sind in Ostelbien
auch noch die Deputanten, die neben dem Lohn rohe Lebensmittel
geliefert bekommen. Im brigen Deutschland wiederholt sich hufig den
Tagelhnern gegenber eine gleiche Art der Entlohnung. Neben diesen
Arbeiterkategorien finden sich noch die Tagelhner mit selbstndigem
Landbesitz, von dessen Ertrag sie jedoch nicht leben knnen, so da sie
gezwungen sind Lohnarbeit zu suchen. Sie gehren ebenso zweifellos zu
den Proletariern, wie ihre Frauen, obwohl diesen zumeist die Bearbeitung
und Bestellung der eigenen kleinen Landwirtschaft obliegt. Auch der
Bauer und die Buerin, die keine Lohnarbeiter beschftigen, sondern sich
von frh bis spt allein abrackern, um sich vom Ertrage ihrer Mhen zu
ernhren, sind, trotzdem sie auf eigenem Grund und Boden stehen, nichts
anderes als Proletarier.[731]

Die eigenartigste Klasse unter dem lndlichen Proletariat ist die der
Wanderarbeiter. Unter dem Namen Sachsengnger begegnen wir ihnen in
Deutschland; in England war es das Gangsystem, das ihre Beschftigung
befrderte; in Frankreich sind es zum groen Teil belgische Arbeiter,
die sich saisonweise verdingen; auch in Amerika zeigt sich je nach den
Erfordernissen der landwirtschaftlichen Betriebe eine innere Wanderung
der Arbeiter. Whrend das landwirtschaftliche Gesinde und die Instleute
die lteste Art der Landarbeiter, gewissermaen die Nachkommen der
Hrigen und Leibeignen, darstellen, reprsentieren die Wanderarbeiter
die modernisierte Landwirtschaft. Sie nimmt durch das Eindringen der
Maschinen, besonders der Dreschmaschinen, die in kurzer Zeit eine Arbeit
verrichten, durch die sonst wochenlang viele Arbeiter Beschftigung
fanden, mehr und mehr den Charakter des Saisongewerbes an. Die
intensivere Kultur der landwirtschaftlichen Betriebe,--dabei sei nur an
die Molkereien und an die Zuckerrbenpflanzungen erinnert,--zu der die
zu geschftlichen Unternehmern sich umwandelnden Landwirte notwendig
gedrngt werden, untersttzt gleichfalls die allmhliche Umwandlung des
lndlichen Proletariats.[732] In England, das zwar im allgemeinen noch
alle Arten landwirtschaftlicher Arbeiter beschftigt: mit eigenem Land,
mit Allotment, mit Haus- und Gartenberlassung oder mit bestimmtem
Deputat, hat sich diese Umwandlung besonders im Osten, wo nur mit
wchentlich oder tglich engagierten freien Tagelhnern gearbeitet wird,
schon vollzogen.[733] Bezeichnend dafr ist, da der Begriff des
Landarbeiters im modernen Sinn erst im 19. Jahrhundert entstand, denn
der Bedarf an Landarbeitern wurde frher durch die zum Dienst
verpflichteten Bauern, in Preuen auch durch die zum Zwangsgesindedienst
gentigten Bauernkinder[734], in auereuropischen Lndern, besonders in
Amerika, durch die Sklaven gedeckt.

Aus dem Gesagten geht hervor, da es sehr schwierig ist, die Einnahmen
der Landarbeiter festzustellen, die sich aus Geld und Naturallohn, aus
freier oder pachtweiser Ueberlassung von Wohnung und Land, aus Anteilen
am allgemeinen Gutsertrag zusammensetzen. Was zunchst das lndliche
Gesinde betrifft, so variiert allein in Deutschland sein Jahreslohn
ungemein. Er ist am niedrigsten, wo die Frauenarbeit am strksten ist;
je weiter nach Osten, desto tiefer sinkt er. In Ostpreuen kamen
Mgdelhne von 50 Mk. vor; Kuhmgde pflegen 75 bis 80 Mk. jhrlich zu
verdienen, sogenannte Leutekchinnen 90 Mk. Im Westen und Sden, z.B. in
Oldenburg, Hannover, Hessen und Wrttemberg, variieren die Frauenlhne
zwischen 50 und 150, 75 und 150, 60 und 100, 50 und 150 Mk.[735] Die
hchsten Lohnstze finden sich in Schleswig-Holstein und im Jeverlande,
wo der Mangel an Mgden schon zu einer groen Kalamitt geworden ist.
Hier betrgt der niedrigste Lohn 90 Mk., die Gromgde kommen zu einem
Verdienst von 200 bis 230 Mk., Lhne von 250 Mk. werden auch zuweilen
gezahlt.[736] Neben diesem Geldlohn wird Verpflegung und Wohnung selten
berechnet; fr Wrttemberg werden die Ausgaben fr eine Magd
einschlielich des Versicherungsgeldes und der Geschenke mit 120 bis 230
Mk. angegeben, so da ihre Gesamteinnahme 295 bis hchstens 400 Mk.
jhrlich betrgt.[737] So begegnet uns hier wieder die beinahe typische
Jahreseinnahme aller schlecht gestellten Proletarierinnen. Die
franzsischen Landmgde stehen sich, was den Lohn betrifft, der 150 bis
200 fr. zu betragen pflegt, noch schlechter, ihre Bekstigung dagegen
wird im allgemeinen hher veranschlagt werden drfen.[738]

Bedeutend schwieriger ist es, die Jahreseinnahme der ostelbischen
Instleute und ihrer Scharwerker, und der westdeutschen Heuerlinge
festzustellen, da sie von der Beschaffenheit dessen, was ihnen geliefert
wird, von ihrer eigenen Geschicklichkeit, etwa im Aufziehen und
Verkaufen von Vieh und Geflgel, und von dem jeweiligen Anteil an dem
Ertrag des Gutes abhngig ist. Der Geldlohn der Frauen betrgt
gewhnlich im Sommer 30 bis 50, im Winter 20 bis 35 Pf. tglich. Dieser
Lohn wird jedoch niemals der Frau direkt, sondern stets dem Instmann,
als dem Familienoberhaupt, mit dem der Arbeitsvertrag zugleich fr seine
Frau und seine Scharwerker abgeschlossen wurde[739], ausgezahlt. Fr
seine Frau, noch mehr aber fr die Scharwerksmdchen, die er natrlich
bei der eigenen Armut nur auf das notdrftigste unterhlt, bedeutet das
eine groe Benachteiligung. Ihr sauer verdienter Lohn fliet nur zu oft
in die Tasche des Schankwirts. Kein Wunder daher, wenn nur sehr niedrig
stehende, physisch oder moralisch herabgekommene Mdchen sich zum
Scharwerksdienst verstehen wollen. Weit besser ist die Lage der
westdeutschen Heuerlingsfrauen, obwohl auch sie von den Mnnern
vollstndig abhngig sind. Sie sind jedoch nur zu einem geringeren Ma
von Arbeit verpflichtet und ihre Pachtung wirft ihnen mehr ab, als der
drftige Boden des ostelbischen Instmanns. Die bevorzugteste Schicht der
kontraktlich gebundenen Landarbeiter sind aber diejenigen, die nicht wie
die Instleute zum groen Teil abhngig sind von den schwankenden
Ertrgnissen des herrschaftlichen Gutes, noch wie die Heuerlinge von
denen der eigenen Pachtung, sondern die neben dem Lohn ein festes
Deputat erhalten. Da aber auch dieses ein Familieneinkommen darstellt,
so ist damit auch die Frau zur Arbeit verpflichtet. In allen drei
Fllen, bei den Instleuten, einschlielich der Scharwerker, den
Heuerlingen und den Deputanten, wiederholt sich demnach dasselbe
eigentmliche Bild einer vlligen Abhngigkeit auch der arbeitenden Frau
von ihrem Ehemann. Die Stellung einer selbstndigen Lohnarbeiterin ist
fr sie nur ein toter Begriff, sie ist nichts als der dritte Arm des
Mannes, von einem bestimmten ihr zufallenden Lohn kann nicht gesprochen
werden.

Eine Stufe hherer Entwicklung in Bezug auf die Selbstndigkeit des
weiblichen Landarbeiters bedeutet daher die freie Tagelhnerarbeit. Auch
sie wird teils nur durch Geld, teils durch Geld und Bekstigung
entlohnt, und zwar ist der Lohn nicht nur niedriger als der des
Mannes,--obwohl die Arbeitsteilung nicht immer dazu berechtigt,--sehr
hufig wird den Frauen auch eine geringere Menge an Nahrung gewhrt,
wodurch die Ersparnis des Gutsbesitzers durch weibliche Arbeit noch
erhht wird. Ueber die Lohnverhltnisse in Deutschland giebt folgende
Tabelle einige Aufklrung:[740]

Land                         | ohne Kost | mit Kost
                             | Pf.       | Pf.
-----------------------------+-----------+---------
Posen                        |  30- 50   |    --
Regierungsbezirk Magdeburg   |  60-130   |  40- 90
Regierungsbezirk Merseburg   |  60-125   |  40- 90
Regierungsbezirk Erfurt      |  70-130   |  50-120
Provinz Hannover             |  70-150   |  40- 80
Regierungsbezirk Kassel      |  60-150   |  30-100
Provinz Hessen-Nassau        |  80-150   |  50-100
Groherzogtum Hessen         |  80-175   |  30-100
Provinz Schleswig-Holstein   |  50-150   |  20-120
Herzogtum Anhalt             |  70-150   |  40- 75
Thringische Staaten         |  60-150   |  40-100
Knigreich Sachsen           |  60-150   |  40- 80
Bayern                       |  60-120   |  30-100
Hohenzollern                 |  70-220   |  30-160

Die hchsten Lhne werden im Sommer, hauptschlich zur Erntezeit
gezahlt, die niedrigsten im Winter. Eine ununterbrochene Arbeit zu allen
Jahreszeiten hat keine Tagelhnerin. Rechnen wir, da sie etwa 250 Tage
voll beschftigt ist, davon whrend 125 Tagen den hchsten tglichen
Durchschnittslohn (ohne Kost) mit 1,43 Mk., also im ganzen 178,75 Mk.,
whrend weiterer 125 Tage den tglichen Mindest-Durchschnittslohn mit 63
Pf., also im ganzen 78,75 Mk. erhlt, so erreicht sie einen
Jahresverdienst von 257,50 Mk. Berechnen wir ihre Einnahmen mit
Bekstigung nach demselben Schema, so betrgt ihre Jahreseinnahme nur
172,50 Mk. Da diese Summen noch viel zu hoch gegriffen sind, geht z.B.
aus der Berechnung der Einnahme einer Tagelhnerfamilie in Holstein
hervor, wo Mann und Frau zusammen bei fleiigster Arbeit nur 450 bis 600
Mk., jhrlich verdienen.[741] Uebersteigt die Zahl der Familienglieder
vier Personen, sind womglich alte Eltern oder krnkliche Angehrige mit
zu versorgen, so ist eine Existenz auf Grund solcher Einnahmen eine
uerst kmmerliche. Hat der Tagelhner eigenen Landbesitz, zieht er
Schweine oder Geflgel, so kann seine Einnahme sich auf 700 bis 800 Mk.
steigern[742], dann ist aber auch die Arbeitskraft der Frau eine bis an
die Grenze des Mglichen ausgenutzte, da ihr fast ganz allein die
Bewirtschaftung des eigenen Landes und die Zucht der Tiere zufllt.[743]
In der schlimmsten Lage aber befindet sich die Alleinstehende, um so
schlimmer, wenn sie Kinder hat. Selbst auf dem Lande lt sich das Leben
mit einem Einkommen von 150 bis 250 Mk. nicht fristen. Die Kinderarbeit
mit all ihren Schrecken, das Htekinderwesen mit seinen traurigen Folgen
an physischer und sittlicher Verwahrlosung sind die nchsten
selbstverstndlichen Resultate solcher Lohnverhltnisse.

In Frankreich sind sie kaum besser. Der Durchschnittsverdienst der
Frauen betrgt im Winter ohne Kost 1,42 fr., mit Kost 79 c.; im Sommer
1,87 fr. resp. 1,14 fr.[744]; in einzelnen Landstrichen, z.B. in der
Bretagne, sinken die Lhne bis auf 50 c. resp. 1 fr. tglich, whrend
sie andererseits freilich zuweilen, z.B. in der Normandie, bis auf 2 und
3 fr. steigen[745]; im allgemeinen bersteigt die Jahreseinnahme der
franzsischen Tagelhnerin hchst selten 229 fr., whrend 300 fr. das
mindeste ist, womit ein Existenzminimum ihr gesichert wird.[746] Ihre
deutsche Arbeitsgenossin im fernen Osten, wo in kurzer Sommerszeit
mhsam der Erde ihre Frchte abgerungen werden, hat also keinen Grund,
die Schwester in dem sonnigen, reichen Frankreich zu beneiden. In einer
etwas besseren Lage befindet sich die englische Landarbeiterin. Sie
nimmt, wie wir gesehen haben, an Zahl rapide ab, infolgedessen steigen
ihre Lhne und ermglichen ihr ein ertrgliches Leben.[747] Mehr und
mehr aber beschrnkt sie sich auf die ausschlieliche Bewirtschaftung
des eigenen kleinen Eigentums, whrend ihr Mann als Tagelhner in Arbeit
geht. Mit ihr auf gleicher Stufe steht die Frau und die Tochter des
kleinen selbstndigen Landwirts, nur da ihre Einkommen lediglich vom
Ertrage ihrer Besitzung abhngen. Sie sind fast immer wahre
Arbeitssklaven, sehr hufig tchtiger als die Mnner, die nur zu oft dem
Alkoholteufel zum Opfer fallen. Trotzdem sind diese armen
Proletarierinnen von ihnen abhngiger, als irgend eine Lohnarbeiterin
von ihrem Arbeitgeber. Ihre Arbeit wird als eine ebenso
selbstverstndliche angesehen, wie die der Instmannsfrau, und ihr
klingender Ertrag fliet allein in die Tasche des Familienoberhauptes.
Dies Verhltnis vollkommener Abhngigkeit drckt sich in der Picardie
noch heute dadurch aus, da die Frau ihren Mann nicht anders nennt als
_mon matre_, und der Mann sein Weib in der Vende nicht anders als
_ma crature_.[748]

Eine ganz andere Stellung nimmt die Wanderarbeiterin ein. Nichts fesselt
sie an die Scholle, weder ein Anteil am Ertrag des Herrengutes, noch der
eigene Besitz, noch der Jahreslohn der Dienstmagd. Wie die
Fabrikarbeiterin ist sie nichts als Arbeitsmaschine, jede Spur eines
persnlichen Verhltnisses zwischen Herr und Knecht hat aufgehrt. Die
Ausbreitung landwirtschaftlicher Maschinen, die Ablsung lndlicher
Winterarbeiten durch die Fabriken, wodurch es mehr und mehr an
Beschftigung fr die sehaften Arbeiter fehlt, die Ausdehnung
schlielich des Eisenbahnnetzes, die den Verkehr erleichtert, hat die
Wanderungen lndlicher Arbeiter berall begnstigt. Oft, wie z.B. in
Frankreich, handelt es sich um nicht organisierte innere Wanderungen,
oft werden aber auch Auslnder, wie in Frankreich Belgier, in
Oesterreich Italiener, in Deutschland Italiener, Oesterreicher und
russische Polen eingefhrt. In grerem Umfange organisierte Wanderungen
finden sich aber nur in Deutschland und England. Agenten, wahre
Sklavenhalter, treiben hier wie dort die Menschenherde zusammen und
fhren sie truppweise ihrer Bestimmung zu. Sie stehen als Aufseher mit
der moralischen, oft aber auch mit einer sehr materiellen Peitsche bei
der Arbeit hinter ihnen, denn hufig richtet sich ihr Lohn nach der
Arbeitsleistung der Arbeiter. Wanderungen englischer Landarbeiter waren
noch ganz besonders berchtigt deshalb, weil fast ausschlielich Kinder
dazu angeworben, und, infolge ihrer vlligen Wehrlosigkeit dem
Gangmeister gegenber, auf das uerste ausgenutzt und in ihren
Einnahmen benachteiligt wurden. In dieser schlimmsten Form ist das
System heute berwunden, ohne da die Wanderungen deshalb aufgehrt
haben. In Deutschland haben sie unter dem Namen der Sachsengngerei den
grten Umfang angenommen.

Ihre Entstehung und ihren Namen hat sie der Rbenzuckerkultur in Sachsen
zu verdanken, die whrend bestimmter Zeiten die Anstellung zahlreicher
Arbeitskrfte notwendig machte. Nach und nach fanden die Wanderarbeiter
auch zu jeder Art anderer Landarbeit Verwendung. Sie rekrutieren sich
aus den stlichen Provinzen Preuens und bestehen groenteils aus jungen
Mdchen. Fr das Jahr 1890 wurden 75000 Personen gezhlt, die sich von
Brandenburg, Pommern, Westpreuen, Posen und Schlesien aus auf die
Wanderschaft begaben.[749] Auf schsischen Gtern kommen auf 150 Mnner
337 Mdchen.[750] Der normale Lohn fr sie betrgt 1 Mk., whrend die
Mnner durchschnittlich 50 Pf. mehr zu verdienen pflegen.[751] Es
kommen aber auch Lhne von 1,50 bis 3 Mk. vor.[752] Auerdem wird
Wohnung, zum Teil auch Bekstigung,--natrlich bei niedrigeren
Lohnstzen,--gewhrt. Charakteristisch ist, da der Unterschied zwischen
der Bewertung der Mnner- und der Frauenarbeit sich bis auf die
Reisevergtung ausdehnt, die fr Frauen ein Drittel weniger betrgt als
fr Mnner.[753] Der Gesamtverdienst einer Sachsengngerin ist bei einer
Beschftigungszeit von 34 Wochen im Minimum auf 369 Mk., im Maximum auf
424 Mk. geschtzt worden.[754] Das wrde jedoch einem Tagesverdienst von
1,80 bis 2 Mk. entsprechen, der,--besonders wo in Akkord gearbeitet
wird,--nur von den tchtigsten, mit der Arbeit vertrauten Mdchen
erreicht wird. Saisonverdienste von 200 bis 250 Mk. sind durchaus keine
Seltenheit. Trotzdem sind infolge uerster Sparsamkeit und wahrhaft
trostloser Unterernhrung fast alle Mdchen im stande, Ersparnisse zu
machen, die die Hhe von 120 bis 180 Mk. erreichen. Mglich ist das nur,
wenn die Wochenausgaben fr die Kost 3,50 bis 4,50 Mk. nicht
bersteigen.[755] Nun wird aber auch, obwohl die Sachsengngerinnen eine
starke Abneigung dagegen empfinden, neben dem Lohn vielfach die
Bekstigung geliefert. Die Lohnabzge jedoch stehen zur Qualitt und
Quantitt der dafr gegebenen Nahrung in keinem Verhltnis; auf einem
Gute im Kreise Halle z.B. betrug die Ausgabe des Besitzers fr die
Ernhrung der Sachsengnger pro Person und Woche 1,20 Mk., auf einem
anderen gar nur 75 Pf., d.h. in dem einen Fall tglich 17, in dem
anderen 11 Pf.[756],--Summen, die gewi das Ideal der Volksernhrung
reprsentieren!--Nach beendigter Saison pflegen die Sachsengnger in
ihre Heimat zurckzukehren, wo sie zumeist von ihren Ersparnissen oder,
wenn diese nicht zureichen, von den Ertrgnissen hausindustrieller
Thtigkeit zu leben pflegen. Mdchen, die nur 200 Mk. verdient haben,
also bei grter Sparsamkeit kaum 70 bis 80 Mk. zurcklegen konnten,
wren natrlich nicht im stande, whrend 18 Wochen davon zu existieren,
wenn sie nicht bei ihren Angehrigen, die sie in der Regel dafr
entschdigen mssen, ein Unterkommen fnden. Bringen sie, wie es hufig
geschieht, von einer ihrer Wanderfahrten eine lebendige Erinnerung mit
nach Hause, so reicht auch die Einnahme einer gutgestellten
Sachsengngerin nicht aus, um sich und das Kind zu erhalten. Sie mu
auch whrend der Winterwochen, die sie so dringend ntig hat, um sich
nach der bermigen Anstrengung des Sommers zu erholen, Arbeit suchen,
die, wenn sie berhaupt zu finden ist, nur krglichen Lohn abwirft.

Nach alledem drften es kaum die Lhne sein, die den immer wieder
behaupteten Vorteil der Landarbeit vor der Industriearbeit ausmachen
knnen. Ihr niedriger Stand wird von den Lobrednern der
landwirtschaftlichen Thtigkeit auch vielfach nicht geleugnet, wohl aber
damit erklrt und entschuldigt, da die Arbeits- und Lebensbedingungen
unvergleichlich bessere seien, als in anderen Berufssphren, und der
Nachteil des geringeren Einkommens dadurch zehnfach aufgewogen wrde.
Diese Auffassung rief auch jenes Mrchen von den drallen Landmgden und
den blhenden Landkindern hervor, das von der Zeit her, als die
Dorfgeschichten grassierten, den Menschen noch besonders fest im Kopfe
sitzt. Fr diejenigen, die nicht die Wirklichkeit zu sehen verstehen,
hat die moderne Malerei, die gerade nach dieser Richtung besonders
wahrhaftig ist, angefangen, ihren Mrchenglauben zu erschttern.
Versuchen wir es an der Hand der Thatsachen. Die schwerwiegendste ist
die der ungeregelten Arbeitszeit. Bei allen landwirtschaftlichen
Arbeiterkategorien dauert sie in der Zeit der Bestellung und besonders
whrend der Ernte vom ersten Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang. Fr
das festangestellte Gesinde giebt es dabei kaum Saisonunterschiede; denn
alle Arbeiten, die ihm obliegen, im Viehstall, im Hhnerhof und im Haus,
erleiden keine Unterbrechung. Die Sachsengnger reprsentieren auch nach
dieser Richtung einen leisen Fortschritt, indem ihre Arbeit auf die Zeit
von frh fnf bis abends sieben Uhr, mit Unterbrechungen von im ganzen
zwei Stunden, festgesetzt zu sein pflegt.[757] Das schliet aber
natrlich Ueberstundenarbeit nicht aus, die noch dazu, wo es sich nicht
um Akkordlohn handelt, keinerlei Vergtung erfhrt. Eine zwlf- bis
vierzehnstndige Arbeit in frischer Luft mag nun manchen als etwas ganz
Ertrgliches erscheinen, der nicht wei, worin sie besteht, oder sich
bei dem Gedanken daran nur ein jodelndes "Diandl" vorstellt. Betrachten
wir die Thtigkeit der Landarbeiterin mit nchternen Augen, so wird sie
schnell jeder Poesie entkleidet sein. Eine anstrengende ist schon die
Arbeit der Mgde im Kuhstall, und nicht aus bloem Uebermut gehen jetzt
schon viele ihr aus dem Wege. Ganz abgesehen von der schlechten Luft und
dem Schmutz, denen sie dauernd ausgesetzt sind,--die meisten Stlle
sprechen den geringsten Anforderungen der Hygiene Hohn,--ist das Melken
anstrengend und gesundheitsschdlich. Geschwre an den Hnden sind keine
Seltenheit und eine Arbeitsunterbrechung in diesem Fall, die sowohl im
Interesse der Arbeiterin als der Milchkonsumenten liegen wrde, wird nur
selten fr notwendig erachtet. Niemand wird sich des Schauderns erwehren
knnen, der in die dunklen, stickigen Stlle tritt und sieht, wie sich
die Kuh vom schmutzigen Lager erhebt, die Magd ihren Schemel neben sie
stellt und nun den vom Mist beschmierten Euter zu bearbeiten anfngt,
whrend der Schweif des Viehs ihr um das Gesicht fhrt! Auch das
Ausmisten der Stlle, das nicht immer den Knechten berlassen bleibt,
verlangt groe Krperkraft, ebenso wie das Schleppen des Futters und der
gefllten Milch- oder Wassereimer. Die Schweinezucht, die stets den
Mgden obliegt, ist eine noch weit widerwrtigere Arbeit; ich habe
Mdchen gesehen, die auf allen Vieren in die engen Stlle hineinkriechen
muten, um sie zu reinigen, und triefend vom ekelhaftesten Schmutz
wieder daraus hervorkamen. Nicht minder schwer, trotz ihrer
Reinlichkeit, ist die Verarbeitung der Milch zu Butter und Kse. Wie bei
den vorhergehenden mu auch in diesem Fall von den wenigen
Musterwirtschaften abgesehen werden, wo neben hellen und luftigen
Stllen die Milchwirtschaft im groen mit Hilfe von Maschinen und
motorischen oder Pferdekrften betrieben zu werden pflegt. Im Dorf, im
Bauernhof, auf dem kleinen Gut ist es immer noch die Magd, die
stundenlang am Butterfa steht und den schweren Schwengel auf- und
niederbewegt, die all die vielen Gefe tglich scheuert und putzt, die
keine Sonntags- und keine Feiertagsruhe kennen darf. Keine Arbeit darf
ihr zu schwer und zu schlecht sein, von frh bis spt ist sie auf den
Beinen. Und doch ist ihre Thtigkeit noch jeder anderen vorzuziehen,
weil sie eine vielseitige ist und eine gewisse Bewegungsfreiheit zult.
Stellen wir ihr z.B. das Setzen, Behacken und Ernten der Kartoffeln oder
gar der Zuckerrben gegenber: im glhenden Sonnenbrand oder im kalten
Herbstwind steht die Arbeiterin zwlf und mehr Stunden mit gekrmmtem
Rcken ber die Arbeit gebeugt; oft sinkt sie, wie bei der
Zuckerrbenkultur, bis ber die Knchel in den Schlamm; oder sie kniet
und hockt etwa wie beim Unkrautjten, auf durchfeuchteter Erde. Zur
Erntezeit fllt ihr das schwere Garbenbinden regelmig zu, sie mu aber
auch vielfach mhen wie der Mann und den Wagen aufladen wie er, ohne da
ihr Lohn deshalb dem seinen gleichkommt. In der Ebene ist immerhin ihre
Arbeit noch leichter, als in den Gebirgslndern. Von den abgelegensten
Bergwiesen, die weder Wagen noch Pferd erreicht, schleppen Frauen jeden
Alters Zentnerlasten an Heu zu Thale, so da ihr Rcken sich krmmt
unter der Last. Schwere Milcheimer tragen sie bergauf und -ab. Fr die
ganz Armen und Alten gilt es noch als eine besondere Vergnstigung, wenn
sie Kiepen mit trockenem Holz aus den Wldern meilenweit nach Hause
tragen knnen.

Je weiter nach Osten und Sden, desto hrter ist die Arbeit; die
russische Landarbeiterin mu es sich selbst gefallen lassen, den Pflug
durch die Erde zu ziehen. Und wenn die Sonne ber Italien wahre
Fieberhitze ausstrmt, arbeitet die Tagelhnerin Schulter an Schulter
mit dem Mann in den Maisfeldern oft bis zu den Knieen im Schlamme
steckend.

Und ebenso, ja oft noch mehr, wie die Magd und die Tagelhnerin, deren
Ausdauer doch vielleicht einmal eine Grenze findet, arbeitet die Frau
des armen Bauern oder die selbstndige Besitzerin eines kleinen
Landguts. Die franzsische Buerin z.B., die tagsber ihren Gemsegarten
allein bearbeitete, fhrt oft schon frh um drei Uhr in die Stadt, um
ihre selbstgezogenen Waren feil zu bieten. Ist die Landarbeiterin,--die
selbstndige sowohl wie die abhngige,--verheiratet, hat sie Kinder, so
ist ihr Los ein doppelt hartes, denn die Arbeit beginnt fr sie aufs
neue, wenn sie abends todmde nach Hause kommt. Ist sie Tagelhnerin
mit eigenem kleinen Besitz, dessen Ertrag zur Erhaltung der Ihren
unumgnglich ntig ist, so ist ihre Arbeit gar eine dreifache: auf dem
Gute des Herrn, auf dem eigenen Gute und in der Hauswirtschaft. Fr sie
giebt es keinerlei Schutzzeit; hochschwangere Frauen stecken Kartoffeln
oder jten Unkraut, arme Wchnerinnen binden Garben oder fhren den
Rechen. Die frh gealterten welken Frauen mit krummem Rcken und
zerfurchtem Gesicht, die uns auf dem Lande auf Schritt und Tritt
begegnen, sprechen deutlicher als irgend eine Schilderung fr die
"naturgemen", "gesunden" Bedingungen ihrer Arbeit. Freilich bereiten
die meisten schon in frher Jugend diese rasche Zerstrung vor. Die
Wanderarbeiterinnen sind zum groen Teil ganz junge Mdchen; auf
schsischen Gtern waren nicht weniger als 48 % unter zwanzig Jahren
alt.[758] In einer Zeit also, wo sie der Schonung bedrften, werden sie
den Einflssen einer Arbeit ausgesetzt, die sie zu stndigem gebckten
Stehen zwingt! Dabei vergehen die roten Wangen, eckig und knochig werden
die runden Mdchenglieder, Unterleibserkrankungen aller Art legen den
Grund kommender endloser Leiden. Wer sich noch jenes Idealbild des
frischen Landkindes bewahrt hat, der gehe einmal zur Frhlingszeit auf
einen der Bahnhfe Berlins, wo man die Sachsengnger wie das liebe Vieh
in enge Wagen verpackt,--er wird auf alle Zeiten von seinem Wahn befreit
werden!

Aber auch auf die Ernhrungs- und Wohnungsverhltnisse treffen die
vorgefaten Meinungen nicht zu. Der Landarbeiter schwelgt nicht, wie man
sich's gerne vorstellen mchte, in Milch und Butter, in Schweinefleisch
und Hhnerbraten, in saftigem Obst und frischen Gemsen. Er produziert
nicht fr den eignen Verbrauch, sondern fr den Verkauf. Schon aus der
Summe, die die Sachsengnger fr ihre Bekstigung anlegen, lt sich auf
die Art derselben schlieen; thatschlich besteht sie in schwarzem
Kaffee mit Schmalzbrot, in Kartoffeln mit Hering oder Speck. Nur die
besser Gewhnten gnnen sich Reis oder Erbsen oder Mehlkle.[759] Die
Gte der Nahrungsmittel wird dadurch nicht gehoben, da sie hufig vom
Aufseher gehalten und bei ihm eingekauft werden mssen![760] Die
kontraktlich gebundenen Tagelhner leben kaum besser; die kleinen
Besitzer sparen, so viel sie knnen, am Essen. Dabei entzieht die
Ausdehnung der groen Molkereien den Landleuten in steigendem Ma ihr
wichtigstes und gesndestes Nahrungsmittel.[761] Der Anblick bleicher,
aufgedunsener Landkinder, die mit Mehlsuppe gefllte Flasche im Mund,
whrend Wagen um Wagen voll Milchkannen der Stadt entgegengefhrt
werden, gengt allein, um diese Zustnde zu illustrieren.

Am besten noch ist die Magd versorgt. Oft freilich bekommt auch sie nur
den Abfall vom Herrentisch, meist aber geht es ihr wie den Sklaven: sie
wird gut gefttert, weil ihre Arbeitskraft unentbehrlich ist. Am
schlimmsten daran ist die Scharwerkerin des deutschen Ostens, die
Hofgngerin des Westens: was der arme Instmann und seine Familie brig
lt, das ist gewhnlich ihr Teil. Die Zunahme des Alkoholismus unter
den Landarbeiterinnen ist daher weniger die Folge strflicher
Genusucht, als grimmigen Hungers.

Und nun die Wohnungen! Es ist noch nicht allzu lange her, da die
deutschen Wanderarbeiter allgemein ohne Unterschied des Geschlechtes in
leeren Stllen und Scheunen untergebracht wurden.[762] Noch heute ist es
vielfach Usus.[763] Wo besondere Baracken zur Unterbringung der
Sachsengnger erbaut werden, fehlt es darin oft am Notwendigsten;
Musterhuser, in denen von der eigens dazu angestellten Verwalterin auch
die Herstellung der Mahlzeiten besorgt wird, giebt es nur auf einzelnen
groen Gtern Sachsens. Die hufige Unlust der Arbeiter darin zu wohnen,
ihre Abneigung gegen die gemeinsame Bekstigung wird oft zum Vorwand
genommen, dergleichen Einrichtungen fr berflssig zu erklren, whrend
doch im Gegenteil gerade solche Erfahrungen, die fr den trostlosen
Tiefstand physischer und moralischer Kultur Zeugnis ablegen, alles
frdern sollten, was eine Arbeiterbevlkerung, die nach
hunderttausenden zhlt, nach und nach aus ihrem Sumpf herausheben
knnte. Aber freilich ist es von jeher das Bequemste gewesen, den
Stumpfsinn des Sklaven fr bewute Befriedigung zu halten!

Die Wohnungen der ostelbischen Instleute sind kaum weniger gefhrlich
fr die physische und moralische Gesundheit ihrer Bewohner. In einem
Haus pflegen zwei Familien untergebracht zu werden; jede von ihnen hat
eine meist ungedielte Stube, die zugleich als Kochraum dient, und eine
Kammer. Diese beiden Rume werden auer von der meist kinderreichen
Familie auch noch von Scharwerkern bewohnt, gleichgltig ob es junge
Burschen, Mdchen mit Kindern, Krppel, krnkliche, verdorbene, eben der
Schule entwachsene Stadtkinder sind.[764] Hufig sind drei und vier
Personen auf ein Bett angewiesen; Kinder schlafen mit Erwachsenen
zusammen und sind von frh an Zeugen nicht nur des ehelichen Umgangs
ihrer Eltern, sondern auch der Liebschaften aller brigen
Mitbewohner.[765] "In einer Stube und in einem Bett spielen sich oft
alle Akte des menschlichen Lebens ab;"[766] hufig genug teilen Hhner,
Gnse und Ziegen, besonders im Winter, denselben Raum mit den Menschen.
Wer solch eine Hhle betritt, prallt zurck vor dem unbeschreiblichen
Gestank, der ihr entstrmt, vor dem Bild des Elends und der
Verwahrlosung, das sich ihm darbietet. Und die Entschuldigung lautet
vielfach auch hier, da es die Leute nicht anders haben wollen, da neue
Wohnungen mit gedielten Fuboden von ihnen verschmht werden. Neben dem
tiefen Stand der Gesittung, auf der diese Armen durch solche
Wohnungsverhltnisse gewaltsam zurckgehalten werden, ist es die Not,
die sie an sie fesselt: ihre Hhner und Gnse und Ziegen bilden einen
wichtigen Teil ihrer Einnahme, sie haben keine Mglichkeit sie in
strenger Winterklte zu erhalten, auer wenn sie ihnen ihr Zimmer
ffnen; sind da Dielen statt festgestampften Lehmbodens, so sind sie
gezwungen, ihre Tiere anderswo unterzubringen. Oder sollten nur deshalb
gegen 6000 Instwohnungen in Ostpreuen leer stehen[767], weil ihre
Schnheit die Bewohner vertrieben hat?! Es macht brigens nur einen
geringen Unterschied aus, um welche Gegenden Deutschlands es sich
handelt; die westflischen Heuer wohnen nicht besser, als die
ostpreuischen Instleute[768], die Tagelhner wohnen sogar vielfach noch
schlechter. In Sdwestdeutschland wurden z.B. lndliche Haushaltungen
mit nur einem Wohnraum gezhlt[769]:

mit 4 bis 5 Personen bewohnt       8297
mit 6 bis 10 Personen bewohnt      4757
mit 11 und mehr Personen bewohnt     53

Strohdach und Lehmboden, hohes Grundwasser, schlechte Oefen, kein Abort
oder einer in nchster Nhe des Brunnens, Fenster, die hufig aus
Sparsamkeit fest eingesetzt wurden,--das ist die typische Behausung
norddeutscher Landarbeiter.[770] Es giebt ihrer freilich noch
schlimmere: in Schlesien fand sich ein Haus aus Lehmfachwerk mit einer
einzigen niedrigen dunklen ungedielten Stube und einigen fensterlosen
Kammern von 8 qm Grundflche, es war von neun Familien bewohnt.[771] Und
im Kreise Inowrazlaw giebt es Erdhhlen, 1 m in, 1 m ber der Erde,
deren Grundflche 12 qm betrgt und deren Wnde und Decken aus mit Sand
und Rasen beworfenen Rundhlzern bestehen. Die Reicheren unter den
Bewohnern haben zwei Fenster 1/2 qm gro, die anderen haben statt dessen
nur Lcher in den Wnden. In diesen Rumen wohnen Tagelhnerfamilien mit
Schweinen, Ziegen und Hhnern zusammen. Vor den Thren liegt der
Misthaufen, ein Brunnen fehlt ebenso wie ein Abort.[772] Man glaube nun
aber nicht, da Deutschland allein solche Vorzge aufzuweisen hat. Im
reichen Frankreich haben manche Landarbeiterhuser als einzige Oeffnung
die Thr, die bloe Erde zum Fuboden und, um den Raum auszunutzen, die
Betten zu drei und vier bereinandergestellt.[773] Die Bretagne weist
vielfach Fachwerkhuser mit nassem Boden und feuchten Wnden auf, die
nur einen einzigen Raum enthalten[774], und sowohl die Landarbeiter, wie
die kleinen Besitzer wohnen hufig mit dem Vieh zusammen.[775]

Auf groen Gtern und in reichen Bauernwirtschaften pflegen im
allgemeinen die Mgde etwas besser zu wohnen. Oft freilich liegt ihre
Kammer unter dem Dach, wird von mehreren bewohnt, die zu zweien je ein
Bett teilen mssen und ist nicht verschliebar. In rmeren Wirtschaften
ist die Unterkunft des Gesindes eine ganz menschenunwrdige: in
unzureichender Weise oder auch gar nicht voneinander getrennt schlafen
Mgde und Knechte in oder dicht neben den Stllen. Um in ihre Kammer zu
gelangen, mssen die Mgde hufig den Schlafraum der Knechte passieren
und umgekehrt. In den Berggehften Tirols wird ihre Lagerstatt meist auf
dem Ofen oder in einem dunklen Winkel der Wohnstube aufgeschlagen, in
den Sommerfrischen, wo jeder Raum zu Geld gemacht wird, verweist man sie
auch wohl einfach auf die Heuboden.

Die Folgen dieser elenden Wohnungsverhltnisse liegen auf der Hand.
Schon die Kinder sind an den Anblick des geschlechtlichen Verkehrs
gewhnt, die bei den Knechten schlafenden Htekinder werden frh in die
dunkelsten Tiefen der Ausschweifungen eingeweiht.[776] Die Geschichte
von der "Unschuld vom Lande" ist ebenso ein Mrchen, wie die von den
gesunden Lebens- und Arbeitsverhltnissen der Landarbeiter. Nicht nur,
da der voreheliche Geschlechtsverkehr vielfach eine eingewurzelte Sitte
ist,--vielleicht ein Erbteil aus der Zeit, wo es galt, den Herrn um das
jus primae noctis zu betrgen,--und die Heirat erst erfolgt, nachdem die
"Prfung der Braut" zu ihren Gunsten ausschlug, es sich nmlich erwies,
da sie zur Mutterschaft fhig ist[777], auch die wsteste
Sittenlosigkeit wird auf dem Lande grogezogen. Die meisten Mdchen, die
Scharwerkerinnen, die Sachsengngerinnen, die Mgde kommen zuerst durch
Vergewaltigungen zu Fall.[778] In den Augen der Knechte ist das nichts
als ein Spa. Sind sie Soldaten gewesen, so bringen sie aus der Stadt
noch niedrigere sittliche Begriffe mit, als sie vorher schon
hatten.[779] Besonders diejenigen zeichnen sich dadurch aus, die als
Burschen bei jungen Offizieren im Dienste waren.[780] Die widerlich
gemeinen Soldatenlieder wrden allein schon ausreichen, das Gesagte zu
beweisen. Und doch wre die lndliche Sittenlosigkeit noch nicht so
verdammenswert, wenn sie sich zwischen Knechten und Mgden allein
abspielte, weil die Heirat die gewhnliche Folge zu sein pflegt; da sie
oft erst nach Jahren stattfindet, ist weniger die Folge der Korruption,
als die der ueren Verhltnisse. Die Grndung des Hausstandes hngt von
den zurckgelegten Ersparnissen ab, und wie gering diese selbst beim
besten Willen nur sein knnen, haben wir aus den Lhnen gesehen. Handelt
es sich um festangestellte Tagelhner, besonders Instleute, oder das
lndliche Gesinde im allgemeinen, so giebt die Erlaubnis des Guts- oder
Hofbesitzers den Ausschlag. Sie wird versagt, sobald eine
Familienwohnung nicht frei ist, oder die Furcht besteht, da die
weibliche Arbeitskraft durch die Heirat geschwcht wird. Weit
bedenklicher, weil von den traurigsten Folgen fr die Mdchen begleitet,
ist es, wenn sie die armen Opfer der Gelste ihrer Herren werden. In der
Enquete der evangelischen Pastoren ber die Sittlichkeit auf dem Lande
werden die Gutshfe "Hauptherde lndlicher Unzucht" genannt[781], und
das sittliche Verhalten der Gutsbesitzer, ihrer Shne und Gste,
besonders aber das der Inspektoren wird durch drastische Beispiele grell
beleuchtet.[782] Sie schonen kein Mdchen, heit es vielfach; sie sehen
in ihnen eine wohlfeile Beute, die aus Angst und Abhngigkeit sich
leicht ihrem Willen fgen. So kommt es, da selten ein Landmdchen als
Jungfrau in die Ehe tritt, so kommt es aber auch, da die Korruption der
Landbevlkerung kaum eine geringere ist, als die der stdtischen.

Ein Vergleich der Landarbeiterin mit der Industriearbeiterin zeigt, da
die Lage beider eine gleich schlechte, ja da die der Landarbeiterin
vielfach eine noch elendere ist, als die ihrer stdtischen
Leidensgenossin, denn sie geniet keinerlei gesetzlichen Schutz, sie hat
in Deutschland wenigstens nicht die Mglichkeit sich durch Organisation
selbst zu verteidigen und sie ist von allem abgeschlossen, was die Stadt
an Kultur, an Abwechselung und Freude bietet. In grauem Einerlei liegt,
wenn sie sich ihr ununterbrochenes lndliches Dasein vorstellt, ihre
Zukunft vor ihr. Zu verwundern ist's daher nicht, wenn sie alledem
freudig den Rcken kehrt, erstaunlich ist vielmehr nur, da es berhaupt
noch Mdchen giebt, die auf dem Lande bleiben. Wenn man behauptet, die
Vergngungssucht triebe sie in die Stdte, so ist zweifellos viel Wahres
daran, es ist aber eine berechtigte Vergngungssucht, denn ein unklares
Bedrfnis nach der Kultur der modernen Welt liegt ihr zu Grunde. Mehr
aber als dies ist es der Wunsch, dem drckenden Elend und der qulenden
Unfreiheit zu entfliehen. Alle diese Gefhle aber, die zur Landflucht
den Ansto geben, und die stumpfe Resignation der Landarbeiter
durchbrechen, tragen die Keime der Emanzipation des lndlichen
Proletariats in sich. Auch die ostelbische lndliche Arbeitsverfassung,
die jene in der Tradition der Unfreiheit gebundene Arbeiterbevlkerung
zur Voraussetzung hat, wird durch sie erschttert; selbst die Instleute
opfern mehr und mehr ihre immerhin gesicherte Lage der persnlichen
Ungebundenheit.[783] Dasselbe erwachende Selbstbewutsein lt eine
rapide zunehmende Zahl lndlicher Arbeiter der Arbeit auerhalb ihrer
eigentlichen Heimat den Vorzug geben. Das Bedrfnis der von der
einheimischen Arbeiterschaft verlassenen Gutsbesitzer kommt ihnen dabei
entgegen. Die Wanderarbeiter werden von ihnen in immer entschiedenerer
Weise bevorzugt, weil sie fr fleiiger, sparsamer und bescheidener
gelten[784], weil so gut wie kein Aufwand fr Unterbringung und
Ernhrung notwendig ist, und jede verwaltungs- und armenrechtliche
Verantwortung fortfllt.[785] Erst die Zukunft wird zeigen, da die
Gutsbesitzer selbst die "Mobilmachung zum Klassenkampf"[786] innerhalb
des lndlichen Proletariats dadurch gefrdert haben, ebenso wie jeder
Fabrikant, dessen Betrieb sich zum Grobetrieb ausweitet, dem
Klassenkampf der Industriearbeiter unfreiwillig Vorschub leistet. Je
mehr die Saisonarbeit in der Landwirtschaft an Boden gewinnt, desto
leichter wird es auch mglich sein, ihre Arbeiter gesetzlich zu
schtzen. Die Landflucht und die Wanderarbeit sind daher nicht, wie die
Agrarier es mit Vorliebe behaupten, als ein auszurottendes Uebel,
sondern als ein Fortschritt anzusehen, der die Landarbeiter aus ihrer
elenden Lage befreien helfen wird. Aber auch die wachsende Einfhrung
der Maschinen, die Ursache und Folge der Saisonarbeit zugleich sind,
werden trotz ihrer momentan grade fr die Arbeiter sehr empfindlichen
Folgen,--die Dampfdreschmaschine schmlert z.B. ihren Verdienst um ein
Bedeutendes[787],--die Lage der lndlichen Arbeiter schlielich
wesentlich umwandeln und verbessern. Fr die Frauenarbeit kommen dabei
vorzugsweise die in der Milchwirtschaft anzuwendenden Maschinen in
Betracht, so z.B. die Melkmaschine, die den Mgden eine der
unangenehmsten Arbeiten abzunehmen bestimmt ist. Aber alle diese von
innen herauswachsenden Verbesserungen haben Aussicht auf eine
durchgreifende Wirkung nur dann, wenn die Erkenntnis sich mehr und mehr
Bahn bricht, da die Landarbeiter, speziell die weiblichen, sich in
einer Lage befinden, die geeignet ist, die krperliche und sittliche
Gesundheit des Volks bedenklich zu gefhrden, und da es Mrchen, und
nichts als Mrchen sind, die man geflissentlich ber sie verbreitete,
und mit denen man es verstanden hat Vernunft und Gewissen zu betuben.


Der husliche und der persnliche Dienst.

Die Gruppe von Arbeiterinnen, die wir unter der vorstehenden Bezeichnung
zusammenfassen, besteht aus folgenden Kategorien: den huslichen
Dienstboten, einschlielich der auer dem Hause der Arbeitgeber
wohnenden, den Wscherinnen und Pltterinnen, den Kellnerinnen und den
sonstigen Gastwirtsgehilfinnen. Im Begriff der Bedienung liegt ihr
gemeinsames Merkmal. Als Arbeiterinnen im gewhnlichen Sinn des Wortes
sind sie bisher nicht angesehen worden, weil man darunter im allgemeinen
nur diejenigen verstand, die durch ihre Arbeit Verkaufsartikel
produzieren. Diesen fast ganz allein hat sich die Aufmerksamkeit der
Sozialpolitiker wie der Gesetzgeber zugewandt. Daher ist auch das
Material, auf Grund dessen sich die Lage dieser Arbeiterinnen schildern
liee, ein sehr unzureichendes. Den Wschereien und ihren Arbeiterinnen
wandte man zuerst die Aufmerksamkeit zu, weil sie zu Grobetrieben sich
entwickelten und aus dem Kreise des Hauses und der Familie heraustraten.
Zgernd und vorsichtig tastend wandte man den Blick auf die wachsende
Zahl der Gastwirtsgehilfinnen, und an den huslichen Dienstboten ging
man so gut wie achtlos vorber. Nicht nur, da man nicht wagte, den
Schleier zu heben, der ber ihrer sozialen Lage liegt, in den Staaten,
wo sie unter Sondergesetzen, den Dienstbotenordnungen, stehen, die der
Feudalzeit wrdig wren, dachte man selbst in den Jahren lebhafter
sozialer Gesetzesthtigkeit nicht im entferntesten daran, diese
Millionen Menschen aus dem drckenden Joch zu befreien. Auch das
Brgerliche Gesetzbuch fr das deutsche Reich, welches das Recht des 20.
Jahrhunderts enthalten soll, hat sie fast unverndert bestehen lassen.
Der Kultus der Familie hat die huslichen Dienstboten mit einer
chinesischen Mauer umgeben, deren Uebersteigung noch heute fr strafbar
gilt. Erst als der Gesellschaft das Elend der Hausindustrie wiederholt
und so dicht vor Augen gefhrt wurde, da selbst die Kurzsichtigsten es
sehen muten, wagte man es schchtern und vorsichtig, eine kleine
Bresche in die Mauer zu schlagen. Handelte es sich doch auch hier nur um
das Eindringen in die Familien armer Leute. Wollte man den huslichen
Dienst einer Untersuchung unterziehen, oder gar gesetzlich zu regeln
versuchen, so hiee das die Mauer umreien und der Oeffentlichkeit in
die eigenen Familienverhltnisse Zutritt gewhren. Selbst freisinnige
Geister, die den Zustnden der Arbeiterklasse fest ins Auge zu blicken
wagen, und mit radikalen Hilfsmitteln bei der Hand sind, werden
reaktionr, sobald die Dienstbotenfrage berhrt wird. "_My house is my
castle_" heit es dann und in diese Zwingburg, in der Millionen
Menschen ihre Arbeitskraft opfern, dringt kein Strahl sozialpolitischer
Erkenntnis.

Obwohl die Lage der huslichen Dienstboten uns weit genauer bekannt sein
sollte, als die irgend einer anderen Arbeiterinnenschicht, weil wir sie
tglich vor Augen sehen, hat die einschlfernde Macht der Gewohnheit bis
jetzt die aufklrende Gewalt persnlicher Erfahrung zu unterdrcken
gewut. Wo wir auch in der Vergangenheit Aeuerungen ber die
Dienstboten begegnen, sind es rein subjektive, vom egoistischen
Standpunkt der Arbeitgeber ausgehende, und die Dienstbotenfrage
erscheint dem weitaus grten Teil derer, die sie in den Mund nehmen,
nur als die Frage, wie dem Mangel an Dienstboten und den Fehlern der
Dienstboten abzuhelfen ist. Da sie ein Teil der Arbeiterfrage ist und
wie sie behandelt werden mu, da der groe Strom der Entwicklung, der
in der Arbeiterbewegung zu so gewaltigem Ausdruck kommt, vor den Mauern
des brgerlichen Haushalts nicht Halt macht, sondern ihn in seinen
Grundpfeilern erschttert,--und der husliche Dienst ist solch ein
Grundpfeiler,--diese Erkenntnis fngt erst jetzt an zu dmmern, wo die
Dienstboten selbst anfangen, zum Bewutsein ihrer Lage zu kommen. Nun
entdeckt man gleichsam in der uns tglich umgebenden eine neue
unbekannte Welt und fngt an, zu begreifen, da ein Leben noch kein
menschenwrdiges ist, auch wenn Hunger und Obdachlosigkeit ihm ferner
bleiben, als dem Leben anderer Arbeiterinnen.

Die groe Verschiedenheit in der Lage der Dienstboten, nicht nur was die
einzelnen Lnder, sondern auch was die Stellungsgrade betrifft, macht es
besonders schwierig, ein klares Bild von ihr zu gewinnen. So variieren
z.B. in Deutschland die Lhne zwischen 8 und 100 Mk. monatlich, der
Durchschnittssatz drfte 15 bis 25 Mk. betragen. Charakteristischerweise
sind es die Kindermdchen, die den niedrigsten, die Kchinnen, die den
hchsten Lohn erhalten. Ob darin eine Bewertung der Wichtigkeit der
Kinderstube und der Kche liegen soll?! Was thatschlich damit
ausgedrckt wird, ist die Anforderung, die man an Kchin und
Kindermdchen stellt: whrend die eine eine gewisse Vorbildung, in ihrem
Beruf einen bestimmten Grad von Erfahrung haben mu, wird von dem
gewhnlichen Kindermdchen nichts von beidem verlangt; kaum der Schule
entwachsen, hlt man es fr fhig, Kinder zu warten und zu erziehen. Die
nchste Lohnstufe nimmt zumeist das sogenannte "Mdchen fr Alles" ein,
das Kinder-, Stubenmdchen und Kchin zugleich ist; ihre Einnahme bewegt
sich zwischen 15 und 20 Mk. im Monat. Das einfache Hausmdchen, das die
Zimmer zu reinigen, das Kchenmdchen, das abzuwaschen und der Kchin zu
helfen hat, haben zumeist denselben Lohn. Die Kinderfruleins oder
Kindergrtnerinnen, die eine Zwitterstellung zwischen Dienstmdchen und
Erzieherin einnehmen, pflegen auch nur selten hher entlohnt zu werden.
Einen hheren Lohn erreicht das feine Stubenmdchen, das gewhnlich die
Pltterei und Nherei verstehen mu, und die Jungfer, der die
persnliche Bedienung der Frau des Hauses allein obliegt. Ist sie
zugleich eine perfekte Schneiderin, so steigt ihr Lohn bis auf 50 und 75
Mk. im Monat. Die Kchin hat, je nach den Anforderungen, die an sie
gestellt werden, ein monatliches Einkommen von 20 bis 50 Mk.; in der
Mehrzahl deutscher, brgerlicher Haushaltungen drfte sie zwischen 18
und 24 Mk. erhalten. Am besten gestellt ist die Wirtschafterin in groen
Husern oder auf Landgtern, die an Stelle der Hausfrau die Leitung von
Kche und Vorratsraum in Hnden hat und die Amme, die an Stelle der
Mutter den Sugling ernhrt.

Eine Untersuchung, die nur Berlin betrifft, wo die hchsten Lhne in
Deutschland gezahlt werden, und die nur 449 Dienstmdchen umfat, kommt
zu folgenden Resultaten.[788] Es erhalten danach:

 21  Mdchen   oder    4,7  Proz.  einen Jahreslohn  von  100-150    Mk.
152      "       "    33,9    "      "        "       "   150-200     "
179      "       "    39,9    "      "        "       "   200-250     "
 56      "       "    12,5    "      "        "       "   250-300     "
 41      "       "     9,0    "      "        "       "   300 u. mehr "

Die Mdchen fr Alles werden durchweg am schlechtesten bezahlt, 58,8 %
von ihnen haben weniger als 200 Mk. jhrliches Einkommen. Die Kchinnen
erreichen die hchsten Lohnstze, die auerdem bei ihnen niemals unter
150 und selten unter 200 Mk. herabsinken.

In England, fr das eine offizielle Untersuchung ber Dienstbotenlhne
vorliegt[789], sind die Verhltnisse ganz hnliche, obwohl die Lhne
eine grere Hhe erreichen, als in Deutschland. Der Durchschnittslohn
englischer Dienstmdchen betrgt 15,10 , in Schottland steigt er auf
17,12 , in London auf 18,2 , whrend er in dem armen Irland auf 12 bis
14  fllt. Den niedrigsten Lohn erhalten auch hier die kaum der Schule
entwachsenen Kindermdchen, die sich mit einem Jahreseinkommen von 5 bis
6  begngen mssen.[790] Die Stufenleiter ist im brigen folgende:[791]

Mdchen fr Alles erhalten einen Jahreslohn von    6-17  
Kchenmdchen         "      "        "      "     5-21  "
Einfache Hausmdchen  "      "        "      "     7-24  "
Stubenmdchen         "      "        "      "    14-24  "
Kchinnen             "      "        "      "    11-28  "
Kinderwrterinnen     "      "        "      "     6-30  "
Kammerjungfern        "      "        "      "    19-30  "
Wirtschafterinnen     "      "        "      "    34-52  "

Um aber aus obigen Angaben zu keinem falschen Resultat zu kommen, ist es
notwendig, auch die Durchschnittslhne festzustellen, die aus der
Untersuchung der Lohnverhltnisse von 5338 weiblichen Dienstboten
gewonnen wurden. Sie betrugen fr

Mdchen fr Alles      16 
Kinderwrterinnen      16 "
Hausmdchen            16 "
Stubenmdchen          20 "
Kchinnen              20 "
Kammerjungfern         24 "
Wirtschafterinnen      34 "

Das Kindermdchen rangiert also auch hier, was den Lohn betrifft, hinter
der Kchin. Noch drastischer tritt dieses Verhltnis in Frankreich, der
Hochburg kulinarischer Gensse hervor, wo die Lhne der Kchinnen
zwischen 50, 100 bis 120 frs. und darber schwanken, whrend
Kindermdchen im besten Fall 50 bis 60 frs., meistens aber nur 30 bis 40
zu bekommen pflegen. Ungewhnlich hoch sind hier die Lhne der Ammen,
die hufig bis zu 150 frs. monatlich einnehmen sollen. Hohe Lhne, im
Vergleich zu Deutschland, werden auch in den Vereinigten Staaten
gezahlt. Nach einer Enquete betrgt der durchschnittliche Lohn der
Dienstmdchen 3,23 $ die Woche. 48 % der Dienenden bekamen mehr, 52 %
ebensoviel oder weniger, so da sich daraus ein Jahreseinkommen von
durchschnittlich 167,96 $ ergiebt. Auch hier sind es die Mdchen fr
alles, die am wenigsten bekommen,--durchschnittlich 2,88 $
wchentlich,--und die Kchinnen, die sich mit durchschnittlich 3,64 $ am
besten stehen.[792]

Nach alledem scheint festzustehen, da nicht die Quantitt, sondern die
Qualitt der geleisteten Arbeit am hchsten bezahlt wird, und zwar ist
die Ursache davon nicht die, da die Nachfrage nach der qualitativen
Leistungsfhigkeit absolut eine besonders starke ist,--knnte man es
zahlenmig nachweisen, so wrden zweifellos die Mdchen fr Alles als
die am meisten begehrten erscheinen,--sondern weil sie im Verhltnis zum
Angebot gelernter Arbeiterinnen berall hoch erscheint, und von den
zahlungsfhigsten Kreisen ausgeht. Aus denselben Grnden sind die Lhne
der mnnlichen Dienstboten unverhltnismig hher als die der
weiblichen. Unter 360 Mk. im Jahr drfte kaum ein deutscher Diener,
unter 38  kein englischer zu haben sein. Ein deutscher Privatkoch
verlangt stets 50 bis 100 Mk. im Monat, ein englischer hat
durchschnittlich eine Jahreseinnahme von 128 .

Als Ergnzung des Lohns kann das Trinkgeld und das hufig im Geldwert
bestimmt ausgemachte Weihnachts- oder Neujahrsgeschenk angesehen werden.
In Familien, die einen ausgedehnten Verkehr haben und viele
Gesellschaften geben, erreicht die Einnahme aus den Trinkgeldern eine
oft respektable Hhe. So ist mir bekannt, da ein Stubenmdchen in der
Familie eines hheren Offiziers, das den geladenen Gsten beim Aus- und
Ankleiden behilflich war, im Laufe des Karnevals gegen 200 Mk.
einzunehmen pflegte. Dem Trinkgeld haftet aber hier noch nicht in dem
Mae das Odium des Entehrenden an, weil es thatschlich nur als
Belohnung fr auergewhnliche Dienste auftritt und die Hhe des Lohns
durch die Aussicht darauf nicht beeinflut wird. Anders steht es, soweit
die Stubenmdchen der Hotels und Pensionen in Betracht kommen. Sie
werden in den weitaus meisten Fllen mit einem sehr geringen Lohn
angestellt und sind auf die Trinkgelder der Fremden angewiesen. Fr ihre
harte Arbeit mssen sie auch noch in der beschmenden Haltung der
Bittenden vor die Fremden hintreten, mssen ihnen, wie die Strauchritter
am Wege, in den Korridoren auflauern, wenn sie abreisen und statt ihres
guten Rechts, des Lohns ihrer Arbeit, ein widerwillig gegebenes Almosen
entgegennehmen, an das noch dazu hufig genug beleidigende Anforderungen
geknpft werden.

In den vorhergehenden Abschnitten ist versucht worden, die Hhe des
Lohns mit den notwendigen Ausgaben zu vergleichen. Dasselbe Prinzip lt
sich in Bezug auf die Dienstboten nur schwer anwenden, ja es scheint
fast als mte ihr Einkommen unbedingt als ein hohes anzusehen sein,
weil sie nicht selbst fr Kost und Wohnung aufzukommen haben. Dabei wird
stets auer acht gelassen, da allein an die Kleidung des Dienstmdchens
ganz andere Ansprche gestellt werden, als etwa an die Fabrikarbeiterin,
und da gerade bei der huslichen Arbeit sehr viel verbraucht wird. Nur
in reichen Husern Englands und Frankreichs, sehr selten in
Deutschland,--wo man sich auf das weie Hubchen als Abzeichen der
Dienstbarkeit beschrnkt,--wird die Kleidung, die dann immer eine Art
Uniform ist, den Dienstmdchen ebenso geliefert, wie den Dienern. Meist
mssen sie sie selber schaffen, was ihr schmales Beutelchen noch
schmaler werden lt. In sehr vielen Fllen aber haben sie von ihrem
Lohn alte Eltern und Geschwister zu untersttzen. Wie oft sind mir
Mdchen begegnet, die ber die Hlfte ihres Geldes nach Hause schickten.
Noch hufiger freilich haben sie eigene uneheliche Kinder zu ernhren,
wofr sie monatlich 12 bis 15 Mk. der Pflegerin geben mssen--meist den
grten Teil ihres Verdienstes! Diese Unglcklichen sind die
Bedauernswertesten von allen; sie lassen sich wehrlos ausbeuten und
peinigen, sie halten berall aus, denn mit der Stellenlosigkeit wre die
Existenz ihres Kindes aufs Spiel gesetzt! Sie knnen keine Ersparnisse
machen, um ihr Alter zu sichern,--dienen, dienen ist ihr Los, solange
der mde Rcken es aushlt, solange man sie nicht hinauswirft, wie ein
verbrauchtes Hausgert. Aber auch auf dem Lohn derjenigen, die fr
niemanden zu sorgen haben, lastet eine Steuer, die schwer genug drcken
kann: die Dienstvermittlungsgebhren.

Die Dienstvermittlung ruht fast ausschlielich in den Hnden privater
Vermittler. Nach einer amtlichen Erhebung in Preuen gab es hier allein
5216 Stellenvermittler, von denen 3931 weiblich und fast 1/8 vorbestraft
waren, was auf den Charakter derjenigen, in deren Hnden das Los der
Dienstmdchen liegt, ein scharfes Licht wirft. Ihre mglichste
Ausbeutung liegt natrlich im Interesse der Vermittler und so mssen die
Dienstmdchen fr jede Stelle entweder eine bestimmte Summe, in
Deutschland 50 Pf. bis 3 Mk., oder einen Prozentsatz vom Jahresgehalt,
oft bis zu 10 %, bezahlen. Da im Durchschnitt die grostdtischen
Dienstmdchen zweimal im Jahr den Dienst zu wechseln pflegen, so kommen
dabei Summen zusammen, die eines besseren Zweckes wrdig wren. In Wien
allein wurden im Jahr 1892 192831 fl. von den Vermittlungsbureaus
eingenommen.[793] Bei dieser Steuer, die die armen Mdchen zu tragen
haben, bleibt es aber nicht allein. Sehr hufig nehmen die
Vermittlerinnen sie whrend der Zeit der Stellenlosigkeit in Kost und
Wohnung; sie ben dadurch, da sie ihre Mieterinnen bei der Auswahl der
Stellung bevorzugen, einen empfindlichen Druck auf sie aus und haben es
berdies in der Hand, die Mdchen mglichst lange bei sich festzuhalten.
Die unerfahrenen Mdchen, die vom Lande in die Stadt kommen, sind stets
ihre leichte Beute, und da sie es verstehen, sie durch Versprechungen,
durch Schmeicheleien und wohl auch durch husliche Feste,--wobei die
Mdchen natrlich die Zeche bezahlen mssen,--an sich zu fesseln, so ist
das Netz dieser Spinnen immer voll armer kleiner Fliegen. Ein Blick in
das Wartezimmer einer grostdtischen Vermieterin enthllt
fr den, der sehen will, oft mit einem Schlage das ganze Elend des
Dienstbotenlebens. Da stehen dicht gedrngt die Mdchen, vor ihnen die
feilschenden "Gndigen" mit prfenden Blicken und Fragen, die eines
Untersuchungsrichters wrdig wren,--ein Sklavenmarkt mit all seinen
Schrecken! Jedes deutsche und sterreichische Mdchen hat berdies noch
ihr Dienstbuch, wie der Schuljunge sein Zeugnis, vorzuweisen, das ihren
ganzen Lebenslauf wiedergiebt und Urteile enthlt, die alles vermuten
und erraten lassen. Wagt es das Dienstmdchen seinerseits nach den
Arbeitsbedingungen zu fragen, die seiner warten, so gilt es fr frech
und unverschmt, obwohl es doch mindestens dasselbe Interesse daran hat,
zu wissen, was ihm bevorsteht, als diejenige, die es in ein Kreuzverhr
nimmt.

Und was wartet seiner?

Zur Entlohnung der huslichen Dienstboten gehrt, auer dem Lohn,
Wohnung und Kost. Das Wohnen im Hause der Herrschaft ist allgemein
blich; die vollstndige Abhngigkeit, die stete Arbeitsbereitschaft, in
der sich der Dienstbote auch in Zeiten der Ruhe befindet, kommt dadurch
zu deutlichem Ausdruck. Durch die Art der Wohnungen erfhrt sie
Abstufungen verschiedenster Art. Die amerikanischen und englischen
Dienstboten haben nicht nur ihr eigenes Zimmer, sondern zumeist auch, wo
mehrere Dienstboten gehalten werden, einen gemeinsamen Wohnraum, wo sie
ihre Mahlzeiten einnehmen und wohl auch ihre Freunde empfangen
knnen.[794] Da es sich dabei nur um die Dienstboten wohlhabender
Familien handeln kann, liegt auf der Hand. In Frankreich und ebenso in
Sddeutschland und Oesterreich befinden sich die Zimmer der Dienstboten
in den Mietshusern immer im obersten Stockwerk. Sehr hufig sind sie
nicht zu heizen, so da die Klte im Winter sehr empfindlich ist, aber
noch empfindlicher vielleicht ist die Sommerhitze unter dem glhenden
Dach. In solchem Raum, der oft kaum das Ntigste zu fassen vermag,
hausen meist zwei, oft auch drei Dienstmdchen zusammen. Thr an Thr
fhrt vom engen Gang aus in die Zimmer des Hauspersonals; alt und jung,
Mdchen und Mnner, Verdorbene und Unverdorbene wohnen hier oben
nebeneinander. Und doch sind diese Unterkunftsrume noch als gute zu
bezeichnen im Vergleich mit denen, die der grten Mehrzahl der
weiblichen Dienstboten in den norddeutschen Stdten geboten werden. Die
Hngebden sind hierfr besonders charakteristisch. Man versteht
darunter Rume, die auf halber Hhe ber dem Badezimmer, dem Kloset, dem
Flur oder einem Kchenwinkel angebracht zu werden pflegen und nur
mittelst einer Leiter oder einer steilen Hhnerstiege zu erreichen sind.
Meist sind sie so niedrig, da ein normal gewachsener Mensch nicht
aufrecht darin stehen kann, und so klein, da neben dem Bett kaum Platz
genug bleibt, um sich anzuziehen. Ein Fenster,--klein ist es natrlich
stets,--wird auch oft zu den Luxusgegenstnden gerechnet, die nach der
Kche oder dem Flur hinausmndende Thr ist dann das einzige
Ventilationsmittel des engen, dunklen Loches. Oft fhrt der Kamin der
Kche direkt daran entlang, so da eine unertrgliche Hitze sich der
schlechten Luft zugesellt, und Ungeziefer aller Art eine frmliche
Brutsttte hier findet. Noch hufiger liegt Badezimmer und Kloset unter
dem Hngeboden, den infolgedessen eine wahre Typhusatmosphre erfllt.
Einen solchen Wohnraum fr Dienstmdchen habe ich in einem der
vornehmsten Huser Berlins gesehen, der ein Bett, einen Stuhl und einen
kleinen Waschtisch enthielt, dabei selbst fr kleine Menschen zu niedrig
war; die Hausfrau, die mir ihre Wohnung zeigte, erklrte stolz, da er
gerumig genug sei, um zwei Mdchen zu beherbergen! Natrlich besa sie
einen Salon, der nur fr Gesellschaftszwecke geffnet wurde und ein
Fremdenzimmer, das monatelang leer stand. Aber die letzte Stufe des
Wohnungselendes ist damit doch noch nicht erreicht: in einer eleganten
Pension des Berliner Westens fand ich ein Dienstmdchen, das whrend der
Wintermonate in einem Winkel des dunklen Hausflurs, den jeder Bewohner
zu passieren hatte, hinter einem Vorhang ihr Nachtlager aufschlug.
Stillichs Untersuchungen der Berliner Dienstbotenverhltnisse kommen zu
denselben Resultaten: Fensterlose, feuchte Kammern, Speise- oder
Dachkammern, Kellerrume, Abteilungen des Badezimmers, in dem sich
zugleich das Kloset befindet, oder des Korridors werden von seinen
Expertinnen als ihre Schlafrume angegeben, und zwar sind es nicht
weniger als 48 % aller, die in dieser Weise untergebracht wurden. Wenn
24 bis 50 cbm Luftraum pro Person als notwendig erscheinen, so
entsprechen von 256 Schlafstellen Berliner Dienstmdchen nur 93 diesen
Anforderungen; etwa die Hlfte sind in Bezug auf die sanitren
Bedingungen ihrer Wohnung ungnstiger daran als die Gefangenen in
preuischen Zuchthusern.[795]

In einigen Stdten, unter anderem in Berlin, hat man das erwachende
Gewissen durch Bauordnungen und Polizeiverordnungen zu beschwichtigen
gesucht. Die Benutzung der nur mittelst einer Leiter zu erreichenden
Hngebden als Schlafraum wurde verboten; der Bau von Hngebden, auer
von solchen mit fester Treppe, festgesetzter Hhe und bestimmtem
Luftraum untersagt. Natrlich steht all dergleichen fast nur auf dem
Papier, denn die Wohnungsverhltnisse der Dienstboten sind nicht etwa
nur der Ausflu ausgesuchter Bosheit der Herrschaft, sondern die Folge
der allgemeinen konomischen Verhltnisse. Mit den gesteigerten
Lebensansprchen haben die Einnahmen des weitaus grten Teils der
Aristokratie und der Bourgeoisie nicht gleichen Schritt gehalten, ja sie
reichen zur Aufrechterhaltung der alten Lebensgewohnheiten kaum mehr
aus. Infolgedessen wird berall dort gespart, wo das Auge des Fremden
nicht hindringen kann, und die grostdtischen Wohnungen sind der
Ausdruck dieser Entwicklung: das Ezimmer, der Salon sind gerumig und
glnzen in falscher Pracht; die Schlafzimmer sind schon eng und dunkel,
der Raum fr das Dienstmdchen ist eine Art Hhle. Wer wei, in welchem
Mae von der Aufrechterhaltung des ueren Scheins das Ansehen, der
Kredit, ja die Existenz der Familien abhngt, wer dabei die furchtbare
Macht der Gewohnheit kennt, die ganz zu berwinden nur Auserwhlten
gelingt, der wird sich auch sagen mssen, da die Wohnungsmisre der
Dienstboten nicht durch Polizeiverordnungen oder Sittenpredigten
beseitigt werden kann. Das geht schon aus der Art hervor, wie die neuen
Bauordnungen gewirkt haben. An Stelle der Hngebden tritt nmlich
nunmehr in den mittleren Wohnungen eine schmale Kammer, die oft nur ein
schwer zu ffnendes kleines Fenster, das zugleich die Speisekammer
erhellt, aufweist und ebenso wie die Hngebden, nicht Raum genug
bietet, um sich zu bewegen und die notwendigen Einrichtungsgegenstnde
unterzubringen. In den seltensten Fllen, in Privathusern, bei reichen
oder kinderlosen Leuten, hat das Dienstmdchen ein Zimmer, in das es
sich abends, nach der Arbeit, gern zurckzieht, wo es aufatmen, sich
selbstndig und unbeaufsichtigt fhlen kann. Wohnrume fr Dienstboten,
wo ihre Freunde sie besuchen knnen, gehren auf dem Kontinent zu den
grten Seltenheiten, die nur in sehr reichen Husern zu finden sind.
Die Kche ist fast immer ihr Wohn-, E- und Empfangszimmer.

