The Project Gutenberg EBook of Die Inselbauern, by August Strindberg

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Title: Die Inselbauern
       oder Die Leute auf Hemsoe

Author: August Strindberg

Translator: Emil Schering

Release Date: January 20, 2008 [EBook #24371]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INSELBAUERN ***




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and the Online Distributed Proofreading Team at
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     August Strindberg



     Die Inselbauern

     oder

     Die Leute auf Hems



     Aus dem Schwedischen bertragen von

     Emil Schering



     Volksausgabe


     [Verlags-Logo]




     Mnchen und Leipzig bei Georg Mller



     Deutsche Originalausgabe
     gleichzeitig mit der schwedischen Ausgabe
     unter Mitwirkung von Emil Schering als bersetzer
     vom Dichter selbst veranstaltet
     Geschtzt durch die Gesetze und Vertrge
     Alle Rechte vorbehalten
     Copyright by Georg Mller, Mnchen 1918




     Gebunden in Rennersches Buntpapier




Die erste vollstndige Ausgabe

Als Strindberg 1887 das Manuskript dieses Romans dem stockholmer
Verleger bersandte, strich dieser vor dem Druck nicht weniger als 22
Stellen, die ihm fr schwedische Magen zu krftig erschienen, trotzdem
der Dichter gegen diese Vergewaltigung protestierte. Erst nach dem
Tode Strindbergs sind diese 22 Stellen aus dem Nachlasse ans Licht
gekommen, aber auch jetzt noch nicht dem Romane eingefgt worden.
Diese deutsche bersetzung ist also die erste vollstndige Ausgabe des
Werkes.

   1917

                                                  _Emil Schering_




         bersicht
                                                 Seite
         _Einleitung_

         Das Inselmeer                               1

         _Erstes Kapitel_

         Carlsson geht in Dienst
         und wird fr einen Schwtzer gehalten      11

         _Zweites Kapitel_

         Sonntagsruhe und Sonntagsgeschft;
         der gute Hirte und die bsen Schafe;
         die Schnepfen, die ihr Teil bekamen,
         und der Knecht, der die Kammer bekam       27

         _Drittes Kapitel_

         Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch,
         wird Herr auf dem Hofe,
         duckt die jungen Hhne
         und tritt seine Hhner selbst              47

         _Viertes Kapitel_

         Es poltert zur Hochzeit;
         die Alte wird ums Geld genommen            81

         _Fnftes Kapitel_

         Man schlgt sich beim dritten Aufgebot,
         geht zum Abendmahl
         und hlt Hochzeit,
         kommt aber doch nicht ins Brautbett       113

         _Sechstes Kapitel_

         Vernderte Verhltnisse
         und vernderte Ansichten;
         die Landwirtschaft geht zurck
         und der Grubenbau blht                   155

         _Siebentes Kapitel_

         Carlsson wahrtrumt;
         der Sekretr wird bewacht,
         aber der Tod kommt
         und macht einen Strich durch alles        177






Einleitung

Das Inselmeer von Stockholm, die Schren, aus welcher Gegend ich
Scenerien und Motive fr dieses Buch geholt habe, hat immer eine
besondere Anziehungskraft auf mich ausgebt. Vielleicht weil meine
engere Heimat, Stockholm und Umgebung, selbst einen Teil dieser
Schren bildet. Der Mlar war ja ursprnglich ein Meeresarm, der durch
die Wasserlufe bei Sdra Telje und Stocksund bei Stockholm in
Verbindung mit dem Meere stand; die Kettenschre, der jetzige
Ritterholm, erinnerte ja durch ihren Namen an ihre lteste Natur, die
einer Schre; wie man noch bei einer Fahrt durch den Mlar mit seinen
Tausenden von Inseln und Holmen an die Landschaft erinnert wird, die,
eine Mischung von Land und Wasser, stlich von der schwedischen
Hauptstadt sich etwa sieben Meilen ins Meer hinaus erstreckt.

Dieser ganze zerrissene Kstenstrich ruht zum allergrten Teil auf
der Urformation: Gneis, Granit und Eisenerzen; von den letzten hat man
nur die von Ut reich genug gefunden, um sie zu bearbeiten. Die
Granitvariett Pegmatit tritt zuweilen in so groen Mengen aus, da
sie des Feldspats wegen gewonnen wird, den die Porzellanfabriken
benutzen.

Die Abwesenheit der jngeren Formationen, mit ihren horizontalen
Lagerungen in hellen, leichten Farbentnen, verleiht der
Schrenlandschaft diesen Zug von Wildheit und Dsterkeit, der die
Urformation begleitet. Die Landschaftskontur wird durch die
losgerissenen, rohen, unregelmigen Blcke kamm- und wogenfrmig auf
den Hhen; flach, hckerig, holperig, wo das Meer seine Schleifarbeit
ausgefhrt hat. Die partielle Schieferhaltigkeit des Gneises setzt
auch die Strandklippen so der Sprengarbeit des Eises aus, da Grotten,
Hhlungen und tiefe Spalten das Wilde des Landschaftscharakters
steigern; der wird dadurch niemals einfrmig wie die Kalk- oder
Sandsteinfalaises der franzsischen Nordkste.

Diese Wildheit wird jedoch jh unterbrochen durch die reiche Erde von
der Quartrperiode mit Mornenschutt und Glaciallehm, Schneckensand,
Mooshumus und Tangverwandlungen; deren Fruchtbarkeit wird oft durch
Abfall von den Grofischzgen der Jahrtausende, die reichen Schlamm
auf den Versandungen bilden, und drauen auf den Kobben durch den
Guano der Seevgel vermehrt. Auf dieser Erdschicht wachsen Kiefer und
Fichte, obwohl die Gotik der Fichte der Natur den inneren Schren
ihren mehr hervortretenden Charakter verleiht, whrend die Kiefer
abgehrteter ist und ganz weit hinaus bis an den Meeresrand geht, sich
auf den letzten Klippen nach dem am meisten herrschenden Wind drehend.

In den Niederungen wird der Wiesenboden besonders prachtvoll durch
Anschlmmungen und Salzwasser, und die natrliche Wiese bietet eine
reiche Blumenflora mit allen wilden Prachtpflanzen des mittleren
Schwedens, von denen vielleicht die Orchideen und die Mehlprimel die
vornehmsten sind. An den Ufern leuchten Lythrum und Lysimachia, in den
Wldern wchst die Blaubeere, auf den offenen Felsenplatten die
Preiselbeere, und in den Mooren ist die Multbeere nicht selten.
Tiefliegende Inseln mit besserem Boden nehmen durch den Reichtum an
Laubbumen und Bschen einen besonders lchelnden Charakter an. Die
Eiche belebt hier mit ihren weichen Linien und ihrem sehr hellen Laub
die Nadelholzlandschaft. Und der Hag, diese Eigentmlichkeit des
Nordens, eine Kreuzung von Wald, Unterholz und Wiese, ist vielleicht
das Lieblichste, das man sehen kann, wenn unter einer Mischung von
Birke und Nadelbaum die Haselbsche eine Laube ber dem Fahrweg
bilden; er trgt hier den Namen Drog. Es sind Stcke eines
englischen Parks, durch die man spaziert, bis man auf die Strandklippe
mit ihren Fichten und Kiefern stt, auf Torfmoos und die
Sandniederlage der Meeresbucht mit ihrem Tanggrtel. Schiebt sich eine
Bucht weiter ins Land hinein, ist sie immer von Erlen und reichen
Schilfbnken schn eingefat.

Diese Abwechslung von Dsterm und Lchelndem, von rmlichem und
Reichem, von Lieblichem und Wildem, vom Binnenland und Meereskste
macht Schwedens stliches Inselmeer so fesselnd. Dazu kommt, da die
meist steinigen Ufer das Wasser rein und durchsichtig halten; auch wo
der Sand ins Meer hinausgeht, ist er so schwer und so rein, da ein
Badender sich nicht zu ekeln braucht, wie an der franzsischen
Nordkste, wo ein Meerbad ein Schlammbad ist. Man entgeht hier den
meisten Nachteilen des offenen Meeres und geniet die meisten Vorteile
des Binnenlandes; ein Vorzug, den das stliche Inselmeer vor der
zerklfteten den Westkste hat.

Die wilde Tierwelt weist keine Raubtiere beunruhigender Natur auf.
Fuchs, Luchs, Hermelin sind die grimmigsten. Glnzende Jagdgelegenheiten
bietet der Elch, der hierher geflchtet ist und in den Smpfen und
Wldern der grern Inseln sein Standquartier aufgeschlagen hat. Dachs,
Hase, Otter, Seehund lassen auch ihr Fell, und die Hasenjagd auf der
Bischofsinsel ist berhmt.

Von den Vgeln des Waldes sind Birkhuhn und Auerhuhn sehr zahlreich,
knnen aber von den Eingeborenen nicht gejagt werden; die haben keine
Hunde der rechten Art und widmen sich ausschlielich dem Schieen von
Seevgeln, am liebsten mit dem Balban; dabei wird die streichende
Eider nicht geschont, die brtende dagegen sorgsam gepflegt, wenn auch
das eine oder das andere Ei bei einer lngeren Jagdtour Proviant
liefern mu. Aus dem Holk nimmt man meist der Sgegans Eier fort, die
sich geduldig als Leghenne benutzen lt.

Das Fleisch der Eider wird gut, wenn man die fette Haut abzieht und
den Vogel eine Nacht in Milch legt. Es schmeckt dann wie
Renntierbraten und hat allen Trangeschmack verloren. Ebenso werden
auch Sgegans, Kolbentaucher und Samtente behandelt, die recht
schmackhaft sind, besonders wenn sie gleich der Ente mit Petersilie
gespickt werden.

Der schlimmste Raubvogel ist der Fischadler, der unter den Hechten in
dem seichten Wasser der Schilfbucht Verheerungen anrichtet. Der
Seeadler ist seltener zu sehen und jagt am liebsten am offenen Meere.

Unangenehm und zuweilen gefhrlich ist die hufig vorkommende
Kreuzotter, die man sowohl im Blaubeerbusch wie am Strand trifft,
beinahe berall, kann man sagen; und ihre Khnheit drauen auf den
ueren Schren ist so gro, da sie sich auf dem Schwanz erhebt und
durch Hiebe Fischer hindern will, aus dem Boot zu steigen. Das Volk
schont sie nicht, obgleich es glaubt, sie sauge Gift aus der Erde, und
eine Ehrfurcht vor der anderswo angebeteten Natter zeigt der
Schrenmann nicht.

       *       *       *       *       *

In dieser Provinz von umflossenen Inseln lebt nun eine Bevlkerung,
die man nach den Vermgensverhltnissen in drei Klassen einteilen
knnte: die Landwirtschaft treiben, meist auf den groen Inseln
wohnend; die den Boden bebauen und fischen, oder die Mittelklasse; und
schlielich die eigentlichen Schrenmnner, die meist vom Fischen und
Jagen leben, daneben aber eine Kuh, ein Schaf, einige Hhner fttern.

Die Landwirtschaft ist dort, wo sie betrieben werden kann, durchaus
nicht schlecht. Prchtiger Lehmboden gibt einen guten Weizen, und auch
der kleine Bauer hat doch immer etwas Spelt zum Hausbedarf brig. Die
Salzseeweide ist berhmt, und die Butter wird ausgezeichnet von den
kali- und natronhaltigen Strandgewchsen, auer denen die Khe ja
immer die grenzenlose Salzlake zur Verfgung haben. Das Fleisch des
Hammels wird von dem kurzen Gras der hohen Weideufer fest und lecker,
wie das franzsische +pr-sal+ auf hnlichem Boden.

Dazu kommt ein verhltnismig mildes Klima, das bedeutend von dem des
Binnenlandes auf gleichem Breitengrad abweicht. Der Frhling kommt
spter, oft vierzehn Tage spter als in Stockholm, so da der
Sommergast im selben Jahre zwei Male das Ausschlagen der Bume erleben
kann; und der Herbst tritt spter ein, weil das Meer dann erwrmt ist
und als Heizapparat dient. Einen Nachteil beim Klima der Schren hat
man bemerkt; das ist der trockene Vorsommer und der regnerische
Nachsommer; dadurch leidet die Se- und Wachszeit unter Trockenheit,
die Mh- und Erntezeit unter Regen. Besonders mildes Klima hat die
Gegend von Nyns, wo der Efeu wild berwintert und der Wein oft am
Spalier reift.

Fr den Fischer oder den eigentlichen Schrenmann sind natrlich die
Frchte des Meeres von grerer Bedeutung, und den Grofischfang
bildet der Strmling, der Hering der Ostsee; in ungeheuern Netzen wird
er gefangen, die auf tiefliegendem Grund im Frhling und Herbst
verankert werden. Sonst wird Hecht und Barsch im Schleppgarn gefangen,
der Hecht auch mit Legangel und der Barsch im Netz. Die Flundern, die
von geringerm Wert sind, werden im Netz gefangen, der Aal wird
gestochen oder in die Reuse gelockt. Die Quappe wird mit einer Keule
geschlagen bei durchsichtigem Eis, durch das man das schleimige
hliche Ding bemerken kann, wie es auf dem Boden liegt.

Gegenstand eines ganz besonderen Sports, der Badfischen heit, ist der
Khling. Wenn das Wasser im Nachsommer in den Buchten erwrmt ist,
kommt nmlich der Khling in die Hhe, um zu baden, wie man es nennt.
Zu dieser Zeit wird auf den Landzungen von Baumwipfeln Ausguck
gehalten; wenn der Beobachter merkt, da das Wasser sich belebt, gibt
er den Kameraden ein Zeichen; die kommen nun mit ihren flachen Khnen
von beiden Landzungen, die Ruderschfte mit wollenen Strmpfen gut
umwunden, damit der Fisch nicht verscheucht wird; dann spannt man das
Netz ber die Mndung der Bucht, mit der Wirkung, die es haben kann.

       *       *       *       *       *

Die Bevlkerung dieser isolierten, gut versteckten kleinen Welt, die
keine regelmigen Verkehrsverbindungen hat, scheint in mehr als einer
Hinsicht sehr gemischt zu sein. Eine bestndige Auslese hat sich nmlich
immer von selbst vollzogen, dergestalt, da der intelligenteste Teil der
Jugend zur Flotte, zum Lotsenamt, zum Zoll gegangen ist. Die
zurckbleibenden, sehafteren, ruhigeren Geister haben das Gewerbe der
Vter fortgesetzt oder sind nach Stockholm gegangen oder haben im Innern
des Landes einen Dienst gesucht; die Schren sind kein sicherer Ort
gewesen, wo man Familien und Grundbesitz begrnden konnte, da das Land
dem Feinde offen liegt und Besitzrecht wie Leben nicht gerade den Schutz
des entfernt wohnenden Rechtspflegers genieen. Es fehlt darum jede Spur
von Lokalpatriotismus, wenn auch der Einwanderer die gewhnlichen
Schwierigkeiten zu bekmpfen hat.

Nach Ortsnamen, Typen, Gewohnheiten zu urteilen, scheint dieses
Inselmeer eine Art Zufluchtsort fr allerlei Leute aus dem Innern des
Landes gewesen zu sein, die aus der einen oder der andern Ursache die
Einsamkeit aufsuchten. Eine eigentliche Mundart ist nicht zu spren,
aber eine Mischung von vielen, und viele einfache Sitten und
Rechtsbegriffe aus dem Naturstadium deuten darauf, da sich hier
drauen, weit entfernt von der Gesellschaft, ungesellige, fr
geordnetes Zusammenleben schwer zugngliche Freiluftliebhaber oder
ganz einfach praktische Gegner des geordneten Kriegsdienstes und
Zollwesens zusammengefunden haben. Die Geschichten, wie gewisse Inseln
erworben wurden, scheinen sich auch um Kapern, merkwrdige Seetaten,
auch Privatdienste fr knigliche Personen zu drehen; und die
Grundbcher sollen an gewissen Stellen nicht recht sicher sein, ob der
Boden der Krone gehrt oder zinspflichtig ist.

Andere Zeichen finden sich auch, die auf Einwanderungen oder
vielleicht nur Landungen von Finnen, Esthen, Russen und dergleichen
Morgenlnder deuten. Besonders hegt man noch heute einen entschiedenen
Widerwillen gegen die Esthen, diese Schattenfiguren, die, an sich
grau, in grauen Fahrzeugen, die wie aus alten zerfallenen Planken
zusammengeschlagen sind und ein Takelwerk aus geflickten Kohlenscken
haben, ausgespukt kommen. Wenn ein solcher fliegender Hollnder aus
einer Kobbe an Land geht, rudert der Fischer gern hinaus und sieht
nach, ob das Feuer auch gut gelscht ist; und er appelliert lieber an
die Branntweinflasche als an die Flinte solchen Vagabunden des Meeres
gegenber, von denen man, mit oder ohne Grund, annimmt, da sie Salz
nach Ruland schmuggeln.

Vermgende Schrenleute gibt es, aber viele sind der Armut nahe, und
einige uerst arm, des Winters von Salzlake, Heringskpfen und
Kartoffeln lebend. Das Gewerbe des Fischers, das dem des Spielers
gleicht, erzieht nicht zur Sparsamkeit. Ein Fang macht ihn heute
vermgend, und der Glaube ans Glck entsteht sofort mit seinen
gefhrlichen Folgen.

Vom Pfleger der Gerechtigkeit weit entfernt, hat der Schrenmann in
der Notwehr sein eigenes Lynchgesetz, und aus wirtschaftlichen Grnden
spricht er lieber frei, als da er verurteilt; auch in der Hoffnung,
selbst freigesprochen zu werden, wenn sein Unglck kommt. Diese
Nachsicht mit den Verbrechen anderer habe ich nie schner ausdrcken
hren als damals, wie die Nachbarn erzhlten, ein Mrder habe einst,
als er seine Frau ertrnkte, einen Fehltritt begangen.

Der Schrenmann ist ein Einsiedler; hat weit zum Gericht, weit zur
Kirche, weit zur Schule; weit zu den Nachbarn und weit zur Stadt. Der
Badeort ist sein nchster Kulturmittelpunkt; dort aber lernt er nur den
Luxus kennen und beneidet Menschen, die er drei Monate Feste feiern
sieht; denn die arbeitenden Mitglieder, die in der Stadt sind, sieht er
nicht. In der Einsamkeit wrde er Denker werden, wenn er Anleitung
htte; statt dessen wird er Phantast, und wie geschickt er in seinem
Gewerbe sein kann, wie klarsehend im Alltagsleben, wird er leicht ein
Raub subjektiver Wahrnehmungen, wird fernsichtig, ein Sonderling, wie
der Kster auf Ron; macht fehlerhafte Schlufolgerungen, sehr oft
Ursache und Wirkung verwechselnd; z. B. wenn es sich gut fischt, nachdem
das Geldstck unter den Stein gelegt worden, ist das Geldstck die
mchtige Ursache. Er ist aberglubisch, und das Heidentum sitzt so tief
in ihm, da die Symbole der christlichen Kirche fr ihn noch
gleichbedeutend mit Beschwrungen, Besprechungen, Zauberei sind.

Die Familie baut sich selbst nach alter Sitte und den einfachen
Forderungen der Natur auf, wo nicht wirtschaftliche Berechnung als
Faktor mitspricht. Das Verhltnis zwischen den Geschlechtern ist
ungezwungen; die Ehe wird gewhnlich mit dem Kind geschlossen, wenn
das Mdchen Wort hlt und zur Grndung einer Familie geneigt ist. Ist
das aber nicht der Fall, entstehen zuweilen schwere Verwicklungen, die
mit dem vollstndigen Verschwinden des Kindes und andern Geschichten
enden knnen; die kommen der ganzen Welt zu Ohren, nur nicht dem
Amtmann, der brigens nichts machen kann, da er keine Zeugen findet.

Beginnen, weit entfernt von Nachbarn, die Familienbande zu zerreien
und werden starke Leidenschaften lange unterdrckt, erfolgen zuweilen
unheimliche Ausbrche der Naturkrfte; da nimmt es der an Tod und
Verderben gewhnte Schrenmann mit den Mitteln nicht so genau. Dann
werden dort drauen stille Trauerspiele aufgefhrt, von denen man nur
Andeutungen zu hren bekommt; in einigen meiner Erzhlungen habe ich
davon gemunkelt. Da reien Blutsbande entzwei, verbotene Schranken
werden bersprungen; die Natur ergreift mit harter Hand, was sie
kriegen kann; und fr Hunger und Liebe existieren nicht mehr Rcksicht
noch Gesetze.

Das Lichte, Lchelnde im Leben der Schrenleute, _wenn_ es sich licht
gestaltet, habe ich in diesem Roman Die Inselbauern geschildert; in
den Novellen Das Inselmeer habe ich die Halbschatten gegeben;
vielleicht kann ich spter, wenn die Verhltnisse fr die Literatur
gnstiger werden, auch die Schlagschatten geben (Am offenen Meere),
die nicht fehlen drfen, soll das Bild vollstndig sein.




     Erstes Kapitel

     Carlsson geht in Dienst
     und wird fr einen Schwtzer gehalten


Er kam wie ein Schneegestber eines Aprilabends und hatte eine Kruke
aus schwedischem Ton an einem Hungerriemen um den Hals. Clara und
Lotte waren mit dem Netzboot nach dem Badeort Dalar gefahren, um ihn
zu holen; aber es dauerte Ewigkeiten, bis sie ins Boot kamen. Sie
muten zum Kaufmann, um eine Tonne Teer zu besorgen, und zur
Aptheke, um graue Salbe frs Ferkel zu kaufen; und dann muten sie
auf die Post, um eine Freimarke zu holen; und dann muten sie zu Fia
Lvstrm, um den Hahn zu borgen, gegen ein Halbpfund dnnes Garn zum
Netzbau. Und zuletzt waren sie im Gasthaus gelandet, in das Carlsson
die Mdchen zu Kaffee mit Kuchen geladen hatte.

Endlich kamen sie doch ins Boot.

Carlsson wollte steuern, aber das konnte er nicht; er hatte noch nie
einen Rahsegler gesehen, daher schrie er, sie sollten die Fock hissen,
die gar nicht vorhanden war.

Auf der Zollbrcke standen Lotsen und Zllner, die ber das Manver
grinsten, als das Boot ber Stag ging und abgetrieben wurde.

-- Hr mal, du hast ein Loch im Boot! schrie ein junger Lotse durch den
Wind. Stopf zu! Stopf zu!

Whrend Carlsson nach dem Loch guckte, hatte Clara ihn fortgestoen
und das Steuerruder genommen; und mit den Riemen gelang es Lotte, das
Boot wieder in den Wind zu bringen; mit gutem Gang segelte es dem
Sunde zu.

Carlsson war ein kleiner viereckiger Wrmlnder mit blauen Augen und
einer Nase, die so krumm war wie ein Doppelhaken. Lebhaft,
spielerisch, neugierig war er, aber vom Seewesen verstand er nichts.
Er war auch nach der Insel Hems gerufen worden, um fr Feld und Vieh
zu sorgen; damit wollte sich nmlich niemand mehr befassen, seit der
alte Flod aus dem Leben geschieden war und die Witwe allein auf dem
Hofe sa.

Als Carlsson die Mdchen mit Fragen nach den Verhltnissen auf dem
Hofe anzapfte, bekam er Antworten, wie sie die Bewohner des Inselmeers
zu geben pflegen.

-- Ja, das _wei_ ich nicht! Ja, das kann ich _nicht_ sagen! Ja, das wei
ich _wirklich_ nicht!

Daraus wurde er nicht klug!

Der Kahn pltscherte zwischen Holmen und Schren dahin, whrend die
Eisente zwischen den Kobben schnatterte und im Fichtenwald der
Birkhahn balzte. ber freie Wasserflchen, die Fjrde, und ber
Strmungen fuhr das Boot, bis die Nacht kam und die Sterne
aufleuchteten.

Da gings auf das groe Wasser hinaus, wo der Leuchtturm der
Hauptschre blinkte. Bald kam man an einem Stangenzeichen mit Besen
vorbei, bald an einer weien Bake, die wie ein Gespenst aussah; bald
leuchteten zurckgebliebene Schneewehen wie Leinen auf der Bleiche;
bald tauchten aus dem schwarzen Wasser Netzwchter auf, die am Kiel
schrapten, wenn man darber fuhr. Eine schlaftrunkene Mantelmwe ward
von ihrem Riff aufgescheucht und brachte Leben in Seeschwalben und
Mwen; ein hllischer Lrm brach los.

Weit drauen, wo die Sterne ins Meer tauchten, leuchteten das rote und
das grne Auge eines groen Dampfers; der schleppte eine lange Reihe
runder Lichter, die durch die Ventile der Kajten schimmerten.

Alles war Carlsson neu, und er fragte nach allem; und jetzt erhielt er
Antwort, und zwar so viele, da er einsah, er war auf fremden Boden
gekommen. Er war eine Landratte, das heit ungefhr dasselbe, was
fr den Stdter Einer vom Lande ist.

Jetzt segelte der Kahn in einen Sund und kam in Lee; man mute das
Segel reffen und rudern.

Als sie bald darauf in einen neuen Sund kamen, sahen sie ein Licht von
einer Htte leuchten, die zwischen Erlen und Kiefern lag.

-- Jetzt sind wir zu Hause, sagte Clara.

Das Boot scho in eine schmale Bucht; eine Rinne war durchs Schilf
gehauen, das an den Seiten des Kahns raschelte; dieses Rascheln weckte
einen Laichhecht, der sich in den Anblick einer Angelrute vertieft
hatte.

Der Hund gab Laut, und eine Laterne kam oben in der Htte in Bewegung.

Der Kahn wurde an der Landungsbrcke festgemacht, und die Ausladung
begann. Das Segel wurde um die Rahe gerollt, der Mast herausgenommen,
und die Stage mit den Tauen umwunden. Die Teertonne rollte man ans
Land, und Kbel, Kannen, Krbe, Bndel lagen bald auf der
Landungsbrcke.

Carlsson schaute sich im Halbdunkel um und erblickte lauter neue und
ungewhnliche Dinge. Vor der Landungsbrcke lag der Fischkasten mit
seinem Hebespiel; an der langen Seite der Brcke lief ein Gelnder,
das mit Netzbojen, Fangleinen, Dregghaken, Senkern, Schnren,
Grundleinen, Angelhaken behngt war; auf den Brckenplanken standen
Strmlingstrommeln, Trge, Wannen, Bottiche, Npfe, Grundleinenkasten;
am Brckenkopf lag ein Seeschuppen, der mit Lockvgeln behngt war:
ausgestopfte Eidergnse, Sgetaucher, Langschnbel, Trauerenten,
Quakenten; unter der Dachtraufe lagen auf Haltern Segel und Masten,
Riemen und Bootshaken, Schpfkellen, Eispickel, Quappenkeulen. Und am
Lande standen Pfhle, an denen Strmlingsnetze trockneten, so gro wie
die grten Kirchenfenster; Flundernetze mit Maschen, durch die man
den Arm stecken konnte; Barschgarn, neu geknpft und wei wie die
feinsten Schlittennetze; doch von der Brcke geradeaus zogen sich zwei
Reihen Gabelstangen wie eine Gutsallee, und an denen hingen die groen
Zugnetze.

Vom hchsten Ende des Ganges kam jetzt die Laterne und warf ihren
Schein auf den Sandweg, auf dem Muschelschalen und getrocknete
Fischkiemen glitzerten, whrend in den Zugnetzen zurckgebliebene
Strmlingsschuppen wie Reif an Spinngewebe blinkten. Aber die Laterne
beleuchtete auch das Gesicht einer lteren Frau, das vom Wind gedrrt
zu sein schien, und ein Paar kleiner freundlicher Augen, die beim
Herdfeuer zusammengeschrumpft waren. Vor der Alten her sprang der
Hund, ein zottiger Kter, der ebenso gut auf See wie auf Land zu Hause
sein mochte.

-- Nun, seid ihr da, Mdchen, grte die Alte, und habt ihr den
Burschen bei euch?

-- Ja, da sind wir, und hier ist Carlsson, wie Ihr seht, Tante!
antwortete Clara.

Die Alte wischte ihre rechte Hand an der Schrze ab und reichte sie
dem Knecht.

-- Willkommen, Carlsson; mgt Ihr Euch bei uns heimisch fhlen!

Und zu den Mdchen:

-- Habt ihr Kaffee und Zucker mitgebracht, Mdchen? Sind die Segel im
Schuppen? Dann kommt hinauf, ich werde euch etwas zu essen geben.

Alle vier gingen die Hhe hinauf; Carlsson still, neugierig, voller
Erwartung, wie sein Leben sich in der neuen Stellung gestalten wrde.

       *       *       *       *       *

Drinnen in der Stube brannte Feuer im Ofen; auf dem weien Klapptisch
lag eine reine Decke; auf der Decke stand eine Flasche Branntwein, in
der Mitte wie ein Stundenglas zusammengeschnrt; rings herum Tassen
aus schwedischem Porzellan, auf denen Rosen und Vergimeinnicht
abgebildet waren; ein frischgebackenes Brot, gedrrter Zwieback, ein
Teller mit Butter, Zuckerdose und Sahnenkanne vervollstndigten den
Tisch. Carlsson fand ihn reicher, als er von dieser gottverlassenen
Gegend erwartet hatte.

Aber auch die Stube selbst sah nicht bel aus, als er sie im
flammenden Schein des Herdfeuers musterte; das kreuzte sich mit dem
Talglicht des Messingleuchters, schien in der etwas unreinen Politur
des Mahagonisekretrs wider, spiegelte sich in dem lackierten Gehuse
und dem Messingpendel der Wanduhr, funkelte auf den Silbereinlagen der
damascierten Lufe der Vogelflinten, hob die vergoldeten Buchstaben
auf den Rcken der Postillen, Gesangbcher, Kalender, Bauernregeln
hervor.

-- Tretet nher, Carlsson, lud ihn die Alte ein.

Carlsson war ein Kind der neuen Zeit und lief wirklich nicht in die
Scheune hinaus, sondern trat sofort nher und setzte sich auf ein
Banksofa, whrend die Mdchen seinen Kasten in die Kche schafften,
die auf der andern Seite des Flurs lag.

Die Alte hakte den Kaffeekessel ab und legte die Klrhaut hinein;
hakte ihn wieder an und lie ihn noch etwas kochen. Dann erneuerte sie
die Einladung, dieses Mal mit dem Zusatz, Carlsson mge sich an den
Tisch setzen.

Der Knecht setzte sich und drehte die Mtze zwischen den Fingern. Er
pate auf, wie der Wind wehte, um seine Segel danach zu richten. Er
hatte offenbar die feste Absicht, sich mit den Magebenden gut zu
stellen; da er aber noch nicht wute, ob die Alte mit sich reden lie,
wagte er es nicht, seinem Mundwerk freien Lauf zu lassen, ehe er nicht
wute, wo das Land lag.

-- Das ist aber ein feiner Sekretr, begann er und befhlte die
Messingrosetten.

-- Hm! sagte die Alte, es ist aber nicht viel darin.

-- Oho, das wei ich wohl, schmeichelte Carlsson und bohrte den kleinen
Finger in das Schlsselloch der Klappe; darin ist genug!

-- Ja, einst war wohl ein Stck Geld darin, als wir ihn von der Auktion
nach Hause brachten; dann aber mute der Flod in die Erde, und Gustav
mute Soldat spielen, und seitdem ist keine rechte Ordnung auf dem Hof
gewesen. Und dann wurde das neue Haus gebaut, das keinen Nutzen
bringt. So kam eins zum andern. Aber nehmt Zucker, Carlsson, und
trinkt eine Tasse Kaffee.

-- Soll ich damit anfangen? sperrte sich der Knecht.

-- Ja, da noch niemand zu Hause ist, antwortete die Alte. Der
verwnschte Junge ist auf der See, mit der Flinte; und den Norman
nimmt er immer mit; so wird keine ordentliche Arbeit geleistet. Wenn
sie nur fort kommen und einen Vogel jagen knnen, lassen sie Viehzucht
und Fischerei zu Grunde gehen. Das ist die Ursache, weshalb ich Euch
herkommen lie, Carlsson, damit Ihr nach dem Rechten schaut. Darum
sollt Ihr Euch gewissermaen fr etwas mehr halten und ein Auge auf
die Burschen haben. Wollt Ihr nicht einen Zwieback nehmen, Carlsson?

-- Ja, Tante, soll ich gewissermaen etwas mehr sein, damit die Andern
auf mich hren, dann mu auch eine bestimmte Ordnung gelten. Dann mu
ich an Tante einen Rckhalt haben, denn ich wei, wie es geht, wenn
man sich mit den Burschen duzt und gemein macht.

So gewann Carlsson das Land, als er wute, wo es lag.

-- Was das Seegeschft anlangt, fuhr er fort, da mische ich mich nicht
hinein; das kenne ich nicht, aber auf dem Lande, da wei ich Bescheid,
und da will ich Herr sein.

-- Ja, das werden wir morgen regeln; dann haben wir Sonntag und knnen
bei Tageslicht alles besprechen. Nun noch eine halbe, Carlsson, dann
knnt Ihr Euch schlafen legen.

Die Alte go zum zweiten Male Kaffee ein, und Carlsson nahm das
Stundenglas, um die Tasse mehr als dreiviertel zu fllen. Nachdem er
die Mischung hinuntergeschlrft hatte, fhlte er groe Lust, das
fallen gelassene Gesprch, das ihn uerst angenehm berhrt hatte,
wieder aufzunehmen. Aber die Alte war aufgestanden, um sich am Herd zu
schaffen zu machen; die Mdchen liefen aus und ein; der Kter gab Laut
auf dem Hofe und lenkte die Aufmerksamkeit ab.

-- Da haben wir die Burschen, sagte die Alte.

Drauen erklangen Stimmen, Absatzeisen klirrten auf den Steinen, und
durch die Balsaminen im Fenster sah Carlsson drauen im Mondschein die
Gestalten zweier Mnner, die eine Flinte auf der Schulter und eine
Tracht auf dem Rcken hatten.

Der Kter bellte im Flur, und gleich darauf ward die Tr geffnet.
Herein trat der Sohn in Wasserstiefeln und Jagdjoppe. Mit dem sichern
Stolz des glcklichen Jgers schleuderte er Jagdtasche und ein Bndel
Eider auf den Tisch an der Tr.

-- Guten Abend, Mutter, da hast du Fleisch! grte er, ohne den
Kmmling zu bemerken.

-- Guten Abend, Gustav! Ihr seid lange fort gewesen, grte die Mutter
zurck, whrend sie unwillkrlich einen zufriedenen Blick auf die
prachtvollen Eider warf; mit dem kohlschwarzen und kreideweien
Gefieder, der rosenroten Brust und dem seegrnen Nacken. Ihr habt gute
Beute gemacht, sehe ich. Hier haben wir Carlsson, den wir erwarteten!

Der Sohn warf einen forschenden Blick aus seinen kleinen, scharfen
Augen, die von hellroten Wimpern halb verborgen waren, und nderte
sofort sein Gesicht: offen war es gewesen, und schchtern wurde es.

-- Guten Abend, Carlsson, sagte er kurz und scheu.

-- Guten Abend, antwortete der Knecht, indem er einen unbefangenen Ton
anschlug, bereit, den berlegenen zu spielen, sobald er ber den
jungen Mann im Klaren war.

Gustav nahm den Platz auf dem Hochsitz ein, sttzte sich mit dem
Ellbogen aufs Fensterbrett und lie sich von der Mutter eine Tasse
Kaffee einschenken, in die er sofort Branntwein go. Whrend er trank,
betrachtete er Carlsson heimlich.

Der hatte die Vgel genommen und untersuchte sie.