Wie der Lohn, so ist die Bekstigung der Dienstboten die
verschiedenartigste, sowohl was ihre Qualitt, als was die Art der
Darreichung betrifft. Bei den oberen Zehntausend aller Lnder, die ber
eine Schar dienstbarer Geister verfgen, ist es blich, da fr sie
extra gekocht wird und die Mahlzeiten zu bestimmten Tageszeiten an
gedeckten Tischen eingenommen werden. Zwar sind die Reste des
"herrschaftlichen" Tisches vom Tage vorher zumeist fr die Herstellung
der Speisen verwendet worden, sie pflegen aber ausreichend und nicht
gerade schlecht zu sein; um so ertrglicher ist die Ernhrung, als sie
mit einer bestimmten Ruhepause verbunden und im gemeinsamen Wohnzimmer
eingenommen wird. Fassen wir aber an Stelle dieser wenigen Begnstigten
die Masse der Mdchen ins Auge, die im Dienste des kleinen und des mig
begterten Brger- und Beamtentums steht, so ist das Bild gleich ein
vllig verndertes. Auch dort, wo die Nahrung ausreicht, um den Hunger
zu stillen, ist sie minderwertig, denn sie besteht, wenigstens was die
Hauptmahlzeit betrifft, aus den kalten und unappetitlichen Ueberresten
des Mittagstisches der Arbeitgeber. Ohne eine bestimmte Essenspause mu
sie in der Kche, zwischen dem ungeputzten Kochgeschirr, an einem Winkel
des Tisches, der notdrftig frei gemacht wird, hastig verzehrt werden.
Sehr hufig ist sie aber auch durchaus nicht ausreichend, was ihre
Quantitt betrifft: das Mdchen darf sich nicht nach Gefallen satt
essen, jeder Bissen wird ihr vielmehr von der Herrin zugeteilt. In
Frankreich findet man zu dem Zweck in kleineren Haushaltungen besonders
geformte tiefe Teller, hnlich den Npfen, in denen man den Haushunden
das Fressen vorzusetzen pflegt: die ganze Mahlzeit wird darin
zusammengeworfen. Man hlt es vielfach fr selbstverstndlich, da das
schwer arbeitende junge Dienstmdchen durch das geringste Ma an Kost,
durch die schlechtesten Bissen befriedigt sein mu: eine Tasse dnnen
Kaffees mit einer dnn gestrichenen Semmel, ein Teller voll kalter
Mittagsreste, ein Butterbrot mit schlechter Wurst und gewrmtem
Kaffee--darin besteht nur zu oft die tgliche Nahrung. Trotzdem wird das
Los des Dienstmdchens gegenber dem der Fabrikarbeiterin als ein
glnzendes gepriesen und unterscheidet sich doch was Wohnung und Kost
betrifft hufig kaum von ihm. Vielfach ist es Sitte, einen Teil der Kost
durch einen bestimmten Geldbetrag abzulsen; in Deutschland, England und
Frankreich ist besonders das Bier- resp. Weingeld blich, das in
Deutschland kaum ber 6 Mk. monatlich steigt, in Frankreich dagegen 15
bis 25 frs. erreicht. In groen englischen Haushaltungen wird manchmal
fr die ganze Bekstigung der Dienerschaft eine Summe ausgesetzt, die
fr Mdchen etwa 1 bis 1-1/2 sh. tglich zu betragen pflegt. Fr das
Abendessen werden in Deutschland 25 bis 50 Pf. gezahlt. Alle diese
Einrichtungen liegen zweifellos auf dem Wege einer Verselbstndigung der
Dienstboten, sie entspringen aber zunchst der Bequemlichkeit der
Herrschaften, die sich dadurch einer lstigen Kontrolle enthoben fhlen
und der gefrchteten Unredlichkeit einen Riegel vorzuschieben glauben.
Thatschlich wird ihr dadurch Vorschub geleistet, denn was das
Dienstmdchen an barem Gelde neben ihrem meist geringen Lohn bekommt,
das legt sie am liebsten zurck, oder giebt es fr etwas anderes aus,
als die Nahrung; sie wird also entweder zur Unterernhrung veranlat,
indem sie von ihrem ersten Frhstck oder ihrem Mittagbrot noch etwas
zum Abend sich aufspart, oder sie it trotzdem aus der Speisekammer der
Herrschaft. Es heit auch die Modernisierung des Dienstbotenwesens bei
einem verkehrten Ende anfangen, wenn man dem Mdchen, das unsere Wohnung
und unser Leben teilt, unsere Mahlzeiten herrichtet, verwehren will, von
unserem Brote zu essen. Die patriarchalische Ordnung, die man auf der
einen Seite, soweit es den Herrschenden nmlich zum Vorteil gereicht,
durchaus aufrecht erhalten will, lt sich auf der anderen nicht
willkrlich durchbrechen. Nur das Gewhren von Geld als Ersatz fr
alkoholische Getrnke scheint mir entschuldbar, weil diese zu den
notwendigen Nahrungsmitteln nicht gehren und man dadurch,--eine
Wirkung, die in England zum Beispiel schon beobachtet wurde,--ihrem
Genu entgegenwirkt.

Whrend Lhne, Wohnung und Kost die verschiedensten Abstufungen
aufweisen, bleibt die Arbeitszeit, wenn wir, wie es allein richtig ist,
darunter auch die Zeit der Arbeitsbereitschaft verstehen, sich im
allgemeinen ziemlich gleich. Es war das Charakteristikum des
Sklaventums, da der Herr die Person des Sklaven, seine ganze
Arbeitskraft, seine ganze Zeit erkaufte, und das ist heute das
Charakteristikum des Dienstbotenwesens. Der Arbeiter verkauft einen,
wenn auch den allergrten Teil seiner Arbeitskraft, der Dienstbote
verkauft seine Person; er hat Tag und Nacht dem Rufe seines Herrn zu
folgen, jeder Widerstand dagegen gilt als Unbotmigkeit. "Mit welchem
Entsetzen," sagt Anton Menger, "sehen die Sozialpolitiker der Gegenwart
auf die ungemessenen Fronden frherer Jahrhunderte zurck, ohne zu
bedenken, da sie zu ihren Dienstboten in einem ganz hnlichen
Rechtsverhltnisse stehen. Denn wenn man das Wesen des Dienstvertrags
darin erblickt, da der Arbeiter dem Dienstherren seine Arbeitskraft fr
eine bestimmte Zeit oder einen bestimmten Zweck zur Verfgung stellt, so
haben unsere Dienstboten in Wirklichkeit einen Normalarbeitstag von 24
Stunden."[796] Je nach dem Dienst in begterten oder minder begterten
Familien ndert sich nur die Intensitt der Arbeit; die Arbeitszeit, die
sich durch den Wechsel zwischen der Zeit der Abhngigkeit vom Willen
anderer und der der freien Verfgung ber die eigene Person kennzeichnen
lt, bleibt stets dieselbe, d.h. eine ununterbrochene. Der hchste Grad
der Arbeitsintensitt findet sich bei den am niedrigsten Entlohnten: den
Kindermdchen und den Mdchen fr Alles. Die Mutter erfreut sich der
ungestrten Nachtruhe, das Kindermdchen aber opfert ihrem Sprling die
ihre, sie ist den ganzen Tag mit dem Kinde oder fr das Kind
beschftigt, denn whrend es schlft, wird die Kinderwsche gewaschen,
gebgelt, geflickt; whrend es wacht, wird es genhrt, angekleidet,
unterhalten, spazieren gefahren oder getragen. Zwar wird der
gesundheitliche Nachteil starker Arbeitsberlastung dadurch vielfach
aufgewogen, da das Kindermdchen sich stundenlang mit ihrem Schtzling
in frischer Luft aufhalten mu, aber der Zwang, die Kinder tragen zu
mssen,--aus falsch verstandenen Gesundheitsrcksichten auf sie ist er
besonders in Frankreich weit verbreitet,--verwandelt den Vorteil wieder
in einen empfindlichen Nachteil. Besonders junge Mdchen sind dadurch
allen Gefahren der Rckgratsverkrmmungen und Unterleibsleiden
ausgesetzt. Knnen die Kinder laufen, so ist die krperliche Anstrengung
zwar geringer, die der Nerven aber um so grer. Ununterbrochen Kinder
zu hten, gehrt thatschlich, so leicht es den Fernstehenden erscheint,
die sogar geneigt sind, das Leben eines Kindermdchens fr ein wahres
Faulenzerleben zu erklren, zu den aufreibendsten Aufgaben. Die Mtter
aber, die ihre lieben Kleinen im besten Fall ein paar Stunden um sich
haben, knnen trotzdem nicht genug ber die Roheit und Schlechtigkeit
der Kindermdchen klagen, die um so eher die Geduld verlieren, als sie
meist selbst jung, ungebildet und undiszipliniert sind. Kaum geringer,
dabei der Gesundheit nachteiliger ist die Arbeitsintensitt der Mdchen
fr Alles. Wo die Hausfrau nicht mithilft, sind die Anforderungen, die
an sie gestellt werden, oft unerfllbare: Kochen und einkaufen, waschen
und pltten, Kleider putzen und Zimmer reinigen, nhen und flicken, die
Familie bedienen, den Gsten aufwarten,--das alles und noch mehr ist
ihre Aufgabe. Von frh bis in die Nacht ist ihre Zeit ausgefllt; oft
mu sie bis ein, zwei Uhr und lnger thtig sein, weil Gesellschaft im
Hause ist und kann des Morgens nicht ausschlafen, weil fr die
schulpflichtigen Kinder oder den Hausherrn das Frhstck zur
gewhnlichen Zeit bereit stehen mu. Spt in der Nacht hat sie wohl auch
die gndige Frau oder das gndige Frulein vom Ball oder vom Theater
heimzuholen. Niemandem fllt es ein, welchen Gefahren ein junges Mdchen
bei weiten nchtlichen Wegen sich dabei aussetzt, denjenigen am
wenigsten, die sich abholen lassen um dieser Gefahren willen. Wehe aber
dem armen Ding, wenn es Mdigkeit oder Mimut fhlen lt; auch die
gleichmige gute Laune gehrt zu den ausbedungenen Pflichten eines
Dienstmdchens. Die Arbeitszeit der Kchin ist vielfach weniger
ausgefllt als die des Mdchens fr Alles; auf sie drfte im allgemeinen
zutreffen, was die deutsche Untersuchung der Lage der Gasthauskchinnen
ergeben hat, die whrend vierzehn bis sechzehn Stunden durchschnittlich
zu thun haben.[797] Was ihre Situation jedoch besonders verschlechtert,
sind die gesundheitlichen Nachteile ihres Berufes: das viele Stehen
verursacht Krampfadern und geschwollene Fe, das Einatmen der
Speisenausdnstungen bewirkt Magenstrungen, die oft chronisch werden,
das bestndige Hantieren am glhenden Herd zerrttet die Nerven. Die
Klagen ber launenhafte cholerische Kchinnen, denen es doch "so gut"
geht, sind nur allzu bekannt!

Bequem soll vor allem der Dienst der Kammerjungfer sein, und doch ist
ihre Nachtruhe oft mehr beeintrchtigt als die des Kindermdchens. In
der Zeit der geselligen Hochflut, die fr viele Damen der groen Welt,
deren Leben sich zwischen der Grostadt und den Modebdern abspielt, nur
durch kurze Ruhepausen unterbrochen wird, hat sie fast nie eine
ausreichende und ungestrte Nachtruhe. Was es aber fr ein junges
Mdchen heit, ihre oft viel ltere Herrin Tag fr Tag in glnzender
Toilette von einem Fest zum andern eilen zu sehen, whrend es, das
junge, hbsche, lebenslustige Mdchen, zu gleicher Zeit allein in seiner
Kammer sitzen und bei trbem Lampenlicht allnchtlich auf die Heimkehr
der "Gndigen" warten mu,--das macht sich selten jemand klar. Wer wird
denn auch die Gefhle eines Dienstmdchens mit demselben Mae messen,
wie die eigenen!

Unter der schwersten Arbeitslast aber leiden die Stubenmdchen in den
Hotels, in Pensionen. Um einen mglichst hohen Gewinn zu erzielen, wird
so wenig als mglich Personal angestellt. Es kommt vor, da ein Mdchen
die Bedienung von 30 bis 40 Gsten, die Instandhaltung von 20 bis 25
Zimmern zu bernehmen hat.[798] Die Nachtruhe whrt oft kaum fnf bis
sechs Stunden, weil der Dienst vor dem Abgang des ersten angetreten, und
nach der Ankunft des letzten Zuges erst verlassen werden darf. Eine
Arbeitszeit von achtzehn bis zwanzig Stunden drfte kaum zu den
Ausnahmen gehren.[799] Stillichs Untersuchung der Berliner
Dienstbotenverhltnisse besttigt nur alle unsere Angaben. Von 547
Mdchen arbeitet die Hlfte,--51,5%,--lnger als 16 Stunden tglich. Die
andere Hlfte arbeitet 12 bis 16 Stunden und nur 2% weniger als 12
Stunden. Und zwar sind es die am schlechtesten Entlohnten, die Mdchen
fr Alles, die am lngsten arbeiten mssen; fr 59% dauert der
Arbeitstag ber 16 Stunden.[800] Unter den fortgeschrittenen
Verhltnissen der Vereinigten Staaten scheint auch die Arbeitszeit der
Dienstboten eine geringere zu sein, obwohl die zweifelhafte Art ihrer
Berechnung,--ob nmlich die Zeit der Arbeitsbereitschaft als Grundlage
diente, oder etwaige Pausen abgerechnet wurden,--ein falsches Bild
hervorrufen kann. 38% der nordamerikanischen Dienstmdchen sollen 10
Stunden, 37% mehr als 10 und 25% weniger als 10 Stunden thtig
sein.[801]

Die freie Zeit der Dienstmdchen beschrnkt sich in Deutschland,
Oesterreich und Frankreich zumeist auf einen halben Sonntag alle zwei
Wochen. Fr Berlin hat sich herausgestellt, da 69% der Dienstmdchen
innerhalb eines halben Monats nur fnf bis sechs Stunden fr sich
haben.[802] Denn der vierzehntgige Ausgang schrumpft noch
auerordentlich zusammen, weil das Mdchen erst nach beendeter Arbeit
fortgehen darf und vielfach vor zehn Uhr abends zurck sein mu. Nur
selten und ungern wird ihm in der Woche eine Zeit gewhrt, in der es
seine eigenen Besorgungen machen oder etwa daheim seine Kleidung in
Ordnung bringen kann. Es sind wieder nur die reichen Huser, wo die
Arbeit eines Dienstboten leicht von einem anderen bernommen werden
kann, ohne da es die Bequemlichkeit der Herrschaft strt. In den
begterten Familien Englands ist es allgemein Sitte, da jeder halbe
Sonntag, ein Abend in der Woche und ein voller Tag im Monat den
Dienstboten freigegeben wird, hufig bekommen sie sogar vierzehn Tage
Sommerurlaub, oder es wird einem jeden gestattet, an einem Abend in der
Woche den Besuch von Freunden zu empfangen. Aber auch im englischen
Mittelstand hat sich die Sitte des einen freien Tags im Monat und des
freien Abends in der Woche nach und nach eingebrgert.[803] Auf dem
Kontinent wird solch eine Forderung seitens der Dienstmdchen als eine
unerhrte Frechheit, als ein "neues Zeichen des Rckgangs alter Zucht
und Ordnung" angesehen. Da das Dienstmdchen Zeit fr sich braucht,
wenn auch nur um seine Sachen in Ordnung zu halten, da es ein Bedrfnis
nach Unterhaltung, oder am Ende gar nach geistiger Fortbildung haben
knnte, das kommt den guten Hausfrauen nicht in den Sinn und am
wenigsten denen, die selbst im Winter fast tglich in Gesellschaften
gehen, oder Theater, Konzerte und Vorlesungen besuchen. Es fllt ihnen
aber auch nicht ein, den Lohn ihrer Dienstmdchen zu erhhen, wenn sie
sehen, da die berlange Arbeitszeit sie ntigt, ihre Kleidung von
Lohnarbeiterinnen ndern und herstellen zu lassen.

Die Folgen der niedrigen Lhne, der schlechten Wohnung und ungengenden
Kost, der steten Arbeitsbereitschaft und des Mangels an freier Zeit sind
in ihrer Mehrzahl identisch mit den Fehlern, die die Hausfrauen an ihren
Dienstmdchen nicht scharf genug rgen knnen. So wurde von jeher
darber geklagt, da die Dienstmdchen die Herrschaften dadurch
bervorteilen, da sie die Waren billiger einkaufen, als anrechnen, da
sie den sogenannten Marktgroschen in die eigene Tasche stecken. Diese
alte Gewohnheit, die Einnahmen ein wenig zu erhhen, wird heute von den
Dienstboten und den Verkufern als ein selbstverstndliches Recht
angesehen. In Frankreich bekommt das Dienstmdchen fr jeden Einkauf vom
Hndler einen Sou (fnf Centimes) fr den bezahlten Franc. In
Deutschland werden ihr meist bestimmte Prozente zugesichert. Es liegt
also in seinem Interesse, die Herrschaft zu mglichst vielen Ausgaben zu
veranlassen, oder selbst recht teuer einzukaufen. Der niedrige Lohn ist
demnach, wenn nicht die Veranlassung zu direkten Unredlichkeiten, so
doch ein Mittel, den Gegensatz der Interessen zwischen Arbeitnehmern und
Arbeitgebern zu besonders schroffem Ausdruck zu bringen. Der Mangel
eines eigenen Zimmers, durch den jedes persnliche Leben unmglich
gemacht wird, fhrt andererseits dazu, da die Dienstmdchen sich nicht
heimisch fhlen im fremden Haus, wie man die Stirn hat, es angesichts
der Hngebden von ihnen zu verlangen. Die Unmglichkeit, mit
seinesgleichen zu verkehren, ohne unter der stndigen Kontrolle auch der
wohlmeinendsten Hausfrau zu stehen, treibt die Mdchen auf die Strae,
in den Grnkramkeller, in die Portierloge[804], und ihre Herrinnen
jammern dann ber ihre "Schwatzhaftigkeit, Pflichtvergessenheit,
Faulheit und Liederlichkeit".

Das gilt besonders fr jene Mdchen fr Alles, die keine Gefhrtin im
Haushalt haben. Den Typus eines solchen Mdchens, dessen Sehnsucht nach
dem Verkehr mit ihresgleichen durch die Einsamkeit und Abgeschlossenheit
zu einem unwiderstehlichen Verlangen wurde und sie immer tiefer dem
Verderben in die Arme treibt, haben die Brder Goncourt mit vollendeter
Meisterschaft in Germinie Lacerteux geschildert. Sie verstanden auch
darzustellen, wie die Kluft zwischen Herr und Diener sich selbst durch
Wohlwollen auf der einen und Anhnglichkeit auf der anderen Seite nicht
berbrcken lt.[805] Selbst der Versuch, den gutmtige, aber
unverstndige Frauen zuweilen machen, indem sie das Mdchen zur Familie
heranziehen, es womglich am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, mit
ihnen am selben Platz nhen und flicken lassen, bietet keinen Ersatz fr
den Verkehr mit Klassengenossen. Der Abgrund ist zu tief, der unsere
geistige Welt von der jener aus der Volksschule und der Dorfkate in
unser Haus verschlagenen Kinder materieller und geistiger Armut trennt.
Zieht nun aber solch ein Mdchen den Kchenwinkel dem Platz am
Herrschaftstische vor, so spricht man wohl von Undankbarkeit und sieht
darin den Beweis dafr, da die Dienstboten sich gar nicht aus der
Einde ihres Daseins emporheben lassen wollen. Die schlimmsten Folgen
jedoch zeitigt der Zwang zu steter Arbeitsbereitschaft, die Ueberbrdung
und der Mangel an freier Zeit; ihnen entspringen all jene viel
bejammerten Untugenden: Widerwilligkeit, Unlust zur Arbeit,
Langsamkeit, Ungehorsam, schlechte Laune, denn nichts wirkt
deprimierender als das graue Einerlei unaufhrlicher Werkeltage und die
Unmglichkeit, sich selbst zu gehren. Aber noch ein Resultat rufen
diese Zustnde zusammen hervor, das fr den Charakter der Herren wie der
Diener gleich schdlich ist: Verlogenheit und Heimlichthuerei. Schon die
antike Welt bezeichnete beides als Sklaveneigenschaften und stellte
ihnen den Freimut und die Wahrhaftigkeit des freien Mannes gegenber.
Nun, der Sklave sowohl wie der Dienstbote verfgen ber kein anderes
Mittel, sich Freiheit zu verschaffen, als indem sie den Gebieter
hintergehen und belgen, das Dienstmdchen, das im Grnkramkeller mit
ihren Freundinnen zusammentrifft, mu fr ihr langes Ausbleiben nach
einer anderen Ausrede suchen; heimlich verlt sie abends das Haus, will
sie sich amsieren, heimlich empfngt sie ihre Besuche; ihre, durch die
ueren Verhltnisse grogezogenen Untugenden sind wieder die Ursache
jenes tiefgewurzelten Mitrauens ihrer Arbeitgeber gegen sie. Sie
wittern auch dort, wo nichts davon vorhanden ist, Unredlichkeit und
Lge. Sie beleidigen dadurch unaufhrlich das Ehrgefhl der
Bediensteten. So entsteht jene heimliche, bittere Feindschaft zwischen
Herren und Dienern, die abzuleugnen dumm und feige ist, und der Octave
Mirbeaus Kammerjungfer Clestine[806] treffenden Ausdruck giebt, wenn
sie sagt: "Man behauptet, die Sklaverei sei abgeschafft. Welch ein Hohn!
Und die Dienstboten, was sind sie denn, wenn nicht Sklaven? Sklaven in
der That, mit allem was die Sklaverei an niedriger Gesinnung, an
Korruption, an rebellischen, von Ha erzeugten Gefhlen in sich
schliet.... Man erwartet von uns alle Tugenden, alle Resignation, alle
Opfer, allen Heroismus und nur die Laster, die der Eitelkeit unserer
Herren schmeicheln: all das im Eintausch gegen Verachtung und Lohn. Und
leben wir dabei nicht in dauerndem Kampf, in dauernder Angst zwischen
einem vorbergehenden Schein von Wohlleben und dem Elend der
Stellungslosigkeit; werden wir nicht dauernd von krnkendem Mitrauen
verfolgt, das die Thren, die Schrnke, die Schlsser vor uns
verschliet und das ohne Aufhren ber unsere Hnde, in unsere Taschen,
unsere Koffer die Schmach sprender Blicke gleiten lt.... Und dann die
Qual jener schrecklichen Ungleichheit, die trotz aller Familiaritten,
alles Lchelns, aller Geschenke zwischen uns und unsere Gebieterinnen
unbersteigbare Felsen, eine ganze Welt von unterdrcktem Ha und
qulendem Neid auftrmt."

Nirgends steht sich Reich und Arm so nah gegenber, als in der
Huslichkeit. Es gehrt der ganze Stumpfsinn niedergedrckter, von der
frischen Luft der neuen Zeit knstlich abgeschlossener Volksschichten
dazu, um es erklrlich zu machen, da die Dienstboten angesichts dieser
krassen Gegenstze bisher noch nicht revoltierten. Sie stammen ihrer
groen Mehrzahl nach aus sozial und konomisch tief stehenden Schichten
der Bevlkerung, aus Gegenden, die von der Kultur am wenigsten berhrt
wurden. Der Stadt gehen sie mit der grten Erwartung entgegen, in ihr
atmen sie, im Vergleich zu den Verhltnissen, denen sie auf dem Lande
meist entronnen sind, Freiheitsluft und fgen sich daher ohne Murren in
harte Lebenslagen. 1895 gab es in Berlin neben 9010 geborenen
Berlinerinnen, 49849 ortsfremde Dienstmdchen[807], und in einem Jahr,
1898, zogen allein 42418 aus den Provinzen zu.[808] Von ihren
Arbeitskolleginnen in Wien kommen 87 % von auerhalb.[809] In Amerika
sind die meisten Dienstmdchen arme Auslnderinnen, deren Ansprche weit
geringere sind, als die der Eingeborenen. In Frankreich und England
bevorzugt man neuerdings mehr und mehr das deutsche Mdchen,--eine
Bevorzugung, der wir uns, wenn wir die Ursachen erkannt haben, nur zu
schmen haben, denn berall im Ausland tritt der deutsche Dienstbote als
Lohndrcker auf. Dazu kommt ferner, da die sozialen Schichten, aus
denen die Dienstmdchen hervorgehen, tiefstehende sind. Von den Berliner
Dienstmdchen z.B. stammen ab von[810]

Handwerkern                   27 Proz.
Arbeitern                     24   "
Kleinen Landwirten            17   "
Kleinen Beamten               12   "
Anderen Gewerbetreibenden      7   "
Ungenau                       13   "

Die groe Zahl derjenigen, die ihre Herkunft nicht genau angeben oder
angeben konnten, findet darin ihre Erklrung, da es gerade unter den
Dienstmdchen sehr viele Waisen oder uneheliche Kinder giebt, die von
frh an im Dienst fremder Leute herumgestoen werden.[811] Die meisten
von ihnen beginnen ihre Laufbahn sehr frh. Von den sterreichischen
Dienstmdchen waren nach der letzten Zhlung 28 % 11 bis 20 Jahre
alt[812]; in Deutschland wurden 1895 allein 32653 Dienstmdchen
gefunden, die das 14. Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, 14 bis 18
Jahr waren 348712, 18 bis 20 Jahr 204225.[813] Ohne Gelegenheit gehabt
zu haben, die Auenwelt vorher kennen zu lernen, werden sie von frh an
vor der Berhrung mit ihr sorgfltig abgeschlossen. Nicht nur, da sie
ihre besten Jahre der hrtesten Fron opfern und durch sie verbraucht
werden, sie haben es auch, infolge ihrer Abgeschlossenheit und
Vereinzelung, am schwersten, sich mit ihren Arbeitsgenossen
zusammenzuschlieen.[814] Aus all diesen Grnden sind sie so rckstndig
und fangen erst langsam an, das Unertrgliche ihrer Lage zu empfinden.
Nicht auf den ueren Arbeitsbedingungen und deren Folgen allein beruht
es; sondern oft noch mehr auf der Behandlung, die sie sich gefallen
lassen mssen. Man verlangt von ihnen die ununterbrochene Ausbung der
schwersten Tugenden, und bietet ihnen im besten Fall khle
Gleichgltigkeit. Sie sollen trauern mit unserer Trauer, sich freuen mit
unserer Freude, sie sollen Rcksicht nehmen auf unsere Nerven, uns
pflegen, wenn wir krank sind,--da auch ihr Leben Schmerz und Freude
kennt, da auch sie Nerven haben und krank sein knnen, das fllt den
guten Hausfrauen selten ein, und wenn sie es bemerken, so schelten sie
ber Launenhaftigkeit, Mangel an Selbstbeherrschung und Faulheit. Sie
beklagen sich bitter ber die Dummheit und Ungeschicklichkeit ihrer
Mdchen, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, da solch ein
armes Geschpf oft vorher nichts kennen gelernt hat, als die drftigsten
Verhltnisse und nun pltzlich den brgerlichen Haushalt und die
brgerlichen Gewohnheiten mit all ihren Finessen verstehen soll. Wie
viele Hausfrauen zeigen ihren Mdchen niemals ein freundliches Gesicht;
keine Bitte, kein Dank kommt ber ihre Lippen, Scheltworte statt dessen
um jede Kleinigkeit; selbst an rohen Thtlichkeiten fehlt es nicht, wie
zahlreiche Gerichtsverhandlungen der letzten Jahre beweisen. Das
Beispiel der Mutter wirkt anfeuernd auf die Kinder: ihr Benehmen
gegenber den Dienstboten spottet oft jeder Beschreibung. Was bei den
Kleinen Unart ist, wird bei den Heranwachsenden Frechheit, bei den
groen Gemeinheit. Wie oft wird das Dienstmdchen das Opfer der
Begierden der frh verdorbenen Shne der Bourgeoisie! Mir ist eine Frau
begegnet, die das Verhltnis ihres Sohnes mit ihrem Stubenmdchen mit
der Begrndung duldete: dabei bleibt er wenigstens gesund! Aber auch die
Hausherren selbst sind von der Ehrlosigkeit, in vielen Fllen die
Verfhrer ihrer Angestellten zu sein, sicher ebensowenig freizusprechen,
wie die Fabrikanten und Geschftsleiter. Wie tief in Bezug hierauf die
Begriffe von Ehre und Sittlichkeit gesunken sind, das lehrt ein Blick in
die humoristische Presse. Sie beschftigt sich in wahrem Wohlbehagen mit
den Liebeleien, die der Hausherr hinter dem Rcken der Gattin mit den
Dienstmdchen anspinnt. Zeitschriften, wie die Mnchener Fliegenden
Bltter, die jedes Schulkind in die Hand nimmt, sind darin kaum minder
frivol, wie die strker auftragenden franzsischen Journale.

Die grten sittlichen Gefahren drohen den Stubenmdchen in den Hotels
und Pensionen der Badeorte. Die Schamlosigkeit mancher Reisender, die zu
den persnlichen Diensten, die fr ein Trinkgeld geleistet werden
mssen, die Befriedigung ihrer Lste oft wie etwas Selbstverstndliches
zhlt, bersteigt hufig alle Grenzen, sie geht bis zur brutalen
Vergewaltigung.[815] Nun wre es freilich bertrieben, die groe Zahl
unverheirateter Mtter unter den Dienstmdchen,--in Berlin haben 33 %
aller unehelichen Kinder Dienstmdchen zu Mttern,--allein auf die
Verfhrung ihrer Herren und deren Shne zurckzufhren. Die Ursache
davon liegt aber zweifellos nicht in der ursprnglichen Liederlichkeit
der Mdchen, ber die alle Hausfrauen einig zu sein pflegen, sondern in
den Verhltnissen, die sie umgeben. Es wird ihnen nicht gestattet, offen
mit ihresgleichen zu verkehren, sie haben nicht einmal einen anstndigen
Raum dafr, sie haben zu harmlosen Jugendfreuden keine freie Zeit; so
empfangen sie denn heimlich bei Nacht und Nebel ihre Besuche und
verstecken sie hastig in der engen Kammer, die oft nichts enthlt, als
das Bett; sie gehen heimlich, wenn die Argusaugen der Herrschaft nicht
mehr zu frchten sind, auf nchtliche Vergngungen. Haben sie nicht etwa
dasselbe Recht auf Jugendlust, dasselbe Verlangen danach, wie die
Tchter ihrer Gndigen? Die brgerliche Gesellschaft treibt sie zum
Fall; es gehrt groe sittliche Festigkeit dazu, unberhrt zu bleiben,
die von den Mdchen nicht erwartet werden kann, die, wie wir aus der
Darstellung der Lage der Landarbeiterinnen gesehen haben, zumeist einem
Milieu entstammen, das an sich schon korrumpiert genug ist. Die meisten
Dienstmdchen kehren aus den Stdten mit einem Kinde aufs Land
zurck.[816] Sehr viele fallen schlielich der Prostitution in die Arme.
So konstatierte eine Berliner Statistik des Jahres 1874, da von 100
Prostituierten 36 ehemalige Dienstmdchen waren[817], eine amerikanische
Berechnung zhlt sogar 47 auf 100.[818]

Aber noch andere indirekte Einflsse kommen hinzu, um die weiblichen
Dienstboten zu verderben: das Beispiel ihrer Herrschaft. Man sagt mit
Recht, da vor seinem Bedienten der Grte klein wird; das heit mit
anderen Worten: kein Stand kennt so genau die Kehrseite der Medaille,
keiner wird so vertraut mit den hlichen, gemeinen, niedrigen
Eigenschaften der Menschen, blickt so tief in ihr oft durch und durch
wurmstichiges Leben, als der der Dienstboten. Und er sollte
unberhrt davon bleiben?! Eitelkeit und Putzsucht, Hochmut und
Verschwendungssucht, Frivolitt und Liederlichkeit, daneben oft die
ganze Verlogenheit ueren Glanzes, der den inneren Zusammenbruch decken
soll, umgeben ihn, wie die Luft, die er atmet. Man mte ein gereifter,
moralisch gefestigter Mensch sein, um aus dieser Atmosphre rein
hervorzugehen, nicht aber ein junges Mdchen, das aus dem Dunkel kommt
und geblendet wird von all dem gleienden Schein. "Der Dienstbote ist
kein normales Wesen mehr", sagt Clestine[819], "... er gehrt nicht
mehr zum Volk, aus dem er hervorgeht, und nicht zur Bourgeoisie, in
deren Mitte er lebt und zu der er hinneigt.... Den gerechten Sinn und
die naive Kraft des Volkes hat er verloren; die Neigungen und Laster der
Bourgeoisie hat er sich angeeignet, ohne die Mglichkeit zu haben, sie
zu befriedigen.... Die Seele beschmutzt, so geht er durch diese
anstndige brgerliche Welt und durch nichts als durch die Thatsache,
da er den tdlichen Dunst, der aus diesem Sumpf emporsteigt, eingeatmet
hat, verliert er die Sicherheit seines Geistes bis zur vlligen Aufgabe
seiner Persnlichkeit." Wie sehr rgen die braven Brgerfrauen die
Putzsucht ihrer Dienstmdchen, ihr Bestreben, es den Herrinnen gleich zu
thun; als ob sie selbst nicht hufig genug durch ihren Luxus und ihre
Sucht, die reiche Nachbarin womglich in der Kleiderpracht noch zu
bertreffen, den Ruin der Familie herbeifhren helfen. Wie kommen sie
dazu, von ihrem armen Dienstmdchen mehr Bescheidenheit und
Zufriedenheit, kurz einen besseren Charakter zu verlangen, als von sich
selbst? Wenn mich etwas in Erstaunen setzt, so sind es nicht die Fehler,
sondern die vielen Tugenden unserer Dienstmdchen: sie hrmen sich mehr
an unserem Krankenbett, als wir an dem ihren; sie nehmen hufig
innigeren Anteil an unserem Leid, als wir an dem, was sie bedrckt; sie
verfolgen, aus unserem Hause geschieden, oft mit grerem Interesse
unser Schicksal, als wir das ihre; sie pflegen unsere Kinder vielfach
mit grter, gradezu mtterlicher Sorgfalt.[820] Statt da ihre
Klatschsucht Emprung hervorruft, sollten die Herrschaften sich vielmehr
ber ihre Verschwiegenheit verwundern. Ich kannte einen jungen, begabten
Diener, den ich veranlate, seine Erinnerungen niederzuschreiben; er
hatte schon viele Seiten gefllt, da zerri er sein Manuskript, aus
Angst, nach seiner Verffentlichung keine Stellung mehr zu bekommen.
Selbst die Anonymitt, glaubte er, knne ihn nicht schtzen. Wenn der
Mund dieser Stummen sich erst einmal furchtlos ffnen kann, so wird die
Welt sich vor dem entsetzen, was sie dann wird hren mssen. Ein Mensch
mit niedriger kriechender Gesinnung wird verchtlich eine Bedientennatur
genannt, Mangel an Stolz, an Charakterstrke gegenber Hherstehenden
wird als Bedientenhaftigkeit bezeichnet,--die beginnende Revolte der
Einzelnen, wie der organisierten Dienstboten, ist das erfreuliche
Zeichen dafr, da das beschmende Bewutsein des eigenen physischen und
seelischen Sklaventums in den Dienstboten erwacht und sie an den
entehrenden Ketten zu rtteln beginnen.

Werfen wir noch einen Blick in das tiefste Dunkel des Dienstbotenelends,
das die brgerliche Gesellschaft auch mit dem buntesten Tand und Flitter
nicht zu verdecken vermag: das Ammenwesen. Rousseaus glhende Ansprachen
an die Mtter sind lngst verhallt, beinahe zu einer litterarischen
Merkwrdigkeit geworden; die Degeneration der brgerlichen Gesellschaft
hat seitdem rapide Fortschritte gemacht, die Brste ihrer Mtter sind
immer hufiger leer, teils, weil die Snden der Vorfahren sich an ihnen
rchen, teils weil ungesunde Erziehung und Lebensweise sie ihrer
Naturkraft beraubt hat. Nach wie vor ist aber auch Vergngungssucht und
Eitelkeit strker als das Bewutsein der Mutterpflichten, und statt dem
Kinde zu geben, was die gtige Natur fr es geschaffen hat, wird ein
Ersatz dafr gesucht. Mit Gold erkauft sich alles in dieser besten der
Welten, auch die Muttermilch, und so ist die Ernhrung fremder Kinder
mit der dem eigenen entzogenen Milch zu einer Lohnarbeit geworden!
Dieselbe Gesellschaft, die verchtlich auf ein gefallenes Mdchen
herabsieht, die die Heiligkeit der Familie von allen Kanzeln predigt,
zchtet knstlich, weil sie ihrer bedarf, die Unsittlichkeit, vernichtet
das einfachste Ehrgefhl, zerstrt die Familien, denen sie die Mtter
entreit, opfert das Leben tausender vielleicht physisch und geistig
gesunderer Kinder, ihren so oft durch und durch degenerierten
Sprlingen. Der ganze Spreewald Preuens lebt von dem Verdienste der
Ammen; hufig gehen die Mdchen viele Jahre lang ihrem "Berufe" nach,
bis sie genug verdient haben, um zur begehrten Partie zu werden oder
bis ihre Gebrfhigkeit versagt. Der Bauer der Bretagne whlt seine Frau
je nach der Fhigkeit, die sie hat, durch Ammendienste ihn und seine
Familie zu erhalten. Er selbst zwingt sie, ihr Heim zu verlassen, seinem
eigenen Kinde entzieht er die Muttermilch, um ihren Ertrag womglich zu
versaufen und zu verprassen.[821] Die krftige Nahrung, die oft kostbare
Kleidung, die gute Behandlung, die den Ammen gewhrt wird,--nicht aus
Mitleid und Dankbarkeit natrlich, sondern nur aus Rcksicht auf den
Sugling,--bietet keinen Ersatz fr das unendliche Elend, die um sich
fressende Korruption, die man verbreiten hilft. Schon beginnt die Strafe
dem Verbrechen zu folgen: es giebt ganze Landstriche, wo gesunde Ammen
nicht mehr aufzutreiben sind; die Mutter vermochte noch zu nhren, die
Tochter, die mit allerhand schlechten Surrogaten aufgepppelt wurde,
wird ein schwaches, elendes Ding. Noch schlimmer kann ihr Los sich
gestalten, wenn ihre Mutter sie genhrt hat, nachdem sie frher
ahnungslos ein syphilitisches Brgerkind an ihren gesunden Brsten gro
zog; ihre eigene Nachkommenschaft vergiftet sie nun mit dem Gift, das
das fremde Kind ihr einimpfte. Vielleicht bertrgt die lebendige
Nhrmaschine es auch weiter auf andere fremde Kinder, deren eigene
Mtter whrenddessen stolz die nicht entstellten gesunden Brste beim
strahlenden Licht der elektrischen Lampen und rauschenden Klang der
Geigen den Blicken ihrer Verehrer preisgeben.

Dienstbotenelend! Wer vermag es noch mit dem egoistischen Blick der
jammernden Hausfrau anzusehen? Dienstbotennot! Wer wagt es noch ber sie
unter dem Begriff der Not an Dienstboten zu klagen? Es ist ein Zeichen
gesunden Gefhls und krftigen Aufstrebens breiter Volksschichten, da
diese Not stndig zunimmt. Nach einem Bericht der stdtischen
Waisenverwaltung in Berlin, die es sich besonders angelegen sein lt,
ihre Zglinge fr den Hausdienst vorzubereiten und in ihm festzuhalten,
waren von 51 Waisen, die im Jahre 1890 Stellungen annahmen, nach 6
Jahren nur noch 23 im Dienst, die meisten waren Arbeiterinnen geworden,
sie hatten die persnliche Freiheit, auch wenn sie oft durch Hunger und
Not erkauft werden mu, dem modernen Sklaventum, auch wenn es oft die
Allren des Herrentums annimmt, vorgezogen.

Fr viele zweifelhafte Menschenfreunde ist es, sobald sie von dem Elend
der Fabrikarbeiterin hren, zum Schlagwort geworden, womit sie aller Not
zu begegnen, alles Ungemach abzuwenden glauben: werdet Dienstmdchen!
Selbst die Trostlosigkeit des Arbeiterhaushalts und die schlechte
Ernhrung der Arbeiterfamilie wird darauf zurckgefhrt, da die Frauen
nicht vor der Ehe Dienstmdchen waren, und es giebt Leute genug, die
nicht nur sich selbst, sondern auch den Arbeiterinnen zu ntzen glauben,
wenn sie fr die jungen Mdchen eine Art Dienstzwang einfhren mchten.

Die Working Women's Guild von Philadelphia veranstaltete unter 600
Arbeiterinnen aller Art eine Umfrage, um ihre Meinung kennen zu lernen,
warum sie nicht vorziehen, Dienstbote zu werden. Sie gaben dafr
bereinstimmend folgende Grnde an: 1) Mangel an Freiheit und
unaufhrliche Beaufsichtigung. 2) Verletzung der Selbstachtung durch das
Unterthnigkeitsverhltnis. 3) Endlose Arbeitszeit. 4) Krnkende
Behandlung besonders von seiten der Herren und Shne des Hauses. 5) Kein
eigenes Zimmer. 6) Verlust der Achtung anderer Arbeiterinnen. 7) Keine
Mglichkeit, Freunde zu empfangen, auer in der Kche unter Aufsicht der
Herrschaft.[822]

Diesseits des Oceans sind die Grnde dieselben wie jenseits. Es fragt
sich nur, ob die brgerliche Familie mit ihrer gegenwrtig bestehenden
Privathaushaltung im stnde ist, sie aus der Welt zu rumen. Eine
verneinende Antwort scheint mir aus unserer Darstellung der Lage der
Dienstmdchen ohne weiteres hervorzugehen, denn sie entspringt nicht dem
schlechten Charakter und bsen Willen der Arbeitgeber und der
Arbeitnehmer, sondern der konomischen und sozialen Seite des
persnlichen Dienstverhltnisses und seiner jahrtausendlangen Tradition.

Wir haben gesehen, da in den Husern der oberen Zehntausend, wo infolge
eines zahlreichen Personals eine bestimmte Arbeitsteilung neben hohem
Lohn, gutem Unterkommen und anstndiger Kost gewhrt zu werden pflegt
und nebenbei auch, bei der persnlichen Distanz zwischen Herrn und
Diener, die Reibungsmglichkeiten seltener sind und das sogenannte
patriarchalische Verhltnis ganz ausgelscht ist, die Lage der
huslichen Bediensteten sich am gnstigsten gestaltet. Je kleiner der
Haushalt und je beschrnkter die Mittel, desto unertrglicher wird sie.
Da nun aber die groe Masse des Brgertums, teils infolge direkter
Vermgensverluste, teils infolge des zunehmenden Miverhltnisses
zwischen Einnahmen und Ansprchen, sich pekunir keinesfalls in
aufsteigender Linie bewegt, so ist fr eine Hebung der Lage der
Dienstboten von dieser Seite nichts zu erwarten. Immer mehr wird das
Mdchen fr Alles zur begehrtesten Persnlichkeit werden; weder ihr
Unterkommen, noch ihr Lohn, noch ihre Arbeitszeit knnen eine
wesentliche Verbesserung erfahren. Oder sollte es wirklich Leute geben,
die sich in dem Glauben wiegen, die brgerliche Welt, wie sie heute
geworden ist, wre insgesamt im stande, die eigenen Bedrfnisse den
Dienstboten zu Liebe erheblich einzuschrnken, sich etwa mit einem
Zimmer weniger zu begngen, um es dafr dem Dienstmdchen einzurumen,
Vergngungen und Luxus aller Art, vielleicht sogar liebe Gewohnheiten
aufzugeben, um besseren Lohn zahlen und reichlichere Kost gewhren zu
knnen? Selbst wohlwollende Hausfrauen, die der Dienstbotenbewegung
volles Verstndnis entgegenbringen, sind, von vereinzelten Ausnahmen
abgesehen, auer stnde, ihren Forderungen Rechnung zu tragen. Aber auch
die sittlichen Mistnde und die Divergenz der Interessen knnen sich
mit der zunehmenden Aufklrung der Dienstboten und dem Widerstand der
Herrschaften dagegen nur verschrfen. Denn mit der Abnahme der
Dienstboten wird es sich immer deutlicher zeigen, da damit die
Aufrechterhaltung der Privathaushaltung in ihrer jetzigen Form in Frage
steht, und der vielfach wtende Fanatismus, mit dem die groe Mehrzahl
der Hausfrauen, von der brgerlichen Presse lebhaft untersttzt, gegen
die Dienstbotenbewegung Stellung nimmt, ist auf das freilich gegenwrtig
meist noch unklare Gefhl davon zurckzufhren.

Langsam und im stillen, von den Beteiligten selbst fast unbemerkt, hat
sich die Umwandlung des Haushalts, die durch den Mangel an Dienstboten
nur rascher vorwrts getrieben werden wird, schon seit geraumer Zeit
angebahnt. Nicht nur, da die Produktion fr den Haushalt schon lngst
nicht mehr durch ihn geschieht, auch die speziellen Verrichtungen der
huslichen Dienerschaft werden mehr und mehr von auer dem Hause
wohnenden Arbeitskrften bernommen. Schon an der zunehmenden Zahl der
Aufwartefrauen lt sich das ermessen. Meist pflegen es Arbeiterfrauen
und Witwen zu sein, die gezwungen sind, ihre Familie zu erhalten oder
erhalten zu helfen. Gleicher Kategorie sind die Kochfrauen, Waschfrauen
und die Flickerinnen, die ins Haus kommen.

Einen Schritt weiter noch ging die Entwicklung, indem sie auch diese
Arbeiten auer das Haus verlegte. In den Grostdten wird es besonders
mehr und mehr blich, die Wsche in Wschereien reinigen und pltten zu
lassen. In Deutschland giebt es nach der letzten Betriebszhlung 73766
Wschereien. Von diesen sind nur 7084 Gehilfenbetriebe, und zwar
entfallen auf 5800 davon kaum je drei Gehilfen. Alleinbetriebe aber
werden 66662 gezhlt.[823] Die sanitren Verhltnisse sind berall
hchst bedenkliche: In den Grobetrieben, meist Dampfwschereien,
herrscht eine feuchte Hitze, die bis zu 35 R. erreicht und in der die
meist jungen Arbeiterinnen elf und mehr Stunden aushalten mssen, die
Atmosphre wird aber zu einer noch bedeutend gefhrlicheren in den
Plttereien, wo die Gasdnste der Pltteisen die Luft verpesten. Trotz
aller dahingehenden Bestimmungen ist die Ventilation dabei eine hchst
mangelhafte, weil die Rcksicht auf die Wsche, die durch den
eindringenden Staub beschmutzt werden knnte, der Rcksicht auf die
Arbeiterinnen vorangeht.[824] Aber immerhin sind diese groen
Wschereien im Vergleich zu den kleinen fast ideale Arbeitssttten, denn
alle Schrecken der Heimarbeit konzentrieren sich in diesen. Die arme
Waschfrau, die vielleicht allein oder mit Hilfe der Tochter oder eines
Mdchens die Arbeit bernimmt, pflegt zunchst die abgeholte schmutzige
Wsche in dem einzigen Wohn- und Schlafraum der Familie zu sortieren,
nachzuzhlen und mit Zeichen zu versehen. Alle Krankheitskeime, die ihr
anhaften, werden auf diese Weise aufgewirbelt, und setzen sich in dem
engen Raum fest, wo kleine Kinder in nchster Nhe schlafen, oder
zwischen der schmutzigen Wsche spielend auf der Erde herumkriechen. Oft
kocht auf demselben Herd, auf dem das Essen fr die Familie bereitet
wird, in groen Kesseln die Wsche; der daraus aufsteigende Dunst
erfllt das ganze Zimmer. Hufig genug wird selbst ein Teil der Wsche
im Wohnraum zum Trocknen aufgehngt, womglich ber den Betten der
Kinder und der Kranken. Die Pltterei steigert noch die Gefahren fr die
Arbeiterinnen wie fr die brigen Bewohner des Raumes. Sommer und Winter
ist der Plttplatz dicht neben dem glhenden Ofen, um mglichst schnell
die Eisen aus dem Feuer ziehen zu knnen. Und in dieser Umgebung,
inmitten direkter und indirekter Lebensgefahren existiert nicht nur die
ganze Familie, es arbeiten alte Frauen und kaum den Kinderschuhen
entwachsene Mdchen bis zur Entkrftung darin. Zum Schlu wird die
sauber zusammengelegte Wsche zum Nachzhlen abermals im Zimmer
ausgebreitet. Oft genug kommt es vor, da bei den engen Rumlichkeiten
fertige Wschestcke auf den Betten masern- und scharlachkranker Kinder
liegen. So werden die Krankheiten, die durch die Wsche reicher Leute in
die Behausung der Armen gelangen, wieder aus ihnen heraus in die Huser
der Reichen getragen.[825] Das Idyll der "alten Waschfrau" lst sich
eben, in der Nhe betrachtet, ebenso in trbe Elendsbilder auf, wie das
Idyll der "lustigen Nhmamsell". Wrden nicht die Hausfrauen mit einer
Zhigkeit, die nur der Unkenntnis der Thatsachen entspringen kann, an
den kleinen Wschereien festhalten, weil die Dampfwschereien angeblich
die Wsche mehr verderben, sie wren schneller, als es jetzt schon
geschieht, dem verdienten Untergang geweiht.

Mehr noch als die Vergebung huslicher Arbeiten an Auenstehende hat die
rapide Ausbreitung der Pensionen und Wirtshuser die bisherige Form des
Familienlebens, das sich wesentlich um den eigenen Herd gruppierte, zu
erschttern vermocht. In einem Zeitraum von dreizehn Jahren haben
allein in Deutschland die Gastwirtschaften um 94594, d.h. um 116 %, und
die Zahl der darin beschftigten Personen um 295713, d.h. um 132 %
zugenommen. Nun ist zwar das Wirtshausleben der Mnner eine alte
Erscheinung, aber das der Frauen und ganzer Familien ist eine
Errungenschaft der Neuzeit, die durch das Pensionsleben Amerikas und
Englands in wachsendem Mae zur Auflsung des privaten Haushalts fhrt.

Das Wirtshaus wurde von jeher als ein Ersatz der eigenen Huslichkeit
betrachtet, seine Angestellten, waren sie nun in Kche und Keller oder
bei der Bedienung der Gste beschftigt, galten fr husliche
Dienstboten, und wie an diesen, so ging daher lange Zeit die soziale
Untersuchung und Gesetzgebung auch an jenen vorbei. Erst als eine Reihe
von Mistnden schroff zu Tage trat und man anfing, besonders im
Kellnerinnenwesen eine sittliche Gefahr fr die mnnliche Tugend zu
erblicken, entschlo man sich, die Zustnde einmal in der Nhe zu
betrachten. Durch die Knigliche Arbeitskommission geschah es in
England, durch die Kommission fr Arbeiterstatistik in Deutschland, eine
Anzahl von Privatuntersuchungen trat ergnzend hinzu. Nur ein sehr
kleiner Kreis der in Betracht kommenden Personen wurde von den Enqueten
erfat,--in Deutschland z.B. von 37121 Kellnerinnen nur der neunte Teil,
4093,--und, wie es gewhnlich zu geschehen pflegt, blieb die sozial am
niedrigsten stehende Kategorie von ihnen ganz unberhrt. Kellnerinnen
aus Cafs, Caf-Restaurants, Gastwirtschaften und Bierkellern wurden
befragt, die Angestellten der sogenannten, in Norddeutschland sich,
trauriger Berhmtheit erfreuenden Animierkneipen blieben ausgeschlossen.
Trotz alledem war das Ergebnis ein sehr miliches; man war ausgezogen,
bereit, den Bannstrahl ber Scharen von Snderinnen zu schleudern, und
fand schwer um ihre Existenz ringende, jeder Art der Ausbeutung
schutzlos preisgegebene Arbeiterinnen.

Betrachten wir zunchst die Anforderungen, die an sie gestellt, und
sodann die Entschdigungen, die ihnen dafr geboten werden. Als ein
junges, schmchtiges Ding von vierzehn bis sechzehn Jahren tritt die
angehende Kellnerin, wenn sie nicht etwa schon zu Hause die ntigen
Fertigkeiten sich aneignen konnte, in den Dienst. Sie wird
Wassermdchen, d.h. sie hat den Gsten nur das Wasser zu bringen und
steht gewissermaen im Dienste der Kellnerinnen, denen sie die
unangenehmsten Arbeiten, z.B. das Reinigen, Ordnen und dergl. mehr
abzunehmen hat. Ihre Arbeitzeit ist infolgedessen eine ungewhnlich
lange, da sie meist vor den Kellnerinnen ihre Arbeit beginnen mu und
sie oft erst nachher verlassen kann. Es kommen sechzehn-bis
achtzehnstndige Arbeitszeiten vor[826], ja zur Karnevalszeit werden oft
noch schulpflichtige Mdchen ganze Nchte durch aushilfsweise
beschftigt.[827] Den ganzen Tag haben sie nicht nur auf den Beinen zu
sein, sie befinden sich in einer fast stndigen Hast, als Sndenbock von
jedermann. Zeigt sich die junge Novize anstellig, ist sie hbsch und
verfgt sie ber eine chike Toilette, so hat sie Aussicht, bald eine
Staffel empor zu rcken. Die Dienstvermittlung wird in ihrem Fall durch
private Bureaus besorgt, die ihr Ausbeutungssystem noch schrfer
handhaben, als die fr husliche Dienstboten. Gebhren von 10 bis 30
Mark sind an der Tagesordnung[828]; vielfach wird von vornherein ein
Einschreibegeld verlangt, das auch dann zurckbehalten wird, wenn die
Stellungsuchende es vergebens bezahlt hat. Ist eine Stellung gefunden,
so wird sie in den weitaus meisten Fllen ohne schriftliche
Vertragsschlieung angetreten und von einer Kndigungsfrist ist, unter
Umgehung der gesetzlichen Vorschriften, schon deshalb meist keine Rede,
weil die Kellnerin es sich gefallen lassen mu "auf Probe" angestellt zu
werden[829]; vielleicht ist sie ungeschickt oder gar unfreundlich,
vielleicht gefllt sie den Gsten nicht, dann fliegt sie hinaus von
einem Tage zum anderen. Sehr oft ist es auch der Dienstvermittler, der
sie durch Versprechungen fortlockt, oder den Wirt gegen sie aufhetzt,
um recht viel an ihr zu verdienen.[830]

Der Tagesdienst beginnt, je kleiner die Wirtschaften sind, desto frher.
In den kleinsten ist die Kellnerin zugleich Dienstmdchen und ehe sie
Gste bedient, hat sie den Haushalt zu besorgen. Die Reinigung der
Gastzimmer, der Glser und Tassen liegt ihr vielfach ob; wenn nicht, so
hat sie das fr diese Arbeiten angestellte Personal zum groen Teil aus
eigener Tasche zu bezahlen. Ihre eigentliche Berufsarbeit beginnt mit
dem Eintritt des ersten Gastes. Von nun an ist sie immer auf den Fen;
immer lchelnd, immer zuvorkommend, der grbsten wie der gemeinsten
Behandlung gegenber, hat sie die Getrnke und Gerichte
heranzuschleppen. In den Hotels englischer Seebder wurde fast durchweg
konstatiert, da die Kellnerinnen von sieben Uhr frh bis zwei Uhr
nachts thtig sind; in den Restaurant-Waggons wurde eine wchentliche
Arbeitszeit von achtundneunzig Stunden festgestellt, die kein einziger
Ruhetag unterbricht.[831] Von den etwa 4000 befragten deutschen
Kellnerinnen haben eine regelmige tgliche Arbeitszeit von

12 und weniger Stunden             5,0 Proz.
12 bis 14 Stunden                 19,3 Proz.
14 bis 16 Stunden                 51,8 Proz.
16 bis 18 Stunden                 23,4 Proz.
mehr als 18 Stunden                0,5 Proz.[832]

Die berwiegende Mehrzahl hat demnach eine Arbeitszeit von vierzehn bis
sechzehn Stunden. Je nach der Saison und dem Zudrang der Gste steigert
sich diese Arbeitszeit willkrlich. Whrend des Karnevals in Mnchen
kommt es vor, da Kellnerinnen mit nur zwei- bis dreistndiger Pause
whrend vierundzwanzig bis sechsunddreiig Stunden hintereinander Dienst
thaten.[833] Von regelmigen Pausen ist berhaupt nur selten die Rede;
sie richten sich lediglich nach der zu leistenden Arbeit. Ist die
Wirtsstube leer, so kann das mde Mdchen vielleicht auf kurze Zeit des
Ausruhens rechnen, kaum betritt es ein Gast, so heit es geschftig
aufspringen und seine Wnsche befriedigen. In zahlreichen Wirtshusern
wird den Kellnerinnen sogar, auch wenn sie unbeschftigt sind, das
Sitzen verboten, weil das einen schlechten Eindruck auf die Eintretenden
machen knnte. Nur beim Essen knnen sich auf kurze Zeit die matten
Glieder ausruhen. Noch schlimmer als um die Pausen ist's um die freie
Zeit bestellt. Von Sonntagsruhe ist keine Rede, der Sonntag und der
Feiertag bringt vielmehr die meiste Arbeit, dann gilt es, fr die
glcklichen Arbeitfreien zu laufen und zu springen. In Mnchen wird
vielfach alle vierzehn Tage ein freier Nachmittag in der Woche
gewhrt[834], aber auch nur unter der Bedingung, da ein Ersatz von der
Kellnerin selbst beschafft und entlohnt wird. Nur in 19,9 % der von der
Kommission fr Arbeiterstatistik untersuchten Betriebe hatten die
Angestellten regelmig einen ganzen Ruhetag und zwar in 6,5 % zwlfmal,
in 7,4 % dreizehn- bis vierundzwanzigmal, in 6 % noch fter im Jahr. In
der Hlfte der Betriebe wurden Ausgehzeiten zugestanden, die sich aber
immer nur auf Stunden ausdehnen.[835] In den allermeisten Wirtshusern
giebt es demnach im ganzen Jahr keinen einzigen freien Tag und in der
Hlfte giebt es nicht einmal freie Stunden!

Es sind vor allem die Besitzer der mittleren und kleineren Wirtschaften,
die ihren menschlichen Arbeitsmaschinen keinen Augenblick des Ausruhens
zugestehen[836], und sich dann, hnlich wie die Hausfrauen den
Dienstboten gegenber, darauf berufen, da ihre Angestellten einen
leichten Dienst htten. Als ob selbst der leichteste Dienst die freie
Zeit, in der der Mensch einmal ganz sich selbst gehren kann, zu
ersetzen im stnde wre! Diese lange, ununterbrochene Arbeitszeit wird
nun aber auch in der grten Anzahl der Flle in Rumen zugebracht, die
allen hygienischen Ansprchen spotten: der Tabaksqualm in der Stube
vermischt sich darin mit den Speisengerchen und den Ausdnstungen der
Menschen. Wo gelftet wird, entsteht eine Zugluft, die die erhitzten
Kellnerinnen empfindlich trifft. Trockene, schlechte Luft, Uebermdung
und Erhitzung rufen aber auch ein stndiges Durstgefhl hervor, das in
Bier, Wein und Kaffee befriedigt wird und den einer gesunden Arbeit
folgenden Hunger mehr und mehr in zweite Linie schiebt. Es ist jedoch
nicht nur der freie Wille, der zum Trinken zwingt. In den Kneipen mit
Damenbedienung, die besonders in Norddeutschland florieren, gehrt es
zum Beruf der Kellnerin, den Gast zum Trinken zu animieren, indem sie
mit ihm trinkt und so eine mglichst hohe Zeche erzielt. Zum
Entgegenkommen gegenber dem Gast, auch wenn es nicht im Bescheidthun
beim Trinken besteht, ist sie berhaupt immer gezwungen; mehr als von
ihrer Arbeitstchtigkeit hngt hiervon ihre gesicherte Stellung ab. Um
die Gste mglichst zufrieden zu stellen, sieht sie sich hufig genug
gentigt, die beliebtesten Zeitungen und Zeitschriften, die im Lokal nur
in je einem Exemplar aufliegen, selbst zu halten, was eine bedeutende
Summe monatlich ausmachen kann; auch Zahnstocher, Zndhlzchen und
dergl. hat sie vielfach aus eigener Tasche zu bezahlen.[837] Bis auf
ihre uere Erscheinung erstrecken sich schlielich noch die
Dienstvorschriften: in groen Lokalen ist eine bestimmte Toilette,
selbst eine bestimmte Frisur, durch die die Mdchen veranlat werden,
sich tglich vom Friseur die Haare machen lassen zu mssen,
Vorschrift.[838] In den Animierkneipen werden die Kostme hufig
geliefert; Mdchen aber, die etwas auf sich halten und nicht anziehen
mgen, was so und so viele mehr oder weniger fragwrdige Vorgngerinnen
schon getragen haben, mssen sie selbst beschaffen. Die Verletzung einer
dieser verschiedenartigen Pflichten, Mdigkeit, Unfreundlichkeit gegen
einen gar zu frechen Gesellen, der vielleicht ein gut zahlender
Stammgast ist, kostet der Kellnerin ihre Stellung. Ja, es bedarf gar
keines solchen Vorwandes; sie braucht nur durch ihr Aeueres Mifallen
zu erregen, so mu sie schleunigst einer anderen Platz machen. "Wenn
eine Kellnerin vierzehn Tage oder drei Wochen da ist, dann heit es bei
den Gsten: die wollen wir nicht mehr sehen, wir wollen ein anderes
Gesicht", wird aus Dresden berichtet[839]; nur um den Gsten durch den
Wechsel einen Gefallen zu thun, kndigen die Wirte den Kellnerinnen,
lautet das Urteil an einer anderen Stelle.[840] So kommt es, da ber
die Hlfte der von der deutschen Kommission befragten Kellnerinnen nur
drei Monate und weniger, und nur ein Sechstel aller ber ein Jahr in
ihrer Stellung waren.[841]

Je lter die Kellnerin wird, desto trauriger ist ihr Los. Sie, die
vielleicht einst die Hauptanziehungskraft eines grostdtischen Lokals
war, mu schlielich zufrieden sein, in der Kneipe einer Kleinstadt ein
armseliges Dasein zu fhren. Die Gste wollen nur von jungen, hbschen
Mdchen bedient werden.[842] Nach der deutschen Berufsstatistik von 1895
giebt es daher unter 37121 Kellnerinnen nur 7422, d.h. 20 %, die ber 30
Jahre alt sind. Schlielich stellt selbst das geringste Wirtshaus die
alt gewordene nicht mehr an; wozu auch? Sie bringt nichts ein, sie kann
sich nicht einmal selbst erhalten, weil die Trinkgelder immer schmaler
werden. Im besten Fall fristet sie noch als Wscherin, Geschirrputzerin
oder Reinemachefrau ihren elenden Lebensrest; nur selten vermag sie sich
empor zu arbeiten, nur allzu oft endet sie auf der Strae, als die
verachtetste aller Frauen.[843]

Und doch strmen dem Kellnerinnenberuf jhrlich Tausende zu; immer
wieder sind Junge da, um die Alternden zu ersetzen. Sind die
Arbeitsbedingungen vielleicht sonst so glnzend, um diesen Zudrang zu
rechtfertigen? Die Kommission fr Arbeiterstatistik stellte fest, da
von den befragten Kellnerinnen 79 % ein Bargehalt empfingen, das durch
Wohnung und Kost im Hause des Wirts ergnzt wird. 21 % bekommen demnach
gar nichts. Und von denen, die einen bestimmten Lohn erhielten, war die
eine Hlfte auf ein Einkommen von 10 bis 30 Mk., die andere auf 10 Mk.
und weniger angewiesen. Je nach den Landesteilen bieten die
Lohnverhltnisse ein anderes Bild: in Norddeutschland haben nur die
Hlfte der Kellnerinnen einen Bargehalt; in den Grostdten, wo die
Animierkneipen eine groe Rolle spielen, kommt es fast niemals vor, da
sie berhaupt eins beziehen,--in Berlin z.B. nur 0,5 %, in Hannover nur
8 % der Kellnerinnen,--in Mittel- und Sddeutschland steigt dagegen der
Prozentsatz der entlohnten Kellnerinnen auf 88 resp. 91 %[844] Aber auch
hier machen die Grostdte eine Ausnahme. In Mnchen, wo allein gegen
3000 Kellnerinnen gezhlt wurden, ist der Lohn gleichfalls fast ganz
abgekommen.[845] Aber dabei allein bleibt es nicht. Wie es in groen
Restaurants fast durchweg Sitte ist, da der Oberkellner dafr, da er
bedienen kann, dem Wirt eine bestimmte Summe bezahlt, so kommt es auch
immer hufiger vor, da von den weiblichen Angestellten dasselbe
verlangt wird. Bei der Pariser Weltausstellung im Jahre 1878 wurde dies
System von dem bekannten Unternehmer Duval, der nur Kellnerinnen
beschftigt, zum erstenmal eingefhrt, und hat sich seitdem berall hin
verbreitet.[846] In Oesterreich, vor allem in den groen Bdern, wie in
Karlsbad, Marienbad etc., soll es besonders blich sein, jedenfalls ist
dort der feste Lohn so gut wie vollstndig abgekommen. Sein Ersatz ist
das Trinkgeld.

In der Anerkennung auergewhnlicher Dienstleistungen ist sein Ursprung
zu suchen[847], als solche hatte es nichts Demtigendes an sich. Es
bildete jedoch den Ansporn fr die profitgierigen Wirte, die
Verpflichtung der Lohnzahlung an die Bedienenden mehr und mehr von sich
auf den Gast abzuwlzen. Aus einem freiwilligen Geschenk fr besondere
Flle ist es demnach zu einer Steuer geworden, die das Publikum zu
tragen hat. Trotzdem ist es aber ein Geschenk geblieben, das der Kellner
halb bittend, halb fordernd verlangen, fr dessen Erreichung besonders
die Kellnerin sich nur zu oft demtigen und ihre Wrde preisgeben mu.
Es ist gewissermaen der uerste, krankhafte Auswuchs des Lohnsystems:
jede Arbeiterin riskiert ihre Stellung und ihr Brot, wenn sie dem, der
sie bezahlt, durch irgend etwas mifllt, die Kellnerin setzt ebenso
ihre Existenz aufs Spiel, nur da sie sich die Entlohnung ihrer Arbeit
groschenweise zusammenbetteln mu. Im allgemeinen hat der Arbeitgeber
nur ein Recht auf die Arbeitskraft seiner Angestellten, der
trinkgeldzahlende Gast erkauft sich zum mindesten die Aufmerksamkeit und
Freundlichkeit der Kellnerin, nicht nur ihre in dem Zutragen der Speisen
bestehende Arbeit, und verlangt fr jeden Groschen einen Dank. Zu dem
Herabwrdigenden einer Art Almosenempfangs tritt aber noch seine
vollstndige Unsicherheit hinzu. Eine Regelung der Ausgaben auf Grund
der Einnahmen ist fr die Kellnerin ganz ausgeschlossen. Sie wird, und
wre sie ein noch so gewissenhafter Charakter, frmlich zur
unordentlichen und leichtsinnigen Wirtschaftsfhrung dressiert, denn sie
wei von einem Tage zum anderen nicht, was sie einnehmen wird.
Auerordentlich schwer lt sich die Hhe der Trinkgelder bestimmen; die
Wirte werden stets geneigt sein, sie zu hoch, die Kellnerinnen sie zu
niedrig anzugeben. In besuchten Lokalen und in der hohen Saison mag es
vorkommen, da die abendliche Abrechnung einen Ueberschu von 6 bis 7
Mk. ergiebt; aber Einnahmen von 60 Pf. und weniger drften in nicht so
bevorzugten Pltzen weit hufiger sein. Von 1108 Berliner Kellnerinnen
hatten nur 21, also nur 2 %, ein ausreichendes Einkommen.[848] Sei es
nun aber hoch oder niedrig, es bedeutet noch immer keinen reinen Gewinn.
Die Wassermdchen, die kein Trinkgeld bekommen, und die Putzerinnen
werden meist von den Kellnerinnen bezahlt, eine Ausgabe, die bis 360 Mk.
jhrlich steigen kann; die Strafgelder bilden einen weiteren groen
Posten in ihren Ausgabebudgets, kommt es doch vor, da jeder Kellnerin
fr zerbrochenes Geschirr tglich ein fr allemal 20 Pf. angerechnet
werden, auch wenn sie nichts zerbrach. Das ganze Strafgeldersystem ist
dabei stets vom Wirt willkrlich zusammengestellt, ohne da die
Neueintretenden auch nur Kenntnis davon bekommen. Selbst fr die
Lieferung der Kostme werden den Kellnerinnen hufig 30 Pf. bis 1 Mk.
vom Wirt abgezogen.[849] Ihr Verdienst mu demnach schon ein ganz guter
sein, ehe sie fr sich einen Pfennig erwerben. Neben dem Trinkgeld
besteht ihr Einkommen besonders in norddeutschen Kneipen aus bestimmten
Prozenten der verkauften Getrnke,--ein System, das die armen Mdchen
dazu zwingt, durch mglichste Zuvorkommenheit den Gast zum Bleiben zu
verlocken.

Auf der guten Laune und dem Wohlwollen des Gastes allein beruht die
Existenz der Kellnerin. Sie ist vollstndig von ihm abhngig. Wer
begreifen will, was das bedeutet, der beobachte nur einmal das Benehmen
der Mnner in einem Wirtshaus mit weiblicher Bedienung. Besonders der
Deutsche, der sonst so gern mit seiner ritterlichen Verehrung der Frauen
prahlt, zeigt sich hier von der rohesten Seite: weil die Kellnerin auf
sein Trinkgeld angewiesen ist, gilt sie ihm nicht mehr als jede
kufliche Dirne. Da die schmutzigsten Gesprche ungeniert vor ihr
gefhrt werden, ist das geringste der Uebel; man belstigt sie aber mit
zweideutigen Redensarten, und von da bis zu Handgreiflichkeiten ist dann
nur ein Schritt. Jeder ekelhafte Geselle glaubt ein Recht mindestens auf
die Duldung seiner Zrtlichkeiten zu haben; der Widerstand der Gequlten
aber bedeutet einen Ausfall der Einnahme, oder die Entlassung. Eine
Beschwerde des Gastes beim Wirt ber die "Unfreundlichkeit" der
Kellnerin gengt, um die "dumme Gans" hinauszuwerfen. Und zwar gilt dies
ebenso fr die anstndigen Wirte, wie fr die der Animierkneipen. Hier
allerdings hat die Kellnerin in ihrer "Zuvorkommenheit" noch weiter zu
gehen. Wenn auch in den meisten Stdten Polizeiverordnungen bestehen,
die der Kellnerin verbieten, dem Gast Gesellschaft zu leisten, so steht,
bei dem Mangel an Aufsicht, dergleichen fast immer nur auf dem Papier,
und es giebt beinahe berall in dieser Art Wirtschaften sogenannte
Weinzimmer nach hinten heraus, in die das Auge des Gesetzes nur selten
dringt, und wo die Kellnerin auf ihrem absteigenden Lebenslauf die
Staffel zur Prostitution betritt. Man behauptet nun vielfach, da kein
vllig unbescholtenes Mdchen sich als Kellnerin in eine Kneipe dieser
Art verlieren wird. Thatschlich wurde konstatiert, da die meisten
Berliner Kellnerinnen in irgend einer Weise gescheiterte Existenzen
sind[850], aber, ganz abgesehen davon, da diese stets mehr
Unglcklichen als Schuldigen,--verfhrte Dienstmdchen, verlassene
Frauen und dergleichen,--fast immer noch emporsteigen knnten, statt
hier unterzugehen, kann im allgemeinen davon nicht die Rede sein. Denn
eine Herde gewissenloser Agenten ist stets auf dem Prschgang nach
flchtigem Wild, und ahnungslose Stellungsuchende werden von ihnen
solchen Kneipen nur zu oft zugefhrt. Knnen sie die Vermittlungsgebhr
nicht gleich bezahlen, so hlt allein die Notwendigkeit, diese Schuld
nach und nach abzutragen, sie bei dem Wirte fest, und dieser ist in sehr
vielen Fllen der erste, dem sie zum Opfer fallen. Wie es Fabrikanten
giebt, so giebt es Wirte, die in ihren Angestellten die Sklavinnen ihrer
Lste sehen und dann noch dem Gast gegenber Kupplerdienste
leisten.[851]

Sehr oft sieht sich die Kellnerin gentigt, auch fr Kost und Wohnung
selbst aufzukommen, obwohl der Wirt, vor allem in Sddeutschland, ihr
beides zusichert.[852] Er sorgt aber meist dafr, das die oft einzige
Entschdigung fr ihre Dienste eine ganz unzureichende ist. In
unheizbaren, schlecht zu lftenden Dachkammern, hufig zu zweien in
einem Bett, werden die Kellnerinnen untergebracht. Es kommt vor, da
eine Lftung berhaupt unmglich ist, oder da die Bettwsche nicht
einmal beim Einzug neuen Personals gewechselt wird.[853] Oft haust das
ganze Kchenpersonal mit den Kellnerinnen im gleichen engen Raum.[854]
Da ist es nicht zu verwundern, da sie, wenn es irgend geht, eine eigene
Schlafstelle suchen. Wie schwer das ist, kann derjenige beurteilen, der
wei, welch eine Mhe es berhaupt einzelnen Frauen kostet, ein
Unterkommen zu finden, und nun gar einer Kellnerin, der von vornherein
das Odium der Liederlichkeit anhaftet. Sie mu fr ihre Wohnung doppelt
und dreifach zahlen, und riskiert dabei immer, Kupplerinnen oder
hnlichem Gelichter in die Hnde zu fallen. Nicht besser als die Wohnung
ist zumeist die Kost beim Wirt: sie besteht oft in nichts anderem als in
aufgewrmten Resten, die drei bis acht Tage alt sind, oder gar von den
Gsten auf den Tellern brig gelassen, an Zwirnsfden aufgereiht und
aufs neue gekocht wurden! Der Ekel zwingt die Kellnerin nur zu hufig,
sich selbst das Essen zu besorgen.[855] Dabei hat sie nicht einmal
bestimmte Essenszeiten; sie mu es hinunterschlingen, wenn gerade wenig
zu thun ist, oft mu sie sich bis spt abends mit Kaffee, Bier oder
sonstigen Getrnken aufrecht erhalten.

Das ist die Existenz der Kellnerin: Ueberarbeit, entlohnt durch
schlechte Wohnung und Kost, im brigen fast allein begrndet auf dem
groschenweise zu erbettelnden Wohlwollen der Gste.

Und die Folgen?--Das deutsche Reichsgesundheitsamt hat auf Grund seiner
eingehenden Untersuchungen festgestellt, da die Erkrankungsgefahr und
die Krankheitsdauer der Kellnerinnen grer sind, als fr den
Durchschnitt smtlicher anderen bei den Krankenkassen versicherten
Personen; die bermig lange Arbeitszeit ist die Ursache. Es hat ferner
gefunden, da die Lungenschwindsucht besonders stark unter ihnen wtet
und sie in frhem Lebensalter dahinrafft[856]; der dauernde Aufenthalt
in schlechter Luft verbunden mit der allgemeinen Entkrftung ist ihr
Nhrboden. Den verschiedensten Erkrankungen sind sie auerdem noch
ausgesetzt: Krampfaderentzndungen, geschwollenen Fen, Bleichsucht,
Unterleibs- und Nierenleiden[857]; das andauernde Stehen und Laufen, die
unzureichende Ernhrung, als Ergnzung der starke Genu von
alkoholischen Getrnken rufen sie hervor. Das ist aber noch nicht alles:
nach dem Bericht der Ortskrankenkasse der Berliner Gastwirte machen die
Kellnerinnen weitaus die Hlfte aller Geschlechtskranken aus; in
badischen Krankenhusern setzt sich der grte Teil der syphilitisch
kranken Mdchen aus Kellnerinnen zusammen[858]; die Mnchener
Kassenrzte der Ortskrankenkasse IV, deren Mitglieder hauptschlich dem
Beherbergungs- und Erquickungsgewerbe angehren, vertreten die Ansicht,
da 80 % der Erkrankungen der Mdchen auf Geschlechtskrankheiten
zurckzufhren[859], und die Hamburger Kassenrzte gehen so weit, zu
behaupten, da von 100 Kellnerinnen 99 geschlechtlich krank sind.[860]
Diese physischen Folgen sind ein treues Spiegelbild der sittlichen
Korruption, der die Kellnerinnen rettungslos berliefert werden. Das ist
die einfache Konstatierung einer Thatsache, aber keineswegs die
Verurteilung des Kellnerinnenstandes selbst. Er hat zweifellos viele
ehrenhafte Mitglieder, um so ehrenhafter, als sie ihre Ehre im Kampfe
gegen tgliche Versuchungen gewahrt haben. Auch besteht zwischen den
Kellnerinnen der sddeutschen Kaffee- und Bierhuser und denen der
norddeutschen Kneipen ein erheblicher Unterschied in Bezug auf ihre
Sittlichkeit. Es ist aber vielfach nur ein Gradunterschied. Jede
Kellnerin, sei es wo es auch sei, ist infolge ihrer konomischen
Abhngigkeit vom Gast, ihrer sittlichen Beeinflussung durch ihn, seiner
Verfhrungskunst und ihrer eigenen natrlichen Jugendlust und
Liebessehnsucht dem ausgesetzt, was man mit dem hlichen Ausdruck
"fallen" zu bezeichnen pflegt. Und so wenig es mir in den Sinn kommt,
Liebesverhltnisse, die zwei junge warmbltige Menschenkinder ohne die
standesamtliche Bescheinigung miteinander eingehen, sittlich zu
verurteilen, so steht doch das Eine fest, da in den weitaus meisten
Fllen die Mdchen, nach kurzem Rausch, ihre armen Opfer sind. Und die
Verzweiflung, die Notwendigkeit, vielleicht ein Kind zu erhalten, die
Entwhnung von dem grauen Einerlei der Arbeit,--das alles treibt nur zu
leicht die Verlassene von Stufe zu Stufe hinab. Es ist nicht mehr ihre
Arbeitskraft, es ist ihr Krper, den sie nun zu Markte trgt.

Einen langen, den Weg haben wir durchschritten. Bald sengte die Sonne,
bald troff der Regen, bald brauste der Sturm--kein Dach, kein Baum bot
Schutz. Und immer dasselbe Bild: Millionen grauer Gestalten, alte und
junge, die durch den Staub und Schmutz dieser Lebensstrae die Last
ihrer Arbeit schleppen. Lacht ihnen einmal die Sonne, so ist es die
Fiebersonne der pontinischen Smpfe, die sie ins Verderben zieht mit
ihrem Ku. Nicht ein notwendiges Lebensbedrfnis, kein Genu, kein
Luxus, an dem nicht der Schwei dieser Scharen klebte. Aus ihrem Flei
wchst die Mue der Glcklichen, aus ihrem Hunger ihr Sattsein, aus
ihrem Leid ihre Freude.

Die Alten hielten die krperliche Arbeit fr eine Schmach; wir glauben
darber erhaben zu sein und messen ihr denselben sittlichen Wert bei,
als der geistigen. Die proletarische Frauenarbeit steht aber
thatschlich, was Bewertung und Ansehen betrifft, nicht hher als
Sklavenarbeit; die Bezeichnung "Arbeiterin" gilt nicht fr einen
Ehrentitel. Ein Fabrikmdel--eine Nhmamsell--eine Kellnerin,--welch
eine Flut von cynischer Verachtung drckt sich in diesen Worten aus! Die
schmutzigste und schwerste und niedrigste Arbeit--das ist Frauenarbeit.
Die schlechteste Wohnung, die geringste Kost, der niedrigste Lohn--das
ist der Preis dafr. Und die Schande, das ist seine Ergnzung.

Aber damit nicht genug: hinter den Frauen, die wir auf ihrem Wege
verfolgten, drngt sich ein Heer kleiner, blutleerer Gestalten: ihre
Kinder. Aus mden, alten Augen blicken schon die kleinsten in das Leben,
das ihnen Kraft und Freude, das ihnen ihr Bestes, die Mutter, nahm. Und
sie rchen sich an ihm: Krankheit und sittliche Entartung ist ihre
Gegengabe fr Hunger und Schmerz.

In dieser besten aller Welten ist Armut ein Verbrechen, das mit
lebenslnglicher Zwangsarbeit gestraft wird; und Kinder und Kindeskinder
tragen noch das Kainszeichen der Vorfahren. Wohl sind Knute und
Hetzpeitsche verschwunden, mit denen die Sklaven zur Arbeit getrieben
wurden; aber aus dem Gold, das der Arme dem Schoe der Erde entri, hat
die brgerliche Gesellschaft eine Waffe geschmiedet, die frchterlicher
ist als alle Folterwerkzeuge. Damit beherrscht und knechtet sie die
Besitzlosen und zwingt sie, mit krummem Rcken und schwieligen Hnden
immer weiter und weiter fr den Herrscher nach Gold zu graben. Vor der
Gier danach zerstoben all die Tugenden, die ihre Prediger, ihre Dichter
und Denker preisen: Gromut, Barmherzigkeit, Nchstenliebe, und die
Ehrfurcht vor allem vor denen, unter deren Herzen das Herz der kommenden
Menschheit schlgt. Mit dem Fu auf dem Nacken der Frau ragt der Kolo
der kapitalistischen Wirtschaftsordnung in das 20. Jahrhundert hinein.

Whrend die brgerliche Frau die Arbeit als die groe Befreierin sucht,
ist sie fr die Proletarierin zu einem Mittel der Knechtung geworden;
und whrend das Recht auf Arbeit eines der vornehmsten Menschenrechte
ist, ist die Verdammung zur Arbeit eine Quelle der Demoralisation. Ueber
eine Gesellschaftsordnung aber, die darauf beruht, die sich auf der
Entwrdigung der Arbeit und der Versklavung der Arbeitenden aufbaut, ist
das Todesurteil gesprochen.




7. Die Arbeiterinnenbewegung.


Als den Ausgangspunkt der brgerlichen Frauenbewegung haben wir den
Kampf um Arbeit kennen gelernt. Er war zugleich ein Kampf gegen den
Mann, weil es galt, in seine Berufssphren einzudringen. Die
proletarische Frauenbewegung setzte dagegen erst ein, als dieser Kampf
durch den massenhaften Eintritt der Arbeiterinnen in die Industrie mit
ihrem Siege geendet hatte. Die Arbeiterin hatte den Platz in Werkstatt
und Fabrik erobert, als die brgerliche Frau noch schwer um den Platz im
Hrsaal und auf dem Katheder ringen mute. Die brgerliche Gegnerschaft
gegen den Mann fand ihren Gegensatz in der proletarischen Genossenschaft
mit dem Mann.

Infolgedessen ist die Arbeiterinnenbewegung ein integrierender
Bestandteil der Arbeiterbewegung, deren nchstes Ziel ist: die Lage des
Proletariats zu verbessern, und sie bedient sich zu diesem Zweck drei
verschiedener Mittel: der politischen Partei, als desjenigen Mittels,
durch das politisch Gleichgesinnte auf Gesetzgebung und Staat Einflu zu
gewinnen suchen, der Gewerkschaften, als der dauernden Verbindungen von
Lohnarbeitern zum Zweck der Aufrechterhaltung oder Verbesserung ihrer
Arbeitsbedingungen, der Genossenschaften, als der Vereinigungen
wirtschaftlich schwacher Personen zu gemeinsamer wirtschaftlicher
Thtigkeit. Bedingung ist in allen drei Fllen die Organisation. Sie mu
daher gesetzlich gewhrleistet und gesichert sein, wenn an ein
erfolgreiches Vorgehen der Arbeiter gedacht werden kann.

Die gewerkschaftliche Organisation ist nach dem Buchstaben des Gesetzes
den weiblichen wie den mnnlichen Arbeitern nirgends untersagt. In der
Praxis aber wird sie den Frauen, und zwar vor allem der Mehrzahl der
deutschen Frauen, sehr erschwert, weil ihnen, nach einer Anzahl
deutscher Vereinsgesetze, der Eintritt in politische Vereine verboten
ist, und die Grenzlinien zwischen wirtschaftlichen und politischen
Fragen auerordentlich schwankende sind. Fr die gesamte weibliche
Arbeiterschaft kommt aber noch ein tiefgreifenderer Umstand in Betracht,
der sich ihrer Organisierung hindernd in den Weg stellt. Whrend nmlich
die Vereinigung von Mnnern und Frauen innerhalb der einzelnen Berufe
die selbstverstndliche Konsequenz ihrer gemeinsamen Arbeit sein sollte,
scheitert sie vielfach an dem alten Vorurteil der Mnner, die sich der
Aufnahme weiblicher Mitglieder widersetzen. Diese feindliche Haltung der
Mnner verschaffte der fr die weiblichen Lohnarbeiter vllig falschen,
irrefhrenden Auffassung der brgerlichen Frauenbewegung von der
Notwendigkeit des organisierten Kampfes der Frauen als Frauen um ihre
Rechte Eingang bei ihnen, und so grndeten sie zunchst
gewerkschaftliche Frauenvereine mit ausschlielich weiblichen
Mitgliedern.

In England, der Hochburg des Trade-Unionismus, entstanden schon Anfang
der siebziger Jahre eine Anzahl Frauengewerkschaften, die aber ein
schnelles Ende nahmen. Erst dem groen Organisationstalent einer
ehemaligen Setzerin, Mi Emma Smith, spter Mrs. Paterson, gelang es,
System in die ganze Bewegung zu bringen, indem sie 1874 die Women's
Protective and Provident League ins Leben rief und als das Ziel der
Vereinigung die Organisierung der Arbeiterinnen bezeichnete und
zwar in Mnnergewerkschaften, soweit sie Zulassung fnden, in
Frauengewerkschaften, soweit es sich nur um weibliche Berufe handelt,
oder die Mnner die Frauen ausschlieen.[861] Unter dem Einflu
brgerlicher Elemente wurde jedoch im Anfang der Bewegung auf die
Grndung von Frauengewerkschaften der grte Nachdruck gelegt: die
Londoner Buchbinderinnen, Tapeziererinnen, Wscherinnen und
Schneiderinnen wurden organisiert[862], aber die kleinen Vereine konnten
eine andere als eine erzieherische Bedeutung nicht erringen. Nur zwei
von ihnen bestehen noch[863], ohne an Wichtigkeit gewonnen zu haben. Im
selben Jahr versuchten Pariser Nherinnen ein Syndikat zu grnden, das
nur 100 Mitglieder erreichte und sich nach wenigen Jahren auflste.[864]
In Deutschland, wo der brgerliche Einflu hemmend gewirkt hatte, fing
man erst viel spter an, Arbeiterinnenvereine mit einem annhernd
gewerkschaftlichen Charakter ins Leben zu rufen, die aber rasch wieder
eingingen, ohne Spuren ihres Daseins zu hinterlassen. Erst ein uerer
Anla trennte mit einem scharfen Schnitt die Arbeiterinnenbewegung von
der brgerlichen Frauenbewegung und machte sie lebensfhig. 1882 kam
Grfin Guillaume-Schack nach Berlin, um fr die Ideen der englischen
Fderation zur Bekmpfung der Prostitution Propaganda zu machen. Der
Kulturbund, den sie grndete, rief aber nicht, wie sie gehofft hatte,
eine der englischen hnliche groe Bewegung zu Gunsten der Abschaffung
der staatlichen Regulierung und Beaufsichtigung der Prostitution hervor,
es entstanden nur drei Vereine rein philanthropischer Natur, die die
Erziehung verwahrloster Mdchen, die Grndung von Heimsttten und
hnliches zum Ziele hatten. Ihre Leiterinnen wandten sich auch an die
Arbeiterinnen, die anerkennen sollten, wie ntig ihre sittliche Hebung
sei. Aber die Zeiten der Abhngigkeit waren vorbei: sie wiesen die Hand
der Wohlthter zurck und erklrten, da wer der Arbeiterklasse helfen
wolle, zuerst dafr sorgen msse, ihre materielle Lage zu
verbessern. Unter dem anfeuernden Ruf einer Veteranin der Arbeit:
"Proletarierfrauen, vereinigt euch!" schlssen sich sofort 500 Frauen
und Mdchen zu einem selbstndigen Arbeiterinnenverein zusammen[865],
der an Bedeutung alle bisherigen schwachen Versuche nach dieser Richtung
bei weitem bertraf. "Verein zur Vertretung der Interessen der
Arbeiterinnen" nannte sich diese erste wichtige Organisation. Die
Regelung von Lohnstreitigkeiten, Errichtung von Arbeitsnachweisen nahm
sie in ihre Statuten auf; ein Rest brgerlicher Auffassungsweise zeigte
sich aber nicht nur in der Vereinigung ausschlielich weiblicher
Arbeiter, sondern auch in ihrer ablehnenden Stellung gegenber dem
Arbeiterinnenschutz. Sie war im wesentlichen dem Einflu der Grfin
Guillaume-Schack zuzuschreiben, die sich, zurckgestoen von der
jmmerlichen Haltung der brgerlichen Frauenbewegung, auf die Seite der
Arbeiterinnen stellte, aber selbst noch im Ideenkreis der englischen
Feministen befangen war.

Nach allen Richtungen entwickelte sich die lebhafteste Bewegung. Der von
der Regierung projektierte Nhgarnzoll, der die armen Nherinnen, die
das Garn selbst zu liefern hatten, stark belastet haben wrde, gab den
Ansto zum ersten erfolgreichen Eingreifen der Arbeiterinnen. Der junge
Verein und zwei neue, ausschlielich von Arbeiterinnen gegrndete und
geleitete, der Nordverein der Berliner Arbeiterinnen und der Fachverein
der Mntelnherinnen, gaben den Ton an; Frau Guillaume-Schack
untersttzte sie durch die von ihr gegrndete Zeitschrift "Die
Staatsbrgerin", in der die traurige Lage der Arbeiterinnen
rcksichtslos aufgedeckt wurde. Untersuchungen ihrer Lohn- und
Lebensverhltnisse durch diese Vereine frderten dann noch ein Material
zu Tage, das selbst die Verschlafensten aus ihrem Traum aufrtteln
mute. Im Anschlu daran kam es zu einer Reichstagsdebatte und endlich
zur amtlichen Untersuchung der Lohnverhltnisse der Arbeiterinnen in der
Wschefabrikation und der Konfektionsbranche, die nur besttigen und
ergnzen konnte, was jene erste private Erhebung bekundet hatte. Die
Verschrfung der Truckgesetze war die weitere Folge und zugleich das
erste Resultat der deutschen Arbeiterinnenbewegung, die sich inzwischen
durch ihr Eintreten fr den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz auch von
dem letzten Rest brgerlicher Tradition frei gemacht hatte.[866] Aber in
dem Augenblick, wo diese innere Erneuerung zu neuem krftigen Leben
fhren sollte, wurde die "Staatsbrgerin" polizeilich verboten,
smtliche Vereine, auch die auerhalb Berlins, aufgelst und ihre
Leiterinnen unter Anklage gestellt. Eine "Gefahr fr Deutschland" sahen
die Behrden in dem ersten Aufstreben der weiblichen Arbeiterschaft.
Aber eine aus den Bedrfnissen der Massen entspringende Bewegung mute
selbst der zhesten Verfolgung Hohn sprechen. Aus dem Widerstand gegen
die Verfolgungen des Sozialistengesetzes, das versucht hatte, auch die
gewerkschaftliche Bewegung zu vernichten, ging das Solidarittsgefhl
der Arbeiter und Arbeiterinnen nur neu gestrkt hervor.

Der Sieg des Sozialismus nach Jahren schrfster Unterdrckung, die
Energie, mit der die Frauen ihr Trotz geboten hatten, ihre
selbstbewuten Organisierungsversuche und die wachsende Erkenntnis, da
es einer gefrchteten Schmutzkonkurrenz nur neue Nahrung zufhren hie,
wenn man sie von den mnnlichen Berufsvereinen ausschlo, fhrten in der
Haltung der Mnner nach und nach einen Umschwung herbei. 1890 wurde in
Deutschland die Zentralkommission der Gewerkschaften Deutschlands
gegrndet, die schon durch die Aufnahme einer Frau in den Vorstand ihren
Standpunkt kennzeichnete. Sie veranlate sofort bei smtlichen
Vorstnden der Vereine, da, soweit Frauen von der Mitgliedschaft
ausgeschlossen waren, Antrge auf Statutennderung gestellt wurden, die
in den meisten Fllen zur Annahme gelangten. Unter ihrer Leitung
entwickelte sich eine rege Agitation unter den Arbeiterinnen zu Gunsten
der Gewerkschaften. Frauen, mit einem Opfermut und einer Ausdauer, wie
sie nur im Proletariat zu finden sind, reisen unermdlich im Auftrage
der Generalkommission von Ort zu Ort, allen Polizeichikanen trotzend,
denen sie in ausdehntestem Mae ausgesetzt sind; in engen, dumpfigen
Lokalen sprechen sie oft Abend fr Abend, um ihren Zuhrerinnen klar zu
machen, da sie ihre Lage nur dann verbessern knnen, wenn sie sich mit
den Genossen ihrer Arbeit zusammenschlieen und der Profitgier und der
Ausbeutungssucht des Unternehmers die Macht vereinter Krfte
gegenberstellen. Der Erfolg dieser Bemhungen, die durch massenhafte
Verbreitung von Flugblttern und Broschren noch untersttzt wird, ist
bisher noch kein groer. Aus folgender Zusammenstellung geht das
langsame Wachstum der weiblichen Organisation hervor. Die deutschen, der
Generalkommission angeschlossenen Gewerkschaften zhlten weibliche
Mitglieder:

1892:   4355
1893:   5384
1894:   5251
1895:   6697
1896:  15295
1897:  14644
1898:  13009
1899:  19280
1900:  22844

In einem Zeitraum von acht Jahren ist ihre Zahl zwar um das Fnffache
gestiegen, aber von den Industriearbeiterinnen, die hier allein in
Betracht kommen, weil die landwirtschaftlichen Arbeiterinnen und die
Dienstboten kein Koalitionsrecht besitzen, sind immerhin erst 2,30 %
organisiert und von den achtundfnfzig zentralisierten Gewerkschaften
weisen nach der letzten Zhlung nur einundzwanzig weibliche Mitglieder
auf. Sie verteilen sich auf die einzelnen Berufszweige wie folgt:[867]

                           | Zahl der   | Von 100
                           | weiblichen | Arbeiterinnen
Organisation               | Mitglieder | des
                           | 1900       | betreffenden
                           |            | Berufs sind
                           |            | organisiert
---------------------------+------------+--------------
Buchbinder                 |    3046    |     22,50
Buchdruckereihilfsarbeiter |     698    |     12,15
Fabrikarbeiter             |    2889    |      4,97
Glasarbeiter               |      33    |      1,02
Handlungsgehilfen          |      80    |\     0,10
Lagerhalter                |       9    |/
Handschuhmacher            |     105    |      6,65
Holzarbeiter               |     726    |      6,62
Hutmacher                  |     121    |      2,81
Konditoren                 |      15    |      0,76
Masseure                   |      46    |      --
Metallarbeiter             |    2693    |     11,37
Porzellanarbeiter          |     357    |      4,40
Sattler                    |      31    |      2,04
Schneider                  |     758    |      1,19
Schuhmacher                |    1916    |     20,31
Tabakarbeiter              |    3922    |\     6,58
Cigarrensortierer          |      80    |/
Tapezierer                 |      37    |     10,57
Textilarbeiter             |    5254    |      1,16
Vergolder                  |      28    |      4,45
----------------------------------------+--------------
                               22844    |      2,76

Auerhalb dieser durch die Generalkommission zusammengehaltenen
Verbnde, stehen eine ganze Anzahl sogenannter Lokalorganisationen, die
aber zumeist keine Frauen aufnehmen knnen, weil sie einen ausgesprochen
politischen Charakter haben, und einzelne gewerkschaftliche
Frauenvereine, die nur ein kmmerliches Dasein fristen. Etwas
bedeutungsvoller ist die Teilnahme der Frauen an den 1868
gegrndeten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen, die statutenmig
sozialdemokratische Arbeiter ausschlieen, und, von brgerlich-liberaler
Seite ins Leben gerufen, zum Teil auch geleitet, bis zum Jahre 1895 der
Organisation der Frauen ablehnend gegenber standen. Auf dem
Verbandstage jenes Jahres jedoch wurde eine Resolution zu Gunsten der
Frauen angenommen, und nach dem Bericht fr das Jahr 1901 sind
infolgedessen 3392 den Organisationen gewonnen worden; 1165 von ihnen
sind Textilarbeiterinnen. Als dritte Variation der Gewerkschaftsbewegung
ist die christliche anzusehen, die sich wieder in eine evangelische und
eine katholische teilt. Die evangelische entwickelte sich seit
1882, zhlt aber keine weiblichen Mitglieder. Die bestehenden
Frauenvereine sind ausschlielich religiser Art und haben keinerlei
gewerkschaftlichen Charakter. Die katholische Richtung hat ihren
Ursprung in dem Gewerkverein christlicher Bergleute, der im Jahre 1894
gegrndet wurde. Mit den Hirsch-Dunckerschen Vereinen teilt sie die
entschieden feindliche Stellung gegenber der Sozialdemokratie, betont
aber nebenbei noch die religis-christliche Gesinnung. Von Anfang an
hatte sie ein gewisses sympathisches Verstndnis fr die weiblichen
Berufsglieder, aber auf kirchlichen Anschauungen fuend, die jede
Gleichberechtigung zwischen Mann und Weib ablehnen, trat sie nicht fr
eine gemeinsame Organisation beider Geschlechter, sondern fr gesonderte
Arbeiterinnenvereine ein, die den Vereinen der mnnlichen Berufsgenossen
anzugliedern sind und als "Schutzverbnde der Arbeiterinnen" unter ihrer
Leitung und Oberaufsicht stehen, damit im Falle von Arbeitseinstellungen
trotz der Sonderung ein gemeinsames Vorgehen gesichert ist.[868] Wir
finden hier jenes Festhalten an der Tradition in seltsamer Verknpfung
mit Konzessionen an die moderne wirtschaftliche Entwicklung wieder, wie
sie alle Bestrebungen der deutschen Centrumspartei,--und um eines ihrer
Schokinder handelt es sich dabei,--aufweisen. An einer genaueren
Statistik der organisierten Frauen fehlt es leider, da in manchen
Verbnden die mnnlichen und weiblichen Mitglieder zusammengezhlt
wurden. Nur zwei Textilarbeiterinnen-Verbnde,--der eine in Aachen, der
andere in Eupen,--mit zusammen 430 Mitgliedern, werden besonders
genannt.[869] Alles in allem drften in Deutschland, von den Grndungen
der brgerlichen Frauenbewegung abgesehen, nicht mehr als 30000 Frauen
gewerkschaftlich organisiert sein.

In Oesterreich ist die Organisation der Arbeiterinnen noch
auerordentlich gering. Im Jahre 1892 wurden 4263, 1896 5761, 1899 9206
organisierte Frauen gezhlt. Die verhltnismig starke Zunahme in den
letzten drei Jahren ist auf die gesteigerte agitatorische Thtigkeit der
Arbeiterinnen selbst zurckzufhren. Sie grndeten in Wien ein
Frauenreichskomitee, an das sich in den Provinzstdten Sektionen
angliedern, und deren Hauptzweck die Organisierung der Arbeiterinnen
ist. Sie leiten eine systematische Agitation ber ganz Oesterreich und
werden zweifellos bald noch grere Erfolge aufweisen knnen. Immerhin
erfhrt auch die letzte Zhlung der Organisierten insofern eine
Einschrnkung, als von den 9206 angegebenen Vereinsmitgliedern nur 5556
wirklichen Berufsvereinen angehren. Sie verteilen sich
folgendermaen[870]:

        Organisation           | Weibliche
                               | Mitglieder
-------------------------------+------------
Baugewerbe                     |     104
Bekleidungsindustrie           |     433
Bergbau                        |     187
Chemische Industrie            |      94
Eisen- und Metallindustrie     |     105
Galanterie                     |      52
Glas- und keramische Industrie |     949
Graphische Gewerbe             |    1147
Holzindustrie                  |      36
Handel                         |      58
Nahrungs- und Genumittel      |     310
Lederindustrie                 |      76
Textilindustrie                |    1950
Verschiedene Gewerbe           |      55

Aehnlich wie in Deutschland entschlo sich in England erst 1889 der
Gewerkvereinskongre zu Dundee dazu, die Notwendigkeit der Organisation
der Arbeiterinnen grundstzlich anzuerkennen und seine Untersttzung
zuzusagen. Trotzdem entschlossen sich bisher von 1282 Gewerkvereinen nur
111 dazu, weibliche Mitglieder zuzulassen, ein eklatanter Beweis, wie
festgewurzelt die Vorurteile gerade die englische Arbeiterschaft
beherrschen, deren gewerkschaftliche Bewegung die lteste und die grte
ist. Auer diesen 111 gemischten Gewerkvereinen giebt es noch 28 Vereine
nur mit weiblichen Mitgliedern.[871] Die Gesamtzahl der Organisierten
betrug in den Jahren

1896:  117888
1897:  120254
1898:  116048
1899:  120448.

Die englischen Arbeiterinnen sind demnach in strkerem Mae an der
gewerkschaftlichen Bewegung beteiligt, als die deutschen. Der Wert
dieser hheren Zahlen verliert aber an Bedeutung, wenn wir nicht nur
das Alter der gewerkschaftlichen Bewegung in Betracht ziehen,--schon
1824 waren viele Weberinnen von Lancashire Mitglieder des Gewerkvereins
und zu Owen's Grand National strmten 1833--34 die Frauen[872],--sondern
uns auch erinnern, da der Organisation der Frauen von seiten des Staats
und der Behrden keinerlei Schwierigkeiten gemacht werden; selbst die
Landarbeiter und die Dienstboten, die in Deutschland vom Koalitionsrecht
so gut wie ausgeschlossen sind, knnen sich zu Gewerkvereinen
zusammenthun. Im Verhltnis zu smtlichen Arbeiterinnen ist die Zahl der
Organisierten demnach sehr gering, sie betrgt nur 0,39%, im Verhltnis
allein zu den Industriearbeiterinnen betrgt sie dagegen 8,22%. Was die
Beteiligung der Arbeiterinnen je nach den Berufen an der Organisation
betrifft, so stellt sie sich folgendermaen dar:

                             | Anzahl der  |Anzahl der|Von 100
                             |Gewerkvereine|Mitglieder|Arbeiterinnen
                             |             |          |sind organi-
                             |             |          |siert
-----------------------------+-------------+----------+-------------
Textilindustrie:             |      88     |  109 076 |    19,70
Schuh- und Stiefelproduktion:|       2     |      618 |     1,42
Bekleidungsindustrie:        |      11     |    1 128 |     0,26
Hut- und Mtzenindustrie:    |       2     |    2 330 |    14,21
Druckerei, Papierfabrikation |             |          |
  u. hnl.:                  |       7     |      763 |     1,51
Tabakindustrie:              |       4     |    2 403 |    19,11
Andere Industrien:           |      25     |    4 130 |     1,33
-----------------------------+-------------+----------+-------------
                             |     139     |  120 448 |     8,22

Wir sehen aus vorstehender Tabelle, da gegenber der starken
Organisation der Textilarbeiterinnen,--sie machen fast 91 % aller
Organisierten aus,--smtliche andere fast verschwinden. Auerordentlich
gering ist die Zahl der Organisierten in der Bekleidungsindustrie. Hier
finden wir auch unter 9 Gewerkvereinen fnf mit nur weiblichen
Mitgliedern, deren kleinster 18 und deren grter 120 Mitglieder hat.
Von den Landarbeiterinnen, von denen 1898 noch 14 Frauen zwei
landwirtschaftlichen Vereinen angehrten und den Dienstboten, die 1897
noch einen Verein mit 122 Mitgliedern besaen, ist heute keine einzige
mehr organisiert.

In Frankreich ist die Organisierung der Arbeiterinnen sehr spt
ernsthaft in Angriff genommen worden; ihre mnnlichen Berufsgenossen
berlieen sie gedankenlos sich selbst oder der Obhut kirchlicher
Vereinigungen. Auch eine, berdies sehr mangelhafte Statistik der
Arbeiterinnen in den Syndikaten giebt es erst fr das Jahr 1900.[873]
Dabei stellte es sich heraus, da 42984 Frauen Syndikaten als Mitglieder
angehren. Da aber darunter auch die Mitglieder der Arbeitgeber-Verbnde
und diejenigen, die Vereinen von Unternehmern und Arbeitern angehren,
verstanden werden, so ist es fr unsere Zwecke notwendig, sie
auszuscheiden. Denn als Gewerkschaften sind nur Arbeiterorganisationen
anzuerkennen. Dies vorausgesetzt, bleiben 30975 weibliche
Gewerkschaftsmitglieder in 254 Gewerkschaften brig; von diesen sind 17
nur Frauengewerkschaften. Nach der Zahl der in den verschiedenen Berufen
Organisierten ist ihre Zusammensetzung folgende[874]:

Berufsarten          | Zahl der
                     | Mitglieder
---------------------+-----------
Tabakindustrie       |  10194
Textilindustrie      |   6802
Handelsgewerbe       |   4376
Eisenbahnangestellte |   1611
Bekleidung           |   1597
Grtnerei, Obstzucht |   1000
Lederbearbeitung     |    746
---------------------+-----------
                     |  26326

Der Rest besteht aus den Mitgliedern der verschiedenartigsten, z.T.
winzigen Gewerkschaften, deren hufig auerordentlich geringer Umfang
ein Charakteristikum des franzsischen, jeder Zentralisierung
entbehrenden Gewerkschaftswesens ist. Die Frauengewerkschaften sind
folgende:

Berufsarten          | Zahl der | Zahl der
                     | Gewerk-  | Mitglieder
                     | schaften |
---------------------+----------+------------
Tabakarbeiterinnen   |     4    |    1760
Federnschmckerinnen |     1    |     300
Dienstboten          |     2    |     220
Typographen          |     1    |     210
Wscherinnen         |     1    |     100
Stenographen         |     2    |      94
Kravattennherinnen  |     1    |      89
Schneiderinnen       |     3    |      62
Blumenmacherinnen    |     1    |      53
Stickerinnen         |     1    |      36
Korsettnherinnen    |     1    |      30
---------------------+----------+------------
                     |    18    |    2954

Auch hier handelt es sich, wie wir sehen, um ganz unbedeutende Vereine,
die nur mhsam ihr Leben fristen, meist mit Untersttzung der Damen der
brgerlichen Frauenbewegung, denen einige auch ihre Grndung verdanken.
Da die franzsischen Arbeiterinnen sich ungehindert zu Vereinen mit den
Mnnern und allein verbinden knnen, so ist das Ergebnis in jeder
Beziehung ein klgliches: von 3-1/2 Millionen kaum 31000 organisiert!

Ueber die Beteiligung der Frauen an den Gewerkschaften der Vereinigten
Staaten ist wenig in Erfahrung zu bringen. Der erste groe
Arbeiterverband auf gewerkschaftlicher Grundlage, die Knights of Labour,
der 1870 ins Leben trat, nahm nach zehnjhrigem Bestehen weibliche
Mitglieder auf, und stellte sie den mnnlichen nicht nur vllig gleich,
er erffnete auch durch Aussendung weiblicher Agitatoren eine
wirkungsvolle Propaganda unter den Arbeiterinnen.[875] Schon nach
wenigen Jahren zhlte allein der Zweigverein von Massachusetts 6000
weibliche Mitglieder.[876] Dem Einflsse der Knights of Labour ist es
wohl auch zuzuschreiben, da die Gewerkschaften sich den Frauen
gegenber niemals ablehnend verhielten. So wurden sie von Anfang an in
den groen Unionen der Typographen und der Cigarrenarbeiter zugelassen
und nur sehr selten kommt es daher vor, da sie selbstndige
Frauenvereine grnden.[877] Wo es geschieht, ist es meist nur das
Resultat brgerlichen Einflusses. Vielfach haben die in den einzelnen
Gewerben organisierten Frauen stdtische Ausschsse gegrndet, in denen
jedes Gewerbe durch Delegierte vertreten ist und die speziellen
Fraueninteressen beraten werden. Auch ein allgemeiner amerikanischer
Arbeitsverband der Frauen besteht, der den Zweck verfolgt, die
Interessen der Arbeiterinnen und der Kinder zu vertreten und Klagen ber
Arbeitsverhltnisse zu untersuchen. Trotz der gnstigen Lage aber, in
der die amerikanischen Arbeiterinnen in Bezug auf die Mglichkeit
gewerkschaftlichen Zusammenschlusses sich befinden, sind sie nur in sehr
geringem Mae organisiert.[878] Die bestndige Einwanderung niedrig
stehender Volkselemente, die die Sprache des Landes nicht kennen, die
schlechtesten Arbeitsbedingungen ruhig acceptieren, und aus denen sich
ein groer Teil der weiblichen Arbeiterschaft rekrutiert, sind die
wesentliche Ursache hiervon.

Das Mittel der Selbsthilfe durch die gewerkschaftliche Organisation
scheint nach alledem bei den Frauen fast ganz versagt zu haben. Weil dem
berall so ist, mssen die Grnde dafr auch berall die gleichen sein.
Wir haben sie zunchst in dem Widerstand der Mnner und in der Jugend
der gewerkschaftlichen Bewegung gefunden. Ein Beweis dafr ist der
verhltnismig hohe Prozentsatz der englischen organisierten
Textilarbeiterinnen: hier war der mnnliche Widerstand schon Anfang des
19. Jahrhunderts gebrochen; fast hundert Jahre ist demnach auch die
Bewegung hier alt. Aber diese Grnde knnen unmglich die einzigen
sein, schon weil das spte Erwachen gewerkschaftlicher Interessen auf
selten der Frauen selbst der Begrndung bedarf. Ein Blick auf die
gewerkschaftliche Bewegung der Mnner dient schon zur Erklrung: teils
ist sie eine moderne Fortsetzung der alten Gesellenverbnde und
hnlicher Vereinigungen, an denen Frauen fast niemals teilnahmen, teils
ist sie den Bedrfnissen der in der Groindustrie zusammengedrngten
Arbeiter entsprungen. So stark nun auch das Vordringen der Frauen in der
Groindustrie sein mag, sie stehen bei weitem hinter den Mnnern zurck,
und nehmen eine beherrschende Stellung nur in wenigen Industrien ein. Wo
sie es thun, wie in der Textilindustrie, in der franzsischen
Tabakindustrie, die infolge des Staatsmonopols die Hausindustrie auf
diesem Gebiet fast ganz verdrngt hat, sind sie, wie wir gesehen haben,
gewerkschaftlich am zahlreichsten organisiert. Und am schlechtesten ist
es da um die Organisation bestellt, wo die Hausindustrie vorherrscht,
z.B. in allen Bekleidungsgewerben und wo die Arbeiterin vereinzelt
arbeitet, wie im huslichen Dienst, und zum Teil in der Landwirtschaft.
Nicht nur, da die Arbeiterin hier abgeschnitten ist von dem Einflu
sozialer Bewegungen, da sie als Heimarbeiterin oder als Dienstmdchen
schwer zu dem Bewutsein solidarischer Verbindung mit ihren
Arbeitsgenossen gelangt, sie lebt auch--und das ist ein Moment, das nie
gengend hervorgehoben wird--in fast vlliger Abgeschlossenheit von dem
mnnlichen Arbeiter, dem Hauptvermittler politischer und
gewerkschaftlicher Aufklrung. Je mehr nun die Tendenz dahin geht, in
der Industriearbeit eine Geschlechtstrennung vorzunehmen, desto schwerer
wird dieser Umstand ins Gewicht fallen, denn infolge der Stellung der
Frau im wirtschaftlichen und sozialen Leben ist sie bei weitem nicht so
organisationsfhig als der Mann. Die Arbeit ist fr ihn der einzige
Beruf; die Frau ist zwar gezwungen, mit ihm um die Wette atemlos dem
Erwerbe nachzujagen, aber sie hat nebenbei noch so viele Wege zu machen,
da sie nicht nur hinter ihm zurckbleibt und frh erlahmt, sondern auch
nicht die mindeste Zeit hat, ber ihre Lage und die Bedingungen ihrer
Arbeit irgendwie nachzudenken. Sie ist nicht nur Arbeiterin geworden,
sie blieb Hausfrau. Sie ist aber auch Mutter. Whrend der Mann sich in
Versammlungen aufklrt, sich mit seinen Kameraden verstndigt, Bcher
und Zeitungen liest, hat sie zu kochen, zu nhen, zu flicken, Kinder zu
pflegen, zu erziehen und zu beaufsichtigen; und um der Kinder willen
wird sie sogar hufig zu einer heftigen Gegnerin der Gewerkschaft, die
Beitrge von ihr fordert, die sie so notwendig fr die Befriedigung
ihrer Bedrfnisse braucht, die sie sogar zur Arbeitseinstellung ntigen
kann. Und ebenso wie sie die alte Hausfrauenthtigkeit in ihr modernes
Erwerbsleben mit hinbernahm, so hat sie auch alte Trume und
Traditionen nicht abzuschtteln vermocht. Fast jedes junge Mdchen
erwartet die Ehe wie etwas, das ihr ganzes Leben ausfllen und in
Anspruch nehmen wird. Die junge Arbeiterin bildet darin keine Ausnahme:
ihre Arbeit ist fr sie kein Lebensberuf, sondern nur die
Durchgangsstation zu dem eigentlichen Beruf, der Ehe. Infolgedessen hat
sie kein Interesse an der Gewerkschaft und giebt das Geld, das in den
Beitrgen angelegt werden mte, lieber fr ein wenig Putz und Tand aus,
um ihre Person vor dem Erlser, den Mann, mglichst verfhrerisch zu
gestalten. Damit sind die Schwierigkeiten, die der Organisierung der
Frauen entgegenstehen, aber noch nicht erschpft.

Wir haben gesehen, da die Frauen infolge ihrer schlechten Ausbildung
und ihrer krperlichen Veranlagung sehr hufig nach Qualitt oder
Quantitt geringwertigere Arbeit leisten. Die Gewerkschaft verlangt aber
von ihren Mitgliedern Einhaltung der Gewerkschaftsbedingungen, z.B. des
Lohntarifs, der jedoch wieder seinerseits eine gewisse Hhe der
Leistungsfhigkeit voraussetzt. So entschlo sich der Verein Londoner
Setzer, Frauen zu gleichen Bedingungen aufzunehmen wie Mnner,
infolgedessen hat er nur ein einziges weibliches Mitglied, weil die
anderen nicht im stande sind, diese Bedingungen zu erfllen. Ebenso
erklrten die franzsischen Typographen, Frauen aufnehmen zu wollen,
wenn sie den Lohntarif acceptierten,--es fand sich keine einzige, die
das vermochte, teils weil ihre Leistungen nicht dem entsprechen, teils
weil die Unternehmer in der Frauenarbeit nur die billige Arbeit suchen.
Wenn daher manche Gewerkvereine sich den Frauen verschlieen, wie der
der englischen Brstenmacher, der Perlmutterknopfarbeiter oder der
Kettenaufbumer und Zwirner, so geschieht es in der Annahme, da der
Eintritt der Frauen ein Herunterdrcken der Gewerkschaftsbedingungen
notwendig nach sich ziehen msse.[879] Wie berechtigt das ist, sehen
wir daran, da die Lohnstze der Industrien mit starker
Frauenbeteiligung sich nach den Frauenlhnen und nicht nach den
Mnnerlhnen zu regeln pflegen.

Mit welchen Mitteln sind diese Schwierigkeiten zu besiegen, ist
berhaupt Aussicht vorhanden, da unter den herrschenden
wirtschaftlichen Verhltnissen eine nennenswerte Organisation der
Arbeiterinnen sich wird ermglichen lassen? Das sind die Fragen, die uns
zunchst aufstoen. Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung hilft sie
beantworten. Die Entwicklung zur Groindustrie war die Grundlage, auf
der die Organisationen der Mnner entstehen und erstarken konnten. Die
Frauen stehen aber heute im Erwerbsleben etwa auf dem Standpunkt, den
die Mnner vor hundert Jahren einnahmen. Die Frauenarbeit zu einer
wesentlich groindustriellen zu gestalten, die Heimarbeit in jeder Form
zu unterdrcken, ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen zur
Organisierung der Arbeiterinnen.

Was aber ferner die mnnlichen Arbeiter antreibt, sich zur Erkmpfung
besserer Arbeitsbedingungen zusammen zu scharen, ist der Umstand, da
ihr Beruf die einzige Grundlage ihrer Existenz bildet, deren schlechtere
oder bessere Gestaltung allein von ihm abhngt. Will man die Frau
organisationsfhig machen, so gilt es, ihre Selbstndigkeit im
Erwerbsleben sowohl in rechtlicher wie in sozialer Hinsicht zu frdern.
Unterdrckung der Heimarbeit ist auch hier das Losungswort, denn sie
untersttzt die Unselbstndigkeit, indem sie den Frauen ermglicht, als
Haustchter und Hausfrauen einem Nebenerwerb nachzugehen. Die geringere
Leistungsfhigkeit der Frau ist ein weiteres ernstes Hindernis ihrer
Organisierung. Da gilt es denn nicht nur ihre Arbeitskraft durch
ausreichende Vorbildung zu einer mglichst vollkommenen zu gestalten,
sondern Mittel und Wege zu finden, um die auch dann noch zurckbleibende
Differenz zwischen der ihrigen und der des Mannes mglichst
auszugleichen. Englische Arbeiterinnen haben dieser Schwierigkeit
gegenber hufig die Ansicht vertreten, da fr Frauen besondere
Lohntarife aufgestellt werden sollten, ein Ausweg, der auf die Irrwege
der Nur-Frauengewerkschaften fhren wrde. Annehmbarer schon erscheint
die Vereinbarung der Strumpfwirkergewerkschaft, wonach die Frauen die
leichten Maschinen, die Mnner die schweren zu bedienen htten, und jede
Konkurrenz dadurch im Keime erstickt wrde. Es liegt aber zugleich eine
Ungerechtigkeit in diesem Beschlu, da die Arbeit an den leichten
Sthlen geringer entlohnt wird und auch solche Frauen zu ihr gezwungen
sind, die ber ausreichende Krfte zur Bedienung der schweren verfgen.
Am richtigsten verfuhren die Weber von Lancashire, die eine feste, fr
Mnner und Frauen gleichmig gltige Stcklohnpreisliste aufstellten.
Infolgedessen trat allerdings nach und nach von selbst eine Sonderung
der Geschlechter ein, indem die Frauen an den schmalen, die Mnner an
den breiten Sthlen arbeiteten. Die Bewerber um die Arbeit scheiden sich
aber nicht nach dem Geschlecht, sondern nach der Strke und der
Geschicklichkeit; eine starke Frau kann daher ebenso einen breiten, wie
ein schwacher Mann einen schmalen Stuhl zu bedienen haben.[880] Die
Aufstellung fester Lohntarife in allen Gewerkschaften wird daher die
schdigende Wirkung weiblicher Mitgliedschaft erst aufheben und den
Eintritt der Frauen ermglichen knnen.

Die gewerkschaftliche Entwicklung hat ferner gezeigt, da die gut
bezahlten Arbeiter sich am raschesten und entschiedensten organisieren,
whrend die sozial tiefstehenden, geistig rckstndigen diejenigen sind,
die durch vlligen Mangel an Solidarittsgefhl vereinzelt bleiben und
jeder fr sich versuchen, dem Hherstehenden Schmutzkonkurrenz zu
machen. Auf dem Standpunkt der sozial tiefstehenden, schlecht entlohnten
Arbeiter stehen aber die Frauen. Ihre demtig-stumpfsinnige
Bedrfnislosigkeit, die sie nicht weiter sehen lt, als ber den engen
Horizont ihrer eigenen vier Wnde und der Befriedigung des rein
physischen Hungers, mit allen Mitteln zu bekmpfen, gehrt zu den
weiteren wichtigen Aufgaben der gewerkschaftlichen Bewegung. Um sie aber
aufzuklren, mu zunchst die Mglichkeit gegeben sein, da diese
Aufklrung sie berhaupt erreicht, d.h. sie mssen Zeit haben, um
Versammlungen zu besuchen, Zeitungen und Bcher zu lesen. Die
Entlastung der erwerbsthtigen Frau von der huslichen Arbeit, die
Verkrzung ihrer Arbeitszeit im Beruf, erweist sich daher als unbedingte
Notwendigkeit, wenn eine Einbeziehung der weiblichen Arbeiter in die
Gewerkschaften erreicht werden soll. Vor allem aber mu auch die
Mglichkeit dazu durch ein gesichertes Koalitionsrecht ihnen gegeben
sein.

Der zweite Weg der Selbsthilfe, den die Lohnarbeiter nchst dem der
Gewerkschaft beschreiten knnen, ist der der Genossenschaft. In dem
einen Fall ist die Erhhung des Einkommens eines der wichtigsten Ziele,
in dem anderen die billigere Beschaffung der Lebens- und
Wirtschaftsbedrfnisse. Unter den vielen Arten der Genossenschaften
kommen fr die Arbeiter die Konsum- und Baugenossenschaften in
erster Linie in Betracht. Es waren ja auch Arbeiter,--arme
englische Weber,--die die Bahnbrecher der groen englischen
Genossenschaftsbewegung gewesen sind. Eine irgendwie hervortretende,
oder gar fhrende Rolle haben die Frauen nicht darin gespielt, obwohl
sie als Konsumenten, als Hausfrauen, wesentlich daran interessiert sein
sollten. Erst 1883 wurde in England ein Verein weiblicher
Genossenschafter gegrndet, dessen Zweige mit den Konsumvereinen in
Verbindung stehen, und der lediglich den Zweck hat, die Frauen fr die
Genossenschaften zu interessieren. Es ist ihm gelungen, 284 Zweigvereine
ins Leben zu rufen, die 13000 Mitglieder haben. Auch in Frankreich, wo
die Bewegung erfreuliche Fortschritte macht, sind einige kleine Vereine
hnlicher Art entstanden; in Deutschland existiert nicht nur nichts
dergleichen, auch die Teilnahme der Frauen an den Genossenschaften
selbst ist eine uerst matte. Lassalles Ansicht, da die Konsumvereine
eine Lohnherabsetzung zur Folge haben wrden, spukt, obwohl sie lngst
durch die Praxis widerlegt wurde, wohl noch in den Kpfen, vor allem
aber zeigt sich auch hier, was wir bei der Gewerkschaftsbewegung gesehen
haben, da sozial tiefstehende, schlecht entlohnte Arbeiter fr sie
nicht zu haben sind, und da deshalb die Frauen im groen und ganzen ihr
fern bleiben und ihr verstndnislos und mitrauisch gegenberstehen. Nur
wo sie durch hheren Lohn und krzere Arbeitszeit eine gewisse soziale
Hhe erreicht haben, werden sie im stande sein, auch diesen Weg der
Selbsthilfe zu beschreiten.

Wir sehen also, da zwei der wichtigsten Ziele der Organisierung
zugleich ihre Mittel sind. Als Mittel aber fallen sie fr die Frauen
weit entscheidender ins Gewicht als fr die Mnner, weil die weibliche
Arbeit noch im Anfangsstadium ihrer Entwicklung steht und durch tief
eingreifende, mit dem mtterlichen und dem huslichen Beruf der Frau
zusammenhngende Hindernisse gehemmt wird. Infolgedessen kann eine bloe
gewerkschaftliche Agitation und Aufklrung bei den Frauen nicht
annhernd den Erfolg haben, wie bei den Mnnern, es mssen ihr vielmehr
gesetzliche Reformen vorausgehen und zu Hilfe kommen. Die Weberinnen von
Lancashire waren vor dem Schutzgesetz ebenso ausgebeutet und
organisationsunfhig, wie heute die Mehrzahl der Arbeiterinnen. Erst
nachdem ihnen durch das Gesetz untersagt wurde, auf schlechte
Arbeitsbedingungen einzugehen, begannen sie, den Gewerkschaften und
Genossenschaften beizutreten.[881]

Die Erkenntnis der Notwendigkeit gesetzlicher Reformen zwang die
politisch rechtlosen Frauen dazu, sich nach einer Vertretung ihrer
Interessen umzusehen, die sie dort fanden, wo ihre mnnlichen
Arbeitsgenossen sie gefunden hatten: im Sozialismus und seinem
praktisch-politischen Ausdruck, der Sozialdemokratie. Solange der
Arbeiter mit all seinen Ideen und Instinkten der brgerlichen
Begriffswelt angehrt hatte und berzeugt gewesen war, da alle
Erscheinungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens von auen
willkrlich gemacht werden, konnte er des Glaubens sein, da die
Frauenarbeit sich einfach wieder aus der Welt schaffen liee; dem
modernen wissenschaftlichen Sozialismus, wie Marx und Engels ihn
begrndeten, blieb es vorbehalten, die konomischen Ursachen und
Zusammenhnge alles Geschehens aufzudecken, und festzustellen, da auch
die Frauenarbeit ein notwendiges Ergebnis der herrschenden
kapitalistischen Produktionsweise ist, man sich daher mit ihr als mit
einer gegebenen Thatsache abzufinden hat und es sich nur darum handelt,
"die Stellung der Weiber als bloer Produktionsinstrumente
aufzuheben"[882], d.h. sie ebenso wie den Arbeiter nicht von der Arbeit,
sondern von der Lohnsklaverei zu befreien. Vom Standpunkt des
Sozialismus aus haben die Frauen den Kampf um ihre Interessen nicht mehr
als Geschlechtsgenossinnen zu fhren, sondern als Genossinnen der
unterdrckten und beherrschten Arbeiterklasse, mit der sie sich
solidarisch fhlen mssen, weil sie unter den gleichen Arbeits- und
Existenzbedingungen leiden und im Kampf um die Befreiung aufeinander
angewiesen sind. An alle Arbeiter, ohne Unterschied des Geschlechts,
ergeht der Ruf, mit dem das kommunistische Manifest schliet:
Proletarier aller Lnder, vereinigt euch! Es war der erste klare
Ausdruck der modernen sozialen Entwicklung, die zwischen den Interessen
der brgerlichen Gesellschaft und dem des Proletariats eine ungeheuere
Kluft gegraben hat, es war aber auch die erste ffentliche
Mndigkeitserklrung der Frau, die durch Arbeit und Not mndig geworden
war.

In den Programmen der sozialdemokratischen Parteien aller Lnder nimmt
die Emanzipation der Frau daher einen breiten Raum ein, und in den
Parteiorganisationen ist ihnen, soweit die Gesetze es zulassen, volle
Gleichberechtigung eingerumt worden. Sie haben Sitz und Stimme in den
Kongressen, sie sind Mitglieder der Vorstnde, sie teilen sich mit den
Mnnern auch in die politische Agitation und haben infolgedessen einen
weitgehenden Einflu auf die Haltung der Partei gewonnen.

Der deutschen Arbeiterinnenbewegung gebhrt der Ruhm, sich zuerst und
mit aller Entschiedenheit der Sozialdemokratie angeschlossen zu haben.
Da es in so unzweideutiger Weise geschah, war nicht zum wenigsten den
polizeilichen Verfolgungen und Vereinsauflsungen zu verdanken, die, wie
wir gesehen haben, die ersten, zunchst rein wirtschaftlichen
Bestrebungen der Arbeiterinnen gewaltsam zu unterdrcken suchten. Die
Frauen sahen sich gradezu gezwungen, da sie keine Vereine mehr hatten
und selbst ffentliche Frauenversammlungen verboten wurden, an der
allgemeinen Arbeiterbewegung teil zu nehmen. Sie fanden hier ihre
natrlichen Bundesgenossen. Schon 1869, auf dem Arbeiterkongre in
Eisenach, kam es zu einer lngeren Errterung der Frauenarbeit, und die
damals noch allgemein herrschende Feindschaft der Mnner gegen die
weiblichen Konkurrenten uerte sich in einem Antrag, der die
Abschaffung der Frauenarbeit zum Programmpunkt der Partei machen
wollte. Er wurde jedoch mit der Begrndung abgelehnt, da das Ziel, das
er im Auge habe, nicht erreicht werden knne, und jede Unterdrckung der
Frauenarbeit die auf den Erwerb angewiesenen Frauen nur scharenweise der
Prostitution in die Arme treiben wrde. Die gefhrliche Konkurrenz der
Frauen aber liee sich beseitigen: durch ihre Organisation mit den
Mnnern, durch die Erweckung des Klassenbewutseins in ihnen und die
Erhebung des Weibes zur gleichstehenden Genossin. Diesen Grundstzen ist
die Partei treu geblieben; ihre Befestigung aber und ihr Ausbau ist
wesentlich der Teilnahme der Frauen an ihrer Thtigkeit und ihrer
Entwicklung zu verdanken.

Die ersten Arbeiterinnenvereine, die noch in vlliger Unkenntnis der
Handhabung der Gesetze ihnen gegenber sich ziemlich eng an die Partei
anschlossen, entstanden Anfang der siebziger Jahre. Ihre Mitglieder
waren zugleich die ersten Frauen Deutschlands, die sich 1874 an der
Wahlbewegung durch unermdliche, opferfreudige Agitation beteiligten.
Die Behrden beantworteten ihr Vorgehen mit der Auflsung smtlicher
Vereine, die sozialdemokratische Partei, die ihre wachsende Strke auch
ihnen zu verdanken hatte, mit dem ersten ausfhrlichen Antrag zur
Abnderung der Gewerbeordnung, den sie 1877 im Reichstag einbrachte, und
der zur Hebung der Lage der Arbeiterinnen Beschrnkung der Arbeitszeit,
Schutz der Wchnerinnen und Schwangeren, Verbot der Nachtarbeit, der
Arbeit unter Tage, auf Hochbauten und an im Gange befindlichen Maschinen
forderte.[883] Die sozialdemokratischen Frauen erweiterten diese
Vorschlge, indem sie die zuerst von ihnen allein aufrecht erhaltene
Forderung der Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren erhoben. Die
Reichstagsfraktion ihrer Partei machte sie zu der ihren und verlangte
demgem 1884 die Hinzuziehung weiblicher Beamten zur Gewerbeaufsicht.
Das Wahlrecht zu den Gewerbegerichten war ein ferneres Ziel der
Arbeiterinnenbewegung. Als im Jahre 1890 die Regierung einen
Gesetzentwurf zur Abnderung der Gewerbeordnung dem Reichstag vorlegte,
stellte die sozialdemokratische Partei ihm einen anderen gegenber, der
fr die Frauen das Wahlrecht zu den von ihr geplanten Arbeitskammern in
Aussicht nahm. Nach der Ablehnung ihres Entwurfs beantragte sie noch in
derselben Session, da den Arbeiterinnen das aktive und das passive
Wahlrecht zu den Gewerbegerichten zuerkannt werde.

Eines der bedeutsamsten Ereignisse aber, das geeignet war, den
sozialistischen Charakter der deutschen Arbeiterinnenbewegung zu
befestigen, war das Erscheinen von August Bebels Buch "Die Frau und der
Sozialismus". An der Hand der Entwicklungsgeschichte und der Statistik
wurde hier zum erstenmal der notwendige Zusammenhang der Frauenfrage mit
der sozialen Frage dargestellt und bewiesen, da erst die
wirtschaftliche Befreiung der Frau ihre Emanzipation vollenden knne.
Die Wirkung dieses Buchs ging bald ber Deutschlands Grenzen weit hinaus
und hat nicht nur die Frauenfrage in ein neues Licht gerckt, sondern
allmhlich die Ansichten ber ihre Lsung von Grund aus umwandeln
helfen.

Die durch alle diese Einflsse immer mehr erstarkende
Arbeiterinnenbewegung bedurfte nun auch einer Organisation, da sie an
dem politischen Vereinsleben der Mnner infolge der gesetzlichen
Beschrnkungen nicht teilnehmen konnte. So wurden 1891 allerorten
sogenannte Agitationskommissionen gegrndet, deren Aufgabe es war, die
Agitation unter dem weiblichen Proletariat zu einer einheitlichen und
planmigen zu gestalten. In der "Arbeiterin" erstand im selben Jahre
der Bewegung ein Organ, das zuerst von Frau Emma Ihrer geleitet wurde
und spter unter dem Titel "Die Gleichheit" in die Hnde von Frau Klara
Zetkin berging. Der steigende Einflu der Frauen drckte sich in den
Beschlssen des Erfurter Parteitags aus. In dem Programm, das er
aufstellte, und das bis jetzt die Richtschnur der Partei geblieben ist,
wurde die Frauenfrage eingehend behandelt. Neben die alten Forderungen
fr den Arbeiterinnenschutz traten die neuen der Abschaffung aller
Gesetze, welche die Frau in ffentlich-und privatrechtlicher Beziehung
gegenber dem Manne benachteiligen und die freie Meinungsuerung und
das Recht der Vereinigung und Versammlung einschrnken oder
unterdrcken, der rechtlichen Gleichstellung der landwirtschaftlichen
Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern, der
Abschaffung der Gesindeordnungen. Gleichsam ein Echo dieser Beschlsse
war es, wenn im selben Jahre seitens der Behrden eine wahre Razzia
unter den neu entstandenen Arbeiterinnenvereinen abgehalten wurde; in
Frankfurt und in Halle wurden sie zuerst aufgelst. Das war jedoch nur
ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte. Die Arbeiterinnenbewegung,
die ganz dazu angethan war, revolutionierende Ideen bis in den Scho der
Familie zu tragen, war den Behrden ein Dorn im Auge. Sie sahen, wie die
Frauen mehr und mehr allen politischen Tagesfragen gegenber Stellung
nahmen, wie sie 1893 bei Gelegenheit der Neuwahlen, die unter dem
Zeichen der Militrvorlage standen, eine fast fieberhafte Thtigkeit
entfalteten. Jeder Arbeiterinnenverein erschien ihnen verdchtig, am
verdchtigsten aber die Agitationskommissionen. Im Jahre 1895 wurden sie
und smtliche Vereine aufgelst, ihre Leiterinnen unter Anklage gestellt
und bestraft. Die Antwort auf diese neue Verfolgung war eine ber ganz
Deutschland sich erstreckende Agitation fr die Reform des Vereins- und
Versammlungsrechts, das fr die Frauen, soweit sie sozialistischer
Gesinnung verdchtig sind, nichts als ein groes Unrecht ist. Die
politischen Vertreter der Partei waren auch jetzt die Vertreter der
Arbeiterinnen, indem sie im Reichstag die volle Koalitionsfreiheit fr
die Frauen forderten.

Um die Arbeiterinnenbewegung nicht vllig dem Zufall zu berlassen, kam
man nach der Vernichtung der Agitationskommissionen zu dem Ausweg,
weibliche Vertrauenspersonen zu whlen, die nunmehr die Leitung und das
systematische Vorgehen bei der Agitation in Hnden haben. Es stehen
ihnen eine Anzahl weiblicher Agitatoren, zumeist aus den Kreisen der
Arbeiterinnen selbst zur Verfgung, die mit groer Ausdauer fast stndig
auf Reisen sind, um bis in die fernsten und kleinsten Winkel des Reichs
die Ideen des Sozialismus zu tragen. Der im Kampf ums Dasein abgehrtete
Krper, der von einer oft wahrhaft apostolischen Begeisterung fr ihre
Sache erfllte Geist hebt sie ber alle Chikanen und Verfolgungen der
Behrden, ber alle Gehssigkeit und alle Verachtung der brgerlichen
Gesellschaft hinweg. Weniger als frher haben ihre Reden allgemeine
politische Tagesfragen zum Inhalt. In der richtigen Erkenntnis, da es
gilt, alle Krfte auf bestimmte Punkte zu konzentrieren, wenn etwas
erreicht werden soll, haben die Parteitage zu Hannover 1899 und der zu
Mainz 1900 der Frauenagitation den Weg vorgeschrieben. Die
Arbeiterinnenbewegung hat sich dabei als nchste Aufgabe den
Arbeiterinnenschutz zum Inhalt gegeben. Die in Hannover aufgestellten
Forderungen sind im Hinblick hierauf die folgenden[884]:

1) Absolutes Verbot der Nachtarbeit fr Frauen. 2) Verbot der Verwendung
von Frauen bei allen Beschftigungsarten, welche dem weiblichen
Organismus besonders schdlich sind. 3) Einfhrung des gesetzlichen
Achtstundentages fr die Arbeiterinnen. 4) Freigabe des
Sonnabendnachmittags fr die Arbeiterinnen. 5) Ausdehnung der
Schutzbestimmungen fr Schwangere und Wchnerinnen auf mindestens einen
Monat vor und zwei Monate nach der Entbindung; Beseitigung der
Ausnahmebewilligungen von diesen Bestimmungen auf Grund eines rztlichen
Zeugnisses. 6) Ausdehnung der gesetzlichen Schutzbestimmungen auf die
Hausindustrie. 7) Anstellung weiblicher Fabrikinspektoren. 8) Sicherung
vlliger Koalitionsfreiheit fr die Arbeiterinnen. 9) Aktives und
passives Wahlrecht der Arbeiterinnen zu den Gewerbegerichten.

In der Frauenkonferenz, die im Anschlu an den Mainzer Parteitag
stattfand, wurde diesen Beschlssen noch der hinzugefgt, neben der
mndlichen, auch eine schriftliche Agitation fr den Arbeiterinnenschutz
durch Flugbltter und Broschren zu entfalten. In derselben Versammlung
wurde das System der Vertrauenspersonen, an deren Spitze eine
Zentralvertrauensperson mit dem Sitz in Berlin steht, durch Bestimmungen
ber die Art ihrer Thtigkeit noch einheitlicher ausgebaut und der
wichtige Beschlu gefat, da berall dort, wo die Vereinsgesetze dem
nicht entgegenstehen, die weiblichen Vertrauenspersonen von den Organen
der allgemeinen Bewegung zu allen Arbeiten und Sitzungen hinzuzuziehen
sind.[885]

Fragen wir nach den Erfolgen der politischen Seite der deutschen
Arbeiterinnenbewegung, so lt sich eine zahlenmige Antwort, wie bei
der Errterung ihrer gewerkschaftlichen Seite nicht geben. Sie kann
weder die ihren Ideen gewonnenen Frauen zhlen, wie die brgerliche
Frauenbewegung die Mitglieder ihrer Vereine, noch wie die mnnlichen
Genossen durch die bei der Reichstagwahl abgegebenen Stimmen. Der einzig
richtige Mastab, an dem sie gemessen werden knnen, ist die
Gesetzgebung und die ffentliche Meinung. Dabei sei zunchst an folgende
Thatsachen erinnert: das erste energische Auftreten der
Arbeiterinnenbewegung war der Kampf gegen den Nhgarnzoll; die
Regierungsvorlage wurde abgelehnt, und infolge der durch die
Arbeiterinnen und ihre Presse aufgedeckten traurigen Zustnde in der
Konfektion, jene amtliche Enquete veranstaltet, die zur Verschrfung der
Truckgesetze fhrte. Wenige Jahre spter leiteten Berliner
Sozialdemokratinnen die erste Kellnerinnenbewegung. Das allgemeine
Entsetzen ber das was sie zu Tage frderte, fhrte zu der sich durch
Jahre hinziehenden Untersuchung der Lage der Gastwirtsgehilfen durch die
Kommission fr Arbeiterstatistik, und zu den jetzt zur Beratung
stehenden Vorschlgen fr eine Schutzgesetzgebung. Der groe
Konfektionsarbeiterstreik 1896, der die brgerliche Gesellschaft zwang,
in Tiefen des Elends einen Blick zu thun, ber die sie bisher achtlos
fortgeschritten war, ntigte abermals zu eingehenden Untersuchungen und
zu dem ersten Versuch gesetzlicher Regelung der Hausindustrie. Aber mehr
noch: da die Arbeiterinnenbewegung Deutschlands durchaus identisch ist
mit der Arbeiterbewegung und ihr Einflu auf die Haltung der
sozialdemokratischen Partei unverkennbar ist, so sind die Fortschritte
gesetzlichen Arbeiterschutzes, so gering sie auch sein mgen, mit ein
Erfolg ihrer agitatorischen Thtigkeit. Die Antrge, die die Fraktion
1877 nach dieser Richtung stellte und die mit berwltigender Majoritt
abgelehnt wurden, erschienen 13 Jahre spter zum groen Teil in der
Regierungsvorlage wieder, die zur Annahme gelangte. Wenn Frst Bismarck
gesagt hat, da wir ohne die Sozialdemokratie auch das bichen
Sozialreform nicht htten, was wir besitzen, so knnen wir hinzufgen,
da wir einen Teil von ihr ohne die Mitarbeit der Frauen auch nicht
haben wrden.

Diese Erfolge aber schrumpfen bedenklich zusammen, wenn wir sie der
Lage der Arbeiterinnen gegenberstellen: sie erscheinen nicht viel
anders wie ein schwaches Kerzenlicht in der Dachkammer eines ungeheuren
dunklen Schlosses. Und vergegenwrtigen wir uns weiter, welch eine Macht
die Millionen proletarischer Arbeiterinnen ausben knnten, wie sie im
stande wren, in die Nacht ihrer Existenz das helle Licht des Tages zu
tragen, wenn sie alle einig unter einem Banner zusammen stnden,--so
erkennen wir, da wir berhaupt erst am Anfang der Bewegung stehen, und
es drngt sich uns die Frage auf, welche Mittel sie zu ergreifen hat, um
vorwrts zu kommen. Es sind sowohl solche negativer, als positiver Art.
Betrachten wir zunchst die negativen.

Es bedeutet in jeder Beziehung eine Selbstaufgabe, wenn die
Arbeiterinnenbewegung den Charakter der Frauenbewegung im brgerlichen
Sinne annimmt. Soweit sie eine selbstndige Existenz neben der
Arbeiterbewegung besitzt, ist es keine, aus der Entwicklung der
Frauenarbeit sich ergebende Notwendigkeit, wie in der brgerlichen Welt,
sondern nur ein Notbehelf, zu dem sie vielfach durch die rechtliche
Stellung, besonders der deutschen Frau, gezwungen wird. Wo ein direkter
Zwang nicht vorliegt, ist jede Nur-Frauenorganisation in der
Arbeiterinnenbewegung vom Uebel. Dahin gehren z.B. die vielen in
Deutschland und Oesterreich entstandenen Arbeiterinnen-Bildungsvereine,
dahin gehren die selbstndigen sozialistischen Frauenkongresse, wie sie
in Belgien schon zweimal abgehalten wurden, dahin gehren vor allem die
Frauengewerkschaften, wie sie neuerdings besonders von den radikalen
franzsischen Frauenrechtlerinnen angestrebt werden. Eine sich ihrer
Grundlagen und ihrer Ziele klar bewute Arbeiterinnenbewegung hat diese
Art der Organisierung nur da zu gestatten, wo es sich bei Gewerkschaften
um ausschlieliche Frauenberufe, oder bei Bildungsvereinen um solche
Orte handelt, wo berhaupt gar kein anderer, den Arbeiterinnen
zugnglicher Verein besteht. Grundstzlich aber sollte sie sich ihnen
gegenber stets ablehnend verhalten, denn sie knnen am letzten Ende nur
verwirrend wirken und jenen einseitigen Frauenstandpunkt gro ziehen,
der das Solidarittsgefhl zwischen Arbeiter und Arbeiterin, die
wichtigste Voraussetzung fr einen erfolgreichen Kampf des
Proletariats, nicht aufkommen lt. Die selbstverstndliche Konsequenz
dieses Standpunktes ist natrlich auch die Ablehnung jeder gemeinsamen
Arbeit mit der brgerlichen Frauenbewegung. Darunter verstehe ich den
Eintritt in oder den Zusammenschlu mit brgerlichen Frauenvereinen
einerseits, oder die Zulassung brgerlicher Frauenrechtler in
Arbeiterinnenvereine andererseits. Wie reaktionr beides wirkt, dafr
liefert England und Frankreich Beispiele genug: die zahlreichen, von
Damen der brgerlichen Gesellschaft geleiteten Arbeiterinnenklubs,
Ferienkolonien und dergl. sind zweifellos eine der Ursachen fr die
politische Rckstndigkeit der englischen Arbeiterinnen, ebenso
wie die Einmischung der franzsischen Frauenrechtler in die
Arbeiterinnenbewegung fast einer Zerstrung gleichkommt. Vllig
abzulehnen ist daher auch die Thtigkeit brgerlicher Frauen in
Gewerkschaften, die man vielfach selbst in Arbeiterkreisen fr
unbedenklich hlt. Sie wird fast immer in Bevormundung ausarten. Die
deutsche Arbeiterinnenbewegung hat die Gemeinschaft mit der brgerlichen
Frauenbewegung stets am schroffsten abgelehnt. Aber weder deren
Feindseligkeit gegenber den sozialdemokratischen Arbeiterinnen, wie sie
sich bei Gelegenheit der Grndung des Bundes deutscher Frauenvereine
dokumentierte, noch ihre Gleichgltigkeit, die am drastischsten in dem
Auflsungsjahr 1895 hervortrat, wo es niemandem einfiel die behauptete
Solidaritt mit den "rmeren Schwestern" in der Form energischer
Proteste einmal durch die That zu beweisen, bot die Veranlassung dazu,
sondern vielmehr die klare Erkenntnis der vlligen Differenz der beiden
Bewegungen zu Grunde liegenden Weltanschauungen, die Verschiedenheit
ihrer Ausgangspunkte, sowohl wie ihrer Ziele.[886] Diese Differenz fand
in einer auf dem Parteitag zu Gotha angenommenen Resolution ihren
prgnanten Ausdruck, in der es unter anderem heit[887]:

"Als Kmpferin im Klassenkampf bedarf die Proletarierin ebenso der
rechtlichen und politischen Gleichstellung mit dem Manne, als die
Klein- und Mittelbrgerin und die Frau der brgerlichen Intelligenz. Als
selbstndige Arbeiterin bedarf sie ebenso der freien Verfgung ber ihr
Einkommen (Lohn) und ihre Person als die Frau der groen Bourgeoisie.
Aber trotz aller Berhrungspunkte in rechtlichen und politischen
Reformforderungen hat die Proletarierin in den entscheidenden
konomischen Interessen nichts Gemeinsames mit den Frauen der anderen
Klassen. Die Emanzipation der proletarischen Frau kann deshalb nicht das
Werk sein der Frauen aller Klassen, sondern ist allein das Werk des
gesamten Proletariats ohne Unterschied des Geschlechts."