-- Das sind prchtige Tiere, sagte er und kniff sie in die Brust, um zu
fhlen, ob sie fett seien. Er ist ein guter Schtze, sehe ich, der
Schu sitzt an der rechten Stelle.

Gustav antwortete mit einem listigen Grinsen; er hrte sofort, da
der Knecht nichts vom Weidwerk verstand, da er Schsse lobte, die in
den Brustfedern saen und die Eider zu Lockvgeln untauglich machten.

Carlsson aber schwatzte unverzagt weiter, lobte die Taschen aus
Seehundsfell, pries die Flinte, machte sich so klein wie mglich;
stellte sich in Seesachen noch unwissender, als er wirklich war.

-- Wo hast du Norman gelassen? fragte die Alte, die schlfrig wurde.

-- Er bringt nur die Sachen in den Schuppen, antwortete Gustav; er
kommt gleich.

-- Rundqvist hat sich schon niedergelegt. Es ist auch Zeit, und Ihr
mt mde sein, Carlsson, da Ihr lange unterwegs gewesen seid. Ich
will Euch zeigen, wo Ihr liegen sollt, wenn Ihr mitkommt.

Carlsson wre gern geblieben, um das Stundenglas auslaufen zu sehen;
aber der Wink war so deutlich, da er die Geduld der Wirtin nicht
lnger auf die Probe zu stellen wagte.

Die Alte ging mit ihm in die Kche hinaus.

Gleich kam sie aber zum Sohn zurck, der sofort seinen freimtigen
Ausdruck wieder annahm.

-- Nun, wie findest du ihn? fragte die Alte; er sieht ordentlich und
willig aus.

-- Nein, nein! antwortete Gustav gedehnt. Trau ihm nicht, Mutter; er
schwatzt nur Unsinn!

-- Was du sagst! Er kann doch wohl ordentlich sein, wenn er auch ein
Mundwerk hat.

-- Glaub mir, Mutter, das ist ein Schwtzer; mit dem werden wir uns zu
schleppen haben, bis wir ihn wieder los werden. Aber das macht nichts;
er soll schon arbeiten frs Essen, und mir soll er nicht zu nahe
kommen. Du glaubst allerdings nie, was ich sage, aber du wirst schon
sehen! Wirst schon sehen. Nachher reut es dich, wenn's zu spt ist!
Wie wars mit dem alten Rundqvist? Der hatte auch ein tchtiges
Mundwerk, aber sein Rcken war schwach; wir haben uns mit ihm
schleppen mssen, und jetzt werden wir ihn fttern, bis er stirbt.
Solche Schwtzer sind nur bei der Schssel gro, das kannst du mir
glauben!

-- Du bist wie dein Vater, Gustav; traust den Leuten nichts Gutes zu
und verlangst dann unvernnftig viel! Der Rundqvist ist kein Seemann,
sondern auch vom Lande; aber er kann vieles, was andere nicht knnen.
Und Seeleute kriegen wir nicht mehr; die gehen zur Flotte, zum Zoll
oder werden Lotsen. Nur Leute vom Lande kriegt man. Siehst du, man
nimmt, was man bekommt.

-- Das wei ich wohl, da keiner mehr Knecht sein will! Alle suchen
Staatsdienst, und hier drauen auf den Inseln sammelt sich aller
Abfall vom Festland. Ordentliches Volk kommt nicht in die Schren
hinaus; es mu denn besondere Ursachen haben. Darum sage ich noch ein
Mal: Halt die Augen offen!

-- Du, Gustav, solltest die Augen offen halten, gab die Alte zurck, um
dein Hab und Gut in Ordnung zu bringen. Einst wird es ja deins! Du
solltest zu Hause bleiben und nicht immer auf der See herumliegen; zum
mindesten die Leute nicht von der Arbeit abhalten.

Gustav rupfte eine Eider und antwortete:

-- Ei, Mutter, du liebst es doch auch, wenn Braten auf den Tisch
kommt, nachdem es den ganzen Winter ber eingesalzenes Schweinefleisch
und gedrrten Fisch gegeben hat; du mut also nicht so sprechen.
brigens gehe ich nicht in den Krug, und etwas mu der Mensch doch zu
seinem Vergngen haben. Essen haben wir ja genug, und etwas Geld auf
der Bank auch, und verfaulen tut der Hof nicht; will er brennen, so
mag er; er ist ja versichert.

-- Verfaulen wird der Hof nicht, das wei ich wohl, aber alles Andere
geht entzwei. Die Feldzune mssen ausgebessert werden, die Grben
gereinigt werden. Das Stalldach ist so morsch, da es aufs Vieh
regnet. Nicht eine Brcke ist heil, die Boote sind zerbrechlich wie
Zunder, die Netze mssen geflickt, der Milchkeller gedeckt werden. Und
so weiter. Da ist so vieles, das gemacht werden mte, aber nie
gemacht wird. Jetzt aber wollen wir mal sehen, ob es nicht doch
gemacht werden kann, nachdem wir einen Knecht eigens dafr angenommen
haben. Es wird sich ja herausstellen, ob Carlsson nicht der rechte
Mann dafr ist.

-- Dann la ihn nur machen! schnauzte Gustav, indem er mit der Hand
durch das kurzgeschorene Haar fuhr, da es wie Stacheln in die Hhe
stand. Da ist Norman! Komm und trink eine Halbe, Norman!

Norman, klein, breit, hellblond, mit keimendem Schnurrbart und blauen
Augen, trat in die Stube und lie sich bei seinem Jagdgenossen nieder,
nachdem er die Alte gegrt.

Die beiden Helden zogen ihre Tonpfeifen aus den Westentaschen und
stopften sie mit Schwarzem Anker. Dann gingen sie nach Jgerart, bei
einer Halben Kaffee mit Branntwein, alle ihre Heldentaten drauen am
offenen Meere durch; Schu fr Schu. Die Vgel wurden untersucht, die
Finger in die Schuwunde gebohrt, die Hagelkrner gezhlt,
unentschiedene Treffer errtert. Schlielich entwarfen sie Plne zu
neuen Ausflgen.

       *       *       *       *       *

Inzwischen war Carlsson in die Kche hinausgekommen, um sein
Nachtlager aufzusuchen.

Die Kche war eine Firststube und sah wie eine mit dem Kiel nach oben
gekehrte Schute aus, die auf der Ladung schwamm. Die Ladung bestand aus
allen mglichen Gtern. Hoch oben unter dem beruten Dachfirst hingen
Garn und Fischgerte an den Balken; darunter waren Bretter und
Bootsplanken zum Trocknen verstaut; Flachs und Hanfstrhne, Dregganker,
Schmiedeeisen, Zwiebelbndel, Talglichter, Mundvorratskasten; aus einem
Querbalken lag eine lange Reihe frisch ausgestopfter Lockvgel; ber
einen andern waren Schaffelle geworfen; von einem dritten baumelten
Wasserstiefel, Unterjacken, Hemden, Strmpfe; und zwischen den Balken
liefen Spiee mit Lochbroten, Stcke mit Aalhuten, Stangen mit
Grundschnren und Angelhaken.

Am Giebelfenster stand der Etisch aus rohem Holz; an den Wnden
standen drei Ausziehsofas, die mit reinen, aber groben Laken gebettet
waren.

In einem davon hatte die Alte Carlsson einen Platz angewiesen. Als sie
sich mit dem Licht entfernte, lie sie den Kmmling im Halbdunkel, das
nur schwach von der Herdglut und einem kurzen Mondstreifen erleuchtet
wurde. Der Mond zeichnete Pfosten und Sprossen des Fensters auf den
Boden. Aus Grnden der Schamhaftigkeit wurde beim Schlafengehen kein
Licht angesteckt; denn die Mdchen hatten auch ihre Schlafpltze in
der Kche.

So entkleidete sich Carlsson im Halbdunkel. Er legte Rock und Stiefel
ab; dann holte er die Uhr aus der Westentasche, um sie beim Schein des
Herdfeuers aufzuziehen. Er hatte den Schlssel ins Loch gesteckt und
begann ihn mit etwas ungewohnter Hand zu drehen; die Uhr ging nmlich
nur an Sonntagen und bei feierlichen Gelegenheiten; da erklang aus den
Bettdecken eine tiefe, brummende Stimme:

-- Nein, hat er auch eine Uhr!

Carlsson fuhr zusammen, sah hin und bemerkte im Glutschein einen
zottigen Kopf mit einem Paar blinzender Augen, der sich auf zwei Arme
sttzte.

-- Gehts dich was an? erwiderte er, um die Antwort nicht schuldig zu
bleiben.

-- Gehts an, dann lutet man in der Kirche, obgleich ich nie
hineinkomme! antwortete der Kopf.

-- Obgleich? O gleich giee ich dir einen Eimer Wasser ber den Kopf,
gab Carlsson zurck.

-- Das ist nicht so dumm geantwortet, stammelte der Andere. Das ist
jedenfalls ein feiner Mann: er hat ja Saffian an den Stiefelschften.

-- Das will ich meinen; und Galoschen hat er auch, wenn's darauf
ankommt!

-- Nein, hat er auch Galoschen; dann kann er sicher auch einen Schluck
spendieren!

-- Ja, das kann er auch, wenn's sein mu, antwortete Carlsson bestimmt
und holte seine Tonkruke. Bitte!

Er zog den Kork heraus, trank einen Schluck und reichte die Kruke
hinber.

-- Gott segne ihn; ich glaube wirklich, das ist Branntwein. Dann:
Gutjahr und Willkommen! Jetzt sage ich du zu dir, Carlsson, und du
nennst mich den nrrischen Rundqvist, denn so heie ich meistens.

Und dann kroch er wieder unter die Decke.

Carlsson entkleidete sich und kroch ins Bett, nachdem er seine Uhr am
Salzfa aufgehngt und die Stiefel mitten ins Zimmer gestellt hatte,
damit die roten Saffianzwickel recht zu sehen waren.

Es war still in der Kche und nur Rundqvist hrte man schnarchen am
Herd.

Carlsson lag wach und dachte an die Zukunft. Wie ein Nagel sa ihm
das Wort der Alten im Kopfe, da er etwas mehr als die Andern sein
solle, um die Wirtschaft in die Hhe zu bringen. Um den Nagel
schmerzte und schwrte es; es war, als habe er ein Gewchs im Kopf. Er
dachte an den Mahagonisekretr, an die roten Haare und mitrauischen
Augen des Sohnes. Er sah sich mit einem groen Schlsselbund
herumlaufen, mit dem er in der Hosentasche klapperte; da kommt einer
und bittet um Geld; er hebt das Schurzfell, schttelt das rechte Bein,
steckt die Hand in die Tasche und fhlt die Schlssel gegen den
Schenkel; dann zupft er am Bund, wie man Werg auszieht, und als er den
kleinsten Schlssel, der in die Klappe pat, gefunden hat, steckt er
den ins Schlsselloch, ganz wie er's heute Abend mit dem kleinen
Finger getan hatte; aber das Schlsselloch, das wie ein Auge mit einem
Augapfel ausgesehen, wird rund, gro und schwarz wie eine
Flintenmndung, und ber dem andern Ende des Laufes sieht er das rote
Fischauge des Sohnes scharf und tckisch zielen, als wolle der sein
Geld verteidigen.

Die Kchentr ging, und Carlsson wurde aus seinem Halbschlummer
gerissen. Mitten im Zimmer, wohin die Mondscheiben gerckt waren,
standen zwei weigekleidete Gestalten, um gleich darauf in ein Bett
unterzutauchen; das gewaltig knarrte, wie wenn ein Boot gegen eine
schwankende Landungsbrcke stt. Dann ward es in den Laken lebendig
und kicherte, bis es still wurde.

-- Gute Nacht, Mdchen, erklang Rundqvists erlschende Stimme. Trumt
von mir!

-- Daran ist uns allerdings sehr gelegen, antwortete Lotte.

-- Still, antworte dem Scheusal nicht, warnte Clara.

-- Ihr seid ... so ... nett! Wenn ich nur auch so ... nett ... sein
knnte wie ihr! seufzte Rundqvist. Ja, Herr Gott, man wird alt; dann
kann man seinen Willen nicht mehr kriegen, und dann ist das Leben
nichts mehr wert. Gute Nacht, Kinder, und htet euch vor Carlsson: der
hat Uhr und Saffianstiefel! ... Ja, Carlsson, der ist glcklich! Das
Glck das kommt, das Glck das fliegt, o glcklich, wer das Mdchen
kriegt! ... Was habt ihr dort in euerm Bett zu kichern, Mdchen!...
Hr mal, Carlsson, kann ich nicht noch einen Schluck haben? Es ist so
furchtbar kalt hier hinten; es zieht vom Herd her.

-- Nein, jetzt kriegst du nichts mehr, denn nun will ich schlafen,
schnauzte Carlsson, in seinen Zukunftstrumen, in denen weder Wein
noch Mdchen vorkamen, gestrt und bereits mit seiner Stellung als
Groknecht vertraut.

Es wurde wieder still. Nur dumpfe Laute von den Geschichten der Jger
drangen durch die beiden Tren; und der Nachtwind rttelte an der
Ofenklappe.

Carlsson schlo wieder die Augen. Im Schlummer hrte er Lottes
halblaute Stimme etwas auswendig hersagen, das er zuerst nicht
verstehen konnte, sondern wie ein einziger langer Salm klang;
schlielich unterschied er:

-- Undfhreunsnicht -- inversuchung, sondernerlseunsvondembel,
denndeinistdasreich, unddiemachtunddieherrlichkeit inewigkeitamen.
Gute Nacht, Clara! Schlaf gut!

Und nach einem Weilchen schnarchte es im Bett der Mdchen. Rundqvist
aber sgte, da die Fenster zitterten, ob nun aus Scherz oder Ernst.
Aber Carlsson lag halbwach und wute selbst nicht, ob er wachte oder
schlief.

Da hob sich seine Decke und ein fleischiger, schweiiger Krper kroch
an seine Seite.

-- Es ist nur Norman! hrte er eine schntuende Stimme neben sich. Da
wute er, es war der Knecht, der sein Bettgenosse sein sollte.

-- Aha, der Schtze ist heimgekehrt, knarrte Rundqvists rostiger Ba.
Ich dachte, es sei der Teufel, der am Sonnabend drauen geschossen.

-- Du kannst ja gar nicht schieen, Rundqvist; du hast ja keine Flinte,
schnauzte Norman.

-- Kann ich nicht? gab der Alte zurck, um das letzte Wort zu haben.
Ich kann Schwarzstare mit der Bchse schieen, und zwar zwischen den
Laken...

-- Habt ihr das Feuer gelscht? unterbrach ihn die freundliche Stimme
der Alten, die aus dem Flur zur Tr hereinguckte.

-- Jawohl, antwortete man im Chor.

-- Dann gute Nacht!

-- Gute Nacht, Tante!

Einige lange Seufzer wurden ausgestoen, dann wurde gepustet,
geschnaubt, gekeucht, bis das Schnarchen im Gang war.

Aber Carlsson lag noch eine Weile halb wach und zhlte die
Fensterscheiben, um einen Wahrtraum zu haben.




     Zweites Kapitel

     Sonntagsruhe und Sonntagsgeschft; der gute Hirte
     und die bsen Schafe; die Schnepfen, die ihr Teil bekamen
     und der Knecht, der die Kammer bekam


Als Carlsson am Sonntagsmorgen beim Hahnenschrei erwachte, waren alle
Betten leer, und die Mdchen standen im Unterrock am Herde, whrend
die Sonne voll und blendend in die Kche schien.

Carlsson fuhr schnell in die Hosen und ging hinaus, um sich zu
waschen. Da sa bereits der junge Norman auf einem Strmlingsfa und
lie sich von dem allkundigen Rundqvist die Haare schneiden. Rundqvist
hatte ein reines Vorhemd angezogen, das so gro wie eine Tageszeitung
war, und seine besten Stiefel hatte er auch an.

Bei einem eisernen Kochtopf, der seine Fe verloren hatte und deshalb
Waschschssel geworden war, mute Carlsson mit einem Huflein grner
Seife seine Sonntagswaschung vornehmen.

Im Stubenfenster zeigte sich Gustavs sommersprossiges Gesicht
eingeseift; vor einem Stck Spiegel, das unter dem Namen
Sonntagsgucker bekannt war, fuhr er mit dem im Sonnenschein
blitzenden Rasiermesser unter furchtbaren Grimassen hin und her.

-- Geht ihr heute in die Kirche? fragte Carlsson zum Morgengru.

-- Nein, wir kommen nicht so oft ins Gotteshaus, antwortete Rundqvist.
Wir haben zwei Rudermeilen hin und ebensoviele zurck, und man mu den
Ruhetag nicht mit unntzer Arbeit entheiligen.

Lotte kam heraus, um Kartoffel zu waschen, whrend Clara nach dem
Vorratsschuppen ging, um aus dem Winterfa gesalzene Fische zu holen.
In diesem sogenannten Familiengrabe waren alle kleinen Fische, die
im Netz oder Fischkasten gettet waren und nicht aufbewahrt werden
konnten, eingesalzen, durcheinander, ohne Ansehen der Person, um fr
den tglichen Bedarf des Hauses zu dienen. Da lagen blasse Pltze
Seite an Seite neben roten Rotaugen; Blicken, Kaulbarsche, Seehasen,
Barsche, kleine Brathechte, Schollen, Schleie, Quappen, Marnen. Alle
hatten einen Schaden: eine zerfetzte Kieme, ein ausgehacktes Auge;
einen Hieb im Rcken, der von einer Fischgabel herrhrte; andere
hatten einen Futritt auf den Bauch erhalten; und so weiter.

Clara nahm einige Hnde voll, wusch das meiste Salz aus und tat die
Gesellschaft in den Kochtopf.

Whrend das Frhstck auf dem Feuer stand, hatte Carlsson sich
angekleidet und machte nun einen Rundgang, um sich den Hof anzusehen.

Das Haus, das eigentlich aus zweien zusammengebaut war, lag auf einer
Anhhe am sdlichen und innern Ende der langen, ziemlich seichten
Bucht einer freien Meeresflche. Diese Bucht schnitt so tief ins Land,
da man das groe Meer nicht sah, sondern glauben konnte, man sei an
einem kleinen Binnensee im Innern des Landes. Die Hnge der Hhe
senkten sich zu einem Tal nieder mit Weidegrnden, Wiesen, Hagen, die
mit Laubwald, Birke, Eiche, Erle, eingefat waren. Die nrdliche Seite
der Bucht war durch eine mit Fichtenwald bewachsene Hhe gegen die
kalten Winde geschtzt, und die sdlichen Teile der Insel bestanden
aus Kiefergehlzen, Birkenhagen, Mooren, Smpfen; zwischen denen war
ein Stck Acker hier und dort angelegt.

Auf der Hhe stand neben dem Wohnungshaus der Vorratsschuppen; ein
Stck davon lag das neue Haus, die Grostuga, ein rotes ziemlich
groes Blockhaus mit Ziegeldach. Der alte Flod hatte es sich frs
Altenteil errichtet; jetzt stand es unbewohnt, weil die Alte allein
dort nicht hausen wollte; auch unntig viele Feuersttten dem Walde zu
sehr zugesetzt htten.

Weiterhin, dem Hage zu, lagen Viehstall und Scheune; in einem Gehlz
stattlicher Eichen hatten Darrstube und Keller ihre schattigen Pltze;
und ganz hinten an der sdlichen Wiese war das Dach einer verfallenen
Schmiede zu sehen.

Unten, am innern Ende der Bucht, standen die Seeschuppen bis an die
Landungsbrcke; dort war auch der Hafen fr die Boote.

Ohne die Schnheiten der Landschaft zu bewundern, war Carlsson doch
von dem Ganzen angenehm berrascht. Die fischreiche Bucht, die ebenen
Wiesen, die vor Winden geschtzten und gerade richtig abfallenden
Felder, der dichte Hochwald, die schnen Nutzhlzer in den Hagen:
alles versprach guten Ertrag, wenn nur eine starke Hand die Krfte in
Bewegung setzte und die vergrabenen Schtze ans Tageslicht brachte.

Nachdem er hierhin und dorthin geschlendert, wurde er in seinen
Betrachtungen durch ein schallendes Halloh unterbrochen, das vom
Vorbau ausging, von Buchten und Feldern widerhallte und gleich darauf
von Scheune, Hag und Schmiede im selben Tone beantwortet wurde.

Es war Clara, die zum Frhstck rief.

Bald saen die vier Mnner um den Kchentisch, auf dem frischgekochte
Kartoffeln, gesalzener Fisch, Butter, Roggenbrot und, da es Sonntag
war, Branntwein stand. Die Alte ging umher und forderte die Mnner
auf, zuzulangen; auch warf sie dann und wann ein Auge auf den Herd, wo
jetzt fr Hhner und Ferkel gekocht wurde.

Carlsson hatte an der oberen Schmalseite des Tisches Platz genommen,
Gustav die eine, Rundqvist die andere Breitseite, Norman die untere
Schmalseite gewhlt; man wute eigentlich nicht, wer den Ehrenplatz
hatte, sondern glaubte die vier Sprecher eines Ausschusses vor sich zu
haben. Doch fhrte Carlsson das Wort, und seine Aussprche betonte er,
indem er mit der Gabel auf den Tisch stie. Er sprach von
Landwirtschaft und Viehzucht; aber Gustav antwortete entweder
berhaupt nicht oder mit Fischfang und Jagd. Norman untersttzte ihn
dabei, und Rundqvist spielte den unparteiischen Sonderer; warf dann
und wann einen Scheit ins Feuer, damit kein Friede aufkam; blies die
Flamme an, wenn sie erlschen wollte; stichelte nach rechts und
stichelte nach links; bewies der Gesellschaft, da sie alle gleich
dumm und unwissend seien, da er allein den Verstand gepachtet habe.

Gustav antwortete Carlsson niemals direkt, sondern wandte sich immer
an einen Nachbar; Carlsson sah ein, da er von ihm keine Freundschaft
zu erwarten habe.

Norman, der Jngste, vergewisserte sich erst immer, da er am
Hausherrn einen Rckhalt hatte; nach dem sich zu richten, war immer
das Sicherste.

-- Ferkel aufziehen, wenn man keine Milch hat, das lohnt nicht, lehrte
Carlsson; und Milch kann man nicht bekommen, ohne da man Klee in die
Herbstsaat set. In der Landwirtschaft mu Kreislauf sein; eines mu
auf das Andere folgen.

-- Das ist ganz wie beim Fischen, nicht wahr, Norman, wandte sich
Gustav an seinen Nachbar. Man kann nicht die Strmlingsnetze setzen,
ehe nicht die Schollen aufgehrt haben; und man kriegt keine Schollen,
ehe der Hecht nicht gelaicht hat. Das eine folgt aufs andere, und wenn
man das Eine fahren lt, fngt das Andere an. Ist es vielleicht nicht
so, Norman?

Norman stimmte ohne Widerstreben bei und wiederholte zur Sicherheit
den Endreim, als er merkte, da Carlsson zurckschlagen wollte:

-- Ja, so ist es: das Eine fngt an, wenn man das Andere fahren lt.

-- Wer lt einen fahren? rief Rundqvist dazwischen, der die gute
Gelegenheit nicht vorbeigehen lie.

Carlsson, der den Schwanz eines Rotauges zwischen den Zhnen hatte,
machte heftige Gebrden mit den Armen, um das Gesprch wieder nach
seiner Seite zu wenden. Ins Grinsen der Andern aber mute er
einstimmen, obwohl sie mehr aus Schadenfreude grinsten, da die
Landwirtschaft beiseite geschoben wurde, als ber den billigen Witz.

Von seinem Erfolg ermuntert, machte Rundqvist Variationen ber das
glcklich gefundene Thema; ein ernstes Wort fand keinen Zuhrer mehr.

       *       *       *       *       *

Als das Frhstck zu Ende war, kam die Alte und bat Carlsson und
Gustav, mit ihr nach dem Viehstall und auf die Felder zu gehen, um
ber die Verteilung der Arbeit zu sprechen und zu beraten, was zu tun
sei, um den Hof in bessern Stand zu bringen. Danach wrden sich alle
in der Stube versammeln, um die Predigt zu lesen.

Rundqvist legte sich beim Herd aufs Holzsofa und steckte sich eine
Pfeife an. Norman nahm seine Handharmonika und setzte sich in den
Vorbau, whrend die andern nach dem Viehstall gingen.

Carlsson fand mit einer gewissen Befriedigung seine schlimmsten
Befrchtungen bertroffen. Zwlf Khe lagen auf den Knien und fraen
Moos und Stroh, da das Futter zu Ende war. Jeder Versuch, sie
aufzurichten, war unmglich; nachdem Carlsson und Gustav sie auf die
Beine zu bringen versucht, indem sie ihnen eine Bohle unter den Bauch
schoben, berlie man sie vorlufig ihrem Schicksal.

Carlsson schttelte bedenklich den Kopf, wie ein Arzt, der ein
Sterbebett verlt; sparte aber seine guten Ratschlge und
Verbesserungsvorschlge fr spter auf.

Mit dem Ochsenpaar stand es noch schlimmer, da es eben mit dem Pflgen
fertig geworden war.

Die Schafe hatten nur Rinde zu knuppern von den lngst abgefressenen
Laubbscheln.

Die Schweine waren mager wie Jagdhunde. Die Hhner liefen im Viehhof
umher, auf dem Misthaufen zerstreut waren, von denen das Wasser in
Bchlein abflo.

Nachdem man sich alles angesehen und den Verfall erkannt hatte,
erklrte Carlsson, hier sei nur noch mit dem Messer etwas zu machen.

-- Sechs Khe, die Milch geben, sind besser als zwlf, die hungern!

Er untersuchte Spiegel und Euter und bezeichnete mit groer Sicherheit
die sechs, die man auffttern und dann zum Schlchter bringen solle.

Gustav machte Einwendungen.

Carlsson aber versicherte und beteuerte, sie mten geschlachtet
werden! Sie mten sterben, so wahr er lebe! Dann knnte man eine
andere Ordnung einfhren. Zuerst aber msse vor allem trockenes, gutes
Heu gekauft werden, ehe man das Vieh in den Wald lassen knne.

Als Gustav von Heukaufen sprechen hrte, machte er die lebhaftesten
Vorstellungen, doch nicht sein Geld fr etwas auszugeben, das man
selber habe. Aber die Alte brachte ihn mit der Erklrung zum
Schweigen, davon verstehe er nichts.

Nachdem man noch einige weniger wichtige Anordnungen getroffen,
verlie man den Viehhof und wanderte auf die Felder hinaus.

Hier lagen ganze Strecken brach.

-- Ach, ach! sagte Carlsson mitleidig, als er den guten Boden auf so
veraltete Art bewirtschaftet sah. Ach! wie kindisch! Kein Mensch hat
mehr Brache, sondern Kleeweide! Wenn man jedes Jahr ernten kann, warum
soll man es nur jedes zweite Jahr tun?

Gustav meinte, jhrliche Ernten saugten den Boden aus; der msse auch
ruhen wie der Mensch.

Aber Carlsson gab eine ganz richtige, wenn auch etwas dunkle Erklrung
ab, Kleesaat dnge den Boden, statt ihn auszusaugen; auch halte sie
ihn von Unkraut frei.

-- Davon habe ich noch nie gehrt, meinte Gustav. Saaten, die dngen!

Er konnte Carlssons gelehrte Auseinandersetzung, da Grasgewchse ihre
meiste Nahrung aus der Luft holen, nicht verstehen.

Darauf untersuchte man die Abzugsgrben; die standen voll Grundwasser,
waren zugewachsen, konnten nicht ablaufen.

Das Korn stand stellenweise, als habe man Hnde voll ausgeset, und
das Unkraut wucherte zwischen den Schollen.

Die Wiesen waren nicht geharkt; das Laub des Vorjahres bedeckte und
erstickte das Gras, das zu einem einzigen Kuchen zusammengeklebt war.

Die Feldzune waren im Begriff umzufallen; Brcken fehlten; alles war
so baufllig, wie die Alte es in dem Gesprch am Abend dargestellt
hatte.

Gustav aber wollte nichts von Carlssons tiefdringenden Untersuchungen
wissen; er lehnte sie ab als etwas Unangenehmes, das man aus der
Vergangenheit ausgrub. Er frchtete die viele Arbeit, die winkte, und
noch mehr, da seine Mutter Geld herausrcken msse.

Als sie dann nach der Klberweide gingen, blieb Gustav zurck; als sie
in den Wald kamen, war er verschwunden. Die Alte rief nach ihm,
erhielt aber keine Antwort.

-- Mag er gehen, meinte die Alte. So ist Gustav! Er ist immer etwas
dumpf und trge; nur dann nicht, wenn er mit der Flinte auf die See
hinaus kann. Aber daran mt Ihr Euch nicht kehren, Carlsson, denn
etwas Bses ist nicht in ihm. Sein Vater wollte etwas Besseres aus ihm
machen; er sollte nicht als Knecht gehen, sondern konnte tun, was er
wollte. Als er zwlf Jahre alt war, kriegte er sein eigenes Boot,
natrlich auch eine Flinte. Seitdem war nichts mehr mit ihm zu wollen.
Jetzt geht's mit dem Fischen zurck; darum habe ich an den Acker
denken mssen, der schlielich doch noch sicherer ist als die See. Es
wre auch gegangen, wenn Gustav nur verstanden htte, die Leute
anzuhalten; aber er mu sich immer so gemein mit den Burschen machen,
und dann geht's mit der Arbeit nicht vorwrts.

-- Das taugt allerdings nicht, die Leute zu verwhnen, hakte Carlsson
ein; und das mu ich Euch gleich sagen, Tante, hier unter vier Augen:
soll ich so etwas wie Kustos sein, so mu ich in der Stube essen und
allein in der Kammer schlafen; sonst haben die Leute keinen Respekt,
und ich komme nicht vom Fleck.

-- In der Stube essen, Carlsson, versetzte besorgt die Alte, whrend
sie ber den Zauntritt stieg, wird wohl kaum gehen. Die Leute lassen
sich's nicht mehr gefallen, da man anderswo it als mit ihnen in der
Kche. Der alte Flod hat's nicht einmal gewagt, und Gustav hat sich's
nie getraut. Und tut man's, machen sie sofort Spektakel ber das
Essen; stellen sich auf die Hinterbeine. Nein, daraus kann nichts
werden. Da Ihr aber auf der Kammer schlaft, ist etwas anderes; das
wollen wir mal sehen. Die Leute finden ja schon, es seien ihrer zu
viel in der Kche; und Norman, denke ich, schlft lieber allein in
seinem Bett als mit einem Andern zusammen.

Carlsson hielt es fr das Beste, sich mit halbgewonnenem Spiel zu
begngen, und steckte die andere Pfeife vorlufig in den Sack.

Sie kamen jetzt in den Fichtenwald, wo zwischen einigen
Geschiebeblcken noch eine Schneewehe lag, die von Staub und
herabgefallenen Nadeln beschmutzt war. Die Fichten schwitzten in der
brennenden Aprilsonne schon Harz aus; zu ihren Fen blhten weie
Osterblumen, und unter den Haselbschen guckten Leberblmchen durch
das durchbrochene Nervennetz des modernden Laubes. Aus dem Haarmoos
stieg eine warme Feuchtigkeit; zwischen den Baumstmmen sah man das
Flimmern ber dem Wiesenzaun zittern; weiter fort blaute die von einer
leichten Brise bewegte Meeresflche; das Eichhrnchen kicherte oben im
Gezweig und der Grnspecht hmmerte und schrie.

Die Alte trippelte auf dem kahlen Fupfad ber Nadeln und Wurzeln.
Carlsson, der hinter ihr ging, sah, wie sich ihre Schuhsohlen unter
geschmeidigen Schritten bogen und unter dem Saum des Kleides
verschwanden. Da erinnerte er sich daran, da sie ihm gestern lter
vorgekommen war.

-- Ihr seid aber flink auf den Beinen, Tante, fand sich Carlsson
veranlat, seinen Frhlingsgefhlen Luft zu machen.

-- Ach, wie Ihr sprecht! Man knnte glauben, Ihr wollt mit einer alten
Frau Euern Spa treiben.

-- Nein, ich meine immer, was ich sage, versicherte Carlsson glaubhaft.
Um mit Tante Schritt zu halten, gerate ich in Schwei.

-- Wir wollen jedenfalls nicht weiter gehen, antwortete die Alte und
blieb stehen, um zu verschnaufen. Hier knnt Ihr Euch den Wald
ansehen, Carlsson; hierher bringen wir das Vieh im Sommer, wenn es
nicht drauen auf den Werdern ist.

Carlsson warf einen sachverstndigen Blick auf den Wald; er fand, da
da viele Klafter Brennholz standen und gutes Balkenholz sich auf der
Wurzel erhob.

-- Aber wie schlecht gepflegt! Da liegen noch Wipfel und Reisig in
einem solchen Germpel zusammen, da kein Mensch durchkommen kann!

-- Da seht Ihr selbst, Carlsson, wie es steht. Nun mgt Ihr walten und
schalten, wie Ihr wollt! Ihr werdet schon Ordnung schaffen, dessen bin
ich sicher! Nicht wahr, Carlsson?

-- Meine Arbeit werde ich schon leisten, wenn die andern nur ihre tun!
Und dazu mt Ihr mir helfen, Tante, knetete Carlsson seinen Teig. Er
fhlte, es werde nicht so leicht sein, sich eine Stellung als Korporal
zu schaffen, da die Gemeinen lnger am Platze waren.

Unter unausgesetztem Gesprch ber die Art und Weise, wie Carlsson
seine Oberhoheit einnehmen und bewahren knne, gingen sie zurck.
Diese seine Oberhoheit sei die Hauptbedingung fr das Aufblhen des
Hofes, suchte Carlsson der Buerin einzureden.

Jetzt sollte die Predigt gelesen werden, aber von den Mnnern lie
sich keiner sehen. Die beiden Schtzen waren mit den Flinten in den
Wald gegangen; Rundqvist verbarg sich wohl wie gewhnlich auf einer
sonnigen Hhe. So war es immer, wenn sie Gottes Wort hren sollten.

Carlsson versicherte, man knne sich ohne Zuhrer behelfen; und wenn
die Mdchen die Tr zur Kche ffneten, knnten sie auch ein Wort
vernehmen, whrend die Tpfe kochten.

Als die Alte ihre Unruhe uerte, sie werde nicht lesen knnen, war
Carlsson sofort bereit, die Sache zu bernehmen.

-- Ach! Ich habe in meiner frheren Stellung so manche Predigt gelesen;
daran soll es nicht fehlen.

Die Alte nahm den Kalender und schlug den Text des Tages auf, der
heute, am zweiten Sonntag nach Ostern, vom guten Hirten handelte.

Carlsson nahm Luthers Postille vom Brett und setzte sich auf einen
Stuhl mitten ins Zimmer; da konnte er sich einbilden, von der Gemeinde
gut gesehen zu werden. Darauf schlug er das Gesangbuch auf und begann
mit hoher Stimme, ber die Tonskala laufend, wie ers von den
Reisepredigern gehrt und selbst getan hatte, den Text vorzupredigen.

-- Zu dieser Zeit sagte Jesus zu den Juden: Ich bin der gute Hirte:
der _gute_ Hirte lt sein Leben fr die Schafe. Ein Mietling aber, der
_nicht_ Hirte ist, dem die Schafe _nicht_ gehren, sieht den Wolf kommen,
verlt die Schafe und flieht.

Ein seltsames Gefhl persnlicher Verantwortung bemchtigte sich des
Vorlesers, als er die Worte _Ich_ bin der gute Hirte aussprach; er sah
bedeutungsvoll zum Fenster hinaus, als suche er die beiden flchtigen
Mietlinge Rundqvist und Norman.