Kommen wir nun, im Anschlu hieran, zu den positiven Mitteln, deren sich
die Arbeiterinnenbewegung bedienen mu, so ist eines der wichtigsten,
die Ausbreitung ihrer propagandistischen Thtigkeit ber alle Kreise
weiblicher Lohnarbeiter. Solange eine Bewegung sich in der Entwicklung
befindet, ist es eine ihrer Lebensbedingungen, sich zunchst in sich zu
konsolidieren, sich ber die eigenen Zwecke und Ziele klar zu werden,
jede Berhrung mit einem fremden Element unbedingt auszuschlieen. Die
sozialdemokratische Partei ist nicht anders verfahren und der Erfolg
beweist, da ein Zuviel nach dieser Richtung immer besser ist als ein
Zuwenig. Es ist wie mit dem Menschen: Elternhaus und Schule entlassen
ihn erst dann, wenn sein Charakter und seine Bildung soweit gefestigt
erscheint, da man glaubt, ihn ruhig allein in die Welt hinaus gehen
lassen zu knnen, ohne frchten zu mssen, da sie ihn zu Grunde
richtet. Auch die Arbeiterinnenbewegung hat die Kinderschuhe
ausgetreten, sie kann ihr Wesen nicht mehr verndern, wohl aber vermag
sie es anderen aufzuprgen; sie steht fest auf eigenen Fen, sie bedarf
keiner Hilfe Auenstehender, um vorwrts zu kommen. Aus diesem Gefhl
ihrer Kraft heraus sollte sie nun aber auch ihren Einflu berall, wo
die Wege dazu offen stehen, zur Geltung zu bringen suchen. Auch in der
brgerlichen Frauenbewegung; nicht weil die Arbeiterinnen etwa ihrer
Hilfe bedrften, sondern weil sie einen Grad der Entwicklung erreicht
hat, von dem aus sie ihnen schaden kann. Sie hat Macht genug, groe
Massen von Proletarierinnen in ihr Lager zu ziehen, sie hat Bedeutung
genug, sich im ffentlichen Leben Einflu zu verschaffen. Es ist eine
Unterlassungssnde, die sich schon gercht hat, und ein Mangel an
Selbstvertrauen, wenn die Arbeiterinnenbewegung irgend eine Gelegenheit
vorbergehen lt, wo sie dem Sozialismus einen Fu breit Erde gewinnen
kann, wenn sie fr sie nicht Propaganda macht fr die Vereinigung auch
derjenigen Proletarierinnen, die noch, wie die geistigen
Lohnarbeiterinnen fast alle, im Banne brgerlicher Anschauungsweise
stehen, wenn sie die Macht, die sie besitzt, nicht ausbt. Diese
Beeinflussung der Glieder der brgerlichen Frauenbewegung steht durchaus
nicht im Widerspruch mit der Ablehnung der Arbeit mit ihr, denn es
handelt sich dabei nicht um ein Unterordnen und Einreihen. Ein Beispiel
illustriere das Gesagte: Der groe liberale Frauenverband Englands, der
schroffste Gegner jedes gesetzlichen Arbeiterinnenschutzes, macht seit
kurzem eine merkwrdige Wandlung zu Gunsten des Arbeiterinnenschutzes
durch. Und die Ursache? Die Agitation einer einzigen berzeugten
Sozialdemokratin, Mrs. Amie Hicks, die in den Versammlungen des
Verbandes Jahre hindurch ihre Ideen verteidigte. Kein Frauenkongre,
keine die Interessen der Arbeiterinnen berhrende Versammlung sollte
vorbergehen, ohne da der sozialistische Standpunkt propagiert worden
wre.

Die deutsche Sozialdemokratie und mit ihr derjenige Teil von ihr, der
die Frauen umfat, ist wie ein junger Riese, der sich seiner Krfte
nicht recht bewut ist und die mchtigen Glieder noch nicht vollkommen
zu beherrschen wei. Er sollte unter die Menschen treten, aber nicht um
sich dem Gewimmel kleiner Leute unter ihm zu beugen, wohl aber um alle
diejenigen, die marsch- und kampffhig sind, in seine Gefolgschaft zu
zwingen.

Aber der Bethtigungskreis der Arbeiterinnenbewegung mte sich auch
noch in anderer Richtung entwickeln: in der genossenschaftlichen
nmlich. Sie mte bei den Frauen das Interesse fr die
Konsumgenossenschaften zu erwecken suchen, denn jede Verbesserung ihrer
Lage bedeutet einen Schritt nher zur gewerkschaftlichen Organisation
und zur politischen Aufklrung. Und ebenso wie billigere und bessere
Nahrungsmittel bedeuten auch billigere und bessere Wohnungen, wie die
Baugenossenschaften sie bieten, eine wesentliche Hebung ihrer Lage. Von
nicht zu unterschtzender Bedeutung ist dabei der erzieherische Einflu
der Genossenschaften: sie frdern die Solidaritt und das
Klassenbewutsein, weil sie sich selbstbewut dem kapitalistischen
Unternehmertum gegenberstellen. Sie lehren den Mitgliedern nicht nur
Geschftskenntnisse, sie machen sie auch fhig zur Leitung
geschftlicher Unternehmungen,--eine Erziehung, die sich in der Zukunft
als auerordentlich wichtig erweisen drfte. Neben die sehr
vernachlssigte Propaganda fr die bestehenden, sollte jedoch auch noch
die fr eine neue Art Genossenschaft treten, deren Vorteile gerade den
Frauen zu Gute kommen.

Bei der Betrachtung der Lage der verheirateten Arbeiterinnen, wie bei
der Errterung der Organisationsschwierigkeiten im Hinblick auf die
Frauen haben wir gesehen, da die doppelte Arbeitslast,--die Hausarbeit
neben der Erwerbsarbeit,--sie besonders schdigt und ihren Fortschritt
hemmt. Es mten daher Mittel und Wege gefunden werden, um sie von der
Hauswirtschaft mglichst zu befreien. In der genossenschaftlichen
Hauswirtschaft, wie ich sie bereits als eines der Mittel schilderte, um
die Erwerbsarbeit der brgerlichen Frauen zu ermglichen, glaube ich es
auch fr die Proletarierinnen gefunden zu haben.[888] Die Grundidee, die
Frauen zu entlasten, die Kosten fr die Hauswirtschaft durch den Ersatz
der verschwenderischen Kleinbetriebe durch Grobetriebe zu verringern,
die Lebenshaltung durch bessere, weil verstndiger zubereitete Nahrung
zu erhhen, ist bereits in weite Kreise gedrungen und hat verschiedene
Projekte hervorgerufen. In Amerika wird sie zum Teil in der von mir
vertretenen Weise der Verwirklichung entgegengefhrt[889], zum Teil
versucht man, die Frauen dadurch zu entlasten, da mglichst alle
Speisen auer dem Hause vorbereitet und geliefert werden.[890] In
England wieder ist der Versuch gemacht worden, genossenschaftliche
Verteilungskchen zu grnden, die die fertigen Mahlzeiten ins Haus
liefern, und in Frankreich entstehen Arbeitergenossenschaften, die
Restaurants ins Leben rufen, aus denen das Essen auch nach Hause geholt
werden kann. Jedenfalls liegt es im notwendigen Gang der Entwicklung,
wenn an die Stelle des innerlich schon berwundenen Einzelhaushalts der
genossenschaftliche Haushalt tritt, und es gehrt um so mehr zur Aufgabe
der sozialistischen Arbeiterinnenbewegung, morsche Gemuer vollends
umzustoen, wenn Frauen in Gefahr kommen, darin zu Grunde zu gehen.[891]

Die weitaus wichtigste Funktion aber der Arbeiterinnenbewegung, ohne die
alle anderen bedeutungslos werden, ist aber die, eine immer festere
Verbindung mit der sozialdemokratischen Partei zu suchen, die
Proletarierinnen politisch aufzuklren und ihr zuzufhren. Die
Resolution des Gothaer Parteitags sagte ganz richtig:

"Durch ihre Erwerbsarbeit wird die proletarische Frau dem Manne ihrer
Klasse wirtschaftlich gleichgestellt. Aber diese Gleichstellung
bedeutet, da sie, wie der Proletarier, nur hrter als er, vom
Kapitalisten ausgebeutet wird. Der Emanzipationskampf der
Proletarierinnen ist deshalb nicht ein Kampf gegen die Mnner der
eigenen Klasse, sondern ein Kampf im Verein mit den Mnnern ihrer Klasse
gegen die Kapitalistenklasse. Das nchste Ziel dieses Kampfes ist die
Errichtung von Schranken gegen die kapitalistische Ausbeutung. Sein
Endziel ist die politische Herrschaft des Proletariats zum Zwecke der
Beseitigung der Klassenherrschaft und der Herbeifhrung der
sozialistischen Gesellschaft."

Aber es sind nicht nur die Frauen, denen diese Wahrheit noch nicht in
Fleisch und Blut bergegangen ist, auch die Mnner stehen ihr zum Teil
gleichgltig gegenber. Mag die Gleichberechtigung des weiblichen
Geschlechts in der gewerkschaftlichen wie in der politischen Bewegung
noch so allgemein und offiziell anerkannt sein, mgen die
Parteiprogramme aller Lnder sich noch so feierlich zu ihr bekennen, in
sehr vielen Sozialdemokraten steckt in Bezug auf die Frauenfrage noch
der alte reaktionre Philister. In einer Variation des Napoleonischen
Ausspruchs heit es bei ihnen: _Tout pour la femme, mais rien avec
elle_,--wir wollen der Frau alle Rechte erkmpfen, aber wir wollen
nicht, da sie mit uns kmpft. Die Zunahme der weiblichen Arbeiter hat
diesen Standpunkt in den Gewerkschaften zwar stark erschttert, denn die
Organisierung der Frauen wird mehr und mehr zu einer Lebensbedingung fr
sie: die unorganisierten Arbeiterinnen vermgen den Kampf um bessere
Arbeitsbedingungen zu einem aussichtslosen zu machen. In der politischen
Bewegung aber liegt kein unmittelbarer Zwang vor, in der Frau die
gleichberechtigte Genossin anzuerkennen, weil ihre Stimme in der
Wagschale der Parteien kein Gewicht besitzt. Je mehr aber die Bewegung
zu Gunsten der Brgerrechte der Frau an Boden gewinnt,--und sie hat in
Amerika, in Australien und in England bereits groe Siege zu
verzeichnen--desto dringender wird die Aufgabe, das weibliche Geschlecht
politisch aufzuklren und zu erziehen, denn es knnen einmal die Stimmen
der Frauen sein, die auf Jahrzehnte hinaus alle Errungenschaften eines
jahrhundertlangen Kampfes vernichten und den Fortschritt hemmen, wie das
Eis im Winter die Wellen des Stromes. Aber noch ein anderes kommt hinzu:
das Weib ist die Mutter derer, in deren Hnden die knftigen Geschicke
der Menschheit ruhen. Sie formt zuerst die Seelen der Kinder, und was
sie ihnen aufprgte, ist fast unzerstrbar. Gewinnt der Sozialismus die
Frauen, so gewinnt er die Kinder und mit ihnen die Zukunft. Die
Arbeiterinnenbewegung zu frdern, sie immer enger an sich zu schlieen,
die Gleichberechtigung, die auf dem Papiere steht, berall in die That
zu bersetzen, ist daher nichts, was von den Sozialisten gefordert wird,
wie man etwa einst von den Rittern den Frauendienst forderte, es gehrt
vielmehr zu den Verpflichtungen der modernen Ritter der Arbeit im
Interesse ihrer selbst und ihrer Sache. Am weitesten wird die
Arbeiterinnenbewegung gekommen sein, wenn Gesetz und Vorurteil ihr
vollkommenes Aufgehen in der Arbeiterbewegung gestatten.




8. Die brgerliche Frauenbewegung in ihrer Stellung zur
Arbeiterinnenfrage.


Whrend die Arbeiterinnenbewegung stets von einem klaren einheitlichen
Klassengefhl getragen und bestimmt war, ist das Verhalten der
brgerlichen Frauenbewegung gegenber der Arbeiterinnenfrage ein
unklares und zwiespltiges. In der Vergangenheit berwiegt das
philanthropische Moment jedes andere, und der kindliche Glaube
beherrscht die Frauen, da Wohlthtigkeit, Armenpflege und allseitiger
guter Wille die Mittel sind, das soziale Elend aus der Welt zu schaffen.
Dieser durch Religion und Sitte in den Frauen gro gezogene
Gefhlsstandpunkt und seine Bethtigung haben, so schn sie vielfach
erscheinen mgen, die traurigsten Folgen gehabt: sie haben sowohl auf
seiten der Wohlthter, wie auf der ihrer Schtzlinge die Empfindung fr
Gerechtigkeit abgestumpft, indem sie die Wohlthat an ihre Stelle
setzten, und diese beiden Begriffe so sehr verwirrt, da
Wohlthtigkeitsbestrebungen und Frauenbewegung noch heute vielfach fr
identisch gehalten werden. Sie haben das Verstndnis dafr unterdrckt,
da jeder arbeitende Mensch ein Recht auf eine gesicherte Existenz hat
und es zu der schreienden Ungerechtigkeit noch die Krnkung fgen heit,
wenn man ihn, in welcher Form immer, mit Almosen abspeisen will. Sie
haben die Entwicklung zu tieferer Erkenntnis der sozialen Probleme
vielfach aufgehalten und nur die eine fruchtbringende Folge gezeitigt,
da den Frauen der Bourgeoisie Not und Elend nicht immer abstrakte
Begriffe blieben.

In hervorragender Weise beteiligten sich insbesondere englische Frauen
an der Armenpflege. Und ihrer unermdlichen Agitation ist ihre
Reorganisation und die groe Rolle, die die Frauen in ihr spielen, zu
verdanken; aber sie schufen zugleich eine Schule fr soziale Arbeit. Den
meisten Bestrebungen, die mit diesem Namen bezeichnet werden knnen,
klebt allerdings bis heute die Erinnerung an ihre Herkunft an: es sind
immer noch Wohlthaten, die von selten der Begterten den Armen
freiwillig gespendet werden. Hierher gehren z.B. die Speisehuser und
Kinderhorte und die zahlreichen, von Frauen der Bourgeoisie gegrndeten
und geleiteten Arbeiterinnen-Klubs. Sie bieten den Alleinstehenden ein
Heim, Unterhaltung und Belehrung und sind zweifellos von grtem Nutzen
fr sie, aber ebenso zweifellos ist es, da sie ein gewisses
Abhngigkeits- und Unterthnigkeitsgefhl befestigen oder groziehen,
das das Klassenbewutsein der Arbeiterin unterdrckt und ihren
Befreiungskampf aufhlt. In viel hherem Mae gilt das noch fr die
vielen in allen Kulturlndern bestehenden, meist von kirchlichen Kreisen
gegrndeten und erhaltenen Mdchen- und Arbeiterinnenheime, die fr
wenig Geld Wohnung und Nahrung bieten, die geistige und physische
Freiheit der Bewohner aber in jeder Weise beschrnken. Nur wenige
unabhngige Heime, so z.B. eins in Berlin, das mehr den englischen Klubs
nachgeahmt ist und die Selbstndigkeit der Arbeiterin mglichst zu
wahren sucht, bilden eine Ausnahme von dieser Regel. Die Settlements,
jene Niederlassungen brgerlicher Mnner und Frauen inmitten der
Arbeiterviertel, wie sie Amerika und England in betrchtlicher Zahl
aufweist, stehen schon eine Stufe hher, weil diejenigen, die ihr Geld,
ihre Zeit und ihre Kraft den Proletariern zur Verfgung stellen, auch
mit ihnen leben, wodurch die Stellung des Wohlthters gegenber dem
Beschenkten vielfach ganz verwischt wird. Was hier geboten wird,
erniedrigt den Empfnger nicht: es ist Teilnahme, Rat, Bildung. Die
zahlreichen Vereine zum Schutz junger Mdchen, die Stellenvermittlungen
und Rechtsbeistnde gehren hierher. Auch jener erste deutsche
Arbeiterinnenverein, den Luise Otto-Peters in Berlin 1869 grndete[892],
lediglich zu dem Zweck, die Arbeiterinnen durch unterhaltende und
belehrende Vortrge auf eine hhere geistige Stufe zu heben, und die
versuchte Einfhrung des unentgeltlichen Rechtsschutzes fr
Arbeiterinnen durch den Allgemeinen deutschen Frauenverein
in den achtziger Jahren[893] knnen in das Gebiet sozialer
Hilfsthtigkeit,--wie man die Erweiterung oder Wohlthtigkeit mit Recht
benennt,--gerechnet werden.[894] In dieselbe Kategorie gehrt die
Universitts-Ausdehnungs-Bewegung, die in England ihren Ausgang nahm und
sich in Amerika, Frankreich, Oesterreich, Deutschland, Dnemark, Finland
mit mehr oder weniger Erfolg ausbreitete, gehren die dnischen
Volkshochschulen, die der vernachlssigten Landbevlkerung Bildung
zutragen, gehrt die aufopfernde Thtigkeit der russischen Lehrerinnen,
die die Fackel der Aufklrung in das Dunkel geistigen und physischen
Elends tragen. Aber auch hier lauert die Schlange unter den Rosen: wie
die Almosen materieller Natur niemals die Armut selbst berwinden
konnten, sondern nur einzelne ihrer Symptome, so sind auch die geistigen
Almosen--eben nur Almosen! Das Gebotene ist Stckwerk und mu Stckwerk
bleiben; es vermittelt einzelne Kenntnisse, aber die Vorbildung fehlt,
um sie untereinander in Harmonie zu bringen, zu verarbeiten und
befriedigende Resultate zu erzielen. Vor allem aber erreicht es immer
nur die besser Gestellten, denn es vermag den Aermsten und
Ausgebeutetsten,--dazu gehren, wie wir wissen, die Masse der
Arbeiterinnen,--nicht die Zeit und die physischen und geistigen
Voraussetzungen zu schaffen, die zum Empfang solcher Gaben ntig sind.
Der Bankerotterklrung,--d.h. dem Eingestndnis der Unfhigkeit, die
Masse der Proletarier in nennenswerter Weise aus materieller und
geistiger Not zu befreien,--der materiellen Wohlthtigkeit wird daher
die der ideellen folgen mssen.

Mit all diesen Bestrebungen, die im einzelnen und in all ihren
zahlreichen Variationen darzustellen, nicht Aufgabe dieser Untersuchung
sein kann, weil sie nichts mit der Frauenfrage zu thun haben und nur
insofern fr uns von Interesse sind, als sie die Stellung der
brgerlichen Frauen gegenber der Arbeiterinnenfrage kennzeichnen, ist
aber auch die selbstndige aktive Teilnahme dieser Frauen an dem Los
ihrer "rmeren Schwestern",--wie sie mit so viel sentimentalem Pathos zu
sagen pflegen,--fast erschpft. Sobald das Gebiet der Wohlthtigkeit im
weiteren Sinn verlassen und das des Rechts betreten wurde, lehnten sich
die Frauen der Bourgeoisie teils an eine der politischen Parteien und
deren Anschauungsweisen an, teils bertrugen sie, rein mechanisch, in
naiver Unkenntnis der thatschlichen Verhltnisse, die Theorien der
brgerlichen Frauenbewegung auf die Arbeiterinnenfrage.

So stand die englische Frauenbewegung unter dem tiefgreifenden Einflu
jenes Liberalismus, von dem wir auf dem Kontinent nur immer eine
schwache Kopie gesehen haben, dessen die ffentliche Meinung
beherrschende Stellung aber um so strker auf die Frauen wirkte, als
ihre Interessen schon seit langem im wesentlichen politische waren. Sein
Einflu bestimmte auch ihre Stellung gegenber der Arbeiterinnenfrage.
Die Prinzipien der individuellen Freiheit verbunden mit dem
frauenrechtlerischen Losungswort von der Gleichheit der Geschlechter
beherrschten sie nach dieser Richtung vollkommen: infolgedessen kmpften
sie mit einer Heftigkeit, die jetzt erst nachzulassen beginnt, gegen
jede gesetzliche Beschrnkung der Frauenarbeit. Was fr die brgerlichen
Frauen vollste Berechtigung hatte, die den Arbeitsplatz neben dem Mann
sich erst erringen muten, das sollte auch fr die Proletarierinnen
gelten, die lngst schon Seite an Seite mit den mnnlichen
Arbeitsgenossen sich krperlich und geistig zu Grunde richteten. Die
liberalen Frauen gingen dabei von der Ansicht aus, da jede gesetzliche
Verkrzung der Arbeitszeit, die nur auf das weibliche Geschlecht allein
Anwendung findet, jeder Ausschlu der Frauen aus bestimmten
Arbeitszweigen die Arbeitsmglichkeit fr sie beschrnkt und sie den
Mnnern gegenber benachteiligt. In naivem Unverstndnis fr die
thatschlichen Verhltnisse, befangen durch abstrakte Theorien, zogen
sie im Namen der persnlichen Freiheit die Ausbeutung der Arbeiterin dem
gesetzlichen Schutze vor. Ihre Ansichten gewannen um so grere
Bedeutung, seit sie offiziell durch die Women's Liberal Federation
vertreten wurden, die mit der liberalen Partei Hand in Hand arbeitet,
und ber 100000 Mitglieder zhlt. Im Jahre 1893 erhob die
Generalversammlung des Verbandes den Widerstand gegen den gesetzlichen
Arbeiterinnenschutz und die Forderung eines vllig gleichen Schutzes fr
Mnner und Frauen zum Beschlu,--ein Beweis, wie die Idee der rein
mechanischen Gleichstellung der Geschlechter die Kpfe verwirrt hatte.
Als die Regierung dann 1895 dem Parlament Abnderungen des
Fabrikgesetzes und Zustze dazu vorlegte, die eine Erweiterung des
Arbeiterinnenschutzes zum Ziele hatten, entfaltete der Verband eine
fieberhafte Agitation dagegen, die selbst davor nicht zurckscheute, die
Ausdehnung der Schutzzeit fr Schwangere und Wchnerinnen zu bekmpfen,
und nicht nur gegen den gesetzlichen Schutz der Arbeiterinnen im
besonderen, sondern gegen den Arbeiterschutz im allgemeinen Stellung
nahm.[895] Die Gegner der Arbeiterschutzgesetzgebung fanden in diesem
Vorgehen einen starken Rckhalt, und es gelang den vereinten Krften der
Frauen, die fr Freiheit und Gleichheit einzutreten meinten, und der
Mnner, die rein egoistische Unternehmerinteressen vertraten, eine
Anzahl wichtiger Bestimmungen zwar nicht zu Fall zu bringen, wohl aber
bedeutend abzuschwchen. Indessen ist nach und nach ein leiser Umschwung
in den Ansichten des Verbandes eingetreten, der dadurch zum Ausdruck
kam, da er in seiner Generalversammlung im Jahre 1899 zwar abermals
gegen jeden besonderen Arbeiterinnenschutz sich aussprach, aber nur mit
einer schwachen Majoritt von 33 Stimmen. Seitdem verficht die
Zeitschrift English Women's Review mit verdoppeltem Eifer den alten
frauenrechtlerischen Standpunkt und sucht ihn wesentlich dadurch zu
sttzen, da sie alle diejenigen Flle ihren Lesern vorfhrt, aus denen
hervorgeht, da der gesetzliche Arbeiterinnenschutz auf die
Erwerbsverhltnisse nachteilig gewirkt hat. Da solche Flle in Zeiten
des Uebergangs zahlreich sind, da es Arbeiterinnen infolge der
Beschrnkung der Arbeitszeit, des Verbots der Nachtarbeit oder gar des
Ausschlusses aus bestimmten gesundheitsschdlichen Berufen schwer fllt,
neue Stellungen sich zu verschaffen, ist zweifellos. Und es ist eine aus
der ganzen Erziehung, vor allem aber aus der intensiven Beschftigung
mit der Wohlthtigkeit erklrliche Eigenschaft der Frauen, ber der
Hrte des Einzelfalls den Vorteil fr das Ganze vollstndig zu
bersehen. Sie sind gewohnt, den Kindern, den Kranken, den
Arbeitsunfhigen, kurz den Schwachen helfend und schtzend zur Seite zu
stehen und sie schrecken, ganz vom Gefhlsstandpunkt beherrscht, vor dem
grausamen aber leider unvermeidlichen Weg zurck, um der Gesamtheit
willen das Schicksal Einzelner zu gefhrden. So verwirft ein sehr
groer Teil frei denkender Englnderinnen unter dem tnenden Kampfruf
"Free Labour Defense" den Arbeiterinnenschutz, weil die arme Witwe nicht
mehr ins Endlose arbeiten kann, und es ihren Kindern daher an Brot
mangelt, weil das Fabrikmdchen aus der Bleifabrik keine Arbeit mehr
findet und der Schande in die Arme fllt. Um so erstaunlicher war es,
da der liberale Frauenverband sich prinzipiell fr einen gesetzlichen
Schutz der Heimarbeit erklrte. Begreiflich wird das nur, wenn man sich
klar macht, da es sich dabei nicht um den Ausdruck erweiterter
Erkenntnis, sondern im wesentlichen um einen Akt der Selbstverteidigung
und des persnlichen Interesses handelt. Nicht der Schutz der Arbeiterin
vor Ausbeutung steht im Vordergrunde, sondern der Schutz der Konsumenten
vor gesundheitlichen Gefahren. Wir haben gesehen, wie gro diese
thatschlich sind, und sowohl in England wie in Amerika wird der Kampf
gegen die Hausindustrie, von brgerlichen Kreisen ausgehend, von diesem
Gesichtspunkt aus gefhrt.

Die Ideen des Rechts auf Arbeit, der Gleichstellung der Geschlechter in
Bezug auf die Erwerbsmglichkeiten sind es auch, die die Haltung der
deutschen brgerlichen Frauenbewegung gegenber der Arbeiterinnenfrage
beeinflussen. Im Jahre 1867 richtete der Allgemeine deutsche
Frauenverein an den Kongre der volkswirtschaftlichen Vereine, der in
Hamburg tagte, eine Eingabe, in der verlangt wurde, da darauf
hingewirkt werden mge, "die weibliche Arbeitskraft von der
Verkmmerung, in der sie sich gegenwrtig befindet, zu retten und zu
einem nutzenbringenden Faktor im Staatshaushalt heranzuziehen", und an
den Arbeitertag in Gera, der im selben Jahre zusammentrat, wurde
gleichfalls eine Zuschrift gesandt, die eine Untersttzung der
Frauenarbeit forderte.[896] Der Gedanke des gesetzlichen
Arbeiterinnenschutzes mute in jener Zeit den Frauen um so ferner
liegen, als thatschlich berall der Eintritt der Arbeiterinnen in die
Industrie durch die Arbeiter mit allen Mitteln bekmpft wurde. Was
damals aber begreiflich war, erscheint nach Jahrzehnten, whrend deren
alle Schranken vor der vordringenden weiblichen Arbeiterschaft fielen,
nur als ein Ausflu blinder Prinzipienreiterei und mangelhafter Kenntnis
der einschlgigen Verhltnisse. So allein ist es zu erklren, da die
franzsische Frauenbewegung durch den zweiten internationalen Kongre im
Jahre 1900,--der seiner ganzen Zusammensetzung nach weit mehr ein
nationaler war,--mit groem Nachdruck gegen jeden besonderen
Arbeiterinnenschutz Stellung nahm. Immerhin bedeutet die Art wie es
geschah einen Fortschritt.

In den letzten dreiig Jahren des 19. Jahrhunderts war jene groe
Bewegung siegreich durch die Welt gezogen, an deren Spitze Marx, Engels
und Lassalle standen. Der Sozialismus, wtend bekmpft von der
brgerlichen Gesellschaft, drang trotzdem, wie die Luft, die wir atmen,
durch geschlossene und verbarrikadierte Thren und Fenster hinein. In
vielen seiner Zge war er geradezu prdestiniert, die Frauen zu
gewinnen; wie einst das Christentum zahllose Jngerinnen an sich zog,
weil es an das Gefhl appellierte, weil es den "Mhseligen und
Beladenen" zu helfen versprach, so ist es die Gefhlsseite des
Sozialismus, die heute so stark auf die Frauen wirkt, oft ohne da sie
es wissen und meist ohne da sie es eingestehen wollen. Wo es sich um
brgerliche Frauen handelt, hrt ihr Verstndnis und ihre Zustimmung
meist da auf, wo der Sozialismus als Wissenschaft der Wurzel des
gesellschaftlichen Uebels kritisch zu Leibe geht, sie haben weder den
Mut noch die logische Konsequenz, den Weg bis zu Ende zu verfolgen. Aber
ihre Gefhlswelt ist durch ihn befangen; krzere Arbeitszeit, hherer
Lohn, Schutz den Frauen und Kindern--das sind Ideen, die ihnen, denen
die Armut in jeder Gestalt so leicht zu Herzen geht, sympathisch sein
mssen. Auch die Form der Beschlsse des franzsischen Kongresses von
1900 ist auf den wachsenden Einflu des franzsischen Sozialismus
zurckzufhren. Sie lehnen zwar den gesetzlichen Schutz fr weibliche
Arbeiter ab,--eine Reminiszenz an die Frauenrechtelei,--aber sie
verlangen ihn in ausgedehntem Mae fr beide Geschlechter, indem sie die
grundlegende Forderung der organisierten Arbeiterschaft,--den
Achtstundentag,--an die Spitze stellen.[897]

Am interessantesten und nachhaltigsten jedoch dokumentiert sich der
Einflu der Arbeiterbewegung auf die Haltung der deutschen brgerlichen
Frauenbewegung gegenber der Arbeiterinnenfrage. da es ihr mglich war,
mit bestimmten ihrer Ideen in ihr Fu zu fassen, ist die natrliche
Folge der vlligen Vernachlssigung der Frauenfrage durch die
brgerlichen Parteien Deutschlands. Indem der englische Liberalismus die
Forderungen der Frauen nicht nur ernst nahm, sondern auch vielfach
acceptierte, und er ebenso wie die konservative Partei den Drang der
Frauen zu politischer Thtigkeit geschickt fr sich ausnutzte, sie
gewissermaen vor ihren Wagen spannten, zeigten sie eine kluge
Voraussicht, die den Deutschen ganz abging: die Frauen hatten einen
Rckhalt, eine Sttze an ihnen, whrend die deutschen Frauen bis vor
kurzem von allen brgerlichen Parteien gleichmig gechtet waren.

Das Eindringen sozialer Ideen in die deutsche brgerliche Frauenbewegung
vollzog sich natrlich auerordentlich langsam und setzte uerlich
bemerkbar erst dann ein, als der Bannfluch, der mit dem
Sozialistengesetz den Sozialismus und seine Vertreter in den Augen der
brgerlichen Welt getroffen hatte, von ihm genommen war. Noch 1872
erklrte Frulein Auguste Schmidt, die eigentliche Fhrerin des
Allgemeinen deutschen Frauenvereins, der damals fast allein die
Frauenbewegung reprsentierte, die Bildung fr den eigentlichen Kern-
und Schwerpunkt der Frauenfrage.[898] Wenige Jahre spter, angesichts
des Sozialistengesetzes, hielt sie sich fr verpflichtet, die deutsche
Frauenbewegung gegen jeden Verdacht revolutionrer Bestrebungen
ffentlich zu verwahren.[899] Erst 1881, zum ersten Male wieder seit der
Grndung des lngst eingegangenen Arbeiterinnenvereins im Jahre 1869
durch Luise Otto, beschftigte sich die Generalversammlung des Vereins,
infolge eines Referats von Frulein Marianne Menzzer, mit der traurigen
Lage der Arbeiterinnen. Ihre Forderung: "Gleicher Lohn fr gleiche
Arbeit", die in England und Frankreich lngst aufgestellt worden war und
durchaus frauenrechtlerischen Ursprungs ist, fand lebhaften
Widerhall.[900] Als dann zwei Jahre spter dieselbe Frage zur Beratung
stand, zeigte sich die ganze Einsichtslosigkeit der Versammlung darin,
da sie in erster Linie vorschlug, die Lage der Arbeiterinnen durch die
moralische Beeinflussung der Fabrikanten und dadurch zu untersttzen,
da die Frauen sich verpflichten sollten, nur in solchen Geschften zu
kaufen, deren Arbeiterinnen guten Lohn erhalten. Ein Fortschritt jedoch
trat damals schon hervor: einige wenige Frauen, unter Leitung von Frau
Guillaume-Schack, befrworteten statt dessen die Grndung von
Arbeiterinnen- und Gewerkvereinen,[901] Frau Guillaume-Schack war die
erste ausgesprochene Sozialistin in der brgerlichen Frauenbewegung. Als
sie mit ihren Ansichten nicht durchdringen konnte und der brgerlichen
Frauenbewegung den Rcken wandte, schien es, als ob damit das Interesse
an der Arbeiterinnenfrage wieder versiegt sei. Im Stillen aber wirkte es
fort, besonders in den zahlreichen, neu entstehenden Vereinen, unter
denen der Verein "Frauenwohl" in Berlin sich nach und nach unter Leitung
von Frau Minna Cauer und unter dem Einflu von Frau Jeanette Schwerin zu
dem radikalsten entwickelte. Von ihr ging die Agitation fr Anstellung
weiblicher Gewerbeinspektoren aus, sie versuchte mit aller Energie die
Frauenbewegung aus der Bahn der Wohlthtigkeit in die sozialer
Hilfsarbeit hineinzulenken. Dieser ganzen Strmung entstand im Jahre
1894 ein Organ in der durch mich und Frau Minna Cauer gegrndeten
"Frauenbewegung".

Wie sehr es aber noch Eclaireur-Dienste waren, die hier geleistet
wurden, wie tief die Angst vor dem Sozialismus der brgerlichen
Frauenbewegung noch in allen Gliedern lag, so da selbst die ruhige
Vernunft dadurch unterdrckt wurde, das beweist die in demselben Jahr
erfolgte Grndung des Bundes deutscher Frauenvereine.[902] Seine
Entstehung verdankte er der Anregung einiger Frauen, die gelegentlich
des internationalen Frauenkongresses in Chicago 1893 den amerikanischen
nationalen Frauenbund kennen gelernt hatten. Sein Zweck war von
vornherein kein propagandistischer, sondern ein vereinigender, der die
Frauenvereine aller Richtungen zusammenfassen und "den Einflu aller
Frauen solchen allgemeinen Arbeitsgebieten" zuwenden wollte, "zu denen
alle von Herzen ihre Zustimmung geben knnen".[903] Von, diesem Bndnis
nun, das gar keiner bestimmten Richtung zu dienen vorgab, wurden, nach
dem Ausspruch der Vorsitzenden der Grndungsversammlung, Frulein
Auguste Schmidt, "die sozialistischen Arbeiterinnenvereine
selbstverstndlich" ausgeschlossen, und in diesem Sinne stimmte die
berwiegende Majoritt der Anwesenden. Unter den 34 Delegierten, die an
der Sitzung teilnahmen, fanden sich nur fnf, die auf meine Initiative
hin gegen diese engherzige, die ganze Grndung von vornherein
brandmarkende Auffassung ffentlichen Protest erhoben. Als
Rechtfertigung, nicht etwa als Entschuldigung seines Vorgehens erklrte
der Bund wiederholt und noch zuletzt in einer seiner offiziellen
Schriften[904], da die betreffenden Vereine zum Beitritt nicht htten
aufgefordert werden knnen, weil das Gesetz das in Verbindung treten
politischer Vereine, und als solche seien die Arbeiterinnenvereine
anzusehen, unmglich mache. Das Gesetz aber verbietet noch heute in den
meisten Staaten Deutschlands die Grndung politischer Vereine durch
Frauen und die Teilnahme der Frauen an solchen. Es gab demnach in diesem
Sinn berhaupt keine "sozialistischen" Arbeiterinnenvereine und die
ganze Beweisfhrung des Bundes soll nur noch heute die Angst, sich
ffentlich zu kompromittieren, verschleiern. Thatschlich haben
inzwischen soziale Reformbestrebungen in keiner anderen Organisation der
brgerlichen Frauenbewegung mehr an Einflu gewonnen, als im deutschen
Bunde. Schchtern setzten sie ein mit der Forderung an die Kommunen,
Kinderhorte einzurichten und an die Regierungen, weibliche
Gewerbeinspektoren anzustellen, und innerhalb sechs Jahren haben sie
sich soweit entwickelt, da der Bund von sich sagen kann: "In der Frage
des Arbeiterinnenschutzes vertritt der Bund denselben Standpunkt wie die
organisierten deutschen Arbeiterinnen"[905], d.h. wie die
Sozialdemokratie. In rascher Folge, mit jenem jugendlichen Ungestm
aller derer, die eine Wahrheit pltzlich erkannt haben, petitionierte er
bei den Volksvertretungen und Regierungen um die Ausdehnung des
Wahlrechts und der Whlbarkeit zu den Gewerbegerichten auf weibliche
Arbeitgeber und Arbeiter, um den Achtuhrladenschlu, zweistndige
Mittags-, je eine viertelstndige Frhstcks- und Vesperpause,
den achtstndigen Arbeitstag und den Fortbildungszwang fr
jugendliche Angestellte im Handelsgewerbe, um die Ausdehnung der
Arbeiterinnenschutzbestimmungen auf die Hausindustrie, um die Einfhrung
obligatorischer Fortbildungsschulen fr Mdchen, um die Schaffung eines
einheitlichen Reichsvereins- und Versammlungsrechts und Gewhrung
gleicher Rechte fr die Frauen wie fr die Mnner. Zugleich regte die
1899 gegrndete Kommission fr Arbeiterinnenschutz an, Enquten der Lage
der Heimarbeiterinnen zu unternehmen. Dementsprechend hat in Leipzig der
Allgemeine deutsche Frauenverein Untersuchungen der Frauenarbeit im
Krschnergewerbe, und in Dresden der Rechtsschutzverein solche der Heim-
und Fabrikarbeit der Strohhutnherinnen veranstaltet. Die Bedeutung
aller dieser Manahmen lt sich nicht nur am Vergleich mit der nach
anderen Richtungen so vorgeschrittenen franzsischen und englischen
Frauenbewegung ermessen, sondern vor allem daran, da sie von 137
Vereinen ausgehen, deren 71000 Mitglieder sich im wesentlichen aus dem
rckstndigen, antisozialistischen deutschen Brgertum zusammensetzen.
Wahrlich, ein deutliches Zeichen fr die Macht sozialer Ideen! Auch
abseits vom Bunde, in kirchlichen Kreisen, fanden sie Eingang. So im
evangelisch-sozialen Kongre durch den Einflu zweier mit der Lage der
Arbeiterinnen vertrauter Frauen, Frau Elisabeth Gnauck-Khne und
Frulein Gertrud Dyhrenfurth, und sie beginnen selbst in dem orthodoxen
evangelischen Frauenbund durchzudringen.

Selbstverstndlich lehnt die brgerliche Frauenbewegung nach wie vor
jede Gemeinschaft mit dem Sozialismus ab, und dokumentiert das vielfach
durch Unterlassungssnden, durch Worte und Thaten. Als die
proletarischen Frauenorganisationen im Jahre 1895 unter dem Zeichen des
drohenden Umsturzgesetzes in der schlimmsten Weise verfolgt und
geschdigt wurden und die Gelegenheit geboten gewesen wre, die
Solidaritt mit den Arbeiterinnen zu beweisen, hllte die offizielle
Vertretung der brgerlichen Frauenbewegung sich in Schweigen. Eine
Protesterklrung an den Reichstag gegen die Umsturzvorlage, die ich
verffentlicht hatte, fand nur verhltnismig wenig Unterschriften. Und
bei Gelegenheit der groen Agitation gegen das brgerliche Gesetzbuch
seitens des Bundes deutscher Frauenvereine, die eine Flut von Reden,
Artikeln, Broschren und Petitionen mit sich fhrte, blieben die fr die
Proletarierin so wichtigen Fragen des Rechts auf dem Gebiete des
Arbeitsvertrags, der Gesindeordnungen, der Stellung der lndlichen
Arbeiter von alledem vllig unberhrt. Wie vorsichtig und
zurckhaltend die Mehrheit der Frauenrechtlerinnen Deutschlands der
Arbeiterinnenbewegung gegenbersteht, dafr noch folgendes Beispiel:
Unter der Leitung des Vereins "Frauenwohl" entstand innerhalb des Bundes
ein Verband fortschrittlicher Frauenvereine, der weniger in seinen
Bestrebungen,--sie decken sich fast ganz mit denen des Bundes,--als in
ihrer energischen Betonung und radikalen Frbung von ihm abweicht. Er
stellte den Antrag, der Bund mge eine Verstndigung zwischen der
sozialistischen und brgerlichen Frauenbewegung fr wnschenswert
erklren, wurde aber damit zurckgewiesen und es trat eine uerst matte
Erklrung an seine Stelle, wonach "die Mglichkeit einer Verstndigung
von Fall zu Fall in Betracht" gezogen werden sollte.

Am deutlichsten aber trat der brgerliche Klassencharakter der
Frauenbewegung hervor, als im Jahre 1899 die huslichen Dienstboten
anfingen, sich auf ihre Menschenrechte zu besinnen, und sich gegen die
unwrdige Lage, in der sie sich befinden, aufzulehnen. Bis ins innerste
Herz wurde die ganze brgerliche Gesellschaft dadurch getroffen; solange
die Arbeiterinnenbewegung sich auerhalb der eignen vier Wnde
abspielte, konnte sie noch auf Sympathien rechnen, besonders bei den
Frauen, die keine Unternehmer waren, also nichts von ihren Forderungen
glaubten frchten zu mssen. Die Dienstbotenfrage aber machte sich in
ihrem eigensten Reich, im Hause selbst, empfindlich geltend, sie
verlangte direkte Opfer von ihnen und damit verwandelte sich, von
wenigen Ausnahmen abgesehen, ihr Wohlwollen in Abneigung, ja vielfach in
Ha, der alle diejenigen in Acht und Bann erklrte, die mit der
Dienstbotenbewegung sympathisirten. Schon die Haltung des Berliner
Internationalen Frauenkongresses war charakteristisch; fr lange
Berichte ber Wohlthtigkeitsorganisationen war Zeit in Flle vorhanden,
als aber Dr. Schnapper-Arndt die Dienstbotenfrage errtern wollte,
konnte er nicht zu Ende sprechen, und niemand ging in der Diskussion
darauf ein. Noch schlimmer war das Auftreten des Berliner
Hausfrauenvereins unter Leitung von Frau Lina Morgenstern: um das
"Verlieren" der in Deutschland blichen, mit Zeugnissen versehenen
Dienstbcher wirkungslos zu machen, verlangte er die direkte Einreichung
dieser Zeugnisse an die Polizei, damit die Herrschaften hier stets
Einsicht von ihnen nehmen knnten.

Die Dienstbotenbewegung selbst schien den Frauen zunchst die Zunge
gelhmt zu haben. Erst allmhlich entschlo man sich, sie vorsichtig und
zurckhaltend zu errtern; persnlichen Anteil daran nahmen aber nur
wenige Frauen aus der christlich-sozialen und der radikalen
Frauenbewegung. Der Bund deutscher Frauenvereine konnte sich zu nichts
weiter entschlieen als zu einer Petition um Einfhrung der
Unfallversicherung fr das husliche Gesinde, und eine Anzahl Vereine
erklrten mit groem Pathos, die Miachtung, unter der die Dienstboten
zu leiden haben, dadurch zu beseitigen, da sie von nun an nicht mehr
Dienstboten, sondern "Hausgehilfen" zu nennen seien! Ob ihnen das fr
den Hngeboden und sechzehn Stunden Arbeitszeit als ein ausreichendes
Aequivalent erscheint?! Etwas energischer uerte sich eine der
Frauenrechtlerinnen, Frau Eliza Ichenhuser, indem sie noch den Ersatz
des Dienstbuches durch ein fakultatives Arbeitszeugnis und die
gesetzliche Festlegung eines Wochenminimums an Freiheit forderte.[906]
Der Verband fortschrittlicher Frauenvereine aber zeigte, wie eng
thatschlich die Grenzen fr seine sogenannt radikalen Anschauungen
gezogen sind, indem er sich in seiner Generalversammlung im Oktober 1901
nicht einmal zu dieser Forderung entschlieen konnte, sondern sich nur
darauf beschrnkte, die Abschaffung der Gesindeordnungen, die
Ausdehnung der Unfall- und Krankenversicherung auf die Dienstboten, und
die Zustndigkeit der Gewerbegerichte fr Rechtsstreitigkeiten, die aus
dem Dienstverhltnis sich ergeben, zu verlangen.

Das Haus und seine Ordnung ist thatschlich vor allem fr die deutsche
Frau ein Noli me tangere. Nichts zwang sie bisher von der primitiven Art
ihrer Haushaltung und Wirtschaftsfhrung abzugehen, und wie es eine alte
Erfahrung ist, da das Gute nur ausnahmsweise um des Guten willen
geschieht und soziale Reformen niemals allein um ihrer selbst willen
eingefhrt werden, ein uerer Zwang sie vielmehr zur Notwendigkeit
machen mu, so wird eine Aenderung dieser Verhltnisse, die die traurige
Lage der Dienstboten bedingen, erst dann erfolgen, wenn der Mangel an
huslichen Lohnarbeitern dazu zwingt. Beweis dafr ist die Haltung der
brgerlichen Frauen gegenber der Dienstbotenfrage im Ausland, wo es
mehr und mehr an Krften fehlt, die sich dem Hausdienst zur Verfgung
stellen. Nicht nur, da die Arbeits- und Lebensbedingungen berall
bessere sind als in Deutschland, da Einrichtungen aller Art den Dienst
erleichtern, da weder Dienstbcher, noch Ausnahmerechte, wie unsere und
die sterreichischen Gesindeordnungen, irgendwo noch existieren, auch
das Dienstverhltnis selbst verschwindet mehr und mehr. Der Pariser
Frauenkongre von 1900 lehnte zwar die Beschrnkung der Arbeitszeit ab,
er verlangte aber eine Festsetzung der Ruhepausen, was sich in der
Praxis als ziemlich dasselbe herausstellen drfte. Auf dem Londoner
Frauenkongre ein Jahr vorher wurde von einer Rednerin unter lebhaftem
Beifall die Ansicht vertreten, fr alle huslichen Dienste, auer dem
Hause wohnende Arbeitskrfte heranzuziehen, wie es jetzt schon vielfach
geschieht, wenn Kochfrauen, Aufwrterinnen, Lohndiener beschftigt
werden.[907] In Amerika hat sich zu diesem Zweck ein besonderer
Frauenverein gebildet, der fr den huslichen Dienst die
Arbeitsvermittlung in Hnden hat, und bei dem die Hausfrauen fr jede
Art Arbeit stunden- und tageweise Mdchen engagieren knnen. Eine andere
Art, dem Mangel an Dienstboten zu begegnen und die Hausfrau zu
entlasten,--wir sehen auch hier, wie bei der Stellungnahme der
brgerlichen Frauenbewegung zur Hausindustrie, da es in erster Linie
das persnliche Interesse ist, das zu Reformen zwingt,--wurde auf der
Konferenz der englischen Gesellschaft fr Frauenarbeit im Jahre 1899
vorgeschlagen: "Ein spekulativer Baumeister," so sagte die Rednerin,
"sollte hier der Pionier sein, indem er Mietshuser mit je einer
Zentralkche und einer Zentralwaschkche baut.... Man hat berechnet, da
man halb so viel fr Nahrung ausgeben wrde, wenn die Verschwendung an
Materialien und Arbeitskrften, die unzweckmige Kochart wegfielen....
Warum also hundert Herdfeuer anstecken, wenn eines gengt, warum hundert
Kchengerte abwaschen, wenn nur eines ntig gewesen wre.... Was finden
wir denn heute in den berhmten, poetisch verherrlichten englischen
Husern: schlechtes Essen, Fettgeruch, Wschedunst und abgearbeitete
Frauen."[908] Genau denselben Standpunkt vertritt eine Amerikanerin,
wenn sie sagt[909]: "Whrend jetzt zwanzig Frauen in zwanzig Haushalten
den ganzen Tag arbeiten und ihre verschiedenen Pflichten doch ungengend
erfllen, knnte dieselbe Arbeit besser und in krzerer Zeit durch
wenige Spezialisten ausgefhrt werden."

Die Notwendigkeit der Organisation der Proletarierinnen als Mittel zu
ihrer Befreiung hat die brgerliche Frauenbewegung am sptesten erkannt.
Selbstverstndlich: Denn das bedeutet einen entschiedenen Bruch mit der
alten Anschauungsweise, die darauf beruht, da die Armen Wohlthtigkeit
und Recht aus den Hnden der Herrschenden entgegen zu nehmen haben. Sich
durch Macht zum Recht zu verhelfen, ist in den Augen der meisten heute
noch gleichbedeutend mit Revolution. Mehr noch gilt hier, was bei den
Fragen der Gesetzgebung gilt, da die Initiative niemals von den
Frauenrechtlerinnen ausging. Sie traten erst dann als Organisatorinnen
und Agitatorinnen der Gewerkschaften auf den Plan, als die Proletarier
selbst die schwerste Arbeit, die Erringung der gesetzlichen Anerkennung
hinter sich hatten, und eine Gefahr fr Staat und Gesellschaft nicht
mehr in ihnen erblickt wurde. In der ersten Zeit der Beteiligung der
brgerlichen Frauen an der Gewerkschaftsbewegung, die in das achte
Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts fllt, war ihr Einflu ein direkt
nachteiliger. Sie trugen, wie in die Kmpfe um den Arbeiterschutz,
frauenrechtlerische Ideen hinein und statt da die Solidaritt der
Arbeiterin mit dem Arbeiter sofort zu energischem Ausdruck kam, wurde
die ursprnglich frauenrechtlerische Mnnerfeindschaft dadurch
propagiert, da man Gewerkschaften mit ausschlielich weiblichen
Mitgliedern ins Leben rief. Wir sahen bereits, wie die englische Women's
Trades Union Provident League gleich im Anfang ihres Bestehens unter die
Leitung von Damen der hohen Aristokratie geriet, und es daher geraume
Zeit dauerte und erst die Folge vieler bitterer Erfahrungen und harter
Enttuschungen war, ehe die Propaganda fr Nur-Frauen-Gewerkschaften der
fr gemischte Gewerkschaften Platz machte. Der gefestigten Erkenntnis
der Arbeiter Englands und der Macht ihrer Organisationen ist es zu
verdanken, da heute auch manche Frauen der Bourgeoisie, Lady Dilke an
der Spitze, einsehen, da nicht das Geschlecht, sondern die Klasse das
Bindemittel der Solidaritt sein mu. In Frankreich tritt gerade in
dieser Richtung der frauenrechtlerische Standpunkt noch schroff hervor,
weil die Vertreterinnen der brgerlichen Frauenbewegung erst in
allerjngster Zeit begonnen haben, sich mit der Organisation der
Arbeiterinnen zu beschftigen und ihnen nicht, wie in Deutschland, eine
krftige einheitliche Arbeiterinnenbewegung gegenbersteht. Sie haben in
Paris in rascher Folge die verschiedensten Frauengewerkschaften
geschaffen, fr die diejenige der weiblichen Typographen,--von der
"Fronde" und ihrer Direktorin ausgehend,--besonders charakteristisch
ist: sie steht in schroffem Gegensatz zu den mnnlichen Kollegen, und
kmpft, entgegen dem Gesetz und den Grundstzen der gesamten
Arbeiterschaft, gegen das Verbot der Nachtarbeit fr Frauen, wenigstens
in ihrem Gewerbe. Ein anderes Prinzip, ebenso schdigend fr die
Interessen der Arbeiterinnen, kommt in den Organisationen zum Ausdruck,
die kirchliche Kreise schufen und erhalten. Sie umfassen, wie das
Syndikat l'Aiguille in Paris, Unternehmer und Angestellte, wodurch die
Mglichkeit des Kampfes um bessere Arbeitsbedingungen von vornherein
ausgeschlossen ist, oder sie sind, wie die Socit de Secours mutuel,
die Gesellschaften La Couturire, La Mutualit maternelle, l'Avenir
fast ausschlielich Wohlthtigkeitsvereine, die unter strengem
kirchlichen Regimente stehen.

Die Verwischung des eigentlichen Charakters der Gewerkschaften als
sozialer Kampforganisationen durch den Einflu brgerlicher Elemente
tritt aber nirgends so deutlich zu Tage als in Deutschland. Sehr spt
erst, von einzelnen fruchtlosen Bemhungen abgesehen, ist die
brgerliche Frauenbewegung der gewerkschaftlichen Frage nher getreten
und zwar zuerst in einem Berufskreis, der ihr persnlich am nchsten
stand: in dem der Handelsangestellten. In vollstndiger Verkennung der
Tendenzen der Gewerkschaftsbewegung, die positive Resultate nur durch
Zusammenschlu der Arbeiter allein erreichen und die Schmutzkonkurrenz
der Frauen nur durch ihre Vereinigung mit den mnnlichen Arbeitsgenossen
beseitigen kann, grndete der Verein "Frauenwohl" zuerst in Berlin den
Hilfsverein fr weibliche Angestellte, der nicht ausschlielich die
Frauen organisiert, sondern Arbeiter und Arbeitgeber umfat. In
verschiedenen Grostdten Deutschlands wurden hnliche Vereine
geschaffen und die Handelsangestellten strmten ihnen um so eher zu, als
ihnen nicht nur Vorteile aller Art,--deren Wert fr sie wir gewi nicht
verkennen wollen,--geboten werden, sondern der ursprngliche
Standesdnkel der Tchter der kleinen Bourgeoisie hier genhrt wird. Die
Zahlen der auf diese Weise organisierten Frauen sind folgende:

Berlin                13000
Frankfurt a. M.         800
Breslau                 950
Knigsberg i. Pr.       600
Kassel                  210
Kln                    400
Stuttgart               345
Leipzig                 700
Magdeburg               160
Bromberg                120
Danzig                  240
Mnchen                 210
Thorn                    60
Stettin                 150
Mainz                   115
Mannheim                210
Posen                   150
Hamburg                 600
Dresden                 120
            ---------------
            Im ganzen 19140

Die Bedeutung dieser Organisationen ist daher keineswegs zu
unterschtzen, wenn auch angenommen werden kann, da von den
Organisierten etwa 20 bis 25 % den Unternehmerkreisen angehren. Aber
alles, was sie, infolge ihrer numerischen Strke, ihren Mitgliedern
bieten, kaufmnnische Ausbildung, Fortbildungskurse, Bibliothek,
Vortrge, Theater, Ferienaufenthalte, Stellenvermittlung,
Krankenversicherung u.s.w., wird durch den groen Schaden aufgewogen,
den sie ihnen zufgen, indem sie das Abhngigkeitsgefhl von den
Arbeitgebern und dem brgerlichen Element in ihrer Mitte in den an sich
schon rckstndigen Mitgliedern befestigen, das Aufkommen des
Solidarittsgefhls mit den Lohnarbeitern aller Berufe unterdrcken, und
die Krfte, die einer so starken Organisation innewohnen, brach liegen
lassen.

Noch deutlicher tritt der einseitige, die Arbeiterinnenfrage vllig
verkennende Standpunkt der brgerlichen Frauenbewegung in dem ersten
Versuch einer Dienstbotenorganisation hervor, wie ihn Mathilde Weber
1894 durch die Grndung des Vereins der Hausbeamtinnen unternahm.[910]
Auch sie dachte dabei allein an die Tchter der eigenen Klasse: die
Gesellschafterinnen, Sttzen der Hausfrau, Wirtschafterinnen,
Kindergrtnerinnen, kurz an alle diejenigen, deren Stellung sich von dem
einfachen Dienstmdchen meist nur durch den Titel "Frulein"
unterscheidet. Die Verwaltung dieses Vereins liegt ausschlielich in den
Hnden der Herrschaften und die Mitglieder haben so wenig zu sagen, da
die Generalversammlung sich auch dann fr beschlufhig erklrt, wenn
nur der Vorstand anwesend ist! Demgegenber bedeutete der fnf Jahre
spter gegrndete Verein Berliner Dienstherrschaften und
Dienstangestellter immerhin einen leisen Fortschritt, indem er zwar, wie
die Vereine der Handelsangestellten auf dem unmglichen
Harmoniestandpunkt zwischen Unternehmer und Arbeiter steht, aber diesem
doch dieselben Rechte einrumt als jenem. Die Gefahr der Verwischung und
Unterdrckung des Solidarittsgefhls, des allein zum Selbstbewutsein
erziehenden Klassenbewutseins ist aber berall gleich gro. So auch in
den Versuchen der Vertreterinnen der christlichen Frauenbewegung, die
Heimarbeiterinnen zu organisieren; wie z.B. in Berlin, wo der 1899
gegrndete Verein etwa 200 Mitglieder zhlt. Sie laufen im wesentlichen
auf Wohlthtigkeit hinaus und nhren in den Proletarierinnen jenen
verderblichen Sklavensinn, der von Rechten nichts wei, sondern alles,
was ihm geboten wird, demtig und dankbar aus der Hand des Herrn
entgegennimmt.

Die alleinige Ausnahme von der Regel, das erste Zeichen einer reiferen
Erkenntnis bildet der von Mnchener Frauenrechtlerinnen gegrndete
Kellnerinnenverein: er ist, auch was seine Leitung betrifft, ein reiner
Arbeiterinnenverein, der von vornherein keinerlei Harmonie zwischen
Unternehmern und Angestellten heuchelte und in seinen Forderungen nicht
zurckhaltend war. Der einzige Punkt, der an die Grnder gemahnt, ist
die Thatsache, da der Verein ausschlielich auf weibliche Mitglieder
zugeschnitten ist, dessen Bedeutung aber dadurch wesentlich abgeschwcht
wird, da in Mnchen mnnliche Kellner zu den Ausnahmen gehren. Von den
2 bis 3000 Mnchener Kellnerinnen sind 230 Vereinsmitglieder.

Die Zurckgebliebenheit der brgerlichen Frauenbewegung in Bezug auf die
gewerkschaftliche Organisation ist auf Grund ihres Ursprungs vollkommen
verstndlich; die wirtschaftliche Not, die sich in dem Ausschlu der
weiblichen Arbeitskraft aus allen brgerlichen Arbeitsgebieten
ausdrckte, rief sie hervor, ein Kampf gegen den Mann, ein mehr oder
weniger gewaltsames Vordringen in seine Berufssphren war die Folge. Die
brgerliche Frauenwelt bildete gewissermaen eine gegen den Unterdrcker
solidarisch verbundene Klasse der Unterdrckten, und sie lebte des
Glaubens, da ihre Interessen die Interessen des gesamten weiblichen
Geschlechtes sind. Diese Anschauungsweise ist dort am meisten
eingewurzelt, wo den Forderungen der Frauen der zheste Widerstand
entgegengesetzt wird, wo man ihre Bewegung geringschtzt, wo sie noch
nicht den mindesten politischen Einflu haben. Dahin gehrt vor allem
Deutschland. Hier fhlen sie sich als eine Partei fr sich, und es ist
nur die idealistische Verbrmung einer traurigen Thatsache, wenn sie
nicht mde werden, zu erklren: wir stehen "ber" den Parteien; ihr
naives Selbstgefhl und ihr vlliger Mangel an Einsicht in die sozialen
und wirtschaftlichen Entwicklungsgesetze tritt noch hinzu, um es mglich
zu machen, da sie in dem Kampf zwischen Kapital und Arbeit nur das
knstliche Produkt politischer Parteiungen sehen und auch hier Frieden
zu stiften glauben, wenn sie die "rmeren Schwestern" in ihre Arme
ziehen. Sie verstehen nicht, oder wollen nicht verstehen, da ihre Wege
sich vllig voneinander scheiden. Wohl ist auch der Ursprung der
Arbeiterinnenbewegung die wirtschaftliche Not, aber sie uert sich
nicht im Ausschlu der weiblichen Arbeitskraft aus den Arbeitsgebieten
durch den Mann, sondern in der bermigen Ausbeutung der Arbeitskrfte
beider durch den Kapitalismus. Ihr Klasseninteresse verbindet sie daher
nicht mit ihren Geschlechtsgenossinnen, sondern mit ihren Arbeits- und
Leidensgenossen. Wo die brgerliche Frauenbewegung dieses
Interesse nicht aufkommen lt, wie durch zahlreiche ihrer
Wohlthtigkeitsinstitutionen, wo sie an seine Stelle die
Interessengemeinschaft mit den Vertretern des Kapitalismus zu setzen
sucht, wo sie das Gefhl der Solidaritt der weiblichen mit den
mnnlichen Arbeitern bewut oder unbewut erschttert und unterdrckt,
wie fast durchweg in ihren Organisationsversuchen, wo sie sich endlich
der Hebung der Arbeiterklasse direkt widersetzt, wie durch die Ablehnung
der Arbeiterschutzgesetzgebung, da ist sie eine gefhrliche Feindin der
Arbeiterinnen, ein Hindernis auf dem Wege zur Lsung der
Arbeiterinnenfrage. Die einzig richtige Haltung, die sie ihr gegenber
einnehmen, den einzigen Nutzen, den sie stiften kann, ist die
Verbreitung und Vertiefung der Erkenntnis der Notlage des weiblichen
Proletariats und die Propagierung der Arbeiterschutzgesetze im Sinne der
Arbeiter selbst. Nicht zu einer unmglichen Harmonie zwischen den
Klassen, wohl aber zu einer schlielichen Aufhebung der
Klassengegenstze wrde sie, freilich unbeabsichtigt, dadurch die Wege
ebnen helfen.




9. Die sozialpolitische Gesetzgebung und ihre Aufgaben.

Der Arbeiterinnenschutz.


Die Gesetzgebung zu Gunsten der arbeitenden Klasse war das Resultat
eines zhen Kampfes der Unterdrckten gegen die Unterdrcker und
entsprang viel weniger ethischer Einsicht oder humanitren Bestrebungen,
als dem Selbsterhaltungstrieb der herrschenden Klasse. Diese
charakteristischen Zge tragen bereits die ersten Anfnge der englischen
Arbeiterschutzgesetzgebung des vorigen Jahrhunderts. Die verheerenden
Seuchen, die sich in den Fabrikzentren Englands entwickelten und die
kindlichen Arbeiter in Scharen dahinrafften, ntigten zu dem ersten
Schutzgesetz des Jahres 1802. Die nationale Gefahr eines frhzeitigen
Verbrauches des Menschenmaterials wurde aber schlielich auch von allen
anderen Staaten anerkannt. Selbst zu den schwchlichen Versuchen eines
gesetzlichen Kinderschutzes entschlo man sich indessen erst, als die
grauenhaftesten Zustnde mit nicht zu bersehender Deutlichkeit an das
Licht des Tages traten und die ffentliche Meinung in starke Erregung
versetzt worden war. Im Namen der Freiheit verteidigten die Fabrikanten
die schrankenlose Unterdrckung und Ausbeutung der Arbeiter. Sie
beriefen sich dabei auf das Recht der freien Selbstbestimmung, das durch
den Eingriff des Staates in das Verhltnis zwischen Unternehmern und
Arbeitern verletzt wrde und wurden darin durch die manchesterliche
Nationalkonomie untersttzt. Aber wie einerseits die moderne
Produktionsweise ihnen zu Macht und Reichtum verhalf, so entwickelte
sich andererseits mit ihr jener wichtige Faktor, der der Ausbreitung
ihrer Machtsphre einen Damm entgegenzusetzen vermochte: die moderne
Arbeiterbewegung. Wie sie Schritt fr Schritt vordrang, immer wieder
zurckgestoen von denen, die in ihr mit Recht den einzigen Feind
frchteten, der ihre Herrschaft erschttern knnte, wie sie schlielich,
am Ende des 19. Jahrhunderts, den herrschenden Klassen in fest gefgter
Phalanx gegenbersteht,--das ist ein Werdegang, der auch in der
Gesetzgebung seine Spuren hinterlassen hat.

Zuerst waren es allein die Frauen, deren gesetzlichen Schutz man
durchsetzte. Natrlich genug; denn einmal fiel in Bezug auf sie, die
immer Bevormundeten, das Recht der freien Selbstbestimmung nicht so
schwer in die Wagschale, und dann hing es von ihnen ab, den Mttern des
Volkes, ob auf kommende Generationen arbeitsfhiger Menschen zu rechnen
sei. Aber selbst diese, vom Standpunkt der Fabrikanten aus
einleuchtenden Grnde blieben lange Zeit hindurch vllig unbeachtet. Es
waren der Arbeitsuchenden zu viele, als da man aus egoistischen Motiven
den Schutz der Einzelnen fr ntig gehalten htte: mochten die Frauen
mit 25 Jahren arbeitsunfhig sein, mochten die Kinder in Scharen zu
Grunde gehen, es gab noch tausendfltigen Ersatz fr sie. Eines langen
und erbitterten Kampfes bedurfte es, ehe man sich zu den ersten
Versuchen einer Arbeiterschutzgesetzgebung entschlo.

Von England, der Heimat des Fabrikwesens, ging sie aus. Die
Zehnstundenbewegung, an deren Spitze brgerliche Philanthropen standen,
die Chartistenbewegung, in der die ganze Wut der Geknechteten gegen ihre
Unterdrcker zum Ausdruck kam,--waren die beiden groen Feldzge, die
mit den ersten sprlichen Siegen der Arbeiter endeten; 1847 wurde der
Zehnstundentag fr die Textilarbeiterinnen Englands Gesetz. Ihm zur
Anerkennung zu verhelfen, war wieder ein Kampf fr sich, den die
Arbeiter mit Untersttzung der ersten aufopferungsvollen
Fabrikinspektoren zu fhren hatten. Durch die Einfhrung schichtweiser
Beschftigung suchten die Fabrikanten zunchst das Gesetz zu umgehen,
bis eine neue Verordnung einen Riegel vorschob. Ganz allmhlich wurden
auch andere Industrien der Fabrikgesetzgebung unterstellt. "Ihre
wundervolle Entwicklung von 1853-1860 Hand in Hand mit der physischen
und moralischen Wiedergeburt der Fabrikarbeiter, schlug das bldeste
Auge, die Fabrikanten selbst, denen die gesetzliche Schranke und Regel
des Arbeitstages durch halbhundertjhrigen Brgerkrieg Schritt fr
Schritt abgetrotzt war, wiesen prahlend auf den Kontrast in den noch
'freien' Exploitationsgebieten hin," sagt Marx.[911] Mit der Erkenntnis
aber, da der Arbeiterschutz ihnen selbst zum Vorteil gereichte, war der
Widerstand der Fabrikanten dagegen gebrochen.

Englands Vorgehen, das ebenso in seiner rapiden industriellen, wie in
seiner politischen Entwicklung die Erklrung findet, war fr den
Kontinent, wo sich der Uebergang zum Fabriksystem relativ langsam
vollzog und alle vorwrts treibenden Krfte sich auf den Kampf gegen die
politische Reaktion konzentrieren muten, kein anfeuerndes Beispiel.
Selbst jener erste Maximalarbeitstag, mit dem die junge franzsische
Republik die erregten Volksmassen abzuspeisen gedachte und der die
Arbeitszeit aller Arbeiter auf 12 Stunden festsetzte, hatte keinerlei
praktische Konsequenz, weil es an Mitteln fehlte, um die Durchfhrung
des Gesetzes zu gewhrleisten. Erst 1874, nach endlosen heftigen
Streitigkeiten, gelangte der erste schchterne Versuch eines besonderen
Arbeiterinnenschutzes in der Nationalversammlung zur Annahme. Er
beschrnkte sich auf das Verbot der Nachtarbeit Minderjhriger und das
Verbot der Arbeit unter Tage fr Frauen jeden Alters. Aber selbst diese
klglichen Bestimmungen stieen auf den heftigsten Widerstand der
Industriellen, die alles thaten, um sie zu umgehen, oder ihre
Abschaffung durchzusetzen,--ein Zustand des Kampfes und des vielfach
fruchtlosen Widerstandes derer, die das Gesetz schtzen wollte, der
achtzehn Jahre andauerte.

Noch langsamer entwickelte sich der Arbeiterinnenschutz in Oesterreich,
denn vor 1885 war berhaupt kaum eine Spur von ihm vorhanden: sowohl die
Nachtarbeit, als die Arbeit unter Tage wurde den Frauen nicht verwehrt.
Dann aber nahm er einen Aufschwung, durch den er Frankreich
berflgelte: der Elfstundentag, der vierwchentliche Wchnerinnenschutz
wurde eingefhrt, die Arbeit unter Tage und bei Nacht verboten.

Deutschlands Anfnge auf dem Gebiete des Arbeiterinnenschutzes fallen
ziemlich genau mit dem Erstarken der sozialdemokratischen Partei
zusammen, deren mit immer grerem Nachdruck vorgebrachte Forderungen
das treibende Element in der Bewegung waren. Aber es trat noch Eins
hinzu, dessen Wichtigkeit nicht unterschtzt werden darf, und dessen
Trger die politische Vertretung des deutschen Katholizismus, das
Centrum, war. Von vollkommen entgegengesetzten Standpunkten ausgehend,
grundverschiedenen Zielen zusteuernd, kamen beide Parteien in ihren
praktischen Forderungen gelegentlich zu hnlichen Resultaten. Aber
whrend die Sozialdemokratie im gesetzlichen Schutz der Arbeiter und
Arbeiterinnen nur ein Mittel sah, sie krperlich und geistig fr den
Klassenkampf zu strken und fhig zu machen, glaubte das Centrum durch
ihn die Entwicklung zurckzuschrauben. Es propagierte an erster Stelle
die Sonntagsruhe, nicht aus hygienischen, sondern aus religisen
Grnden, es forderte einen Arbeiterinnenschutz, der den vlligen
Ausschlu der Frauen von der Fabrikarbeit zum Ziel hatte, um die Familie
in ihrer alten Form zu erhalten und den Einflu der Arbeitsgenossen auf
die Frau zu verhindern, sie aber, und damit die Ihren, statt dessen
wieder unter den Einflu der Kirche zu zwingen. Von diesem
Gesichtspunkt aus warf sich das Centrum hier im Verein mit manchen
Konservativen sogar vielfach zum Beschtzer der Hausindustrie und der
Heimarbeit auf. Wie dem aber auch sei, Thatsache ist, da die
Entwicklung des Arbeiterinnenschutzes in Deutschland mit unter dem
Einflu des Centrums vor sich ging.

Anfang der siebziger Jahre unternahm die Regierung, einem Antrag des
Reichstags folgend, eine Enquete ber die Lage der kindlichen und
weiblichen Arbeiter, deren Ergebnisse die Novelle zur Gewerbeordnung
hervorrief, die sie 1878 dem Reichstag vorlegte. Sie enthielt in Bezug
auf den Arbeiterinnenschutz einige Bestimmungen,--so das Verbot der
Beschftigung von Wchnerinnen in Fabriken vier Wochen nach der
Niederkunft und das der Frauenarbeit unter Tage,--und erteilte dem
Bundesrat die Ermchtigung, die Beschftigung von Frauen und
jugendlichen Arbeitern aus Grnden der Gesundheit und Sittlichkeit in
bestimmten Betrieben zu verbieten, aber die Wirkung selbst dieser
schwchlichen Verbesserungen der Schutzvorschriften wurde dadurch im
Keime erstickt, da sie nicht mit der obligatorischen Einfhrung der
Fabrikaufsicht Hand in Hand gingen. Mit denselben Grnden, durch die die
englischen Fabrikanten vor vierzig Jahren ihren Widerstand gegen die
Schutzgesetzgebung gesttzt hatten, kmpfte in Deutschland die
Regierung, an ihrer Spitze Bismarck, gegen die Gewerbeaufsicht[912], und
noch zehn Jahre spter verweigerte der Bundesrat einem Gesetzentwurf mit
durchgreifenden Schutzvorschriften, den der Reichstag angenommen hatte,
seine Zustimmung, weil er ein Bedrfnis dafr nicht anzuerkennen
vermochte. Die Industrie, so meinte er, bedarf der Frauenarbeit in
unbeschrnktem Mae, und die Arbeiterfamilien, so fgte er hinzu, um
sich nicht die Ble einseitiger Interessen zu geben, bedrfen ihrer
nicht minder.

Schlielich aber sah sich die Regierung gezwungen, den Wnschen des
Reichstags nachzugeben; vor allem glaubte sie, durch soziale Reformen
die wachsende Macht der Sozialdemokratie zu erschttern. Das
theatralische Schaustck einer internationalen Arbeiterschutzkonferenz
wurde insceniert, und war im stande auch ernsten Leuten Sand in die
Augen zu streuen. Thatschlich war ihre Bedeutung lediglich eine
symptomatische, indem sie bewies, da das Bestreben der Arbeiter nach
Besserung ihrer Lage nach jahrzehntelangem Kampf endlich zu teilweisem
Siege zu fhren schien, und eine informierende, indem sich zeigte, wie
weit der Gedanke eines erweiterten Arbeiterinnenschutzes,--denn neben
der Frage der Sonntagsruhe und der Kinderarbeit beschftigte man sich
lediglich mit der Fabrikarbeit der Frauen,--in den einzelnen Staaten
bereits Fu gefat hatte. Das Ergebnis, soweit die Frauenarbeit berhrt
wurde, war geringfgig genug. Deutschland, Oesterreich, England und die
Schweiz einigten sich ber folgende Punkte: allgemeine Sonntagsruhe fr
alle Industriearbeiter, Verbot der Nachtarbeit fr jugendliche Arbeiter
und fr Frauen, Zehnstundentag fr Jugendliche, Elfstundentag fr
Frauen, vierwchentliche Arbeitsunterbrechung fr Wchnerinnen, Verbot
der Frauenarbeit unter Tage. Belgien, das heute noch in Bezug auf den
Arbeiterinnenschutz zu den zurckgebliebensten Lndern gehrt, und
Frankreich, das ihm nur wenig voraus ist, machten bei den meisten
Punkten Vorbehalte oder sie erklrten sich direkt dagegen. Ohne zu
positiven Resultaten gelangt zu sein, ging die Konferenz auseinander und
es blieb jedem einzelnen Staat wieder berlassen, den Arbeiterschutz
nach seinem Gutdnken auszubauen. Das letzte Jahrzehnt des neunzehnten
Jahrhunderts, an dessen Wiege das arbeitende Volk in all seinem
grenzenlosen Jammer gestanden hatte, dessen Mannesalter durch seine
stumme Qual und Ausbrche wtender Verzweiflung verdstert wurde, bot
den Millionen ausgebeuteter Proletarier nur ein paar Brosamen von seiner
ppigen Tafel. Sie kamen, nchst den Kindern, wesentlich den Frauen zu
gute.

Eine Vorstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
Arbeiterinnenschutzgesetzgebung giebt die Tabelle [unten].

Ihr Inhalt bezieht sich lediglich auf die industriellen Arbeiterinnen
und er schliet sowohl die nheren Bestimmungen ber Hausindustrie und
Heimarbeit als alle diejenigen Gesetze aus, die sich mit den
Handelsangestellten, den Landarbeiterinnen, den Kellnerinnen und
Dienstboten beschftigen.