Die Alte nickte traurig und nahm die Katze auf die Knie, als ffne sie
dem verlorenen Schaf ihre Arme.

Carlsson aber las mit vor Rhrung zitternder Stimme, als habe er es
selbst geschrieben, weiter.

-- Aber der Mietling flieht -- ja er flieht, schmckte er aus -- denn
er ist _Mietling_ (schrie er) und achtet der Schafe nicht.

-- _Ich_ bin der gute Hirte, und kenne meine Schafe, und meine Schafe
kennen mich, fuhr er aus dem Gedchtnis fort, da das ein Spruch aus
dem Katechismus war.

Darauf senkte er die Stimme, schlug die Augen nieder, als trauere er
tief ber die Bosheit der Menschen, und seufzte hervor, mit starker
Betonung und Seitenblicken, nicht ohne verschmitzt verstehen zu geben,
da er mit Schmerz unbekannte Schelme angebe, ohne sie gerade
anzuklagen:

-- Ich habe auch _andere_ Schafe, die nicht aus _diesem_ Schafstall
sind; die mu ich heranziehen; und sie _sollen_ meine Stimme hren!

Und mit einem verklrten Lcheln, prophetisch, hoffnungsvoll,
zuversichtlich, flsterte er:

-- Und es soll _eine_ Herde und _ein_ Hirte sein.

-- Und _ein_ Hirte! echote die Alte, die ihre Gedanken ganz wo anders
hatte als Carlsson.

Darauf griff er die Postille an; machte zuerst ein saures Gesicht,
als er die Anzahl der Seiten berschlug und sah, da es ein langes
Ding war; fate dann aber Mut und begann. Die Behandlung des Stoffes
pate nicht ganz zu seinen Absichten, sondern hielt sich mehr an die
christlich symbolische Seite; darum war sein Interesse nicht so
lebhaft wie beim Text. In rasendem Laufe eilte er durch die Spalten
und steigerte die Geschwindigkeit, wenn er zum Umblttern kam, so, da
er mit dem angefeuchteten Daumen zwei Bltter auf ein Mal umschlug,
ohne da die Alte etwas merkte.

Als er aber sah, das Ende war nahe, frchtete er, gegen das Amen zu
prallen; deshalb verlangsamte er die Schnelligkeit. Aber es war zu
spt: beim letzten Umblttern hatte er zu dick auf den Daumen gespuckt
und drei Bltter auf ein Mal genommen; nun traf er aufs Amen ganz oben
auf der nchsten Seite, als stiee er mit dem Kopf gegen eine Wand.

Die Alte wachte von dem Sto auf und guckte schlaftrunken nach der
Uhr.

Carlsson wiederholte daher das Amen noch ein Mal, indem er es etwas
ausschmckte:

-- Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und um
unseres Erlsers willen.

Um den Schlu abzurunden und zu shnen, was er verbrochen, betete er
ein Vaterunser, so langsam und ergreifend, da die Alte, die mitten in
die Sonne gekommen war, noch ein Mal einnickte.

Sie hatte Zeit sich zu ermuntern, whrend Carlsson, um alle
unangenehmen Erklrungen abzuschneiden, den Kopf in der linken Hand
verbarg, um ein leises Gebet zu sprechen, das nicht unterbrochen
werden durfte.

Die Alte fhlte sich auch schuldig und wollte nun ihre Aufmerksamkeit
dadurch beweisen, da sie in selbstgewhlten Worten zeigte, was sie
eingeheimst. Carlsson schnitt ihr aber das Wort ab, indem er bestimmt
erklrte, nach dem Grundtext und den eigenen Worten des Erlsers
handle es sich um nichts Geringeres: _eine_ Herde und _ein_ Hirte!
_Einer_ ausschlielich, einer fr alle, _einer_, _einer_, _einer_!

In diesem Augenblick rief Clara laut zum Mittagessen. Aus der Tiefe
des Waldes antworteten zwei frhliche Hallohs, denen Flintenknalle
folgten; und aus dem Schornstein der Schmiede stieg wie aus einem
hungrigen Magen Rundqvists originelleres Puh!, das niemand verkennen
konnte.

Und bald sah man die verirrten Schafe mit leichten Schritten zum
Kochtopf eilen. Die Alte empfing sie, indem sie ihnen ihr Ausbleiben
vorwarf. Die Antwort aber blieb keines der Unschuldigen ihr schuldig;
sie beteuerten, sie htten niemand rufen hren, sonst wren sie
_sofort_ gekommen.

Carlsson verhielt sich wrdig, wie es sich beim Mittagstisch am
Sonntag ziemte. Rundqvist aber sprach in dunklen Worten von den hchst
merkwrdigen Fortschritten der Landwirtschaft. Carlsson ersah
daraus, da er von der Opposition bereits eingeweiht und gewonnen war.

Nach dem Essen, das aus einem in Milch mit Pfeffer gekochten Eiderpaar
bestand, zogen sich alle Mannsleute zurck, um zu schlafen; Carlsson
aber nahm sein Gesangbuch aus dem Kasten und setzte sich drauen auf
die Hhe, wo er einen trockenen Stein fand. Den Fenstern der Htte
drehte er den Rcken, um etwas einnicken zu knnen.

Die Alte fand das vielversprechend, da der Sonntagnachmittag sonst
gewhnlich verloren ging.

Als Carlsson glaubte, es sei genug Zeit verflossen, um die Andacht
wahrscheinlich zu machen, stand er auf, ging, ohne anzuklopfen, in die
Stube und rckte mit dem Wunsch heraus, die Kammer zu sehen.

Die Alte wollte die Sache verschieben und schtzte Reinmachen vor;
Carlsson aber bestand darauf. So wurde er denn auf den Boden gefhrt.

Da war wirklich unter dem Dachstuhl ein viereckiger Kasten eingebaut;
auf dem Giebel ffnete er sich mit einem Fenster, das jetzt von einer
blaugestreiften Rollgardine verhngt war. Die Kammer enthielt ein Bett
und einen kleinen Tisch, der vorm Fenster stand und eine Wasserkaraffe
trug. An den Wnden hing etwas, das durch die weien, verhllenden
Laken wie Kleider aussah und sich, wenn man nher ging, auch als
Kleider erwies: hier guckte ein Rockkragen mit seinem Anhnger hervor,
dort schlenkerte ein Hosenbein heraus. Darunter stand ein ganzes Heer
von Schuhen, Mnner- und Frauenstiefeln durch einander. Hinter der Tr
befand sich ein gewaltiger mit Eisen beschlagener Kasten, der ein
Schlsselschild aus getriebenem Kupfer trug.

Carlsson zog die Rollgardine auf und ffnete das Fenster, um die mit
Feuchtigkeit, Kampfer, Pfeffer, Wermut vermengte Luft herauszulassen.
Dann legte er die Mtze auf den Tisch und erklrte, hier werde er gut
schlafen. Als die Alte ihre Befrchtungen aussprach, die Klte werde
ihm unangenehm sein, bekannte er, er sei es gewohnt, kalt zu liegen;
das sei ein Vorteil, den er in der warmen Kche unmglich haben knne.

Der Alten ging es etwas zu schnell; sie wollte erst die Kleider
fortnehmen, damit sie nicht im Tabaksrauch hingen. Carlsson versprach
sofort, er werde nicht rauchen; bat und beschwor sie, die Kleider
hngen zu lassen. Er wolle sie nicht einmal ansehen; Tante solle sich
nicht die Mhe machen, seinetwegen umzukramen. Er werde abends ins
Bett kriechen und morgens selbst sein Waschwasser ausgieen und sein
Bett machen. Niemand brauche hineinzugucken. Er verstehe wohl, Tante
sei um ihre Habseligkeiten besorgt, und hier gebe es ja mehr als genug
davon.

Als er die Alte mit seinem Mundwerk herumgekriegt hatte, ging
Carlsson hinunter, holte Kasten und Branntweinkrug herauf, hing seine
Jacke an einen Nagel am Fenster, stellte seine Wasserstiefel neben die
anderen Schuhe.

Darauf bat er um eine Unterredung, bei der Gustav zugegen sein msse,
denn jetzt solle die Arbeit verteilt werden, damit morgen jeder auf
seinem Posten sei.

Nach vieler Mhe wurde Gustav gefunden und veranlat, eine Weile in
die Stube zu kommen; an den Verhandlungen aber nahm er nicht teil, auf
Fragen antwortete er nur mit Einwendungen, warf Schwierigkeiten auf;
kurz, stellte sich auf die Hinterbeine.

Carlsson versuchte ihn durch Schmeichelei zu gewinnen, ihn durch
Sachkenntnis zu erdrcken, ihm Achtung vor der berlegenheit des
lteren beizubringen; das war aber nur Wasser aufs Feuer.

Schlielich wurden alle Teile mde und Gustav war verschwunden, ehe
man sich's versah.

       *       *       *       *       *

Inzwischen war es Abend geworden und die Sonne versank in Nebel, die
bald stiegen und den Himmel mit kleinen Federwolken bedeckten; die
Luft aber blieb warm.

Carlsson spazierte aufs Ungefhr die Wiese hinunter und kam in den
Ochsenhag; wanderte weiter unter den blhenden, noch halb
durchsichtigen Haselbschen, die gewissermaen einen Tunnel ber den
Drog bildeten; dieser Drog fhrte zum Seeufer hinunter, wo das
Brennholz von der Jacht des Aufkufers geholt zu werden pflegte.

Pltzlich blieb er stehen: durch die Wachholderstrucher bekam er
Gustav und Norman zu Gesicht; sie waren auf dem Felsenhgel einer
Lichtung aufgestellt, die sich hier ffnete; hatten die Flinten
angelegt, die Hhne gespannt und guckten sich nach allen Seiten um.

-- Still, jetzt kommt er! flsterte Gustav, doch so laut, da es
Carlsson hrte.

Im Glauben, er sei gemeint, verbarg sich Carlsson in den Bschen.

Aber ber die jungen Fichten kam ein Vogel geflogen, langsam und trg
wie eine Eule, mit schlaffen Flgeln, und gleich darauf kam noch
einer.

-- Quarr-Quarr-Murr-Murr-Pfip! klang es in der Luft, und dann paff!
paff! aus beiden Flinten, aus denen Hagel und Rauch wie ein Besen
herausfuhren.

Es knisterte in den Zweigen einer Birke, und eine Schnepfe fiel einen
Steinwurf von Carlsson nieder.

Die Schtzen liefen hin und holten die Beute; die veranlate sie zu
einem kleinen Meinungsaustausch.

-- Der hat seinen Teil, sagte Norman und kruselte die Brustfedern des
noch warmen Vogels.

-- Ich wei noch einen, der seinen Teil haben mte! meinte Gustav, der
trotz dem Jagdfieber noch von Nebengedanken geritten wurde. So ein
Kerl, will jetzt auch auf der Kammer liegen!

-- Nein, wirklich? witterte Norman.

-- Ja, und dann will er Ordnung in den Hof bringen! Als wten wir
nicht besser als er, was Ordnung ist. Aber so ist's: neue Besen kehren
gut, so lange sie neu sind; doch lat mir nur Zeit, ich werde es ihm
schon zeigen!

-- Und dann, sagte er nicht, die Kleesaat hole ihre Nahrung aus der
Luft, was?

-- Ja, aus der Luft; aus meinem Dreck holt sie die Nahrung!

Und die beiden Sachverstndigen lachten, whrend Carlsson hinter dem
Busche mit den Zhnen knirschte.

-- Ja, er soll mir nur kommen, beteuerte Gustav, so einem Freischrler
weiche ich nicht! Er soll mir nur kommen, hart wird er liegen! --
Still, da streicht die andere zurck.

Die Schtzen hatten neu geladen und liefen wieder auf ihren Anstand.
Carlsson aber schlich sich behutsam nach Hause, entschlossen, zum
Angriff berzugehen, sobald er gengend gerstet war.

Als er am Abend auf die Kammer kam, die Rollgardine herablie und das
Licht ansteckte, fhlte er sich zuerst etwas beklommen, weil er allein
war. Eine gewisse Furcht vor denen, von welchen er sich abgesondert
hatte, berfiel ihn. Bisher war er immer gewohnt gewesen, sich zu
allen Tageszeiten in Gesellschaft zu fhlen; immer bereit,
angesprochen zu werden; nie um einen Zuhrer verlegen, wenn er
plaudern wollte. Jetzt war es still um ihn, so still, da er aus
Gewohnheit erwartete, angesprochen zu werden; Stimmen zu hren
glaubte, wo keine waren. Und sein Kopf, der sich bisher aller Gedanken
im gesprochenen Wort entledigte, fllte sich mit einem berschu von
unverbrauchtem Gedankensamen, der keimte und sprengte, um in irgend
einer Form herauszukommen; der solche Unlust im Krper verursachte,
da die Ruhe des Schlafes sich nicht einfinden konnte.

Er wanderte also auf bloen Strmpfen auf und ab, in der engen Kammer
zwischen Fenster und Tr; richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die
bevorstehende Arbeit des morgenden Tages. Er ordnete die
Beschftigungen im Kopf und verteilte sie; begegnete im voraus
Einwendungen, berwand Hindernisse.

Nachdem er eine Stunde so gearbeitet, hatte er Ruhe im Kopf; der war
jetzt geordnet und liniiert wie ein Kontobuch; alle Posten waren an
ihrer Stelle eingetragen und zusammengezhlt: in einem Augenblick
konnte man die Stellung bersehen.

Darauf ging er zu Bett. Als er sich allein zwischen den reinen,
frischen Laken befand, ohne frchten zu mssen, da jemand ihn im
Laufe der Nacht stren werde, fhlte er sich erst Herr seiner eigenen
Person; einem Ableger gleich, der nun eigene Wurzeln angesetzt und vom
Mutterstrauch abgeschnitten werden konnte, um sein Leben fr sich zu
leben, in eigenem Kampf, mit grerer Arbeit, aber auch mit grerer
Lust.

So schlief er ein, um dem Montagsmorgen und der Arbeitswoche des
Lebens zu begegnen.




     Drittes Kapitel

     Der Knecht legt den Trumpf auf den Tisch, wird
     Herr auf dem Hof, duckt die jungen Hhne und tritt
     seine Hhner selbst


Der Blei laichte, der Wachholder knospete, der Faulbeerbaum blhte und
Carlsson sete Frhlingssaat in die erfrorene Herbstsaat, schlachtete
sechs Khe, kaufte trockenes Stallheu fr die andern, damit die wieder
auf die Beine kommen und in den Wald gelassen werden konnten. Er
rstete und er ordnete, er arbeitete selbst fr zwei: er hatte eine
Fhigkeit, die Leute in Bewegung zu setzen, die allem Widerstand
trotzte.

Auf einer Fabrik in Wrmland geboren, von ziemlich unbestimmten Eltern
stammend, zeigte er schon frh eine entschiedene Unlust zu
krperlicher Arbeit, entwickelte dagegen ein unglaubliches
Erfindungsvermgen, sich dieser unangenehmen Folge des Sndenfalls
zu entziehen. Darin hatte er ja Recht, zumal die Gedankenarbeit sowohl
ntzlicher, ehrenvoller, bequemer ist, wie sich mehr lohnt.

Zugleich von einem Verlangen getrieben, alle Seiten menschlicher
Ttigkeit kennen zu lernen, blieb er nicht unntig lange auf einer
Stelle sitzen. Sobald er gelernt, was er wollte, suchte er einen neuen
Wirkungskreis. Auf diese Weise war er vom Schmiedehandwerk zur
Landwirtschaft bergegangen, hatte sich im Stalldienst versucht, beim
Kaufmann gehandelt, war Grtnerbursche, Bahnarbeiter, Ziegelstreicher
und schlielich Reiseprediger gewesen!

Durch diese Wandlungen war sein Wesen geschmeidig geworden, hatte er
die Fhigkeit erworben, sich in alle Verhltnisse und alle mglichen
Menschen zu schicken; ihre Absichten zu verstehen, ihre Gedanken zu
lesen, ihre geheimen Wnsche zu erraten. Er war mit einem Wort eine
Kraft, die ihre Umgebung berragte. Seine mannigfachen Kenntnisse
machten ihn fhiger, ein Ganzes zu leiten und zu ordnen; er wollte
sich nicht als ein Rad dem Wagen einfgen, sondern sich von dem Wagen
tragen lassen.

Durch einen Zufall in seine neue Stellung geworfen, sah er sofort ein:
hier konnte er von Nutzen sein, hier vermochte er mit seinen
Fhigkeiten das jetzt Wertlose zum Ertrag zu bringen, hier werde er
deshalb bald geschtzt werden und schlielich unentbehrlich sein. Er
hatte jetzt ein festes Ziel fr sein Streben vor sich; und da die
Belohnung in einer verbesserten Lebensstellung auf ihn warte, hatte er
hinter sich als sichere Hoffnung und treibende Kraft. Er arbeitete fr
die Anderen, sichtlich und unleugbar; aber zugleich schmiedete er sein
eigenes Glck. Und wute er's so anzustellen, da es aussah, als
widmete er Zeit und Kraft fremdem Vorteil, so zeigte er damit, da er
klger als mancher war, der es gern ebenso gemacht htte, es aber
nicht konnte.

Das grte Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, war der Sohn.
Bei dem bestimmten Geschmack des Fischers und Jgers fr das
Ungewisse, fr berraschungen, hatte der einen entschiedenen
Widerwillen fr alles Geordnete, alles Sichere. Ackert man, meinte
der, so kriegt man allerhchstens so viel, wie man berechnet hat;
niemals mehr, oft aber viel weniger. Setzt man dagegen Netze, so
kriegt man das eine Mal nichts, aber das nchste Mal das Siebenfache
von dem, was man erwartet. Fuhr man aus, um Aale zu fangen, geschah es
zuweilen, da man einen Seehund scho; lag man einen halben Tag in den
Schren, um auf Jgergnse zu lauern, konnte es vorkommen, da einem
Eider vor den Flintenlauf kamen. Immer war es etwas, und oft etwas
anderes, als man erwartet hatte.

brigens galt die Jagd noch, nachdem sie als Vorrecht von den oberen
Klassen zu den unteren gekommen war, fr vornehmer und protziger, als
hinter Pflug oder Dungwagen herzugehen. Das war den Leuten so in
Fleisch und Blut bergegangen, da man keinen Knecht dazu bringen
konnte, mit einem Paar Ochsen zu fahren; wohl auch weil der Ochse
beschnitten, verndert, war; vor allem aber, weil das Pferd von
Alters her in aberglubischem Ansehen stand.

Ein zweiter Stein auf dem Wege war Rundqvist. Eigentlich war es ein
alter Schelm, der auf seine Art das irdische Paradies wieder zu
gewinnen suchte, ein Paradies ohne schwere Arbeit und mit langen
Mittagsschlfchen und vielen Schnpsen, indem er Kenntnis von
verborgenen Dingen vorspiegelte; indem er allen Ernst, besonders die
grobe Arbeit, fortscherzte; indem er, im Notfall, durch Vortuschung
geistiger Schwche und krperlicher bel Mitleid zu erwecken wute,
besonders wenn dieses sich in einer Tasse Kaffee mit Branntwein oder
einem halben Pfund Schnupftabak uerte. Er verstand Schafe und Ferkel
zu verschneiden; glaubte mit der Wnschelrute Quellen zu finden;
behauptete, den Barsch ins Netz locken zu knnen; heilte allerlei
leichte bel bei Andern, behielt aber seine eigenen; sagte bei Neumond
schnes Wetter voraus, wenn es einen halben Monat geregnet hatte;
opferte fremdes Geld unter einem groen Stein am Strande, wenn der
Strmling kommen sollte.

Er konnte aber auch eine Menge Schlechtigkeiten, wie er behauptete:
Tschelkraut aufs Feld des Nachbars bringen, die Khe gelt machen,
Hexenschsse austeilen und dergleichen. All das umgab seine Person mit
einer gewissen Furcht, so da man ihn gern zum Freund haben wollte.

Seine Verdienste, denn die besa er auch und ihretwegen war er
unentbehrlich, bestanden darin, da er schmieden und tischlern konnte.
Aber seine unglaubliche Fhigkeit, alles zu machen, was auffiel, erhob
ihn zu einem gefhrlichen Nebenbuhler; denn was Carlsson unter dem
Stalldach oder drauen auf dem Felde tat, fiel nicht so sehr auf.

Blieb Norman, ein tchtiger Arbeiter; der mute Gustavs mchtigem
Einflu entrissen und der regelmigen Feldarbeit wieder gewonnen
werden.

Carlsson hatte also ein gehriges Stck Arbeit zu leisten und auerdem
nicht geringe diplomatische Schlauheit zu entwickeln, um
durchzudringen; da er aber der klgste war, siegte er.

Mit Gustav nahm er den Kampf gar nicht erst auf; den lie er laufen,
nachdem er dessen Bundesgenossen Norman durch allerlei Vorteile von
ihm fortgelockt hatte. Das war nicht so schwer, denn Gustav war, offen
gesagt, etwas geizig und behandelte Norman auf den Jagden meist als
Ruderer, der nie den ersten Schu tun durfte; kriegte er wirklich
einen Schnaps, nahm Gustav heimlich deren drei. So brachten die
Vorteile, die Carlsson dem Norman auswirkte, hherer Lohn, neue
Strmpfe, ein Hemd und andere Kleinigkeiten, diesen bald zum Abfall;
zumal Carlssons steigende Macht mehr versprach als Gustavs sinkende.

Durch Normans Abfall wurde auch die Jagdlust des Sohnes herabgesetzt,
denn allein umher zu fahren, war kein Vergngen. Infolge dieses
Mangels an Gesellschaft schlo sich Gustav den Andern bei der Arbeit
an.

Rundqvist zu schuppen, war etwas schwerer; dieser Fisch war sowohl
hlich wie alt; aber Carlsson kriegte ihn auch bald in den
Fischkasten.

Statt Geldstcke zu opfern, lie Carlsson die Netze ausbessern und
neue Leinen in alle Schleppzge ziehen; und siehe da, der Strmling
blieb besser hngen als frher. Statt mit der auf einem andern Baum
gewachsenen Mistel nach neuen Quellen zu suchen, lie Carlsson den
alten Brunnen fttern und reinigen, baute eine Wanne darum und steckte
einen Pumpenstock hinein; damit war die Mistel auf den Kehrichthaufen
geworfen. Statt die Khe zu besprechen und Feuer ber sie zu schlagen,
lie er sie putzen und gab ihnen trockene Streu. Konnte Rundqvist
Hufngel schmieden, zog Carlsson Haken; konnte Rundqvist einen Rechen
schnitzen, tischlerte Carlsson sowohl Pflug wie Walze.

Als Rundqvist sich aus allen seinen Maulwurfslchern verjagt sah,
griff er zu Mitteln, die mehr in die Augen fielen. Er begann rings ums
Haus aufzurumen; schaffte weg, was man den Winter ber aus
Nachlssigkeit oder infolge der Dunkelheit auf den Hof hatte fallen
lassen; machte Hhnern und Katze den Hof; setzte eine neue Klinke an
die Tr.

-- Nein, wie nett Rundqvist geworden ist! Hat uns eine neue Klinke an
die alte Tr gemacht! Ja, er kann nett sein, wenn er nur will.

So hrte Carlsson die Mgde in der Kche sprechen.

Aber Carlsson war wie ein Pfeil hinter ihm her. Eines Morgens war der
Herd wei gestrichen; eines andern Morgens waren die Wassereimer grn
angemalt, mit schwarzen Rndern und weien Herzen; wieder eines andern
Morgens lag das Holz unter einem Dach, das er hinter der Vorratskammer
aufgeschlagen. Carlsson hatte vom Feinde gelernt, die Gromacht der
Kche zu gewinnen; mit dem neuen Pumpenstock war er unwiderstehlich
geworden.

Rundqvist war jedoch zh und hinterlistig; in einer Sonnabendnacht
strich er den Abtritt grell rot.

Carlsson aber war ihm gewachsen; er gewann Norman mit einem Viertel
Branntwein, und in der Dreifaltigkeitsnacht hrte die Alte, wie es um
die Wnde des Hauses tuschelte und raschelte; da sie aber zu
verschlafen war, um aufzustehen, sah sie erst am Morgen, da die ganze
Stuga rot gestrichen war und weie Fensterpfosten und weie
Dachrinnen hatte!

Damit war es mit Rundqvists Kraft, einen fr sein Alter gar zu
anstrengenden Kampf fortzusetzen, zu Ende. Man lachte jetzt ber
seinen kstlichen Geschmack, die Verschnerungen mit dem Abtritt zu
beginnen. Norman, als echter Abtrnniger, machte einen Witz ber ihn,
der lange im Schwange blieb:

-- Man mu am rechten Ende anfangen, sagte Rundqvist und strich zuerst
den Abtritt an.

Rundqvist ergab sich, legte sich aber auf die Lauer, um noch einmal
neue Schliche zu versuchen oder einen vorteilhaften Frieden zu
schlieen.

Gustav lie sie gewhren; er sah zu und fand gut, was geschah.

-- Pflgt ihr nur, dachte er; ich werde schon kommen und einheimsen.

       *       *       *       *       *

Bisher hatte Carlssons Ttigkeit noch nicht Zeit genug gehabt, um es
zu greifbaren Ergebnissen zu bringen. Das Geld, das fr den Verkauf
der Khe eingenommen war, hatte allerdings einige Tage im Sekretr
gelegen, nachdem es bei der Aufzhlung einen ausgezeichneten Eindruck
gemacht; es war aber bald wieder ausgegeben worden und hatte die Leere
des Vermissens zurckgelassen.

Es ging gegen Mittsommer. Carlsson hatte viel zu bestellen gehabt und
wenig Zeit zu Spaziergngen gefunden. Eines Sonntagsnachmittags ging
er aber die Hhe hinauf und guckte sich um. Da fiel ihm die groe
Stuga in die Augen, die mit herabgelassenen Rollgardinen verdet
dastand. Neugierig, wie er war, ging er hin und fand die Tr offen. Er
trat in den Flur und entdeckte eine Kche; ging weiter und kam in ein
groes Zimmer, das wirklich herrenmig aussah: weie Gardinen,
Himmelbett mit Messingbeschlgen, ein Spiegel mit geschnitztem und
vergoldetem Rahmen und geschliffenem Glas -- das war fein, das wute
er! -- Sofa, Sekretr, Kachelofen; alles genau wie auf einem Herrenhof.
Auf der andern Seite des Flurs war ein ebenso groes Zimmer mit Kamin,
Etisch, Sofas, Wanduhr...

Er war erstaunt und empfand Respekt. Bald aber begann er die Besitzer,
die so wenig Unternehmungsgeist besaen, zu bemitleiden und zu
verachten; besonders als er sah, da das Haus noch zwei Kammern mit
mehreren gemachten Betten hatte.

-- Oh, oh, oh, dachte er laut; so viel Betten und keine Badegste.

Von dem Gedanken an die knftige Einnahme berauscht, ging er sofort
zur Alten hinunter und hielt ihr vor, es sei Verschwendung, die Stuga
nicht an Sommergste zu vermieten.

-- Ach was, wir finden niemand, der hier wohnen will! wehrte sich die
Alte.

-- Wie wit Ihr das? Habt Ihr versucht? Habt Ihr die Stuga in der
Zeitung angezeigt?

-- Das heit nur Geld in die See werfen! meinte Frau Flod.

-- Man wirft auch Netze in die See, antwortete Carlsson. Und das mu
man tun, wenn man was erhalten will.

-- Versuchen kann man's ja; aber Badegste kriegen wir nicht, schlo
die Alte, die nicht mehr an die Erfllung von Wnschen glaubte.

Acht Tage spter kam ein feiner Herr ber die Wiese und sah sich um.
Er kam nher. Als er auf den Hof trat, wurde er allein von dem Hunde
empfangen, weil sich die Leute, nach ihrer Gewohnheit, aus
Schchternheit oder Feingefhl, in Kche und Stube verborgen hielten,
nachdem sie vorher in einem Knuel drauen gestanden und nach dem
Besuch gegafft hatten. Erst als der Herr in die Tr trat, kam Carlsson
als der Mutigste ihm entgegen.

Der Kmmling hatte eine Anzeige gelesen.

-- Jaja, das ist hier!

Carlsson fhrte ihn nach der Grostuga hinauf.

Der Herr war ziemlich zufrieden. Carlsson versprach alle
Verbesserungen, wenn der Herr sich sofort entscheide; denn der
Bewerber seien viele und die Jahreszeit sei vorgeschritten.

Der Fremde schien von der schnen Lage des Hauses gefesselt zu werden
und beeilte sich, abzuschlieen.

Nachdem beide Teile sich nach den gegenseitigen Verhltnissen,
wirtschaftlichen sowohl wie familiren, erkundigt hatten, entfernte
der Fremde sich wieder.

Carlsson begleitete ihn bis zur Feldtr. Dann strzte er in die Htte
zurck und legte vor Hausfrau und Sohn sieben Scheine zu je zehn
Kronen und einen zu fnf auf den Tisch.

-- Aber es ist nicht richtig, den Leuten soviel Geld abzunehmen, murrte
die Alte.

Gustav aber war zufrieden; zum ersten Male sprach er Carlsson seine
Anerkennung aus, als dieser erzhlte, wie er durch den Hinweis auf
viele Bewerber den Herrn gedrngt habe.

Geld auf den Tisch, das war ein Trumpf fr Carlsson. Nach diesem
Stckchen, bei dem ihm seine Erfahrung in Geschftssachen zu gute
gekommen war, sprach er in einem hheren Tone.

Es sei nicht nur das bare Geld fr die Miete, das ihnen in den Scho
gefallen; es werde auch indirekte Einknfte regnen.

Und Carlsson malte die Aussichten den lauschenden Zuhrern in raschen
Zgen aus.

Man werde Fische, Milch, Eier, Butter verkaufen; Feuerung brauche man
nicht umsonst zu liefern; nicht zu sprechen von den Fahrten nach dem
Badeort Dalar, fr die man jedes Mal eine Krone nehmen knne. Und
dann knnte man ein Kalb, ein Schaf, ein Huhn, Kartoffel und Gemse
absetzen. Oh, da sei etwas zu machen! Und es sei ein feiner Mann!

Am Mittsommerabend langten die erwarteten Goldfische an. Es waren Mann
und Frau, eine Tochter von sechzehn und ein Sohn von sechs Jahren,
dazu zwei Dienstmdchen.

Der Herr war Geiger der Hofkapelle, lebte in guten Verhltnissen, war
ein Mann des Friedens, stand am Eingang der Vierziger. Er war von
deutscher Geburt und konnte die Inselbauern nicht gut verstehen; darum
beschrnkte er sich darauf, zu allem, was sie sagten, beifllig zu
nicken und schn zu sagen; so kam er rasch in den Ruf, ein sehr
netter Herr zu sein.

Die Dame war eine ordentliche Hausfrau, die ihr Haus und ihre Kinder
pflegte und sich durch ihr wrdiges Benehmen bei den Mgden in Respekt
zu setzen wute, ohne zu wettern oder zu bestechen.

Carlsson nahm sich sofort als der am wenigsten Schchterne und am
meisten Sprechende der Fremdlinge an. Dazu hatte er ja auch ein
Vorrecht, da er sie hergebracht. Auch besa niemand von den andern
weder die unternehmende Lust noch die gesellige Gabe, ihm seinen Platz
streitig zu machen.

       *       *       *       *       *

Die Ankunft der Stdter unterlie nicht, ihren Einflu auf Sinne und
Sitten der Inselbauern auszuben. Tglich Menschen vor sich zu sehen,
die festtglich gekleidet waren, jeden Tag zum Sonntag machten, ohne
Ziel spazieren gingen und ruderten, badeten und musizierten; sich die
Zeit vertrieben, als gebe es keinen Kummer, keine Arbeit in der Welt --
das erregte anfangs keinen Neid sondern nur Erstaunen; Erstaunen
darber, da das Leben sich so gestalten knne; Erstaunen ber
Menschen, die ihr Dasein so angenehm und ruhig, so rein und fein vor
allem einzurichten vermochten, ohne da man sagen konnte, sie htten
Andern Unrecht getan oder Arme geplndert.

Ohne sich dessen bewut zu werden, fingen die Inselbauern an, sich
stillen Trumen hinzugeben; verstohlene Blicke nach der Grostuga zu
werfen. Sahen sie ein helles Sommerkleid auf der Wiese aufleuchten,
blieben sie stehen und weideten sich an dem Anblick wie an etwas sehr
Schnem. Gewahrten sie einen weien Schleier um einen italienischen
Strohhut, ein rotes Seidenband um einen schlanken Leib, in einem Boot
auf der Bucht, zwischen den Fichten des Waldes, wurden sie still und
andchtig vor Sehnsucht nach einem unbekannten Etwas, das sie nicht zu
hoffen wagten, zu dem sie sich aber hingezogen fhlten.

Gesprch und Lrm unten in der Kche und der alten Stuga nahmen eine
stillere Art an. Carlsson erschien bestndig in reinem, weiem Hemd,
hatte auch wochentags eine blaue Tuchmtze auf und nahm allmhlich das
Aussehen eines Verwalters an; hatte einen Bleistift in der Brusttasche
oder hinterm Ohr und rauchte oft eine leichte Zigarre.

Gustav zog sich dagegen zurck, hielt sich so abseits wie mglich, um
nicht zu Vergleichen Anla zu geben; sprach bitter von Stdtern im
allgemeinen; mute sich und andere fters als frher an das Geld auf
der Bank erinnern; machte weite Bogen, um an der Grostuga
vorbeizukommen und den hellen Kleidern auszuweichen.

Rundqvist ging mit finsterm Gesicht umher, hielt sich meist in der
Schmiede auf und erklrte, er frage den Teufel nach der ganzen Welt,
und sei es die Kniginwitwe selber.

Norman dagegen holte seine Soldatenmtze hervor, schnallte den
Hungerriemen ber das Wams und schlug Haken um den Brunnen, wohin die
Mgde der Herrschaft morgens und abends zu kommen pflegten.

Am schlimmsten kamen Clara und Lotte weg; die sahen bald alle
Mannsleute feige abfallen, um zu den Mgden der Herrschaft
berzugehen, die sich auf Briefen Frulein nennen lieen und im Hut
nach Dalar, dem Badeort, fuhren. Clara und Lotte muten barfu gehen;
im Viehstall war es so schmutzig, da sie ihre Stiefel bald verdorben
htten; und in der Kche war es zu hei, um beschuht zu sein. Sie
trugen dunkle Kleider und konnten sich nicht einmal eine weie Passe
erlauben, infolge von Schwei, Ru, Spreu. Clara machte einen Versuch
mit Manschetten, kam aber bel an; sie wurde sofort entlarvt, und man
lachte lange ber sie, da sie sich in Wettstreit eingelassen. Doch am
Sonntag hielten Clara und Lotte sich schadlos; da legten sie einen
Eifer fr den Kirchgang an den Tag, wie man seit Jahr und Tag nicht
gesehen; nur um ihre besten Kleider anziehen zu knnen.

Carlsson machte sich immer etwas beim Professor zu schaffen; blieb
stets am Vorbau stehen, wenn jemand dort sa; fragte nach dem
Befinden; sagte schnes Wetter voraus; schlug Ausflge vor; gab
Ratschlge ber die Seefischerei. Dann und wann bekam er ein Glas Bier
oder einen Kognak. Die Anderen beschuldigten ihn bald, halblaut, er
schmarotze.

Am Sonnabend, wenn die Kchin der Herrschaft nach dem Badeort Dalar
fuhr, um einzukaufen, entstand ein Meinungsaustausch, wer sie rudern
solle. Carlsson entschied die Sache ganz einfach zu seinen Gunsten,
denn das kleine, schwarze, weihutige Mdchen hatte es ihm angetan.
Als die Alte ihm Vorstellungen machte, der erste und wichtigste Mann
auf dem Hofe drfe sich nicht mit solchen kleinen Dingen befassen,
antwortete Carlsson, der Professor habe ihn eigens gebeten, weil
wichtige Briefe zur Post mten. Gustav verriet wider Willen, da auch
ihm daran gelegen sei, den Boten zu machen, indem er vorschlug, die
Briefe sollten ihm anvertraut werden.

Carlsson aber erklrte bestimmt, er knne unmglich zugeben, da der
Hausherr Knechtesdienste verrichte; das gebe den Leuten nur Stoff zum
Klatschen. Und dabei blieb es.

Den Dalarboten zu machen, hatte seine Vorteile, die der findige
Knecht im voraus aufgesprt. Zuerst war man allein mit einem Mdchen
auf See und konnte ungestrt mit ihr schwatzen und schkern. Dann
folgten Bewirtung und Trinkgelder. Und im Badeorte konnte er sich alle
Kaufleute verpflichten, indem er ihnen einen Kunden verschaffte; das
brachte immer einen Hndedruck ein, einen Schnaps hier, eine Zigarre
dort; auch fiel ein gewisser Schein von Ansehen auf den, der Auftrge
vom Professor zu besorgen hatte, am Wochentag fein gekleidet war und
sich in Gesellschaft eines Fruleins aus Stockholm befand.

Die Fahrten nach Dalar fanden jedoch nur ein Mal in der Woche statt
und hatten keinen strenden Einflu auf den regelmigen Gang der
Arbeit. Carlsson war nmlich so pfiffig, die Tage, an denen er fort
war, den Burschen die Arbeit in Akkord zu geben: sie muten so und so
viele Klafter entwssern, so und so viele cker pflgen, so und so
viele Bume fllen; dann waren sie frei. Die Leute gingen mit
Vergngen darauf ein, denn auf diese Weise konnten sie schon zur
Vesperzeit fertig sein.

Bei solchen Gelegenheiten, wenn die Arbeit zugemessen und die
geleistete geprft werden mute, kam der Bleistift und das jetzt
eingefhrte Notizbuch zu Ehren. Carlsson gewhnte sich daran, als
Verwalter aufzutreten und allmhlich die Arbeit auf andere Schultern
gleiten zu lassen.

Gleichzeitig richtete er sich auf der Kammer wie in seinem eigenen
Junggesellenzimmer ein. Tabakrauchen war lngst eingefhrt; auf den
Tisch am Fenster hatte er ein grnes Taschentintenfa, Federhalter,
Bleifeder, einige Bogen Postpapier aufgetischt und mit Leuchter und
Streichholzgestell geordnet: es sah aus wie ein Schreibtisch. Das
Fenster ging nach der Grostuga; daran sa er in seinen
Erholungsstunden und beobachtete die Bewegung der Herrschaft; auch
konnte er hier zeigen, da er zu schreiben verstand.

Abends machte er das Fenster auf, legte die Ellbogen aufs Fensterbrett
und schmauchte eine Pfeife oder einen Zigarrenstummel, den er aus der
Westentasche hervorsuchte. Oder er las ein Wochenblatt. Von unten sah
das so aus, als sei er der Hausherr selbst.

Wenn es aber dmmerig wurde und er Licht ansteckte, legte er sich
aufs Bett und rauchte. Dann kamen die Trume, Plne vielmehr; die
bauten sich auf Umstnde auf, die zwar noch nicht eingetreten waren,
aber durch eine kleine nderung sich vielleicht einstellen konnten.

Als er eines Abends so auf dem Rcken lag und Schwarzen Anker
qualmte, um die Mcken zu betuben, whrend seine Augen sich auf das
weie Laken hefteten, das die Kleider bedeckte, lie dieses pltzlich
los und fiel zu Boden. Wie den Schatten einer Reihe Soldaten sah er
die ganze Garderobe des Verstorbenen an der Wand Flankenmarsch machen;
gegen das Fenster und zurck zur Tr, je nachdem das Licht im Zuge
flackerte. Carlsson glaubte den Toten in all den Gestalten zu sehen,
welche die Kleider auf die karrierte Tapete zeichneten. Da kam er in
Joppe aus blauer Boi und in grauen Tuchhosen, in denen Knie waren, da
er mit denen im Trebel am Steuer gesessen, wenn er mit Fischen nach
der Stadt segelte, um dann in der Messingstange mit dem Fischkufer
Toddy zu trinken. Hier kam er in schwarzem Gehrock und langen,
flatternden Hosen: so ging er zur Kirche, wenn Beichte war; so war er
auf Hochzeit, Begrbnis, Kindstaufe gekleidet. Dort hing die schwarze
Jacke aus Schaffell; die hatte er an, wenn er im Herbst und Frhling
am Strande stand und Zugnetze zog. Dort brstete sich der groe
Seehundpelz, der noch Spuren vom Weihnachtsschmaus trug. Der
Reisegurt, mit grnem, gelbem, rotem Wollgarn gestickt, ringelte sich
wie die groe Seeschlange bis auf den Boden und steckte den Kopf in
einen Stiefelschaft.

Carlsson wurde warm unterm Hemd, wenn er sich in den schnen,
seidenweichen Pelz hineindachte; sich vorstellte, wie er auf einem
Schlitten bers Eis scho, eine Kappe aus Seehundsfell auf dem Kopf;
wie die Nachbarn den Weihnachtsgast am Strande mit Feuern und
Bchsenschssen empfingen; wie er in der warmen Stube den Pelz auszog,
um dann im schwarzen Tuchrock dazustehen; wie der Pastor ihn mit du
begrte und er ganz oben an der Schmalseite des Tisches sitzen
durfte, whrend die Knechte an der Tr standen oder sich aufs
Fensterbrett geschwungen hatten.

Die Vorstellungen von den erwnschten Seligkeiten wurden so lebhaft,
da sie Carlsson auf die Beine brachten; ehe er sich dessen bewut
wurde, war er in den Pelz geschlpft und strich mit der Hand ber die
Pulswrmer; als kose er die Brste eines Weibes, so weich und fein war
das Fell; und es schauerte ihn, als der Kragen seine Backe kitzelte.

Dann zog er den schwarzen Gehrock an und knpfte ihn zu; stellte
seinen Rasierspiegel auf den Stuhl und sah nach, wie der Rock im
Rcken sa; steckte die Hand unter den Aufschlag und ging im Zimmer
auf und ab. Ein Gefhl von Reichtum verbreitete sich von dem
seidenweichen Tuch; etwas Gerumiges, etwas Rundliches, als er zur
Probe den Scho spaltete und sich auf den Bettrand setzte; so tuend,
als sei er auf Besuch.

Whrend er so ganz in berauschenden Trumen versunken war, hrte er
von drauen Stimmen, die plauderten; als er aufhorchte, merkte er, wie
sich Idas (das war die hbsche Kchin) und Normans Stimmen
verflochten, zusammenfielen, Seite an Seite gingen, sich gleichsam
schnbelten. Das gab ihm einen Stich; mit einem Griff hatte er Gehrock
und Pelz unter die Kleider hinter das Laken gehngt; bewaffnete sich
mit einer neuen Zigarre und ging die Treppe hinunter.

       *       *       *       *       *

Mit ernsten Zukunftsplnen beschftigt, hatte Carlsson bisher alle
Hndel mit Mdchen vermieden. Erstens wute er, wieviel Zeit dabei
verloren geht; dann fhlte er, im selben Augenblick, in dem er das
Feuer nach dieser Seite erffnete, gab es keine Sicherheit mehr; er
konnte sich eine Ble geben, die schwer zu verteidigen war; und war
er einmal auf diesem Felde geschlagen, war es aus mit Respekt und
Ansehen.

Als sich jetzt aber die anerkannte Schnheit dem Wettstreit aussetzte,
und der Sieger zu viel zu gewinnen hatte, fhlte er sich veranlat,
die Sporen zu benutzen und den Kamm zu erheben; mit dem festen
Entschlu, der Hahn zu werden, ging er auf den Holzplatz hinunter, wo
das Spiel schon in vollem Gange war. Es rgerte ihn nur, da er sich
mit Norman messen mute; wre es wenigstens Gustav gewesen! Aber
dieser Tropf Norman! Nun, der sollte mal sehen!

-- Guten Abend, Ida! begann er, ohne von dem Nebenbuhler Notiz zu
nehmen, der unwillkrlich seinen Platz am Zaun verlie.

Carlsson nahm diesen Platz sofort ein und begann das Spiel. Whrend
Ida Holz und Spne in die Holztrage las, machte er von seiner
berlegenen Beredsamkeit einen solchen Gebrauch, da Norman kein
Wrtchen anbringen konnte.

Ida aber war launenhaft wie beim Mondwechsel; sie warf Norman
Seitenworte zu, die Carlsson jedoch im Fluge aufgriff und
zurcksandte, hbsch verziert und schn ausgemalt.

Aber die Schne fand Gefallen an dem Kampf und bat Norman, ihr etwas
Kienholz zu spleien. Ehe der Glckliche bis zur Tr kam, war Carlsson
schon ber den spitzen Zaun gestiegen, hatte sein Klappmesser gezogen
und begann einen trockenen Fichtenklotz zu spleien. In wenigen
Minuten legte er die Spne in die Holztrage, fate alles mit dem
kleinen Finger zusammen und trug es direkt in die Kche, in die ihm
Ida folgte. Dort blieb er am Trpfosten stehen, indem er sich so breit
machte, da niemand weder hinaus noch herein konnte.

Norman, dem es nicht gelang, irgend ein Anliegen zu erfinden,
umkreiste zuerst einige Male den Holzplatz, um milzkrank darber
nachzusinnen, wie leicht der Unverschmte im Leben vorwrts kommt; bis
er schlielich fr gut fand, abzuziehen. Er setzte sich auf den
Brunnenrand und sthnte seine Klage in einem Schottischen aus, den er
aus der Handharmonika holte.

Die weichen Tne der Blechzungen drangen doch durch die dicke
Abendluft, am Trpfosten vorbei, und erreichten den Thron der
Barmherzigkeit am Kchenherd: Ida erinnerte sich jetzt, sie msse zum
Brunnen gehen, um fr den Professor Trinkwasser zu holen.

Carlsson folgte ihr; dieses Mal aber fhlte er sich doch etwas
unsicher in dem Kampf auf einem Felde, das ihm ganz fremd war. Um die
Wirkung des zauberischen Lockrufs aufzuheben, nahm er Idas
Kupferflasche und flsterte zrtliche Worte; in einem so schmachtenden
und wohlklingenden Tone, wie er nur irgend vermochte; als wolle er der
verfhrerischen Musik Worte unterlegen und das Solo zu einer
untergeordneten Begleitung herabsetzen.

Aber gerade als sie zum Brunnen kamen, rief die Hausmutter oben aus
der Htte. Sie rief Carlsson, und in ihrem Ton war zu hren, da es
sich um etwas Wichtiges handelte.

Zuerst wurde Carlsson bse und wollte nicht antworten; da aber fuhr
der Teufel in Norman: mit schallender Stimme rief der:

-- Hier, Tante! Er kommt sofort!

Indem er den falschen Spielmann zur Hlle wnschte, ri sich der
Sieger aus den Armen der Liebe und lie die halb errungene Beute dem
Schwchern, der sein Liebesglck nur einem Schicksal zu verdanken
hatte.

Die Alte rief noch ein Mal; mit zorniger Stimme antwortete Carlsson,
er komme so schnell, wie er nur knne.

-- Wollt Ihr nher treten, Carlsson, und eine Halbe trinken, empfing
die Alte ihn im Vorbau, mit der Hand die Augen beschattend, um die
leichte Sommerdmmerung zu durchdringen und zu sehen, ob er allein
komme.

Carlsson htte sonst gern eine Halbe getrunken, aber in diesem
Augenblick wnschte er allen Kaffee und Branntwein zur Hlle; doch
konnte er nicht nein sagen; whrend Normans norrkpinger
Scharfschtzenmarsch siegesstolz und hohnvoll von der Quellwiese
heraufklang, mute er in die Stuga hinein.

Die Alte war milder als gewhnlich; Carlsson aber fand sie lter und
hlicher als gewhnlich. Je freundlicher sie sich zeigte, desto
mrrischer wurde er; das machte die Alte schlielich beinahe zrtlich.

-- Die Sache ist die, Carlsson, sagte sie schlielich, whrend sie ihm
Kaffee eingo: wir mssen fr nchste Woche zur Mahd aufbieten. Darum
mchte ich natrlich erst mit Euch sprechen.

Die Harmonika verstummte mitten in den schmelzenden Akkorden des
Trios; Carlsson erstarrte und wurde unaufmerksam, um schlielich
einige Worte ohne Klang und ohne richtigen Zusammenhang
hervorzubringen:

-- Jaja, also die Mahd in nchster Woche!

-- Und da mchte ich, fuhr die Alte fort, da Ihr am Sonnabend mit
Clara hinfahrt und aufbietet; dann kommt Ihr auch etwas unter die
Leute und knnt Euch zeigen, denn das ist immer gut.

-- Aber am Sonnabend kann ich nicht, antwortete Carlsson mrrisch; da
mu ich fr Professors nach Dalar.

-- Einmal knnte wohl Norman die Fahrt machen, wendete die Alte ein
und drehte dem Knecht den Rcken, um seine Miene nicht sehen zu
mssen.

In diesem Augenblick brachte die Harmonika einige weiche, von Pausen
unterbrochene Stze hervor, die sich zu entfernen schienen, um drauen
in der Sommernacht, wo die Nachtschwalbe schon an ihrem surrenden
Rocken spann, zu verhallen.

Carlsson schwitzte Todesschwei, go den Kaffeebranntwein hinunter,
fhlte Steine auf der Brust, Nebel um den Kopf, eine allgemeine
Schwche in den Nerven.

-- Das kann Norman nicht, stie er hervor; Norman kann die Geschfte
des Professors nicht besorgen -- und -- er wird auch nicht damit
betraut.

-- Aber ich habe den Professor gefragt, schnitt die Alte den Faden ab;
und er sagte, er habe fr diesen Sonnabend nichts.

Es war wie verhext fr Carlsson; die Alte hatte ihn wie eine Maus
gepackt; es war kein Loch mehr vorhanden, in das er schlpfen konnte.

Und seine Gedanken gingen nach so verschiedenen Richtungen, da er sie
kaum zu einer Gegenwehr sammeln konnte. Das sah die Alte auch, und sie
wollte darum kneten, solange der Teig grte.

-- Hrt mal, Carlsson, sagte sie; Ihr mt es Euch nicht zu Herzen
nehmen, wenn ich Euch was sage; denn ich meine es gut mit Euch.

-- Ihr mgt meinetwegen sagen, was zum Teufel Ihr wollt: denn jetzt ist
es mir doch ganz einerlei, brach Carlsson los, der die zrtlichen Tne
der Harmonika im Hag verklingen hrte.

-- Ich wollte nur sagen, Ihr mt Euch fr zu gut halten, um mit den
Mdchen zu spielen; das nimmt nur ein schlimmes Ende. Ja, ich wei;
ich kenne das; und es ist gut gemeint von mir, Carlsson. Solche
Stadtmdchen mssen immer einen Tro Mnner hinter sich haben, damit
es nach was aussieht; und dann wird hier scherwenzelt und dort
gehnselt; und gehen sie in den Wald mit Einem, laufen sie in den Hag
mit dem Andern. Und wenn es schief geht, so nehmen sie den, ders am
besten tragen kann. So ist's bestellt!

-- Was kmmert's mich, wer die Burschen brstet; meiner sollen sie
nicht habhaft werden. brigens ist ein Unterschied zwischen Mdchen
und Mdchen; alle sind nicht Dirnen, die verkommen, erleichterte
Carlsson sein volles Herz.

-- Nicht bel aufnehmen, trstete die Alte. Aber ein Mann wie Ihr,
Carlsson, sollte ans Heiraten denken, nicht solchen Mdchen
nachlaufen. Hier in den Schren gibt es viele reiche Mdchen, kann ich
Euch sagen; und seid Ihr klug und macht Ihr Eure Sache gut, so knnt
Ihr frher als Ihr glaubt Euer eigener Herr werden. Darum mt Ihr
nicht eigensinnig sein, Carlsson, sondern auf das hren, was ich Euch
sage, wenn ich Euch bitte, zu den Nachbarn zu fahren und sie zur Mahd
zu laden. Bedenket doch, nicht Jeden htte ich aufgefordert, im Namen
des Hofes zu fahren; und der Junge wird wohl auch ber mich herfallen.
Aber daran kehre ich mich nicht: halte ich mich an einen, so sttze
ich ihn auch; darauf knnt Ihr Euch verlassen.

Es begann in Carlssons Innern ruhig zu werden; es leuchtete ihm ein,
da es seine Vorteile haben msse, den Hof zu vertreten; aber er war
noch zu sehr gereizt, um seine Flamme gegen etwas Ungewisses zu
vertauschen; er hatte ein Bedrfnis, zuerst etwas Handgeld zu
erhalten, ehe er sich auf das Geschft einlie.

-- So wie ich hier bin, kann ich nicht gehen, und saubere Kleider habe
ich nicht, warf er seine Schnur aus.

-- So schlimm ist es mit den Kleidern wohl nicht, meinte die Alte;
wenn aber weiter nichts fehlt, so werden wir schon Rat schaffen.

Weiter mochte Carlsson in dieser Richtung nicht gehen; dafr wollte er
lieber das angedeutete Versprechen gegen ein anderes, bestimmtes,
auswechseln. Nach verschiedenen Einwendungen der Alten gelang es ihm
auch, zu erreichen, da Norman, als unentbehrlich beim Schleifen der
Sensen und Ausbessern des Heuwagens, zu Hause bleiben sollte, whrend
Lotte Ida nach Dalar fuhr.

       *       *       *       *       *

Es war drei Uhr morgens an einem Julitage im Anfang des Monats. Es
raucht schon aus dem Schornstein, der Kaffeekessel ist aufgesetzt; das
ganze Haus ist wach und in Bewegung; drauen auf dem Hof ist ein
langer Kaffeetisch gedeckt.

Die Schnitter sind am Abend vorher gekommen und haben auf Heuboden und
Scheune geschlafen. Zwlf stattliche Mnner aus den Schren, in weien
Hemdrmeln und Strohhten, stehen in Gruppen vor der Stuga, mit Sensen
und Wetzsteinen bewaffnet.

Da ist der Alte aus Owassa und der Alte aus Svinnockar, deren Rcken
vom Rudern rund geworden sind; da ist der von Asp mit seinem langen
Heldenbart, einen Kopf hher als die Andern, mit tiefen, traurigen
Blicken von der Einsamkeit drauen am offenen Meere, von Kummer ohne
Namen und ohne Klage; das ist der Fjllonger, eckig und halb gedreht,
wie eine Meerkiefer drauen auf der letzten Schre; der von
Fiverstra, mager, durchweht, lebhaft, trocken wie eine Kaffeehaut;
die Quarner, Bootbauer von Ruf; die von Longskr, die ersten
Seehundschtzen; der Bauer von Arn mit seinen Jungen.

Und um ihnen, zwischen ihnen bewegten sich die Mdchen, in
Hemdrmeln, mit Brusttchern ber den Busen, in hellen Kleidern aus
Baumwolle, mit Tchern auf dem Kopf. Die Harken, die in allen Farben
des Regenbogens frisch bemalt waren, hatten sie selbst mitgebracht.
Sie sahen aus, als gingen sie zu einem Fest, nicht zu einer Arbeit.
Die Alten klopften sie mit den Fingerkncheln auf die Taille und
sagten ihnen vertrauliche Worte. Die Burschen aber verhielten sich so
frh am Morgen beiseite; sie warteten den Abend mit Dmmerung, Tanz
und Musik ab, um ihre Liebesspiele zu spielen.

Die Sonne war seit einer Viertelstunde aufgegangen, aber noch nicht so
weit ber die Wipfel der Kiefernhhe gekommen, um den Tau aus dem Gras
zu lecken. Die Bucht lag spiegelblank da, von dem jetzt blagrnen
Schilf eingefat; das Piepen der eben ausgebrteten jungen Enten war
zwischen dem Schnattern der alten zu hren; die Mwen fischten dort
unten Ukeleis, segelnd, gro, flgelbreit, schneewei wie die
Gipsengel der Kirche; in der Kellereiche waren die Elstern erwacht und
schwatzten und kicherten von den vielen Hemdrmeln, die sie unten auf
dem Haushgel gesehen; der Kuckuck rief im Hag, brnstig, rasend, als
sei die Zeit des Begehrens zu Ende, wenn er den ersten Heuschober
erblickte; die Wiesenknarre arpte und schnarpte unten im Roggenfelde;
aber auf dem Hgel sprang der Hund und begrte alte Bekannte.

Hemdrmel und Leinenpassen glnzten im Sonnenschein, streckten sich
ber den Kaffeetisch, auf dem Tassen und Schsseln, Glser und Kannen
klirrten: die Bewirtung hatte begonnen.

Gustav, sonst schchtern, machte den Wirt; sich unter den alten
Freunden seines Vaters sicher fhlend, setzte er Carlsson in Schatten
und handhabte selber die Branntweinflasche.

Carlsson aber, der auf seiner Einladungsfahrt Bekanntschaften
geschlossen, benahm sich, als sei er zu Hause, wie ein lterer
Angehriger oder Gast, und lie sich den Hof machen. Da er vor Gustav
zehn Jahre voraus hatte und ein mnnlicheres Aussehen besa, stach er
diesen aus; zumal Gustav fr die Mnner, die sich mit seinem Vater
geduzt, kaum etwas anderes als der Junge werden konnte.

Der Kaffee war getrunken, die Sonne stieg, die Veteranen setzten sich
in Bewegung, um nach der groen Wiese hinunter zu ziehen, die Sensen
auf den Schultern; die Jungen und die Mdchen folgten.

Das Gras reichte den Mnnern bis an die Schenkel und stand dicht wie
ein Fell. Carlsson mute ber die neue Bewirtschaftung der Wiese
Bescheid geben; wie er Laub und Gras vom vorigen Jahr abrumte, die
Maulwurfshaufen ebnete, in die Frostflecken sete, mit Jauche bego.

Dann verteilte er wie ein Hauptmann seine Truppe; gab den Alten und
Vermgenden Ehrenpltze und ging selbst an letzter Stelle; verlor sich
also nicht im Haufen.

Und so begann die Schlacht. Zwei Dutzend weie Hemdrmel in einem
Keil, ziehenden Schwnen gleich, die Sensen Ferse an Ferse; und
hinterdrein, in zerstreuter Ordnung, wie ein Volk Fischschwalben,
launenhaft hin und her springend, aber doch zusammen haltend, die
Mdchen mit ihren Harken; jede ihrem Mher folgend.

Es sauste um die Sensen, und das tauige Gras fiel in Bscheln. Seite
an Seite lagen alle Blumen des Sommers, die sich aus Wald und Hag
heraus gewagt: Gnseblume und Kuckucksblume, Pechnelke und Labkraut,
Klberkropf, Heidenelke, Erve, Wachtelweizen, Steinsame, Pestwurz,
Kleeblatt; und alle Grser und Halbgrser der Wiesen. Es duftete nach
Honig und Gewrzen; Bienen und Hummeln flohen in Schwrmen vor der
mrderischen Schar. Die Maulwrfe verkrochen sich in die Eingeweide
der Erde, als sie es in ihrem gebrechlichen Dach krachen hrten. Die
Ringelnatter schlpfte erschrocken in den Graben und verschwand in ein
Loch, das nicht grer als ein Tauende war. Aber ber das Schlachtfeld
in die Hhe schwang sich ein Lerchenpaar, dessen Nest ein Absatzeisen
zertreten hatte. Als Nachhut trippelten die Stare, um allerhand
Getier, das in den brennenden Sonnenschein geraten war, aufzulesen und
aufzupicken.

Die erste Bahn war bis zum Feldrain abgemht. Die Kmpfer hielten inne
und betrachteten, auf ihre Sensenschfte gesttzt, das Werk der
Zerstrung, das sie hinter sich gelassen. Sie wischten sich den
Schwei aus dem Mtzenstreifen und nahmen eine neue Prise Schnupftabak
aus den Messingdosen. Inzwischen hatten sich die Mdchen beeilt in die
Frontlinie zu kommen.

Dann geht es wieder auf das grne Blumenmeer los, das unter der
wachsenden Morgenbrise wogt; bald bunte leuchtende Farben zeigt, wenn
die steiferen Stengel und Kpfe der Blumen sich in den Wellen des
weichen Honiggrases behaupten; bald sich in einem einzigen Grn wie
ein See in Windstille ausbreitet.

Es ist Fest in der Luft und Wetteifer in der Arbeit; man wrde lieber
am Sonnenstich niederstrzen, als die Sense fortstellen.

Carlsson hat Ida zur Harkerin, und da er der Letzte in der Reihe ist,
kann er, ohne die Waden zu gefhrden, sich prahlerisch umdrehen, um
ihr ein Wort zuzuwerfen. Aber Norman hat er unter strenger Bewachung
schrg vor sich; sobald dieser einen verliebten Blick nach Sdosten
tun will, hat er Carlssons Sense an den Hacken und hrt einen eher
unfreundlichen als wohlwollenden Warnungsruf:

-- Die Fe in Acht nehmen!

Als die Uhr acht ist, liegt die Quellwiese wie ein eben geeggter
Acker da, glatt wie eine Hand, und das Heu in langen Schwaden. Jetzt
wird das Werk beschaut und die Schlge geprft. ber Rundqvist sitzt
man zu Gericht; man kann sehen, wo er gegangen ist; es sieht aus, als
htten Elfen dort getanzt. Aber Rundqvist verteidigt sich: er habe
nach dem Mdchen sehen mssen, das man ihm gegeben; denn es sei nicht
gestern gewesen, da ein Mdchen ihm nachgelaufen.

Jetzt halloht Clara oben von der Hhe zum Frhstck; die
Branntweinflasche funkelt in der Sonne und der Anker Dnnbier ist
angestochen; der Kartoffeltopf raucht auf der Felsplatte, der
Strmling dampft in den Schsseln, die Butter ist aufgelegt, das Brot
ist geschnitten; die Schnpse werden eingegossen, und das Frhstck
ist im Gang.

Carlsson hat Lob erhalten und ist siegestrunken; Ida ist ihm auch
gewogen, und er wartet ihr mit einer Aufmerksamkeit auf, die auffllt;
aber sie ist auch die Schnste des Tages.

Die Alte, die mit Schsseln und Tellern aus und ein luft, streicht
oft an den beiden vorbei; zu oft, um nicht von Ida bemerkt zu werden;
doch nicht eher von Carlsson, als bis sie ihm mit dem Ellbogen sanft
in den Rcken stt und flstert:

-- Ihr mt Wirt sein, Carlsson, und Gustav helfen; Ihr mt tun, als
seiet Ihr hier zu Hause!

Carlsson hat nur Augen und Ohren fr Ida und antwortet der Alten mit
einem Scherz. Jetzt aber kommt Lina, das Kindermdchen des Professors,
und erinnert Ida daran, da sie nach Haus mu, um aufzurumen.

Aufregung und Trauer bricht unter den Mnnern aus, aber die Mdchen
sind nicht sehr betrbt.

-- Wer soll denn fr mich aufnehmen, wenn ich kein Mdchen mehr habe?
ruft Carlsson mit gespielter Verzweiflung aus, die den wirklichen
Verdru verbergen soll.

-- Dann mu es Tante wohl tun? antwortet Rundqvist, der Augen im Rcken
haben soll.

-- Tante mu harken! rufen die Mnner im Chor. Tante mu kommen und
harken.

Die Alte schlgt abwehrend mit der Schrze:

-- Was soll ich alte Frau unter den Mdchen? Nein, niemals, niemals!
Ihr seid wohl nrrisch!

Aber der Widerstand reizt.

-- Nimm die Alte, flstert Rundqvist, whrend Norman sich aufheitert
und Gustav finster wie die Nacht wird.

Es blieb keine Wahl; unter Lrm und Lachen eilt Carlsson ins Haus, um
die Harke der Alten zu holen, die irgendwo oben auf dem Boden liegen
mu. Hinter ihm drein luft die Alte, die schreit:

-- Nein, um Gottes willen, Ihr drft nicht in meinen Sachen kramen.

So verschwinden die Beiden, whrend die Zurckbleibenden laute und
beiende Bemerkungen machen.

-- Ich finde, unterbricht Rundqvist schlielich das Schweigen, das
entstanden ist, sie bleiben etwas lange aus! Geh, Norman, und sieh
nach, was geschehen ist!

Strmischer Beifall ermuntert den Ehrgeizigen, fortzufahren.

-- Was mgen sie oben nur machen? Das ist doch zu arg! Ich werde
wirklich unruhig, wit ihr.

Gustavs Lippen wurden dunkelblau, aber er zwang sich zu einem Lachen,
um sich nicht von den Andern abzusondern.

-- Gott verzeihe mir meine Snden, fuhr Rundqvist im selben Tone fort;
jetzt aber halte ichs nicht lnger aus; ich mu nachsehen, was die
Beiden vorhaben.

In diesem Augenblick kommt Carlsson mit der Alten aus dem Vorbau und
bringt die gesuchte Harke. Die ist fein, mit zwei Herzen bemalt, Anno
1852 gezeichnet; es war einst die Brautharke der Alten, die Flod
selbst angefertigt. Sie hatte Erbsen im Schaftknauf, die klapperten,
wenn man die Harke rhrte.

Die Erinnerung an vergangene Freuden scheint den frischen Sinn der
Alten in eine muntere Stimmung zu versetzen; ohne eine Spur von
krankhafter Empfindsamkeit zeigt sie auf die Jahreszahl und sagt:

-- Das war nicht gestern, als der Flod mir die Harke machte...

-- Und du ins Brautbett stiegst, Tante, fiel der von Svinnockar ein.

-- Kannst es wohl noch ein Mal, meinte der aus Owassa.

-- Sechs Wochen alten Ferkeln und zwei Jahre alten Witwen kann man
nicht trauen, neckte der Fjllonger.

-- Je trockener der Zunder, desto schneller fngt er Feuer, brannte der
von Fiverstra los.

Und jeder warf seinen Scheit aufs Feuer. Die Alte aber schmunzelte und
wehrte sie ab, machte gute Miene zum bsen Spiel und scherzte mit;
bse zu werden, hatte keinen Zweck.

Dann gings auf die Bruchwiese hinunter. Da standen Segge und
Schachtelhalm so hoch wie ein Kiefernwald und das Wasser ging den
Mnnern bis an die Stiefelschfte. Die Mdchen zogen Strmpfe und
Schuhe aus und hingen sie auf den Feldzaun.

Die Alte harkte hinter Carlsson so fleiig, da sie es den Andern
zuvortat. Manches Scherzwort ber das junge Paar, wie sie genannt
wurden, fiel. Diesen Ausdruck benutzten sie als Feigenblatt, um
darunter zu verbergen, was im Geheimen zu wachsen begann.

So ward es Mittag und so ward es Abend.

Der Spielmann war mit seiner Geige gekommen; die Tenne war gerumt
und gekehrt, die schlimmsten Astlcher mit Pech verkittet worden. Als
die Sonne unterging, begann der Tanz.

Carlsson erffnete ihn mit Ida; deren schwarzes Kleid war viereckig
ausgeschnitten, hatte eine weie Krause und einen Maria-Stuart-Kragen;
wie eine beneidete Dame stand Ida unter den Bauernmdchen da; die
Alten betrachteten sie mit Furcht und Klte, die Jungen mit Verlangen.

Carlsson konnte allein den neuen Walzer; darum nahm Ida ihn gern, ein
Mal nach dem andern, nachdem ein Versuch mit Norman milungen war. Als
der so aus dem Felde geschlagen wurde, verfiel er auf den
unglcklichen Gedanken, zu seiner Handharmonika zu greifen; um sein
gequltes Herz auszuschtten und vielleicht mit einer letzten Leimrute
den feinen und unbestndigen Vogel zu fangen; vor einigen Wochen
glaubte er ihn in der Hand zu haben, bald aber sa er wieder auf dem
Dach und schnbelte mit einem andern.

Carlsson fand indessen die Begleitung berflssig, da er eigens einen
wirklichen Spielmann gedungen; und die engbrstige Harmonika hielt mit
der leichtfigen Geige nicht Schritt, sondern strte den Takt und
brachte Unordnung in den Tanz. Die gute Gelegenheit, den Nebenbuhler
abzutun, lockte Carlsson, zumal die Meinung, die Harmonika stre nur,
allgemein zu sein schien. Er nahm also den Mund etwas voll und schrie
dem unglcklichen Liebhaber, der sich in einer Ecke verkrochen hatte,
ber die Tenne hinber zu:

-- Halloh, schnr den Lederbeutel, du! Mach, da du hinauskommst, und
la die Luft aus, wenn du aufgeblasen bist.

Die allgemeine Meinung verurteilte den Snder mit einem zustimmenden
Lachen. Norman aber waren einige Schnpse zu Kopf gestiegen, und Idas
Krause hatte ungeahnte Krfte hervorgezaubert.

-- Halloh! ahmte er Carlsson nach, der unversehens in seine Mundart
verfallen war, die auf Hochschweden lcherlich wirkte. Komm nur hinaus
auf den Hof, dann werde ich dir schon die Flhe aus dem Schweinepelz
lausen!

Carlsson fand seine Stellung noch nicht so bedroht, um zu den Fusten
bergehen zu mssen, sondern hielt sich auf dem unschuldigeren Gebiet
des Zungenkampfes.

-- Was ist das fr ein merkwrdiges Schwein, das Flhe im Pelz hat?

-- Das stammt wohl aus Wrmland, glaube ich, antwortete Norman.

Das verletzte die Nationalehre; noch im letzten Augenblick nach einem
vernichtenden Wort suchend, das sich aber nicht einstellte, ging
Carlsson auf den Feind los, packte ihn bei der Weste und ri ihn auf
den Hof hinaus.

Die Mdchen stellten sich in die Trffnung, um dem Zusammensto
zuzusehen; niemandem fiel es ein, dazwischen zu treten.

Norman war klein und untersetzt, aber Carlsson war grber gebaut und
hher gewachsen. Im Nu warf er den Rock ab, um den er bange war, und
die Kmpfer rannten zusammen. Norman mit dem Kopf voran, wie ers von
den Lootsenburschen gelernt hatte. Carlsson aber packte ihn, zielte
einen hlichen Futritt nach dem Unterleib, und wie ein
zusammengerollter Igel fiel Norman auf den Dunghaufen.

-- Rallbuse! schrie er, auer stande, sich weiter mit den Fusten zu
verteidigen.

Carlsson schumte; vergebens nach Schimpfwrtern suchend, setzte er
Norman das Knie auf die Brust und ohrfeigte den Geschlagenen. Der
spuckte und bi um sich, bekam aber schlielich eine Handvoll Streu in
den Mund.

-- Jetzt werde ich dir das ungewaschene Maul putzen! schrie Carlsson
und rieb den Geschlagenen mit einem Strohwisch, den er aus dem
Dunghaufen gerissen, so, da die Nase blutete.

Aber das ffnete dem wutschnaubenden Norman den Mund: seinen ganzen
Vorrat von Schimpfworten schleuderte er dem Sieger ins Gesicht, der
die Zunge des Besiegten doch nicht binden konnte.

Die Musik war verstummt, der Tanz hatte aufgehrt. Die Zuschauer
hatten ihre Bemerkungen ber die Wendungen des Wortstreites und
Faustkampfes gemacht und mit demselben gleichmtigen Interesse
zugehrt und zugesehen, wie sie einem Schlachten oder einem Tanz
zusahen. Doch fanden die Alten, Carlssons Angriff sei nicht ganz
regelrecht, nicht nach alter Sitte gewesen. Pltzlich aber war ein
Schrei zu hren, der den Haufen sprengte und alle aus der Feststimmung
ri:

-- Er zieht ein Messer! schrie einer; man konnte nicht unterscheiden,
wer.