Betrachten wir zunchst die Frage der Arbeitszeit. Der Normalarbeitstag
war von jeher ein Palladium der Arbeiterbewegung gewesen. In England
und mehr noch in Australien hatten sich die Gewerkschaften die
allmhliche Herabsetzung der Arbeitszeit erkmpft und vielfach ihr Ziel,
den Achtstundentag, durch kollektive Vertragschlieung erreicht. Sie
hatten, belehrt durch ihre Lebenslage, die nur durch Verkrzung der
Arbeitszeit eine menschenwrdige werden konnte, den Standpunkt des
einseitigen Individualismus, der jeden Zwang auf die Persnlichkeit,
jede Einschrnkung des freien Willens ablehnt, lngst aufgegeben und
erstrebten berall auch die gesetzliche Festlegung der Arbeitszeit. Um
so heftiger strubten sich die Unternehmer dagegen, indem sie ihre Sorge
um die Verringerung ihres Profits in die sentimentale Phrase zu
verkleiden suchten, da es niemanden verwehrt sein drfe, fr seine
Familie, fr seine Kinder so lange zu arbeiten als er wolle. Aber ihre
Berufung auf die Freiheit des Individuums im allgemeinen und die
Freiheit des Arbeitsvertrags im besonderen,--eine der wichtigsten
Grundstze des Liberalismus,--kam in Bezug auf die weiblichen Arbeiter
in Kollision mit einem anderen Grundsatz, den die ganze brgerliche
Gesellschaft zu dem ihren gemacht hatte, auf dem ihre Existenz zum Teil
beruht: der Erhaltung der Familie und des Familienlebens in seiner alten
Form, als deren Trgerin die Frau erscheint. Und so war es der indirekte
Einflu der weiblichen Industriearbeit, der den starren Widerstand der
Bourgeoisie besiegen half, und sie den ersten Schritt auf dem Wege zum
Normalarbeitstag gehen lie. In allen fnf Staaten unserer Tabelle ist
die Arbeitszeit der Frauen geregelt; auch Ruland, Australien und
Nordamerika sind in hnlicher Weise vorgegangen, whrend Belgien,
Holland, die skandinavischen Lnder und Italien die gesetzliche
Beschrnkung des Arbeitstages nur fr Kinder und junge Leute eingefhrt
haben. Was aber die Bestimmungen der einzelnen Lnder wesentlich
voneinander unterscheidet ist vor allem der Umstand, da sie sich nur
noch zum Teil allein auf die weiblichen Arbeiter beziehen:
Frankreich--mit einer gewissen Modifikation--, Oesterreich, die Schweiz,
einige Staaten Nordamerikas und Kolonien Australiens beschrnken die
Arbeitszeit erwachsener Fabrikarbeiter in demselben Ma wie die
erwachsener Fabrikarbeiterinnen. Die natrliche Erwgung, da die
Betriebe, in denen Arbeiter beiderlei Geschlechts nebeneinander
arbeiten, eine auerordentliche Strung erleiden, wenn der eine Teil
zehn oder elf, der andere zwlf oder dreizehn Stunden beschftigt ist,
hat dazu den Anla gegeben. Die Notwendigkeit der Beschrnkung der
Arbeitszeit der Frauen fhrte daher die viel und hei umstrittene Frage
des Maximalarbeitstages der Mnner ihrer Lsung entgegen. Das zeigt sich
noch deutlicher in den Staaten, wo eine gesetzliche Regelung der
Mnnerarbeit noch nicht durchgesetzt worden ist. So wurden die deutschen
Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt mit der Aufgabe betraut, der
Arbeitszeit und ihrer Ausdehnung ihre besondere Aufmerksamkeit
zuzuwenden. Whrend sie im Jahr 1885, vor der Regelung der Frauenarbeit,
noch eine zwlf-, dreizehn- und mehrstndige Arbeitszeit der Mnner
feststellten, schwankte sie im Jahr 1897, also nach der Regelung,
zwischen neun und elf Stunden.[913] In England, wo die Macht der
Gewerkschaften diese Entwicklung noch beschleunigen hilft, zeigt sich
dasselbe Bild.[914] Angesichts dessen und der uns bekannten Thatsache
der rapiden Zunahme der Frauenarbeit beantwortet sich die Frage nach dem
Nutzen oder Schaden ihrer gesetzlichen Beschrnkung von selbst, und es
zeugt nur von groem Mangel an Einsicht, wenn man ber die Entscheidung
im Zweifel sein kann. Die Beschrnkung der Arbeitszeit weiblicher
Arbeiter ist nicht nur fr sie selbst von grter Bedeutung, sie ist es
auch im Interesse ihrer mnnlichen Arbeitsgenossen. Sie kann aber auch,
und das ist ein Moment, das gerade von der Arbeiterinnenbewegung
vielfach bersehen wird, wenn sie sich zu weit von der effektiven
Arbeitszeit der Mnner entfernt, zum Nachteil der Frauen ausschlagen,
besonders in Zeiten wirtschaftlicher Krisen, in denen dann die Frauen
durch Mnner ersetzt werden wrden. Fr deutsche Verhltnisse z.B. wre
eine Reduktion der Arbeitszeit der Frauen auf zehn und neun Stunden
gegenwrtig schon ohne Schaden fr sie durchfhrbar, weil auch die
Mnner in ihrer Arbeitszeit dieser Stundenzahl immer nher kommen. Den
Achtstundentag aber fr die Frauen allein heute schon erkmpfen zu
wollen, hiee ihnen nicht nutzen. Viel wichtiger wre es gegenwrtig
auch fr die Frauen mit grtem Nachdruck fr den gesetzlichen
Maximalarbeitstag der Mnner einzutreten, wie ihn Frankreich durch den
in wenigen Jahren zur Geltung gelangenden Zehnstundentag zum Gesetz
erhoben hat. Selbstverstndlich bleibt der Achtstundentag das weitere
Ziel, aber, wohl gemerkt, fr Mnner und Frauen. Er ist die
Voraussetzung fr die Befreiung der Arbeiterklasse aus physischer und
geistiger Knechtschaft, er ermglicht erst ihre lebendige Teilnahme an
den Errungenschaften der modernen Kultur. Fr die Frau aber, vor allem
fr die Mutter und Hausfrau, wrde er von noch grerem Werte sein, und
daraus erklrt es sich, da die Arbeiterinnen ihn jetzt schon allein fr
ihr Geschlecht erringen wollen.

Wir kommen damit zur Kritik der Lnge des Arbeitstags, wie er gesetzlich
fr die Frauen festgelegt wurde. Ist die Reduzierung der Arbeit auf zehn
oder elf Stunden wirklich ausreichend, um die Krperkrfte der Frau
nicht zu berbrden, ihre Gesundheit nicht zu gefhrden und sie ihrer
Familie zu erhalten? Die Lage der Fabrikarbeiterinnen, wie wir sie
kennen lernten, erbrigt eine Antwort.

So gro der Fortschritt ist gegenber der unbegrenzten Arbeitszeit, so
gering ist er gegenber den notwendigsten Bedrfnissen; fr das junge
Mdchen, die werdende Mutter, vor allem aber fr die Mutter kleiner
Kinder sind zehn oder elf Stunden Arbeit eine Qual, die fast immer zu
den traurigsten Resultaten fhrt. Die Erkenntnis, da besonders die
verheiratete Frau zur Fhrung ihres Haushalts mehr freier Zeit bedarf,
hat zur Festsetzung der Mittagspause gefhrt, die 1 bis 1-1/2 Stunden zu
dauern pflegt. Es wirkt wie Ironie, wenn man sich vergegenwrtigt, da
in dieser Zeit nicht nur die Hauptmahlzeit des Tages im Kreise der
Familie eingenommen werden soll, sondern vorher auch zubereitet werden
mu, und die Arbeiterin meist fr den Weg hin und her von der Fabrik den
grten Teil der verfgbaren Zeit in Anrechnung zu bringen hat. Die
deutsche Gesetzgebung hat berdies nicht einmal die anderthalb Stunden
festgelegt, sondern nur eine, und bestimmt, da die weitere halbe Stunde
der Arbeiterin "auf ihren Antrag" freigegeben werden soll. Welche
Arbeiterin aber, die so wie so stets um die Erhaltung ihrer
Arbeitsgelegenheit zittert, entschliet sich zu solcher Bitte?
Thatschlich konstatierten die Gewerbeaufsichtsbeamten wiederholt, da
Arbeiterinnen, die den Wunsch danach aussprachen, mit Entlassung bedroht
wurden. Es ist daher nur natrlich, wenn der Wunsch nicht allzu hufig
laut wird. Die halbe Stunde ist auch oft nicht der Mhe wert. Es fragt
sich nun, ob demgegenber eine Verlngerung der Mittagspause
wnschenswert ist. Dabei darf nicht vergessen werden, da eine
ausreichende Erweiterung,--auf drei Stunden etwa,--undurchfhrbar ist,
weil die Betriebsstrung zu gro und die Differenz mit der Arbeit der
Mnner eine zu tiefgehende wre. Viel vorteilhafter fr die Frau und die
Arbeiterfamilie wre es, wenn sie, neben einer etwa einstndigen Pause,
die Arbeit am Abend frher verlassen knnte, womglich gemeinsam mit dem
Mann. An Stelle der mittglichen Hetze wrde eine ununterbrochene Zeit
treten, durch die auch fr den Arbeiter eine Spur huslicher
Gemtlichkeit zuweilen erobert werden knnte. Man pflegt diese
Tageseinteilung als die Einfhrung der englischen Tischzeit zu
bezeichnen, weil sie in England vielfach durchgefhrt worden ist. In
Verbindung aber mit dem zehn- oder elfstndigen Arbeitstag wird das
Ideal, die Sicherung des Familienlebens, die Mglichkeit der
Kindererziehung, dadurch noch nicht im mindesten erreicht. Wohlwollende,
aber kurzsichtige Leute in Verbindung mit reaktionren Politikern, wie
das Centrum sie aufweist, sind daher auf den Gedanken gekommen, da die
Fabrikarbeit verheirateter Frauen berhaupt verboten werden msse, die
Gesetzgebung jedenfalls den Weg dahin heute schon zu betreten habe.[915]
Auch in Arbeiterkreisen fehlt es nicht an Stimmen, die fr diese
Maregel eintreten; die Kongresse der christlichen Arbeiter von
Rheinland und Westfalen forderten schon seit 1873 die Unterdrckung der
eheweiblichen Fabrikarbeit[916]; eine groe Gruppe lediger
Fabrikarbeiterinnen Englands kmpft mit aller Energie gegen die
verheirateten Arbeitsgenossinnen.[917] Auf verschiedene Motive ist diese
Stellungnahme zurckzufhren: auf den uneigenntzigen Wunsch, die Mutter
den Kindern zurckzugeben und auf das eigenntzige Verlangen, eine
lstige, meist lohndrckende Konkurrenz los zu werden.

Abzuleugnen, da die Fabrikarbeit der verheirateten Frau ihr und ihren
Kindern durch ihre groe Ausdehnung empfindlich schadet, wre,
angesichts der Thatsachen, eine Vermessenheit. Es fragt sich nur, ob die
zwangsweise Ausschlieung davon ihr nutzen wrde. Fr Deutschland ist es
durch die Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten erwiesen, da die
bergroe Mehrheit der Frauen durch die Not zur Fabrik getrieben wird.
Einer der Befrworter des Ausschlusses definiert den Begriff Not, indem
er erklrt, nur dort drfe von ihr gesprochen werden, wo der Verdienst
der Frau "unbedingt" erforderlich ist, damit die Familie "nur" leben
knne.[918] Um solche Not handelt es sich zumeist; wir sehen aber Not
auch dort, wo zwar der momentane Hunger gestillt wird, aber die Angst um
die Zukunft nie weicht und alle Freuden des Lebens entbehrt werden
mssen. Auch in diesem Fall hat die Frau das Recht und die Pflicht, zu
arbeiten. Schlieen sich ihr die Thore der Fabrik, so wird die
Hausindustrie und die Heimarbeit mit all ihren Schrecken sie aufnehmen,
und man wird die Zersetzung rckstndiger Betriebsformen dadurch noch
lnger aufhalten. Der vorhin zitierte Gegner der eheweiblichen
Fabrikarbeit sieht darin allerdings einen glcklichen Ausweg fr
wirklich notleidende Ehefrauen; sie knnen, so sagt er "in der
Landwirtschaft oder in der Hausindustrie oder auch im Handel
Beschftigung suchen, oder Aufwartungen bernehmen, als Kochfrau oder
Pflegerinnen gehen etc."[919] Alle diese Beschftigungen also, die sich
fast smtlich des Vorzugs erfreuen, gar keiner gesetzlichen Kontrolle
und Einschrnkung unterworfen zu sein, sollen die Frau ihren
Familienpflichten weniger entziehen als die gesetzlich geregelte
Fabrikarbeit! Zur Durchfhrung des Ausschlusses empfiehlt er, ihn zur
Zeit einer wirtschaftlichen Depression vorzunehmen, in der
Arbeiterentlassungen so wie so an der Tagesordnung sind[920]; d.h. er
will der Frau die relativ vorteilhafteste Arbeitsgelegenheit gerade dann
entziehen, wenn ihr Erwerb am notwendigsten ist, und er ist naiv genug,
von den Unternehmern zu erwarten, da sie gerade dann sich ihrer
billigsten Arbeitskrfte gutwillig berauben werden.

Aber nicht nur, da der Erwerbszwang die verheirateten Frauen in die
sozial tiefststehenden Arbeitsgebiete drngen wrde, er wrde, da ihre
Arbeitskraft ihre Mitgift bedeutet und unerllich ist zur Erhaltung der
Familie, an Stelle der Eheschlieung in erweitertem Umfang das
Konkubinat treten lassen. So weit wir nun auch davon entfernt sind, an
dem freien Liebesbund zweier Menschen sittlichen Ansto zu nehmen, so
gewi ist es doch, da das Konkubinat unter den heutigen Verhltnissen
die Frau und ihre Kinder der Willkr des Mannes erbarmungslos aussetzt
und beide dem tiefsten Elend schutzlos preisgeben kann. Es kommen aber
noch andere Grnde hinzu, die vom Standpunkt der Arbeiterin aus zur
unbedingten Verwerfung des Ausschlusses der verheirateten Frauen aus der
Fabrik fhren mssen: Die Fabrikarbeit ist die einzige Form der Arbeit,
durch die die Frauen in engere Verbindung mit ihren Klassengenossen
gebracht werden, davon aber hngt ihre Aufklrung, ihre
Organisationsfhigkeit ab, und ihre strkere oder geringere
Organisationsfhigkeit wieder beeinflut die raschere oder langsamere
Entwicklung der sozialpolitischen Gesetzgebung.

Doch auch vom Standpunkt der Unternehmer aus ist der Ausschlu
der verheirateten Frau zu verwerfen. Die deutschen
Gewerbeinspektorenberichte fr 1899 haben das interessante Resultat
ergeben, da nach der Aussage der Mehrzahl der Fabrikanten teils nicht
genug ledige Arbeiterinnen zur Verfgung stehen[921], vor allem aber die
verheirateten schwer oder gar nicht zu ersetzen sind.[922] Die Grnde
dafr sind naheliegend: es handelt sich bei ihnen meist um ltere,
erfahrene Arbeiterinnen, die berdies, weil sie ihren Beruf nicht mehr,
wie die meisten ledigen, nur als einen Uebergang zur Ehe betrachten,
besonders eifrig und strebsam sind. Also auch das Interesse der
Unternehmer spricht gegen ihren Ausschlu. Wer die furchtbaren Schden
der Fabrikarbeit verheirateter Frauen ausmerzen will, mu zu anderen
Mitteln greifen. Er mu sie in strkerem Mae als bisher der
Fabrikarbeit zufhren und der Hausindustrie und der Heimarbeit
entreien. Die Einrichtung von Schulkantinen und Kinderhorten durch die
Kommunen und die allmhliche Herabsetzung der Arbeitszeit mu damit Hand
in Hand gehen.

Schon die gegenwrtig gesetzlich festgelegte Arbeitszeit fr Frauen
wrde eine weitreichende Bedeutung haben, wenn sie thatschlich ein
Maximalarbeitstag wre. Unsere Tabelle zeigt aber, da nicht nur
Ueberstunden in ausgedehntem Ma bewilligt werden knnen, sondern da
sogar allgemeine Dispensationen fr bestimmte Fabrikationszweige im
Bereiche der Mglichkeit liegen. Besonders die Saison- und
Campagneindustrien spielen dabei eine groe Rolle, d.h. alle diejenigen
Arbeitszweige, die der Mode im hohen Ma unterworfen sind, oder die von
Jahreszeiten und Festtagen abhngen. Dazu gehrt vor allem die
Herstellung der weiblichen Kleidung, der Spielwaren, der Konserven und
in Paris der sogenannten Articles de Paris, die durch das Neujahrsfest
beeinflut werden. Die Ausnahmebewilligungen und Dispensationen sind
hier so gro, da die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit fast zur
Ausnahme wird, und zwar um so mehr, weil die Unternehmer sie auch ohne
besondere Erlaubnis mglichst oft zu umgehen suchen. Uebertretungen
dieser Art kommen, wie die Fabrikinspektoren aller Lnder
bereinstimmend berichten, am hufigsten vor. Wo ein ausgeprgtes
Solidarittsgefhl fehlt, wo die Organisation nicht hinter der
Arbeiterin steht, ist sie nicht nur willenlos gegenber den Wnschen des
Unternehmers, sie bietet womglich selbst die Hand zu ihrer Erfllung.
So wird der zehn- oder elfstndige Arbeitstag in der Praxis vielfach zu
einem zwlf- und dreizehnstndigen.

Aehnlich liegen die Verhltnisse in Bezug auf die Nachtarbeit: sie ist
im Prinzip verboten, aber eine ganze Reihe von Ausnahmen ffnen der
Uebertretung der Vorschriften Thr und Thor. Nur England und die Schweiz
erfreuen sich eines absoluten Verbots. In Deutschland wird unter
bestimmten Bedingungen eine Verlngerung der Arbeit bis zehn Uhr nachts,
ein Beginn zwischen 4-1/2 und 5 Uhr frh gestattet, aber auch die
Nachtarbeit, die in 24 Stunden 10 Stunden dauern darf mit der
Einschrnkung, da Tag- und Nachtschichten wchentlich wechseln mssen,
kann durch den Bundesrat erlaubt werden. Fr Molkereien und
Konservenfabriken, fr Steinkohlen-, Zink- und Bleierzbergwerke, fr
Ziegeleien und schlielich auch fr Konfektionswerksttten wurden
Erlaubnisse der Art bereits erteilt. Oesterreich geht in der Gewhrung
von Ausnahmen noch weiter, indem es die Nachtarbeit auch in der
Bettfedernreinigung, der Spitzen-, Papier-, Fe- und Zuckerfabrikation,
sowie in zahlreichen Zweigen der Textilindustrie gestattet. Das
franzsische Gesetz wird in gleicher Weise durchlchert, nur da es den
Vorteil bietet, an Stelle der zulssigen zehnstndigen Nachtarbeit
Deutschlands und der elfstndigen Oesterreichs die siebenstndige
festgesetzt zu haben.[923]

Dasselbe System wiederholt sich in Deutschland, Oesterreich und
Frankreich bei der Sonntagsarbeit, wenn die darauf bezgliche Verordnung
auch, hauptschlich aus religisen Grnden, straffer gehandhabt wird,
und Frankreich die Bestimmung getroffen hat, da fr die notwendig
gewordene Sonntagsarbeit stets ein Ersatzruhetag in der Woche gewhrt
werden mu.

Die Festsetzung der Arbeitszeit und der Ruhepausen wird nach alledem
durch dieselbe Gesetzgebung, die sie in Angriff nahm, wenn nicht
annulliert, so doch in so mannigfaltiger Weise durchbrochen, da der
Segen, den sie verbreiten sollte, sehr fragwrdig erscheint. Und doch
ist diese Zwiespltigkeit des Arbeiterschutzes nur die notwendige Folge
des Standpunkts, den die Regierungen der Arbeiterfrage gegenber
einnehmen und der sich dadurch kennzeichnet, da die Interessen der
Arbeiter zwar vertreten werden sollen, aber nur soweit, als sie mit den
Interessen der Unternehmer nicht kollidieren. Ein ernsthafter
Arbeiterschutz ist aber nur dann durchfhrbar, wenn man bei seiner
Gestaltung in erster Linie die Arbeiterinteressen vor Augen hat. Der
Fortschritt des Arbeiterschutzes hngt darum hauptschlich von dem
Einflu und der Macht der Arbeiterklasse selbst ab. Und da auf der
Verkrzung der Arbeitszeit und der Zusicherung ausreichender Ruhe das
Wohl der Arbeiter in erster Linie beruht, ist der grte Nachdruck
gerade hierauf zu legen. Wie das Beispiel Englands und der Schweiz
beweist, ist jetzt schon ohne wesentlichen Nachteil fr die Industrie
die Durchfhrung der Nacht- und Sonntagsruhe mglich, und zwar,
bestimmte Ausnahmen abgerechnet, auch fr Mnner. Was die Ueberstunden
betrifft, so zeigt die englische Textilindustrie, da ihre vllige
Aufhebung auch mglich ist, denn sie hat sich trotzdem, oder vielleicht
gerade deshalb, so groartig entwickelt. Die Unternehmer, die auf die
Hhe ihres Profits nicht verzichten wollten, sahen sich eben gentigt,
die fehlenden Menschenkrfte durch schneller produzierende Maschinen zu
ersetzen,--ein Proze, der stets bei der Verkrzung der Arbeitszeit
eintreten mu, so da der Arbeiterschutz sich als eines der wirksamsten
Mittel zur Beschleunigung der allgemeinen industriellen Entwicklung
erweist. Auch fr Saison- und Campagneindustrien knnten die
Ueberzeitbewilligungen erheblich eingeschrnkt und der Ausfall durch
Mehreinstellung von Arbeitskrften wett gemacht werden. Eine knstliche
Einschrnkung der in wilder Hetzjagd einander folgenden Modethorheiten
wre auch fr die Konsumenten nicht vom Uebel. Zunchst freilich drfte
die Forderung einer Verminderung der Ueberzeitbewilligungen womglich
blos auf solche Flle, wo Unglcksflle oder Naturereignisse sie
unbedingt notwendig machen, ein frommer Wunsch bleiben, weil er nur auf
dem Boden internationaler Vereinbarungen auf Erfllung rechnen kann.
Selbst die vielfach ans Mrchenhafte grenzende Entwicklung des
Maschinenwesens, die geradezu prdestiniert erscheint, die Arbeitszeit
immer mehr zu verkrzen, hat unter der gegenwrtig herrschenden
schrankenlosen Konkurrenz nur dazu dienen mssen, den Profit zu erhhen.
Erfindungen, die nur dem Arbeiter nutzen, dem Unternehmer aber keinerlei
Vorteil bringen, ja ihm womglich nur Kosten verursachen, werden ohne
ueren Zwang nirgends eingefhrt. Der Staat und die Kommunen, die zwar
solche Einrichtungen gesetzlich einfhren knnen, die direkt Leben und
Gesundheit der Arbeiter schtzen, aber nicht die Befugnis haben, die
Unternehmer zur Anschaffung arbeitsparender Maschinen zu zwingen,
mten es als ihre Pflicht betrachten, in ihren eigenen Betrieben darin
mit dem guten Beispiel voran zu gehen, und es mte zu den Aufgaben der
Arbeiterorganisationen gehren, berall fr ihre Einfhrung einzutreten.
Verbnde sich diese Agitation mit einer jedesmaligen Revidierung der
Lohntarife, so da durch neue Maschinen nicht die Einnahmen der Arbeiter
verringert wrden, so wre sie eines der wirksamsten Hilfsmittel zur
Erreichung des Normalarbeitstags.

Erwgungen hnlicher Art drngen sich auf, wenn wir die Betriebe
betrachten, aus denen die Frauen in Rcksicht auf ihre Gesundheit
entweder ganz oder teilweise ausgeschlossen worden sind. Mit Ausnahme
derjenigen Beschftigungsarten, die, wie die Arbeit unter Tage, der
Transport von Rohmaterial in Ziegeleien u.s.w., ihrer krperlichen
Konstitution nicht entsprechen, sind es entweder solche, die
Vergiftungsgefahren mit sich fhren, wie die Herstellung elektrischer
Akkumulatoren aus Blei oder Bleiverbindungen, die Fabrikation von
Arsenik, Nitrobenzin, Bleiwei u.s.w., oder solche, die die
Arbeiterinnen besonders hohen Temperaturen aussetzen, wie die Arbeit in
Rohzuckerfabriken, Cichorienfabriken, Drahtziehereien u.s.w. Frankreich
ist in diesen Verboten besonders weit gegangen und hat die Frauen fast
aus der ganzen chemischen Industrie entfernt. Nun haben wir aber bei der
Betrachtung der Lage der Fabrikarbeiterinnen gesehen, da Vergiftungen
durch Blei und Bleiwei z.B. in der ganzen Textilindustrie vorkommen,
der Ausschlu von der Fabrikation und Bearbeitung des Bleis und seiner
Verbindungen sie also durchaus nicht davor bewahrt; wir haben ferner
gefunden, da die schwersten krperlichen Leiden die Folgen aller Arten
von Arbeiten sein knnen. Mssen wir demnach fordern, da alle diese
Arbeitsgebiete den Frauen verschlossen werden sollen? Gewi nicht! Die
einzige vernnftige Folgerung wird vielmehr die sein, die
Fabrikationsweisen zu reformieren und, wenn es durchfhrbar ist, die
Herstellung gewisser Stoffe ganz zu verbieten. An Mitteln und Wegen dazu
fehlt es nicht, wohl aber an der ntigen Initiative, sie zu ergreifen
und diejenigen, die sich weigern sollten, gesetzlich dazu zu zwingen.
Ein glcklicher Anfang dazu ist krzlich in Frankreich gemacht worden,
wo die Benutzung von Bleiwei bei Anstreicherarbeiten durch einen Erla
des Handelsministers verboten wurde, und Zinkwei,--das allerdings
teuerer ist,--an seine Stelle treten soll. In den Textilfabriken,
besonders der Spitzenfabrikation, bei der Bleicherei und Appretur, der
Papierfabrikation, der Porzellanfabrikation u.s.w. wird berall Bleiwei
verwandt, obwohl es ebenso leicht verhindert werden knnte und auch dann
verhindert werden mte, wenn die betreffenden Waren dadurch auch an
Glanz und Weie verlren.

Gewi mu die Frauenarbeit fr bestimmte, die Krfte der Frau
bersteigende Arbeiten verboten werden, dies Verbot aber systematisch
immer weiter auszudehnen ist ein gefhrliches Beginnen und zwar
gefhrlich sowohl im Interesse der Frauen als in dem der Mnner. Wenn
die Frauen nmlich prinzipiell aus allen gesundheitsgefhrlichen
Betrieben ausgeschlossen werden sollten, so ist die Grenze fr dieses
Vorgehen kaum noch zu bestimmen. Andererseits beruhigt man gewissermaen
durch den Ausschlu der Frauen sein Gewissen und berlt nunmehr die
Mnner ruhig den gefhrlichen Einflssen der Gifte, der hohen
Temperaturen u.s.w., als ob sie vllig unempfnglich dafr wren! Der
richtige Weg wre vielmehr der, durch Herabsetzung der Arbeitszeit,
durch genaue Vorschriften in Betreff der Kleidung, durch
Schutzeinrichtungen aller Art, durch Ventilation, Staubabsaugung,
grndliche Reinigung, zwangsweise Einfhrung aller derjenigen Maschinen,
die die Gefahr verringern, schlielich auch durch Verbot der Herstellung
entbehrlicher Giftstoffe vorzugehen.[924] Auch hier htten krftige
Gewerkschaften ein fruchtbares Feld der Thtigkeit vor sich, indem sie
die Arbeit in gefhrlichen, nicht gengend geschtzten Betrieben und die
Herstellung entbehrlicher Gifte verweigern sollten.

Die geringere Widerstandskraft der Arbeiterin gegen gewerbliche
Schdlichkeiten ist kein ursprngliches Charakteristikum ihres
Geschlechts, sie ist vielmehr die Folge seiner ganzen knstlich
gesteigerten Entartung durch verkehrte Erziehung, unhygienische
Kleidung, schlechte Ernhrung,--viel schlechter als die der
Mnner,--doppelte Arbeitslast, sobald es sich um Verheiratete handelt,
vor allem aber durch Hungerlhne. An die Wurzeln des Uebels ist daher
auch hier die Axt anzulegen. Es giebt Hygieniker, die so weit gehen, den
Schutz der Arbeiterin auch whrend der Menstruation fr notwendig zu
erklren. Sehen wir einmal von der Undurchfhrbarkeit solcher Maregel
ab, so haben wir schon einmal betont, da diese Funktion der weiblichen
Geschlechtsorgane durchaus nichts Krankhaftes ist und die
Leistungsfhigkeit nicht hindert. Wenn sie zur Krankheit wird, so sind
die Grundlagen dazu in der Jugend, vor allem in der Entwicklungszeit
gelegt worden. Die Gesetzgebung hat daher, will sie zur Krftigung der
Arbeiterin beitragen, die Pflicht, die Arbeitszeit jugendlicher
Arbeiterinnen auf das uerste zu beschrnken, wenn nicht die
Erwerbsarbeit der Mdchen unter sechzehn Jahren berhaupt zu verbieten.
Das knnte fr die jugendlichen Arbeiter in gleicher Weise geschehen,
weil sich erwiesenermaen ein Knabe zwischen vierzehn und sechzehn
Jahren, wenigstens unter unseren Breitengraden, in der Zeit lebhaftesten
Wachstums befindet, und ebenso der Schonung bedarf, wie das Mdchen.
Eine gesunde Arbeiterin, die nicht schon in der frhsten Jugend all ihre
Kraft dem Erwerb hat opfern mssen, wird dann, wenn sie in das
Berufsleben eintritt, von der Menstruation nicht mehr spren, als ein
Mann vom Schnupfen.

Ganz anders liegt die Frage, sobald es sich um Schwangere und
Wchnerinnen handelt. Einen gesetzlichen Schutz der Schwangeren kennt
nur die Schweiz. Neuerdings sucht ihn Dnemark, wo er sich sogar auf
vier Wochen ausdehnen soll, einzufhren.[925] Ueber seine Berechtigung
drfte nirgends ein Zweifel bestehen, es fragt sich nur, ob mit einem
bloen Arbeitsverbot fr eine kurze Zeit vor der Entbindung genug
geschehen ist. Hirt verlangt, da die Thtigkeit der Frauen whrend der
zweiten Hlfte der Schwangerschaft in bestimmten Gewerben ganz verboten
werden soll; dazu gehrt die Nherei, die Frberei und Stoffdruckerei,
die Fabrikation vom gefrbtem Papier, knstlichen Blumen, Spitzen und
Phosphorstreichhlzern. Hierbei zeigt sich aber dasselbe, wie bei der
Errterung des Ausschlusses aller Frauen aus gesundheitsgefhrlichen
Betrieben: warum bei diesen Industrien stehen bleiben, wo doch eine
ganze Anzahl anderer,--ich erinnere nur an die Tabakindustrie,--fr die
Schwangere und den Ftus ebenso bedenklich sind? Da es sich aber in
diesem Fall um die kommende Generation handelt, so gengt zu ihrem
Schutz die Erfllung der Forderungen, die wir bei jener Gelegenheit
aufstellten, nicht, und es wre zweifellos das Beste nicht nur fr die
zweite Hlfte der Schwangerschaft,--bekanntlich bringt die erste schwere
Gefahren mit sich,--sondern fr die ganze Zeit der Schwangerschaft
berhaupt, die Fabrikarbeit zu verbieten. Dadurch aber wrde den Frauen
unter den gegenwrtigen Verhltnissen viel mehr geschadet als genutzt
werden, denn sie wrden sich scharenweise der Hausindustrie und der
Heimarbeit zuwenden mssen. Ein Arbeitsverbot von vier Wochen vor der
Entbindung ist daher das uerste, was im Augenblick von der
Gesetzgebung verlangt werden kann.

Die Wchnerin erfreut sich jetzt schon fast berall eines Schutzes,
Frankreich macht beinahe allein eine unrhmliche Ausnahme hiervon, aber
die Schutzzeit ist nur in der Schweiz auf sechs Wochen, d.h. auf
diejenige Zeit festgesetzt, in der bei normalem Verlauf des Wochenbettes
die Rckbildung der Organe stattgefunden hat. Deutschland, das
gleichfalls sechs Wochen der Ruhe bestimmt, hat auch hier durch die
Gestattung von Ausnahmen die Regel so gut wie umgestoen. Aber selbst
eine sechswchentliche Schutzzeit ist nur fr vollstndig gesunde Frauen
und nur fr diese allein ausreichend, das Kind, dem die Mutterbrust und
die mtterliche Pflege nach dieser Frist schon entzogen wird, hat eine
nicht viel grere Aussicht das erste Jahr zu berleben, oder, wenn es
geschieht, sich zu einem krftigen Menschen zu entwickeln, als wenn die
Mutter es bereits nach vier Wochen verlassen htte. Angesichts dieser
Thatsache liegt die Notwendigkeit der Forderung einer lngeren
Schutzzeit auf der Hand. Wie weit aber soll sie sich ausdehnen? Die
deutsche sozialdemokratische Reichstagsfraktion fordert acht Wochen,
erfahrene Mediziner neun Monate. Der ideale und erstrebenswerteste
Zustand ist es freilich, wenn die Mutter ebenso wie neun Monate vor so
neun Monate nach der Geburt von der Erwerbsarbeit befreit ist und den
Sugling so lange nhren kann, als es sich mglich und notwendig
erweist. Aber wir haben leider mit sehr realen Verhltnissen zu rechnen.
Schon heute sehen sich viele Mtter, denen die Thore der Fabrik noch
geschlossen sind, bald nach der Geburt gezwungen, als Heimarbeiterin,
Aufwrterin u. dergl. dem Verdienst nachzugehen. Ein auf Monate
ausgedehnter Schutz wrde berall zu diesem Resultat fhren und jeder
Art nicht oder schwer kontrollierbarer Arbeit zu enormem Aufschwung
verhelfen, whrend es unser ganzes Bestreben sein soll, gerade diese aus
dem Wege zu schaffen. Wir werden uns daher auch hier fr die Gegenwart
bescheiden mssen, und den achtwchentlichen Schutz als die uerste
Forderung aufstellen. Im Interesse der Kinder aber mu sie mit
der Forderung an die Kommunen Hand in Hand gehen, in allen
Industrie-Zentren, wo verheiratete Frauen in bestimmtem Umfang
beschftigt werden, Kinderkrippen in ausreichender Anzahl zu errichten,
und Anordnungen zu treffen, denen zufolge den Mttern die Zeit gewhrt
wird, dort ihre Kinder zu nhren. Aber auch hier, wie fr das ganze
Gebiet des Arbeiterschutzes, ist die grundlegende Bedingung jeden
Fortschritts die allmhliche Herabsetzung der Arbeitszeit bis zum
Normalarbeitstag von acht Stunden. Alle anderen Forderungen stehen
dieser einen gegenber in zweiter Linie. Gerade fr die Frau als Mutter
ist die Beschrnkung der Arbeitszeit von der allergrten Wichtigkeit;
auf ihr beruht die Mglichkeit ihrer physischen und geistigen Kraft und
Entwicklungsfhigkeit, und damit die ganze Zukunft ihrer Kinder.

Betrachten wir nunmehr das Gebiet der Arbeit, ber das die
Schutzbestimmungen sich ausdehnen, so zeigt unsere Uebersicht auf den
ersten Blick, da es ein sehr beschrnktes ist. Sie finden in allen
Lndern nur auf die Fabrikarbeiter eine gleichmige, allgemeine
Anwendung, die Arbeiter in der Landwirtschaft und die Dienstboten sind
ganz davon ausgeschlossen, die Handelsgehilfen, die Kellner und die
Heimarbeiter fast ganz, nur die Werkstattarbeiter der Hausindustrie
genieen scheinbar relativ am meisten die Segnungen des
Arbeiterschutzes. Der Grund fr die Zaghaftigkeit der europischen
Gesetzgeber, die sich besonders in ihrer Haltung gegenber der
Heimarbeit uert, ist einerseits die Rcksicht auf die Geschlossenheit
der Einzelfamilie, und andererseits die Angst, eine der Sttzen unserer
industriellen Entwicklung zu untergraben.

Die gesetzgeberischen Maregeln, die die _Hausindustrie_ berhren,
lassen sich in drei Kategorien einteilen: eine, von den Grundstzen des
Arbeiterschutzes ausgehende, die gegenber den Hausindustriellen in
hnlicher Weise verfhrt, wie gegenber den Fabrikarbeitern, die
Schwachen also gegen die allzu rcksichtslose Ausbeutung der Starken zu
schtzen und den wirtschaftlichen Egoismus einzudmmen sucht; eine
zweite, die den Interessen der Konsumenten ihre Entstehung verdankt und
sich auf sanitre Vorschriften beschrnkt, und eine dritte endlich,
deren Ziel es ist, die Heimarbeit zu unterdrcken. Von diesen drei
Gesichtspunkten aus werden wir die einschlgige Gesetzgebung und ihre
Wirkungen zu betrachten haben.

Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Hausindustrie ist die
landlufigste, oft ziemlich gedankenlos nachgesprochene Forderung, durch
deren Erfllung man ihren schdlichen Auswchsen wirksam zu begegnen
glaubt. Sie ist denn auch teilweise verwirklicht worden, indem sie aber
in den europischen Staaten und auch in einem Teil der auereuropischen
vor der Heimarbeit und der Familienwerkstatt Halt machte. In England,
Frankreich und Oesterreich sind die Werksttten in Bezug auf den
Arbeiterschutz den Fabriken gleichgestellt; England wagt sogar die
scharf gezogene Grenze der Familienwerkstatt zu berschreiten, sofern
Kinder und junge Leute in ihr beschftigt werden; Frankreich unterwirft
auch Werksttten religiser Kongregationen und solche, die von
Wohlthtigkeitsanstalten abhngen, dem Gesetz, whrend Oesterreich sie
nicht mit einschliet. Die Schweiz dehnt den Arbeiterschutz auf alle
Werksttten aus, die mehr als 6 Personen beschftigen, und auf alle ohne
Unterschied, in denen ein gefhrliches Gewerbe betrieben wird.
Neu-Seeland und Viktoria endlich haben auch auf die Familienwerksttten,
in dem einen Fall, soweit 2, in dem anderen, soweit 4 Personen darin
beschftigt sind, den Arbeiterschutz ausgedehnt.

Vergegenwrtigen wir uns dem gegenber einmal die uere Situation der
Hausindustrie: sie breitet sich ber die groen Stdte, wie ber die
kleinen, ber das flache Land und das einsame Drfchen, wie ber die
unzugnglichsten Thler und Hochplateaus der Gebirge aus. Sie haust im
Kellerwinkel und in der Dachkammer, sie versteckt sich hinter dem Glanz
besserer Tage im Salon der Damen der brgerlichen Welt. Sie hat in den
Grostdten keinen festen Sitz, denn keinerlei schwer bewegliche
Maschinen, wie im Fabrikbetrieb, fesseln sie an die Scholle, ihre
Werksttten sind ebenso schnell aufgeschlagen, wie abgebrochen. Hat der
gesetzliche Arbeiterschutz dem gegenber irgend eine Aussicht zur
Wirksamkeit? Selbst ein Heer von Beamten knnte ihm nicht dazu
verhelfen. Es ist wohl mit diese Erwgung, die in den Lndern, wo die
Hausindustrie einen besonders breiten Raum einnimmt, die
Familienwerksttte auerhalb des Gesetzes stellen hie. Dadurch
beschrnkt sich der der Aufsicht unterstehende Kreis natrlich
bedeutend, die Elendesten und Unglcklichsten, zu denen die Frauen und
Kinder das grte Kontingent stellen, werden damit schutzlos der
Ausbeutung preisgegeben, ohne da den Werkstattarbeitern wesentlich
geholfen wre. Denn die Schwierigkeit der ausreichenden Beaufsichtigung
wird noch durch die Stumpfheit der zu Schtzenden gesteigert. Die
Existenz der Hausindustrie beruht im wesentlichen auf der Thatsache, da
die menschliche Arbeitskraft billiger arbeitet als die maschinelle; die
notwendige Ergnzung aber der niedrigen Lhne ist die lange Arbeitszeit.
Die Menschen, vor allem die Frauen, die diesen Bedingungen bisher immer
unterworfen waren, sind nicht einsichtsvoll genug, um die Durchfhrung
der Gesetze zu untersttzen. Sie werden im Gegenteil, von einzelnen
Kreisen aufgeklrter grostdtischer Arbeiter abgesehen, in der
Beschrnkung ihrer Arbeitszeit eine unwillkommene Verminderung ihrer an
sich schon krglichen Einnahmen sehen und die Bestimmungen des Gesetzes
zu umgehen suchen. Dabei ist ihre Organisationsfhigkeit nicht nur
infolge ihrer niedrigen Lebenshaltung und ihrer Arbeitsberlastung,
sondern auch infolge ihrer Vereinzelung eine sehr geringe, so da auch
hier nur in seltenen Fllen an die Stelle des einzelnen Schwachen die
durch ihre Vereinigung starke Gesamtheit treten kann.

Diese Thatsachen sind den Gesetzgebern nicht fremd geblieben. Sie haben
daher verschiedene Versuche gemacht, zunchst einmal den Kreis der
Hausindustriellen, auf die das Gesetz Anwendung finden soll,
festzustellen. Soweit es sich um Werksttten handelt, haben die
australischen Staaten Viktoria und Neu-Seeland fr sie die alljhrlich
zu wiederholende Registrierung vorgeschrieben und verfgt, da eine
Werkstatt erst dann als solche benutzt werden darf, wenn der
Gewerbeinspektor, dem ihre Anmeldung einzureichen ist, die Erlaubnis
dazu erteilt hat. Durch diese Maregel sollen einerseits die Werksttten
zur Kenntnis der Behrden kommen, andererseits die sanittspolizeiliche
Kontrolle von Anfang an ermglicht werden. Was aber in einem kleinen
Staate mglich ist, wird in einem groen mit ausgedehnter Hausindustrie
fast undurchfhrbar. Denn im Grunde mte wieder eine Kontrolle
notwendig sein, um festzustellen, ob die vorschriftsmige Anmeldung zur
Kontrolle auch durchgngig erfolgt. Die englische Arbeitskommission hat
im Hinblick hierauf seinerzeit vorgeschlagen, den Hauseigentmer,
eventuell auch den Verleger fr die rechtzeitige Anmeldung haftbar zu
machen.[926] Aber selbst wenn die Kontrolle dadurch gesichert wrde,
bliebe ein groer Nachteil bestehen: nicht immer knnte der
Gewerbeinspektor zur Inspizierung sofort zur Stelle sein, die dadurch
notwendig werdende Arbeitspause bedeutete aber stets einen empfindlichen
Ausfall am Verdienst.

Um neben den Hausindustriellen auch die Heimarbeiter zu erfassen, haben
eine Anzahl nordamerikanischer und australischer Staaten den Verlegern
die Pflicht auferlegt, genaue Listen ihrer Arbeiter zu fhren, die auf
Verlangen dem Gewerbeinspektor vorzulegen sind, und England ist noch
einen Schritt weiter gegangen, indem es, allerdings nur fr eine
beschrnkte, Zahl von Gewerben, verlangte, da die Werkstattinhaber und
Liefermeister jhrlich zweimal die Namen und Adressen ihrer Arbeiter dem
Gewerbeinspektor einzureichen haben.[927] Diese Bestimmung ist gewi
eine sehr beachtenswerte, die Nachahmung verdient; einen wirklichen Wert
aber hat sie nur dann, wenn die Beamten auch im stnde sind, smtliche
Arbeiter ausreichend zu kontrollieren. Das aber ist, nach Lage der
Sache, vllig aussichtslos. Ein besserer Weg, um die Durchfhrung der
Schutzgesetze zu gewhrleisten, scheint demnach der zu sein, die
Verantwortlichkeit dafr auf eine Reihe von Personen auszudehnen und so
eine Art freiwillige Inspektion zu schaffen, die die staatliche
untersttzt. Die englische Gesetzgebung hat fr bestimmte Gewerbe
demgem entschieden und den Unternehmer fr haftbar erklrt, wenn seine
Arbeiter unter gesundheitsgefhrlichen Bedingungen beschftigt werden.
Diese Bestimmung kann aber nur insoweit von Nutzen sein, als es sich
etwa um die Beschaffenheit der Werksttten in sanitrer Hinsicht
handelt. Das Wichtigste aber, die Sicherstellung der Arbeitszeit, der
Pausen, des Wchnerinnenschutzes etc. etc. kann dadurch nicht
gewhrleistet werden, weil auch der Unternehmer keine stndige Kontrolle
ausben kann und sich kaum dazu gezwungen sieht, denn er wei viel zu
genau, wie selten die Uebertretung der Vorschriften konstatiert werden
wrde. Was Thun von einem rheinischen Industriellen erzhlt, der, als er
wegen der Uebertretung des Kinderschutzgesetzes zu einer Geldstrafe
verurteilt wurde, ausrief: "Das schinde ich in acht Tagen wieder aus den
Kindern heraus"[928], wrde sich hier mit einigen Variationen
wiederholen; die Verantwortlichkeit mte daher nicht nur von dem
Unternehmer getragen werden. Beatrice Webb schlgt vor, da auch der
Hausherr und Vermieter der Werkstatt haftbar gemacht werden mte.[929]
In New-York ist diese Forderung teilweise zum Gesetz erhoben worden, und
der Hausherr mu fr bestimmte Gewerbe dafr einstehen, da die Waren
erst dann hergestellt werden, wenn die Anmeldung der Werksttte bei der
Aufsichtsbehrde erfolgte. Ueber diese Bestimmung hinaus scheint mir die
Haftbarmachung praktischerweise auch nicht gehen zu knnen, weil
andernfalls eine fr den Werkstattinhaber und seine Familie
unertrgliche Chikanierung seitens des Hausherrn daraus entstehen wrde.
Hat der Hausherr oder sein Vertreter,--und man mache sich einmal klar,
welche Art Menschen das hufig sind, und wie sie von Anfang an dem
armen Arbeiter mitrauisch gegenberstehen,--die Berechtigung, seine
Mieter zu kontrollieren, so kann er das Dasein derjenigen, die ihm aus
irgend einem Grunde miliebig sind, zu einem qualvollen gestalten, von
Uebergriffen aller Art zu geschweigen, die die Folge sein mten. Diese
Art Kontrolle knnte auerdem immer nur im Weichbild der Stdte mglich
sein, weil z.B. die Hausindustriellen auf dem Lande und im Gebirge nicht
nur hufig Besitzer ihrer armseligen Werkstatt sind, sondern auch weitab
vom Verleger wohnen.

Noch ein Mittel bleibt zu erwhnen, das fr einen begrenzten Kreis von
Arbeitern die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit sichern helfen
soll. Es besteht in dem Verbot, den Fabrik- oder Werkstattarbeitern nach
Ablauf der Arbeitszeit noch Arbeit mit nach Hause zu geben. England ist
in dieser Weise vorgegangen, hat aber ausdrcklich bestimmt, da nur
dann die Mitnahme von Arbeit nach Hause gestattet werden darf, wenn die
Arbeiterin in der Werkstatt nicht die volle Arbeitszeit beschftigt
wurde. Den Uebergriffen ist infolgedessen Thr und Thor geffnet, weil
unmglich festgestellt werden kann, ob man ihr fr den ihr gesetzlich
zur Verfgung stehenden Rest der Arbeitszeit zu viel Arbeit mit nach
Hause gab, oder nicht. Man glaubte, durch die Fassung des Gesetzes auf
die Frauen Rcksicht nehmen zu mssen, die, weil sie Kinder zu hten und
ein Hauswesen zu leiten haben, nur stundenweise in der Werkstatt
arbeiten knnen; ihnen wollte man nicht die Mglichkeit rauben, durch
husliche Arbeit den geringen Verdienst etwas zu erhhen, und opferte
dieser Rcksicht die viel wichtigere auf Hunderte anderer Frauen, denen
dann vom Zwischenmeister so viel Arbeit aufgebrdet werden kann, da sie
zwar zu Hause bis in die Nacht hinein arbeiten mssen, aber weder Zeit
finden, fr ihre Kinder, noch fr ihr Hauswesen zu sorgen. Soll,
wenigstens auf diesem immerhin nur kleinen Gebiet, die weibliche
Arbeiterin vor Ausbeutung geschtzt werden, so mu das Verbot, Arbeit
mit nach Hause zu nehmen, ein unbedingtes sein.

Unsere ganze Betrachtung der Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die
Hausindustrie luft darauf hinaus, da alle Bemhungen, sie in vollem
Umfang durchzusetzen, fruchtlose bleiben. Der wesentliche Grund dafr
ist der, da die Wasser der Hausindustrie in zahllose kleine, versteckte
Rinnsale auseinanderflieen, die sich notwendigerweise der Aufsicht
entziehen. In dem schmerzlichen Gefhl der Resignation angesichts dieser
Erkenntnis haben sich manche Gesetzgeber darauf beschrnkt, die
Wirkungen der Hausindustrie durch allgemeine sanitre Vorschriften
abzuschwchen. Sie gingen dabei ursprnglich nicht vom Interesse der
Arbeiter, sondern von dem der Konsumenten aus, die sie vor dem Einflu
der unter gesundheitswidrigen Bedingungen hergestellten Waren zu
schtzen suchten. In den Staaten der nordamerikanischen Union ist dieses
System am weitesten ausgebildet worden. Epidemien, deren Herd die
Schwitzhhlen der Hausindustrie waren, gaben den Ansto dazu. Man
verfgte, um die gefhrliche Ueberfllung der kleineren Arbeitsstuben zu
vermeiden, da in den Zimmern der Mietshuser, die zugleich zum Essen
und Schlafen benutzt werden, fremde Arbeitskrfte zur Herstellung
verkuflicher Waren nicht beschftigt werden drfen. Es war dies
zugleich ein erster, vielverheiender Schritt zur zwangsweisen
Einrichtung abgesonderter Werksttten, es war aber auch zugleich eine
indirekte Untersttzung der Familienwerksttten, in denen die Ausbeutung
ihre Orgien feiern konnte. Die Industrie wird immer der billigsten
Arbeit nachgehen, und so hat das Gesetz eine Ausbreitung der Heimarbeit
eher frdern als hindern helfen.[930] Um aber auch die Familienwerkstatt
und ihre Gesundheitsverhltnisse unter Aufsicht halten zu knnen, wurde
ihre Anmeldepflicht bei der Sanittspolizei und ihre Lizenzierung durch
sie eingefhrt. Fr die Befolgung dieser Vorschrift machte man in
New-York den Hausherrn, in Massachusetts den Verleger haftbar. Auf diese
Weise werden die Arbeitsrume, zum Teil nur soweit sie der
Konfektionsindustrie dienen, wie in Massachusetts, zum Teil soweit
berhaupt Waren darin erzeugt oder hergestellt werden, der Kontrolle der
Sanittsinspektion unterstellt. Einzelvorschriften, wie das Verbot,
Waren in Wohnungen herzustellen, wo ansteckende Krankheiten herrschen,
das auch England erlassen hat, sind die natrliche Folge hiervon. Man
ist aber zum Schutze des Publikums noch weiter gegangen, In New-York,
Massachusetts und Neu-Seeland bestimmt das Gesetz, da Waren, von denen
in Erfahrung gebracht wird, da sie Werksttten oder Familienbetrieben
entstammen, die einer Lizenz ermangeln, oder da sie sonst unter
ungesunden Bedingungen entstanden, vom Sanitts- oder Gewerbeinspektor
mit einer Marke versehen werden mssen, die die Bezeichnung Tenement
made enthlt, also sowohl Hndler wie Konsumenten vor dem Kauf
abschreckt. Waren, die in Rumen verfertigt wurden, in denen ansteckende
Krankheiten herrschen, mssen nach der Markierung desinfiziert werden
und zwar erstrecken sich all diese Vorschriften auch auf von auswrts
eingefhrte Verkaufsgegenstnde. Diese ganze, in der Idee gut gemeinte
Einrichtung trgt aber den Stempel vlliger Unzulnglichkeit schon an
der Stirn, ja sie fhrt zu bedenklichen Konsequenzen. Denn wer vermchte
dafr einzustehen, da jedes Kinderjckchen, das im Zimmer des
Typhuskranken entstand, jede Cigarre, die neben dem Bett des
Schwindschtigen gearbeitet wurde, jedes Hemd, das eine arme Mutter am
Bett ihres diphtheritiskranken Kindes nhte, kontrolliert und markiert
werden kann?! Und wer will dem Ballen Tuch, oder den Jacken und Blusen,
die in Massen von einer Stadt, von einem Land zum anderen versandt
werden, ansehen, ob sie Krankheitskeime enthalten oder nicht? Die Angst
vor der Markierung und Entwertung der Waren zwingt die Heimarbeiter aber
auch zu einem frmlichen System der Verheimlichung und Vertuschung. Noch
spter als bisher werden sie sich entschlieen, den Arzt zu holen oder
ansteckende Krankheiten zur Anzeige zu bringen. Und selbst wenn die
verhngnisvolle Marke an den Waren hngt, wird sie auf der groen Reise,
die sie antritt, trotz aller auf ihre Beschdigung oder Entfernung
verhngten Strafen, daran bleiben? Es ist ein utopischer Gedanke, da
ein gesumtes Taschentuch oder ein Strumpf von ihrem Entstehungsort bis
zu ihrer letzten Bestimmung kontrolliert werden knnen! Haftet aber die
Marke trotz alledem, so wird die traurige Scheidung zwischen Reich und
Arm noch in erweitertem Mae als bisher sich vollziehen: es werden
Kreise von Hndlern sich bilden, die die entwerteten Waren aufkaufen und
sie an diejenigen absetzen, die das Tenement made gern in den Kauf
nehmen, wenn sie dafr weniger zu bezahlen brauchen. Also selbst die
Durchfhrbarkeit der Markierungsvorschriften vorausgesetzt, wrden sie
nur dem Schtze der begterten Kufer dienen.

Wenn wir uns nunmehr die Schwierigkeiten, mit denen die
Hausindustrie-Gesetzgebung zu kmpfen hat, und an denen sie nach jeder
Richtung hin scheitern mu, vergegenwrtigen, so zeigt es sich, da sie
sich alle unter dem einen Wort Heimarbeit zusammenfassen
lassen,--Heimarbeit im weitesten Sinn, die sowohl die Arbeit der
einzelnen Frau in ihrem Stbchen, als die Familienwerkstatt und die
kleine Werkstatt der Zwischenmeister in den von ihnen bewohnten Rumen
in sich begreift. Das ist der ungeheuere Abgrund, den die
Arbeiterschutzgesetzgebung nicht zu berbrcken vermochte, in den sie
vielmehr Jahr um Jahr Tausende von Menschen hinabstt, vor
allem die schwchsten, die Kinder und die Frauen. Um den
Arbeiterschutzvorschriften zu entgehen, die Kosten der Fabrikanlagen zu
ersparen und das Risiko der stillen Zeiten und der Krisen auf die
Arbeiter abzuwlzen, hat das Unternehmertum die Hausindustrie
grogezogen. Wird sie von der Gesetzgebung gleichfalls erfat, so wirft
sich die Profitgier auf die Ausbeutung der Heimarbeit. Selbst eine so
geringfgige Vorschrift wie die deutsche Konfektionsverordnung, hat
vielfach schon eine Zunahme der Heimarbeiter zur Folge gehabt[931], und
die Einfhrung des achtstndigen Normalarbeitstages fr Fabriken und
Werksttten in Australien hat die Heimarbeit dort erst ins Leben
gerufen.[932] Vor ihr aber steht, unter dem Banne geheiligter
Traditionen der europische Gesetzgeber still, der die Schwelle des
Hauses nicht zu berschreiten wagt, auch wenn sie lngst nicht mehr zu
den heimlichen Freuden innigen Familienlebens, sondern nur in die
dstere Werkstatt der Familienausbeutung fhrt. Vielleicht hlt ihn auch
eine unbestimmte Furcht zurck, die Grenzen seiner Macht, der fr
grenzenlos gehaltenen, zu erkennen. Der Amerikaner und der Australier,
den sentimentale Rcksichten nicht mehr in dem Mae beherrschen, hat
sich den Eintritt erzwungen, aber all seine Pillen und Trnke, die er
gegen die groe Krankheit da drinnen verordnete, sind wirkungslos
geblieben. Begreiflich genug, denn es giebt keine Hilfe; es ist eine
Krankheit, die rettungslos zum Tode fhrt. Viele verschlieen sich der
Richtigkeit dieser Diagnose, andere erkennen sie an, aber nach dem
Beispiel der Aerzte am menschlichen Totenbett suchen sie das
entfliehende Leben mit allen Mitteln der Kunst aufzuhalten, und nur sehr
wenige sehen darin die rgste Grausamkeit und wollen den Todeskampf zwar
erleichtern, den Auflsungsproze aber beschleunigen. Es kann nach allem
bisher Gesagten keinem Zweifel unterliegen, auf wessen Seite wir uns zu
stellen haben.

Zuerst waren es englische Arbeiter, die in der Erkenntnis der
Aussichtslosigkeit jeder gewerkschaftlichen Bemhung um
bessere Arbeitsbedingungen, solange die Schmutzkonkurrenz der
organisationsunfhigen Heimarbeiter besteht, die Beseitigung der
Heimarbeit anzustreben suchten. Sowohl die Schuhmacher wie die Schneider
fhrten einen heftigen Kampf gegen die Unternehmer, um sie zu zwingen,
alle Arbeiter nur in eigenen Werksttten zu beschftigen. Die
Schuhmacher erreichten vielfach ihr Ziel durch Arbeitseinstellungen, die
Schneider blieben fast ganz erfolglos, auch ihr Appell an die
Konsumenten, nur in solchen Geschften zu kaufen, die in
Betriebswerksttten arbeiten lassen, fand nicht das Gehr, das notwendig
gewesen wre, wenn es htte Eindruck machen sollen.[933] Ein Teil der
englischen Sozialdemokratie, die auf dem Zricher Arbeiterschutzkongre
vertreten war, sprach sich im Sinne der Arbeiter aus und befrwortete
eine Resolution, die die Abschaffung der Heimarbeit als Ziel der
notwendigen, gesetzgeberischen Maregeln hinstellte. Aber selbst vor
diesem Forum fand sie keine Annahme. Mit der Forderung,
Betriebswerksttten einzurichten, traten auch die deutschen Arbeiter
1895 vor die Konfektionre, und legten, um den Streit auszufechten, im
Winter 1896 die Arbeit nieder. Nur das vllig ungengende Gesetz, das
die Werkstattarbeiter der Konfektion der Arbeiterschutzgesetzgebung
unterstellte, war die Folge ihres Kampfes. Gegen die Heimarbeit, von der
er ausging, geschah nichts.[934]

Der schroffe Widerstand der Unternehmer gegen die Einrichtung von
Betriebswerksttten, die noch dazu, wo der Wunsch danach bisher
auftauchte, von keinem Parlament befrwortet wurden, ist von ihrem
Standpunkt aus vollkommen erklrlich: die Errichtung oder Miete von
Rumen fr die Werksttten, die Anschaffung von Maschinen, die
Anstellung von Werkfhrern, und nicht zum mindesten die schlielich
folgenden Unbequemlichkeiten und Kosten des Arbeiterschutzes und der
Arbeiterversicherung, denen sie bei der Beschftigung von
Hausindustriellen fast ganz entgehen, wrde eine Kapitalanlage erfordern
und den Profit zunchst so beschneiden, da auch fr die Zukunft an ein
Nachgeben der Unternehmer um so weniger zu denken ist, als die in
Betracht kommenden Arbeiter unter den gegenwrtigen Verhltnissen zu
einer geschlossenen starken Organisation, die ihren Wnschen den ntigen
Nachdruck verleihen kann, niemals gelangen werden. Infolgedessen sind
einzelne Gruppen von Arbeitern vielfach zur Selbsthilfe geschritten. In
Genf und Lausanne, in Bern und in Zrich waren es die Schneider, die
sich mit Untersttzung ihrer Gewerkschaft eigene Werksttten
einrichteten, in Wien thaten die Meerschaumschnitzer das gleiche.[935]
Die ganze Bewegung beschrnkte sich aber auf kleine Kreise, weil
einerseits keinerlei Zwang vorlag, ihr beizutreten, und andererseits das
ntige Kapital fehlte, um durch Anschaffung neuer Maschinen und
Anwendung motorischer Krfte schnellere und bessere Arbeit zu liefern,
und auf diese Weise der primitiven Heimarbeit den Boden abzugraben. Die
Genfer Stadtverwaltung, an die die Schneider sich um Untersttzung
wandten, erkannte zwar die Berechtigung ihrer Bestrebungen an, glaubte
aber, in Rcksicht auf den Stadtsckel, keinen Przedenzfall schaffen zu
drfen.

Ein anderes Mittel, die Heimarbeit mglichst einzuschrnken, forderte
ein Gesetzentwurf, den der Minister Peacock 1895 dem Parlament von
Viktoria vorlegte, der sich aber auch nur auf die Konfektionsindustrie
bezog. Er enthielt die Bestimmung, da Heimarbeiter nur gegen
Erlaubnisscheine beschftigt werden drften, und zwar sollten nur
diejenigen, die ihren Lebensunterhalt verdienen mssen und dabei aus
irgend einem Grund an ihr Haus gefesselt sind, darauf Anspruch erheben
knnen; diese Einschrnkung aber htte, wenn das Gesetz in Wirksamkeit
getreten wre, seine Wohlthat wieder annulliert. Praktischer und
durchgreifender erscheint daher der Vorschlag eines deutschen
Sozialpolitikers, der gleichfalls in der schlielichen Unterdrckung der
Heimarbeit die einzige Lsung der brennenden Frage sieht, und zwar den
gegenwrtig beschftigten Heimarbeitern ihre Arbeit im eigenen Haus
gegen Ausstellung von Erlaubnisscheinen noch gestatten, neu eintretende
aber davon ausschlieen will, so da die Heimarbeit dadurch auf den
Aussterbeetat gesetzt wird.[936] Die hier gekennzeichneten Forderungen
und Wnsche sind, jede fr sich, berechtigt, aber sie sind entweder in
der angegebenen Form unerfllbar, oder sie wrden sich, wenn sie
verwirklicht wren, der groen Aufgabe gegenber als viel zu schwach
erweisen. Die Beseitigung der Heimarbeit kann, soll sie nicht zu einer
grausamen Hrte werden, nur das Resultat einer systematischen
Gesetzgebung sein, die sich organisch und doch nach einem festen, das
Ziel nie aus dem Auge verlierenden Plan entwickelt. Als erster Schritt
zu diesem Ziel wre die Verbindung von Wohnung und Werkstatt allen
denjenigen zu verbieten, die fremde Arbeiter bei sich beschftigen, und
die Mitgabe von Arbeit nach Hause ausnahmslos zu untersagen; die
Gewerbeinspektoren, deren Zahl um ein betrchtliches erhht werden
mte, htten die Durchfhrung der Vorschrift zu beaufsichtigen, whrend
die Verantwortung dafr auch vom Verleger zu tragen wre. Um aber zu
gleicher Zeit die Zwischenmeister, hufig selbst nur wenig besser
gestellte Proletarier, nicht zu ruinieren, mten alle Gemeinden, in
deren Bereich sich hausindustrielle Betriebe befinden, verpflichtet
werden unter Heranziehung der Unternehmer zu den Kosten, besondere,
allen Anforderungen der Hygiene entsprechende Rume, womglich eigens
fr den Zweck erbaute fabrikhnliche Gebude mit Motorbetrieb, den
Hausindustriellen gegen eine Miete, die die frher dafr aufgewendeten
Mittel nicht bersteigen drfte, zur Verfgung zu stellen. Auf
alle diese Werksttten wren sodann smtliche Vorschriften
der Arbeiterschutzgesetzgebung auszudehnen, und Staat und
Kommunalverwaltungen htten die Verpflichtung einzugehen, ihre Auftrge
nur von solchen Werksttten ausfhren zu lassen.[937]

Bliebe man aber hierbei stehen, so wrden die Familienwerksttten
selbstverstndlich, den Erfahrungen in anderen Lndern entsprechend,
enorm zunehmen. Dem mte die Gesetzgebung vorgreifen, indem sie nunmehr
das Verbot der Verbindung von Werkstatt und Wohnung auch auf die
Familienwerkstatt ausdehnte. Nur solchen Personen, die in Rcksicht auf
zu beaufsichtigende Kinder, oder zur Pflege alter Angehriger oder durch
eigene Gebrechlichkeit gezwungen sind, daheim zu bleiben, wren zunchst
Erlaubnisscheine fr die Ausbung ihres Berufes im Hause zu erteilen.
Nach dem Inkrafttreten dieser Bestimmungen htte die kommunale
Armenverwaltung ihre Aufmerksamkeit den noch vorhandenen Heimarbeitern
zuzuwenden und nach Magabe des Bedrfnisses, Kinderkrippen und
Kinderhorte, Heimsttten und Siechenhuser zu schaffen oder zu
erweitern, oder durch direkte Untersttzung da einzugreifen, wo es not
thut, so da nach Ablauf einer gewissen Uebergangszeit smtliche
Heimarbeiter in die Werksttten bergefhrt werden knnten, und die
Kinder, die Alten und Leidenden versorgt sind. Die selbstverstndliche
Voraussetzung fr den Eingriff der Armenpflege wre natrlich, da alle,
die Armen entehrenden Bestimmungen, wie z.B. die Entziehung des
Wahlrechts, in Fortfall kmen. Die Pflege der Kranken, Alten und
Gebrechlichen ist eine Pflicht der Gesellschaft, auf deren Erfllung sie
Anspruch haben, und die Armut gewissermaen zu bestrafen, ist ein
trauriges Zeichen fr die vllige Verwirrung klarer Begriffe.

Nachdem alle diese Voraussetzungen erfllt sind, knnte gegen die
Heimarbeit, die noch immer ihr Leben fristen wird, mit grerem
Nachdruck vorgegangen werden. Die Nherei in all ihren verschiedenen
Zweigen kme zunchst in Betracht, weil sie sich am leichtesten berall
zu verbergen vermag. Hier mte eine neue Maregel einsetzen: das
Verbot des Antriebs der Maschinen durch menschliche Kraft berall dort,
wo nicht fr den Hausgebrauch gearbeitet wird. Ganz abgesehen davon, da
nach Ansicht aller Aerzte und Pflegerinnen die Einfhrung des
Dampfbetriebs in der Nherei mehr als manches andere zur Hebung der
Gesundheit beitragen wrde[938], wre diese Vorschrift leicht
durchfhrbar, weil das Klappern der Maschine die Aufsicht erleichtert,
um so mehr, wenn in diesem Fall der Hausherr haftbar gemacht und jede
industrielle Arbeit in Miets- und Wohnhusern, sowohl fr die Arbeiter
als fr die Hausbesitzer empfindliche Strafen nach sich ziehen
wrde.[939]

Alle diese Bestimmungen scheinen, auch unter Voraussetzung ihrer
allmhlichen Entwicklung, immer nur in den Stdten, wo die Arbeiter sich
zusammendrngen und die Aufsicht leichter mglich ist, durchfhrbar.
Sind sie aber hier in Wirksamkeit, so wird die Entwicklungstendenz der
modernen Industrie, billige Gegenden und billige Arbeitskrfte
aufzusuchen, nur noch drastischer hervortreten, und die Ausbeutung, der
in der Stadt Grenzen gesteckt werden, wird sich gierig auf das Land, in
die einsamen Thler, auf die fernen Hhen werfen. Um hier denselben
Schutzgesetzen wie in der Stadt Geltung zu verschaffen, mu die
Verkehrspolitik in ihren Dienst gestellt werden.[940] Jede Eisenbahn,
jede gute Chaussee erleichtert die Verbindung, und es ist eine bekannte
Thatsache, ber die Naturfreunde nicht genug klagen knnen, da der
Fabrikschornstein berall emporragt, wo die Eisenbahn hindringt. Die
Vereinigung der lndlichen Hausindustriellen in Werksttten wird sich
mit dieser Untersttzung allmhlich auch durchsetzen lassen. Zur
Schaffung der Werksttten knnten die Arbeitgeber um so straffer
herangezogen werden, als sie durch die niedrigeren Lhne, gegenber den
Arbeitgebern der stdtischen Hausindustrie, so wie so im Vorteil sind.

Aber damit sind alle Hindernisse noch nicht beseitigt. In New-York und
Massachusetts, wo die Konfektionsindustrie einer strengen Regelung
unterliegt, haben die Konfektionre sich ihr dadurch zu entziehen
gewut, da sie ihre Waren aus anderen Staaten beziehen, die solche
Gesetze noch nicht kennen, und in die die Schwitzmeister von New York
und Massachusetts massenhaft bersiedelten. Dasselbe wrde sich in
Europa wiederholen, wenn die Gesetzgebung zur Bekmpfung der
Hausindustrie sich auf ein oder zwei Lnder beschrnken wrde. Die
Notwendigkeit des internationalen Arbeiterschutzes tritt nirgends
strker hervor als hier, und es wre an der Zeit, da wenigstens
zunchst einmal die internationalen Gesellschaften fr Arbeiterschutz
sich eingehend mit dieser Frage beschftigen mchten, statt da sie ihre
Universalitt durch eine oberflchliche Vielseitigkeit beweisen zu
mssen glauben. Vor allem aber sollte die Arbeiterschaft aller Lnder,
ihr ein thatkrftiges Interesse zuwenden, und in den Parlamenten
einmtig ihr gegenber Stellung nehmen, denn von der Unterdrckung der
Hausindustrie hngt ihre eigene Entwicklung ab. Erst die Vereinigung der
mnnlichen und weiblichen Arbeiter in den Werksttten wird ihre
Aufklrung frdern und ihre gewerkschaftliche Organisation ermglichen.
Solange sie wie die Raubritter im Hinterhalt liegen, werden sie den
organisierten Arbeitern ihre schwer errungene Beute immer wieder
streitig machen. Lohnerhhungen insbesondere, vor allem feste
Lohntarife, jene wichtige Aufgabe der Arbeiterverbnde, von deren
Erreichung die Sicherheit der Existenz vielfach abhngt, werden, solange
die Hausindustrie besteht, nur selten zu erkmpfen und noch seltener
festzuhalten sein. Aber selbst unter den Arbeitern giebt es noch Leute
genug, die zwar die Schden der Hausindustrie anerkennen, trotzdem aber
vor durchgreifenden Manahmen zurckscheuen, weil sie die Familie und
die Freiheit des Einzelnen dadurch anzutasten glauben. Es ist auch
zweifellos, da es bei dem von mir vorgeschlagenen Weg, den die
Gesetzgebung verfolgen soll, bei aller Vorsicht, ohne Hrten nicht
abgehen wird. Wo aber in der Welt wre der Fortschritt leicht erkauft
worden? Gegenber allen Arbeiterschutzgesetzen hat es Menschen gegeben,
die sich in ihrer Freiheit beschrnkt, in ihrem Verdienst geschmlert
sahen. Die allmhliche Aufsaugung des Handwerks durch die Fabrik hat
gewi schwere Wunden geschlagen und schlgt sie noch heute, fr die
Hausindustrie wird genau dasselbe gelten. Der Sozialreformer aber und
der Gesetzgeber drfen nach den Gefhlen Einzelner nicht ihre
Handlungen einrichten, sie haben vielmehr die Aufgabe, den
Entwicklungstendenzen nachzuspren und diejenigen zu frdern, durch die
die Menschheit im allgemeinen zu hheren Daseinsformen gehoben werden
wird. Die Hausindustrie hlt sie auf der Stufe physischer und geistiger
Verelendung fest, sie hindert den Fortschritt zu besseren sozialen
Verhltnissen, darum mu auch hier das sentimentale Mitleid von der
ruhigen Erkenntnis und der weit ausschauenden Menschenliebe berwunden
werden.

Ein Stiefkind der Arbeiterschutzgesetzgebung waren lange Zeit hindurch
auch die _Handelsgehilfen_. Und sie selbst, die den Unterschied zwischen
sich und den Fabrikarbeitern stets scharf betonten, wnschten auch auf
diesem Gebiet keine Gleichstellung mit ihnen. Erst als der 1842
gegrndete englische Verein zur Erkmpfung des frhen Ladenschlusses,
nach fast fnfzigjhrigen vergeblichen Bemhungen einsah, da auf dem
Wege der Selbsthilfe nichts zu erreichen war, trat er fr gesetzliche
Maregeln ein. Um dieselbe Zeit erhoben auch die kaufmnnischen Vereine
Deutschlands bestimmte Forderungen an die Gesetzgebung. Die Entstehung
der Grobetriebe auf dem Gebiete des Handels hatte dieser Entwicklung
vorgearbeitet, denn sie verwandelte langsam die Masse der jungen
Kaufleute, die ihre Lehr- und Arbeitszeit stets nur als Vorbereitung zur
eignen Selbstndigkeit ansahen, in Lohnarbeiter, die zeitlebens in
abhngiger Stellung vom Unternehmer bleiben und daher eines gesetzlichen
Schutzes bedrfen. Der erste Schritt hierzu war die gesetzliche
Fixierung einer wchentlichen Maximalarbeitszeit von 74 Stunden fr
Ladengehilfen unter 18 Jahren in England, der aber ber ein Jahrzehnt
hindurch nur zur Ausfllung des Gesetzbuches diente, da keine Kontrolle
ber seine Ausfhrung vorhanden war. Der Londoner Grafschaftsrat
entschlo sich erst vor wenigen Jahren zur Anstellung von
Handelsinspektoren, die schon nach kurzer Frist eine groe Zahl von
Gesetzesbertretungen konstatieren konnten. Die einzige Bestimmung, die
diesem vielverheienden Anfang gesetzlicher Reformarbeit folgte, war die
Vorschrift, in allen Lden, wo weibliche Verkufer thtig sind, Sitze
fr sie aufzustellen,--eine Vorschrift, betreff deren eine Anzahl
nordamerikanischer Staaten mit gutem Beispiel vorangegangen war und die
auch von Deutschland und Frankreich neuerdings erlassen wurde. Die
schweren Schden aber, mit der die Arbeit im Handel die Angestellten
bedroht, sind damit noch kaum berhrt, und doch schien es, als ob die
wichtigste Reform, die Verkrzung der Arbeitszeit, nicht durchzusetzen
wre. Zuerst gelang es, die Sonntagsruhe zu erkmpfen; aber sie blieb
problematisch und besteht im Grunde nur in einer Beschrnkung der
Sonntagsarbeit, denn nicht nur, da alle Handelsgehilfen in Deutschland
eine fnf-, in Oesterreich sogar eine sechsstndige Sonntagsarbeit
haben, fr eine Reihe von Betrieben wird auch diese Bestimmung noch
zuungunsten der Angestellten aufgehoben. da nach dieser Erfahrung die
Verkrzung der tglichen Arbeitszeit noch auf grere Schwierigkeiten
stoen wrde, war vorauszusehen.