-- Ein Messer! wurde im Haufen geantwortet. Keine Messer! Fort mit den
Messern!

Und die Kmpfer wurden umringt; Norman, dem es gelungen war, sein
Klappmesser zu ffnen, wurde entwaffnet und auf die Fe gestellt,
nachdem man Carlsson von ihm losgerissen.

-- Raufen knnt ihr euch, Burschen, aber nicht messern, schlo der Alte
von Svinnockar die Schlgerei.

Carlsson zog seinen Rock an und knpfte ihn ber seine zerrissene
Weste; aber Norman hing der eine Hemdrmel wie ein Fetzen aufs Bein
herab. Im Gesicht bel zugerichtet, schmutzig, blutig, hielt ers frs
Beste, sich um die Ecke zu entfernen, um seine Niederlage nicht den
Mdchen zu zeigen.

Mit der frohen Zuversicht des Siegers und des Strkern trat Carlsson
wieder auf die Tanzbahn, um, nach einem tchtigen Schluck, das Spiel
mit Ida von neuem zu beginnen, die ihn mit Wrme, ja beinahe
Bewunderung empfing.

Der Tanz ging los wie ein Dreschwerk. Die Dmmerung war
hereingebrochen. Der Branntwein machte die Runde, und man widmete dem
Tun und Lassen des Nchsten geringere Aufmerksamkeit. Darum konnte
Carlsson mit Ida aus der Tenne heraus kommen und das Hagtor erreichen,
ohne da jemand naseweise Fragen stellte. Aber gerade als das Mdchen
ber den Zauntritt gestiegen war und Carlsson oben auf dem Zaune
stand, hrte er durchs Halbdunkel die Stimme der Alten, ohne jemand
sehen zu knnen.

-- Carlsson! Ist Carlsson da! Kommt und tanzt eine Runde mit Eurer
Harkerin.

Aber Carlsson antwortete nicht, sondern glitt hinunter und schlpfte
in den Hag, leise wie ein Fuchs.

Die Alte hatte ihn jedoch gesehen, und obendrein noch Idas weies
Taschentuch, das diese um den Leib geknpft, um ihr Kleid vor den
schweiigen Hnden zu schtzen. Als sie noch ein Mal gerufen, ohne
Antwort zu erhalten, ging sie nach, ber den Zauntritt, in den Hag.

Der Weg unter den Haselbschen lag vollstndig im Dunkel; sie sah nur
etwas Weies, das in dem Schwarzen ertrank und schlielich auf den
Boden des langen Tunnels sank. Sie wollte nachlaufen; da aber waren
neue Stimmen am Zauntritt zu hren, eine grbere und eine klingendere;
aber beide gedmpft und, als sie nher kamen, flsternd. Gustav und
Clara stiegen ber den Zaun, der unter den etwas unsichern Schritten
des Burschen knackte; und von zwei starken Armen gehoben, sprang Clara
hinunter.

Die Alte versteckte sich in den Bschen, whrend das Paar Arm in Arm
vorbeizog; halbsingend, kssend dahintanzte, wie sie selbst einst
getanzt, gesungen und gekt hatte.

Noch ein Mal knackte der Zauntritt, und wie ein junger Stier kam der
quarner Bursche mit dem fjllonger Mdchen angesprungen. Als sie hoch
oben auf dem Zaun stand, das Gesicht vom Tanz gertet und mit
ausgelassenem Lachen die weien Zhne zeigend, legte sie die erhobenen
Arme ber Kreuz hinter den Nacken, als wolle sie sich fallen lassen;
und mit schnaubendem Lachen und aufgeblhten Nasenflgeln warf sie
sich dem Burschen in die Arme; der empfing sie mit einem langen Ku
und trug sie in die Dunkelheit hinein, wo sie verschwanden wie unter
einer Decke.

Die Alte stand hinter den Haselbschen und sah Paar nach Paar kommen,
gehen, wiederkehren; ganz wie in ihrer Jugend; und altes Feuer glhte
wieder auf, das unter der Asche von zwei Jahren versteckt gewesen; und
sie fhlte die Plage noch im Fleische wten, stechend wie Verlangen
ohne Hoffnung, wie Vermissen des fr immer Verlorenen.

Whrenddessen war die Geige allmhlich verstummt. Es war ber
Mitternacht, und die Morgenrte stand im Norden bereits schwach ber
dem Walde. Die Stimmen auf der Tenne wurden lauter und einzelne
Hurrahrufe von der Wiese gaben an, da sich die Tanzgesellschaft
zerstreut hatte und die Heimfahrt fr die Mher bevorstand.

Die Alte mute zurck, um beim Abschied zugegen zu sein.

Als sie in den Hohlweg kam, wo sich die Dunkelheit so zu lichten
anfing, da man das grne Laub unterscheiden konnte, sah sie Carlsson
und Ida ganz hinten auf der Hhe kommen, Hand in Hand, als wollten sie
einen neuen Tanz beginnen, bla wie Leinen, mit groen dunkeln
Lchern, wo die Augen, die sie nicht sah, sitzen muten. Frchtend,
hier im grnen Gange getroffen zu werden, kehrte sie um und eilte
ber den Zauntritt, um nach Hause zu kommen, ehe die Gste gingen.

Aber auf der andern Seite des Zauntritts stand Rundqvist und schlug
die Hnde zusammen, als er die Alte erblickte, die ihr Gesicht in der
Schrze barg, um nicht zu zeigen, wie sie sich schmte.

-- Nein, ist die Tante auch im Hag gewesen und hat Eier gesucht? Ich
sage ja, auf die Alten ist doch nicht mehr Verla als auf...

Sie hrte nicht mehr, sondern eilte, so schnell sie konnte, der Stuga
zu.

Dort hatte man sie schon gesucht und empfing sie jetzt mit
Hurrahrufen, Hndeschtteln und Dankesworten fr gute Bewirtung, um
sich dann zu verabschieden.

Als alles wieder still geworden und die Flchtlinge aus Hag und
Wiese herbeigerufen waren, ohne da sich alle einstellten, ging die
Alte zu Bett. Lange aber lag sie wach und lauschte, ob sie nicht
Carlsson die Treppe zur Kammer hinaufgehen hrte.




     Viertes Kapitel

     Es poltert zur Hochzeit;
     die Alte wird ums Geld genommen


Das Heu war unter Dach, Roggen und Weizen geborgen. Der Sommer war zu
Ende und er war gut gewesen.

-- Er hat Glck, der Kerl! sagte Gustav ber Carlsson, dem man nicht
ohne Grund die Erhhung des Wohlstandes zuschrieb.

Der Strmling war gekommen, und alle Mnner auer Carlsson waren
drauen in den uersten Schren, als die Familie des Professors zur
Erffnung der Oper nach Haus mute.

Carlsson hatte auch das Packen bernommen und lief den ganzen Tag mit
der Bleifeder hinterm Ohr herum; trank Bier am Kchentisch, im
Ezimmer, im Vorbau. Hier kriegte er einen abgelegten Strohhut, dort
ein Paar ausgetretene Segelschuhe; eine Pfeife, ungerauchte Zigarren
nebst Spitze, leere Schachteln und Flaschen, Angelruten und
Liebigbchsen, Korke, Bindfaden, Ngel -- alles, was man nicht
mitnehmen konnte oder fr unntig hielt.

Es fielen so viele Brosamen von des Reichen Tische, und man hatte
allgemein das Gefhl, man werde die Abreisenden vermissen; von
Carlsson an, der seine Liebste verlor, bis hinunter zu den Hhnern und
Ferkeln, die nicht lnger Sonntagsessen aus der herrschaftlichen Kche
bekamen. Am wenigsten bitter war der Kummer fr die verlassenen Mgde
Clara und Lotte; trotzdem sie so manche gute Tasse Kaffee bekommen
hatten, wenn sie Milch hinaufbrachten, fhlten sie doch, ihr Frhling
werde wiederkommen, wenn nur der Herbst die Mitbewerberinnen auf dem
Liebesmarkte entfernte.

Am Nachmittage, als der Dampfer kam und anlegte, um die Familie
abzuholen, war groe Aufregung auf der Insel, denn noch nie hatte dort
ein Dampfer angelegt.

Carlsson leitete die Landung, gab Befehle und fhrte das groe Wort,
whrend der Dampfer an die Brcke heranzukommen suchte. Da aber hatte
er sich auf ein Eis begeben, das ihn nicht tragen konnte, denn das
Seewesen war ihm fremd; und gerade in dem stolzen Augenblick, als die
Leine geworfen wurde und er, in Idas und der Herrschaft Gegenwart,
seine Gewandtheit zeigen wollte, kriegte er einen Arm voll Tau von
oben auf den Kopf, da ihm die Mtze heruntergeschlagen wurde und in
die See fiel. In einem und demselben Augenblick wollte er die Trosse
anziehen und nach der Mtze greifen; aber der Fu blieb in einer Fuge
hngen, er machte einige Tanzschritte und fiel nieder, whrend der
Kapitn ihn schalt und die Matrosen ihn auslachten. Ida wandte sich
fort, bse ber das ungeschickte Benehmen ihres Helden; beinahe htte
sie geweint, so schmte sie sich seinetwegen. Mit einem kurzen
Lebewohl lie sie ihn schlielich am Landungssteg zurck; und als er
ihre Hand behalten und vom nchsten Sommer, von Briefwechsel und
Adresse plaudern wollte, wurde der Landungssteg ihm unter den Fen
fortgerissen; er kippte nach vorn ber, und die nasse Mtze rutschte
ihm in den Nacken; gleichzeitig brllte der Steuermann ihm von der
Kommandobrcke aus zu:

-- Wirst du endlich das Tau losmachen!

Ein neuer Schauer Scheltworte hagelte auf den unglcklichen Liebhaber
nieder, ehe er die Trosse losbekam.

Der Dampfer fuhr den Sund hinunter, und wie ein Hund, dessen Herr
fortreist, lief Carlsson am Strande entlang, sprang auf Steine,
strauchelte ber Wurzeln, um die Landzunge zu erreichen, auf der er
seine Flinte hinter einem Erlenbusch versteckt hatte, um den Ehrengru
abzugeben. Aber er mute mit dem falschen Bein zuerst aus dem Bett
gestiegen sein, denn gerade, als der Dampfer vorbeifuhr und er die
hoch erhobene Flinte abfeuern wollte, versagte der Schu. Er warf die
Flinte ins Gras, holte sein Taschentuch heraus und winkte; lief am
Strande entlang und schwang sein blaues Taschentuch, hurrahte und
schnaubte.

Vom Dampfer aber antwortete niemand; nicht eine Hand erhob sich, nicht
ein Taschentuch bewegte sich. Ida war verschwunden!

Aber unermdlich, rasend lief er ber Granitfindlinge, sprang ins
Wasser, strzte gegen Erlenbsche, kam an einen Feldzaun und fuhr halb
durch ihn hindurch, da er sich an den Pfhlen ri. Schlielich,
gerade als das Boot hinter der Landzunge verschwinden wollte, stie er
auf eine Schilfbucht; ohne sich zu bedenken, sprang er ins Wasser,
schwang noch ein Mal sein Taschentuch und stie ein letztes
verzweifelndes Hurrah aus. Das Achter des Dampfers kroch hinter die
Kiefern, und er sah, wie der Professor mit seinem Hut zum Abschied
winkte. Dann fuhr der Dampfer hinter die Waldspitze, die blaugelbe
Flagge mit dem Posthorn hinter sich her schleppend, die noch ein Mal
zwischen den Erlen hindurch schimmerte. Dann war alles verschwunden,
nur der lange schwarze Rauch lag noch auf dem Wasser und machte die
Luft dunkel.

Carlsson plumpste ans Land und ging Schritt vor Schritt zu seiner
Flinte zurck. Er blickte sie mit bsen Blicken an, als sehe er eine
andere, die ihn im Stich gelassen; er schttelte die Pfanne, setzte
ein neues Zndhtchen auf und feuerte ab.

Darauf kam er an die Landungsbrcke zurck. Er sah den ganzen Auftritt
noch ein Mal; wie er gleich einem Hanswurst auf den Brckenplanken
umher tanzte; hrte das Lachen und Schelten, erinnerte sich an Idas
verlegene Blicke und kalten Handschlag; sprte noch den Dunst von
Steinkohlenrauch und Maschinentalg, vom Bratenfett aus dem Kchenherd
und von der lfarbe der Schiffsbekleidung.

Der Dampfer war hierher in sein knftiges Reich gekommen und hatte
Stadtmenschen mitgebracht, die ihn verachteten; die ihn in einem
Augenblick von seiner Leiter herabstrzten, auf deren Sprossen er
schon ein gutes Stck hinauf geklettert war; die ihm -- er schluckte in
der Halsgrube -- sein Sommerglck und seine Sommerfreude entfhrten.

Er blickte eine Weile ins Wasser, das die Radschaufeln zu einer
einzigen Brhe aufgerhrt hatten, auf deren Oberflche Ru in Flocken
und l in Spiegeln lag; diese Spiegel flammten in Regenbogenfarben wie
eine alte Fensterscheibe. Allen mglichen Schmutz hatte das Untier in
der kurzen Zeit von sich gegeben und damit das klare grne Wasser
verunreinigt: Bierkorke, Eierschalen, Zitronenrinde, Zigarrenstummel,
abgebrannte Streichhlzchen, Papierfetzen, mit denen Ukeleis spielten.
Es war, als sei der Rinnstein der ganzen Stadt hierher geflossen und
habe auf ein Mal Unrat und Schelte ausgeworfen.

Es war ihm einen Augenblick schaurig zu Mut, als er daran dachte:
wenn er sich wirklich seine Liebste erringen wollte, msse er in die
Stadt, in die Gassen und Rinnsteine, wo es den hohen Tagelohn und den
feinen Rock gab, Gaslaternen und Schaufenster, das Mdchen mit Krause,
Manschetten und Knpfstiefeln; wo es alles gab, was lockte. Aber er
hate die Stadt auch, wo er der Letzte war, wo seine Mundart
ausgelacht wurde, seine grobe Hand die feinen Arbeiten nicht leisten
konnte; wo seine mannigfachen Fertigkeiten nichts abzuwerfen
vermochten. Und doch mute er daran denken, denn Ida hatte gesagt,
einen Bauernknecht werde sie nie heiraten, und Bauer konnte er nicht
werden!

Konnte er nicht?

Der Sund kruselte sich, und ein khler Wind, der immer strker wurde,
rhrte das Wasser auf; das schlug gegen die Brckenpfhle, fegte den
Ru fort und klrte den blanken Abendhimmel auf. Das Rauschen der
Erlen, das Pltschern der Wellen, das Zerren der Boote, rissen ihn aus
seinen Gedanken. Er warf die Flinte ber die Schulter und wanderte
heimwrts.

Der Weg ging unter den Haselbschen ber einen Hgel; auf dem stand
noch eine hhere Grausteinwand, die mit Kiefern bewachsen war; die
hatte er noch nie besucht.

Von Neugier gelockt, kletterte er zwischen Farnkraut und
Himbeerdickicht hinauf; bald stand er oben auf einem Grausteinfelsen,
auf dem ein Seezeichen errichtet war.

Im Sonnenuntergang lag die Insel vor ihm ausgebreitet; mit einem
einzigen Rundblick konnte er ihre Wlder und cker, Wiesen und Huser
bersehen; und dahinter Holme, Kobben, Schren, bis aufs offene Meer
hinaus. Es war ein groes Stck der schnen Erde, und Wasser, Bume,
Steine: alles konnte sein werden, wenn er nur die Hand ausstreckte,
die eine nur, und die andere zurckzog, die nach Eitelkeit, Bettlust
und Armut griff. Es brauchte kein Versucher neben ihm zu stehen und zu
betteln, vor diesem Bild auf die Knie zu fallen, das die zauberischen
Strahlen einer sinkenden Sonne rosig frbten; auf dem blaues Wasser,
grne Wlder, gelbe cker, rote Htten sich zu einem Regenbogen
mischten, der auch einen schrferen Verstand betrt htte, als ein
Bauernknecht ihn hat.

Von der absichtlichen Vernachlssigung der Treulosen gereizt, die in
fnf Minuten das letzte kleine Versprechen, ihm zum Abschied zu
winken, vergessen; von den Schimpfworten der bermtigen Stadtflegel
so verletzt, als habe er den Stock gekostet; vom Anblick der fetten
Erde, der fischreichen Gewsser, der warmen Htten entzckt, fate er
seinen Entschlu: einen letzten Versuch oder zwei zu machen, um das
falsche Herz zu prfen, das ihn vielleicht schon vergessen hatte; dann
aber zu nehmen, was gewonnen werden konnte, ohne da man stahl.

       *       *       *       *       *

Als er nach Haus zurckkehrte und die Grostuga leer stehen, die
Rollgardinen herabgelassen, Stroh und leere Kisten drauen herumliegen
sah, wrgte es ihn im Halse, als habe er Apfelstcke quer geschluckt.

Nachdem er seine Andenken an die ziehenden Sommergste in einen Sack
gesammelt, schlich er so lautlos wie mglich auf seine Kammer hinauf.
Dort verbarg er seine Schtze unter dem Bett, setzte sich an den
Schreibtisch, holte Papier und Feder hervor und machte sich bereit,
einen Brief zu schreiben.

Die erste Seite ergo sich in einem einzigen Wortstrom, teils aus
seiner eigenen Vorratskammer, teils aus der Sagengeschichte und den
Schwedischen Volksliedern von Afzelius; die hatten einen starken
Eindruck auf ihn gemacht, als er sie beim Verwalter in Wrmland
gelesen.

-- Liebe, geliebte Freundin! begann er. Einsam sitze ich hier auf
meinem Kmmerchen und sehne mich ganz furchtbar nach Dir, Ida. Als sei
es gestern gewesen, wei ich noch, wie Du hierher kamst: wir seten
Frhlingsroggen und der Kuckuck rief im Ochsenhag. Jetzt ist es
Herbst, und die Burschen sind drauen auf der Schre, um Strmling zu
fangen. Ich wrde nicht so viel danach fragen, wenn Du nicht abgereist
wrst, ohne mich vom Dampfer noch ein Mal zu gren, wie es der
Professor so freundlich vom Achterdeck getan, als der Dampfer an der
Landzunge vorbei fuhr. Es war leer wie ein Loch nach Dir heute Abend,
und das ist vor allem der Grund, warum der Kummer so schwer lastet.
Damals beim Schnittertanz hast Du etwas versprochen, Ida, erinnerst Du
Dich noch? Ich erinnere mich so gut, als htte ich's aufgeschrieben;
aber ich bin auch im Stande, zu _halten_, was ich verspreche. Dazu sind
aber nicht _alle_ im Stande; doch das ist einerlei, und ich frage nicht
so genau danach, wie die Menschen gegen mich sind; die ich aber einmal
liebe, die vergesse ich nicht; das mchte ich gesagt haben.

Die Trauer des Vermissens hatte sich jetzt gelegt, und die Bitterkeit
kam; die Furcht vor unbekannten Nebenbuhlern tauchte auf, vor den
Versuchungen der Stadt mit ihren Vergngungen; und im Bewutsein, da
er auer Stande sei, den befrchteten Sndenfall zu verhten, schlug
er die edlern Gefhle an. Sofort kamen ihm alte Erinnerungen an die
Zeit, da er Reiseprediger war. Er wurde hochgestimmt, streng,
sittlich; ein strafender Rcher, durch dessen Mund ein ANDERER sprach:

-- Wenn ich bedenke, wie Du jetzt allein in der groen Stadt
umhergehst, ohne da ein Arm Dich sttzt, der Gefahr und Versuchung
von Dir abwenden kann; wenn ich an alle die sndhaften Gelegenheiten
denke, die den Weg breit und den Fu leicht machen, fhle ich einen
Stich in meinem Herzen; ist mir's, als habe ich vor Gott und Menschen
unrecht getan, da ich Dich ins Garn der Snde lie; wie ein Vater
htte ich Dir sein sollen, Ida; und Du httest dem alten Carlsson wie
einem rechten Vater vertraut...

Bei den Worten Vater und alter Carlsson wurde er weich und
erinnerte sich an das letzte Begrbnis, das er mitgemacht hatte.

-- Einem Vater, der immer Nachsicht und Verzeihung im Herzen und auf
den Lippen hat. Wer wei, wie lange der alte Carlsson (er liebte das
Wort bereits!) hier noch wandelt; wer wei, ob nicht die Zahl seiner
Tage gezhlt ist, wie die Wassertropfen in der See oder die Sterne in
der Luft; vielleicht, ehe man sich's versieht, liegt er da wie
trockenes Heu ... Dann wird vielleicht _jemand_ ihn ausgraben wollen,
der's jetzt nicht glaubt; aber wir wollen hoffen und beten, da er
noch den Tag erlebt, da die Blumen wieder aus der Erde kommen und die
Turteltaube sich in unserem Lande hren lt. Dann ist eine liebliche
Zeit fr _manchen_, der jetzt klagt und seufzt und mit dem Psalmisten
singen mchte...

Er hatte vergessen, was der Psalmist sang, und mute das Testament aus
seinem Kasten holen, um nachzuschlagen. Aber er hatte die Wahl
zwischen hundert Psalmen, und Clara rief schon zum Abendbrot; er mute
also aus der Menge einen herausgreifen, und er nahm:

-- Die Weiden in der Wste sind auch fett, da sie triefen; und die
Hgel umher sind lustig; die Anger sind voll Schafe, und die Auen
stehen dick mit Korn, da man jauchzet und singet.

Als er die Stelle durchlas, fand er darin eine glckliche Anspielung
auf die Vorzge, die das Landleben vorm Stadtleben hat; und da das
gerade der wunde Punkt war, beschlo er, ihn nicht mehr zu berhren,
sondern die Anspielung fr sich sprechen zu lassen.

Dann berlegte er, was er noch schreiben solle; fhlte sich hungrig
und mde; konnte sich nicht verhehlen, da es schlielich einerlei
sei, was er schrieb, denn Ida war ihm doch wohl verloren, bis der
Frhling wiederkam.

Dann aber wurde er wieder von dem Gedanken geqult, da ein Anderer
sie besitzen knne, und mit kaltem Blute beschlo er, im Voraus die
Kanonen der unbekannten Feinde zu vernageln. Darum fgte er eine
Nachschrift an, nachdem er mit Getreu und ergeben unterzeichnet
hatte.

N. S. Du mut Dich vor Berns Salon und Blanks Caf hten, Ida, denn
der Professor sagte, alle jungen Leute in Stockholm seien angesteckt
und ... (Am besten, man haut ihn gleich nieder, dachte er, da er doch
in einigen Tagen mit den Fischen nach der Stadt fahren soll.) Norman
ist auch angesteckt worden. (Um aber, falls es ntig sein sollte, eine
rckwirkende abschreckende Wirkung zu erzielen, setzte er hinzu:) als
er im vorigen Jahre Soldat war.
                                                            D. O.

       *       *       *       *       *

Darauf ging er in die Kche hinunter, um zu Abend zu essen.

Es war dunkel geworden und der Wind hatte sich aufgemacht. Unruhig kam
die Alte und setzte sich an den Tisch, an dem sich Carlsson
niedergelassen, nachdem er ein Talglicht angesteckt hatte. Die Mdchen
gingen still und abwartend zwischen Herd und Tisch hin und her.

-- Carlsson, Ihr sollt heute Abend ein Glas Branntwein haben, sagte die
Alte. Ich sehe, Ihr habt es ntig.

-- Ja, ja, es war nicht so leicht, die Sachen an Bord zu bringen,
antwortete Carlsson.

-- Darum mt Ihr Euch jetzt ausruhen, meinte die Alte und ging nach
dem Stundenglas. Was das fr ein Wind heute Abend ist, und von Osten
kommt er auch; die Burschen werden es heute Nacht schwer haben mit den
Netzen.

Da kann ich ihnen nicht helfen; bers Wetter vermag ich nichts, bi
Carlsson den Faden ab. Aber nchste Woche mu es schn werden; da
denke ich mit dem Trebel nach der Stadt zu fahren, um selbst mit dem
Fischhndler zu sprechen.

-- Soso, das wollt Ihr, Carlsson?

-- Ja, ich finde, die Burschen erzielen nicht den richtigen Preis fr
die Fische; und das mu doch wohl an irgend etwas liegen; wer nun die
Schuld haben mag.

Die Alte zupfte am Tisch und dachte wohl, ein anderes Geschft als der
Fischhandel fhre ihn nach der Stadt.

-- Hm! sagte sie. Dann seid Ihr wohl so gut und sprecht beim Professor
vor?

-- Ja, das tue ich wohl, wenn ich Zeit habe; er hat nmlich einen
Flaschenkorb hier vergessen...

-- Sehr nette Menschen waren es jedenfalls ... Wollt Ihr nicht noch
eine Halbe nehmen, Carlsson?

-- Danke sehr, Tante! Ja, das waren feine Leute, und ich glaube, sie
kommen wieder, wenigstens nach dem, was ich von Ida hrte.

Mit groem Vergngen sprach er den Namen aus, und er legte seine ganze
berlegenheit hinein. Die Alte fhlte auch, wie sehr sie ihm
unterlegen war; eine Glut stieg ihr in die Wangen und ein Brand in die
Augen.

-- Ich glaubte, es sei aus zwischen Euch und Ida, flsterte die Alte.

-- Nein behte, weit davon, antwortete Carlsson, der sehr wohl fhlte,
wie er seine Schnur einholen mute und da etwas am Haken sa.

-- Wollt ihr euch denn heiraten?

-- Gewi, wenn die Zeit kommt; aber ich mu mich erst nach einer neuen
Stellung umhren.

Es zuckte in dem gefurchten Gesicht der Alten, und die magere Hand
zupfte und zupfte, wie die Hand eines Fieberkranken am Laken zupft.

-- Ihr gedenkt uns zu verlassen? wagte sie mit zitternder,
vertrockneter Stimme zu sagen.

-- Ein Mal mu es doch sein, antwortete Carlsson; frher oder spter
will man sein eigener Herr werden; und sich fr andere abarbeiten, tut
man auch nicht gern um nichts.

Clara war mit dem Mehlbrei gekommen, und Carlsson wurde pltzlich von
einer Lust erfat, mit ihr zu schkern.

-- Nun, Clara, seid ihr nicht bange davon, heute Nacht allein schlafen
zu mssen, da die Burschen fort sind? Vielleicht wollt ihr, da ich
hinunterkomme und euch Gesellschaft leiste?

-- Oh, das ist durchaus nicht ntig! antwortete Clara.

Carlsson fate sie beim schwellenden Oberarm und spielte den Bsen:

-- Was ist nicht ntig? Was weit du, Clara, davon, was ich ntig habe?

-- Ist denn Ida Euch nicht genug gewesen? Ich hrte einen Vogel singen,
da Ihr Euch Hilfe habt nehmen mssen!

Carlsson wurde rot bis in die Kopfhaut, ber das Gesicht der Alten
aber huschte Hoffnung, Neugier und berraschung.

Einen Augenblick herrschte Schweigen in der Kche, whrend Carlsson
nachdachte, welche Antwort am vorteilhaftesten sei. Man hrte, wie
drauen der Sturm durch den Wald sauste, das Laub von den Birken ri,
an den Feldzunen rttelte, an Wetterfahnen und Dachtraufen zauste.
Zuweilen fuhr ein Windsto in den Schornstein hinein und blies Feuer
und Rauch aus vom Herdmantel, da Lotte sich die Hand vor Augen und
Mund halten mute.

Als der Wind einen Augenblick ausblieb, hrte man das offene Meer
gegen die stliche Landspitze schlagen. Pltzlich gab der Hund drauen
auf dem Hofe Hals, und das Gebell entfernte sich, als sei der Hund
jemandem entgegen gesprungen, um ihn zu begren oder zu bedrohen.

-- Seht bitte nach, wer das sein kann, sagte die Alte zu Carlsson.

Der stand sofort auf, froh, auf Claras heikle Frage nicht antworten zu
mssen, und ging zur Tr hinaus. Er sah nur ein Dunkel, das so dick
war, da man es mit Messern schneiden konnte; und der Wind empfing ihn
mit einem Sto, da ihm das Haar wie Erbsenstrucher um den Kopf
stand. Er lockte den Hund, aber das Gebell war bereits unten auf der
Quellwiese und klang jetzt freudig, als erkenne das Tier einen
Menschen.

-- Es kommt so spt noch Besuch, sagte Carlsson zur Alten, die sich in
die Tr stellte. Wer kann das sein? Ich mu wohl gehen und nachsehen.
Clara, steck die Laterne an und gib mir meine Mtze!

Er bekam die Laterne und arbeitete sich gegen den Wind auf die Wiese
hinaus, folgte dem Gebell und gelangte in das Kieferngehlz, das die
Wiese vom Strande trennte. Das Gebell war verstummt, aber zwischen den
rauschenden und knackenden Fhren hallten Schritte von eisernen Haken
gegen den Bergfelsen; krachten Zweige, die jemand brach, der seinen
Weg suchte; spritzten Wasserlachen auf; antworteten Flche auf das
Winseln des Hundes.

-- Wer da? rief Carlsson.

-- Der Pastor! antwortete eine rostige Stimme.

Carlsson sah Funken sprhen, die ein eiserner Haken an einem
Granitfindling schlug, und aus einem Dickicht strzte ein kleiner,
breitschultriger Mann den Hgel hinab. Das grobe, wetterharte Gesicht
wurde von wildem, grauem Backenbart eingerahmt und von kleinen
scharfen Augen belebt, deren Brauen Astmoos glichen.

-- Hllische Wege habt ihr hier auf der Insel! zankte er zum Gru.

-- Herr Jesus, sind Sie's, Herr Pastor? In diesem Hundewetter
unterwegs? beantwortete Carlsson achtungsvoll die Willkommsflche
seines Seelsorgers. Aber wo ist denn das Boot?

-- Es ist das Fischerboot, und das hat Robert in den Hafen gebracht.
La uns nur unter Dach kommen, denn heute Abend weht der Wind einem
durch den Leib. Vorwrts marsch!

Carlsson ging mit der Laterne voran und der Pastor folgte, whrend der
Hund in den Bschen herumschnffelte, nach einem Birkhuhn, das sich
eben erhoben und in den Bruch gerettet hatte.

Die Alte war dem Laternenschein auf den Hof hinaus entgegen gegangen;
als sie den Pastor erkannte, freute sie sich und hie ihn willkommen.

Der Pastor hatte Fische nach der Stadt bringen wollen und war
unterwegs vom Sturm berrascht worden, der ihn zum landen zwang. Er
fluchte und schalt, weil er nicht zur Zeit nach der Stadt kommen
konnte, um seine Fische los zu werden.

-- Jetzt sind ja alle Teufel drauen und kratzen nach jedem einzigen
Fisch, der im Wasser lebt.

Die Alte wollte ihn in die Stube fhren, er aber ging geradeswegs in
die Kche hinein, denn er zog das Herdfeuer vor: dort konnte er
trocken werden.

Wrme und Licht schienen indessen dem Pastor nicht gut zu bekommen;
er zwinkerte mit den Augen, als wolle er sich ermuntern, whrend er
die nassen Schmierstiefel auszog. Carlsson half ihm unterdessen aus
einer graugrnen Joppe, die mit Schaffell gefttert war. Bald sa der
Pastor in wollenem Wams und bloen Strmpfen an der Ecke des Tisches,
den die Alte abgerumt und mit Kaffeegeschirr gedeckt hatte.

Wer Pastor Nordstrm nicht kannte, htte nicht vermutet, da dieser
Fischer ein geistliches Amt bekleidete; so sehr hatten dreiig Jahre
Seelsorge drauen in den Schren den Mann verwandelt, der einst recht
fein gewesen war, als er von der Universitt Uppsala kam. Ein uerst
knappes Gehalt hatte ihn gentigt, sein Auskommen aus See und Acker zu
ergnzen; und da es auch dann noch nicht reichte, mute er sich an den
guten Willen seiner Gemeinde wenden, den er durch geselliges Wesen,
sich seiner Umgebung anpassend, lebendig erhielt.

Doch zeigte sich der gute Wille meist in Kaffeehalben und
Bewirtungen, die an Ort und Stelle verzehrt werden muten, also den
Wohlstand des Pfarrhauses nicht erhhen konnten; eher unvorteilhaft
auf den physischen und moralischen Zustand des Empfngers wirkten.
Auerdem wuten die Schrenleute aus teuern Erfahrungen, wie in Seenot
Gott nur dem half, der sich selber half; auch waren sie unfhig, einen
starken stlichen Wind mit dem augsburgischen Bekenntnis in
Zusammenhang zu bringen. Sie machten sich deshalb wenig aus der
kleinen hlzernen Kapelle, die sie hatten bauen lassen. Der Kirchgang,
der durch lange Ruderfahrten erschwert oder von ungnstigen Winden
unmglich gemacht wurde, war mehr eine Art Volksmarkt, auf dem man
Bekannte traf, Geschfte machte, Ankndigungen hrte. Und der Pastor
war die einzige Behrde, mit der man in Berhrung kam; der Amtmann,
der die Polizeigewalt ausbte, wohnte weit entfernt und wurde bei
Rechtssachen nie bemht; die machte man vielmehr unter einander ab,
mit einigen dnischen Kssen oder einem Schoppen Branntwein.

Nicht eine Spur von Latein und Griechisch konnte man in dieser vom
Herdfeuer und zwei Talglichtern beleuchteten Gestalt sehen, einer
Kreuzung von Bauer und Seemann. Die einstmals weie Hand, die in ihrer
ganzen Jugend in Bchern geblttert hatte, war braun und borkig, hatte
gelbe Leberflecke von Salzwasser und Sonnenbrand, war hart und
schwielig von Rudern, Segeln, Steuern; die Ngel waren halb abgenagt
und trugen von der Berhrung mit Erde und Gerten schwarze Rnder. Die
Ohrmuscheln waren mit Haar zugewachsen und gegen Katarrh und Flu von
Bleiringen durchbohrt. Aus der auf das wollene Wams aufgenhten
Ledertasche hing eine Haarschnur, die einen Uhrschlssel aus einem
gelben Metall mit einem Karneol trug. In die feuchten wollenen
Strmpfe hatte die groe Zehe Lcher gerissen, welche die
schlingernden Bewegungen der Fe unter dem Tisch unablssig verbergen
wollten. Das Wams war unter den Armen von Schwei gelbbraun geworden,
und der Hosenschlitz stand halb offen, weil Knpfe fehlten.

Er holte eine kurze Pfeife aus der Hosentasche, klopfte sie, whrend
allgemeines achtungsvolles Schweigen herrschte, gegen die Tischkante
aus, da sich ein kleiner Maulwurfshaufen von Asche und sauerm Tabak
auf den Boden legte. Aber die Hand war unsicher und das Stopfen ging
unregelmig vor sich; war zu umstndlich, um nicht Unruhe zu erregen.

-- Wie steht es heute Abend mit Ihnen, Herr Pastor? Ich glaube, Sie
sind nicht ganz wohl, fuhr die Alte dazwischen.

Der Pastor hob das auf die Brust gesunkene Haupt, sah sich nach den
Balken der Decke um, als suche er nach der Sprechenden.

-- Ich? sagte er und stopfte eine Prise Tabak am Pfeifenkopf vorbei.
Dann schttelte er den Kopf, als wolle er in Frieden gelassen werden,
und versank in schwermtige Gedanken ohne bestimmte Form.

Carlsson sah, wie es stand, und flsterte der Alten zu:

-- Er ist nicht nchtern!

Und im Glauben, einschreiten zu mssen, nahm er die Kaffeekanne und
go die Tasse des Pastors voll, stellte die Branntweinflasche daneben
und bat ihn mit einer Verbeugung, frlieb zu nehmen.

Mit einem vernichtenden Blick hob der Alte seinen grauen Kopf, als
wolle er, da der Schlag Carlsson rhre; mit Ekel die Tasse von sich
schiebend, spuckte er aus:

-- Bist du hier zu Hause, Knecht?

Dann wendete er sich zur Alten:

-- Gebt mir eine Tasse Kaffee, Frau Flod!

Und dann versank er fr eine Weile in tiefes Schweigen, sich
vielleicht an die Gre frherer Tage erinnernd und erwgend, wie die
Unverschmtheit beim Volk berhand nahm.

-- Verfluchter Knecht! schnaubte er noch ein Mal. Mach, da du
hinauskommst, und hilf Robert beim Boot!

Carlsson versuchte es mit Schmeichelei, wurde aber sofort
unterbrochen:

-- Weit du nicht, wer du bist?

Carlsson verschwand durch die Tr.

Nachdem sich der Pastor mit einem Schluck aus der Tasse erfrischt
hatte, fuhr er die Alte an, die eine Entschuldigung fr den Knecht zu
drechseln suchte:

-- Habt ihr die Zugnetze drauen?

-- Ja, lieber Herr Pastor, ffnete die Alte die Schleusen, und alle
Schleppnetze auch. Um sechs herum konnte noch niemand wissen, da fr
die Nacht Sturm kommen werde; und ich kenne Gustav. Er wrde eher zu
Grunde gehen, als da er das Garn heute Nacht liegen liee.

-- Ach was, der wei sich schon zu helfen! trstete der Pastor.

-- Sagen Sie das nicht, Herr Pastor! Mag das Garn meinetwegen
draufgehen, es steckt zwar ein gut Stck Geld darin, wenn nur der
Junge heil aus der Sache herauskommt...

-- Er wird doch nicht so dumm sein, die Netze in diesem Wetter
aufzunehmen? Die ganze See liegt ja darauf!

-- Das gerade kann man von ihm erwarten! Wie der Vater hat er immer
etwas Besonderes vorstellen wollen, und er wre im Stande, sein Leben
daran zu setzen, um die Zugnetze nicht verloren gehen zu lassen.

-- Ist es so mit ihm bestellt, Frau, dann kann ihm selbst der Teufel
nicht helfen! brigens es fischt sich gut! Wir waren vergangene Woche
mit sechs Schleppnetzen drauen bei den Erlenkobben, und wir haben
achtzehn mal achtzig gefangen.

-- War der Strmling denn auch fett?

-- Das will ich meinen, fett wie Butter. Aber sagt mal, Frau Flod, was
ist das fr ein Geschwtz, das von Euch umluft: Ihr sollt daran
denken, Euch wieder zu verheiraten? Ist das wahr?

-- Ei potztausend, brach die Alte los, sagt man das? Das ist doch toll,
was die Leute schwatzen knnen.

-- Mir geht es ja nicht zu nahe, erwiderte der Pastor; verhlt es sich
aber so, wie man sagt, da es sich um den Knecht handelt, so wre es
um den Jungen schade.

-- Oh, fr den Jungen ist keine Gefahr, und einen schlechtern
Stiefvater hat mancher gekriegt.

-- Es ist also wahr, hre ich. Brennt es noch so heftig in dem alten
Krper, da Ihr's nicht mehr aushalten knnt? Das Fleisch will das
Seine haben, und der Pfahl sitzt da, hahaha!

Hier warf der Pastor einen prfenden Blick auf Clara und Lotte, um zu
sehen, wie sie aussahen, wenn sie verlegen wurden; sie sahen wirklich
recht schelmisch aus, wie sie vergebens das Lachen zu verbeien
suchten, denn der Pastor fhlte sich veranlat, den Scherz noch weiter
zu spinnen.

-- Ihr grinst, Mdchen? Als ob ihr das nicht kenntet!

-- Wollen Sie nicht noch eine Halbe trinken, Herr Pastor? unterbrach
ihn die Alte, die ngstlich wurde ber die Wendung, die das Gesprch
ins Liebesgebiet nahm.

-- Bitte, Frau; seid so freundlich! Danke! Aber ich mu auch ins Bett,
und Ihr habt wohl noch nicht fr mich aufgebettet.

Lotte wurde auf die Kammer geschickt, um das Bett zu machen, nachdem
man beschlossen, da Carlsson und Robert in der Kche schlafen
sollten.

Der Pastor ghnte und rieb den einen Fu gegen den andern, fuhr mit
der Hand ber die Stirn bis zur nackten Glatze hinauf, als wolle er
namenlosen Kummer fortstreichen; dabei sank der Kopf in kurzen Rucken
gegen die Tischplatte, wo schlielich das Kinn seine Sttze fand.

Die Alte, die sah, wie es stand, trat nher und legte ihm die Hand
behutsam auf die Schulter, klopfte sacht und bat mit rhrender Stimme:

-- Lieber Herr Pastor! Knnen wir nicht ein gutes Wort heute Abend
hren, ehe wir zu Bett gehen? Denken Sie an die Alte und ihren Jungen,
der auf See ist.

-- Ein gutes Wort? Ja! Gebt mir das Buch; Ihr wit ja, wo es steckt.

Die Alte nahm den ledernen Proviantsack und holte ein schwarzes Buch
mit goldenem Kreuz heraus. Wie ein Reisekstchen, aus dem alten Frauen
und Kranken strkende Tropfen geboten werden, pflegte man dieses Buch
vorzunehmen. Andchtig, als habe sie ein Stck von der Kirche in ihre
niedrige Htte gebracht, trug sie das geheimnisvolle Buch, behutsam
wie ein warmes Brot, auf ihren beiden Hnden; schob vorsichtig die
Tasse des Pastors bei Seite, wischte den Tisch mit ihrer Schrze ab
und legte das heilige Buch vor den schweren Kopf.

-- Lieber Pastor, flsterte die Alte, whrend der Wind im Schornstein
lrmte, da ist das Buch.

-- Gut, gut, antwortete der Pastor wie im Schlaf; streckte den Arm aus,
ohne den Kopf zu heben, tappte nach der Kaffeetasse und fuhr mit dem
Finger so gegen den Henkel, da er die Tasse umstie; in zwei Bchen
flo der Branntwein ber den fettigen Tisch.

-- Oh oh, klagte die Alte und rettete das Buch; das geht nicht! Sie
sind schlfrig, Herr Pastor, und mssen sich niederlegen.

Aber der Pastor schnarchte schon; er ruhte mit dem Arm auf der
Tischplatte und hatte den langen Finger zu einer albernen Gebrde
ausgestreckt, als zeige er nach einem unsichtbaren Ziel, das
augenblicklich unerreichbar war.

-- Wie sollen wir's nur anfangen, ihn ins Bett zu bringen? klagte die
Alte den Mdchen.

Sie wute, in welch furchtbare Laune er geraten konnte, wenn er aus
dem Rausch geweckt wurde. Ihn in der Kche zu lassen, ging nicht der
Mdchen wegen; auch in die Stube durfte er nicht; dann htte man
darber geklatscht.

Die drei Frauen gingen um den Schlafenden herum, wie Ratten die Katze
umkreisen, um ihr Schellen anzuhngen, ohne es jedoch zu wagen.

Inzwischen war das Feuer im Herd erloschen und der Wind drang durch
Fenster und undichte Wnde. Der Alte, der ja in bloen Strmpfen
dasa, mute kalt geworden sein, denn eins, zwei, drei erhob sich der
Kopf, der Mund ffnete sich ghnend, und drei Aufschreie, die klangen,
wie wenn der Fuchs seinen Geist aufgibt, lieen die Frauen
zusammenfahren.

-- Ich glaube, ich habe geniest, sagte der Pastor, erhob sich und ging
mit geschlossenen Augen zu einem Fenstersofa; dort sank er nieder,
streckte sich auf den Rcken aus, faltete die Hnde ber der Brust und
schlummerte mit einem langen Seufzer ein.

Ihn von dort weg zu bringen, daran war nicht zu denken.

Auch Carlsson und Robert, die jetzt zurckkamen, wagten nicht, ihn
anzurhren.

-- Er schlft! Nehmt euch in Acht, sagte Robert. Gebt ihm nur ein
Kissen unter den Kopf und werft eine Decke ber ihn, dann schlft er
bis zum Morgen.

Die Alte nahm die Mdchen mit in die Stube. Robert mute auf dem
Heuboden ber dem Vorratsschuppen schlafen. Carlsson ging auf seine
Kammer. Die Lichter wurden gelscht und es ward still in der Kche.

Da aber erinnerte sich die Alte, da der Pastor kein Trinkwasser habe,
und Clara wurde mit der Kupferflasche zu ihm hineingeschickt. Sie ging
auf Zehen, so leise sie konnte, ohne mit der Tr zu knarren, kam aber
schnell wieder heraus:

-- Oh, das ist ja ein Ferkel!

-- Was, was? fragte die Alte eifrig, im Glauben, dem Pastor sei etwas
zugestoen.

-- Oh, knnt Ihr glauben, Tante, er wollte, ich solle mich zu ihm legen...
Das ist ja schrecklich!

-- Das kann ich nicht glauben, meinte die Alte, welche die Ehre, den
Pastor als Gast unter ihrem Dache zu haben, sich nicht schmlern
lassen wollte. Das kann ich nicht glauben.

-- Ja, aber er hat mich um den Leib gefat und wollte mich...

-- Ach, Geschwtz, schnauzte die Alte, schlo die Tr und lschte das
Licht. Gute Nacht!

Bald lag das ganze Haus im Schlaf, der mehr oder weniger ruhig war.

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen, als der Hahn krhte und Frau Flod aufstand, um
ihre Leute zu wecken, waren der Pastor und Robert fort. Der Sturm
hatte sich etwas gelegt, kalte weie Herbstwolken zogen von Osten ins
Land hinein und der Himmel war wieder blau.

Gegen acht begann die Alte ihre Wanderungen nach der stlichen
Landspitze hinunter, um nachzuschauen, ob sich kein Boot auf dem Meere
zeige. Drauen in der Rinne zwischen den Kobben tauchte das eine und
das andere gereffte Rahsegel auf, verschwand und kam wieder zum
Vorschein. Die See lag blau da wie Stahl, und die uersten Schren
dmmerten, hingen wie an luftfarbigen Tchern, als seien sie aus dem
Wasser in die Hhe geflossen und im Begriff, sich wie Nachtnebel zu
erheben. Die jungen Sgegnse lagen auf Buchten und Landspitzen und
liefen auf den Seen; tauchten, wenn sie den Meeradler auf seinem
schweren Flug ber sich sahen, und kamen wieder in die Hhe; liefen
von neuem, da das Wasser sprhte.

Sah Frau Flod drauen auf einer Schre die Mwen fliegen und hrte
sie sie schreien, dachte sie: da kommt ein Segel; und es kamen auch
Segel, aber alle zogen an der Insel vorbei, entweder nach Norden oder
nach Sden.

Der kalte Wind und die weien Wolken peinigten die Augen der Alten;
sie ging in den Wald zurck, des Wartens mde. Sie fing an
Preiselbeeren in die Schrze zu pflcken, denn sie konnte nicht ohne
Beschftigung sein, sondern mute etwas haben, mit dem sie sich die
Unruhe vertrieb. Der Sohn war ihr doch das Liebste; und sie war nicht
halb so bekmmert gewesen an jenem Abend, als sie am Zauntritt stand
und eine andere dunkle Hoffnung in der Finsternis verschwinden sah.
Heute sehnte sie sich mehr nach ihrem Jungen, denn sie hatte ein
Gefhl, er werde sie bald verlassen. Das Wort des Pastors gestern
Abend ber das Geschwtz hatte den Pulverfaden angesteckt; bald wrde
es puff! machen. Wem dann die Augenbrauen versengt wrden, war nicht
zu bestimmen; da aber einem etwas geschehen werde, war anzunehmen.

Schlielich schlenderte sie langsam nach Hause. Als sie auf die
Eichenhhe kam, hrte sie Stimmen unten von der Landungsbrcke. Durch
das Eichenlaub sah sie, wie Menschen sich um den Seeschuppen bewegten,
mit einander sprachen, verhandelten, stritten. Es hatte sich, whrend
sie fort war, etwas zugetragen! Aber was?

Die Unruhe jagte die Neugier auf, und sie trabte die Anhhe hinunter,
um zu erfahren, was geschehen war.

Als sie an den Feldzaun kam, sah sie das Achterstck des Netzbootes.
Sie waren also um die Insel herum gerudert!

Normans Stimme war deutlich zu hren, wie er den Verlauf schilderte:

-- Er ging auf den Grund wie ein Stein; dann kam er wieder in die Hhe;
da aber kriegte er den Tod mitten durchs linke Auge; es war genau so,
als lsche man ein Licht aus.

-- Herr Jesus, ist er tot? schrie die Alte und strzte ber den Zaun.

Aber niemand hrte sie, denn Rundqvist setzte die Leichenrede im Boot
fort.

-- Und dann warfen wir die Dregg und als der Ankerflgel ihn im Rcken
packte, da...

Die Alte war hinter die Stangen gekommen, an denen die Netze
trockneten, und konnte nicht hindurch; aber sie sah, wie durch einen
Schleier vor einem Spiegel, hinter den aufgehngten Netzen, wie alle
Leute des Hofes um einen grauen Krper, der im Boot verstaut war,
lagen, knieten, krochen. Sie schrie auf und wollte unter den Netzen
durch, aber die Schwimmer blieben in ihren Haarflechten hngen und die
Senker schlugen wie eine Geisel.

-- Was haben wir denn da in den Flundernetzen gefangen? schrie
Rundqvist, der sah, da das Garn lebendig wurde. Nein, ich glaube, das
ist Tante!

-- Ist's aus mit ihm? schrie Frau Flod so laut sie konnte. Ist's aus
mit ihm?

-- Aus wie mit einem toten Hund!

Die Alte kam endlich los und eilte an die Landungsbrcke. Da lag
Gustav mit bloem Kopfe im Boot auf dem Bauch, aber er bewegte sich,
und unter ihm war ein groer haariger Krper zu sehen.

Bist du's, Mama? grte Gustav, ohne sich umzudrehen. Sieh, was wir
gefangen haben!

Die Alte machte groe Augen, als sie einen fetten Seehund erblickte,
dem Gustav gerade das Fell abzog. Seehunde gab's allerdings nicht alle
Tage; das Fleisch konnte man essen, wie es jetzt war; der Tran reichte
zu manchem Paar Stiefel; das Fell war wohl seine zwanzig Kronen wert.
Aber ntiger war doch der Winterstrmling, und sie sah nicht eine
Flosse im Boot; wurde deshalb etwas verstimmt, verga sowohl den
wiedergefundenen Sohn wie den unerwarteten Seehund und brach in
Vorwrfe aus:

-- Und der Strmling?

-- Dem war nicht beizukommen, antwortete Gustav. Aber den kann man ja
schlielich kaufen, whrend man Seehunde nicht alle Tage kriegt.

-- Ja, so sprichst du immer, Gustav! Aber es ist wirklich eine Schande,
drei Tage auszubleiben und nicht einen einzigen Fisch heimzubringen.
Was sollen wir denn diesen Winter essen?

Sie fand aber keine Zustimmung; vom Strmling hatte man genug
bekommen, und Fleisch war Fleisch; auerdem hatten die Jger durch
ihre Erzhlung des merkwrdigen Jagdabenteuers alle Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt.

-- Ja, benutzte Carlsson die Gelegenheit, indem er sich ein Stck vom
Aas abhieb, htten wir jetzt nicht den Ackerbau, so kriegten wir
nichts zu essen!

An diesem Tage fischte man nicht mehr; der groe Waschkessel wurde
aufs Feuer gesetzt, um den Tran auszukochen; in der Kche wurde
gebraten und geschmort; dazwischen trank man Kaffeehalbe. Auf der
sdlichen Wand der Scheune wurde das Fell wie ein Siegeszeichen
ausgespannt; Leichenreden wurden dabei gehalten, und alle kommenden
und gehenden Kleinglubigen muten ihre Finger in die Schulcher
stecken und anhren: wie das Blei dahin gekommen; wo der Seehund auf
den Stein gekrochen war; was Gustav im letzten Augenblick, als der
Schu losgehen sollte, zu Norman sagte; wie sich der sterbende Seehund
im letzten Augenblick benahm, als ihm das Leben wie ein Faden
abgeschnitten wurde.

Carlsson war kein Held in diesen Tagen, aber er schmiedete heimlich
sein Eisen; und als das Fischen zu Ende war, setzte er sich mit Norman
und Lotte ins Boot, um nach der Stadt zu fahren.

       *       *       *       *       *

Als Frau Flod an die Landungsbrcke hinunter kam, um die aus der Stadt
Heimkehrenden zu empfangen, war Carlsson so freundlich und bescheiden,
da die Alte sofort merkte, es war etwas dazwischen gekommen.

Nach dem Abendbrot lie sie ihn in die Stube eintreten, damit er das
Geld aufzhle. Er mute sich setzen und berichten. Aber das ging
trge; der Knecht schien keine Lust zu haben, etwas mitzuteilen; doch
die Alte lie nicht locker, bis er mit einem Reisebericht
herausrckte.

-- Nun, Carlsson, melkte sie, Ihr seid doch auch bei Professors
gewesen, nicht wahr?

-- Ja, natrlich war ich dort, antwortete Carlsson, der augenscheinlich
von der Erinnerung unangenehm berhrt wurde.

-- Nun, wie geht's ihnen denn?

-- Sie lassen alle auf dem Hof gren; sie waren so freundlich, mich
zum Frhstck einzuladen. Es war sehr fein in der Wohnung, und wir
haben auch etwas Gutes gekriegt.

-- Was habt Ihr denn Gutes gekriegt?

-- Oh, wir haben Hummer mit Schwammpignons gegessen und dazu Porter
getrunken.

-- Da habt Ihr wohl auch die Mdchen gesehen, Carlsson?

-- Ja gewi, antwortete Carlsson freimtig.

-- Und die sind sich gleich geblieben, nicht wahr?

Das waren sie nun allerdings nicht; das wrde aber die Alte zu sehr
gefreut haben; darum antwortete Carlsson nicht darauf.

-- Ja, sie waren sehr nett! Wir sind abends in Berns Salon gewesen, um
uns die Musik anzuhren; da habe ich sie mit Sherry und belegten
Brtchen traktiert. Es war, wie gesagt, sehr nett.

In Wirklichkeit war es aber durchaus nicht nett gewesen; die Sache war
nmlich ganz anders verlaufen.

Carlsson war in der Kche von Lina empfangen worden, denn Ida war
ausgegangen; an der Ecke des Kchentisches hatte er dann eine halbe
Flasche Bier getrunken. Dabei war die Frau des Professors in die Kche
gekommen und hatte zu Lina gesagt, sie solle einen Hummer holen, da
abends Besuch komme; dann war sie wieder gegangen.

Als Carlsson mit Lina wieder allein war, wurde die etwas verlegen;
schlielich kriegte Carlsson aus ihr heraus, da Ida seinen Brief
empfangen und ihn eines Abends, als ihr Brutigam dagewesen, laut
vorgelesen habe; das war in der Kammer geschehen, wo der Brutigam
Porter trank und Lina Champignons reinigte. Und sie hatten sich halb
tot gelacht. Zwei Male habe der Brutigam den Brief gelesen, laut wie
ein Pastor. Am meisten hatten sie sich ber den alten Carlsson und
seine letzten Stunden amsiert. Als sie an die Stelle von
Versuchungen und Irrwegen kamen, hatte der Brutigam -- er war
Bierfahrer -- vorgeschlagen, nach Berns Salon in die Versuchung zu
gehen. Und sie waren dorthin gegangen und wurden von dem Brutigam mit
Sherry und belegten Brtchen traktiert.

Ob nun Linas Erzhlung Carlssons Sinn erregt und sein Gedchtnis
erschttert hatte; oder ob er sich so lebhaft in die Kleider des
Bierfahrers gewnscht, da er sich in dessen angenehme Lage als Wirt
versetzt, sich mit dem Hummer essenden Gast verwechselt, den Porter
des Brutigams getrunken und Linas Champignons gegessen hatte -- genug,
er stellte die Sache der Alten so dar, da er die Wirkung erzielte,
die er beabsichtigte; und das war die Hauptsache.

Nachdem er so weit gekommen war, fhlte er sich ruhig genug, um zum
Angriff berzugehen. Die Burschen waren auf See, Rundqvist hatte sich
niedergelegt, und die Mdchen waren fr diesen Tag fertig geworden.

-- Was ist das fr ein Geschwtz, das hier im Kirchspiel umluft; das
ich berall hren mu? begann er.

-- Was schwatzt man jetzt wieder? fragte Frau Flod.

-- Ach, es ist das alte Geschwtz: wir dchten daran, uns zu heiraten.

-- Ja, das ist nichts Neues; das haben wir so oft gehrt.

-- Aber es ist doch ganz unglaublich, da die Leute behaupten, was
nicht wahr ist! Das ist mir ganz unbegreiflich, sagte der listige
Carlsson.

-- Ja, was solltet Ihr, der junge, flinke Kerl, auch mit einem alten
Weibe, wie ich bin, anfangen?

-- Oh, was das Alter betrifft, damit hat's keine Gefahr. Darf ich fr
mein Teil sprechen: sollte ich einmal daran _denken_, mich zu
verheiraten, so wre es nicht mit einer Dirne, die nichts kann und
nichts wei; denn seht Ihr, Tante, die Lust ist eine Sache und sich
verheiraten eine andere! Denn die Lust, die weltliche Lust vergeht wie
ein Rauch, und die Treue ist wie Kautabak, wenn ein anderer kommt, der
Zigarren spendiert. Seht, so bin ich, Tante: mit der ich mich
verheirate, der halte ich auch Treue; und so bin ich immer gewesen,
und wer etwas anderes sagt, der lgt.

Die Alte spitzte die Ohren und merkte die Anspielung.

-- Aber Ida? Ist es nicht Ernst zwischen ihr und Euch? untersuchte sie.

-- Ida, ja, die ist ja an und fr sich ganz gut; ich brauchte nur den
Finger nach ihr auszustrecken, dann htte ich sie! Aber, Tante, sie
hat nicht die rechte Gesinnung; sie ist weltlich und eitel, und ich
glaube, sie wandelt sogar auf unrechten Wegen. brigens mu ich sagen,
ich fange an alt zu werden und habe keine Lust zum Schkern mehr. Ja,
gerade heraus gesagt: _sollte_ ich ans Heiraten denken, so wrde ich
eine ltere, verstndige Person nehmen, eine, welche die rechte
Gesinnung hat. Ich wei nicht recht, wie ich mich ausdrcken soll,
aber Ihr versteht mich doch wohl, Tante, denn Ihr habt ja die rechte
Gesinnung; ja, die habt Ihr.

Die Alte hatte sich am Tisch niedergelassen, um Carlssons Winkelzge
besser verstehen zu knnen, damit sie nicht die Gelegenheit versume,
ihr Amen zu sagen, wenn er mit seinem Ja herausrckte.

-- Aber sagt mal, Carlsson, begann sie ein neues Garnende, habt Ihr
denn nicht an die Witwe von Owassa gedacht, die allein steht und
nichts Besseres verlangt, als wieder zu heiraten?

-- Ach nein, die kenne ich wohl, aber die hat nicht die _rechte
Gesinnung_: wer mich haben will, der mu die rechte Gesinnung haben!
Geld und ueres Getue und feine Kleider, das macht auf mich keinen
Eindruck, denn so bin ich nicht! Und wer mich wirklich kennt, der kann
nichts anderes sagen.

Der Stoff schien nun von allen Seiten benagt zu sein; einer mute das
letzte Wort sagen, solange es noch mglich war.

-- Nun, an wen habt Ihr denn gedacht, Carlsson? wagte sich die Frau
einen khnen Schritt vor.

-- Gedacht? Gedacht! Man denkt dies und das; ich habe berhaupt noch
nichts gedacht. Der etwas denkt, der spreche; ich schweige! Man soll
nachher nicht sagen knnen, ich habe jemanden verlockt: von der
Gesinnung bin ich nicht.

Die Alte wute jetzt nicht recht, wo sie zu Hause war; und sie mute
sich noch ein Mal vortasten.

-- Ja, aber, lieber Carlsson, wenn Ihr Ida in Gedanken habt, dann knnt
Ihr doch nicht in vollem Ernst an eine andere denken.

-- Ida, nein, die Fchsin will ich nicht geschenkt haben! Nein, etwas
Besseres mu es sein; Kleider am Krper mu sie wenigstens besitzen;
und hat sie noch etwas mehr, so schadet es auch nichts; doch sehe ich
nicht darauf, denn so bin ich, das ist meine Gesinnung.

Jetzt war man so viele Male hin- und hergefahren, da man in die
Gefahr kam, sitzen zu bleiben, wenn die Alte sich nicht noch einen
Ruck gab.

-- Nun, Carlsson, was wrdet Ihr sagen, wenn wir beide uns zusammen
tten?

Carlsson wehrte mit beiden Hnden ab, als wolle er sofort vom ersten
Augenblick an jeden Verdacht einer solchen Niedrigkeit verjagen.

-- Aber das kann doch gar nicht in Frage kommen! beteuerte er. Daran
wollen wir nicht einmal denken, geschweige denn davon sprechen. Was
wrden die Leute schwatzen: ich htte Euch frs Geld genommen. Aber so
bin ich nicht, und das ist nicht meine Gesinnung. Nein, ber die Sache
wollen wir kein Wort mehr verlieren. Versprecht mir das, Tante, und
gebt mir die Hand darauf (er streckte seine Hand aus), da wir nie
wieder davon sprechen! Gebt mir die Hand darauf!

Frau Flod aber wollte ihm nicht die Hand darauf geben, sondern sie
wollte gerade die Sache grndlich besprechen.

-- Warum soll man nicht von dem sprechen, was sich doch zutragen
knnte? Ich bin alt, das wit Ihr, Carlsson, und Gustav ist nicht der
Mann dazu, den Hof zu bernehmen. Ich brauche jemanden, der mir zur
Seite steht und hilft; aber ich verstehe wohl, da Ihr Euch nicht fr
andere verbrauchen und Euch nicht fr nichts abrackern wollt: darum
wei ich mir keinen andern Rat, als da wir uns verheiraten. Die Leute
lat nur schwatzen; sie klatschen doch so wie so! Habt Ihr nichts
Besonderes gegen mich, Carlsson, so sehe ich nichts, was uns hindern
sollte. Was habt Ihr gegen mich?

-- Gegen Euch habe ich nichts, Tante, durchaus nichts; aber dieses
dumme Geschwtz; und brigens Gustav wird uns das nie vergessen.

-- Ach was, seid Ihr nicht Manns genug, den Jungen im Zaun zu halten,
so werde ich's schon besorgen. In die Jahre bin ich ja gekommen, aber
so alt bin ich denn doch noch nicht, und ich mu ihm unter vier Augen
sagen, Carlsson ... wenn es darauf ankommt, bin ich noch ebenso gut
wie ein Mdchen. Ja, das ist keine Prahlerei, aber ich glaube, der
Flod hat sich nicht zu beklagen gehabt; und wenn einer Anregung
gebraucht hat, ich war es nicht.

Das war eine dunkle Rede, aber genug fr den, der sie verstand.

-- Oh, darber habe ich mich nicht abfllig geuert, antwortete
Carlsson, und ich bin auch noch nicht so uralt, aber keiner von uns
ist so erpicht aufs Tanzen, da _das_ eine Gefahr sein sollte. Tanzen
ist eine Sache, und Gesinnung eine andere, und wer die _rechte_
Gesinnung hat, mit der kann man ins Brautbett gehen, ohne die Decke zu
hoch heben zu mssen. brigens mu ich Euch sagen, Tante, ich bin
nicht sehr fleischlich, und Ihr habt wohl auch genug gehabt, nach dem
was ich ber Flod gehrt habe.

Das Gesprch hatte einen solchen Reiz erhalten, da man nicht
aufhren konnte, zumal die Erinnerung an entschwundene Freuden der
Einen neue Hoffnungen einflte, whrend der Andere neugierig wurde
auf das, was ihn erwartete.

-- Ja, den Flod wollen wir nun ruhen lassen, da er tot ist; aber seid
Ihr bange, Carlsson, so knnt Ihr ja die Probe machen, ehe Ihr Euch
entscheidet.

-- Oh, das ist durchaus nicht ntig, widersprach Carlsson. Aber ist das
hier am Orte Sitte mit den Mdchen, Herr Gott, so will ich alten
Brauch nicht brechen; man mu die Sitte nehmen, wie man sie findet...

Das Eis war gebrochen. Nun kam eine Flut von Plnen und Beratungen,
wie man sich Gustav gegenber verhalten und wie man es mit der
Hochzeit machen solle.

Die Verhandlungen dauerten lange, so lange, da die Alte den
Kaffeekessel aufsetzen und die Branntweinflasche hervorholen mute.
Bis tief in die Nacht hinein dauerten die Verhandlungen, bis Carlsson
in die rechte Gesinnung kam, um zu zeigen, da er alten Brauch nicht
brechen wolle. Damit war der Bund besiegelt, wenn auch noch nicht
geweiht.




     Fnftes Kapitel

     Man schlgt sich beim dritten Aufgebot, geht zum
     Abendmahl und hlt Hochzeit, kommt aber doch nicht
     ins Brautbett


Da niemand besser ist, als wenn er stirbt, und keiner schlechter, als
wenn er heiratet, mute Carlsson bald erfahren. Gustav hatte gebrllt
wie ein hungriger Seehund, hatte drei Tage lang getobt, whrend
Carlsson eine kleine Reise unter irgend einem Vorwande unternahm.

Der alte Flod wurde aus der Erde ausgegraben und nach allen Seiten
gewendet, um fr den besten Menschen erklrt zu werden, der bisher
geschaffen worden. Dagegen kehrte man Carlsson um wie alte Kleider, um
ihn auf der innern Seite voller Flecken zu finden. Man entdeckte, da
er Bahnarbeiter und Reiseprediger gewesen, von drei Stellen fortgejagt
worden, ein Mal ganz sicher geflchtet, ein Mal, nach nicht verbrgter
Angabe, wegen Schlgerei bestraft worden sei.

Das alles hielt man Frau Flod unter die Nase; aber die Flamme brannte
nun einmal, und mit der Aussicht, da der Witwenstand zu Ende sei,
schien die Alte wieder aufzuleben und sich ein dickes Fell anzulegen,
mit dem sie alles vertragen konnte.

Die Feindseligkeit gegen Carlsson hatte ihre Wurzel darin, da er,
der Fremdling, jetzt durch die Heirat in Besitz dieses Stck Landes
kommen sollte, das die Eingeborenen gewissermaen als ihr Eigentum
betrachtet hatten.

Da die Alte wahrscheinlich noch manches Jahr leben wrde, verringerten
sich des Sohnes Aussichten, einst sein eigener Herr zu werden; und
seine Stellung auf dem Hofe wrde knftighin wohl die eines Knechtes
sein, und zwar unter der Vormundschaft und dem guten Willen des
frhern Knechtes. Es war also ganz natrlich, da der Abgesetzte
raste. Er gab der Mutter scharfe Worte, drohte zur Polizei zu gehen,
Anzeige zu machen und den knftigen Stiefvater fortjagen zu lassen.

Noch bser wurde er, als Carlsson von seiner kleinen Reise im
schwarzen Sonntagsrock und der Seehundsmtze des seligen Flod
zurckkam, die er bei der ersten zrtlichen Gelegenheit als Morgengabe
erhalten hatte. Gustav sagte nichts, bestach aber Rundqvist, Carlsson
einen Schabernack zu spielen.

Eines Morgens, als man sich an den Frhstckstisch setzte, lag auf
Carlssons Platz ein Handtuch, das eine Menge unsichtbarer Dinge
verbarg. Carlsson, der nichts Bses ahnte, hob das Handtuch auf und
sah sein Tischende mit all dem Plunder gedeckt, den er in seinen Sack
gesammelt und unter dem Bett auf seiner Kammer verborgen hatte. Da
standen leere Hummerbchsen, Sardinendosen, Champignonkrge, eine
Porterflasche, unendlich viel Krke, ein gesprungener Blumentopf und
anderes mehr.

Ihm wurde grn vor den Augen; er wute aber nicht, gegen wen er
losbrechen sollte.

Rundqvist verhalf ihm zu einem Ableiter, indem er erklrte, das sei
ein blicher Spa߫ in der Gegend, wenn sich jemand verheirate.

Unglcklicher Weise kam Gustav gerade hinzu, um sein Erstaunen
auszusprechen, da der Lumpensammler so frh im Herbst gekommen,
whrend er sonst sich nicht vor Neujahr zu zeigen pflege. Gleichzeitig
griff Norman ein, um zu erklren, es sei kein Lumpensammler da
gewesen, das seien Carlssons Andenken an Ida; mit denen habe Rundqvist
dem Carlsson einen Streich spielen wollen, da es jetzt zwischen den
beiden aus sei.

Nun fielen scharfe Worte. Das Ende war, da Gustav zur Pfarre segelte.
Dort gelang es ihm, Carlssons Hochzeit auf sechs Monate zu
verschieben, da dessen Papiere nicht in Ordnung waren.

Das war fr Carlsson ein Strich durch die Rechnung. Doch er suchte
den, so gut er konnte, wieder auszukratzen, indem er sich Ersatz
verschaffte.

Zuerst hatte Carlsson seine neue Stellung feierlich aufgefat; als das
aber bel ablief, beschlo er, sie wenigstens den Leuten auf dem Hof
gegenber scherzhaft zu nehmen. Das gelang ihm auch, nur mit Gustav
nicht; der unterhielt bestndig einen unterseeischen Kampf, ohne
irgend ein Zeichen zur Vershnung blicken zu lassen.

So verging der Winter, langsam und still. Man haute Holz, flickte
Netze, fischte auf dem Eis. Dazwischen spielte man Karten und trank
Kaffeehalbe. Feierte Weihnachten durch einen Schmaus. Lag der
Eisvogeljagd ob.

       *       *       *       *       *

Es wurde wieder Frhling. Der Eiderstrich lockte aufs Meer hinaus;
aber Carlsson setzte alle Krfte an die Bestellung, um auf eine gute
Ernte rechnen zu knnen. Die war ntig, um den Ausfall zu ersetzen,
den die Hochzeit bringen wrde; besonders da man die Absicht hatte,
eine groe Hochzeit zu halten, an die man noch Jahre lang denken
sollte.

Mit den Zugvgeln kamen auch die Sommergste. Der Professor nickte
freundlich wie im vorigen Jahre und fand, es sei alles schn wie
frher, besonders da man Hochzeit halte. Glcklicher Weise war Ida
nicht dabei. Sie hatte im April den Dienst verlassen und sollte sich
bald verheiraten. Ihre Nachfolgerin war nicht besonders anziehend;
auch hatte Carlsson zu viel Eisen im Feuer, um sich mit ihr
einzulassen; zumal er das Spiel in der Hand hatte und nicht geneigt
war, es zu verlieren.

Am Mittsommertag wurden die Verlobten aufgeboten, und die Hochzeit
sollte zwischen Heumahd und Kornernte stattfinden; dann war immer eine
kleine Ruhepause in der Arbeit, sowohl zu Lande wie zu Wasser.