Als die deutsche Kommission fr Arbeiterstatistik auf Grund der
Ergebnisse ihrer Erhebungen dementsprechende Forderungen stellte, erhob
sich ein Sturm der Entrstung in der Handelswelt. Eine ganze Anzahl von
Arbeitgeberverbnden und Handelskammern hielt die vorgeschlagene
Festsetzung des Achtuhrladenschlusses nicht nur fr den Anfang ihres
Ruins, sondern auch fr verderblich fr die Angestellten, die dadurch
zur mibruchlichen Verwendung der freien Zeit, zu Leichtsinn und
Unsittlichkeit verfhrt werden wrden. Der "Eingriff des Staates in die
Erwerbsfreiheit" wurde ebenso wie einst die gesetzliche Regelung der
Fabrikarbeit schroff zurckgewiesen und fr eine Krnkung der Berufsehre
angesehen.[941] Trotzdem gelangte schlielich der Neunuhrladenschlu zur
Annahme. Im weiteren Verlauf der Reformen auf diesem Gebiet wurde die
Gewhrung einer ununterbrochenen Ruhezeit von 10-11 Stunden und die
Festsetzung einer Mittagspause von 1-1/2 Stunden, sobald die Mahlzeit
auer dem Hause eingenommen wird, obligatorisch gemacht. Aber wie bei
der Arbeiterschutzgesetzgebung berhaupt, so wurden diese Bestimmungen
durch die Zulassung einer Reihe von Ausnahmen wieder durchbrochen, denn
nicht nur, da sie auf Arbeiten, die zur Verhtung des Verderbens von
Waren sofort vorgenommen werden mssen, auf die Aufnahme der Inventur,
sowie bei Neueinrichtungen und Umzgen keine Anwendung finden, die
Arbeitszeit kann vierzig Tage im Jahr bis 10 Uhr abends verlngert, die
an sich schon sprliche Sonntagsruhe kann besonders vor Festzeiten
vollends fast ganz aufgehoben werden. Unberhrt von irgend welchen
durchgreifenden Regulierungen blieben die Schlafrume der Angestellten,
die, wie wir gesehen haben, sobald sie im Hause des Chefs sich befinden,
viel zu wnschen brig lassen. Selbst ber die Einrichtung der
Geschftsrume bestehen nur ganz allgemeine Bestimmungen, die allerdings
durch Verordnung des Bundesrats genauer przisiert werden knnen. Bisher
ist das nur in Bezug auf die Sitzgelegenheit der Verkuferinnen
geschehen. Alle diese Reformen haben blos den Wert erster Versuche, um
so mehr, als keine besondere Kontrolle ihnen Nachdruck verleiht, ihre
Durchfhrung vielmehr nur unter Aufsicht der Ortspolizeibehrden
gestellt ist.

Auch auf anderen Gebieten ist die Gesetzgebung uerst vorsichtig
vorgegangen. Das gilt im besonderen in Bezug auf die Lehrlingszchterei.
Wie die Erhebungen der Kommission fr Arbeiterstatistik ergaben, besteht
sie in ausgedehntem Ma im deutschen Handel. Je kleiner die Geschfte,
desto mehr suchen sie sich mit den billigsten Arbeitskrften zu
behelfen, es zeigte sich sogar, da von 8235 Betrieben 671 mehr
Lehrlinge als Gehilfen und 659 berhaupt nur Lehrlinge beschftigen; die
Konkurrenz, die dadurch den Gehilfen gemacht wird, die Ausbeutung
jugendlicher Arbeitskrfte, die daraus klar genug hervorgeht, htten
eines energischen Eingriffs bedurft. Statt dessen begngte man sich mit
der allgemeinen Bestimmung, da der Lehrherr nur soviel Lehrlinge halten
darf, als im Verhltnis zum Umfang und der Art seines Betriebes steht
und ihre Ausbildung dadurch nicht gefhrdet wird. Allerdings wurde auch
hier fr den Bundesrat eine Thr offen gelassen, der befugt ist, durch
besondere Vorschriften einzugreifen,--das bekannte deutsche Mittel,
womit man glaubt, dem Reformbedrfnis Genge zu thun.

Nicht anders verhlt es sich in Bezug auf einen anderen Uebergriff der
Geschftsleiter, der geeignet ist, den Handelsgehilfen in seinem ganzen
Fortkommen zu behindern: der sogenannten Konkurrenzklausel. Sie besteht
darin, da sich der Gehilfe dem Chef gegenber verpflichtet, falls er
seine Stellung verlt, im Verlauf einer gewissen Zeit entweder in der
Nhe kein eigenes hnliches Geschft zu grnden, oder eine geraume Zeit
hindurch, die zuweilen bis zu vielen Jahren sich ausdehnte, in kein
hnliches Geschft als Gehilfe einzutreten. Es giebt nicht viele
Anforderungen von Arbeitgebern an Arbeiter, die so den Klassencharakter
an der Stirn tragen, wie diese, und von ihm verlangen, da er selbst
ber sein persnliches Abhngigkeitsverhltnis hinaus, auf die
Interessen und den Profit des Chefs Rcksicht nimmt. Und die Gesetzgeber
haben es nicht gewagt, dieser ungerechtfertigten Bevormundung der
Arbeiter ein Ende zu bereiten. Nur zu einer allgemein gehaltenen
Bestimmung haben sie sich entschlieen knnen: da solche Vereinbarungen
zwischen Unternehmern und Angestellten nur dann verbindlich sind, wenn
sie nicht die Grenzen berschreiten, durch welche "eine unbillige"
Erschwerung ihres Fortkommens ausgeschlossen wird. Nur mit
Minderjhrigen sind sie berhaupt verboten. Damit ist der Arbeiterschutz
im Handel erschpft: er lt eine zwlf-, dreizehn-, ja selbst eine
vierzehnstndige Arbeitszeit zu, die bestenfalls durch eine Pause von
1-1/2 Stunden unterbrochen wird, er gestattet die Ausbeutung
jugendlicher Arbeitskrfte und erlaubt, da der Gehilfe in seinem
berechtigten Streben nach sozialem Fortkommen gehindert wird! Und doch
reprsentiert die deutsche Gesetzgebung den Fortschritt auf dem
europischen Kontinent.

In Oesterreich hat sich der Schutz der Handelsangestellten zwar in
hnlicher Weise entwickelt wie in Deutschland, aber er ist noch weniger
sicher gestellt und besonders die Sonntagsruhe ist auf jede Weise
durchbrochen. Frankreich kennt sie nicht einmal. Wo sie besteht, ist sie
ebenso wie der Ladenschlu die Folge langjhriger Kmpfe der
Organisationen der Handelsangestellten, die sich um so krftiger
entwickeln konnten, als das Uebergewicht der groen Warenhuser
gegenber den kleinen schon frh in Erscheinung trat. Die
fortgeschrittenste Gesetzgebung reprsentiert Australien und
Neu-Seeland. Die Ladenschlustunde ist teilweise schon auf sechs Uhr und
nur an einem oder zwei Wochentagen auf sptere Abendstunden festgesetzt.
Auer der vollen Sonntagsruhe wird den Angestellten ein halber freier
Wochentag gewhrleistet. Fr jugendliche und weibliche Gehilfen besteht
vielfach der acht- oder neunstndige Arbeitstag. Wie es heit, haben
diese weitgehenden Vorschriften keinerlei Nachteile mit sich gefhrt.
Die englischen Handelsangestellten jagen daher nicht, wie die Gegner
gern behaupten, einer Utopie nach, wenn sie dasselbe verlangen.[942]

Die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf den Handel darf durch die
Rcksicht auf das Publikum, die man immer zu haben vorgiebt, wenn man
eine Verkrzung der Arbeitszeit fr undurchfhrbar erklrt, nicht
hintangehalten werden. Vor allem aber mten besondere Organe, sowohl
eine Handels- als eine Wohnungsinspektion, zur Sicherung ihrer
Durchfhrung Sorge tragen. Eine Ergnzung mte sie durch Bestimmungen
finden, die je nach der Gre und der Art des Betriebs die Minimalzahl
der Anzustellenden festsetzen. Was helfen die schnsten
Sitzgelegenheiten, wenn, wie es besonders in den groen Warenhusern der
Fall ist, die Angestellten auf eine Weise in Anspruch genommen werden,
die jede Mglichkeit zum Ausruhen ausschliet. Wie auf anderen Gebieten,
so gilt es ferner auch hier, der wirtschaftlichen Entwicklung, die zum
Grobetrieb drngt, und mehr und mehr einen Arbeiterstand im Handel
schaffen hilft, die Bahn frei zu machen. Denn die Durchfhrung des
Arbeiterschutzes und sein Ausbau wird im Handel ebenso wie in der
Industrie durch das mehr oder weniger ausgesprochene Uebergewicht der
groen ber die kleinen Betriebe bedingt und kann nur durch die eng
damit zusammenhngende Organisationsfhigkeit der Arbeiter und ihre
Untersttzung gewhrleistet werden.

Fr alle bisher berhrten Arbeitsgebiete ist der Arbeiterschutz unter
bestimmten Voraussetzungen bis zu einer gewissen Grenze durchfhrbar,
und man hat berall wenigstens den Anfang dazu gemacht. Vollstndig
unberhrt von ihm blieb die _Landwirtschaft_. Die Ursache davon beruht
nicht nur auf der Meinung, da der Landarbeiter eines Schutzes nicht
bedrfe,--sie ist durch offizielle und private Untersuchungen schon gar
zu oft erschttert worden,--sondern mehr noch darauf, da die
landwirtschaftliche Arbeit sich nicht unter dasselbe Schema bringen
lt wie die industrielle und kommerzielle, und die Bedingungen ihrer
Regelung daher andere sind. Eine Uebertragung des Arbeiterschutzes, wie
wir ihn kennen, auf ihre Arbeiter ist nur in Bezug auf wenige
Bestimmungen mglich. Aber auch die Durchfhrung jedes besonderen
Landarbeiterschutzes hngt so eng mit den Problemen der agrarischen
Fragen zusammen, da es eines Werkes fr sich bedrfen wrde, um ihn
theoretisch zu errtern und praktisch festzusetzen. Nur allgemeine
Gesichtspunkte knnen im Rahmen dieser Arbeit beleuchtet werden.

Wir haben bisher gesehen, da der Grad der Durchfhrbarkeit des
Arbeiterschutzes wesentlich davon abhngt, in welchem Mae die zu
schtzenden Personen von der isolierten zur kollektiven Arbeit
vorgeschritten und wie weit sie infolgedessen im stande sind, fr die
Wahrung ihrer Rechte selbst einzustehen. Eine kollektive Arbeit aber
tritt in der Landwirtschaft nur dann auf, wenn bestimmte
Saisonarbeiten,--z.B. die Frhjahrsbestellung, die Ernte, der
Zuckerrbenbau,--die Heranziehung einer greren Menge von Arbeitern
ntig machen. Zur Frderung der Saisonarbeit hat die Dreschmaschine
schon viel beigetragen; die Einfhrung anderer Maschinen, womglich mit
Hilfe elektrischer Motoren, mte weiter revolutionierend wirken. Um dem
Arbeiterschutz eine Grundlage zu schaffen, wre es demnach notwendig,
diese Entwicklung auf jede Weise zu frdern. Eines der wichtigsten
Mittel dazu ist die Untersttzung der landwirtschaftlichen
Genossenschaften, die allein im stande sind, die Nachteile des
Kleinbetriebs durch gemeinschaftliche Anschaffung der Mittel zum
Grobetrieb zu frdern. Zweifellos wird dadurch auch die Erscheinung der
landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, d.h. die der besitzlosen
Tagelhner, gefrdert werden. Sie wird in der Gegenwart als eine die
Interessen der einheimischen Arbeiter schdigende betrachtet. Und mit
Recht, und zwar deshalb, weil die betreffenden Arbeiter sozial
tiefstehenden Volkskreisen entstammen. Darum hat die Sozialpolitik
zunchst einmal hier einzugreifen. Das kann auf dreierlei
Weise geschehen: durch scharfe Vorschriften in Bezug auf die
Wohnungsverhltnisse der Arbeiter und die Schaffung einer lndlichen
Wohnungsinspektion, durch gesetzliche, jeder Saisonarbeit besonders
angepate Beschrnkung des Arbeitstags, und durch direkte Frderung
der Organisation der Wanderarbeiter. Die Einsetzung einer
landwirtschaftlichen Betriebsinspektion wre im Anschlu hieran
notwendig, aber, bei dem groen Umfang des ihr unterstehenden Gebiets,
wre zunchst an einschneidende direkte Folgen ihrer Thtigkeit
ebensowenig zu denken, wie an die direkte Wirkung der Schutzgesetze
selbst, wenn nicht ein sehr energischer Wille der staatlichen Verwaltung
ihre Durchfhrung sicherte. Ihre Bedeutung wre fr den Anfang
wesentlich eine erzieherische. Die Arbeiter, die nach Beendigung ihrer
Arbeit in ihre Heimat zurckkehren, kmen mit anderen Begriffen und
Bedrfnissen heim, als sie gegangen sind, und wrden auf die
Zurckgebliebenen ihrerseits wieder einwirken, so da eine allmhliche
Hebung ganzer Volksschichten ermglicht wrde. Sie mte aber auch noch
von anderer Seite in Angriff genommen werden; und zwar durch das Verbot
der lndlichen Kinderarbeit und der Wanderarbeit fr junge Leute unter
achtzehn Jahren. Wenn in Rcksicht auf die Gefhrdung der Sittlichkeit
durch die Wanderarbeit zuweilen gefordert wird, da dies Verbot auf alle
minderjhrigen Mdchen ausgedehnt werden soll[943], so scheint mir das
zu weit zu gehen. Von diesem Standpunkt aus mte man sie berhaupt alle
zu Hause einsperren, denn es giebt, wie wir zur Genge gesehen haben,
kein Arbeitsgebiet, auf dem ihre Sittlichkeit nicht gefhrdet wird.
Hielte man sie aber nur von der Wanderarbeit zurck, so wren sie
gezwungen, sich einen anderen Erwerb zu suchen. Das achtzehnte Jahr
scheint mir dagegen fr beide Geschlechter eine angemessene Grenze
darzustellen. Die notwendige Ergnzung des Arbeitsverbots mte die
Erweiterung des Schulzwangs und die Einrichtung lndlicher
Fortbildungsschulen sein, deren Besuch obligatorisch wre. Aber die
Wanderarbeiter rekrutieren sich nicht nur aus der einheimischen
Bevlkerung. Nach Deutschland kommen sie aus Ruland, nach Frankreich
aus Belgien, selbst die Importierung chinesischer Arbeiter ist vielfach
schon als eine Mglichkeit zur Steuerung der lndlichen Arbeiternot
hingestellt worden. So traurig es auch ist, weil es eine wirkliche
Besserung der Zustnde auf lange Zeit hinausschiebt, so gilt doch auch
hier, was fr die Hausindustrie gilt, da eine internationale Regelung
erst der Ausgangspunkt weiterer Reformen sein kann. Immerhin aber werden
die nationalen Reformen auch auf die auslndische Arbeiterschaft ihren
erzieherischen Einflu nicht verfehlen.

Auf viel grere Schwierigkeiten stt der Schutz der ortseingesessenen
landwirtschaftlichen Arbeiter infolge ihrer Vereinzelung und des Mangels
an Aufklrung, der besonders in ihrer Weltabgeschlossenheit seine
Ursache hat. Trotzdem mte auch hier die grundlegende Bestimmung jedes
Arbeiterschutzes, die Beschrnkung der Arbeitszeit, der keine
technischen Schwierigkeiten gegenberstehen, zur Durchfhrung gelangen,
und durch eine ausreichende staatliche Aufsicht untersttzt werden. Alle
Verordnungen ferner, die das Koalitionsrecht der Landarbeiter
einschrnken oder ganz illusorisch machen, mten aufgehoben werden,
auch wenn zunchst noch nicht erwartet werden knnte, da sie sich als
fortgeschritten genug erwiesen, um von dem ihnen gewhrten Recht den fr
sie vorteilhaftesten Gebrauch zu machen. Die Verbesserung der
Wohnungsverhltnisse durch eine Wohnungsinspektion, das Verbot, die
ffentliche Stellung eines Amtmanns oder Landlords mit der privaten des
Arbeitgebers in einer Person zu vereinigen, wren geeignet, manche
Unzutrglichkeiten aus dem Wege zu rumen. Denn jedes Mittel zur Hebung
der sozialen Lage und zur Unterdrckung persnlicher Abhngigkeit, wre
zugleich ein Mittel zur Durchfhrung des Arbeiterschutzes; daher ist
auch jeder Rest feudaler Arbeitsverhltnisse, wie das Insten- und
Deputantentum zu bekmpfen.[944] Fr die Frauen aber gilt es mit allem
Nachdruck auf die Durchfhrung einer Arbeiterschutzvorschrift
hinzuwirken, die gerade im Hinblick auf die Landarbeit von grter
Bedeutung ist: das Arbeitsverbot fr Schwangere und Wchnerinnen. Wie es
mglich ist, zu behaupten, da die Lohnarbeit der verheirateten Frau und
der Mdchen auf dem Lande "wenig Anla zu einer besonderen
Schutzgesetzgebung" giebt[945], wird jedem unbegreiflich erscheinen, der
nur einmal gesehen hat, wie eine werdende Mutter auf dem Kartoffelfeld
hackt, oder eine erst krzlich Entbundene beim Heuaufladen beschftigt
ist. Das frhe Altern der Landarbeiterinnen, ihre Krnklichkeit und die
Schwchlichkeit ihrer Kinder sind nicht zum mindesten darauf
zurckzufhren. Soweit es daher im Bereiche der Mglichkeit liegt,
sollte kein Mittel unversucht gelassen werden, um den Schutz der
Schwangeren vier Wochen vor und der Wchnerin acht Wochen nach der
Entbindung fr die lndliche Lohnarbeiterin durchzusetzen. Eventuell
wre die Verantwortung dafr auf smtliche Vorgesetzte der
Arbeiterin,--Inspektoren u.s.w.,--auszudehnen, und die Hebammen zur
Anzeige der Gesetzesbertretungen zu verpflichten.

All diesen Einzelforderungen gegenber darf jedoch nicht vergessen
werden, da die Voraussetzung fr ihre Durchfhrung die Mitarbeit der zu
Schtzenden selber ist. Nicht nur, da sie im Besitze eines gesicherten
Koalitionsrechts sich befinden mssen, sie mssen auch lernen, es zu
gebrauchen. Die Berhrung mit dem organisierten, aufgeklrten
Industriearbeiter ist dazu eines der besten Mittel; deshalb mu sowohl
die Freizgigkeit des Landarbeiters eine unbeschrnkte sein, als auch
dafr gesorgt werden mu, da im Hinblick auf sein Interesse, wie auf
das des Heimarbeiters, der Verkehr durch Ausbreitung des Eisenbahnnetzes
und Verbilligung der Fahrpreise einerseits den Weg in die Stdte ihm
erleichtert, andererseits aber die Anlage von Fabriken auf dem Lande
dadurch ermglicht wird. Es liegt nun aber nahe, anzunehmen, da die
Folge mancher dieser Manahmen nur eine Verstrkung der Landflucht sein
wrde. In gewissem Umfang, der durch einen gut funktionierenden
ffentlichen Arbeitsnachweis allmhlich geregelt werden knnte, halte
ich das gleichfalls fr wahrscheinlich. Selbst hohe Lhne und bessere
Arbeitsbedingungen werden die Landarbeiter im allgemeinen nicht auf dem
Lande zu fesseln vermgen, weil die Stadt mit ihrem Glanz und ihrer
Abwechselung und weil die relative Freiheit der industriellen Arbeiter
einen schwer zu besiegenden Reiz auf alle ausbt, die nicht in ihr zu
leben gewohnt sind. Auch die Ueberfhrung stdtischer Kultur auf das
Land, z.B. durch Wanderbibliotheken, wie in England, durch lndliche
Hochschulkurse u.A.m., wie in Dnemark, wrde nicht viel dagegen
ausrichten, weil die Aufnahmefhigkeit gerade hierfr bei dem
Landarbeiter nur selten vorhanden ist. Es lt sich aber aus der
Psychologie des modernen Industriearbeiters, dessen Bedrfnis nach
lndlicher Ruhe und frischer Luft ein unverkennbares ist, folgern, da,
wenn die Arbeitsbedingungen und der Arbeiterschutz auf dem Lande sich
einmal denen in der Industrie angenhert haben, die Mglichkeit fr ein
Zurckfluten des stdtischen Proletariats auf das Land gegeben ist.
Industrielle Krisen werden es befrdern helfen.

Zwei Wanderbewegungen sind schon jetzt fr die Landwirtschaft zu
konstatieren, die auf dem Wege gesunden Fortschritts vor sich gehen: die
Landflucht einheimischer Arbeiter und die Einwanderung fremder
Saisonarbeiter, durch die beide Kategorien hheren sozialen Kulturstufen
zugefhrt werden; die dritte wird sich hinzugesellen, sobald die
Bedingungen der Landarbeit es mglich machen, und kann dann fr die
Industriebevlkerung eine physische Regeneration anbahnen. Auch hier
gilt es, die Entwicklung nicht durch die Gesetzgebung meistern zu
wollen, sondern sie bewut in ihren Dienst zu stellen.

Ein unbekanntes Land fr den Arbeiterschutz fast aller Staaten war
bisher das groe Gebiet des _persnlichen und huslichen Dienstes_. Die
ersten Reformbestrebungen nach dieser Richtung gingen von Schweizer
Kantonen aus. Basel machte 1887 den Anfang, das Bedienungspersonal in
Gastwirtschaften vor Ueberanstrengung zu sichern, indem es bestimmte,
da Mdchen unter 18 Jahren, mit Ausnahme der Tchter des Wirts, nicht
zur Bedienung der Gste zu verwenden sind, und allen Kellnerinnen eine
Mindestruhezeit von 7 Stunden tglich zu gewhren ist. Diesem Beispiel
folgte Glarus, St. Gallen und Zrich, die die Ruhezeit auf 8 Stunden
und, als Ersatz der Sonntagsruhe, einen wchentlichen freien Nachmittag
von 6 Stunden festsetzten. Da es aber an der ntigen Kontrolle fr die
Durchfhrung selbst dieser geringen Reformen fehlte,--lassen sie doch
smtlich eine Arbeitszeit von 16-17 Stunden zu!--und von seiten der
Kellnerinnen auf keine Untersttzung zu rechnen ist, so blieben sie fast
ganz wirkungslos.[946] Trotz dieser Erfahrung hat das Vorgehen der
Schweiz Deutschland zur Nachahmung angeregt, und der Gesetzentwurf, der
die Lage der Gastwirtsgehilfen regeln soll, geht nur in wenigen Punkten
ber sein Vorbild hinaus. An Stelle der Festsetzung der Arbeitszeit,
einer selbstverstndlichen Forderung, sobald man anerkennt, da das
menschliche Leben noch einen hheren Inhalt haben soll als Lohnarbeit
und Schlaf, tritt die Festsetzung eines Mindestmaes von Ruhe, das in
Deutschland in Kleinstdten 8 und in Grostdten, wo der Hin- und Herweg
von der Arbeitssttte in Anschlag gebracht worden ist, 9 Stunden
betragen soll; ein wchentlicher Freinachmittag von 6 Stunden, ein
vollstndiger Ruhetag von 24 Stunden alle drei Wochen kommen ergnzend
hinzu. Das heit mit anderen Worten, da die Kellnerin tglich 15 bis 16
Stunden auf den Beinen sein mu und wchentlich 99-106 Stunden
Arbeitszeit hat! Im Laufe der tglichen Arbeit, die mindestens ebenso
anstrengend und noch um vier bis fnf Stunden lnger ist, als die in der
Fabrik, wird der Kellnerin nicht einmal eine Mittagspause
sichergestellt, statt dessen kann ihre Ruhezeit an nicht weniger als
sechzig Tagen im Jahr noch verkrzt werden. Auerdem steht es nach wie
vor im Belieben des Wirts, ob er oder die Kellnerin die an ihren
Freinachmittagen anzustellende Aushilfe zu entlohnen hat. Angesichts der
bestehenden Verhltnisse und der vlligen Schutzlosigkeit, die bisher
herrschte, wrden diese Bestimmungen immerhin einen kleinen Fortschritt
bedeuten, wenn auf ihre strikte Anwendung gerechnet werden knnte. Aber
davon wird ebensowenig wie in der Schweiz die Rede sein, weil an
entsprechende Vorschriften ber die Schaffung einer ausreichenden
Gasthofsaufsicht gar nicht gedacht worden ist. Trotzdem struben sich
die Wirte jetzt schon aufs uerste gegen den Entwurf, der, so behaupten
sie, sobald er Gesetzeskraft erlangt, ihre Existenz zu gefhrden im
stande ist.[947] Sie scheint demnach nur durch eine mehr als 16stndige
Arbeitszeit der Angestellten gesichert zu sein! Entsprche dies den
Thatsachen, so wre man versucht, auszurufen, wie der preuische
Minister v. Heydt, als er zum erstenmal von der Ausbeutung der Kinder
erfuhr: "So mag doch das ganze Gewerbe zu Grunde gehen!"

Noch eine Bestimmung, die auf den ersten Blick den Eindruck einer
wirklichen Schutzvorschrift macht, enthlt der Entwurf; sie besagt, da
Mdchen unter 18 Jahren nicht zur Bedienung der Gste verwendet werden
drfen. Angesichts der langen Arbeitszeit und der hohen Anforderungen,
die gerade dieser Beruf an die Krperkrfte stellt, erscheint dieser
Paragraph des Gesetzes mehr als gerechtfertigt. Wenn er sich nur nicht
allein auf die Bedienung beschrnken mchte! Darin zeigt sich deutlich,
da es sich hier nicht um Arbeiterschutz, sondern um den Schutz der
Sittlichkeit im Sinne der deutschen Sittlichkeitsvereine handelt. Diese
sind in ihrer Petition an den Reichstag so weit gegangen, das Verbot bis
auf das 21. Lebensjahr ausdehnen zu wollen, und sind kurzsichtig genug,
von dieser Maregel zu erwarten, da sie der "Unkeuschheit im
Kellnerinnengewerbe Einhalt bieten und der Prostitution nahezu den
Todessto versetzen" wird![948] Whrend also der Entwurf das 18.
Lebensjahr als Grenze fr den Eintritt in den Kellnerinnenberuf
festsetzt, lt er gleichzeitig die 15-16stndige Ausbeutung der Mdchen
unter 18 Jahren, also auch der im Entwicklungsalter stehenden 14- und
16jhrigen, in der Gasthofskche ohne Bedenken zu.

Da der Entwurf nicht auf die Zustimmung der Beteiligten wrde rechnen
knnen, war von vornherein anzunehmen. Freilich waren es nur Wenige, die
ihre Wnsche laut werden lieen. Die Meisten, die unter ihrer traurigen
Lage seufzen, sind noch gar nicht so weit, darber nachzudenken, wie man
sie bessern knnte. Eine Berliner Kellnerinnenversammlung stellte dem
Entwurf diese Forderungen gegenber: 1) Bestimmungen ber Zahlung eines
auskmmlichen Lohnes. 2) Festsetzung bestimmter Arbeitspausen,
insbesondere einer ununterbrochenen zehnstndigen Ruhezeit nach jedem
Arbeitstag. 3) Ausdehnung der Gewerbeinspektion auf das
Gastwirtsgewerbe, einschlielich der Beaufsichtigung der Wohn- und
Schlafrume der Angestellten; und der Mnchener Kellnerinnenverein
verlangte: 1) Eine ununterbrochene Mindestruhezeit von zehn Stunden
tglich. 2) Einen wchentlichen vierundzwanzigstndigen Ruhetag. 3)
Freigabe von wenigstens zwei Stunden an jedem zweiten Sonntag, um den
Besuch des Gottesdienstes zu ermglichen. 4) Festsetzung der
Altersgrenze fr die Zulassung junger Mdchen zur Bedienung von Gsten
auf sechzehn Jahre. 5) Festlegung einer zweijhrigen Lehrzeit, whrend
welcher die Lehrmdchen in der Zeit zwischen zehn Uhr abends bis sechs
Uhr morgens nicht beschftigt werden drfen. 6) Ueberschreitung der
tglichen Arbeitszeit nur an dreiig Tagen des Jahres.

Aber all diese Manahmen wren angesichts der herrschenden Zustnde im
Kellnerinnengewerbe ganz unzureichend und legen nur von der
Zaghaftigkeit der Betreffenden Zeugnis ab.

Jeder wirksame Arbeiterschutz mu einerseits von der Verkrzung der
Arbeitszeit ausgehen, andererseits fr seine Durchfhrung auf die
Untersttzung der Beteiligten rechnen knnen. Sowohl der fnfzehn- bis
sechzehnstndige Arbeitstag des Entwurfs als der vierzehnstndige, den
die Kellnerinnen fordern, kann unmglich die Bedeutung haben, die er als
Ausgangspunkt aller anderen Reformen haben mu; der Fortbestand des
Trinkgeldwesens aber, der die Kellnerinnen zu einer mglichsten
Ausdehnung des Arbeitstages zwingt, hindert sie daran, geschlossen fr
seine Herabsetzung einzutreten, und sie zu sichern, falls sie gesetzlich
eingefhrt wird. Will man die Lage der Kellnerinnen verbessern und sie
zunchst zum Standpunkt der Lohnarbeiterin in der Industrie erheben, der
fr sie zweifellos einen Fortschritt bedeuten wrde, so mu der Hebel zu
gleicher Zeit an beiden Punkten, der Arbeitszeit und dem
Trinkgelderwesen, angesetzt werden. Das knnte zunchst in der Weise
geschehen, da neben der ununterbrochenen zehnstndigen Nachtruhe, eine
zusammenhngende zweistndige Tagespause festgelegt wrde, so da eine
effektive Arbeitszeit von zwlf Stunden die Folge wre. Jeder
Gasthofsbetrieb hat im Laufe des Tages eine ruhige Zeit,--das haben die
Wirte selbst erklrt, als sie gegen den deutschen Entwurf Stellung
nahmen,--in der es mglich gemacht werden kann, den grten Teil der
Angestellten, auch der mnnlichen, zu entbehren. Jedenfalls mu es zu
ermglichen sein, da schon eine zwlfstndige Arbeitszeit das uerste
Ma bezeichnete.

Schwieriger erscheint die Trinkgelderfrage. Mit der bloen Bestimmung,
da die Wirte ausreichenden Lohn zu zahlen haben, ist ihr nicht
beizukommen und bis zur Schaffung starker Organisationen der
Gastwirtsgehilfen, die Lohntarife durchsetzen knnten, ist noch ein
weiter Weg. Noch weniger ist auf das Publikum zu rechnen, von dem man
manchmal erwartete, es wrde sich im Kampf gegen das Trinkgeld
solidarisch fhlen. Dagegen bte ein Mittel bessere Aussicht auf Erfolg:
die Bestimmung nmlich, da die Bezahlung der Zeche nur an der Kasse zu
erfolgen hat. Das Trinkgeld an die bedienende Kellnerin wird dadurch
zwar nicht vllig ausgeschlossen werden, aber doch fast ganz, da der
Gast sich meist in dem Augenblick dazu aufgefordert fhlt, wo er der
Bedienung die Zeche bezahlt, und sie erwartungsvoll vor ihm steht. Ein
anderes Mittel, das wohl noch mehr dem Gang der Entwicklung entspricht,
aber zunchst nur in greren Lokalen Anwendung finden knnte, wre die
durchgngige Bezahlung der Zeche, die im Verhltnis zu der Gesamtausgabe
einen bestimmten Prozentsatz fr die Bedienung in Anrechnung bringen
mte, an den Zahlkellner, der zum selbstndigen Unternehmer wrde,--was
er heute schon vielfach ist,--und den bedienenden Kellnern einen festen
Lohn zu zahlen htte. Ist das erreicht, so hat die Kellnerin kein
Interesse mehr an der Lnge der Arbeitszeit, sie wird statt dessen die
gesetzlich vorgeschriebene gern innehalten. Sie wird auch allmhlich,
wenn Geist und Krper unter der Erschpfung durch endlose Arbeitszeit
nicht mehr zu leiden haben, organisationsfhig werden. Ein
vierundzwanzigstndiger Ruhetag im Laufe von je sieben Tagen, die
Sicherung guter Unterkunftsrume durch die Aufsicht der
Wohnungsinspektion, das Verbot, junge Leute unter sechzehn Jahren
berhaupt und unter achtzehn lnger als acht Stunden tglich zu
beschftigen, die Verfgung endlich, da smtliche Schutzvorschriften
auch auf die Familie des Wirts auszudehnen sind,--der Entwurf schliet
sie ausdrcklich aus, ohne sich auch nur ber den Grad der
Familienzugehrigkeit nher auszulassen, --und die Einsetzung einer
besonderen Inspektion fr das Gastwirtsgewerbe,--denn man kann es den
wenigen schon stark berlasteten deutschen Gewerbeaufsichtsbeamten doch
nicht zumuten, noch etwa 173000 Betriebe mehr zu beaufsichtigen,--das
alles sind Bestimmungen, die die Grenzen des Notwendigen noch nicht
einmal erreichen, und die Ergnzung der Beschrnkung der Arbeitszeit fr
Erwachsene und des Trinkgelderwesens bilden mten. Soweit die
Sittlichkeit von den Arbeitsbedingungen abhngt, wird sie durch ein
Gesetz dieses Inhalts auch nur gefrdert werden. Sie darber hinaus
"schtzen" zu wollen, ist berhaupt nicht Aufgabe der Gesetzgebung. Sie
hat allein die Grundlage zu sichern, auf der eine menschenwrdige
Existenz sich aufbauen kann, und die ueren Bedingungen zu regeln, die
die Unabhngigkeit jedes Einzelnen zu gewhrleisten vermgen.

Wenn die bisherige Darstellung den Beweis erbracht hat, da der
gesetzliche Schutz der Arbeiter auf allen Arbeitsgebieten durchfhrbar
ist, so scheint sie jetzt an den Punkt angelangt zu sein, wo die
angewandte Methode nicht mehr zum Ziele fhren kann: am _huslichen
Dienst_. Die Dienstboten stehen auerhalb der Gewerbeordnung; nur von
Neu-Sdwales heit es, da der achtstndige Arbeitstag auch fr sie
Geltung haben soll; alle brigen Staaten haben entweder keinerlei
besondere Vorschriften, die die husliche Lohnarbeit regeln, oder sie
besitzen sie in der Form von Gesindeordnungen, wie Deutschland und
Oesterreich. Aber auch hierbei handelt es sich nicht um einheitliche
Rechtsvorschriften, sondern um zahlreiche, oft nach Provinzen
voneinander abweichende Einzelbestimmungen--Deutschland allein zhlt
ihrer gegen 60--, die dadurch schon den Stempel einer berwundenen
Epoche, der die Freizgigkeit noch unbekannt war, an der Stirne tragen;
denn die Kenntnis dieser Gesetze, die selbst einem Juristen schwer
fllt, kann von dem von Ort zu Ort und von Land zu Land wandernden
Dienstboten unmglich verlangt werden. Was sie aber in noch viel
drastischerer Weise als Reste der Vergangenheit kennzeichnet, ist ihr
Inhalt, der zu jeder modernen Auffassung des Arbeitsvertrags und des
Dienstverhltnisses in scharfem Gegensatz steht.

Einige Beispiele mgen das Gesagte erhrten: Nach der deutschen
Gewerbeordnung ist es bei Strafe verboten, Zeugnisse in die
Arbeitsbcher der gewerblichen Arbeiter einzutragen; die meisten
Gesindeordnungen aber machen die Ausstellung von Zeugnissen ber das
persnliche Verhalten des Dienstboten den Arbeitgebern zur Pflicht. Auf
Grund derselben Gewerbeordnung ist die Aufrechnung von irgend welchen
Forderungen des Arbeitgebers gegen die Lohnforderungen des Arbeiters
unzulssig, die Herrschaft dagegen kann bei etwaigem ihr zugefgten
Schaden nicht nur an den Lohn des Dienstboten sich halten, sie kann
sogar, falls dieser nicht ausreicht, eine Vergtung durch unentgeltliche
Dienstleistung von ihm fordern,--eine neue Form fr die mittelalterliche
Schuldknechtschaft! Auf Grund des Brgerlichen Gesetzbuches und des
Handelsgesetzbuchs fr das Deutsche Reich kann das Dienstverhltnis von
jedem Teil ohne Einhaltung der Kndigungsfrist gekndigt werden, wenn
ein wichtiger Grund vorliegt; dem Dienstboten steht dasselbe Recht nach
den deutschen Gesindeordnungen nur dann zu, "wenn er mihandelt wird mit
Gefahr fr Leib und Leben", wenn die Herrschaft ihn "mit ausschweifender
und ungewhnlicher Hrte behandelt", ihn "zu gesetzwidrigen und
unmoralischen Handlungen verleitet", oder ihm "das Kostgeld nicht giebt,
oder die Kost verweigert". Die Herrschaft dagegen kann ihn vor die Thre
setzen: wenn er sie "beleidigt", "Zwistigkeiten im Hause hervorruft",
"beharrlich ungehorsam und widerspenstig ist", "sich Veruntreuungen zu
schulden kommen lt", "ohne Vorwissen und Erlaubnis nachts aus dem
Hause bleibt", "seines Vergngens wegen ausluft, ber die erlaubte Zeit
hinaus fortbleibt, mutwillig den Dienst vernachlssigt", ja selbst "wenn
ihm die Geschicklichkeit mangelt, die er bei der Vermietung zu besitzen
vorgab", d.h. dem Arbeitgeber kann es nie an einem Grund fehlen, wenn er
den Dienstboten ohne Entschdigung los werden will, whrend der
Dienstbote erst krperliche oder moralische Mihandlungen nachweisen
mu, um ohne Einhaltung der Kndigungsfrist den Dienst aufgeben zu
knnen. Der gewerbliche Arbeiter kann gegenber unertrglichen
Arbeitsbedingungen die Arbeit auch ohne Kndigung verlassen, ohne da er
sich dadurch ehrenrhrige Strafen zuzieht; der Kontraktbruch beim
Gesinde aber wird strafrechtlich verfolgt, und jedes Dienstmdchen, das
davonluft, kann von uniformierten Polizeibeamten, wie ein Verbrecher,
wieder in die alte Stellung zurcktransportiert werden. Um jeden Weg zur
Selbsthilfe endgltig abzuschneiden, steht das Gesinde,--und unter
dieser Bezeichnung ist in Deutschland und Oesterreich nicht nur das
husliche, sondern auch das landwirtschaftliche zu verstehen,--auch in
Bezug auf das verfassungsmig jedem Staatsbrger gewhrleistete freie
Vereins- und Versammlungsrecht unter Sondergesetzen. Das heute noch
gltige Gesetz vom Jahr 1854 bestimmt, da das Gesinde mit
Gefngnisstrafe bis zu einem Jahr bestraft werden kann, wenn es zum
Zweck der Erlangung besserer Arbeitsbedingungen die Arbeit einstellt,
sich mit anderen dazu verabredet, oder sie dazu auffordert.

Aber nicht allein in direkter Weise stehen die Gesindeordnungen in
Widerspruch zu der allgemeinen modernen Regelung des Verhltnisses
zwischen Unternehmern und Angestellten. Eine ganze Reihe von Geboten und
Verboten schnren noch auerdem jede Bewegungsfreiheit des Dienstboten
ein, ohne da ihm als Aequivalent irgend ein nennenswerter Schutz zu
teil wrde. So werden z.B. "Ungehorsam", "pflichtwidrige Reden",
"unfleiiges Verhalten", "ungebhrliches Benehmen" in verschiedenen
deutschen Gesindeordnungen unter Strafe gestellt. Ja selbst die
Prgelstrafe kann von den Herrschaften den Dienstboten gegenber noch in
Anwendung gebracht werden, denn die Gesindeordnungen von Braunschweig,
Pommern, Sachsen, Reu und Meiningen erkennen den Dienstgebern das
Zchtigungsrecht ausdrcklich zu, und in Preuen knnen sie sich
straflos der "Beleidigung und leichten Krperverletzung" schuldig
machen.

Man hoffte, da das Brgerliche Gesetzbuch diesen Bestimmungen, die das
Gesinde wehrlos den Arbeitgebern in die Hnde liefern, ein Ende machen
wrde. Und es erklrte thatschlich, da ein Zchtigungsrecht der
Herrschaft nicht zustehe; nur da diese Erklrung fr die Praxis dadurch
jede Bedeutung verlor, da Art. 95 des Einfhrungsgesetzes zum
Brgerlichen Gesetzbuch alle Gesindeordnungen ausdrcklich bestehen
lt, und,--um darber ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen,--eine
preuische Ministerialverordnung folgendes bestimmte[949]: "Was die in
dem letzten Absatz des Artikels 95 enthaltene Bestimmung anbelangt,
wonach dem Dienstberechtigten gegenber dem Gesinde ein Zchtigungsrecht
nicht zusteht, so werden dadurch die in Preuen bestehenden
landesgesetzlichen Vorschriften nicht berhrt, da keine der letzteren
ein solches Recht statuiert, auch der  77 der Gesindeordnung nicht,
indem derselbe nur geringe Thtlichkeiten der Herrschaft unbestraft
lt, welche durch ungebhrliches, zum Zorn reizendes Betragen des
Gesindes veranlat werden." Die Erlaubnis zu geringen Thtlichkeiten ist
also, nach der Logik preuischer Minister, kein Zchtigungsrecht und das
Gesinde kann nach wie vor mit Ohrfeigen traktiert werden!

Wie sehr diese Ausnahmestellung des Gesindes mit der ganzen Richtung der
sozialpolitischen Gesetzgebung in Widerspruch steht, konnte auch den
Kurzsichtigsten nicht verborgen bleiben. Aber wenn man sich schon
scheute, die Familienwerkstatt und den Familiengasthofsbetrieb unter
gesetzliche Regeln und gesetzliche Aufsicht zu bringen, um wie viel mehr
mute man sich davor scheuen, den Familienhaushalt ihnen zu unterwerfen.
Jeder Reformversuch nach dieser Richtung trug den Charakter des Artikels
95 in sich: er wurde sofort wieder in sein Gegenteil verwandelt. So
beantragte die freisinnige Partei im deutschen Reichstag zwar 1893 die
Gleichstellung des Gesindes mit dem gewerblichen Arbeiter, 1895 aber
stimmte sie in der Kommissionsberatung des betreffenden Absatzes im
Brgerlichen Gesetzbuch gegen die Aufhebung der Gesindeordnungen. Das
Centrum dagegen versuchte bei Gelegenheit derselben Beratung die
Unterstellung des Gesindes unter die Gewerbeordnung durchzusetzen; ein
Jahr spter im Plenum aber erklrte es sich dagegen. 1897 nahm dann der
Reichstag eine Resolution an, die von der freisinnigen Partei ausging,
und die Regierung aufforderte, die Rechtsverhltnisse des Gesindes
reichsgesetzlich zu regeln; heute, nach fast fnf Jahren, ist es aber
immer noch bei dem bloen Wunsch geblieben, obwohl inzwischen die
Dienstboten angefangen haben, fr ihre Rechte einzutreten. Ihr
konsequenter Vorkmpfer ist bisher allein die sozialdemokratische Partei
gewesen, die nicht nur durch ihr Programm, das die rechtliche
Gleichstellung der Dienstboten mit den gewerblichen Arbeitern fordert,
sondern durch eine Reihe dahin zielender Antrge im Plenum des
Reichstages diese notwendige Reform durchzusetzen versuchte, vor allem
fr die Abschaffung der Gesindeordnungen und des jede Organisation
verhindernden Gesetzes von 1854 eintrat. Natrlich ohne jeden Erfolg.

Vorwrts getrieben durch die Dienstbotenbewegung, die von den
Vereinigten Staaten ausging und ber die skandinavischen Lnder den Weg
nach Deutschland nahm, fhlten sich auch, wie wir gesehen haben,
einzelne Gruppen der brgerlichen Frauenbewegung zu Reformvorschlgen
gentigt, die in der Abschaffung der Gesindeordnungen gipfeln, aber in
Bezug auf die Ausdehnung des Arbeiterschutzes auf die Dienstboten sich
entweder vorsichtig ausschweigen, oder sehr bescheidene Forderungen
stellen. Auch Stillich geht in der Bearbeitung seiner Enquete ber die
Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin kaum weiter, ja er bleibt
insofern noch hinter ihnen zurck, als die Freigabe des
Sonntagnachmittags nach ihm nicht gesetzlich festgelegt werden, sondern
das Dienstmdchen nur zur Arbeit whrend dieser Zeit nicht
"verpflichtet" sein soll. Einen wesentlich anderen Standpunkt gegenber
der Dienstbotenfrage nehmen einige amerikanische und englische
Frauenrechtlerinnen ein,--denn von einer allgemeinen feststehenden
Stellung der Frauenbewegung zu diesem Problem ist auch hier keine Rede.
Sie fordern die Ausbreitung kooperativer Gesellschaften, die allmhlich
die im Hause wohnenden Dienstboten durch auer dem Hause wohnende
organisierte und fr jedes Fach ausgebildete Hausarbeiterinnen ersetzen
sollen und glauben, da die Ausdehnung des Arbeiterinnenschutzes auf sie
erst unter diesen Voraussetzungen ermglicht werden kann.

Alle diese Versuche liegen auf dem Wege der durchgreifenden Reform, aber
sie haben jeder fr sich nur den Wert vorbereitender Arbeit. Erst ihre
Zusammenfassung und organische Ausbildung kann zu einer Regelung des
Verhltnisses der huslichen Arbeiter fhren. Vor allem haben wir uns
auch hier zunchst den Gang der Entwicklung klar zu machen, ohne bei der
nchternen Ueberlegung dem Einflu subjektiver Gefhle zu viel Spielraum
zu gewhren. Gerade hier ist diese Gefahr gro, denn so trivial es auch
klingen mag, so wahr ist es doch, da der Gedanke an die Familie, an die
stillen Freuden der Huslichkeit bei den Angehrigen der brgerlichen
Welt eng mit dem Gedanken an die eigene Kchin in der eigenen Kche
zusammenhngt, und man mit der Preisgabe des einen das andere zu
erschttern glaubt. Der objektive Beobachter aber wird sich der
Erkenntnis nicht verschlieen knnen, da Alles--die wachsende
Abneigung gegen den Gesindedienst in proletarischen, die Zunahme der
Frauenerwerbsarbeit in brgerlichen Kreisen, die sich rapide
ausbreitende Industrialisierung und Zentralisierung ehemals privater,
huslicher Thtigkeiten,--eine fundamentale Umwandlung des huslichen
Lebens vorbereitet. Dieser Entwicklung knnte auch dann nicht mit
dauerndem Erfolg in die Zgel gefallen werden, wenn sie, wie viele
behaupten wollen, eine nur schdliche Tendenz in sich trge. Sie mu
aber um so mehr gefrdert werden, als sie thatschlich glcklicheren
Zustnden die Wege bahnt.

Der Kreis der brgerlichen Familie umschlo frher den groen Hausstand
mit all seinen Mgden und Knechten; von einem intimen Zusammenleben
zwischen Mann und Weib konnte dabei selten die Rede sein, und die
husliche Atmosphre war der Ausflu so vieler verschiedener
Individualitten, da ihr Einflu auf die Kinder nicht als der der
Eltern allein gelten konnte. Je mehr der Haushalt zusammenschrumpfte,
desto mehr stieg die Mglichkeit huslicher Intimitt, desto inniger
konnten seine wenigen Glieder sich zusammenschlieen, und endlich wird
die Entwicklung auf der hheren Kulturstufe da anlangen, von wo sie auf
der tieferen ausging: der kleinen in sich geschlossenen
Familiendreieinigkeit,--Mann, Weib und Kinder. Der Ausschlu jeden
fremden Elements aus dem persnlichen Leben des Menschen liegt aber in
der Richtung der Steigerung und Vertiefung des persnlichen Glcks.
Durch ihn wird die Frau wieder zur Genossin des Mannes, zur Mutter der
Kinder, die sie auch mit der Milch ihres Geistes wird nhren knnen. Fr
die Dienstboten aber ist die Auflsung des persnlichen
Dienstverhltnisses der einzige Weg zu ihrer Befreiung. Wir haben uns
daher auch in den Dienst dieser Entwicklung zu stellen.

Von diesem Standpunkt aus bekommt die Frage der Ausdehnung des
Arbeiterschutzes auf das Gesinde gleich ein anderes Gesicht, und der
Einwand, da infolgedessen immer weniger Menschen im stande sein wrden,
sich Dienstboten zu halten, verwandelt sich in eine Befrwortung der
Maregel. Die einzelnen Forderungen an die Gesetzgebung, die natrlich
mit der Abschaffung der Gesindeordnungen einsetzen mte, lassen sich
kurz zusammenfassen: der elf- bis zwlfstndige Arbeitstag fr ber
Achtzehnjhrige knnte den Anfang bilden, seine Ergnzung wre die
1-1/2stndige Mittagspause, der freie Sonntagnachmittag und, als
Entschdigung fr die halbe Sonntagsarbeit, ein freier halber Wochentag;
Ueberstunden und Extraarbeiten, die in bestimmtem Umfang erlaubt sein
mssen, wren selbstverstndlich besonders zu vergten. Die Arbeitszeit
selbst knnte zwischen 7 Uhr frh und 9 Uhr abends zu verteilen sein.
Strenge Vorschriften in Bezug auf die Wohnungsverhltnisse der
Dienstboten mten durch eine energische Wohnungsinspektion und die
Haftbarmachung jedes Hauswirts noch verschrft werden.

Nun ist es zwar keinem Zweifel unterworfen, da diese Bestimmungen
unmittelbare allgemeine Folgen sofort nicht haben wrden, selbst wenn
man in jedes Haus einen Inspektor setzte. Ihre erzieherische Wirkung
aber wre um so bedeutsamer: die Dienstmdchen wrden infolge der freien
Zeit, ber die sie zu verfgen htten, der Aufklrung leichter
zugnglich sein, organisationsfhiger werden und lernen, ihre Rechte
selber zu schtzen; die Hausfrauen andererseits wrden schnell genug
einsehen, da sich der Kleinbetrieb unter solchen Umstnden nicht mehr
lohnt. Alle neuen Errungenschaften der Chemie und der Technik, die heute
infolge des bornierten Konservatismus der meisten Hausfrauen fast
unbenutzt bleiben, wrden ihrer arbeitsparenden Eigenschaften wegen in
Anwendung gebracht werden. Da das aber fr den Einzelhaushalt ebenso
verschwenderisch wre, als wenn man einen elektrischen Motor zum Antrieb
eines einzigen Webstuhls anschaffte, so wrde naturgem allmhlich der
genossenschaftliche Haushalt oder die zentralisierte Wirtschaftsfhrung
die Funktionen der einzelnen Haushalte aufsaugen. Die Dienstboten aber
wrden sich in freie Arbeiter verwandeln, die ebenso wie diese in die
Fabrik, in die Zentralkchen gingen. Alle diejenigen Institute, wie etwa
die Berliner Zentralreinigungsgesellschaften, die stundenweise ihre
Angestellten zu bestimmten huslichen Verrichtungen, wie
Wohnungsreinigen, Putzen etc., aussenden, wie die Fensterputz- und
Teppichklopfanstalten der groen Stdte, wie die Household economic
Associations Amerikas werden sich infolgedessen immer weiter verbreiten,
die Zentralisierung der Heizung, der Beleuchtung wird sich ausbilden,
kurz, alles das, was jetzt oft nur ein kmmerliches Dasein fristet,
weil die Sonne der Gunst des Publikums ihm fehlt, wird sich
durch den Antrieb praktischer Bedrfnisse rasch entwickeln. Je
mehr es aber geschieht, desto energischer kann und mu die
Arbeiterinnenschutzgesetzgebung auf die Dienstmdchen Anwendung finden.
Auf einer anderen Basis, als auf der der Loslsung des Gesindes aus dem
persnlichen Dienstverhltnis, auf eine Reform des Gesindewesens zu
rechnen, ist eine Utopie. Je eher wir uns von ihr losmachen, je rascher
wir versuchen, uns den neuen, unabweisbar sich entwickelnden
Verhltnissen anzupassen, desto schmerzloser wird sich der allmhliche
Proze der Umwandlung vollziehen, wie er sich schon frher, fr viele
fast unbemerkt, vollzogen hat.

Die konomische Ungleichheit zwischen Arbeiter und Unternehmer fhrt mit
Notwendigkeit zu den staatlichen Maregeln des Arbeiterschutzes. Der
rechtlich freie Arbeitsvertrag wrde niemals ein faktisch freier sein,
weil er die schwchere soziale und wirtschaftliche Stellung des
Arbeiters nicht aufhebt. Der Eingriff des Staates in den freien
Arbeitsvertrag hat sich daher als eine Notwendigkeit erwiesen. Jeder
Fortschritt des Arbeiterschutzes bedeutet fr den Unternehmer eine
Einschrnkung seines Verfgungsrechts ber die von ihm gekaufte
Arbeitskraft und fr den Arbeiter grere persnliche Freiheit und
Sicherheit. Das Recht darauf und das Bedrfnis danach ist fr beide
Geschlechter dasselbe. Wenn die Gesetzgebung den Frauen in Bezug auf die
Arbeitszeit einen ausgedehnteren Schutz zu teil werden lt, als den
Mnnern, so hat das keine prinzipielle Bedeutung, ist vielmehr nur der
notwendige erste Schritt zu allgemeiner, gleichmiger Regelung. Nur
soweit die Frau die Verantwortung fr die Existenz und die Gesundheit
eines anderen Menschen, ihres Kindes trgt, hat sie Anspruch auf
besonderen Schutz, der sich, seiner inneren Bedeutung nach, weniger als
Arbeiterinnen-, denn als Kinderschutz charakterisiert. Aber in
dem Schutz von Leben und Gesundheit, in der Schaffung von
Arbeitsbedingungen, die nicht nur die physische Existenz des Arbeiters
zu einer ertrglichen gestalten, sondern auch die Grundlage zu geistiger
Fortentwicklung legen helfen, beruht nicht, wie im allgemeinen
angenommen wird, die einzige Aufgabe der Arbeiterschutzgesetzgebung. Sie
hat sich nicht mit dem ueren Schutz zu begngen, vielmehr die ernste
und folgenschwere Pflicht, allen denjenigen Betriebsformen zum Siege zu
verhelfen, unter deren Herrschaft der Arbeiter sozial hhere Stufen
erreichen kann: sie mu die Hausindustrie und den huslichen Dienst
einer tiefgehenden Umwandlung entgegenfhren, sie mu den Grobetrieb in
Gewerbe und Handel frdern.

Die Voraussetzung aber fr die Wirksamkeit und den Fortschritt des
Arbeiterschutzes ist die Mitarbeit der Zunchstbeteiligten an seiner
Durchfhrung und seinem Ausbau. Alle ffentlichen Einrichtungen und alle
Gesetze, die sie dazu fhig zu machen vermgen, sind als notwendige
Ergnzungen der Arbeiterschutzgesetzgebung zu betrachten. Sie bilden
gewissermaen die Vollendung der Erziehung, die nicht darin allein
besteht, die Kinder vor Schaden zu bewahren, sondern ihnen die Waffen in
die Hand zu geben, mit denen sie sich selber schtzen knnen. In diesem
Sinne werden die Frauen noch immer als kleine Kinder behandelt.

Wir haben gesehen, da die niedrige Entlohnung der Frauenarbeit meist
auf ihre geringere qualitative oder quantitative Leistungsfhigkeit
zurckzufhren ist. Es lge demnach sowohl im Interesse der Frauen, als
in dem der Mnner, denen sie Schmutzkonkurrenz machen, ihre Leistungen
zu erhhen, d.h. ihnen eine der mnnlichen gleichwertige Ausbildung zu
teil werden zu lassen. Der Besuch der _Fortbildungsschulen_, zu dem nach
der deutschen Gewerbeordnung die Kommunalbehrden lediglich die
mnnlichen Arbeiter verpflichten knnen, und der von Reichswegen nur fr
mnnliche und weibliche Handelsgehilfen vorgeschrieben ist, mte
demnach fr alle, der Volksschule entwachsenen Mdchen obligatorisch
werden, und sich bis zum sechzehnten Jahr erstrecken. Die Voraussetzung
wre, da smtliche Fortbildungs- und Fachschulen, die gegenwrtig
hufig wohlthtigen Vereinen ihre Existenz verdanken und eine grndliche
Ausbildung nicht zu geben vermgen, von den Gemeinden oder dem Staat
eingerichtet und geleitet wrden, wie es in Oesterreich z.B. vielfach
geschehen ist, vor allem aber, da sie, wo es sich nicht um spezifisch
weibliche oder mnnliche Arbeiten handelt, die gemeinsame Erziehung der
Geschlechter grundstzlich durchzufhren htten. Erst dadurch wrden die
Krfte der mnnlichen und weiblichen Schler sich aneinander messen
knnen und die notwendige Differenzierung sich ebenso verbreiten, wie
der Wettbewerb auf gleichen Arbeitsgebieten.

Wie die Forderung des Fortbildungsschulzwangs fr Mdchen sich aus dem
wachsenden Erwerbszwang von selbst ergiebt, so ist es nur die
selbstverstndliche Konsequenz der Zunahme der Lohnarbeit verheirateter
Frauen, wenn nicht nur jedes gesetzliche Hindernis, das ihnen im Wege
steht, beseitigt, sondern ihre _freie Verfgung ber ihren
Arbeitsertrag_ gesichert werden mu. Bisher ist das keineswegs der Fall;
in Frankreich, Oesterreich und den Niederlanden bedarf die Frau zur
Eingehung eines Arbeitsvertrags der Zustimmung des Mannes; ein Vertrag,
der ohne sein Vorwissen beschlossen wurde, kann durch seinen Einspruch
ohne Einhaltung der Kndigungsfrist gelst werden, in Deutschland bedarf
der Ehemann dazu die Ermchtigung des Vormundschaftsgerichts. Und selbst
der durch eigene Arbeit erworbene Lohn ist nicht das gesicherte
persnliche Eigentum der Frau: lebt sie in Deutschland mit dem Mann in
Gtergemeinschaft und der Lohn ist nicht durch Ehevertrag ausdrcklich
ausgesondert worden, so kann der Mann ihn in Besitz nehmen und darber
verfgen; in Frankreich und in den Niederlanden kann er sogar an ihrer
Stelle den Lohn fr sich einfordern. Da dadurch unter Umstnden ganze
Familien ruiniert werden trotz des aufopfernden Fleies der Mutter,
bedarf kaum noch des Hinweises; jeder Trunkenbold und Arbeitsscheue hat
das Recht, den mhsam erworbenen Lohn der Frau, durch den sie ihre
Kinder ernhren wollte, zu verprassen. Englands Gesetzgebung allein hat
diesen Verhltnissen bisher Rechnung getragen, indem es der Frau die
selbstndige Schlieung von Arbeitsvertrgen ermglichte und ihren
Erwerb fr sie sicher stellte. Der Schutz der verheirateten Arbeiterin
ist ohne diese zivilrechtliche Ergnzung jedenfalls ein unvollstndiger.
Angesichts der Entwicklung der Frauenarbeit mu sie nicht nur ber ihre
Arbeitskraft frei verfgen knnen, sondern sich auch im
uneingeschrnkten Genu ihres Erwerbs befinden. Die wirtschaftliche
Unabhngigkeit, die dadurch geschaffen wird, ist eine der Grundlagen fr
die soziale und politische Emanzipation der Frau.

Einer der ersten Schritte zur politischen Gleichstellung, der sich
gleichfalls aus der Thatsache der Frauenerwerbsarbeit ergiebt, ist das
_Wahlrecht zu den Gewerbegerichten_, denen die Aufgabe zufllt,
Streitigkeiten zwischen den selbstndigen Gewerbetreibenden und ihren
Angestellten zu untersuchen und zum Austrag zu bringen. Die Mitglieder
dieser Gerichte, die Frankreich als Conseils des prud'hommes, Italien
als Collegio dei probi viri kennt, werden in gleicher Zahl und mit
gleichen Rechten von den Unternehmern und den Arbeitern aus ihrer Mitte
gewhlt; da es nun aber weibliche Unternehmer und weibliche Arbeiter
ebenso wie mnnliche giebt, und Streitigkeiten zwischen Arbeiterinnen
und Unternehmern ebenso hufig vorkommen, wie zwischen Arbeitern und
ihren Arbeitgebern, so liegt kein stichhaltiger Grund vor, warum den
Frauen nicht auch dieselben Rechte zustehen, wie den Mnnern.
Oesterreich hat dies wenigstens insofern anerkannt, als es die Frauen
zum aktiven Wahlrecht zulie, Italien gewhrte ihnen auch das passive;
in Frankreich stimmte die Kammer bereits vor zehn Jahren zu Gunsten der
Frauen, der Senat aber hat dem Beschlu seine Zustimmung versagt, indem
er erklrte, die Interessen der Frauen seien auf das Familienleben zu
beschrnken! In Deutschland ist die Mehrheit des Reichstags noch
derselben Ansicht; selbst die unbestreitbare Thatsache der 5-1/2
Millionen arbeitender Frauen vermag ihn noch immer nicht davon zu
berzeugen, da dem Familienleben durch den Wahlzettel die geringste
Gefahr droht.

Derselbe Geist, aus dem der Widerstand gegen das Wahlrecht der Frauen zu
den Gewerbegerichten entsprang, beherrscht auch die Gesetzgebung in
Bezug auf das _Koalitionsrecht_. Das preuische Vereinsgesetz und mit
ihm eine ganze Anzahl von den brigen 26 verschiedenen deutschen
Vereinsgesetzen, verbietet "Frauen, Schlern und Lehrlingen"
ausdrcklich die Teilnahme an politischen Vereinen oder die Bildung
solcher Vereine. Das sterreichische Gesetz steht auf demselben
Standpunkt. Vereinen jedoch, die "ideale" oder "wirtschaftliche" Ziele
verfolgen, knnen auch weibliche Mitglieder angehren. Durch diese
Bestimmungen kennzeichnet sich das Alter der ganzen Vereinsgesetzgebung,
die durch die wirtschaftliche Entwicklung einerseits und den Fortschritt
der sozialpolitischen Gesetzgebung andererseits lngst berholt wurde.
Seitdem die Frau in Reih und Glied neben dem Arbeiter dem Erwerb
nachgeht, und der Schutz der Arbeiter Gegenstand der Gesetzgebung
wurde, ist es ebenso widersinnig, der Frau die politische Stellungnahme
zu verbieten, wie es widersinnig ist, zwischen den Begriffen der
wirtschaftlichen und politischen Interessen eine rechtliche Grenzlinie
festzuhalten. Fr die daraus folgende Verwirrung der Begriffe liefert
die Rechtsprechung zahlreiche Illustrationen; Arbeiterinnenvereinen und
Gewerkschaften gegenber erklrte sie wiederholt Fragen fr politisch,
und begrndete damit Auflsungen und Maregelungen, die, sobald sie von
brgerlichen Vereinen behandelt wurden, unbeanstandet als
wirtschaftliche passierten. Das preuische Kammergericht sprach sich in
einem Urteil sogar folgendermaen aus[950]: "Zu den politischen
Gegenstnden im Sinne des Vereinsgesetzes gehren solche, welche
Sozialpolitik, insbesondere auch die Regelung der Arbeitszeit
betreffen." Jede gewerkschaftliche Organisation, vor allem aber die, an
der sich Frauen beteiligen, ist demnach auf Gnade und Ungnade der
Willkr der Behrden berliefert.

Die Durchfhrung des Arbeiterschutzes aber und sein weiterer Ausbau
hngt, wie wir gesehen haben, wesentlich von den Arbeitern und ihrer
thatkrftigen Untersttzung selbst ab, und die traurige Lage, in der vor
allem die weibliche Arbeiterschaft schmachtet, wird nicht zum wenigsten
dadurch in ihrer schrecklichen Gleichmigkeit erhalten, da den Frauen
die Hand gebunden und der Mund verschlossen ist. Der Charakter der
Klassengesetzgebung, die zwar so weit geht, die Arbeiterin zu
beschtzen, nicht aber so weit, sie fhig zu machen, da sie sich selbst
beschtzen kann, kommt nirgends so deutlich zum Ausdruck als im
Vereinsrecht Deutschlands und Oesterreichs. Kein Kulturstaat der Welt
kennt Aehnliches. Von einer ernsten Sozialreform kann nicht eher die
Rede sein, als bis dieser Stein, der ihre Strae versperrt, aus dem Weg
geschafft wurde. Zu diesem Zweck aber wrde die bloe Gleichstellung der
Frau mit dem Mann auf dem Boden des bestehenden Rechts nicht gengen, es
mte vielmehr ein den modernen Verhltnissen, der Entwicklung und den
Ansprchen der Arbeiterklasse angepates, einheitliches, neues Recht an
dessen Stelle treten, das fr die volle Koalitionsfreiheit die Gewhr
bte, und von dessen unbeschrnkten Genu keine Arbeiterkategorie
auszuschlieen wre.--

So stellt sich der Arbeiterschutz im weitesten Sinne nicht lediglich als
eine Sammlung von Schutzvorschriften dar, sondern als ein System
verschiedener gesetzlichen Manahmen, die organisch ineinander greifen,
und gegenseitig bedingt werden. Sozialreform, in diesem Sinne aufgefat,
ist nicht ein in sich abgeschlossener Teil der Gesetzgebung, sondern die
Quintessenz der Gesetzgebung berhaupt.


Uebersicht der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung.


Deutschland


Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:

  Fabriken, Werksttten mit Motorbetrieb, Werksttten der Kleider- und
  Wschekonfektion, ausgenommen diejenigen, in denen nur
  Familienmitglieder arbeiten, Bergwerke, Salinen,
  Aufbereitungsanstalten, Brche und Gruben, Zimmerpltze, Bauhfe,
  Werften, Httenwerke, Ziegeleien.

Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.

  10 Stunden, 1 Stunde Mittagspause, je 1/2 Stunde Pause vor- and
  nachmittags.

Arbeitszeit: b) Der Frauen.

  11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtage 10 Stunden, 1 Stunde
  Mittagspause; fr die, welche ein Hauswesen zu besorgen haben und
  einen Antrag stellen 1-1/2 Stunde.

Ueberstunden: a) Der jungen Leute.

  Nur durch besondere Verordnung des Bundesrats gestattet.

Ueberstunden: b) Der Frauen.

  Auf 2 Wochen nicht ber 13 Stunden tglich, im Jahr nicht mehr als 40
  Tage gestattet. Lnger als 2 Wochen durch Erlaubnis der hheren
  Verwaltungsbehrde, aber auch dann drfen 40 Tage im Jahr nicht
  berschritten werden. Auerdem kann der Bundesrat fr ganze
  Fabrikationszweige Dispensation erteilen: fr Fabriken mit
  ununterbrochenem Feuer, fr Betriebe, die auf bestimmte Jahreszeiten
  beschrnkt sind, fr Saisonindustrien.

Nachtarbeit:

  Von 8-1/2 Uhr abends bis 5-1/2 Uhr morgens verboten. Durch die hhere
  Verwaltungsbehrde und den Reichskanzler Ausnahmen gestattet, unter
  denselben Voraussetzungen wie bei den Ueberstunden.

Sonntagsarbeit:

  Verboten. Durch die hhere Verwaltungsbehrde und den Bundesrat sind
  Ausnahmen gestattet: Bei Bedrfnisgewerben, Saisongewerben und aus
  technischen Grnden, sowie bei besonderen Notlagen oder
  Unglcksfllen.

Arbeitsbeschrnkung:

  Die Arbeit unter Tage ist verboten. Der Bundesrat ist ermchtigt durch
  besondere Verordnungen die Arbeit in gesundheitsgefhrlichen Betrieben
  gleichfalls zu verbieten oder einzuschrnken.

Schutzzeit der Schwangeren:

  Keine.

Schutzzeit der Wchnerinnen:

  6 Wochen, doch kann die Zeit auf Grand rztlichen Attestes um 14 Tage
  verkrzt werden.


Oesterreich


Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:

  Fabriken, handwerksmige Betriebe, Werksttten, auer denjenigen, in
  denen nur Familienmitglieder arbeiten.

Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.

   --

Arbeitszeit: b) Der Frauen.

  11 Stunden, 1-1/2 Stunde Pause in Fabrikbetrieben.

Ueberstunden: a) Der jungen Leute.

   --

Ueberstunden: b) Der Frauen.

  Wie in Deutschland durch besondere Erlaubnis gestattet. Im ganzen
  nicht mehr als whrend 15 Wochen im Jahr.

  Dispensationen fr ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
  zulssig.

Nachtarbeit:

  Nur fr Fabrikbetriebe soweit Frauen ber 16 Jahre alt von 8-1/2 Uhr
  abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen wie in Deutschland
  zugelassen, fr Jugendliche auch im Gewerbebetriebe.

Sonntagsarbeit:

  Verboten, Ausnahmen hnlich wie in Deutschland gestattet.

Arbeitsbeschrnkung:

  Die Arbeit unter Tage ist verboten. Durch besondere Verordnungen
  knnen Arbeiten in gesundheitsgefhrlichen Betrieben gleichfalls
  verboten werden.

Schutzzeit der Schwangeren:

  Keine.

Schutzzeit der Wchnerinnen:

  4 Wochen. Bei Arbeiten ber Tage im Bergbau 6 Wochen.


Frankreich


Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:

  Fabriken, Bergwerke, Steinbrche, Baupltze, Werksttten, auer
  denjenigen, in denen nur Familienmitglieder arbeiten, und alle damit
  in Zusammenhang stehenden industriellen Betriebe, ffentliche,
  private, religise.

Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.

--

Arbeitszeit: b) Der Frauen.

  11 Stunden, 1 Stunde Pause. Vom Jahre 1902 ab 10-1/2 Stunden. Vom
  Jahre 1904 ab 10 Stunden fr Fabriken, in denen Mnner und Frauen
  zusammen arbeiten.

Ueberstunden: a) Der jungen Leute.

  Verboten.

Ueberstunden: b) Der Frauen.

  In einzelnen Industriezweigen drfen Frauen bis 11 Uhr abends
  beschftigt werden, doch nicht fter als whrend 60 Tagen im Jahr, bei
  besonderen Anlssen auch sonst noch Ausnahmen zugelassen.

  Dispensationen fr ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
  zulssig.

Nachtarbeit:

  Von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens verboten. Ausnahmen hnlich wie in
  Deutschland zugelassen.

Sonntagsarbeit:

  Verboten. Ausnahmen fr besondere Industrien zeitweise gestattet, doch
  mu als. Ersatz im Laufe von 7 Tagen ein anderer vollstndiger Ruhetag
  gewhrt werden.

Arbeitsbeschrnkung:

  Wie in Deutschland und Oesterreich.

Schutzzeit der Schwangeren:

  Keine.

Schutzzeit der Wchnerinnen:

  Keine.


Schweiz


Betriebe, auf die sich die Gesetzgebung bezieht:

  Fabriken, Werksttten mit Motorbetrieb, die mehr als 5 Personen, alle
  industriellen Betriebe, die mehr als 10 Personen, und alle
  gefhrlichen Betriebe, die weniger als 6 Personen beschftigen, mit
  Ausnahme der Werksttten, in denen nur Familienmitglieder arbeiten und
  in denen ungefhrliche Gewerbe betrieben werden.

Arbeitszeit: a) Der jungen Leute.

   --

Arbeitszeit: b) Der Frauen.

  11 Stunden. An Vorabenden der Sonn- und Festtagen 10 Stunden, 1 Stunde
  Pause. Fr Frauen, die ein Hauswesen zu besorgen haben, 1-1/2 Stunde.

Ueberstunden: a) Der jungen Leute.

   --

Ueberstunden: b) Der Frauen.

  Fr nicht mehr als 14 Tage im Jahr durch besondere Erlaubnis der
  Behrden gestattet.

  Dispensationen fr ganze Fabrikationszweige wie in Deutschland
  zulssig.

Nachtarbeit:

  Von 8 Uhr abends bis 5 resp. 6 Uhr morgens verboten.

Sonntagsarbeit:

  Verboten.

Arbeitsbeschrnkung:

  Wie in Deutschland und Oesterreich.

Schutzzeit der Schwangeren:

  14 Tage vor der Niederkunft ist die Arbeit verboten.

Schutzzeit der Wchnerinnen:

  6 Wochen.

[Transskriptionsanmerkung: Im vorliegenden Original fehlt ein Teil.
(Daten fr mindestens ein weiteres Land.)]


Die Arbeiterinnenversicherung.


Neben die Erweiterung des Arbeiterschutzes trat, als letzte groe
Errungenschaft der Arbeiterklasse, die Arbeiterversicherung. Der
Gedanke, da der arme Arbeiter sich vor den Wechselfllen seines Lebens
auf irgend eine Weise schtzen msse, war durchaus kein neuer: die
englischen Gewerkschaften und die Friendly Societies entwickelten sich
schon frh auch nach dieser Richtung zu groartigen Organisationen, die
ihren Mitgliedern vor allem Krankenuntersttzung und Begrbnisgelder
gewhrten. Die Gesellen- und Knappschaftskassen in Deutschland sorgten
in hnlicher Weise fr die ihr Zugehrigen, ebenso die modernen freien
Hilfskassen, deren Anfnge bis in das Revolutionsjahr zurckreichen. Die
franzsischen Societs de Secours mutuels dehnten ihre Verpflichtungen
vielfach noch weiter aus, indem sie ihren Mitgliedern in allen Notfllen
des Lebens zu helfen suchten; die Syndikate, die verschiedenen
Rentenkassen wirkten in derselben Richtung. Aber dieses ganze
freiwillige Versicherungswesen krankte an demselben groen Uebel: es
umfate immer nur einen uerst beschrnkten Kreis von Arbeitern und
berlie gerade die Hilfsbedrftigsten der bittersten Not. Zu ihnen
gehrten aber die Frauen. Nicht nur, da sie schwer sich entschlieen
konnten, von ihrem geringen Einkommen regelmige Beitrge zu den
verschiedenen Vereinen und Kassen abzuziehen, sie sind auch, wie wir
schon gesehen haben, uerst schwer zu organisieren. Die Unverheirateten
sehen die Frsorge fr Alter und Gebrechlichkeit als berflssig an,
weil sie meinen, da die Ehe ihnen beides sichern wird, die
Verheirateten darben sich jeden Pfennig lieber fr ihre Kinder ab. In
England allein traten schon Mitte des 19. Jahrhunderts Frauen in
grerem Umfang den Friendly Societies bei oder grndeten fr sich
allein selbstndige freie Hilfskassen; in Deutschland entstand die erste
Kasse der Art auf Anregung der Grfin Guillaume-Schack erst im Jahre
1884 in Offenbach a.M.; Frankreich kannte nur einen sehr kleinen Verein
derselben Art, whrend seine Untersttzungs- und Versicherungsvereine
entweder nur wenige weibliche Mitglieder hatten oder sie sogar
statutenmig ausschlossen. Nur in Bezug auf Witwenuntersttzung geschah
hie und da etwas Nennenswertes fr die Frauen.

Der Gedanke der staatlichen Zwangsversicherung fr alle Arbeiter, wie er
sich zuerst in Deutschland Bahn brach, war daher, vom Standpunkt der
weiblichen Arbeiter aus betrachtet, ein auerordentlich fruchtbarer.
Daran ndert die fr die Geschichte der Arbeiterversicherung
bezeichnende Thatsache nichts, da ihre Urheber, wie es die kaiserliche
Botschaft vom 17. November 1881 erklrte, die Schaffung der
Arbeiterversicherung lediglich als eine Ergnzung zur "Repression
sozialdemokratischer Ausschreitungen", d.h. des Sozialistengesetzes,
betrachteten.

Nacheinander wurden die Krankenversicherung, die Unfallversicherung und
schlielich die Alters- und Invalidittsversicherung eingefhrt.
Oesterreich, Frankreich und die Schweiz folgten langsam dem Beispiel
Deutschlands, ohne indessen bisher die Versicherungsgesetzgebung so weit
auszudehnen.

Eine Darstellung des geltenden Rechts in Bezug auf die
Arbeiterinnen-Versicherungsgesetzgebung bringt nebenstehende Tabelle.

Wie die Tabelle zeigt, ist die obligatorische Arbeiterversicherung in
Deutschland, dem Mutterland der Idee, am ausgiebigsten zur Durchfhrung
gekommen. Aber wie es bei der Neuheit des ganzen Gedankens, dem Fehlen
jeglichen Vorbilds und der Mangelhaftigkeit der statistischen Unterlagen
nicht anders mglich war, leidet die Gesetzgebung auch hier an Mngeln
sowohl in Bezug auf die Leistungen, als in Bezug auf das Bereich ihrer
Ausdehnung.

Zuerst wurde die _Krankenversicherung_ geordnet und fr Arbeiter und
Angestellte in Gewerbe und Handel zu einer obligatorischen gemacht. So
segensreich sie sich aber auch im Vergleich zu jener Zeit erwies, wo sie
selbst als private und freiwillige Versicherung nur fr kleine Gruppen
von Arbeitern existierte, so stellte sie sich doch bald als unzulnglich
heraus. Eine ihrer schwchsten Seiten ist die Frage der
Gelduntersttzung. Wenn eine kranke Arbeiterin wchentlich zwischen 4
und 5 Mark bekommt, so ist dadurch der Lohnausfall fr die Familie
natrlich nicht gedeckt, noch weniger aber ist sie in den Stand gesetzt,
sich gehrig zu pflegen und gut zu ernhren. Dazu kommt, da die
schlecht bezahlten, beranstrengten Kassenrzte sie nur schablonenhaft
behandeln knnen, und diesen dabei in jeder Hinsicht die Hnde gebunden
sind, weil die Kassenvorstnde Verordnungen von Milch, Bdern, Wein etc.
der hohen Kosten wegen meist nur sehr ungern sehen. Meines Erachtens
mte das Krankengeld bis zur Hhe des vollen Lohnes erhoben werden
knnen, vor allem aber mte die Krankenhauspflege in erweitertem Mae
als bisher in Anwendung gebracht werden.

Diese Forderung stt zunchst auf den Widerstand der Arbeiterinnen
selbst und man pflegt sich nicht genug darber zu empren, da sie sich
so energisch gegen die Aufnahme im Krankenhaus struben. Wer aber einmal
die Sle und Krankenzimmer der Aermsten gesehen hat, wer sich erzhlen
lie, wie Frauen und Mdchen zu Studienzwecken einer ganzen Reihe von
Studenten sich darbieten mssen, wer sieht, mit welchem Entsetzen manche
Arbeiterin an das Zusammensein mit vielen Kranken in einem Zimmer, deren
Sthnen und Jammern ihre Nchte zu qualvollen macht, zurckdenkt, der
wird ihre Abneigung gegen das Spital durchaus berechtigt finden. An der
Reorganisation der Krankenhuser und der Krankenpflege mu daher der
Hebel angesetzt werden, sollen sie wirklich der arbeitenden Bevlkerung
zum Heil gereichen.

Die Krankenkassen haben aber auch nchst der Sorge fr die Erkrankten
die Pflicht, der Erkrankung vorzubeugen. Um die Mglichkeit hierzu zu
gewinnen, mten sie zunchst die Lebensbedingungen ihrer Mitglieder
kennen lernen und im Auge behalten, was einerseits durch enge Fhlung
mit den Gewerkschaften untersttzt werden knnte, andererseits dadurch
am leichtesten geschhe, da ihnen das Recht zustnde, Sanitts- oder
Wohnungsinspektoren mnnlichen und weiblichen Geschlechts zu
erwhlen. Die Berliner Ortskrankenkasse der Kaufleute, die ihre
Krankenkontrolleure dazu verwendet, hat damit gute Erfahrungen gemacht.
Wie viel hygienisches Wissen, an dem es leider berall mangelt, knnte
durch diese Organe der Krankenkassen verbreitet werden. Oft gengt ja
ein verstndiger Wink, um arme Arbeiterfrauen ber Kinderpflege und
Ernhrung, ber Lftung, Alkoholgenu etc. aufzuklren. In den weitaus
meisten Fllen allerdings, wo Not und Elend die einzigen Ursachen von
Krankheit und Siechtum sind, werden gute Ratschlge und Arzneien nichts
helfen knnen, aber wenigstens sollte versucht werden, die Kinder von
diesen Einflssen einigermaen frei zu machen: die Einrichtung von
Ferienaufenthalten, die Grndung von Kinderasylen wre eine weitere
Aufgabe der Krankenkassen, deren Thtigkeitskreis sich mit Erfolg nach
allen Richtungen erweitern liee. Eine vernnftige Regierung sollte
ihnen dabei in jeder Weise Vorschub leisten. Einen nicht zu
unterschtzenden Einflu auf die Verwaltung der Krankenkassen knnten in
Deutschland die Arbeiterinnen gewinnen, wenn sie eines der wenigen
Rechte, das sie besitzen, das aktive und passive Wahlrecht fr die
Krankenkassen-Verwaltungen in ausgiebigerer Weise noch als bisher
benutzen wollten. Es wre das zugleich eine Erziehung zum besseren
Verstndnis ffentlicher Angelegenheiten.

Diese Teilnahme der Frauen ist um so wichtiger und notwendiger, als die
Krankenkassen auch die Trgerinnen der Wchnerinnenuntersttzungen sind.
Der ganze Wchnerinnenschutz wre eine Phrase oder eine Grausamkeit,
wenn man der Frau die Arbeit verbieten, sie aber zu gleicher Zeit
mit ihrem Kinde dem Hunger preisgeben wollte. Die deutsche
Krankenversicherung und mit ihr alle Versicherungen hnlicher Art im
Auslande, haben die Bestimmung getroffen, da Wchnerinnen bis auf die
Dauer von sechs Wochen durch die Ortskrankenkassen, denen sie seit
mindestens sechs Monaten angehren, eine Gelduntersttzung erhalten
mssen, die mindestens die Hlfte, oder auch bis zu drei Viertel des
durchschnittlichen Tagelohnes betragen soll. Die ganze Halbheit der
Maregel ist auf den ersten Blick einleuchtend. Schon unter normalen
Verhltnissen reicht der volle Lohn der Arbeiterin nicht aus, um die
notwendigsten Bedrfnisse zu decken, wie viel weniger kann die Hlfte
oder drei Viertel davon sich als gengend erweisen, wenn nicht nur die
Wchnerin, sondern auch das Kind davon gepflegt werden soll. Ist schon
eine grere Familie vorhanden, fr die gesorgt werden mu, so wird der
Wchnerinnenschutz und die Wchnerinnenversicherung vllig illusorisch,
weil die geringe Untersttzung nicht dazu ausreicht, fr die Fhrung des
Haushaltes einen Ersatz zu schaffen, und die arme Mutter gezwungen ist,
so schnell als mglich das Bett zu verlassen, um selbst nach dem Rechten
zu sehen. Das ist um so hufiger der Fall, als die Kassen nicht befugt
sind, die Aufnahme der Schwangeren in eine Entbindungsanstalt oder der
Wchnerinnen in Reconvalescentenheimen zu veranlassen, denn im Sinne des
Gesetzes gelten die Entbindung und ihre Folgen nicht als Krankheit, und
freier Arzt und freie Verpflegung wird nur den Kranken zugesichert. Die
vllige Unzulnglichkeit der Wchnerinnenversicherung ist im
wesentlichen auf ihre Verquickung mit der Krankenversicherung
zurckzufhren, mit der sie, wie das Gesetz selbst anerkennt, im Grunde
nichts zu thun hat. Die Krankenversicherung, die den Versicherten auf
lngstens 13 Wochen freien Arzt und Apotheke oder entsprechende
Behandlung im Krankenhaus gewhrt, die ferner berechtigt ist, die
Krankenuntersttzung bis auf ein Jahr zu verlngern, oder die Kranken in
Reconvalescentenheimen unterzubringen, ging bei der Festsetzung der Hhe
der Gelduntersttzung von der Rcksicht auf eine mgliche starke Zunahme
der Simulanten aus und sah sich deshalb verhindert, ber den blichen
Lohn hinauszugehen, oder ihn auch nur zu erreichen.

Diese Besorgnis fllt bei der Frage der Wchnerinnenuntersttzung fort.
Trotzdem sie nun aber eine, wie wir gesehen haben, vllig ungengende
ist, belastet sie die Ortskrankenkassen sehr erheblich. Nach den
Jahresberichten der Berliner Allgemeinen Ortskrankenkasse waren im Jahre
1900 die Einnahmen pro Kopf der mnnlichen Mitglieder um 6,09 Mk. hher
als die Ausgaben, whrend die Ausgaben pro Kopf der weiblichen
Mitglieder die Einnahmen um 3,12 Mk. berstiegen. Die Ursache hiervon
liegt nun zwar wesentlich in der allgemeinen traurigen Lage der
weiblichen Arbeiter, zum groen Teil aber auch in der Vernachlssigung
und mangelhaften Pflege der Schwangeren und Wchnerinnen, die zahllose
Unterleibserkrankungen im Gefolge haben. Was also die Kassen auf der
einen Seite ersparen, das setzen sie auf der anderen wieder zu. Der
Schutz der Frau als Mutter stellt an die Versicherungsgesetzgebung so
weitreichende Anforderungen, da sie im Rahmen der Krankenversicherung
unmglich erfllt werden knnen. Sie mten einer besonderen
_Mutterschaftsversicherung_ bertragen werden.

Die Mutterschaft ist eine gesellschaftliche Funktion, daher mte der
Staat sie ganz besonders unter seinen Schutz stellen und allen
bedrftigen Mttern des Volks die beste Pflege in weitestem Mae
zusichern. Dazu gehrt eine Gelduntersttzung whrend vier Wochen vor
und acht Wochen nach der Entbindung in der vollen Hhe des
durchschnittlichen Lohnes, freier Arzt, freie Apotheke, freie
Wochenpflege einschlielich der Pflege des Suglings und der Sorge fr
den Haushalt, die Errichtung von Asylen fr Schwangere und Wchnerinnen
und von Entbindungsanstalten, eventuell auch die Errichtung von Krippen,
wie wir sie im Interesse der Kinder schon gefordert haben. Die Mittel
hierzu mten, neben den Beitrgen der Versicherten, aus einer allgemein
zu erhebenden Steuer hervorgehen, zu der vielleicht die Unverheirateten
und kinderlosen Ehepaare besonders herangezogen werden knnten. Das
entbehrt nicht eines komischen Beigeschmacks, weil es an die
Hagestolzensteuer erinnert, die vielfach gewissermaen als Strafe fr
das Ledigbleiben vorgeschlagen wurde, hat aber doch einen ernsten
Hintergrund, da die Alleinstehenden und Kinderlosen unter den heutigen
Verhltnissen thatschlich ein weit sorgenloseres Leben fhren, als die
Verheirateten und Kinderreichen.[951] Jedenfalls sollte die Frage der
Aufbringung der Mittel bei einer Sache von so weittragender Bedeutung
keine Rolle spielen. Ein Blick auf die Proletarierinnen und ihre Kinder
mte gengen, um die Notwendigkeit einer durchgreifenden Maregel jedem
vor Augen zu fhren, da sie noch nirgends in der hier befrworteten
Ausdehnung zur Durchfhrung kam, beruht einmal auf der Neuheit des
ganzen Versicherungswesens, und dann auf der Einsichtslosigkeit und
Rechtlosigkeit der Frauen, die kein Mittel haben, ihre persnlichen
Interessen wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.

Auf die Krankenversicherung folgte die Einfhrung der
_Unfallversicherung_, die in Deutschland, Oesterreich, der Schweiz,
Norwegen und Finland obligatorisch ist. Sie wird nur von den
Unternehmern aufgebracht, und hat daher den groen Vorteil gehabt, zur
Sicherheit der Betriebe sehr viel beizutragen und so die Unflle
mglichst zu verhten. Da aber der Begriff der Betriebsunflle durchaus
kein feststehender ist und auch ihre "vorstzliche" Herbeifhrung, die
die Entschdigung ausschliet, sich nicht immer mit unbedingter
Sicherheit feststellen lt, die Renten berdies ganz unzureichende
sind, so werden ihre Vorteile dadurch erheblich eingeschrnkt. Das gilt
in noch hherem Mae fr die _Invaliditts- und Altersversicherung_.

Deutschland gebhrt der Ruhm den wahrhaft groen Gedanken, den Arbeiter,
der im Dienst der Allgemeinheit seine Arbeitskraft verlor oder ein Alter
erreichte, das ihm Ruhe gebietet, nicht der Armenpflege anheimfallen zu
lassen, sondern ihm das Recht auf eine gesicherte Existenz zuzuerkennen.
Nur traurig, da die praktische Ausfhrung des Gedankens so weit hinter
dem Ideal zurckblieb. Zunchst hat nur derjenige auf Invalidenrente
Anspruch, der nicht mehr ein Drittel seiner normalen Erwerbsfhigkeit
besitzt. Eine Arbeiterin also, die in gesunden Zeiten etwa 700 Mk.
jhrlich zu verdienen vermochte, nunmehr aber nicht mehr als 350 Mk.
verdienen kann,--denken wir z.B. an Konfektionsarbeiterinnen, die durch
jahrelanges Maschinennhen ihre Arbeitskraft soweit einben,--hat, auch
wenn sie dem grten Elend gegenbersteht, keinerlei Anspruch auf eine
Rente. Sie mu nach wie vor, sei es durch Betteln oder durch die Schande
der Prostituierung, einen Nebenerwerb sich zu verschaffen suchen, wenn
sie nicht verhungern will. Ist aber ihre Erwerbsfhigkeit so weit
vermindert, da sie zum Empfang der Invalidenrente berechtigt ist, so
ist sie dadurch weder von Sorge und Not, noch von der Notwendigkeit, um
Armenuntersttzung nachzusuchen, befreit. Die Invalidenrenten betragen
nmlich:

Nach            | In Lohnklasse                   |
Beitragswochen  |---------------------------------|
                | I    | II   | III  | IV   | V   |
----------------+------+------+------+------+-----|
                | Mk.  | Mk.  | Mk.  | Mk.  | Mk. |
200             | 116  | 132  | 146  | 160  | 174 |
300             | 119  | 138  | 154  | 170  | 186 |
500             | 125  | 150  | 170  | 190  | 210 |
1000            | 140  | 180  | 210  | 240  | 270 |
1500            | 155  | 210  | 250  | 290  | 330 |
2000            | 170  | 240  | 290  | 340  | 390 |
2500            | 185  | 270  | 330  | 390  | 450 |

Bei der Niedrigkeit der Arbeiterinnenlhne wird die dritte Lohnklasse
(550-850 Mk. durchschnittliche Jahreseinnahme) im allgemeinen die
hchste sein, fr die Einzahlungen durch die Frauen geleistet werden
knnen. Und nach fnfzig arbeitsreichen Jahren wird eine Rente von 330
Mk. erreicht! Wie aber, wenn die Invaliditt frher und fr Angehrige
einer niedrigeren Lohnklasse eintritt?! Soll ein armes, vom Kampf ums
Dasein vorzeitig zerriebenes Geschpf mit 116, 150, 220 Mk. leben
knnen?! Man hat bei der Festsetzung der Invalidenrente vielfach
gefrchtet, die Arbeiter wrden den Empfang dieses Goldregens gar nicht
abwarten wollen und sich auf alle Weise die erforderliche Invaliditt
knstlich zuziehen. Bei der Aussicht auf diese Stze wird das selbst der
rmsten Nherin nicht einfallen. Man glaubte ferner darauf Rcksicht
nehmen zu mssen, da durch die Gewhrung der Renten nicht etwa die
Verpflichtung der Familienangehrigen, sich gegenseitig zu untersttzen,
aufgehoben wrde, und hat nicht daran gedacht, da die Mglichkeit dazu
in der Arbeiterbevlkerung eine seltene ist. Trauriger noch steht es um
die Altersrenten. Siebzig Jahre mu die Arbeiterin alt werden, ehe sie
auf eine Rente von 110-230 Mk. rechnen kann! Hat sie das Glck, bei
ihren Kindern wohnen zu knnen, so bedeutet die Summe immerhin eine
erfreuliche Erleichterung fr die meist trostlose Abhngigkeit der Alten
von den Jungen, steht sie allein, so gengt sie auch nicht, um davon in
irgend einem Altfrauen-Stift unterzukommen. Mit Darben und Arbeiten fing
ihr Leben an, mit Darben und Betteln hrt es auf.

Ein fr die Frauen besonders wichtiger Versicherungszweig, dessen erste
schchterne Anstze im deutschen Versicherungswesen zu finden sind, ist
die _Witwen- und Waisenversorgung_. Whrend auf Grund der
Krankenversicherung den Hinterbliebenen nur ein Sterbegeld zusteht und
die Invalidenversicherung zur Rckerstattung der Hlfte der fr den
verstorbenen Versicherten gezahlten Markenbeitrge an die Witwe oder die
Waisen verpflichtet ist,--eine Summe, die im besten Fall 200-300 Mk.
betrgt,--gewhrt die Unfallversicherung ihnen eine Rente bis zu 60% des
Arbeitsverdienstes des Verstorbenen, ein Satz, der um so mehr als billig
anerkannt werden mu, als er durch die etwaige Erwerbsfhigkeit der
Witwe nicht geschmlert werden kann. Aber der Kreis derjenigen, die in
den Genu der Rente gelangen, ist ein uerst geringer. Die groe Masse
der Arbeiterwitwen und -Waisen geht leer aus, und hat, nach dem Tode des
Haupternhrers, unter den schwierigsten Umstnden fr sich selbst zu
sorgen. Zu dem notwendigsten Ausbau der Arbeiterversicherung wrde daher
eine allgemeine Witwen-und Waisenversicherung gehren, die durch
allgemeine Steuern gedeckt werden mte. Es scheint mir wenigstens eine
selbstverstndliche Forderung zu sein, da die gesamte Gesellschaft
berall dort einzutreten hat, wo die Interessen der Kinder, auf denen
die Zukunft des Staates beruht, auf dem Spiele stehen.[952]

Krankheit und Unfall, Erwerbsunfhigkeit und Alter sind aber nicht die
einzigen finsteren Mchte, die das durch niedrige Lhne und schlechte
Arbeitsbedingungen schon genug gefhrdete Leben der Arbeiterin bedrohen.
Denn selbst auf die Zeiten gewinnbringender Thtigkeit fllt verdsternd
der Schatten jener anderen Macht, in deren Bann sie immer wieder gert,
der _Arbeitslosigkeit_. Die Gewalt, die sie besitzt, der Schrecken, den
sie verbreitet, ist zuerst von den Gewerkschaften anerkannt worden;
durch Untersttzung der arbeitslosen Mitglieder, durch Arbeitsnachweis
fr sie suchten sie ihr zu begegnen. Besonders in Frankreich ist es der
Verband der Gewerkschaften,--die Confdration gnrale du Travail,--und
der Verband der Arbeitsbrsen,--die Fderation des Bourses du
Travail,--die sich um die Organisation der Stellenvermittlung verdient
gemacht haben. Der Gedanke aber, da die Arbeitsvermittlung eine
ffentliche Angelegenheit von hchster Wichtigkeit ist und daher vom
Staat und von den Kommunen geregelt werden msse, hat sich erst seit
kurzem Geltung verschafft. Zuerst waren es schweizerische Gemeinden, die
durch Grndung kommunaler Arbeitsnachweise mit dem guten Beispiel
vorangingen, dann folgten deutsche, vor allem sddeutsche Stdte, die
sich schlielich zu einem "Verband deutscher Arbeitsnachweise"
untereinander verbunden haben, um eine noch regere Arbeitsvermittlung
zu ermglichen.[953] Mit Untersttzung der Arbeitsbrsen
hat der franzsische Handelsminister die Einrichtung eines
Zentralarbeitsnachweises unternommen, der die Bestimmung hat, alle
Brsen miteinander in Verbindung zu bringen, also ungefhr dasselbe Ziel
verfolgt, wie der deutsche Verband. Fr die brennende Frage der
Arbeitslosigkeit ist diese ganze Entwicklung von grter Bedeutung und
diejenigen, die sie am nchsten angeht, mten sie besonders lebhaft
untersttzen. Erst eine vollkommen einheitliche Organisation des
Arbeitsnachweises kann zu ersprielichen Resultaten fhren, kann zu
einem klaren Bild des Arbeitsmarktes gelangen und Angebot und Nachfrage,
soweit es mglich ist, miteinander in Einklang bringen. Die notwendige
Voraussetzung dafr aber ist die vllige Unterdrckung der privaten
Stellenvermittlung. Sie ist, besonders fr die Arbeiterin, eine Quelle
der Ausbeutung, und birgt Bakterienherde sittlicher Fulnis. Von ihrer
Vernichtung sollte man sich nicht durch sentimentale Rcksichten auf die
Inhaber der privaten Bureaus abhalten lassen, die, soweit sie sich
tchtig genug erwiesen haben, im Bureaudienst der ffentlichen
Vermittlung vielfache Verwendung finden knnen. Vor allem die
arbeitsuchenden Frauen werden, bei der Beschrnktheit ihres
Gesichtskreises und ihrer Scheu vor jeder Berhrung mit Organen der
ffentlichen Verwaltung, immer wieder den Winkelagenten und Vermittlern
aller Art in die Hnde fallen, und niemals zum Genu kommunaler oder
staatlicher Stellennachweise gelangen, solange eine private Vermittlung
daneben besteht. Da diese Forderung keine utopische ist, beweist nicht
nur die uns etwas weit abliegende und daher schwer kontrollierbare
staatliche Stellenvermittlung Ohios, Neu-Seelands und der australischen
Staaten, sondern vor allem das im November 1900 von der franzsischen
Kammer angenommene Gesetz, das die allmhliche Beseitigung der privaten
Stellenvermittlung zum Ziele hat und an deren Stelle ein Netz von
unentgeltlichen Arbeitsnachweisen ber das ganze Land verbreiten will.
Ob der Senat es besttigen wird, bleibt freilich noch abzuwarten. Seine
Durchfhrung wrde jedenfalls fr die ganze Frage des Arbeitsnachweises
einen groen Fortschritt bedeuten.

Aber selbst der vollendetste Arbeitsnachweis knnte die Arbeitslosigkeit
nur mildern, aber nicht beseitigen, da er auf das Gleichgewicht zwischen
Angebot und Nachfrage ganz ohne Einflu bleiben wird. Je mehr der
Saisoncharakter der Industrien sich entwickelt, desto hufiger werden
die Arbeiter wochen- und monatelang aufs Pflaster geworfen werden; jede
wirtschaftliche Krise vor allem beraubt Hunderte und Tausende der
Grundlagen ihrer Existenz. Die Kommunen suchten dem neuerdings in
erweitertem Mae durch Notstandsarbeiten zu begegnen, wobei aber vor
allem die Mnner Bercksichtigung finden. Wo man den Frauen helfen
wollte, geschah es meist in verkehrer Weise durch Einfhrung von
Heimarbeit aller Art. In Lille z.B. wurden sie mit der Anfertigung von
Kinderkleidern beschftigt, die in kleineren Geschften ihre Abnehmer
fanden. Als ausreichend erwiesen sich die Notstandsarbeiten nirgends.
Die Versicherung gegen unverschuldete Arbeitslosigkeit mu daher die
Ergnzung des geregelten Arbeitsnachweises sein.

Alle Versuche auf diesem Gebiet sind bisher entweder in den ersten
Anfngen stecken geblieben, wie die fakultativen Winterversicherungen
der Stdte Bern und Kln, oder vllig fehl geschlagen, wie die
obligatorische allgemeine Versicherung von St. Gallen. Diese Mierfolge
auf einem so schwierigen Gebiet drften Sozialpolitiker und Gesetzgeber
aber nicht davon abschrecken, auf andere Mittel und Wege zu sinnen, um
die Arbeitslosen nicht dem Elend preiszugeben, oder der Armenpflege und
der Privatwohlthtigkeit zu berlassen.

Die ideelle Bedeutung der Arbeiterversicherung beruht nicht zum
mindesten darauf, da der Begriff des Almosens durch sie immer mehr
eliminiert wird, und an seiner Stelle der Gedanke an Boden gewinnt, da
jeder Mensch auf die Sicherstellung seiner Existenz ein Anrecht hat. Um
ihn zum herrschenden zu machen, bedarf es aber nicht nur der
Versicherung gegen jede drohende Not und Gefahr, sondern vor allem der
Ausdehnung der Zwangsversicherung auf das ganze Volk, zunchst
wenigstens auf alle Lohnarbeiter, wie es durch die deutsche
Invalidittsversicherung bereits geschehen ist. Diese Ausdehnung wrde
neben den direkten Vorteilen, indirekte von groer Tragweite mit sich
fhren. So wre sie eines der Mittel, die Heimarbeit einzuschrnken, da
der Unternehmer, der die Heimarbeiter versichern mu, weniger
Ersparnisse als bisher durch ihre Beschftigung machen und der Zwang zur
Unfallversicherung ihn geneigter machen drfte, eigene Werksttten
einzurichten. Die statutarische oder gar die freiwillige Versicherung
haben ihre Wirkungslosigkeit berall erwiesen. Hat doch z.B. die
Berliner Hausindustrie, deren traurige Zustnde durch eine
Reihe von Untersuchungen und nicht zuletzt durch den groen
Konfektionsarbeiterstreik jedermann bekannt waren, fast ein Jahrzehnt
warten mssen, ehe auch nur die Krankenversicherung auf sie ausgedehnt
wurde. Und die Dienstboten, fr die zwar die Herrschaften auf die Dauer
von 6 Wochen zur Verpflegung und rztlichen Behandlung,--sofern nicht
"grobe Fahrlssigkeit" die Krankheitsursache ist,--verpflichtet sind,
spren von den Segnungen der Versicherung noch fast gar nichts.


Uebersicht der Arbeiterinnenversicherung.


Deutschland


Krankenversicherung: Umfang:

  Zwangsversicherung: fr Arbeiter und Angestellte in Gewerbe und
  Handel.

  Statutarisch: fr Landwirtschaft und Hausindustrie.

  Freiwillig: fr Dienstboten.

Krankenversicherung: Leistungen:

  Freie rztliche Behandlung und Arznei lngstens fr 13 Wochen oder
  Krankengeld: 50-75% des zu Grunde zu legenden Lohns.
  Wochenbettuntersttzung: bis auf die Dauer von 6 Wochen. Sterbegeld:
  das Zwanzig- bis Vierzigfache des Tagelohns (letzteres beides nur
  durch Orts-, Betriebs-, Bau-, oder Innungskassen).
  Rekonvalescentenfrsorge bis auf die Dauer eines Jahrs.

Unfallversicherung: Umfang:

  Zwangsversicherung fr: Arbeiter und Betriebsbeamte in Gewerbe und
  Landwirtschaft. Statutarisch: fr Betriebsbeamte mit Jahresgehalt ber
  2000 Mk., Kleinunternehmer in Baugewerbe und Landwirtschaft.
  Freiwillig fr Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges
  Personal.

Unfallversicherung: Leistungen:

  Freie Kur und Unfallrente bis 66-2/3% des Jahreslohns, oder freie
  Anstaltspflege nebst Angehrigenrente von der 13. Woche an bis 60% des
  Jahreslohns. Sterbegeld in der Hhe des zwanzigfachen Tagelohns,
  Hinterbliebenenrente bis 60% des Jahreslohns. Schadenersatz bei
  Verletzungen.

Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:

  Zwangsversicherung fr alle Lohnarbeiter und Angestellte. Durch
  Beschlu des Bundesrats Ausdehnung auf Kleinunternehmer und
  Hausindustrielle.

Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:

  Freie Kur nebst Angehrigenuntersttzung zur Verhtung der
  Invaliditt. Beitragserstattung bei Tod oder Heirat. Nach vollendetem
  70. Lebensjahr eine Altersrente nach Lohnklassen abgestuft von 110 bis
  230 Mk. jhrlich. Nach eingetretener Invaliditt eine nach der Zahl
  der Beitragswochen und der Lohnklassen abgestufte Rente, deren
  unterste Grenze 116,40 Mk. betrgt, deren oberste bis 450 Mk., nach 50
  Jahren Beitragszahlung in der obersten Lohnklasse, betragen kann.


Oesterreich


Krankenversicherung: Umfang:

  Zwangsversicherung fr Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.

  Freiwillig: fr Landwirtschaft und Hausindustrie.

Krankenversicherung: Leistungen:

  Wie in Deutschland aber: Untersttzungsdauer bis zu 20 Wochen.
  Krankengeld 60% des ortsblichen Lohns.

Unfallversicherung: Umfang:

  Zwangsversicherung fr Arbeiter und Betriebsbeamte in der Industrie,
  im Baugewerbe, in maschinellen Betrieben der Landwirtschaft.
  Freiwillig fr Unternehmer und nicht versicherungspflichtiges
  Personal.

Unfallversicherung: Leistungen:

  Unfallrente bis 60% des Lohns von der 5. Woche ab.
  Hinterbliebenenrente bis 50% des Jahreslohns. Sterbegeld.
  Schadenersatz wie in Deutschland.

Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:

  Zwangsversicherung nur fr Bergarbeiterinnen, Witwen- und
  Waisenversicherung im Bergbau. Zwangsversicherung in Vorbereitung.

Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:

   --


Frankreich


Krankenversicherung: Umfang:

  Freiwillig fr Arbeiter aller Berufszweige.

Krankenversicherung: Leistungen:

  Nur Kranken- und Sterbegeld, nicht Arzt und Anstaltspflege.

Unfallversicherung: Umfang:

  Freiwillig fr Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.

Unfallversicherung: Leistungen:

  Unfallrente vom 5. Tage ab bis 50% des Lohns. Invalidenrente bis
  66-2/3% des Jahreslohns. Rente bis 60% des Lohns fr Hinterbliebene.
  Begrbniskosten.

Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:

  Freiwillig fr alle Staatsbrger, Zwangsversicherung in Vorbereitung.

Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:

  Altersrente fr mindeste Fnfzigjhrige; Invalidenrente fr
  Erwerbsunfhige, Beitragserstattung im Todesfall.


Grobritannien


Krankenversicherung: Umfang:

  Freiwillig fr Arbeiter aller Berufszweige.

Krankenversicherung: Leistungen:

  Freiwillig.

Unfallversicherung: Umfang:

  Freiwillig fr Arbeiter und Betriebsbeamte im Gewerbe.
  Haftpflichtgesetz.

Unfallversicherung: Leistungen:

  Unfallrente bis 50% des Lohns von der 3. Woche ab, oder
  Kapitalabfindung, Auszahlung eines Kapitals bis zum dreifachen,
  Jahreslohn an die Hinterbliebenen.

Invaliden- und Altersversicherung: Umfang:

  Freiwillig fr alle Staatsbrger.

Invaliden- und Altersversicherung: Leistungen:

  Leibrenten von durchschnittlich 350 Mk.


Die Grenzen der Gesetzgebung.

Der unbefriedigende Charakter der sozialpolitischen Gesetzgebung aller
Lnder ist das notwendige Ergebnis der Bedingungen, aus denen sie
hervorwchst. Sie ist der Ausdruck eines in ihren ersten Anfngen fast
unbewut, gegenwrtig aber mit vollem Bewutsein gefhrten
Interessenkampfes zwischen der Arbeiterklasse und der Klasse der
Unternehmer. Der Ursprung dieses Kampfes liegt in der kapitalistischen
Produktionsweise selbst, die jene beiden Klassen,--die Besitzer der
Produktionsmittel auf der einen und das besitzlose Proletariat auf der
anderen Seite,--zur Voraussetzung hat. Aus den verschiedenen Phasen des
Kampfes, aus den Schwankungen der Machtverhltnisse der Kmpfenden,
erklren sich die unorganische Entwicklung des Arbeiterschutzes, und
seine tastenden Versuche nach allen Richtungen hin. Das bergewicht
aber, das die Unternehmer besitzen, kommt in der uerst mangelhaften
Durchfhrung der geltenden Gesetzgebung zu drastischem Ausdruck.

Mit der Ausbreitung kapitalistischer Organisationsformen, die
unaufhaltsam vor sich geht und im Interesse des allgemeinen
Fortschrittes gelegen ist, wchst die Masse des Proletariats, d.h. der
von den Unternehmern abhngigen Lohnarbeiter, bringt beide Geschlechter
mehr und mehr in eine bereinstimmende Klassenlage und verstrkt
infolgedessen ihre Macht und ihren Einflu. Die Weiterentwicklung der
sozialpolitischen Gesetzgebung wird dadurch bedingt. Sie kann daher in
grerem Ma als bisher der rcksichtslosen Geltendmachung
kapitalistischer Interessen Grenzen stecken, das Abhngigkeitsverhltnis
der Arbeiter von den Unternehmern mildern, aber darber hinaus wird ihre
Wirksamkeit sich selbst dann nicht erstrecken knnen, wenn sie ihre
Aufgaben in weitestem Mae zu erfllen im stande wre. Nehmen wir an,
die Arbeitszeit wre so niedrig als mglich festgesetzt, ein Minimallohn
gesichert, die Koalitionsfreiheit gewhrleistet, durch staatliche
Versicherung die traurigen Folgen von Unfall, Krankheit, Alter und
Arbeitslosigkeit beseitigt, so bliebe als ungelster Rest der
Ausgangspunkt der Arbeiterfrage bestehen: das Lohnsystem und seine
Folge, die Abhngigkeit des Lohnarbeiters, und die charakteristische
Erscheinung der kapitalistischen Produktionsweise, die wirtschaftlichen
Krisen, auf denen die Unsicherheit der proletarischen Existenz beruht.

Wenn somit auch die optimistische Anschauung des mglichen
Wirkungskreises der sozialpolitischen Gesetzgebung ihre Bedingtheit
anerkennen mu, und ich selbst auer stnde war, in meinen Forderungen
ber bestimmte Grenzen hinauszugehen, weil sie an den gegebenen
Machtverhltnissen eine Schranke fnden, so werden sie sich in
Wirklichkeit noch viel enger gestalten; denn die Gesetzgebung scheitert
nicht zuletzt an dem Problem der Frauenarbeit.

Wir wissen, da die Lohnarbeit der Frau, mag sie auch zu, allen Zeiten
in gewissem Umfang bestanden haben, in ihrer gegenwrtigen Form ein
Produkt der groindustriellen Entwicklung ist. Ihre Tendenz geht mit
unverrckbarer Sicherheit dahin, das weibliche Geschlecht mehr und mehr
dem Bannkreis des Hauses zu entziehen, und den Erwerbszwang in
steigendem Mae auf alle Frauen, auch auf die verheirateten,
auszudehnen. Als die traurigen Resultate dieses Zustandes haben wir die
Degeneration der Frauen, wie sie sich in der Abnahme ihrer mtterlichen
Krfte, der Fhigkeit, gesunde Kinder zur Welt zu bringen und sie zu
nhren, in dem frhen Altern ausdrckt, die Degeneration der Kinder, die
in ihrer hheren und frheren Sterblichkeit, ihrer Schwche und
Krnklichkeit zu Tage tritt, kennen gelernt. Und als unausbleibliches
Korrelat der Lohnarbeit der Frauen ist uns die Prostitution
entgegengetreten. So wenig sie an sich eine neue Erscheinung ist, in
dieser Form und Ausdehnung, als Mittel des Erwerbes eines supplementren
Lohnes fr ganze Schichten der Arbeiterinnenklasse ist sie, wie die
moderne Frauenarbeit selbst, das Ergebnis der kapitalistischen
Produktionsweise. Das beweist, mehr als irgend etwas anderes, die
Thatsache, da wirtschaftliche Krisen und wirtschaftlicher Aufschwung in
innigem Zusammenhang mit der Zunahme und der Abnahme der gelegentlichen
Prostitution stehen. Sie wird aber auch durch ein psychologisches Moment
genhrt, das keine andere Zeit hervorbringen konnte, wie die unsere: die
Kontrastwirkung des Reichtums und der Freiheit der Unternehmerklasse auf
die in Armut und Abhngigkeit lebenden Frauen der Arbeiterklasse. Der
Reichtum frherer Zeiten zog sich vornehm in Palste und Patrizierhuser
zurck, der moderne Reichtum strahlt blendend aus dem Glanz der
Kaufhuser, der Pracht der Hotels, er wird in den Luxuszgen und
Dampfschiffen, die Weltstadt mit Weltstadt verbinden, in den Modebdern
und durch die Presse mit allen Mitteln der Vervielfltigungskunst den
Massen vor Augen gefhrt. Und wo die Not nicht ausreicht, um zur
Prostitution zu zwingen, da gaukelt die Gewalt dieser Verfhrungsknste
den armen Mdchen Glck und Freiheit vor.

Machtlos steht die sozialpolitische Gesetzgebung vor diesen Problemen.
Sie vermag die Wirkungen der Lohnarbeit auf Frauen und Kinder
abzuschwchen, wie sie durch Herabsetzung der Arbeitszeit, Sicherung von
Minimallhnen, Auflsung der Heimarbeit, Versicherung gegen
Arbeitslosigkeit den ueren Motiven zur Prostituierung etwas von ihrer
Gewalt zu nehmen im stande ist, aber sie kann dem Kinde die Mutter nicht
wiedergeben und kann nicht verhindern, da die Frau, um die Not zu
lindern, ihren Krper verkauft, wie ihre Arbeitskraft.

Erst die Erkenntnis des Problems der Frauenfrage beleuchtet mit voller
Klarheit das Wesen der sozialen Frage, deren Teil sie ist. Je weiter die
kapitalistische Entwicklung fortschreitet, desto schwieriger wird die
Lsung ihres Sphinxrtsels. Desto entschiedener aber wird auch die
Frauenarbeit nicht nur zu seiner Lsung hindrngen, sondern sie auch
vorbereiten helfen. Sie hat ihre Entstehung der Revolutionierung der
Produktionsweise zu verdanken, sie trgt alle Elemente in sich, diese
Wirtschaftsweise nun ihrerseits zu revolutionieren, indem sie an einem
ihrer Grundpfeiler den Hebel ansetzt: der Familie, und Mann und Weib und
Kind gegen sie mobil macht, wie es bisher noch bei keinem der
historischen Klassen- und Machtkmpfe geschehen ist. Das konservativste
Element in der Menschheit, das weibliche, wird zur Triebkraft des
radikalsten Fortschritts.

Ohne die Frauenarbeit kann die kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht
bestehen und wird immer weniger ohne sie bestehen knnen. Die
Frauenarbeit aber untergrbt die alte Form der Familie, erschttert die
Begriffe der Sittlichkeit, auf denen sich der Moralkodex der
brgerlichen Gesellschaft aufbaut, und gefhrdet die Existenz des
Menschengeschlechts, deren Bedingung gesunde Mtter sind. Will die
Menschheit schlielich nicht sich selbst aufgeben, so wird sie die
kapitalistische Wirtschaftsordnung aufgeben mssen.

Die sozialpolitische Gesetzgebung bahnt mit den Weg zu diesem Ziel. Und
das ist ihre grte, wenn auch unbeabsichtigte Aufgabe. Sie macht die
Mnner und Frauen der Lohnarbeiterklasse fhig, sich ihres solidarischen
Zusammenhanges bewut zu werden. Sie setzt Rechte an Stelle der Almosen
und zerstrt den unterwrfigen Sklavencharakter, der die Arbeiter der
vorkapitalistischen Zeit noch kennzeichnete. Sie schweit die Massen
noch fester zusammen und lehrt sie den Gegner kennen, der seine
Interessen gegen die ihren ausspielt.

So wirkt, bewut und unbewut, alles zusammen, um an Stelle der alten
Welt, die die Menschheit in zwei feindliche Lager spaltete, eine neue
aufzubauen, in der die Lohnsklaverei der konomischen Unabhngigkeit
Platz machen, in der die Arbeit der Frau sie nicht schdigen und
schnden, sondern zur freien Genossin des Mannes erheben wird, in der
sie ihre hchste Bestimmung erfllen kann, wie nie zuvor, und ein
starkes, frohes Geschlecht dafr zeugen wird, da ihm die Mutter niemals
fehlte.




Anmerkungen:

[1] Vgl. Bachofen, Das Mutterrecht. Stuttgart, S. 10.

[2] Vgl. K. Bcher, Die Entstehung der Volkswirtschaft. Tbingen 1898,
S. 13.

[3] Vgl. Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit. Stuttgart
1887, II. Bd. S. 23 ff.

[4] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Leipzig 1894, S. 2 ff.

[5] Vgl. Bcher, a.a.O., S., 14 u. 37.

[6] Vgl. Julius Lippert, a.a.O., Bd. I S. 251 ff. und Bd. II S. 28.

[7] Vgl. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie. 7. Auflage.
Stuttgart 1896, S. 52 f.

[8] Vgl. Paul Gide, Etude sur la condition prive de la femme. Paris
1885, S. 37.

[9] Mischna, Ketuboth, 61a bis 68a. Citiert bei Paul Gide, a.a.O.

[10] Gesetzbuch des Manu. Aus der englischen bersetzung des Sir W. Jone
ins Deutsche bertragen von Th. Chr. Httner. Weimar 1797, S. 74 fg.

[11] I. Buch Mose, 16. Kapitel.

[12] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 325.

[13] 5. Buch Mose, 25. Kapitel 5-10.

[14] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 315.

[15] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 185 und 318.

[16] Vgl. E. Legouv, Histoire morale des femmes. Paris, S. 13 f.

[17] Gesetzbuch des Manu, a.a.O., S. 319 u. 355.

[18] Vgl. Huc, L'empire chinois. Paris 1857, citiert bei Gide.

[19] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 32 ff.

[20] Vgl. Platos Gastmahl in der bersetzung von Schleiermacher. Berlin
1824, S. 416.

[21] Vgl. Xenophon, Oeconomicus, II.

[22] Vgl. Thukydides, Peloponnesischer Krieg. bersetzt von Kmpf. S.
167.

[23] Vgl. ber die Stellung der griechischen Frauen den Artikel On femal
society in Greece im 22. Band der Saturday Review und Rainneville, La
femme dans l'antiquit. Paris 1865.

[24] Vgl. F.W.B. von Ramdohr, Venus Urania. Leipzig 1798.

[25] Vgl. W.E.H. Lecky, Sittengeschichte Europas. bersetzt von Dr. H.
Jolowicz. 2. Aufl. Leipzig 1879, S. 242 fg.

[26] Platos Staat, bersetzt von Schleiermacher. Berlin 1828, S. 274 u.
281.

[27] Plato, a.a.O., S. 281.

[28] Plato, a.a.O., S. 283.

[29] Plato, a.a.O., S. 282.

[30] Vgl. Aristoteles' Politik, bersetzt von Garve. Breslau 1799, S.
38.

[31] Aristoteles, a.a.O., S. 4.

[32] Aristoteles, a.a.O., S. 635.

[33] Aristoteles, a.a.O., S. 200.

[34] Vgl. Platos Timaeus, bersetzt von B.E.Chr. Schneider. Breslau
1874, S. 105 fg.

[35] Vgl. Gide, a.a.O., S. 114 fg.

[36] Vgl. Gajus, Institutionen, bersetzt von Backhaus. Bonn 1857, S. 12
f. und 71 ff.

[37] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwrdiger Reden und Thaten,
bersetzt von Dr. F. Hoffmann. Stuttgart 1829, Buch 8, Kap. III, S. 494.

[38] Vgl. Valerius Maximus, a.a.O., S. 495.

[39] Vgl. Th. Mommsen, Rmische Geschichte. 8. Aufl. Berlin 1889, Bd.
III S. 510 fg.

[40] Vgl. Th. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 833-834.

[41] Vgl. Bcher, a.a.O., S. 68 ff.

[42] Vgl. Cicero, Pflichtenlehre, bersetzt von Friedr. Richter.
Leipzig, I, 41.

[43] Vgl. Sueton, Biographien, bersetzt von Sarrazin. Stuttgart 1883,
und Tacitus, Annalen, bersetzt von Roth. Berlin 1888.

[44] Vgl. Titus Livius, Rmische Geschichte, bersetzt von Hausinger.
Braunschweig 1821, XXXIV. Buch, S. 203-215.

[45] Vgl. Titus Livius, a.a.O., Bd. XLI S. 224 ff.

[46] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. I S. 874.

[47] Vgl. Friedlnder, Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms. 7.
Aufl. Leipzig 1901, I S. 254 ff., sowie Tacitus, Annalen und Martials
Epigramme.

[48] Vgl. Horaz, Satiren, bersetzt von H. Dntzer.

[49] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. II S. 404.

[50] Vgl. Mommsen, a.a.O., Bd. III, und Gide, a.a.O., S. 140 ff.

[51] Vgl. Valerius Maximus, Sammlung merkwrdiger Reden und Thaten, Buch
VIII, Kap. 3,  3, S. 495.

[52] Vgl. M. Ostrogorski, Die Frau im ffentlichen Recht, bersetzt von
Franziska Steinitz. Leipzig 1897, S. 140.

[53] Ostrogorski, a.a.O., S. 141

[54] Vgl. Louis Frank, La femme-avocat. Paris 1898, S. 12.

[55] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 173 ff.

[56] Vgl. M. Tullius Cicero, Sechs Bcher vom Staat, bersetzt von J.
Christ. F. Bhr. Berlin, Langenscheidtsche Buchhandlung. IV. Buch, S.
198 fg.

[57] Vgl. Cornelius Nepos. Wortgetreue Uebersetzung von C.G. Roe.
Aschersleben 1880. Vorrede.

[58] Vgl. Plutarchs Werke. 24. Bd.: Moralische Schriften, bersetzt von
J. Christ. F. Bhr. Stuttgart 1830, S. 744-802.

[59] Vgl. Tacitus, Germania, bersetzt von M. Oberbreyer. Leipzig, S.
28.

[60] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhfe. Erlangen 1862, Bd. I
S. 115, 135, 241 ff. Bd. II S. 387 ff. Bd. III S. 325.

[61] Galater 3, V. 28.

[62] I. Korinther 14, V. 34.

[63] Galater 3, V. 26-28.--Vgl. auch Rmer 10, V. 12.--I. Korinther 12,
V. 13.

[64] I. Korinther 7, V. 1-8.

[65] I. Korinther 7, V. 28.

[66] I. Johannis 8, V. 6-11.

[67] Matthi 19, V. 6.

[68] Kolosser 3, V. 19.--Epheser 5, V. 25-31.

[69] Apostelgeschichte 2, V. 17, 18.

[70] Epheser 5, V. 22.--Kolosser 3, V. 18.--I. Korinther 11, V. 3.--I.
Petri 3, V. 1 ff.

[71] I. Timotheus 2, V. 12.--Titus 2, V. 4-5.

[72] I. Timotheus 2, V. 12.--I. Korinther 14, V. 34-35.

[73] I. Timotheus 2, V. 15.

[74] I. Korinther 7, V. 6 u. V. 25.

[75] I. Korinther 7, V. 1.

[76] I. Timotheus 2, V. 14.

[77] Tertullians smtliche Schriften. Uebersetzt von Kellner. Kln 1882,
I. Bd. "Ueber den Putz der Weiber". S. 185.

[78] Kanonisches Recht. Causa XXXIII, citiert bei Louis Frank, Essai sur
la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 42-43.

[79] Vgl. Paul Gide, a.a.O., S. 350 und Karl Weinhold, Die deutschen
Frauen in dem Mittelalter. 3. Aufl. Wien 1897, S. 183.

[80] Vgl. hierfr das fr die Auffassung der Frauenfrage durch die
katholische Kirche hchst interessante Buch des Redemptoristenpaters A.
Rler: Die Frauenfrage. Wien 1893.

[81] Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heiligen Hildegard. Freiburg
1879.

[82] Vgl. Binder, Die heilige Brigitta von Schweden. Mnchen 1891.

[83] Vgl. Martin Luther, Grndliche und erbauliche Auslegung des ersten
Buches Mosis. Cit. nach Strampff, Martin Luther ber die Ehe. S. 176.

[84] Vgl. Martin Luther, Smtliche Werke. Bd. 16. Sermon vom ehelichen
Leben. S. 526. Frankfurt a.M. 2. Aufl.

[85] Vgl. Martin Luther, Tischreden. Herausgegeben von Frstemann u.
Bindseil. IV. Abt. S. 121 f.

[86] Vgl. hierfr die charakteristische Schrift des Stuttgarter
Theologen F. Bettex, Mann und Weib. Bielefeld und Leipzig 1892.

[87] Vgl. Jakob Grimm, Deutsche Rechtsaltertmer. 3. Aufl. Gttingen
1881. S. 461.

[88] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 23.

[89] Vgl. Jakob Grimm, a.a.O., S. 411 ff.

[90] Vgl. Rlin, Abhandlung von besonderen weiblichen Rechten. Mannheim
1775. S. 16

[91] A.a.O. S. 21.

[92] Citiert bei Edouard Laboulaye: Recherches sur la condition civile
et politique des femmes. Paris 1842. S. 320.

[93] Vgl. G.L. von Maurer, Geschichte der Fronhfe. Erlangen 1862. Bd.
III, S. 169 f. Bd. IV. S. 498.

[94] Vgl. Edouard Laboulaye, a.a.O., S. 327.

[95] Vgl. Hartmanns von der Aue "Iwein". 6186-6206.

[96] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 115, 135, 241, 394 f., Bd. II, S.
387 f., Bd. III S. 325.

[97] Vgl. Dr. P. Norrenberg, Frauenarbeit und Arbeiterinnenerziehung in
deutscher Vorzeit. Schriften der Grres-Gesellschaft. Kln 1880. S. 40.

[98] In Hartmanns von der Aue "Iwein" schildert der Dichter die
hungernden, blassen Weberinnen in der Werkstatt mit ergreifender
Beredsamkeit.

[99] Vgl. Jakob Grimm, Rechtsaltertmer. S. 350 f.

[100] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 204 f.

[101] Vgl. De la Curne de St. Palaye, Mmoires sur l'ancienne
Chevallerie. Paris 1759. Bd. 3 S. 13 ff., Bd. 4 S. 20 ff.

[102] Vgl. Maurer, a.a.O., Bd. I, S. 135, 205.

[103] Vgl. Oeuvres du Seigneur de Brantome. Nouvelle dition. Paris
1787. T. IV, p. 93 ff.

[104] Vgl. Maurer, Geschichte der Stdteverfassung. Erlangen 1870. Bd.
III S. 103 ff.

[105] Otto Henne am Rhyn, Die Gebrechen und Snden der Sittenpolizei.
Leipzig 1897. S. 56.

[106] Vgl. G. Schmoller, Die Tucher- und Weberzunft in Straburg.
Straburg 1879. S. 521.

[107] Vgl. Stahl, Das deutsche Handwerk. Gieen 1874. S. 58.

[108] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 52.

[109] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 81.

[110] Vgl. Schoenlank, Soziale Kmpfe vor dreihundert Jahren. Leipzig
1894. S. 50.

[111] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 44.

[112] Vgl. Bcher, Die Frauenfrage im Mittelalter. Tbingen 1882, S. 12
ff.

[113] Vgl. Bcher, a.a.O., S. 14-15.

[114] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 67.

[115] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 274.

[116] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 277.

[117] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 50.

[118] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 58.

[119] Vgl. Bcher, a.a.O., S. 4 ff.

[120] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 40.

[121] Vgl. Stahl, a.a.O., S. 78.

[122] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 50 ff.

[123] Vgl. L. Frank, La femme-avocat. Brssel. Paris 1897 S. 61 ff.

[124] Vgl. Ennen, Geschichte der Stadt Kln. Bd. II, S. 623.

[125] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 93 ff.

[126] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 64 ff.

[127] Vgl. Schoenlank, a.a.O., S. 144.

[128] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 177 ff. und Stahl, a.a.O., S. 91.

[129] Vgl. W. Stieda, Die deutsche Hausindustrie, Bericht des Vereins
fr Sozialpolitik. Leipzig 1889. S. 120 ff.

[130] Vgl. W. Sombart, Die Hausindustrie in Deutschland. In Brauns
Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik 1891. Bd. IV, S. 113.

[131] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIX. sicle.
Paris 1873. p. 21 ff.

[132] Vgl. Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. 2. Aufl.
Stuttgart 1892, S. 6 f.

[133] Vgl. Pierstorff, Frauenarbeit und Frauenfrage. 3. Bd. des
Handwrterbuchs der Staatswissenschaften. Jena 1892. S. 643.

[134] Vgl. Levasseur, Histoire des classes ouvrires en France depuis
1789. I. Bd. Paris 1867. S. 7.

[135] Vgl. Norrenberg, a.a.O., S. 93.

[136] Vgl. Weinhold, a.a.O., S. 115.

[137] Vgl. Jakob Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. 6.
Aufl. Leipzig 1898. I. Bd. S. 237 ff.

[138] Burckhardt, a.a.O. II. Bd. S. 122 ff.

[139] Z.B. Boccaccio, Ferenzuela, Bandello. Vgl. Burckhardt, a.a.O. II.
Bd. S. 111 ff.

[140] Vgl. Gregorovius, Lucrezia Borgia. 3. Aufl. Stuttgart 1876, das
interessante Einzelheiten ber die Bildung der Frauen enthlt.

[141] Vgl. Burckhardt, a.a.O., II. Bd. S. 185 fg.

[142] Vgl. M. Thomas, Essay sur le caractre, les moeurs et l'esprit des
femmes. Paris 1772. S. 82.

[143] Vgl. L. Frank, La femme-avocat, a.a.O., S. 61 fg.

[144] Vgl. A. von Reumont, Vittoria Colonna. Freiburg i. Br. 1881.

[145] Wir nennen nur Hillarion da Coste, einen Mnch, der in zwei
Quartbnden, jeden zu 800 Seiten, 170 Frauen des 15. und 16.
Jahrhunderts schilderte, sowie den Venezianer Ruscelli, der durch seine
Ueberschwenglichkeit selbst seinen Zeitgenossen lcherlich erschien.

[146] Genannt seien die Schriften von Modesta di Pozzo di Torci (1595)
ber die Vorzge des weiblichen vor dem mnnlichen Geschlecht, und von
Lucretia Marinelli, hundert Jahre spter, ber die Vortrefflichkeit der
Frauen und die Fehler der Mnner.

[147] Vgl. Thomas, a.a.O., S. 83.

[148] Vgl. Robineau, Christine de Pisan, sa vie, ses oeuvres. St. Omer
1882.

[149] Vgl. Mi Freer, Life of Marguerite, Queen of Navarra. London 1855
und Oeuvres du Seigneur de Brantome, a.a.O., II. page 451.

[150] Vgl. Saint-Poncy, Histoire de Marguerite de Valois, Paris 1887 und
Brantome, a.a.O., p. 376.

[151] Die Schrift erschien zuerst in lateinischer Sprache unter dem
Titel: De nobilitate et praecellentia foeminini sexus und im Jahre 1721
in deutscher Uebersetzung: Des Cornelii Agrippae anmuthiges und
curieuses Tracttgen von dem Vorzug des weiblichen vor dem mnnlichen
Geschlecht.

[152] Vgl. Georg Steinhausen, Das gelehrte Frauenzimmer. In "Nord und
Sd", 19. Jahrg. Bd. 75, S. 46 ff.

[153] Desselben Verfassers: Die deutschen Frauen im siebzehnten
Jahrhundert. In seinen Kulturstudien. Berlin 1893. S. 66.

[154] Zu erwhnen ist die Astronomin Maria Cunitz, deren astronomische
Tafeln: Urania propitia sich eines gewissen Rufs erfreuten, und die
Philosophin Katharina Erxleben in Halle.

[155] Aus den zahlreichen Schriften sind zu nennen: Gerhard Meuschens
Curieuse Schaubhne gelehrter Dames, Joh. Frauenlobs Lobwrdige
Gesellschaft gelehrter Weiber, Paullinis Hoch- und Wohlgelehrtes
teutsches Frauenzimmer, Casp. Ebertis Cabinet des gelehrten
Frauenzimmers. Vgl. auch Steinhausen a.a.O.: "Das gelehrte
Frauenzimmer".

[156] Vgl. Daniel Defoe, Essay on projects. London 1697.

[157] Vgl. Gustav Cohn, Die deutsche Frauenbewegung. Berlin 1896. S. 78.

[158] Vgl. Charlotte Stopes, British Freewomen. London 1894. S. 124 ff.

[159] Ihre Streitschrift erschien anonym unter dem Titel: A serious
proposal to the Ladies for the advancement of their true and greatest
interest. By a Lover of her sex. London 1694. Im Jahre 1700 folgte die
bedeutendere Schrift: Reflections upon mariage.

[160] Vgl. Stopes, a.a.O. und meine Abhandlung in Brauns Archiv fr
soziale Gesetzgebung und Statistik Bd. X, Heft 3, S. 417 ff.

[161] Vgl. Stopes, a.a.O., S. 193 ff.

[162] Vgl. Memoir and correspondence of Caroline Herschel. London 1875.

[163] Vgl. E. et J. de Goncourt, Les matresses de Louis XV. Paris 1860.
Bd. I, S. 52.

[164] Vgl. Mmoires du marchal duc de Richelieu. Paris 1793.

[165] Vgl, Mmoires de madame de Genlis. Paris 1825. Bd. I und Thtre 
l'usage des jeunes personnes par madame de Genlis. Paris 1789. Bd. 2. La
Colombe.

[166] Vgl. E. et J. de Goncourt, La Femme du dix-huitime sicle. Paris
1862. p. 322.

[167] Vgl. Montesquieu, Lettres persanes. Amsterdam 1731. p. 83 ff.

[168] Vgl. Barthlemy, Mmoires secrets de madame de Tencin. Grenoble
1790.

[169] Vgl. Montesquieu, Esprit des lois. Livre XVI, chap. 2.

[170] Vgl. J.J. Rousseau, mile. Francfort s.M. 1855. Livre V, P. 28.

[171] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 29.

[172] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 58 ff.

[173] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 240.

[174] Vgl. Rousseau, a.a.O., p. 22 ff.

[175] Vgl. J.J. Rousseau, Du Contrat social, ou principes du droit
politique. Paris 1762. Livre I. Chapitre 1, 3, 4 und 9.

[176] Vgl. Tocqueville, L'ancien rgime et la rvolution. Paris 1856. S.
9 ff.

[177] Vgl. Mmoires de Madame Roland, publis par C.A. Dauban. Paris
1864. S. 16 und 66.

[178] Vgl. A. Guillois, La marquise de Condorcet. Paris 1897.

[179] Vgl. Michelet, Les femmes de la rvolution. Paris 1898. S. 5 ff.

[180] Vgl. Stal, Considrations sur la rvolution franaise. Paris
1818. Bd. I, S. 380 ff.

[181] Vgl. J.A. de Sgur, Les femmes, leurs conditions et leurs
influences dans l'ordre social. Paris 1803. Bd. III, S. 18 ff.

[182] Vgl. E.C. Stanton, S.B. Anthony, M.J. Gage, History of Woman
suffrage. New-York 1881. Bd. I, S. 31 ff.

[183] Vgl. A. Guillois, a.a.O., S. 90 ff.

[184] Vgl, Ch.L. Chassin, Le gnie de la rvolution. Paris 1863. Bd. I,
S. 298 ff.

[185] Vgl. M. de Talleyrand-Prigord, Rapport sur l'instruction
publique. Paris 1791. S. 117 ff. u. 210 ff.

[186] Vgl. Lavisse et Rambaud, Histoire gnrale. T. VIII. La rvolution
franaise. Paris 1896. S. 532 ff.

[187] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.

[188] Vgl. Louis Blanc, Histoire de la rvolution franaise. Paris 1847.
Bd. I, S. 498.

[189] Vgl. K. Kautsky, Die Klassengegenstze von 1789. Stuttgart 1889.
S. 60.

[190] Vgl. Louis Blanc, a.a.O., S. 489.

[191] Vgl. E. u. J. de Goncourt, Histoire de la socit franaise
pendant la revolution. Paris 1864. S. 55 ff.

[192] A.a.O., S. 227.

[193] Vgl. Lavisse et Rambaud, a.a.O., S. 623 ff.

[194] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 297 ff.

[195] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476.

[196] Vgl. A. Lefaure, Le socialisme pendant la rvolution. S. 122.
Zitiert bei Ostrogorski, Die Frau im ffentlichen Recht. Uebersetzt von
Franziska Steinitz. Leipzig 1897. S. 31.

[197] Vgl. Blanc, a.a.O., Bd. III, S. 170-255.

[198] Vgl. Michelet, a.a.O., S. 56.

[199] Vgl. Sgur, a.a.O., S. 19 f.

[200] Vgl. J. Turquan, La citoyenne Tallien. Paris 1898. S. 27.

[201] Vgl. Liepold Lacour, Trois femmes de la rvolution. Paris 1900. p.
11 ff.

[202] Ihren grten Triumph nach dieser Richtung feierte sie durch die
im Thtre Italien veranstaltete Gedchtnisfeier nach Mirabeaus Tod, wo
l'Ombre de Mirabeau aux Champs-Elyses von ihr zur Auffhrung kam.

[203] Vgl. E. Lairtullier, Les femmes clbres de la rvolution. Paris
1840. Bd. II, S. 137 ff.

[204] Vgl. Chassin, a.a.O., S. 476 ff.

[205] Vgl. fr ihre Geschichte: Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 49
ff.--Michelet, a.a.O., S. 111 ff.--Blanc, a.a.O., Bd. VII, S. 450 f.--L.
Lacour, a.a.O., p. 3 ff.

[206] Vgl. Lopold Lacour, a.a.O., p. 337 ff.

[207] Vgl. E. Lairtullier, a.a.O., Bd. II, S. 174 ff.

[208] Vgl. Gazette Nationale vom 31. Oktober 1792, citiert bei L. Frank,
Essay sur la condition politique de la femme. Paris 1892. S. 317 ff.

[209] Vgl. Lairtullier, a.a.O., S. 879 ff.

[210] Vgl, Frank, a.a.O., S. 322 ff.

[211] Vgl. Oeuvres de Condorcet, publies par A. Condorcet-O'Connor et
M.F. Arago. Paris 1847. Bd. IX, S. 15 ff.

[212] Vgl. Oeuvres de Condorcet, a.a.O., Bd. X, S. 119-130.

[213] Vgl. C. Meiners, Geschichte des weiblichen Geschlechts. Hannover
1788. Bd. I, S. 1.

[214] Vgl, W. Alexander, History of women. London 1789. Bd. II, S. 35.

[215] Das Werk erschien zuerst 1792 in London, und wurde von Salzmann
ins Deutsche bersetzt. Im Jahre 1896 veranstaltete Mrs. Henry Fawcett
eine englische Neu-Ausgabe, der 1898 eine deutsche Uebersetzung von P.
Berthold folgte.

[216] Vgl. Kegan Paul, Einleitung zu der Neu-Ausgabe der "Letters to
Imlay", London 1879, und Helene Richter, Mary Wollstonecraft, Wien 1897.

[217] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die brgerliche Verbesserung der
Weiber. Berlin 1792. Anonym erschienen.

[218] Vgl. (Th. G. von Hippel), Ueber die Ehe. Berlin 1774. Anonym
erschienen; 1872 von Brauning (Leipzig) neu herausgegeben.

[219] Vgl. Fnelon, ducation des filles. Nouvelle dition, Paris 1884.

[220] Vgl. E. von Sallwrck, Fnelon und die Litteratur der weiblichen
Bildung in Frankreich. Langensalza 1886.

[221] Vgl. Adalbert von Hanstein, Die Frauen in der Geschichte des
deutschen Geisteslebens. Erstes Buch. Leipzig 1899. S. 70 f.

[222] Einen Beweis dafr, wenn auch einen unbeabsichtigten, liefert
Adalbert von Hanstein a.a.O. Schade um den Flei, mit dem er alle die
Damen der verdienten Vergessenheit entrissen hat.

[223] Vgl. J.B. Basedow, Methodenbuch fr Vter und Mtter, Familien und
Vlker. Altona 1770. S. 324 ff.

[224] Vgl. Karoline Rudolphi, Gemlde weiblicher Erziehung. Heidelberg
1815. Vorrede, S. XLVI.

[225] Vgl. Madame de Genlis, Adle et Thodore, ou lettre sur
l'ducation. Paris 1782. I. p. 30 ff.

[226] Vgl. E. von Sallwrck, a.a.O., S. 307.

[227] Vgl. Stephan Waetzholdt, Das hhere Mdchenschulwesen des
Auslandes. Im Handbuch des hheren Mdchenschulwesens. Herausg. von Dr.
Wychgram. Leipzig 1897. S. 66 ff.

[228] Vgl. Abb de St. Pierre, Projet pour multiplier les collges de
filles. Paris 1730.

[229] Vgl. Comtesse de Rmusat, Essai sur l'ducation des femmes. Paris
1825. p. 23 ff.

[230] Vgl. Mrs. H. Hanson Robinson, Le mouvement fministe aux
tats-Unis in der Revue politique et parlementaire. 5. Jahrg. Nr. 50.
Paris 1898. p. 160.

[231] Vgl. Natorp, Grundri zur Organisation allgemeiner Stadtschulen.
Duisburg-Essen 1804.

[232] Vgl. Adalbert von Hanstein, a.a.O., 1900. 2. Buch. S. 300 ff.

[233] Vgl. Otto Berdrow, Rahel Varnhagen. Stuttgart 1900. S. 110 ff. u.
S. 180 ff.

[234] Vgl. Helene Lange, Entwicklung und Stand des hheren
Mdchenschulwesens in Deutschland. Berlin 1893. S. 7 ff.

[235] Vgl. R. Gneist, Ueber die Universittsbildung der Frauen nach den
neueren Erfahrungen in den nordamerikanischen Freistaaten. Berlin 1873.

[236] Vgl. Annie Nathan Meyer, Woman's work in Amerika. New York 1891.
p. 147 f.

[237] Dr. Emily Blackwell, Address at Chickering Hall. New York, March
1888.

[238] Vgl. Carrie Chapmann Cart, Women's Century Calendar. New York
1900. p. 38.

[239] Vgl. Annie Nathan Meyer, a.a.O., p. 286.

[240] Vgl. Virginia Penny, Think and Act; Men and Women; Work and Wages.
Boston 1869-70.

[241] Vgl. Georgina Hill, Women in English life. London 1896. Vol. II.
p. 139

[242] Vgl. K.H. Schaible, Die hhere Frauenbildung in Grobritannien,
Karlsruhe 1894. S. 97 f.

[243] Vgl. Theodore Stanton, The Woman Question in Europe, London 1884,
p. 92 ff. und Englischwomens Journal, Decembre 1859.

[244] Vgl. Georgina Hill, a.a.O., p. 144.

[245] Die Mittel zu ihrem Studium entstammten einem Stipendium
uralischer Kosaken, die schwer unter dem Mangel tchtiger Aerzte litten.

[246] Bei ihrer Promotion sprach Professor Rose die Hoffnung aus, da
nunmehr die Sklaverei des weiblichen Geschlechts ein Ende nehmen werde!
Vgl. seine im V. Jahrg. des Arbeiterfreund, Berlin 1867, S. 441 f.,
verffentlichte Rede.

[247] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 167.

[248] Vgl. Countess of Aberdeen, The International Congress of Women of
1899. London 1900. Vol. II. Women in Education. p. 122 ff.

[249] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 240 f.

[250] Seine Vorlesungen erschienen ein Jahr spter unter dem Titel:
Histoire morale des femmes, und sind eines der wertvollsten Dokumente
der Frauenfrage.

[251] Vgl. Jeanne Chauvin, tude historique sur les professions
accessibles aux femmes. Paris 1892. p. 202 f.

[252] Vgl. J.V. Daubi, La femme pauvre au XIX. sicle. Paris 1866. S.
135 ff.

[253] A.a.O.

[254] Vgl. P. Leroy-Beaulieu, Le Travail des femmes au XIX. sicle.
Paris 1874. p. 327.

[255] Vgl. E.M. Mesnard, Les femmes mdecins. Bordeaux 1889. p. 11.

[256] Vgl. Helene Lange, a.a.O., S. 14.

[257] Vgl. L. von Marenholtz-Blow, Erinnerungen an Friedrich Frbel.
Berlin 1876. S. 132.

[258] Vgl. V. Heft der vom knigl. statistischen Bureau herausgegebenen
preuischen Statistik. Berlin 1864.

[259] Vgl. Adolph Lette, Denkschrift ber die Erwerbsquellen fr das
weibliche Geschlecht. Im "Arbeiterfreund", Jahrg. 1865, S. 354 f.

[260] Vgl. Adolph Lette, a.a.O., S. 349 ff.

[261] Vgl. Luise Otto Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
Allgemeinen deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 2 ff.

[262] Vgl. Luise Otto, Das Recht der Frauen auf Erwerb. Hamburg 1866. S.
80.

[263] A.a.O., Vorwort, S.V.

[264] Fanny Lewald-Stahr, Fr und wider die deutschen Frauen. Berlin
1896. S. 10 ff.

[265] Vgl. Carrie Chapman Catt, Woman's Century Calendar. New York 1900.
p. 43 u. 50.

[266] Vgl. Report of the International Council of Women, 25 March to
1st. April 1888. Washington 1888. p. 56-57.

[267] Vgl. Hugo Mnsterberg, Das Frauenstudium in Amerika, in Kirchhoff,
Die akademische Frau. Berlin 1897. S. 343.

[268] Vgl. Hugo Mnsterberg, a.a.O., S. 345.

[269] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can learn. New York 1898. p. 20.

[270] Vgl. unter anderem: Women in Professions. London Congress, a.a.O.,
p. 154 ff.

[271] Vgl. Theodore Stanton, a.a.O., p. 32 ff.