Nach dem Aufgebot machte sich eine nderung in Carlssons Wesen
bemerkbar, die nicht gerade angenehm war; Frau Flod war die erste, die
sie zu empfinden hatte. Nach der Sitte des Landes hatten sie seit der
Verlobung wie verheiratete Leute gelebt; und der Brutigam, den der
Aufschub bedrohte, wute sein Benehmen immer nach den zwingenden
Umstnden einzurichten. Als die Gefahr aber vorber war, trug er den
Kopf hoch und zeigte die Klauen.

Das machte jedoch auf Frau Flod, die sich ebenfalls sicher fhlte,
keinen andern Eindruck, als da sie die Zhne zeigte, so viel sie noch
hatte. So gerieten sie am Tage des dritten Aufgebots an einander.

Die ganze Bevlkerung der Insel auer Lotte war nach der Kirche
gefahren, um das Abendmahl zu nehmen. Wie gewhnlich hatte man das
kleinste Boot genommen, um, falls man rudern mute, so wenig Mhe wie
mglich damit zu haben. Es war also eng im Boot, zumal man Proviant,
Fische fr den Pastor und Lichter fr den Kster mitfhrte; auerdem
hatte man alle mglichen Kleidungsstcke zum Wechseln mitgenommen;
ganz abgesehen von Segel und Rudern, Schpfgefen und Eimern,
Schemeln und Tritten.

Nach Gewohnheit hatte man ein besseres Frhstck gegessen; hatte
einander aus Krgen und Flaschen zugetrunken. Hei war es auch auf
See, und niemand wollte rudern; ein kleiner Streit brach unter den
Mnnern aus, von denen keiner Lust hatte, schwitzend in die Kirche zu
kommen. Die Frauen traten dazwischen; und als man in die Kirchbucht
kam und die Glocken hrte, die man seit Jahr und Tag nicht vernommen,
wurde der Zwist beigelegt.

Es lutete erst zum ersten Male; man hatte also noch viel Zeit. Frau
Flod ging darum mit den Fischen nach der Pfarre hinauf.

Der Pastor rasierte sich gerade und war bei grimmiger Laune.

-- Seltenen Besuch hat die Kirche heute, da die Hemser kommen, grte
er und prfte das Messer am Zeigefinger. Kommen die Leute mit Fischen,
als htte man die See nicht vor der Tr, schnauzte er.

Carlsson, der die Fische trug, konnte in die Kche gehen, um sich
einen Schnaps geben zu lassen.

Dann ging man mit den Lichtern zum Kster; und dort gab es auch einen
Schnaps.

Schlielich trafen sich alle vor der Kirche, sahen sich die Pferde der
Grobauern an, lasen die Grabsteine und begrten Bekannte. Frau Flod
machte dem Grabe Flods einen kurzen Besuch, whrend Carlsson bei Seite
ging.

Als es zum letzten Male gelutet hatte, trat die Gemeinde in die
Kirche ein.

Da die Hemser, nachdem die alte Kirche verbrannt war, keinen eigenen
Kirchenstuhl hatten, muten sie auf dem Gange stehen. Hei war es, und
fremd fhlten sie sich in dem groen Raume; aus reiner Verlegenheit
schwitzten sie; sie sahen aus wie eine Bande aus der Besserungsanstalt,
die am Pranger stand.

Die Uhr wurde elf, ehe man zum Kanzellied kam; die Hemser hatten
einige zwanzig Male die Beine umgestellt und die Fe gewechselt. Die
Sonne schien so hei in die Kirche, da der Schwei ihnen von den
Stirnen perlte; aber sie standen wie in einer Zange und konnten sich
nicht nach einem schattigen Fleck retten.

Da kommt der Kirchendiener und setzt Nummer 158 des Gesangbuches an.
Die Orgel spielt ein Vorspiel und der Kster beginnt mit der ersten
Strophe. Die wird mit Lust und Liebe gesungen, da man unmittelbar nach
ihr die Predigt erwartete. Aber siehe, es kommt Strophe zwei und drei.

-- Es kann doch nicht sein Ernst sein, alle achtzehn durchzunehmen?
flsterte Rundqvist Norman zu.

Aber es war Ernst! In der Tr zur Sakristei war Pastor Nordstrms
zorniges Gesicht zu sehen, das die Gemeinde trotzig und herausfordernd
anblickte; er hatte beschlossen, ihr eine gehrige Lehre zu geben, da
er sie ein Mal unter den Hnden hatte.

Und alle achtzehn Strophen wurden gesungen; die Uhr war halb zwlf,
als der Pastor endlich auf die Kanzel kam. Da aber waren sie weich, so
weich, da sie auf ihr Angesicht niederfielen und einschliefen.

Lange dauerte jedoch der Schlaf nicht, denn eins, zwei, drei schrie
der Pastor sie an, da die Schlummernden auffuhren, die Kpfe in die
Hhe warfen und den Nachbar dumm anstarrten, als fragten sie, ob Feuer
ausgebrochen sei.

Carlsson und die Alte hatten sich so weit vorgedrngt, da ein
Rckzug nach der Tr unmglich war, ohne Aufsehen zu erregen. Die Alte
weinte aus Mdigkeit und infolge ihrer engen Stiefel, die um so rger
drckten, je hher die Wrme stieg. Zuweilen warf sie ihrem Brutigam
einen bittenden Blick zu, als flehe sie ihn an, sie an die See
hinunter zu tragen; der aber war so in den Gottesdienst vertieft, wie
er da in Flods weiten roledernen Stiefeln stand, da er die
Ungeduldige nur mit bsen Blicken strafte.

Die andern dagegen waren achteraus gesackt und unter die Orgelempore
gekommen; dort war es khl und man hatte etwas Schatten. Dort
entdeckte Gustav auch die Feuerspritze, lie sich darauf nieder und
nahm Clara auf den Scho.

Rundqvist lehnte sich an einen Pfeiler und Norman stand neben ihm, als
die Predigt begann.

Es waren Worte und keine Lieder, scharfe Worte, und sie dauerten
sechs Viertelstunden. Der Text handelte von den klugen und trichten
Jungfrauen; da keiner von den Mannsleuten den auf sich bezog, schlief
die ganze Gesellschaft; schlief sitzend, hngend, stehend.

Als eine halbe Stunde vergangen war, stie Norman Rundqvist, der sich
die Stirn mit der Hand hielt, als sei ihm nicht wohl, in die Rippen
und zeigte mit dem Daumen nach Clara und Gustav auf der Feuerspritze.
Rundqvist drehte sich behutsam zur Seite, sperrte die Augen auf, als
sehe er den Bsen selber; schttelte den Kopf und lchelte, als habe
er verstanden. Clara hatte nmlich die Augen geschlossen und lie die
Zunge hngen, als schliefe sie in schmerzlichen Trumen; Gustav aber
starrte unverwandt Pastor Nordstrm an, als wolle er jedes Wort
aufessen und strenge sich an, das Stundenglas rinnen zu hren.

-- Aber die sind ja toll, flsterte Rundqvist, ging langsam und
vorsichtig rckwrts, behutsam mit den Fersen tappend, um nicht heftig
gegen die Ziegelsteine zu stoen.

Norman aber hatte Rundqvists Gedanken schon gelesen: schnell wie ein
Aal war er zum Kirchhof hinaus geschlpft. Dorthin folgte Rundqvist
ihm bald. Beide eilten dann zusammen nach dem Boot hinunter.

Drauen wehte ein khler Seewind, und die hastig eingenommenen
Erfrischungen setzten ihre Krfte bald wieder in Stand. Leise, wie sie
gekommen, kehrten sie wieder in die Kirche zurck.

Dort war Clara in des schlafenden Gustavs Armen entschlummert; die
umfaten sie aber so hoch oben, da Rundqvist sie etwas
hinunterschieben zu mssen glaubte. Dabei erwachte Gustav jedoch und
umfate seinen Raub von neuem, als habe jemand ihm das Mdchen nehmen
wollen.

Eine halbe Stunde dauerte noch die Predigt; und dann ging noch eine
halbe darauf mit dem Kirchenliede, ehe das Abendmahl begann.

Unter starker Erregung wurden die Gnadenmittel genommen. Rundqvist
weinte.

Als die feierliche Handlung zu Ende war, wollte sich Frau Flod in
einen Kirchenstuhl drngen. Dabei wre es beinahe zu einem Streit
gekommen, und sie wurde aus dem Stuhl wieder hinausgewiesen. So
brachte sie die letzte halbe Stunde hinter dem Stuhl des
Kirchenvorstehers zu, auf den Hacken stehend, als verbrennten die
Ziegelsteine ihr die Sohlen. Wie der Pastor das Aufgebot vorlas, wurde
sie ganz wild, weil die Leute sie ansahen.

Endlich war alles aus, und man strzte nach dem Boot hinunter. Frau
Flod konnte nicht mehr warten, sondern zog, sobald sie die
Glckwnsche vor der Kirche empfangen, ihre Schuhe aus und trug sie
hinunter zum Boot. Dort steckte sie die Fe ins Wasser und schalt
Carlsson aus.

Dann machte man sich ber den Mundvorrat her. Als man entdeckte, da
die Pfannkuchen fehlten, wurde Lrm geschlagen. Rundqvist hielt es fr
wahrscheinlich, da sie vergessen waren; Norman meinte, jemand habe
sie auf dem Hinweg aufgezehrt; dabei warf er einen argwhnischen Blick
auf Carlsson.

Schlielich stieg man ins Boot. Da aber erinnerte sich Carlsson, da
er ein Fa Teer aus dem Kirchenschuppen abzuholen habe. Das gab einen
Sturm. Die Frauen schrien, sie wollten keinen Teer im Boot haben; um
keinen Preis, da sie neue Kleider anhtten. Doch Carlsson holte die
Teertonne und verstaute sie.

Da entstand wieder ein Leben ber die Frage, wer neben dem
gefhrlichen Gef sitzen sollte.

-- Worauf soll man denn sitzen? jammerte Frau Flod.

-- Nimm die Rcke hoch und setz dich auf den Hintern, antwortete
Carlsson, der sich jetzt, nachdem er aufgeboten war, sehr viel mehr zu
Hause fhlte.

-- Was sagst du? zischte die Alte.

-- Ja, das sage ich: setz dich ins Boot, damit wir fortkommen!

-- Wer hat den Befehl auf See, mchte ich wissen? fiel Gustav ein, der
fand, da man seiner Ehre zu nahe trat.

Und Gustav setzte sich ans Steuer, lie aufhissen und nahm die Schot
in die Hand.

Das Boot war tief beladen, der Wind war uerst schwach, die Sonne
brannte hei und die Kpfe befanden sich in Grung. Das Boot kroch
dahin wie eine Laus auf geteerter Birkenrinde, und es half nicht,
da die Mannsleute einen Segelschnaps nahmen.

Die Geduld verging ihnen bald und das Schweigen, das eine Weile
geherrscht hatte, wurde von Carlsson unterbrochen, der die Segel
reffen und rudern wollte. Das wollte Gustav aber nicht:

-- Wartet nur! Sobald man aus den Kobben heraus ist, kann man schon
segeln, meinte er.

Und man wartete. Schon war drauen im Gatt zwischen den Inseln ein
dunkelblauer Streifen zu sehen, und man hrte die See gegen die
ueren Schren branden. Ein starker stlicher Wind war im Anzuge, und
Leben kam in die Segel. Gerade als man um eine Landzunge bog, kam
solcher Wind, da sich das Boot legte, wieder hoch hob und dahin
scho, da es hinter ihm gurgelte.

Jetzt mute die ganze Gesellschaft einen Schnaps nehmen. Alle lebten
auf, als das Boot guten Gang machte.

Dann aber frischte der Wind auf; das Boot lag leewrts unter Wasser,
wurde aber vom Wind durchgedrckt.

Carlsson ward bange, hielt sich an den Tauen fest und bat, man solle
reffen und zu den Riemen greifen.

Gustav antwortete nicht, sondern holte die Schot an, da Wasser ins
Boot kam.

Da erhob sich Carlsson, wurde wild und wollte ein Ruder auslegen. Aber
die Alte packte ihn beim Rock und zog ihn nieder.

-- Sitz still im Boot, Mensch, in Jesu Namen! schrie sie.

Carlsson setzte sich wieder, aber sein Gesicht war wei. Aber er sa
nicht lange, als er auffuhr und, ganz auer sich, den Rockscho
aufhob.

-- Alle Wetter, leckt der Racker! heulte er und schlug mit dem
Rockscho.

-- Was leckt? fragten alle auf einmal.

-- Das Teerfa!

-- Herr Jesus! riefen alle und rckten von dem Teerflu fort, der allen
Bewegungen des Bootes folgte.

-- Sitzt still im Boot, brllte Gustav; sonst segle ich euch um!

Carlsson hatte sich wieder erhoben, gerade als eine Brise kam.
Rundqvist sah die Gefahr, erhob sich vorsichtig im Sitz und gab ihm
eine Maulschelle, da er niederstrzte.

Eine Schlgerei stand bevor. Frau Flod geriet auer sich und schritt
ein. Sie ergriff ihren Liebsten am Rockkragen und schttelte ihn.

-- Was ist das fr ein Tropf, der noch nicht gesegelt hat? Weit du
nicht, da man im Boot still sitzen mu?

Carlsson wurde bse, ri sich los, verlor aber ein Stck vom
Rockkragen.

-- Reit du meine Kleider kaputt, Weibstck! schrie er und
setzte die Stiefel auf die Bootsseite, um sie vorm Teer zu schtzen.

-- Was sagst du? flammte die Alte auf. Deine Kleider? Von wem hast du
denn den Rock? Weibstck fr solch einen Laichhering, der nichts hat...

-- Schweig, brllte Carlsson, in seinem empfindlichsten Punkt
getroffen; sonst antworte ich!

-- Antworte nur; ich werde schon zurckgeben, meinte Frau Flod.

-- Ja, ich knnte sagen: mancher hobelt schlecht auf trockenem Brett,
der gut ist auf frischem.

Gustav fand, nun ging es zu weit, und stimmte einen Schottischen an;
in den fielen Norman und Rundqvist ein. Das giftige Gesprch flaute
ab, um auf den gemeinsamen Feind berzugehen, den Pastor Nordstrm,
der sie fnf Stunden hatte stehen und achtzehn Strophen hatte singen
lassen.

Die Flasche machte die Runde, der Wind wurde gleichmiger, die
Gemter beruhigten sich. Die beste Stimmung herrschte, als das Boot in
die Bucht einfuhr und an der Brcke anlegte.

       *       *       *       *       *

Die Vorbereitungen fr die Hochzeit, die drei Tage dauern sollte,
nahmen ihren Anfang. Man schlachtete ein Ferkel und eine Kuh; kaufte
hundert Kannen Branntwein; legte den Strmling in Salz und
Lorbeerbltter; scheuerte, backte, braute, kochte, briet, mahlte
Kaffee.

Gustav ging whrend all dieser Zurstungen mit einem geheimnisvollen
Gesicht umher; lie die Andern gewhren und uerte keinerlei Ansicht.

Carlsson dagegen sa meist vor der Klappe des Sekretrs und rechnete;
fuhr nach dem Badeorte Dalar; ordnete alles, wie er es haben wollte.

Der Tag vor der Hochzeit war da. Zeitig am Morgen packte Gustav seine
Tasche, nahm die Flinte und ging. Die Mutter erwachte und fragte,
wohin er wolle. Gustav antwortete, er wolle hinausfahren, um
nachzusehen, ob der Badefisch schon gekommen. Damit drckte er sich.

Sein Boot hatte er mit Mundvorrat fr mehrere Tage versehen; auch nahm
er eine Bettdecke, einen Kaffeekessel und andere Sachen mit, die fr
einen Aufenthalt auf den Schren ntig waren.

Unten am Strand setzte er sofort Segel. Statt aber in die Buchten
einzubiegen, um nachzusehen, ob der Khlung auf die warmen sandigen
seichten Ufer zum baden hinauf gezogen sei, hielt er geradewegs
zwischen die Kobben hindurch.

Der Morgen war jetzt Ende Juli blendend klar, der Himmel blauwei wie
abgerahmte Milch; Inseln, Holme, Schren, Kobben, Riffe lagen so weich
und schmelzend im Wasser, da man nicht sagen konnte, ob sie der Erde
oder dem Himmel angehrten. Ins Land hinein standen Fichten und Erlen,
und auf den Landzungen lagen Sgergnse, Trauerenten, Taucher, Mwen.
Nach dem offenen Meer zu waren nur Meerkiefern zu sehen, und Teiste,
Alke, schwarze, papageihnliche, schwrmten frech um das Boot, um den
Jger von den in den Bergschluchten versteckten Nestern abzuleiten.

Schlielich wurden die Schren niedriger, nackter; und hier drauen
war nur eine vereinzelte Kiefer brig gelassen, um den Nistkasten zu
tragen, in dem man Eider und Sgergnse ihre Eier legen lie; oder
eine Eberesche, ber deren Krone eine Wolke von Mcken sich im Winde
schaukelte. Dahinter lag das offene Meer. Dort hielt die Raubmwe ihre
Jagd, in Fehde mit Seeschwalben, Mwen und Blaumnteln. Dorthin lenkte
der Meeradler seinen schweren Flug, um vielleicht eine liegende
Eiderente zu packen.

Dorthin, nach der letzten Schre, steuerte jetzt Gustav, an der
Ruderpinne liegend, die Pfeife im Munde. Von einer lauen sdlichen
Brise lie er sich schleppen; gegen neun ging er auf der Schre
Norsten an Land.

Es war eine felsige Insel, einige Morgen gro, mit einer Talmulde in
der Mitte. Einige kahlkpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen;
auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in
den Klften; und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus
Heidekraut, Krhenbeere, Multebeere bedeckt; die letzten hatten
angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbsche lagen wie
platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Ngeln
festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden.

Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wute, welchen
Wachholderbusch er heben mute, um die brtende Eider zu finden, die
sich den Rcken streicheln lie und ihn ins Hosenbein bi. Er steckte
seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen
den Hals umzudrehen, da er sie zum Frhstck haben wollte.

Hier drauen fischten die Hemser ihre Strmlinge. Hier hatten sie
zusammen mit einer andern Fischergesellschaft einen Schuppen gebaut,
in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch
Gustav seine Schritte, nahm den Schlssel von seinem gewhnlichen Ort
unterm Dachbart und trug seine Gertschaften hinein. Der Schuppen
bestand nur aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen, die
fachfrmig bereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch,
einen Dreifu zum Sitzen.

Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach
hinauf, um die Schornsteinluke zu ffnen. Als er wieder herunter kam,
holte er die Streichhlzchen von ihrem Platze unter einem Balken und
machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem
Brauch, einen Arm voll Brennholz fr seinen Nachfolger zurecht gelegt.
Dann setzte er den Kartoffelkessel auf und legte einige gesalzene
Fische ber die Kartoffeln. Whrend er wartete, rauchte er eine
Pfeife.

Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum
Boot hinunter, wo er die Lockvgel hatte. Ruderte die hinaus und
verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schiekoje, die
aus Steinen und Reisig gebaut war.

Die Lockvgel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen,
aber keine Eider fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er
ermdete. Trieb sich auf den Sandsteinen umher, um eine Otter
aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester
zwischen glnzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer.

Es schien ihm aber auch nichts daran zu liegen, etwas zu bekommen; er
trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben; um nicht daheim sein zu
mssen; es machte ihm Vergngen, sich hier drauen herumzutreiben, wo
niemand ihn sah, niemand ihn hrte.

Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief.

Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glck
auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzt blickstill, und er sah,
wie sich das Land gleich dnnem Rauch in der goldenen Strae der
sinkenden Sonne streckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen
Nacht, und er hrte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die
Seehunde badeten in gehriger Entfernung, steckten ihre Schwachkpfe
aus dem Wasser, blkten, pusteten und tauchten wieder unter.

Der Dorsch bi wirklich; es gelang Gustav einige Weibuche
heraufzuholen, die mit ihrem groen aber ungefhrlichen Schlund nach
Wasser schnappten und mit ihren Augen in die Sonne blinzelten, als sie
aus ihrer dunkeln Tiefe hervorgeholt wurden und ber die Reling ins
Boot sprangen.

Gustav hatte auf der nrdlichen Seite der Schre gehalten; als es aber
schnell Abend wurde und er wendete, um zurckzufahren, merkte er erst,
da der Schornstein des Schuppens rauchte. Sich fragend, wer das sein
knne, machte er, da er so schnell wie mglich hin kam.

-- Bist du's? hrte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors.

-- Nein, Sie sind's, Herr Pastor, rief Gustav erstaunt, als er den
Geistlichen am Herdfeuer sitzen und Heringe braten sah. Sind Sie
allein drauen?

-- Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der
Sdseite gesessen, deshalb habe ich dich nicht gesehen. Aber warum
bist du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rsten?

-- Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen, meinte Gustav.

-- Ach Geschwtz, warum solltest du sie nicht mitmachen?

Gustav erklrte, so gut er konnte, seine Grnde; aus denen ging
hervor: er wollte erstens ein Fest nicht mitmachen, das ihn anwiderte;
zweitens wollte er den brandmarken, der sein Gegner war.

-- Aber deine Mutter? wandte der Pastor ein; ist es nicht schade um
sie, so blogestellt zu werden?

-- Das kann ich nicht finden, antwortete Gustav. Es ist eher schade um
mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht
erben, solange er darauf sitzt.

-- Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ndern; vielleicht aber
kann man spter ein Mal etwas dabei machen. Jetzt mut du morgen ganz
frh dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mut du jedenfalls
mitmachen!

-- Daraus wird nichts, da ich's mir einmal in den Kopf gesetzt habe,
versicherte Gustav.

Der Pastor lie den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seinen
Hering zu essen.

-- Du hast wohl keinen Schnaps bei dir? begann er von neuem. Siehst du,
meine Alte schliet alles Starke ein, und ich kriege so frh nichts.

Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehrigen Schluck.
Darauf wurde er gesprchig und schwatzte alles mgliche ber die
Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die ueren wie die innern.

Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen
und die Dmmerung sich wie ein melonenfarbiger Nebel ber Kobben und
Wasser legen. Die Mwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die
Krhen zogen nach den innern Schren, um in den Wldern Nachtquartier
zu suchen.

Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber muten die Mcken aus dem
Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tr geschlossen und
der Raum mit Schwarzem Anker vollgeraucht; darauf wurde die Tr
wieder geffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen unternommen.

Die beiden Fischer warfen die Rcke ab und kletterten in ihre Kojen.

-- Jetzt mut du mir noch einen Flohschluck geben, bettelte der Pastor,
der schon sein gehriges Teil erhalten hatte.

Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte lung. Dann wollte man
schlafen.

Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen
Tageslicht brach durch die undichten Wnde. Doch in der schlechten
Beleuchtung fanden einzelne Mcken ihren Weg zu den Schlfrigen, die
sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Qulgeistern zu
entgehen.

-- Nein, das ist doch toll! sthnte schlielich der Pastor. Schlfst
du, Gustav?

-- Bewahre! Heute Nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber
womit soll man sich die Zeit vertreiben?

-- Wir mssen wohl aufstehen und wieder Feuer anznden; einen andern
Rat wei ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten htten, knnten wir
eine Mariage machen. Du hast wohl keins?

-- Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarner ihres
haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die
letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas
abgegriffen war.

Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholderreisig auf den Herd
und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte den Kaffeekessel auf
und zog eine Strmlingstrommel herbei; die wurde zwischen die Knie
gestellt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an.
Bald tanzten die Karten.

Die Stunden vergingen.

-- Drei frische, passe, Trumpf, war zu hren; dazwischen ein Fluch,
wenn eine Mcke unversehens ihren Schrpfkopf auf Nacken und Knchel
der Spieler ansetzte.

-- Hr mal, Gustav, unterbrach der Pastor, der seine Gedanken anderswo
als bei Karten und Mcken gehabt zu haben schien, schlielich das
Spiel, knntest du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der
Hochzeit fern zu bleiben? Es sieht ja feig aus, wenn du diesem Knoten
aus dem Weg gehst! Willst du ihn rgern, so wei ich bessern Rat.

-- Wie sollte ich das anfangen? fragte Gustav, dem es allerdings leid
tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem vterlichen
Erbe genommen wurde.

-- Komm am Nachmittage, unmittelbar nach der Trauung, heim; sag, du
seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann
nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn
betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt; auch sorgen wir dafr,
da die Burschen ihren Spa mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht
genug?

Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein
auf der Schre zu hausen, um nachts von den Mcken aufgefressen zu
werden, machte ihn weich; zumal er sich wirklich danach sehnte, all
die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken
zu lassen.

Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszufhren sei,
und Gustav erklrte sich bereit, bei der Ausfhrung mitzuwirken.

Mit sich selbst und einander zufrieden, krochen sie schlielich in
ihre Kojen, als schon das Tageslicht durch die Trspalten drang und
die Mcken ihres nchtlichen Tanzes mde geworden waren.

       *       *       *       *       *

Carlsson hatte am selben Abend von heimkehrenden Strmlingsfischern
gehrt, da man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schre Norsten
habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schlu, es sei eine
Teufelei im Werke. Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll,
erstens, weil der die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte;
zweitens, weil der Pastor ihm eine nie ermdende Geringschtzung
zeigte. Carlsson hatte vor ihm gekrochen, sich an ihm gerieben, ihn
geschmiert, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm
der Pastor immer seinen breiten Rcken zu; hrte nie auf das, was er
sagte; erzhlte immer Geschichten, die sich sehr wohl auf den
vorliegenden Fall anwenden lieen.

Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihren Anschlag gegen
ihn ausfhren wrden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen
begegnen knne. Der Seesoldat der Kste befand sich zufllig auf
Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hems
angestellt; dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tnzen und
dergleichen wohl bekannt und geschtzt. Carlsson hatte richtig
gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem
Pastor einen Streich zu spielen; Rapp, so hie der Bootsmann, war
nmlich vom Pastor nicht konfirmiert worden, weil er Mdchen
nachgestellt hatte; dieser Verlust eines Jahres hatte ihm
Schwierigkeiten bei der Marine gemacht.

Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffeehalben ihren
Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts
Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen; was dann weiter zu tun
war, wrden die Umstnde schon ergeben.

Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mute
entscheiden, welche die wirksamere war.

Der Hochzeitstag brach an.

Alle erwachten mde und schlechter Laune, infolge der vielen
Vorbereitungen.

Als die ersten Gste zu frh anlangten, da die Wasserverbindungen
niemals pnktlich sein knnen, empfing sie niemand; verdutzt strichen
die Gste um die Huser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.

Die Braut war noch nicht angezogen. Der Brutigam eilte in Hemdsrmeln
umher, um Glser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die
Leuchter zu stecken.

Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Mbel waren hinaus getragen
und hinter einer Ecke aufgestellt worden, da es aussah, als sei
Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte
man die Zollflagge gehit, die man fr die Feier vom Zollaufseher
geliehen. ber der Haustr hingen Kranz und Krone aus Preielbeerreis
und Gnseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbsche.

In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den
strksten Farben leuchteten; wie in einem Branntweinladen: Carlsson
liebte starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen
durch das seifengrne Glas; der Purpur des Kognaks leuchtete wie
Kohlenfeuer; die silberhnlichen Zinnkapseln, welche die Korke
bedeckten, funkelten wie blanke Geldstcke.

Einige der Khnsten unter den jungen Bauern traten nher und gafften,
als stnden sie vor einem Ladenfenster; sie fhlten den Vorgeschmack
eines angenehmen Kratzens im Schlunde.

Auf jeder Seite der Tr lag ein Fa von sechzig Kannen; wie grobe
Mrser bewachten sie den Eingang. Das eine enthielt Branntwein, das
andere Dnnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen, Kugelpyramiden gleich,
zweihundert Bierflaschen.

Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Bootsmann Rapp ging
umher wie ein Gefreiter, den Korkzieher am Bauchriemen, das
Kriegsgert ordnend, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die
Fsser mit Fichtenreisern verziert, sie angestochen und mit
Metallhhnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen
Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefe, um hren zu
lassen, da sich etwas in ihnen befand.

In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weien
Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicherheit halber ohne
Seitengewehr, flte er den Bauernburschen groen Respekt ein. Auer
seiner Befassung als Mundschenk hatte er den Auftrag, Ordnung zu
halten, Unfug zu verhten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlgereien
einzuschreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie
ihn; das war aber nur Neid; sie htten so gern die Uniform angezogen
und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tauende und die launischen
Kanoniere gefrchtet htten.

In der Kche standen zwei Kochtpfe fr den Kaffee auf dem Herde, und
zusammen geliehene Mhlen krachten und knirschten. Zuckerhte wurden
mit dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern
aufgeschichtet. Die Mgde liefen hin und her zwischen Kche und
Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit
Scken voll frischgebackenem Brot behngt war.

Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsrmeln, den
Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Clara.

Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den
Brckenkopf und legte unter Flintenschssen an. Aber die Leute wagten
sich noch nicht in die Stuga hinauf, sondern strichen in Scharen um
den Hof.

Ein glcklicher Zufall hatte es gefgt, da des Professors Frau und
Kinder landeinwrts zu einem Geburtstage hatten reisen mssen, und nur
der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung
angenommen, gab auch seinen groen Saal fr die feierliche Handlung
her und seinen Rasen unter den Eichen fr Kaffeetrinken und
Abendschmaus. Da waren lange Bretter auf Bcke und Fsser gelegt, um
Tische und Bnke zu bilden; die Tische waren bereits mit Decken
versehen und mit Kaffeetassen gedeckt.

Auf der Hhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen.
Rundqvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke,
hatte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gste durch spttische
Anmerkungen zu erheitern.

Norman hatte den Auftrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengru zu
donnern, hauptschlich mit Dynamitpatronen; er hielt sich hinter der
Hausecke und bte sich in kleinerem Mastabe mit einem Terzerol. Dafr
hatte er aber seine Harmonika hergeben mssen; die war heute in Acht
und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, den
Schneider aus Fifong, berufen hatte; und dieser Herr war sehr
empfindlich, wenn man in seine Kunst griff.

Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hochzeitslaune, bereit,
mit dem Brautpaar zu spaen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von
Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheien.

-- Nun, mssen wir auch gleich taufen? grte Pastor Nordstrm.

-- Nein, potztausend, so eilig ist's denn doch nicht! antwortete der
Brutigam, ohne verlegen zu werden.

-- Bist du deiner Sache auch sicher? fragte der Pastor, whrend die
Bauern grinsten. Ich habe schon ein Mal auf einer Hochzeit getraut und
getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sich es leisten
konnten. Im Ernst, wie steht's mit der Braut?

-- Hm, dieses Mal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wann es
los geht, antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz
anwies, zwischen der Mutter des Kirchenvorstehers und der Witwe von
Owassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt.

Der Professor kam, in Frack und weier Binde, mit schwarzem hohen Hut.
Der Pastor nahm ihn sofort als ebenbrtige Standesperson in Anspruch
und fing ein Gesprch an, das die Frauen mit gespannten Augen und
Ohren belauschten; sie waren nmlich davon berzeugt, der Professor
sei ein grundgelehrter Mann.

Aber Carlsson kam und verkndete, alles sei bereit; man suche nur
Gustav noch, um anfangen zu knnen.

-- Wo ist Gustav? rief man jetzt auf dem Hof und wiederholte es bis zur
Scheune.

Niemand antwortete. Keiner hatte ihn gesehen.

-- Oh, ich wei es wohl, wo er ist, erklrte Carlsson.

-- Wo kann er denn sein? hhnte Pastor Nordstrm so, da Carlsson es
merkte.

-- Man hat ihn drauen auf Norsten gesehen, hat ein Vogel gezwitschert;
und ein Fuchs war mit ihm, der ihn zum trinken verfhrte!

-- Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck,
auf ihn zu warten, meinte der Pastor. Es ist jedenfalls unrecht von
ihm, sich nicht zu Hause zu halten, wo er so gute Vorbilder und so
treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder
sollen wir warten?

Die Braut ward gehrt. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie
doch, da man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde.

So begann man aufzubrechen, whrend hinten auf den Bergfelsen der
Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog
den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor fhrte die
Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weien Schleier
mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnrt; was verborgen werden
sollte, wurde um so sichtbarer.

So zog man in den Saal des Professors hinauf, whrend die Geige
knirschte und die Schsse knallten.

Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um
nach dem verlorenen Sohn zu sphen; als sie zur Tr hinein sollte,
mute der Pastor sie schleppen, whrend sie die Augen hinten hatte.

Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gste rings an den
Wnden auf, als bildeten sie die Wache fr eine Hinrichtung. Das
Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Sthlen Platz, die mit einem
brsseler Teppich bedeckt waren.

Der Pastor hatte das Buch genommen, befhlte seinen Kragen und wollte
sich gerade ruspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte.

-- Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav wohl!

Es wurde fast ganz still im Zimmer; man hrte nur das Knarren von
Stiefeln und das Knittern gestrkter Hemden; nach einigen Augenblicken
hrte das auf, man sah einander an, wurde verlegen, hustete; dann ward
es wieder still. Schlielich sagte der Pastor, an dem aller Blicke
hingen:

-- Jetzt beginnen wir; lnger knnen wir nicht warten! Ist er noch
nicht gekommen, so kommt er auch nicht.

Dann begann er:

-- Teure Christen, die Ehe ist von Gott selbst gestiftet...

Eine gute Weile war vergangen, die lteren Frauen rochen an ihrem
Lavendel und weinten, als pltzlich ein Knall vom Hofe zu hren war
und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf,
lie sich aber nicht weiter stren; nur Carlsson rhrte sich etwas
unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puff!
puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen; die Jungen, die an
der Tr standen, fingen an zu kichern.

Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Brutigam:

-- Vor Gott dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich
dich, Johannes Eduard Carlsson, ob du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau
haben und sie in Lust und Leid lieben willst?

An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkrke,
Glasscherben klirrten und der Hund begann ganz toll zu bellen.

-- Wer zieht denn da drauen Flaschen auf und strt den heiligen Akt?
brllte Pastor Nordstrm wtend.

-- Danach wollte ich gerade fragen, platzte Carlsson heraus, der seine
Neugier und Unruhe nicht lnger zurckhalten konnte. Macht Rapp diesen
Spektakel?

-- Was soll ich machen, rief Rapp, der in der Tr stand und sich von
der Zumutung verletzt fhlte.

Puff! puff! puff! knallte es unaufhrlich.

-- Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach, was los ist, damit
nicht noch ein Unglck geschieht, schrie der Pastor; nachher fahren
wir fort.

Einige Hochzeitsgste strzten hinaus, andere drngten sich an die
Fenster.

-- Das ist das Bier! schrie jemand.

-- Das Bier, das Bier platzt! wiederholte der Professor.

-- Wie kann man aber auch das Bier in die Sonne legen!

Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen und knallten
und brausten, da der Schaum auf die Erde rann.

Die Braut war ber die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung
erregt; das bedeutete nichts Gutes! Der Brutigam wurde gescholten,
weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte; beinahe wre er in
eine Schlgerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld
schieben wollte. Der Pastor war zornig, da die heilige Handlung von
den Flaschen gestrt worden. Drauen aber standen die Jungen und
tranken die Reste aus den Flaschenbden; whrend ihrer Rettungsarbeit
bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke
heraus gesprungen waren.

Als sich schlielich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von
neuem im Saal, allerdings nicht mehr so andchtig wie vorher. Nachdem
der Pastor die Frage an den Brutigam wiederholt hatte, wurde die
heilige Handlung zu Ende gefhrt, ohne da sie von etwas Anderm
unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu
unterdrcken vermochten.

Die Glckwnsche regneten auf die Neuvermhlten nieder; und so schnell
man konnte, verlie man den Saal, der nach Schwei, Trnen, feuchten
Strmpfen, Lavendel und welken Blumenstruen roch.

Eilig ging's an den Kaffeetisch.

Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz; aber die Braut
hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mute hierhin und dorthin
eilen, um nach den Zurstungen zu sehen.