[272] Vgl. Emily Davies, The higher Education of Women, London 1866, und
Helene Lange, Frauenbildung. Berlin 1889. S. 7 ff.

[273] Vgl. Emily Janes, The Englishwoman's Year Book. London 1900. p. 1
ff. u. 105 ff.

[274] Vgl. Mary Wolstenholme, Le mouvement fministe en Australie. Revue
politique et parlamentaire. 5. anne. Nr. 45. p. 520 ff.

[275] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 142 ff.

[276] Vgl. Thirty-eighth Report of the Postmaster general on the Post
Office, p. 2, 42 f.

[277] Vgl. Jeanne Chauvin, a.a.O., p. 224 f.

[278] Vgl. Louis Frank, La femme dans les emplois publics. Bruxelles
1893. p. 49 ff.

[279] Vgl. Harriet Fontanges, Les femmes docteurs en Mdecine. Paris
1901.

[280] Vgl. Dr. Otto Neusttter, Das Frauenstudium im Ausland. Mnchen
1899. Seite 9 f.

[281] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., Bd. III, p.
58.

[282] Vgl. J. Ingelbrecht, Le Fminisme et la Femme Tmoin. Revue
politique et parlementaire. Paris 1900. Nr. 68 u. Nr. 69. p. 367 ff. u.
601 ff.

[283] Vgl. L. Frank, La Femme avocat. Paris 1898. p. 70 ff.

[284] Vgl. Emilia Mariani, Le Mouvement fministe en Italie. Revue
politique et parlementaire. Paris 1897. Nr. 39, p. 481 ff.

[285] Vgl. Louis Frank, La Femme avocat, a.a.O., p. 85 ff.

[286] Vgl. Der Internationale Kongre fr Frauenwerke und
Frauenbestrebungen in Berlin. Berlin 1897. S. 59.

[287] Vgl. Dr. Otto Neusttter, a.a.O., S. 26 f.

[288] Vgl. Dr. Otto Neusttter, a.a.O., S. 6 f.

[289] Vgl. Dr. H. Grothe, Die Frau und die Arbeit. Im Arbeiterfreund, 5.
Jahrg. 1867. S. 337 ff.

[290] Vgl. Fanny Lewald-Stahr, a.a.O., S. 21.

[291] Vgl. Jenny Hirsch, Geschichte der 25jhrigen Wirksamkeit des
Lettevereins. Berlin 1891. S. 59.

[292] Vgl. Heinrich von Sybel, Ueber die Emanzipation der Frauen. Bonn
1870.

[293] Vgl. Hedwig Dohms, Der Frauen Natur und Recht. Zweite Auflage.
Berlin. Verlag von F. Stahn (ohne Jahr).

[294] Vgl. Luise Bchner, Die Frauen und ihr Beruf. Fnfte Auflage.
Berlin 1884.

[295] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des
Reichstags. 86. Sitzung VII. Legislaturperiode. I. Session 1890/91.

[296] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des
Reichstags. VIII. Legislaturperiode. II. Session 1892/93. 50. Sitzung
und IX. Legislaturperiode. II. Session 1893/94. 86. Sitzung.

[297] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des
Reichstags des Norddeutschen Bundes. Session 1867. S. 665.

[298] Vgl. Stenographische Berichte ber die Verhandlungen des
Reichstags. III. Session. I. Bd. 1872. S. 760.

[299] Vgl. Luise Otto, Das erste Vierteljahrhundert des Allgemeinen
deutschen Frauenvereins. Leipzig 1890. S. 45.

[300] Vgl. Dr. O. Sommer, Die Entwicklung des hheren Mdchenschulwesens
in Deutschland. Im Handbuch des hheren Mdchenschulwesens.
Herausgegeben von Dr. J. Wychgram. Leipzig 1897. S. 44 ff.

[301] Vgl. z.B. die Broschre von Professor Albert, Die Frauen und das
Studium der Medizin, Wien 1895, in der er unter anderem sagt, da von
1486 Studentinnen in England nur elf Aerztinnen wurden, whrend
thatschlich 260 Studentinnen bis 1895 das medizinische Staatsexamen
bestanden.

[302] Vgl. Dr. Friedrich Zimmer, Der evangelische Diakonieverein. 4.
Auflage. Herborn 1897.

[303] Vgl. Elisabeth Storp, Die soziale Stellung der
Krankenpflegerinnen. Dresden 1901.

[304] Vgl. Adine Gemberg, Die evangelische Diakonie. Ein Beitrag zur
Lsung der Frauenfrage. Berlin 1894.

[305] Vgl. Eliza Ichenhuser, Erwerbsmglichkeiten fr Frauen. 2. Aufl.
Berlin 1898.

[306] Vgl. H. Herkner, Das Frauenstudium der Nationalkonomie. Berlin
1899. Sonderabdruck aus dem Archiv fr soziale Gesetzgebung und
Statistik.

[307] Vgl. Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre. 2. Bd.
Freiburg i.B. 1897. S. 70 f.

[308] Vgl. Karl Bcher, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf
der Erde, in G. von Mayrs Allgemeinem statistischen Archiv, 2. Jahrg.
Tbingen 1892. S. 369 ff.

[309] Vgl. J. Bertillon, De la dpopulation de la France et des remdes
 y apporter. Im Journal de la Socit de Statistique. 1895. p. 416 ff.

[310] Vgl. J. Goldstein, Bevlkerungsprobleme und Berufsgliederung in
Frankreich. Berlin 1900. S. 138 ff.

[311] Vgl. Arthur Geiler, Beitrge zur Frage des
Geschlechtsverhltnisses der Geborenen, in der Zeitschrift des Knigl.
schsischen statistischen Bureaus, 35. Jahrg. Dresden 1889.

[312] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 71.

[313] Vgl. Geffeken (v. Bergmann), Auswanderung und
Auswanderungspolitik, in G.v. Schnbergs Handbuch der politischen
Oekonomie, 4. Aufl., 2. Bd., zweiter Halbband. Tbingen 1898. S. 498.

[314] Vgl Georg von Mayr, a.a.O., S. 82. Aus der an dieser Stelle
angefhrten Tabelle berechnet.

[315] Vgl. Georg von Mayr, a.a.O., S. 399 f.

[316] Diese, wie alle anderen Berechnungen, fr die keine Quellen
angegeben werden, sind aus den offiziellen Volkszhlungen der
betreffenden Lnder gewonnen worden. Es wurden dabei von mir benutzt:
Fr die Vereinigten Staaten: X'th Census 1880, Washington 1883-1889,
Vol. I-III; XI'th Census 1890, Washington 1890 bis 1895, Vol. I-III und
Compendium Vol. I; XI'th Annual Report of the Commissioner of Labor
1895-96, Washington 1897.--Fr England: Census of England and Wales
1881, London 1883, Vol. I-III; Census of England and Wales 1891, London
1893, Vol. III und IV und General Report.--Fr Frankreich: Rsultats
statistiques du Dnombrement de 1881, Paris 1883; Rsultats statistiques
du Dnombrement de 1891, Paris 1894.--Fr Oesterreich: Oesterreichische
Statistik nach den Ergebnissen der Volkszhlung vom 31. Dezember 1880,
Wien 1882-1884, Bd. I bis V; Oesterreichische Berufsstatistik vom 31.
Dezember 1890, Wien 1893-1895, XXII. und XXIII. Bd.--Fr Deutschland:
Statistik des Deutschen Reichs, Neue Folge Bd. II; Berufsstatistik nach
der Berufszhlung vom 5. Juni 1882, Berlin 1884; Berufs- und
Gewerbezhlung vom 14. Juni 1895, Berlin 1897, Bd. 102, 103 und 111.

[317] Vgl. A.V. Fircks, Die Berufs- und Erwerbsthtigkeit der
eheschlieenden Personen. Zeitschrift des kgl. preuischen statistischen
Bureaus. Berlin 1889.

[318] Vgl. z.B. A. von Oettingen, Moralstatistik. 2. Aufl. Erlangen
1874. S. 40 ff.

[319] Vgl. hierfr unter anderem: G. von Mayr, a.a.O., S. 68 ff.--K.
Bcher, Die Bevlkerung des Kantons Basel-Stadt. Basel 1890. S.
19.--Derselbe, Ueber die Verteilung der beiden Geschlechter auf der
Erde, a.a.O., S. 388 f.

[320] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 230.

[321] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 384.

[322] Wie es z.B. Gustav Cohn in seinem Buch: Die deutsche
Frauenbewegung, Berlin 1896, S. 54-55 thut.

[323] Die von A. von Fircks bearbeitete, Seite 100 erwhnte preuische
Statistik der Eheschlieungen nach dem Beruf htte darber Aufschlu
geben knnen, wenn man die berufslosen Haustchter, die fast die Hlfte
der heiratenden Frauen ausmachen, nach dem Beruf ihrer Eltern
klassifiziert htte, statt sie in eine Rubrik zu bringen und berdies
mit den Rentnerinnen zusammenzuwerfen. Vgl. auch G. von Mayr, a.a.O., S.
411 f.

[324] Vgl. Rubin und Westergaard, Die Statistik der Ehen. Jena 1890.
Tabelle V, S. 28-29. Die obige Berechnung ist aus genannter Tabelle
dadurch gewonnen worden, da ich Gruppe I--Mnner in liberalen Berufen,
grere Kaufleute, Fabrikanten, Bankiers--mit Gruppe III--Lehrer,
Musiker, Kontoristen, Handelskommis, Angestellte in ffentlichen
Kontoren--zusammenberechnete und den Gruppen II, IV, V--Kleinhndler,
Schankwirte, Schiffer, Maschinenmeister; Auslufer, Kellner,
Dienstboten; Arbeiter, Taglhner, Matrosen--gegenberstellte.

[325] Vgl. Max Haushofer, Die Ehefrage im Deutschen Reich. Berlin 1895.

[326] Vgl. G. von Mayr, a.a.O., S. 386.

[327] Vgl. Fircks Taschenkalender fr das Heer. Berlin 1900. S. 379.

[328] A.a.O, S. 96 und 128.

[329] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
Jahrbuch fr Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Neue Folge.
Bd, XXIII, Heft IV, S. 1401.

[330] Die deutsche Statistik wirft unter der Bezeichnung "Direktions-und
rztliches Personal" alle Arten Aerzte mit den Hebammen zusammen,
whrend sie als "Wartepersonal" alle Arten Pflegerinnen und Wrterinnen
bezeichnet. Die anderen Lnder dagegen rechnen die Aerzte besonders,
zhlen dagegen Pflegerinnen und Hebammen zusammen. Wir sind daher
gezwungen, um einen Vergleich zu ermglichen, alle drei Berufe fr alle
Lnder unter die brgerliche Frauenarbeit mitzuzhlen.

[331] Ihre Zahl ist unter die Buchhalter gerechnet.

[332] Da in Oesterreich die Frauen zur Advokatur nicht zugelassen sind,
mu diese Zahl auf einem Irrtum bei der Zhlung beruhen.

[333] Hierunter werden nur Hebammen verstanden. Die Pflegerinnen drften
sich unter den ca. 64000 Nonnen befinden.

[334] Die franzsische Statistik von 1891 zhlt nur Handelsangestellte
im allgemeinen und Arbeiterinnen im Handel. Die groe Zahl erklrt sich
daher daraus, da die Verkuferinnen mit einbegriffen sind.

[335] Unter dieser Rubrik versteht die englische Statistik Bibelleser,
Missionare und Prediger.

[336] Diese Rubrik kann fr Amerika nicht ausgefllt werden, weil die
Statistik die selbstndigen Landwirte mit Aufsehern und Verwaltern
zusammenwirft.

[337] Auch fr diesen Beruf fehlt es in Amerika an spezieller
Feststellung.

[338] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor.
Washington 1897. p. 22 f.

[339] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misres des Femmes. Paris
1900. p. 132 ff.

[340] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. 3, Nr. 8, S. 271 u. Nr. 9,
S. 292 f.

[341] Vgl. Grace H. Dodge, What Women can earn. New York 1898. p. 15.

[342] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 221 ff.

[343] Vgl. Miss Amy Bulley and Miss Margaret Witley, Women's Work.
London 1894. p. 10 ff.

[344] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern industry. Lond.
1898. p. 65.

[345] Vgl a.a.O., p. 42 ff.

[346] Vgl. Women in Professions. London Congress, a.a.O., p. 20.

[347] Vgl. Auguste Sprengel, Die uere Lage der Lehrerinnen in
Deutschland. In Wychgrams Handbuch, a.a.O., S. 423 ff.

[348] Vgl. den Artikel "Lehrerin" im Illustrierten Konversationslexikon
der Frau. Berlin 1900. 2. Bd. S. 55.

[349] Vgl. C. v. Franken, Katechismus der weiblichen Erwerbs- und
Berufsarten. Leipzig 1898. S. 24 f.

[350] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 408.

[351] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
Handlungsgehilfinnen in Berlin. Berlin, Heines Verlag. S. 18.

[352] Vgl. Dokumente der Frauen. Herausgegeben von Marie Lang. Wien. II.
Bd. Nr. 22. Febr. 1900. S. 625 ff.

[353] A.a.O., Bd. II. Nr. 18. Dezember 1899. S. 475 ff.

[354] A.a.O., Bd. II. Nr. 17. November 1899. S. 443 ff.

[355] A.a.O., Bd. I. Nr. 2. April 1899. S. 32 ff.

[356] A.a.O., Bd. I. Nr. 1. Mrz 1899. S. 10 ff.

[357] A.a.O., Bd. I. Nr. 5. Mai 1899. S. 116 ff.

[358] Vgl. Dr. Kthe Schumacher, Das Budget der erwerbenden Frau. In
Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 3. Mai 1900. S. 101 ff.

[359] Vgl. hierfr: Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. III. Nr. 7. Juli
1900. S. 236 ff.--Konversationslexikon der Frau, a.a.O., Artikel:
Schauspielerin. 2. Bd. S. 393.--Women in Professions. London Congress,
a.a.O., Vol. III. p. 188 ff.

[360] Vgl. Miss Amy Bulley, a.a.O., p. 4 ff.

[361] Vgl. Havelock Ellis, Mann und Weib. Autorisierte deutsche Ausgabe
von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1895. S. 98 ff.

[362] Vgl. H. Plo, Das Weib in der Natur- und Vlkerkunde. 5. Aufl.
Leipzig 1897. Bd. I. S. 335 ff.

[363] Vgl. z.B. in Arthur Kirchhoffs "Die akademische Frau", a.a.O., S.
112 und 120, wo die Professoren Kehrer und Olshausen von der
"allmonatlich eintretenden Beschrnkung der krperlichen und geistigen
Leistungsfhigkeit" als von etwas Selbstverstndlichem sprechen.

[364] A.a.O., S. 4, 33 u. 91.

[365] Vgl. Lady Jeune, Ladies at Work. London 1893, p. 129 ff.

[366] Vgl. Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance
maternelle, Bruxelles-Paris 1897.

[367] Havelock Ellis, a.a.O., p. 175 f.

[368] A.a.O., S. 186.

[369] A.a.O., S. 187 ff.

[370] Vgl. H.Th. Buckle, The Influence of Women on the Progress of
Knowledge. Miscellaneous Works. London 1872. Vol. I., p. 7 ff.

[371] Vgl. Arthur Kirchhoff, a.a.O., S. 123-124.

[372] Vgl. Karl Marx, Das Kapital. Erster Band. Vierte Auflage. Hamburg
1890. S. 346 ff.

[373] Vgl. J.A. Hobson, The Evolution of modern Capitalisme. London
1894. p. 319.

[374] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London
1898. p. 97 ff.

[375] Vgl. Helen Campbell, Women Wage-earners. Boston 1893. p. 69 ff.

[376] Vgl. Leroy-Beaulieu, Le Travail des Femmes au XIX. Sicle. Paris
1874. p. 29.

[377] Vgl. H. Herkner, Die oberelsssische Baumwollindustrie und ihre
Arbeiter. Straburg 1887. S. 116 f.

[378] Vgl. H. Grandke, Die Entstehung der Berliner Wsche-Industrie im
19. Jahrhundert. Schmollers Jahrbuch fr Gesetzgebung, Verwaltung und
Volkswirtschaft. Bd. XX. Heft 2. 1896. S. 250.

[379] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 296.

[380] Vgl. Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in
England. 2. Aufl. Stuttgart 1892. S. 154: 237

[381] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 292.

[382] A.a.O., p. 291.

[383] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 428 f.

[384] Vgl. A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 105
ff.

[385] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 69 ff.

[386] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 284 f.

[387] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 146 ff.

[388] Vgl. K. Marx, a.a.O., S. 425.

[389] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 33.

[390] A.a.O., p. 41.

[391] Vgl. Hobson, a.a.O., p. 224.

[392] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, a.a.O., p. 62.

[393] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 28 f.

[394] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thringen. Erster Teil. Jena
1882. S. 15.

[395] A.a.O., zweiter Teil. Jena 1884. S. 53.

[396] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. I. Bd. Stuttgart 1898. S. 373.

[397] A.a.O., I. Bd., S. 354 ff.

[398] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 43 ff.

[399] Vgl. J.V. Daubi, La Femme pauvre du XIX. Sicle. Paris 1866. p.
51.

[400] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXV. Untersuchungen
ber die Lage des Handwerks. IV. Bd. 2. Teil. 1895. S. 120.

[401] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 126.

[402] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 139.

[403] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 399 ff.

[404] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 437.

[405] Vgl. Verhandlungen der im Sept. 1899 in Breslau abgehaltenen
Generalversammlung des Vereins fr Sozialpolitik, Leipzig 1900, S. 93,
und die hnliche Ansicht Stiedas in Litteratur, heutige Zustnde und
Entstehung der deutschen Hausindustrie, Leipzig 1889, S. 22.

[406] Vgl. Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik, a.a.O., S. 16.

[407] Vgl. Werner Sombart, Hausindustrie im Handwrterbuch der
Staatswissenschaften. 2. Aufl. Jena 1900. 4. Bd. S. 1141.

[408] Vgl. Karl Marx, a.a.O., Bd. 1, S. 215 ff.

[409] Vgl. Friedrich Engels, a.a.O., S. 212 ff.

[410] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., S. 287 f.

[411] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., S. 91 ff., und Jules Simon,
L'Ouvrire, 2ime dition. Paris 1861. p. 248 f.

[412] Vgl. Jules Simon, a.a.O., S. 286 ff.

[413] Vgl. J.V. Daubie, a.a.O., p. 46.

[414] Vgl. Leroy Beaulieu, a.a.O., p. 377 ff.

[415] A.a.O., p. 42 ff.

[416] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 210 ff.

[417] Vgl. A.J. Blanqui, Des Classes ouvrires en France pendant l'Anne
1848. Paris 1849. Vol. I. p. 91 f.

[418] Vgl. Clara Collet, Report on Changes in the Employment of Women
and Girls. London 1898. p. 7 ff.

[419] Vgl. Levasseur, Histoire des Classes ouvrires en France. Paris
1867. Vol. II. p. 150.

[420] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 41 ff. und J.V. Daubi, a.a.O., p.
54.

[421] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O., p. 65 ff. und H. Herkner, a.a.O., S.
129 f.

[422] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 31.

[423] A.a.O., S. 126.

[424] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 258 ff.

[425] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 126 f.

[426] Vgl, Friedrich Engels, a.a.O., S. 27 ff.

[427] Vgl. Villerm, Tableau de l'Etat physique et moral des Ouvriers
dans les Manufactures de Coton, de Laine et de Soie. Paris 1840. Vol. I.
p. 86 ff.

[428] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 101 f.

[429] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 156 ff.

[430] Vgl. Blanqui, a.a.O., vol. I, p. 71 ff.

[431] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 162 ff.

[432] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
Berlin. Berlin 1897. S. 25 ff.

[433] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 113 f.--A. Thun, a.a.O., S. 176
ff.--H. Herkner, a.a.O., S. 118 ff.

[434] Vgl. Villerm, a.a.O., p. 164 f.--Daubi, a.a.O., p. 56 f.

[435] Vgl. Karl Marx, a.a.O., S. 208 f.

[436] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 120.

[437] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 170 ff.

[438] Vgl. von Schultze-Gvernitz, Der Grobetrieb. Leipzig 1892. S. 40.

[439] Vgl. Karl Marx, a.a.O., p. 431 ff.

[440] Vgl. Villerme, a.a.O., p. 176 ff.

[441] Vgl. Fr. Engels, a.a.O., S. 146 f.

[442] Vgl. Die Ergebnisse der ber die Frauen- und Kinderarbeit in den
Fabriken auf Beschlu des Bundesrats angestellten Erhebungen.
Zusammengestellt im Reichskanzleramt. Berlin 1876. S. 24 f.

[443] A.a.O., S. 24.

[444] Vgl. Jules Simon, a.a.O., p. 146 ff.

[445] Vgl. Daubi, a.a.O., p. 63.

[446] Vgl. Report of the Commission on the Employment of Children, young
Persons and Women in Agriculture. London 1868.

[447] A.a.O., XIII.

[448] A.a.O., XI.

[449] Vgl. Thorold Rogers, Die Geschichte der englischen Arbeit. Deutsch
von Max Pannwitz. Stuttgart 1896. S. 402 f.

[450] Vgl. J. Barberet, Le Travail en France. T. VI. Paris 1889. p. 291.

[451] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 216.

[452] Vgl. Barberet, a.a.O., VI., p. 316 ff.

[453] Vgl. W. Kahler, Gesindewesen und Gesinderecht. Jena 1896. S. 8 ff.

[454] Vgl. Dr. Martin Luthers smtliche Werke. Erlanger Ausgabe. Bd. 20,
S. 375; Bd. 2, S. 16, 18; Bd. 34, S. 154; Bd. 33, S. 389; Bd. 36, S. 298
ff. Zitiert bei O. Stillich, Die Lage der weiblichen Dienstboten in
Berlin. 1901.

[455] Vgl. H. Brennecke, Ueber die Verschlimmerung des Gesindes und
dessen Verbesserung. Berlin 1810. S. 1 f. Zitiert bei Stillich, a.a.O.

[456] Vgl. Krnitz, S. 655 ff. Zitiert bei Stillich, a.a.O.

[457] Vgl. Freiherr v.d. Goltz, Die soziale Bedeutung des Gesindewesens.
Danzig 1873. S. 22.

[458] Vgl. Amalie Holst, Die Bestimmung des Weibes zu hherer
Geistesbildung. 1802.

[459] Vgl. Mathilde Weber, Die Pflichten der Familie. Berlin 1886. S.
22.

[460] Vgl. A. Daul, Die Frauenarbeit. Altona 1867. S. 322 f.

[461]Vgl. J.V. Daubi, a.a.O., p. 89 ff.

[462] Vgl. W. Khler, a.a.O., S. 34 ff.

[463] Die mnnliche Bevlkerung hat um 9703 Personen abgenommen, die
weibliche um 135 626 zugenommen.

[464] Vgl. Miss Collet, Report on the Statistics of Employment of Women
and Girls. London 1894. p. 71 f.

[465] Fr die beiden ersten Vergleichungen sind von mir nur die Arbeiter
gerechnet worden, fr die beiden letzten Arbeiter und Angestellte.

[466] Vgl. H. Rauchberg, Die Berufs- und Gewerbezhlung im Deutschen
Reich vom 14. Juni 1895. In Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und
Statistik. XV. Bd., S. 336 f., und Derselbe, Die Bevlkerung
Oesterreichs. Wien 1895. S. 15.

[467] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
Gewerbeaufsichtsbeamten fr 1895, 1896, 1897, 1898. Berlin 1896, 1897,
1898, 1899, und Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr
1899. 4. Bd. Berlin 1900.

[468] Vgl. Rapports sur L'Application des Lois rglementant le Travail.
1894, 1896, 1898. Paris 1895, 1897, 1900.

[469] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Berlin 1899 und Die
Landwirtschaft im Deutschen Reich. Statistik des Deutschen Reichs. Neue
Folge. Bd. 112. Berlin 1898.

[470] Vgl. fr meine Zusammenstellung: Fr Deutschland: Berufsstatistik
fr das Reich im ganzen. Erster Teil. Statistik des Deutschen Reiches.
Neue Folge. Bd. 102. Berlin 1897. S. 13 ff.--Fr Oesterreich:
Oesterreichische Berufsstatistik vom 31. Dezember 1890. Wien 1895.
XXXIII. Bd. S. 38 ff.--Fr England und Wales: Census of England and
Wales 1891. London 1893. Vol III. S. 7 ff.--Fr de Vereinigten Staaten:
XIth Census 1890. Population. Washington 1895. Part II. S. 304, ff.--Fr
Frankreich: Die vorlufige Zusammenstellung der Berufsgruppen, wie sie
nach der Berufszhlung von 1896 im Bulletin de L'Office du Travail, Juin
1900, S. 578 f., erschienen ist; die spezialisierte Darstellung der
Berufsarten, wie sie eigentlich fr die vorliegende Tabelle notwendig
gewesen wre, liegt bis jetzt nur fr Paris und das Seine-Departement
vor.--Fr Belgien: Recensement gnral des Industries et des Metiers (31
Octobre 1896), Analyse de Volumes I et II. Bruxelles 1900. S. 30 ff. Die
Darstellung der Berufsarten im einzelnen fehlt auch hier.

[471] Vgl. hierfr wie fr das Folgende die Ausfhrungen Werner Sombarts
ber Hausindustrie im Handwrterbuch der Staatswissenschaften. Bd. IV,
2. Aufl. S. 1138 ff.

[472] Vgl. Heinrich Rauchberg, Die Hausindustrie des Deutschen Reichs
nach der Berufs- und Gewerbezhlung. Schriften des Vereins fr
Sozialpolitik. LXXXVII. Vierter Band. S. 108.

[473] Vgl. Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre Regelung.
Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik. Leipzig 1900. S. 25.

[474] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbeinspektion ber die Heimarbeit in
Oesterreich. 1. Bd. Wien 1900.

[475] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1148.

[476] Vgl. Werner Sombart, a.a.O., S. 1157.

[477] Vgl. Recensement gnral des Industries et des Mtiers. 31 Octobre
1896. Analyse des Vols. I et II. Bruxelles 1900. p. 11 ff.

[478] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. 1895 to
1896. Work and Wages of Men, Women and Children. Washington 1897.

[479] Vgl. Mi Collet, Report on the Statistics of Employment of Women
and Girls. London 1894.

[480] Vgl. die Kritik des Reports von Dr. Ludwig Sinzheimer in Brauns
Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. 8. Bd. 1895. S. 682 ff.

[481] Vgl. R. Martin, Die Ausschlieung der verheirateten Frauen aus der
Fabrik. Tbingen 1897. S. 41. Der Verfasser sttzt sich unter anderem
auf Mi Collets Untersuchungen, nach denen, wie schon erwhnt wurde, die
Anzahl der verheirateten Arbeiterinnen viel zu niedrig angegeben wurde.

[482] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken. Nach den
Jahresberichten der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899 bearbeitet
vom Reichsamt des Innern. Berlin 1901. S. 256 ff.

[483] Ergebnisse der ber die Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken
auf Beschlu des Bundesrats angestellten Erhebungen. Berlin 1877. S. 76
ff.

[484] A. Thun, Die Industrie am Niederrhein. Leipzig 1879. S. 218.

[485] Th. Leipart, Die Lage der Arbeiter in Stuttgart. Stuttgart 1900.

[486] Elis. Gnauck-Khne, Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner
Papierwarenindustrie. Berlin 1896. S. 32.

[487] Vgl. Die Arbeits- und Lohnverhltnisse der Wiener
Lohnarbeiterinnen. Ergebnisse und stenographisches Protokoll der Enqute
ber Frauenarbeit. Wien 1897.

[488] Vgl. J. Singer, Untersuchungen ber die sozialen Zustnde in den
Fabrikbezirken des nordstlichen Bhmens. Leipzig 1885. S. 117.

[489] Vgl. Office du Travail. Salaires et Dure du Travail dans
L'Industrie franaise, t. IV. Paris 1892-99. p. 210 ff.

[490] Vgl. L. Belloc, Le Travail des Femmes en Italie. Milan 1894. p. 12
ff.

[491] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1893.
p. 35 ff., 68 ff.

[492] Vgl. 4th Annual Report of the Commission of Labor. Working Women
in large Cities. Washington 1888. p. 68 f., 520 ff.

[493] Vgl. H. Herkner, Die oberelsssische Baumwollindustrie und ihre
Arbeiter. Straburg i.E. 1887. S. 308.

[494] Vgl. F. Wrishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in
Mannheim. Karlsruhe 1891. S. 142 ff.

[495] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems of modern Industry. London
1898. p. 48.

[496] Vgl. Elis. Gnauck-Khne, a.a.O., S. 54.

[497] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899,
Berlin 1900. III. Bd. S. 342 ff.

[498] Vgl. A.N. Meyer, Woman's Work in America, a.a.O., p. 306.

[499] Vgl. Office du Travail. Salaires et Dure du Travail dans
L'Industrie franaise. Paris 1892-99. t. II. p. 190 ff., 292 ff.

[500] Vgl. Eleventh Annual Report of the Commissionar of Labor. Work and
Wages of Men, Women and Children. Washington 1894. p. 514 ff.

[501] Vgl. S. and B. Webb, Problems etc., a.a.O., p. 52.

[502] Vgl. Board of Trade, Sixth annual Abstract of Labors Statistics of
the United Kingdoms. London 1900. p. 122 ff.

[503] Vgl. Hobson, Evolution of modern Capitalisme, a.a.O., p 298.

[504] Vgl. Sydney and Beatrice Webb, Problems etc., a.a.O., p. 59, und
Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 26.

[505] Vgl. S. and B. Webb, Problems, a.a.O., p. 94, und E. Tregear, Die
Fabrikgesetzgebung in Neu-Seeland. Schriften des Vereins fr
Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd. S. 251.

[506] Vgl. Royal Commission of Labor. Employment of Women. London 1894.
p. 290 f.

[507] A.a.O., p. 281.

[508] A.a.O., p. 285.

[509] A.a.O., p. 135.

[510] A.a.O., p. 100.

[511] Vgl. L. Belloc, a.a.O., p. 28.

[512] Vgl. Elisabeth Gnauck-Khne, a.a.O., S. 55.

[513] Vgl. Groherzoglich Badische Fabrikinspektion, Die soziale Lage
der Pforzheimer Bijouteriearbeiter. Karlsruhe 1901. S. 63 u. 116.

[514] Vgl. z.B. die Schrift von Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
Frauenfrage, Leipzig 1900, deren Verfasser die Not als wichtigste
Ursache der Arbeit verheirateter Frauen einfach leugnet. Er war klug
genug, dies vor dem Erscheinen der deutschen Gewerbeaufsichtsberichte
fr 1899 zu thun, sonst htte er seine ganze Arbeit im Papierkorb
verschwinden lassen mssen.

[515] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899.
Berlin 1900. 4 Bnde.

[516] Vgl. Jahresberichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. III,
S. 906 f.

[517] Vgl. Office du Travail. Salaires et Dure du Travail etc., a.a.O.,
t. IV., p. 26 ff., 285 f., und Handwrterbuch der Staatswissenschaften.
Jena 1900, 2. Aufl. 6. Bd. S. 734.

[518] Vgl. Office du Travail, a.a.O., t. IV, p. 26 u. 277, und Clara
Collet, Changes etc., a.a.O., p. 54.

[519] Vgl. E. Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in
Berlin. Berlin 1897. S. 229 f.

[520] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhltnisse der Wiener
Lohnarbeiterinnen. Wien 1897, passim.

[521] Vgl. Comte d'Haussonville, Salaires et Misres de Femmes. Paris
1900. p. 29.

[522] Vgl. Ch. Benoist, Les Ouvrires de l'Aiguille  Paris, Paris 1895.
p. 106.

[523] Vgl. Wrishoffer, Die soziale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim.
Karlsruhe 1891. S. 230.

[524] Vgl. a.a.O., S. 228 f.; Gnauck-Khne, a.a.O., S. 60. Die soziale
Lage der Pforzheimer Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 155.

[525] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhltnisse der Wiener Arbeiterinnen,
passim.

[526] Vgl. Hirschberg, a.a.O., S. 33 f.

[527] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. XXXI. Bd. 2. S. 206.

[528] A.a.O., S. 342 ff.

[529] Vgl. Sozialpolitisches Centralblatt 1892. Nr. 18. S. 196.

[530] Vgl. Wrishoffer, a.a.O., S. 208 f., und Drucksachen der
Kommission fr Arbeitsstatistik. Verhltnisse in der Wschekonfektion.
Verhandlungen Nr. 11, S. 13.

[531] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O.,
S. 113.

[532] A.a.O., S. 114.

[533] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 305; Feig, a.a.O., S. 90; Gnauck-Khne,
a.a.O., S. 64; Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken,
a.a.O., S. 119.

[534] Vgl. Wrishoffer, a.a.O., S. 227 ff.

[535] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr
1899, passim.

[536] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Frsorge fr Arbeiterinnen und
deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 85 f.

[537] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O. S.
64 ff.

[538] Vgl. Agnes Bluhm, a.a.O., S. 87.

[539] Vgl. Netolitzky, Hygiene der Textilindustrie. Weyls Handbuch der
Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 1012 ff.

[540] Vgl. Schuler und Burkhardt, Untersuchungen ber die
Gesundheitsverhltnisse in der Schweiz. Archiv fr Hygiene. 1894. 2. Bd.

[541] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1039 f.

[542] Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p. 100 f.

[543] Vgl. Netolitzky, a.a.O., S. 1023 ff.

[544] Vgl. Singer, a.a.O., S. 81.

[545] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 53.

[546] A.a.O., p. 151 ff.

[547] Vgl. Heinzerling, Anorganische Betriebe. Weyls Handbuch der
Hygiene. 8. Bd. 2. Tl. S. 655 f.

[548] Vgl. Dr. Deborah Bernson, Ncessite d'une Loi protectrice pour la
Femme ouvrire. Lille 1899. p. 41 f.

[549] Vgl. Helbig, Phosphor und Zndwaren. Weyls Handbuch, a.a.O. S. 768
ff.

[550] Vgl. Sonne, Hygiene der keramischen Industrie, a.a.O., S. 924 ff.

[551] Vgl. Bruno Schnlank, Die Frther Quecksilber-Spiegelbelegen und
ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 256 ff.

[552] Vgl. F. Pelloutier, La Vie ouvrire en France. Paris 1901. p. 105.

[553] Vgl. Barberet, Le Travail en France. 1889. t. 5. p. 316.

[554] Vgl. P. Stramann, Die Einwirkung der Nhmaschinenarbeit auf die
weiblichen Genitalorgane. Therapeutische Monatsschrift. Juni 1898. S.
343 ff.--Netolitzky, a.a.O., S. 1109 f. Die Beschftigung verheirateter
Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 99 ff.

[555] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 312 f.--Die Beschftigung verheirateter
Frauen in Fabriken, a.a.O., S. 38 ff.--Die soziale Lage der Pforzheimer
Bijouteriearbeiter, a.a.O., S. 123 ff.

[556] Vgl. F. Wurm, Die Lebenshaltung deutscher Arbeiter. Dresden 1892.
S. 107 f.

[557] Vgl. M. Neefe, Die Hauptergebnisse der Wohnungsstatistik deutscher
Grostdte. Leipzig 1886.

[558] Vgl. E. von Philippowich, Wiener Wohnungsverhltnisse. Brauns
Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. Bd. 7. 1894. S 215 ff.

[559] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd. I,
S. 99, Bd II., S. 373, Bd. IV, S. 282 ff.

[560] Vgl. E. Wurm, a.a.O, S. 57.

[561] Vgl. J. Singer, a.a.O, S. 72.

[562] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O., Bd.
IV. S. 283 ff.

[563] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O, S.
36 f. u. 122 f.

[564] Vgl. Porak, Du Passage des Substances trangres  l'Organisme 
travers le placenta. Archives de Mdecine exprimentale et d'Anatomie
pathologique 1894. p. 203 ff.

[565] Vgl. Dr. Agnes Bluhm, Hygienische Frsorge fr Arbeiterinnen und
deren Kinder. Weyls Handbuch der Hygiene. 8. Bd. I. Teil. S. 92.

[566] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 51 f.

[567] Vgl. A. Thun, a.a.O, S. 67.

[568] Vgl. Helen Campbell, Woman Wageearner, a.a.O, p. 91.

[569] Vgl. Hirschberg, a.a.O, S. 82.

[570] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten, a.a.O, Bd. II.
S. 857.

[571] Vgl. R. Martin, Die Ausschlieung der verheirateten Frauen aus der
Fabrik. Tbingen 1897. S. 69 f.

[572] Vgl. El. Gnauck-Khne, a.a.O, S. 34.

[573] Vgl. Hirt, Die gewerbliche Thtigkeit der Frauen vom hygienischen
Standpunkt aus. Breslau 1873. S. 16 ff.

[574] Vgl. Dr. Deborah Bernson, a.a.O, p. 41.

[575] Vgl. Bruno Schnlank, Die Frther Quecksilberspiegelbelegen und
ihre Arbeiter. Neue Zeit. 1887. S. 259.

[576] Vgl. Hirt, Die Gasinhalationskrankheiten und die gewerbliche
Vergiftung. Pettenkofers Handbuch der Hygiene. 2. Band. 2. Abschnitt. S.
91 ff.

[577] Vgl. Bericht der k.k. Gewerbe-Inspektion ber die Heimarbeit in
Oesterreich. Herausgegeben vom k.k. Handelsministerium. Wien 1900. I.
Bd. S. 271 ff.

[578] A.a.O., S. 264.

[579] A.a.O., S. 233.

[580] A.a.O., S. 273.

[581] A.a.O., S. 257.

[582] A.a.O., S. 277 ff.

[583] A.a.O., S. 277.

[584] A.a.O., S. 244 und 250 f.

[585] A.a.O., S. 253.

[586] A.a.O., S. 236 und 257.

[587] A.a.O., S. 259.

[588] A.a.O., S. 235.

[589] A.a.O., S. 241.

[590] A.a.O., S. 239.

[591] A.a.O., S. 241.

[592] Vgl. Office du Travail. Les Industries  Domicile en Belgique.
Bruxelles 1900. Vol. II. p. 28 f.

[593] A.a.O., p. 72 ff.

[594] A.a.O., p. 94.

[595] A.a.O., p. 145.

[596] Vgl. Netolitzky, a.a.O, S. 1058 f.

[597] Vgl. L. Bonnevay, Les Ouvrieres lyonnaises  Domicile. Lyon 1896,
p. 15 f.

[598] A.a.O., p. 75.

[599] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 385 ff.

[600] A.a.O., S. 340.

[601] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVI. 2.
Bd.--Elisabeth v. Richthofen, Die Perlenstickerei im Kreise Saarburg. S.
343 ff.

[602] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 76.

[603] Vgl. Ch. Benoist, a.a.O, p. 93.

[604] Vgl. L. Bein, Die Industrie des schsischen Vogtlands. Leipzig
1884. 2. Tl. S. 419 ff.

[605] Vgl. Leroy-Beaulieu, a.a.O, p. 80 f.

[606] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 363 ff.

[607] Vgl. G. Degreef, L'Ouvrire dentellire en Belgique. Bruxelles
1886. p. 86 f.

[608] A.a.O., p. 51 f.

[609] Vgl. Bonnevay, a.a.O, p. 15 ff.

[610] Vgl. Barberet, a.a.O, Vol. 5, p. 375; Leroy-Beaulieu, a.a.O, p.
220.--Degreef, a.a.O, p. 88 f.

[611] Vgl. Lady Dilke, The industrial Position of Women. London. p. 6 f.

[612] Vgl. Berichte der k.k. Fabrikinspektion, a.a.O, S. 51 ff.

[613] A.a.O., S. 42 f.

[614] Vgl. E. Sax, Die Hausindustrie in Thringen. I. Teil. Jena 1882.
S. 112 f.

[615] Vgl. Les Industries  Domicile en Belgique, a.a.O., Vol. II, p. 59
ff.

[616] Vgl. Amtliche Berichte der Gewerbeinspektoren fr das Jahr 1899.
Bd. III. S. 414.

[617] Vgl. E. Jaff, Hausindustrie und Fabrikbetrieb in der deutschen
Cigarrenfabrikation. Schriften d. Ver. f. Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.
S. 314 u. 322.

[618] A.a.O., S. 312 f.

[619] A.a.O., S. 322 f.

[620] Helen Campbell, a.a.O., p. 225.

[621] Vgl. E. Sax, a.a.O., 1. Teil, S. 36 ff.

[622] A.a.O., S. 43.

[623] A.a.O., S. 51.

[624] A.a.O., 2. Teil, Jena 1884, S. 57.

[625] Vgl. O. Stillich, Die Spielwarenindustrie des Meininger Oberlands.
Jena 1899. S. 14.

[626] A.a.O., S. 55 ff.

[627] A.a.O., S. 66.

[628] A.a.O., S. 10 f.

[629] A.a.O., S. 19 f.

[630] Vgl. W. Uhlfelder, Die Zinnmalerinnen in Nrnberg und Frth.
Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXIV. I. Bd. S. 155 ff.

[631] Vgl. Ergebnisse der Ermittelungen ber die Lohnverhltnisse in der
Wschefabrikation und der Konfektionsbranche sowie ber den Verkauf oder
die Lieferung von Arbeitsmaterial (Nhfaden u.s.w.) seitens der
Arbeitgeber an die Arbeiterinnen. Stenographischer Bericht ber die
Verhandlungen des Reichstags. VII. Legislaturperiode, I. Session, 1887.
Bd. III.

[632] Vgl. J. Timm, Soziale Bilder aus der Berl. Konfektion.
Sozialpolitisches Centralblatt. IV. Jahrg.

[633] Vgl. Verhandlungen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Nr.
10-13. Berlin 1896.

[634] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die hausindustriellen Arbeiterinnen in
der Berliner Blusen-, Unterrock-, Schrzen- und Trikotfabrikation.
Leipzig 1898.

[635] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
Vereins fr Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd.

[636] Vgl. E. Jaff, Westdeutsche Konfektion. Schriften d. Vereins f.
Sozialpolitik. LXXXVI. 3. Bd.

[637] Vgl. Hans Grandke, Berliner Kleiderkonfektion. Schriften des
Vereins fr Sozialpolitik. LXXXV. 2. Bd.

[638] Vgl. Hans Grandke, a.a.O, S. 189.

[639] Vgl. Verhandlungen der Kommission fr Arbeiterstatistik, a.a.O,
Nr. 10, S. 205.

[640] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, S. 196.

[641] Vgl. Verhandlungen, a.a.O, Nr. 10 bis 12, und Grandke, a.a.O, S.
194 ff.

[642] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 20 ff.

[643] Hans Grandke, a.a.O, S. 383.

[644] A.a.O., S. 247 f.

[645] A.a.O., S. 251.

[646] Vgl. Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion.
Leipzig 1896. S. 51.

[647] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 47 f.

[648] Vgl. E. Jaff, a.a.O, S. 163 ff.

[649] Vgl. J. Feig, Hausgewerbe und Fabrikbetrieb in der Berliner
Wscheindustrie. Leipzig 1896. S. 60 ff.

[650] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 59.

[651] Vgl. Gustav Lange, Die Hausindustrie Schlesiens. Schriften des
Vereins fr Sozialpolitik. XXXIX. 1. Bd. S. 123 f.

[652] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 88 f.

[653] Vgl. Die Arbeits- und Lebensverhltnisse der Wiener Arbeiterinnen,
a.a.O, S. 163, 604.

[654] Vgl. Berichte der k.k. Gewerbe-Inspektion, a.a.O., S. 435.

[655] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. Le Vtement 
Paris. Paris 1896. p. 495 ff.

[656] A.a.O., p. 503 ff.

[657] Vgl. Charles Benoist, a.a.O., p. 80 ff.

[658] A.a.O., p. 70 ff.

[659] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, a.a.O., t. II, p. 526
ff.

[660] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 107 f.

[661] Vgl. Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 81 ff.

[662] Vgl. Benoist, a.a.O., p. 114 f.

[663] Vgl. Bonnevay, a.a.O., p. 70 ff.

[664] Vgl. Second Report from the select Committee of the House of Lords
on the Sweating System. London 1888. p. 585 f.

[665] Vgl. M.H. Irwin, Home Work amongst Women. Glasgow 1896. Vol. I. p.
1 ff.

[666] Vgl. Charles Booth, Life and Labour of the People. London 1893.
Vol. IV. p. 50 ff.

[667] A.a.O., p. 271.

[668] A.a.O., p. 55 f.

[669] Vgl. Florence Kelley, Das Sweating-System in den Vereinigten
Staaten. In Brauns Archiv, 12. Bd. Berlin 1898. S. 212 f.

[670] Vgl. Hull-House. By Residents of Hull-House. New-York 1895. p. 33
ff. u. 82 ff.

[671] A.a.O., p. 37.

[672] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 129 ff.

[673] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 625.

[674] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 68.

[675] Vgl. J. Feig, a.a.O., S. 70 f.

[676] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 45.

[677] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 321 f.

[678] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 314 ff.

[679] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 629.

[680] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschrnkung der Heimarbeit in
Nordamerika. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVII. Leipzig
1899. 4. Bd. S. 213.

[681] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 29 und 45.

[682] Vgl. Oda Olberg, a.a.O, S. 79 ff.

[683] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O, S. 63 f.

[684] Vgl. Hans Grandke, a.a.O., S. 270 f.--Kuno Frankenstein, a.a.O.,
S. 13 f.--Ergebnisse der Ermittlungen ber die Lohnverhltnisse in der
Konfektion, a.a.O., S. 701 ff.--Comte d'Haussonville, a.a.O., p. 20 ff.

[685] Vgl. Alfred Weber, Die Entwicklungsgrundlagen der grostdtischen
Frauenhausindustrie. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXV. 2.
Bd. S. XXXIX ff.

[686] Vgl. Alfred Weber, Die volkswirtschaftliche Aufgabe der
Hausindustrie. Schmollers Jahrbuch. N.F. 25. Jahrg. 2. Heft. Leipzig
1901. S. 23.

[687] Vgl. E. Jaff, Westdeutsche Konfektion, a.a.O., S. 116 ff.--J.
Timm, a.a.O., S. 294.--Working Women in large Cities, a.a.O., p. 26.

[688] Vgl. Office du Travail. La petite Industrie, t. II. p. 666.--Alfr.
Weber, Die Entwicklungsgrundlagen etc., a.a.O., S. XXXVI.

[689] Vgl. z.B. M.H. Irwin, a.a.O., p. 8 f.--Feig, a.a.O., S. 51 ff.--G.
Dyhrenfurth, a.a.O., S. 67.--E. Jaff, a.a.O., S. 151.

[690] Vgl. M.H. Irwin, a.a.O., p. I--XVII.--Home Industries of Women in
London, p. 12 ff.--Charles Booth, a.a.O., Vol. I, p. 61.--Hans Grandke,
a.a.O., S. 267.--Gustav Lange, a.a.O., S. 136 f.

[691] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
269.--Charles Booth, a.a.O., p. 295.--Working Women in large Cities,
a.a.O., p. 15 f.--Ergebnisse der Ermittelungen ber die Lohnverhltnisse
der Arbeiterinnen in der Konfektion, a.a.O., S. 703 ff.--Verhandlungen
der Kommission fr Arbeiterstatistik, a.a.O., Nr. II, S. 18.--E. Jaff,
a.a.O., S. 118 ff.--E. Neubert, Hausindustrie in den Regierungsbezirken
Erfurt und Merseburg. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. XXXIX. I.
Bd. S. 118 ff.--Gertrud Dyhrenfurth, a.a.O., S. 69.--Alfred Weber, Das
Sweating-System in der Konfektion, in Brauns Archiv, Bd. 10, 1897, S.
518.

[692] Vgl. Feig, a.a.O., S. 112.

[693] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Fnf Dorfgemeinden auf dem Hohen Taunus.
Leipzig 1889. S. 72 ff.--Alfred Weber, Die Hausindustrie und ihre
gesetzliche Regelung, Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik.
Leipzig 1900. S. 13.

[694] Vgl. P. Adler, Die Lage der Handlungsgehilfen gem den Erhebungen
der Kommission fr Arbeiterstatistik. Stuttgart 1900. S. 54.

[695] Vgl. J. Silbermann, Zur Entlohnung der Frauenarbeit. Schmollers
Jahrbuch. N.F. Bd. XXIII. S. 1416.

[696] Vgl. Silbermann, a.a.O., S. 1418.

[697] A.a.O., S. 1441.

[698] Vgl. Laura Krause, Die Lage der Handelsgehilfinnen in Leipzig.
Soziale Praxis. 28. September 1899. S. 1373 ff.

[699] Vgl. Julius Meyer, Die Ausbildung und Stellung der
Handlungsgehilfin in Berlin. Berlin 1893. S. II.

[700] A.a.O., S. 18.

[701] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 532 ff.

[702] Vgl. Julius Meyer, a.a.O., S. 18.

[703] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women. p. 6 ff.,
234 ff.

[704] A.a.O., p. 85 ff., 234 ff.

[705] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 35

[706] Vgl. Erhebungen ber Arbeitszeit, Kndigungsfristen und
Lehrlingsverhltnisse im Handelsgewerbe. September-Oktober 1892. Berlin
1893. Tabelle X.

[707] Vgl. Royal Commission of Labour. The Employment of Women, a.a.O.,
p. 3 ff., 85 ff.

[708] Vgl. Erhebungen, a.a.O., Tabelle V bis VIII.

[709] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 85.

[710] Vgl. a.a.O.--Vernehmungen von Auskunftspersonen ber Arbeitszeit,
Kndigungsfristen und Lehrlingsverhltnisse im Handelsgewerbe. 9. bis
10. Nov. 1894. S. 47 u. 112 ff.

[711] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.

[712] Thomas Sutherst, Death and Disease behind the Counter. London
1884. p. 38 f.

[713] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 17, 20 f.

[714] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 47, 112 ff.

[715] Vgl. Thomas Sutherst, a.a.O., p. 20 ff. und Royal Commission of
Labour, a.a.O., p. 3 ff.

[716] Vgl. Erhebungen, Teil I, a.a.O., Tabelle III.

[717] A.a.O., S. 79.

[718] Vgl. Vernehmungen, a.a.O., S. 104.

[719] Vgl. Adler, a.a.O., S. 62 f.

[720] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 3 ff., 287
f.--Sutherst, a.a.O., p. 20 ff.

[721] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 243 f.--Julius
Meyer, a.a.O., S. 22.

[722] Vgl. Paul Adler, a.a.O., S. 28 ff.

[723] A.a.O., S. 141.

[724] Vgl. J. Silbermann, a.a.O., S. 1420.

[725] Vgl. P. Adler, a.a.O., S. 32 ff.--Vernehmungen, a.a.O., S. 94.

[726] Vgl. Royal Commission of Labour, a.a.O., p. 6 ff., 286 f.,
318.--Sutherst, a.a.O., p. 128.--J. Silbermann, Die Lage der deutschen
Handelsgehilfen, in Brauns Archiv. Bd. IX. 1896. S. 363.

[727] Vgl. Sutherst, a.a.O., S. 138.

[728] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. 119. Gewerbe
und Handel im Deutschen Reich. Berlin 1899. S. 42.

[729] Vgl. M. Weber, Die Lage der Landarbeiter im ostelbischen
Deutschland. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LV. 3. Bd. S. 18
ff.

[730] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. Die Verhltnisse der
Landarbeiter in Deutschland. Leipzig 1892. 1. Bd. S. 3.

[731] Vgl. K. Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 166.

[732] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen in der Lage der ostelbischen
Landarbeiter, in Brauns Archiv. 7. Bd. 1894. S. 2 ff.--G. Herkner, Die
Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 210.

[733] Vgl. T.G. Spyers, The Labour Question. London 1894. p. 214 f.

[734] Vgl. Von der Goltz, Die lndliche Arbeiterklasse und der
preuische Staat. Jena 1893. S. 5 ff.

[735] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 1. Bd., S. 40
f. 110 ff., 177 ff. und 261 f.

[736] A.a.O., Bd. 1, S. 15 f., Bd. 2, S. 420 ff.

[737] A.a.O., Bd. 1, S. 261 f.

[738] Vgl. H. Baudrillard, Les Populations agricoles en France. Paris
1885. t. I. p. 337 ff.

[739] Vgl. K. Frankenstein, Die Arbeiterfrage in der deutschen
Landwirtschaft. Berlin 1893. S. 21.

[740] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 367
ff. K. Kaerger, Die Sachsengngerei. Berlin 1890. S. 165.

[741] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 2. Bd. S. 440.

[742] A.a.O., S. 94 f.

[743] Vgl. Goltz, Die Lage der lndlichen Arbeiter im Deutschen Reich.
Berlin 1875. S. 448.

[744] Vgl. Barberet, a.a.O., t. VI, p. 322.

[745] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. I, p. 608 f. und 337 f.

[746] A.a.O., t. III, p. 443.

[747] Vgl. Royal Commission on Labour. The agricultural Labourers.
London 1894. Vol. V, Part 1, p. 160 f.

[748] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 385 und 184.

[749] Vgl. K. Kaerger, a.a.O., S. 257.

[750] A.a.O., S. 43.

[751] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.

[752] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, Bd. I, S. 134.

[753] A.a.O., S. 98.

[754] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 59.

[755] A.a.O., S. 58 f.

[756] A.a.O., S. 54.

[757] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 41.

[758] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 43.

[759] Vgl. Kaerger, a.a.O., S. 55.

[760] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 212 f.

[761] Vgl. Kautsky, a.a.O., S. 269.

[762] Vgl. Weber, a.a.O., S. 240 und Herkner, a.a.O., S. 212 f.

[763] Vgl. Wagner, Die geschlechtlich-sittlichen Verhltnissen der
evangelischen Landbewohner im Deutschen Reich. Leipzig 1895. Bd. I. S.
46

[764] Vgl. M. Weber, Die Verhltnisse der Landarbeiter im ostelbischen
Deutschland. Leipzig 1892. S. 143.

[765] Vgl. Wagner, a.a.O., S. 220.

[766] A.a.O., S. 28.

[767] Vgl. Weber, a.a.O., S. 192.

[768] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, a.a.O., 1. Bd. S.
121.

[769] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 251.

[770] Vgl. Ascher, Die lndlichen Arbeiterwohnungen in Preuen. Berlin
1897.

[771] Vgl. Weber, a.a.O., S. 553.

[772] Vgl. Ascher, a.a.O., S. 37 f.

[773] Vgl. Baudrillard, a.a.O., t. II, p. 205.

[774] A.a.O., p. 608 ff.

[775] A.a.O., t. III, p. 200.

[776] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 44.

[777] A.a.O., I, S. 81.

[778] A.a.O., I, S. 45 u. 73.

[779] A.a.O., II, S. 309.

[780] A.a.O., I, S. 46.

[781] Vgl. Wagner, a.a.O., I, S. 198.

[782] A.a.O., I, S. 32.

[783] Vgl. Herkner, a.a.O., S. 209.

[784] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, 2. Bd., S. 484
ff.

[785] Vgl. M. Weber, Entwicklungstendenzen etc., a.a.O., S. 23.

[786] Vgl. M. Weber, a.a.O., S. 24.

[787] Vgl. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik, LIII, S. 265, 280,
322, 323, 411, 427.

[788] Vgl. O. Stillich, Die Lage der Dienstmdchen in Berlin. Berlin
1901.

[789] Vgl. Board of Trade, Labour Department. Report by Mi Collet on
the Money Wages of indoor Domestic Servants. London 1899.

[790] Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 217.

[791] Mi Collet, a.a.O., p. 14 ff.

[792] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Household Service. Second Edition.
New-York 1901. p. 96.

[793] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., Bd. II, Nr. 21, S. 588.

[794] Vgl. Booth, a.a.O., Vol. VIII, p. 219.

[795] Vgl. O. Stillich, a.a.O.

[796] Vgl. Anton Menger, Das brgerliche Recht und die besitzlosen
Volksklassen. In Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung u. Statistik.
Bd. II. 1889. S. 463.

[797] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen
Nr. 9. Erhebung ber die Arbeits- und Gehaltsverhltnisse der Kellner
und Kellnerinnen. 2. Teil. Berlin 1895. S. 77.

[798] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 23, S. 663.

[799] Vgl. Stillich, a.a.O.

[800] A. a. O.

[801] Vgl. Lucy Salmon, a.a.O., p. 143 ff.

[802] Vgl. Stillich, a.a.O.

[803] Vgl. Miss Collet, a.a.O., p. 29 f.

[804] Vgl. hierfr die lebendigen Schilderungen in Clara Viebigs Roman:
Das tgliche Brot. Berlin 1901. 2 Bde.

[805] Vgl. Edmond et Jules de Goncourt, Germinie Lacerteux. Nouvelle
dition. Paris 1896.

[806] Vgl. Octave Mirbeau, Le Journal d'une Femme de chambre. Paris
1901. p. 347 f.

[807] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1899. S. 596.

[808] Vgl. Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin. 1900. S. 158.

[809] Vgl. Dokumente der Frauen, Bd. II, Nr. 21, S. 585.

[810] Vgl. Stillich, a.a.O.

[811] Vgl. Stillich, a.a.O.

[812] Vgl. Dokumente der Frauen, a.a.O., S. 586.

[813] Vgl. Statistik des Deutschen Reichs. Neue Folge. Bd. III. S. 141

[814] Vgl. Helen Campbell, Prisoners of Poverty. Boston 1900. p. 221 ff.

[815] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.

[816] Vgl. Wagner, a.a.O., 2. Bd., S. 309.

[817] Vgl. Working Women in large Cities, a.a.O., p. 75.

[818] Vgl. Berliner Statistisches Jahrbuch fr Volkswirtschaft. Berlin
1874.

[819] Vgl. Octave Mirbeau, a.a.O., p. 212 f.

[820] Vgl. G. Schnapper-Arndt, Die Dienstbotenfrage, Internationaler
Kongre fr Frauenwerke und Frauenbestrebungen in Berlin, 19.-26.
September 1896. Berlin 1897. S. 405.

[821] Vgl. Brieux' ergreifendes Drama: Les Remplaantes, Paris 1901, das
mit rcksichtsloser Wahrhaftigkeit diese Zustnde schildert.

[822] Vgl. Helen Campbell, a.a.O., p. 240 ff.

[823] Vgl. Gewerbe und Handel im Deutschen Reich. Statistik des
Deutschen Reichs. N. F. Band 119. Berlin 1899. S. 26* und 30.

[824] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
17 und 21 ff.

[825] Vgl. Anna S. Daniel, a.a.O., p. 631 f.

[826] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen
Nr. 6. Erhebung ber die Arbeits- und Gehaltsverhltnisse der Kellner
und Kellnerinnen. Berlin 1894. S. 132 f.--Royal Commission on Labour.
Employment of Women. p. 288.

[827] Vgl. Referat des Mnchener Schulrats Dr. Kerschensteiner in der
Sitzung der kniglichen Lokalschulkommission am 22. 3. 1900.

[828] Vgl. Dr. Arthur Cohen, Die Lohn- und Arbeitsverhltnisse der
Mnchener Kellnerinnen. Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und
Statistik. V. Bd. 1892. S. 129.

[829] A.a.O., S. 117.

[830] Vgl. Karl Schneidt, Das Kellnerinnenelend in Berlin. Berlin 1893.
S. 28.

[831] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
197 ff.

[832] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik.
Verhandlungen. Nr. 17. Anlage II. S. 54.

[833] Vgl. F. Trefz, Das Wirtsgewerbe in Mnchen. Stuttgart 1899. S.
210.

[834] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 110.

[835] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen
Nr. 6, a.a.O., S. 101 ff.

[836] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 208.

[837] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 112.

[838] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 216.

[839] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik.
Verhandlungen Nr. 16. Protokolle ber die Verhandlungen und die
Vernehmung von Auskunftspersonen ber die Verhltnisse der in Gast- und
Schankwirtschaften beschftigten Personen. Berlin 1899. S. 89.

[840] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik.
Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 66.

[841] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen
Nr. 6, S. 136.

[842] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik.
Verhandlungen Nr. 16, S. 72.

[843] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 197.

[844] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik.
Verhandlungen Nr. 6, Tabelle VIIIb, S. 68-69.

[845] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 203.

[846] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 204.

[847] Vgl. Jhering, Das Trinkgeld, 3. Aufl., Braunschweig 1889, S. 24
ff., und Cohen, a.a.O., S. 121.

[848] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 17.

[849] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 38.

[850] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 11 ff.

[851] Vgl. Karl Schneidt, a.a.O., S. 52 f.

[852] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik. Erhebungen
Nr. 6, S. 125, und Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 81.

[853] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 114 f.

[854] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 218.

[855] Vgl. Cohen, a.a.O., S. 113.

[856] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik.
Verhandlungen Nr. 17, Anlage II, S. 59.

[857] Vgl. Royal Commission of Labour. Employment of Women, a.a.O., p.
199 f. und Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen ber die Beschftigung
von Gastwirtsgehilfen. Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und
Statistik. 17. Bd. 1901.

[858] Vgl. H.F. Schmidt, Kellners Wohl und Weh. Basel 1899. S. 119.

[859] Vgl. Trefz, a.a.O., S. 220 ff.

[860] Vgl. Drucksachen der Kommission fr Arbeiterstatistik.
Verhandlungen Nr. 16, a.a.O., S. 52.

[861] Vgl. Lady Dilke, Trades Unions for Women. London. Women's
Trade-Union-League. Ohne Datum.

[862] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Geschichte des britischen
Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 283 f.

[863] Vgl. Gertrud Dyhrenfurth, Die gewerkschaftliche Bewegung unter den
englischen Arbeiterinnen, in Brauns Archiv. Bd. VII. 1894. S. 166 ff.

[864] Vgl. Office du Travail.--La petite Industrie, a.a.O., t. II, p.
669.

[865] Vgl. Emma Ihrer, Die Organisationen der Arbeiterinnen
Deutschlands. Berlin 1893. S. 4 f.

[866] Vgl. Adeline Berger, Die zwanzigjhrige Arbeiterinnenbewegung
Berlins und ihr Ergebnis. Berlin 1889.

[867] Vgl. Korrespondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften
Deutschlands. Nr. 34. II. Jahrg. 268, 26. August 1901. S. 542.

[868] Vgl. Arbeiter-Bibliothek. 1. u. 2. Heft. Christliche
Gewerkvereine. Ihre Aufgabe und Thtigkeit. M.-Gladbach 1900. S. 40 ff.

[869] A.a.O., S. 54.

[870] Vgl. Arbeiterinnenzeitung. Wien, 7. Juni 1900.

[871] Vgl. Report by the chief Correspondent of the Board of Trade on
Trade-Unions in 1899. London 1900. p. XVIII, XXII f., p. 128 ff.

[872] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Die Geschichte des britischen
Trade-Unionismus. Deutsch von R. Bernstein. Stuttgart 1895. S. 124.

[873] Vgl. Annuaire des Syndicats professionnels, industriels,
commerciaux et agricoles. Paris 1900.

[874] Ein Vergleich der Organisierten mit smtlichen Arbeiterinnen der
einzelnen Berufe lt sich nicht ziehen, weil die Einteilungen nicht
bereinstimmen.

[875] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 298 f.

[876] Vgl. Report of the international Congress of Women. Washington
1888. p. 144.

[877] Vgl. A.N. Meyer, a.a.O., p. 300 f.

[878] Vgl. Alzina Parsons Stevens, Die Gewerkvereine der Vereinigten
Staaten, in Brauns Archiv. XII. Bd. Berlin 1898. S. 715.

[879] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Theorie und Praxis der englischen
Gewerkvereine. Deutsch von C. Hugo. Stuttgart 1898. 2. Bd. S. 43 ff.

[880] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, a.a.O., 2. Bd., S. 46 f.

[881] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 90
f.

[882] Vgl. Das kommunistische Manifest, 5. deutsche Ausgabe, Berlin,
1891, S. 22.

[883] Vgl. Verhandlungen des deutschen Reichstages. Dritte
Legislatur-Periode. I. Session. 1877. 22. und 24. Sitzung.

[884] Vgl. meinen Artikel: Die Frau in der Sozialdemokratie im
Illustrierten Konversationslexikon der Frau. 2. Bd. S. 475 ff.

[885] Vgl. Protokoll ber die Verhandlungen des Parteitags der
sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Abgehalten zu Mainz vom 17.
bis 21. September 1900. Berlin 1900. S. 247 ff.

[886] Vgl. Klara Zetkin, Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der
Gegenwart, Berlin 1894, und meine Broschre: Frauenfrage und
Sozialdemokratie, Berlin 1896.

[887] Vgl. Protokoll ber die Verhandlungen des Parteitags der
sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Gotha 1896.
Berlin 1896. S. 174.

[888] Vgl. meine Broschre: Frauenarbeit und Hauswirtschaft. Berlin
1900.

[889] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, Women and Economics. London 1899.
p. 242 ff.

[890] Vgl. Lucy Maynard Salmon, Domestic Service. Second Edition.
New-York 1901. p. 212 ff.

[891] Vgl. August Bebel, Die Frau und der Sozialismus. 25. Aufl.
Stuttgart 1895. S. 422 ff.

[892] Vgl. Luise Otto-Peters, Das erste Vierteljahrhundert des
Allgemeinen deutschen Frauenvereins, S. 18.

[893] A.a.O., S. 62.

[894] Fr alle Bestrebungen der Art vergl. fr Deutschland: Lina
Morgenstern, Frauenarbeit in Deutschland. 2. Bd. Berlin 1893.--Fr
England: Emily Janes, The English Woman's Yearbook. London 1901.--Fr
Frankreich: Camille Pert, Le Livre de la Femme, Paris, 1901. Comte
d'Haussonville, a.a.O., S. 46, 61, 64 ff.--Fr Amerika: Working Women in
large Cities, a.a.O., p. 32 ff., 44 ff.

[895] Vgl. Sydney und Beatrice Webb, Problems of modern Industry, p. 83.

[896] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 16.

[897] Vgl. die stenographischen Kongreberichte in der Zeitung: "La
Fronde" vom 6. und 7. September 1900.

[898] Vgl. Luise Otto-Peters, a.a.O., S. 22.

[899] A.a.O., S. 51.

[900] A.a.O., S. 55.

[901] A.a.O., S. 61 f.

[902] Fr die Geschichte des Bundes vergl. Centralblatt des Bundes
deutscher Frauenvereine, begrndet von Jeanette Schwerin. Herausgeben
von Marie Stritt. 3 Jahrgnge und Marie Stritt und Ika Freudenberg, Der
Bund deutscher Frauenvereine. Frankenberg 1900.

[903] Vgl. Anna Simson, Der Bund deutscher Frauenvereine; was er will
und was er nicht will. Breslau 1895. S. 9.

[904] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 9.

[905] Vgl. Marie Stritt und Ika Freudenberg, a.a.O., S. 13.

[906] Vgl. Eliza Ichenhuser, Die Dienstbotenfrage und ihre Reform.,
Berlin 1900.

[907] Vgl. London Congress. Women in Industrial Life, a.a.O., p. 86 ff.

[908] Vgl. Mrs. Aldrich, The Management of a modern House, in: Women
Workers, London 1900. p. 177.

[909] Vgl. Charlotte Perkins Stetson, a.a.O., p. 245.

[910] Vgl. Mathilde Weber, Unsere Hausbeamtinnen. Berlin 1895.

[911] Vgl. Karl Marx, Das Kapital, 4. Aufl., Bd. I, S. 259.

[912] Vgl. H. Herkner, Die Arbeiterfrage. 2. Aufl. Berlin 1897. S. 149
f.

[913] Vgl. Amtliche Mitteilungen aus den Jahresberichten der
Gewerbeaufsichtsbeamten. Berlin 1886 und 1898. passim.

[914] Vgl. Annual Reports of the Board of Trade on Changes in Wages and
Hours of Labour, London 1894 bis 1900, und die zusammenfassende
Uebersicht im Seventh annual Abstract of Labour Statistics. London 1901.
p. 116 ff.

[915] Vgl. die Verhandlungen des Zricher Arbeiterschutzkongresses
1897.--Rudolf Martin, Die Ausschlieung der verheirateten Frauen aus der
Fabrik. Tbingen 1897.--Ludwig Pohle, Frauenfabrikarbeit und
Frauenfrage. Leipzig 1900. S. 10 ff.--Massachusetts Bureau of Labour
Statistics 1875. p. 183 f.

[916] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 202 ff.

[917] Vgl. Royal Commission of Labour, Employment of Women, London 1894.
p. 102.

[918] Vgl. L. Pohle, a.a.O., S. 43.

[919] A.a.O., S. 47.

[920] A.a.O., S. 27.

[921] Vgl. Die Beschftigung verheirateter Frauen in Fabriken, a.a.O.,
S. 63.

[922] Vgl. Berichte der Gewerbeaufsichtsbeamten fr das Jahr 1899. Bd.
I. S. 41, 165, 310, 354; Bd. II, S. 154 f.; Bd. IV, S. 165, 238, 413,
659.

[923] Vgl. Maurice Ansiaux, Travail de Nuit des Ouvrires de l'Industrie
dans les Pays trangers. Bruxelles 1898.

[924] Vgl. J. Henrotte, La Rglementation internationale du Travail.
Congrs international de Lgislation du Travail  Bruxelles 1897.
Bruxelles 1898. p. 129 ff.

[925] Vgl. Soziale Rundschau, Wien. Mrz 1900. S. 426.

[926] Vgl. Fifth and final Report of the Commission an Labour, Part I.
London 1894. pag. 108.

[927] Vgl. Eugen Schwiedland, Ziele und Wege der
Heimarbeitsgesetzgebung. Wien 1899. S. 47 f.

[928] Vgl. A. Thun, a.a.O., S. 21.

[929] Vgl. Beatrice Webb, Sweating: its Cause and Remedy. Fabian Tract
Nr. 50. London 1894 und Dieselbe, Comment en finir avec le Sweating
System? In der Revue d'Economie politique. Paris 1893. S. 963 f.

[930] Vgl. Florence Kelley, Die gesetzliche Einschrnkung der
Heimarbeit. Schriften des Vereins fr Sozialpolitik. LXXXVII. 4. Bd.
Leipzig 1899. S. 224.

[931] Vgl. E. Jaff, a.a.O., S. 113.

[932] Vgl. G. Ruhland, Der achtstndige Arbeitstag und die
Arbeiterschutzgesetzgebung Australiens, in Schffles Zeitschrift fr die
gesamte Staatswissenschaft. Tbingen 1891. 2. Heft. S. 350 ff.

[933] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 90.

[934] Vgl. Johannes Timm, Das Sweating-System in der deutschen
Konfektionsindustrie. Flensburg 1895, S. 22 ff., und Derselbe, Die
Konfektionsindustrie und ihre Arbeiter. Flensburg 1897, S. 61 ff., sowie
Hans Grandke, a.a.O., S. 336 ff.

[935] Vgl. Eugen Schwiedland, a.a.O., S. 186 ff.

[936] Vgl. Alfred Weber, Das Sweating-System in der Konfektion, in
Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und Statistik. 10. Bd, Berlin
1897. S. 514; Derselbe, Verhandlungen des Vereins fr Sozialpolitik im
September 1899 in Breslau. Leipzig 1900. S. 35.

[937] Vgl. Schutz den Heimarbeitern! Eine Denkschrift dem Bundesrat und
Reichstage berreicht vom Verband der Schneider und Schneiderinnen.
Stuttgart 1901. S. 130.

[938] Vgl. Florence Kelley, The Sweating-System in Hull-House, a.a.O.,
p. 36.

[939] Vgl. Florence Kelley, Gesetzliche Einschrnkungen etc., a.a.O., S.
225.

[940] Vgl. Alfred Weber, Verhandlungen etc., a.a.O., S. 32 f.

[941] Vgl. J. Silbermann, Die Lage der deutschen Handelsgehilfen und
ihre gesetzliche Reform, in Brauns Archiv fr soziale Gesetzgebung und
Statistik. 9. Bd. Berlin 1896. S. 367 f.

[942] Vgl. Sutherst, a.a.O., p. 65 f.

[943] Vgl. Karl Kautsky, Die Agrarfrage. Stuttgart 1899. S. 371.

[944] Vgl. H. Herkner, a.a.O., S. 222.

[945] Vgl. Karl Kautsky, a.a.O., S. 366 f.

[946] Vgl. A. Cohen, Der Entwurf von Bestimmungen ber die Beschftigung
der Gastwirtsgehilfen, in Brauns Archiv, 17. Bd.

[947] Vgl. A. Cohen, a.a.O.

[948] Vgl. Henning, Denkschrift ber das Kellnerinnenwesen.
Kommissionsvortrag. Wallmann. Leipzig (ohne Jahr). S. 19.

[949] Vgl. Ministerialblatt fr die gesamte innere Verwaltung, 1898. S.
201.

[950] Vgl. C. Legien, Das Koalitionsrecht der deutschen Arbeiter in
Theorie und Praxis. Hamburg 1899. S. 35.

[951] Louis Frank, Dr. Keiffer, Louis Maingie, L'Assurance maternelle.
Bruxelles-Paris 1897.

[952] Vgl. Ernst Lange, Die positive Weiterentwicklung der deutschen
Arbeiterversicherungsgesetzgebung, in Brauns Archiv, 5. Bd. Berlin 1892.
S. 383 ff. und H. von Frankenberg, Die Versorgung der Arbeiterwitwen und
-Waisen in Deutschland. In demselben Archiv, 10. Bd. Berlin 1897. S. 466
ff.

[953] Vgl. Georg Schanz, Dritter Beitrag zur Frage der
Arbeitslosen-Versicherung und der Bekmpfung der Arbeitslosigkeit.
Berlin 1901.





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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
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against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
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ways including including checks, online payments and credit card
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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