Die Sonne schien glnzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen
plauderte und lachte man. Der Branntwein flo in die Kaffeetpfe, als
die zweite Tasse kam, in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch
oben am Kopfende beim Brutigam wurde Punsch geboten; weder Bauern
noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getrnk, das man sich
nicht alle Tage leistete, und der Pastor lie sich's aus seinem
Kaffeetopf wohl bekommen.

Heute war er ungewhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm
unaufhrlich zu, rhmte ihn und zeigte ihm die grte Aufmerksamkeit.
Doch verga er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr
Vergngen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber
es war nicht leicht, ihn im Gesprch zu finden, da Musik nicht die
starke Seite des Pastors war und der Professor aus Hflichkeit das
Gesprch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte, dem dieser
gerade entkommen wollte. Da man einander so schwer verstand, konnte
der eine dem andern auch nicht nher kommen. berhaupt sprach der
Professor, der gewohnt war, seinen Gefhlen in Musik Luft zu machen,
nicht viel.

-- Sind viel Leute in der Kirche? fragte er.

-- Oh nein, das kann man nicht sagen, nur wenn Abendmahl ist. Werden
wir Sie nie bei uns sehen, Herr Professor? fragte der Pastor.

-- Nein, ich nehme nie das Abendmahl; ich kann nicht.

-- Knnen nicht! Warum nicht?

-- Ich mu den Abla ausspeien! antwortete der Professor und machte ein
saures Gesicht.

Pastor Nordstrm, der nicht verwhnt war, fand, das war roh gesagt von
einem so feinen Herrn; wandte sich von ihm ab und fuhr fort, dem
Brutigam zuzusetzen.

-- Du bist Reiseprediger gewesen, Carlsson? warf er dem hin. Was hast
du denn gepredigt?

-- Gottes Wort, wie der Herr Pastor, grinste Carlsson.

-- Na, das lasse ich mir gefallen, aber habt ihr gehrt, Burschen --
damit wandte er sich an die Mnner -- habt ihr von jenem Reiseprediger
sprechen hren, der jetzt umherluft und den Bauern zeigen will, wie
man Kinder macht!

-- Hahaha! lachten Mnner und Burschen, whrend die Frauen sich
abwandten und grinsten.

-- Solch ein Teufel, dem Vater ins Handwerk zu fuschen!

-- Aber, das kann doch nicht Ernst sein? fragte Rundqvist mit einer
schurkisch unschuldigen Miene. Als wte man nicht, wie man auf der
Tenne drischt, whrend man den Roggen drauen lt.

Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt
dazusitzen, zum Hochsitz hinauf; durch Kaffeehalbe in seinem Mut
gestrkt, wollte er mit dem Professor ber Musik sprechen.

-- Bitte um Verzeihung, Herr Kammermusikus, grte er und knipste an
seiner Geige; wir haben ja gewissermaen etwas gemeinsam, denn ich
spiele auch, wenn auch nur auf meine Art.

-- Geh zur Hlle, Schneider! Sei nicht unverschmt! wies ihn Carlsson
ab.

-- Ich bitte um Verzeihung, aber Euch geht's nichts an, Carlsson!
Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammermusikus, und sagen Sie mir,
ob die nicht gut ist; sie hat zehn Reichstaler gekostet.

Der Professor knippste die Quinte, lchelt und sagte freundlich:

-- Recht gut!

-- Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort
hren! Aber ber Kunst sprechen mit diesen -- er wollte flstern, aber
die Stimmittel weigerten sich, zu nuancieren, und er schrie --
Bauernlmmeln...

-- Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern! schrie man im Chor.

-- Hr mal, Schneider, du darfst dich nicht betrinken: dann knnen wir
nicht tanzen!

-- Rapp, du mut auf den Spielmann achten, da er nicht mehr trinkt!

-- Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist du vielleicht geizig, du
Preller?

-- Setz dich, Friedrich, und sei ruhig, meinte der Pastor, sonst
kriegst du Schlge.

Aber der Spielmann wollte unbedingt ber seine Kunst schwatzen; um
seine Behauptung, da die Geige vortrefflich sei, zu bekrftigen, fing
er an zu quinkelieren.

-- Hren Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bsse; die klingen ganz wie
eine kleine Orgel...

-- Der Schneider soll das Maul halten!...

Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu.

Da schrie jemand:

-- Gustav ist da!

-- Wo? Wo?

Clara sagte, sie haben ihn unten beim Holzhaufen gesehen.

-- Sag es mir, wenn er drinnen ist, bittet der Pastor; aber nicht
frher, als bis er drinnen ist, hrst du!

Die Grogglser werden vorgesetzt, und Rapp zieht die Kognakflaschen
auf.

-- Das geht etwas hitzig, meinte der Pastor abwehrend.

Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll.

Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzustoen. Bald hatte
der seinen ersten Grog geleert und mute den zweiten bereiten.

Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut. Er betrachtet so
genau, wie er kann, Carlssons Zge und sucht zu ergrnden, ob der
seine volle Ladung erhalten. Das Sehen aber fllt ihm schwer, darum
beschrnkt er sich darauf, mit ihm anzustoen.

Da kommt Clara und ruft:

-- Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!

-- Nein, was sagst du, zum Teufel, ist er schon drinnen!

Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte.

-- Wer ist drinnen, Clara? widerhallte es im Chor.

-- Gustav natrlich!

Der Pastor erhob sich, ging in die Stuga hinunter und holte Gustav.
Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor lie ihn mit einer Tasse
Punsch und Hurrahrufen begren.

Dann stie Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes:

-- Glck auf!

Carlsson wurde gefhlvoll und trank bis auf den Grund aus; erklrte,
es sei ihm ein groes Vergngen, ihn zu sehen, wenn er auch spt
komme; und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu
sehen, wenn er auch spt komme.

-- Und glaube mir, schlo er, wer den alten Carlsson richtig zu nehmen
versteht, der wei auch, wo er ihn hat.

Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carlsson auf, ein Glas
mit ihm zu trinken.

Die Dmmerung kam, die Mcken tanzten, die Leute schwatzten, Glser
klangen, Lachen schallten. Hier und dort in den Bschen waren bereits
kleine Notschreie zu hren, unterbrochen von Kichern und Hurrahen,
Hallohen und Schssen, whrend der Himmel des lauen Sommerabends
erblate. Drauen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte die
Wiesenknarre.

Die Tische wurden abgerumt; es sollte zum Abendbrot gedeckt werden.
Rapp hing farbige Laternen, die er vom Professor geliehen, in die ste
der Eiche. Norman trug Haufen von Tellern. Rundqvist lag auf den Knien
und zapfte Dnnbier und Branntwein. Die Mdchen trugen Butter in
Schobern herbei, Strmlinge in Diemen, Pfannkuchen in Stapeln,
Fleischkle in Hocken.

Als alles fertig war, klatschte der Brutigam in die Hnde:

-- Bitte, nehmt ein Butterbrot! lud er ein.

-- Aber wo ist der Pastor? sperrten sich die alten Frauen.

Ohne den Pastor wollte niemand anfangen.

-- Und der Professor? Wo sind sie geblieben? Es geht wirklich nicht,
da man ohne sie anfngt!

Man rief und suchte, aber keine Antwort.

In Gruppen umstand man die Tische, wie hungrige Hunde mit funkelnden
Augen, bereit, sich auf das Essen zu strzen; aber keine Hand rhrte
sich und das Schweigen wurde bedrckend.

-- Vielleicht sitzt der Pastor im Huschen! ertnte Rundqvists
unschuldige Stimme.

Ohne weiteren Aufschlu abzuwarten, ging Carlsson hinunter, um den
geheimen Ort aufzusuchen. Ganz richtig, bei offener Tr saen da
Pastor und Professor, jeder seine Zeitung in der Hand, und waren in
lebhaftem Meinungsaustausch begriffen. Die Laterne stand auf dem Boden
und warf ein Rampenlicht auf die beiden Thronbesteiger, die Carlsson
aus Achtung vor der Heiligkeit des Ortes nicht in ihrer natrlichen
Ausbung einer zwingenden Pflicht stren wollte.

-- Nein, lallte der Pastor, ein Mal in der Woche, siehst du, mein
Bruder -- er glaubte, sie htten Brderschaft getrunken -- _ein_ Mal in
der Woche, das ist mein Regime. Nicht mehr, und nicht weniger.

-- Jaja, jaja, das ist sehr gut, aber ich...

-- _Ein Mal in der Woche_, sage ich, und nie mehr als einen Ritt! sagt
Hufeland, und das ist mein Regime, siehst du, mein Bruder.

Das Gesprch drohte langwierig zu werden, und Carlsson mute
einschreiten.

-- Entschuldigen Sie, meine Herren, aber die Butterbrte werden kalt!

-- Bist du's, Carlsson? Achso! Fangt nur an; wir kommen sofort!

-- Ja, aber alle Leute warten! Mit Respekt zu sagen: die Herren knnten
sich wohl etwas beeilen!

-- Kommen gleich, kommen gleich! Geh nur; geh nur!

Carlsson hatte mit Befriedigung zu bemerken geglaubt, da der Pastor
gerhrt war; er entfernte sich und beeilte sich, die Gesellschaft
mit der Erklrung zu beruhigen, der Pastor mache sich bereit und werde
gleich kommen.

Einen Augenblick spter irrte eine Laterne ber den Hof und nherte
sich den gedeckten Tischen; zwei schwankende Schatten folgten.

Das bleiche Gesicht des Pastors wurde bald am oberen Ende des Tisches
sichtbar. Die Braut trat mit dem Brotkorb auf ihn zu, um dem
peinlichen Warten ein Ende zu machen. Carlsson aber hatte etwas
anderes im Sinn; indem er mit einem Messer an die Schssel mit den
Fleischklen klopfte, schrie er mit lauter Stimme:

-- Still, gute Leute, der Herr Pastor will einige Worte sagen!

Der Geistliche starrte Carlsson an, schien nicht zu verstehen, wo er
zu Hause war; sah, da er einen glnzenden Gegenstand in der Hand
hatte; erinnerte sich, da er bei seiner letzten Weihnachtsrede eine
silberne Kanne in der Hand gehabt; hob die Laterne wie einen Pokal in
die Hhe und sprach:

-- Meine Freunde, wir haben heute ein frohes Fest zu feiern.

Er starrte Carlsson an, um etwas ber Charakter und Zweck des Festes
zu erfahren, denn er war bereits so vollstndig abwesend, da sich
Jahreszeit, Ort, Ursache, Absicht verflchtigt hatten. Aber Carlssons
grinsendes Gesicht lste ihm das Rtsel nicht. Er starrte in die Luft,
um irgend einen leitenden Faden zu entdecken; sah die farbigen
Laternen in der Eiche und erhielt die schwankende Vorstellung von
einem riesengroen Weihnachtsbaum: da hatte er die Spur gefunden.

-- Dieses frohe Fest des Lichtes, stie er hervor, wenn die Sonne der
Klte weicht, und der Schnee -- er sah das weie Tischtuch sich wie ein
groes Schneefeld unendlich weit ausbreiten -- meine Freunde, wenn der
erste Schnee sich wie eine Decke ber den Schmutz des Herbstes legt
... nein, ich glaube, ihr treibt euern Scherz mit mir...

Er wandte sich fort und machte einen krummen Rcken.

-- Der Herr Pastor ist kalt geworden! sagte Carlsson; er will sich
niederlegen! Bitte, fangt an, meine Herrschaften!

Man lie sich das nicht zwei Male sagen, sondern strzte auf die
Schsseln los, indem man den Pastor seinem Schicksal berlie.

Dem Pastor war die Bodenkammer des Professors zum Nachtquartier
angewiesen worden; um zu zeigen, da er nchtern war, lehnte er alle
Angebote von Hilfe ab, indem er mit Schlgen drohte. Die Laterne an
den Knien, zusammengefallen, als suche er Nadeln in dem tauigen Grase,
steuerte er auf ein Fenster zu, das erleuchtet war. Aber an der
Gartentr strauchelte er und stie so heftig gegen den Trpfosten, da
die Laterne zerbrach und erlosch. Wie ein Sack schlo sich die
Dunkelheit um ihn und er sank auf seine Knie nieder; aber das Fenster
mit dem Licht leuchtete ihm wie ein Leitfeuer. Beim Weitergehen
versprte er das unangenehme Gefhl, da die Knie seiner schwarzen
Hosen bei jedem Schritt feucht wurden, und seine eigenen Kniescheiben
schmerzten, als schlgen sie gegen Steine.

Schlielich kriegt er etwas sehr Groes, Rundes und Feuchtes zu
fassen; er tappt und sticht sich an einem Brief Stecknadeln oder
dergleichen; steckt die Hand in eine Bootsdolle oder hnliches; da
hrt er das Brausen von Wasser und fhlt, da er na wird. Von der
Furcht, in die See gegangen zu sein, aufgescheucht, erhebt er sich am
Mast und findet in einem lichten Augenblick, da er an einem
Trpfosten steht; kommt mit einer Krngung in einen Flur; fhlt eine
Treppenstufe an den Knien; hrt eine Magd schreien: Herr Jesus, das
Dnnbier!

Von einem dunkeln bsen Gewissen getrieben, kriecht er die Treppe
hinauf, stt sich die Fingerknchel an einem Schlssel, kriegt eine
Tr auf, die nach innen nachgibt; strzt in eine Kammer hinein und
sieht ein groes gemachtes Bett fr zwei; hat soviel Kraft, die Decke
aufzuschlagen; kriecht mit Kleidern und Stiefeln hinein, um sich zu
verstecken, da man ihn unten mit Schreien verfolgt; glaubt zu sterben
oder zu erlschen oder zu ertrinken, und meint, die Menschen rufen
nach Dnnbier!

Ab und zu erwachte er wieder zum Leben, ward wieder angezndet, aus
der See gezogen, lebte und stand am Weihnachtstisch; sa Lende an
Lende neben dem Professor und disputierte ber Hufelands Kunst,
hundert Jahre zu leben; und dann wurde er wieder ausgeblasen wie ein
Licht, erlosch, starb, sank und wurde na.

Inzwischen wurde das Abendbrot unter den Eichen fortgesetzt und mit
Bier und Branntwein so stark befeuchtet, da keiner an den Pastor
dachte.

Als man das Essen soweit verschlungen hatte, da der Boden in Tellern
und Schsseln zu sehen war, ging man in die Stuga hinunter, um zu
tanzen.

Die Braut wollte dem Pastor etwas Gutes auf die Kammer schicken; aber
Carlsson berzeugte sie davon, da der Pastor am liebsten Ruhe haben
wolle; es sei nicht richtig, ihn zu stren. Und dabei blieb es.

Gustav hatte sich von seinem Bundesgenossen abgewandt, als er merkte,
da der berlistet war; er gab sich seinen Vergngungen hin und verga
allen Groll im Rausch.

Der Tanz ging wie eine Mhle. Der Spielmann sa auf dem Herd und
fiedelte. In den offnen Fenstern khlten sich schwitzende Rcken an
der Frische der Nacht. Drauen auf der Hhe saen die Alten, rauchten,
tranken und scherzten im Halbdunkel, im schwachen Feuerschein, der
durch die Scheiben der Kche fiel, und bei den Lichtern in der
Tanzstube.

Drauen aber auf Wiesen und Hhen wanderte Paar um Paar in dem tauigen
Grase unter dem schwachen Schimmer des Sternenhimmels, um bei Heuduft
und Heimchengezirp das Feuer zu lschen, das die Wrme des Hauses, der
starke Geist des Kornweins, der wiegende Schritt des Tanzes in ihnen
entzndet hatten.

Mitternacht tanzte vorbei und der Himmel begann sich im Osten zu
lichten; die Sterne zogen sich zurck, und der groe Wagen streckte
die Deichsel in die Luft, als sei er nach hinten umgekippt. Die Enten
schnatterten im Schilf. Die blanke Bucht spiegelte bereits die
Zitronenfarben der Morgenrte wieder, zwischen den Schatten der
dunkeln Erlen, die im Wasser auf dem Kopf zu stehen schienen und bis
auf den Seegrund reichten.

Das whrte aber nur einen Augenblick; dann zogen Wolken von der Kste
auf und es wurde wieder Nacht.

Da ertnte ein Geschrei in der Kche.

-- Der Glhwein! Der Glhwein!

In Zugordnung kamen die Mnner mit einer Kasserolle, die von
brennendem Branntwein flammte und einen blauen Schein um sich warf,
whrend der Spielmann einen Marsch spielte.

-- Mit dem ersten Glas zum Pastor hinauf! schrie Carlsson, in der
Hoffnung, seinem Werk die Krone aufsetzen zu knnen.

Mit Hurrahrufen wurde der Vorschlag angenommen. Der Zug setzte sich
nach der Stuga des Professors in Bewegung. Mit mehr oder weniger
sichern Schritten enterte man die Treppe.

Der Schlssel sa in der Kammertr und man stampfte hinein, nicht ohne
eine gewisse Furcht, mit Schelten und Hieben empfangen zu werden.
Drinnen war es still, und bei dem blauen zitternden Scheine der
Kasserolle sah man, da das Bett unberhrt und leer war.

Eine schwarze Ahnung von einem furchtbaren Rckschlag erfate
Carlsson; aber er verbarg seinen Argwohn und machte der Ungewiheit
und den Vermutungen mit der improvisierten Erklrung ein Ende: er
erinnere sich jetzt, da der Pastor gesagt habe, er wolle sich auf den
Heuboden legen, um den Mcken zu entgehen.

Da man sich mit dem Feuer nicht dem Heu nhern durfte, gab man die
Sache auf. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung, um den Rckweg
anzutreten, hinunter nach dem Hof, wo das Trankopfer dargebracht
wurde.

Carlsson ernannte eilig Gustav zum stellvertretenden Wirt. Dann nahm
er Rapp bei Seite und teilte ihm seine schrecklichen Ahnungen mit.

Ohne da die Andern es merkten, schlichen die beiden Verschworenen die
Treppe zur Brautkammer hinauf; einen Lichtstummel und Streichhlzchen
hatten sie mitgenommen.

Als sie die Tr ffneten, schlug ihnen ein Gestank entgegen, da sie
beinahe auf den Rcken gefallen wren, wie sie spter erzhlten.

Rapp schlug Feuer, und im Brautbett sah Carlsson seine schlimmsten
Erwartungen bertroffen.

Auf dem weien mit Hohlsaum genhten Kopfkissen lag ein zottiger Kopf,
hnlich dem eines nassen Hundes, dessen Mund weit offen stand.

-- Potztausend, knirschte Carlsson, das htte ich doch nicht gedacht,
da der Halunke sich wie ein Schwein betragen wrde. Gott erbarme
sich!

Rapp hob die Decke und hielt sich die Nase zu!

-- Oh Jesus, nein! Pfui, pfui!

Carlsson suchte nach einem Stock, aber es war keiner im Zimmer!

-- So ein verdammter Schurke! Gott im Himmel! Und auch die Stiefel hat
er an, der Stnker!

Hier war guter Rat teuer! Wie sollte man den Kranken fortschaffen,
ohne da die Leute etwas erfuhren, vor allem, ohne da die Braut etwas
merkte?

-- Wir mssen ihn durchs Fenster hinausschaffen! erklrte Rapp.

-- Nicht einmal mit einer Zange mchte ich ihn anfassen! versicherte
Carlsson.

-- Mit einer Talje geht es; dann schleppen wir ihn in die See! Lsch
nur das Licht, und dann nach der Scheune hinauf und die Gerte geholt!

Die Tr wurde von drauen verschlossen und der Schlssel
herausgezogen. Dann schlichen die beiden Rcher auf einem Umwege nach
der Scheune hinauf. Carlsson fluchte und schwor:

-- Wenn wir ihn nur erst heraus haben, dann wollen wir ihn schon
kriegen!

Zufllig stand das Hebezeug noch vom letzten Schlachten her da.
Nachdem sie die Spiere heruntergenommen und Block und Seil gefunden
hatten, schleppten sie die Gerte auf Umwegen hinter die Stuga, bis an
den Giebel unter das Fenster des Pastors.

Rapp holte eine Leiter, scherte die Spiere und machte sie mit einer
Latte am First fest. Darauf splite er einen Stropp, befestigte den
Block und schnitt die Talje ein. Dann kroch er in die Kammer, whrend
Carlsson unten mit einem Bootshaken stand, um abzustoen.

Nachdem Rapp in der Kammer eine Weile gearbeitet hatte, pustend und
schnaubend, sah Carlsson ihn den Kopf herausstecken und hrte ihn
leise den Befehl geben:

-- Holen!

Carlsson holte, und bald erschien ein schwarzer Krper drauen auf dem
Fensterbrett.

-- Hol steif! befahl Rapp.

Carlsson holte an. Drauen auf dem Hebezeug baumelte jetzt der
schlaffe Krper des Pastors, der sich unglaublich verlngerte, wie der
eines Gehngten.

-- Fieren! befahl Rapp wieder.

Aber im selben Augenblick war ein Laut zu hren wie aus einem
angestochenen Dnnbieranker, und als es klack! sagte, strmte es
nieder ber Carlssons Kopf und Schultern.

-- Herr Jesus, er kotzt! er kotzt, schrie der Brutigam, der fhlte,
wie sein schwarzer Rock verdorben wurde und etwas Klebriges sich in
die Haarlocken legte, die Rundqvist mit der kleinen Kneifzange
gekruselt hatte.

-- Fieren! schrie Rapp! Nur fieren! Hol an!

Aber Carlsson hatte schon losgelassen; wie ein Haufen lag der Pastor
in den Nesseln, ohne einen Laut von sich zu geben.

Im Nu war der Bootsmann zum Fenster hinausgeklettert, und eilte die
Leiter hinunter. Beide schleppten den Pastor nun nach der Waschbrcke.

Als sie ans Seeufer kamen, brach Carlsson los:

-- Jetzt sollst du baden, du Halunke!

Es war seicht am Strande, aber sehr schlammig, weil man Jahre lang das
Eingeweide der Fische dorthin geworfen hatte. Rapp packte den Stropp,
den er um den Leib des Schlafenden befestigt, und warf ihn in die See.

Da erwachte der Pastor und stie einen Schrei aus, wie ein Ferkel beim
Schlachten.

-- Holen! befahl Rapp, der merkte, da die Leute oben aufhorchten und
schon herbeieilten.

Carlsson aber legte sich auf die Knie und wlzte den Pastor im
Schlamm; dann rieb er mit den Hnden dessen schwarzen Anzug so ein,
da jede Spur von dem Unglck, das im Brautbett geschehen, vertilgt
war.

-- Was ist da unten los? Was ist? riefen die Leute, die herbeieilten.

-- Der Pastor ist in die See gefallen! antwortete Rapp und holte den
schreienden Geistlichen.

Jetzt entstand eine Volksversammlung. Carlsson spielte den edelmtigen
Retter und machte den mitleidigen Samariter, indem er frmmelte und
wehklagte.

-- Knnt ihr euch denken: ich komme ganz zufllig hierher, da hre ich
etwas pltschern und quellen, da ich glaube, es sei ein Seehund. Als
ich nher kam, sehe ich, es ist unser lieber Herr Pastor. Herr Jesus,
sage ich zum Bootsmann, ich glaube, das ist Pastor Nordstrm selbst,
der dort liegt und mit den Flgeln schlgt. Und dann sagte ich zu
Rapp: Du, Rapp, lauf nach einer Trosse! Und Rapp lief nach einer
Trosse. Als wir aber den Stropp um den dicken Herrn schlangen, fing er
an zu schreien, als wollte man ihn ausweiden. Und wie er aussieht!

Der Pastor sah wirklich unbeschreiblich aus. Die Mnner betrachteten
ihren Hirten mit Verdru, aber auch mit unausrodbarer Ehrerbietung;
sie wollten ihn so schnell wie mglich fortschaffen.

Aus zwei Paar Rudern wurde eine Bahre gemacht, auf die man den Pastor
legte. Acht starke Schultern trugen ihn nach der Tenne hinauf, wo man
ihn umkleiden wollte.

Der Spielmann, der ganz betrunken war, glaubte, es handle sich um
irgendeine Posse; er stie zu ihnen und zog mit, whrend er Bellmans
Trinklied Macht Platz da, macht Platz da der Bahr des alten
Schmidt! fiedelte.

Burschen kamen aus den Bschen hervor und gesellten sich dazu. Der
Professor glaubte seine verlorene Jugend wiedergefunden zu haben,
setzte sich an die Spitze und sang. Norman hatte seine Harmonika
vorgeholt, da er seine musikalische Suada nicht unterdrcken konnte.

-- Es stinkt arg! bemerkte der Professor, welcher der Dachtraufe von
der Bahre zu nahe gekommen war, und die Mnner hielten sich die Nase
zu. Da rhrte es sich oben, und ber ihre Kpfe ergo es sich von der
Hhe.

-- Er speit, er speit! schrie der Professor.

-- Nehmt euch in Acht, er kotzt, er kotzt, warnte Carlsson, aber zu
spt.

Als sie aber auf den Hof kamen, strzten die Frauen herbei; sobald die
den Pastor in seiner traurigen Verfassung sahen, wurden sie von
Mitleid ergriffen und erbarmten sich ber den Bewutlosen. Frau Flod
holte eine Bettdecke, die sie, trotz Carlssons Warnungen, ber den
Jammer warf. Dann setzte man warmes Wasser auf und borgte vom
Professor Wsche und Anzug.

Als man zur Tenne hinauf kam, wurde der Kranke, wie man ihn nannte --
niemand htte zugegeben, da der Pastor betrunken sei -- auf trockenes
Stroh gelegt.

Rundqvist kam mit dem Schnpper, um den Pastor zur Ader zu lassen,
wurde aber fortgejagt. Da bat er, den Kranken wenigstens besprechen zu
drfen, denn er knne wasserschtige Schafe besprechen. Er durfte sich
aber durchaus nicht mit dem Geistlichen befassen, und auch kein
anderer von den Mannsleuten.

Carlsson aber schlich sich wieder in die Brautkammer hinauf, dieses
Mal allein, um die Spuren seiner Demtigung zu verwischen. Als er die
Verwstung in dem beschmutzten Brautbett sah, berfiel ihn einen
Augenblick Schwche, ermdet, wie er von den Arbeiten der letzten Tage
und den Anstrengungen dieser Nacht war. Er dachte daran, wie anders es
mit Ida gewesen wre, wenn ihr Verhltnis zu Stande gekommen. Er trat
ans Fenster und blickte lange und schwermtig ber die Bucht.

Die Wolken hatten sich zerstreut und die Nebel sammelten sich in
weiem Flor ber dem Wasser; die Sonne ging auf und strahlte in die
Brautkammer hinein, beschien das bleiche Gesicht und die
ausgewsserten Augen, die sich zusammen kniffen, als kmpften sie
gegen hervorbrechende Trnen. Das Haar lag in feuchten Zotten auf der
Stirn, das weie Halstuch war befleckt, der Rock hing schlaff herunter
und war bekotzt. Die Sonnenwrme lie ihn erschauern; mit der Hand
ber die Stirn fahrend, wandte er sich ins Zimmer hinein, noch ein Mal
das beschmutzte Bett betrachtend.

-- Aber das ist doch ganz furchtbar! sagte er zu sich selbst, ri sich
aus seiner Schlaffheit und fing an, die Bezge von den Betten zu
ziehen.




     Sechstes Kapitel

     Vernderte Verhltnisse und vernderte Ansichten;
     die Landwirtschaft geht zurck und der Grubenbau blht


Carlsson war nicht der Mann, unangenehme Empfindungen lnger, als er
wollte, auf sich einwirken zu lassen; sein Krper nahm die Schauer
hin, schttelte sich und lie sie ablaufen. Seine Stellung als
Hofbesitzer hatte er sich durch seine Tchtigkeit und sein Wissen
errungen; und da Frau Flod ihn zum Manne nahm, war ebenso viel Gewinn
fr sie als fr ihn, meinte er.

Als aber der Hochzeitsrausch verflogen war, begann Carlsson weniger
eifrig zu werden; er war ja nun sicher, sowohl durch die Heirat wie
durch den Erben; denn in wenigen Monaten war das Kind zu erwarten. Den
Gedanken, sich zu einem Herrn zu machen, hatte er aufgegeben; statt
dessen rstete er sich, Grobauer zu werden. Zog ein prchtiges
wollenes Wams an, tat ein festes Schurzfell um, trug Wasserstiefel;
brachte viel Zeit vor seinem Sekretr zu; das war sein Lieblingsplatz
geworden. Las die Zeitung, schrieb und rechnete weniger als frher;
berwachte die Arbeit mit der Pfeife im Munde und zeigte weniger
Interesse fr die Landwirtschaft.

-- Die Landwirtschaft geht zurck, sagte er. Das habe ich in der
Zeitung gelesen; es ist billiger, sein Korn zu kaufen!

-- Frher hat er anders gesprochen, meinte Gustav, der auf alles
achtgab, was Carlsson sagte und tat, sich aber auf eine stumpfe
Unterwerfung beschrnkte, ohne jedoch den neuen Herrn anzuerkennen.

-- Die Zeiten verndern sich und wir uns mit ihnen! Ich danke Gott fr
jeden Tag, an dem ich klger werde! antwortete Carlsson.

Er besuchte Sonntags die Kirche; nahm an allgemeinen Fragen teil und
wurde in den Gemeinderat gewhlt. Dadurch kam er in nhere Berhrung
mit dem Pastor und erlebte den groen Tag, an dem er ihn duzen konnte.
Das war einer der grten Trume seines Ehrgeizes; ein ganzes Jahr
lang ward er nicht mde, zu erzhlen, was er gesagt und was Pastor
Nordstrm geantwortet hatte.

-- Hr mal, lieber Nordstrm, sagte ich, dieses Mal lt du mich aber
gewhren! Und da sagte Nordstrm: Carlsson, du mut nicht halsstarrig
sein, wenn du auch ein kluger Kerl und ein verstndiger Mann bist...

Die Folge war, da Carlsson eine Menge Gemeindeangelegenheiten
bernahm, unter denen die Feuerschau die beliebteste war. Da reiste
man auf Kosten des Kirchspiels umher und trank Kaffeehalbe bei
Bekannten.

Auch die Wahl zum Reichstage, die allerdings im Innern des Landes
stattfand, hatte ihre Verfhrungen und ihre kleinen Nachwehen, die bis
in die Schren zu spren waren.

Zur Wahlzeit und auch sonst wohl einige Male im Jahr kam der Baron mit
seinen Jagdherren auf einem Dampfer heraus; dann wurden fnfzig Kronen
fr das Recht, einige Tage jagen zu knnen, bezahlt. Punsch und Kognak
flossen Tag und Nacht, und man schied von den Jgern mit der festen
berzeugung: das sind feine Leute.

Carlsson kam also in die Hhe und wurde ein Licht auf dem Hofe: eine
Autoritt, die ber Dinge Bescheid wute, welche die Andern nicht
begriffen. Ein schwacher Punkt aber blieb, und er sprte ihn zuweilen:
er war vom Lande, war kein Seemann.

Um diesen letzten Rangunterschied auszugleichen, fing er an, sich mehr
fr die Seegeschfte zu interessieren, legte eine groe Neigung frs
Meer an den Tag. Putzte sich eine Flinte und fuhr auf die Jagd hinaus;
nahm am Fischen teil und wagte sich auf lngere Segelfahrten.

-- Mit der Landwirtschaft gehts abwrts, und wir mssen uns auf's
Fischen legen, antwortete er seiner Frau, die mit Unruhe Vieh und Feld
verkommen sah.

-- Vor allem das Fischen! Das Fischen fr den Fischer und das Land fr
den Landwirt! verkndigte er jetzt auf eine Art, die keinen
Widerspruch duldete, nachdem er vom Schullehrer im Kirchenrat gelernt
hatte, seine Worte pallementarisch zu setzen.

Zeigte sich ein Mangel im Ertrag, so mute man Holz hauen.

-- Der Wald mu gelichtet werden, wenn er reif werden soll! So spricht
wenigstens der rationelle Landwirt; ich selber wei es _nicht_.

Und wenn Carlsson es nicht wute, wie sollten dann die Andern es
wissen!

Rundqvist wurde die Landwirtschaft berlassen, Clara das Vieh.

Rundqvist lie Gras auf dem Acker wachsen, schlief vom Frhstck bis
zum Mittag auf dem Rain, schlief vom Mittag bis zum Abendbrot in den
Bschen; warf Stahl ber die Khe, wenn sie keine Milch gaben.

Gustav hauste noch mehr auf der See als frher und knpfte den alten
Jgerbund mit Norman wieder an.

Das Interesse, das einen Augenblick alle Arme in Bewegung gesetzt
hatte, war fortgefallen; fr einen Fremden arbeiten, war nicht sehr
ermunternd. Darum ging das Ganze nachlssig aber ruhig seinen
gewohnten Gang.

Im Herbst aber, einige Monate nach der Hochzeit, trat ein Ereignis
ein, das wie ein Stowind auf Carlssons eben mit vollen Segeln
ausgelaufenes Fahrzeug wirkte. Seine Frau kam vor der Zeit nieder und
gebar ein totes Kind. Die Umstnde waren auerdem so beunruhigend, da
der Arzt bestimmt erklrte, jetzt sei es Schlu:

-- Keine Kinder mehr!

Das war verhngnisvoll fr Carlsson; denn nun hatte er fr die Zukunft
keine andere Aussicht, als einst aufs Altenteil zu kommen. Da die Alte
obendrein noch krnklich nach der Entbindung war, drohte diese
Vernderung in seiner Stellung frher einzutreten, als er getrumt
hatte. Es kam also darauf an, die Zeit gut auszunutzen, in die
Scheunen zu sammeln, an den morgenden Tag zu denken.

Neues Leben kam in Carlsson. Die Landwirtschaft mute schleunigst
gehoben werden; warum, das ging niemanden etwas an. Bauholz wurde
gefllt; denn jetzt sollte eine neue Stuga gebaut werden; warum, das
brauchte er niemandem auf die Nase zu binden. Die Jagdlust mute bei
Norman schleunigst gedmpft werden, und noch ein Mal wurde Norman
seinem Freunde abspenstig gemacht. Rundqvist wurde wieder eingefangen
und mit neuen Vorteilen aufgemuntert. Es ward gepflgt, geset,
gefischt, gezimmert; die Gemeindesachen blieben liegen.

Gleichzeitig fhrte Carlsson ein husliches Leben; sa bei seiner
Alten; las ihr zuweilen vor, aus der Heiligen Schrift oder aus dem
Gesangbuch; sprach zu ihrem Herzen und wandte sich an ihre edleren
Gefhle, ohne recht erklren zu knnen, wo er hinaus wolle.

Die Alte liebte Gesellschaft und hrte gern Geplauder; sie legte also
Wert auf diese kleinen Aufmerksamkeiten, ohne weiter darber
nachzudenken, was diese Vorbereitungen auf den Tod bezwecken knnten.

       *       *       *       *       *

Eines Winterabends, als die Bucht unterm Eise lag, die offnen
Meeresflchen aber nicht mehr fahrbar waren, man schon vierzehn Tage
eingeschlossen war, ohne einen Nachbar begren zu knnen, ohne einen
Brief oder eine Zeitung zu erhalten; als die Einsamkeit und der Schnee
das Gemt bedrckte und der kurze Tag nur wenig Arbeit erlaubte,
hatten sich die Leute in der Kche versammelt; auch Gustav war dabei.
Das Feuer brannte im Herd und die Burschen saen und flickten Netze.
Die Mdchen spannen und Rundqvist schnitzte an einem Spatenschaft. Der
Schnee war den ganzen Tag gefallen und stieg schon ber die
Fensterscheiben. Wie ein Totenzimmer sah die Kche aus, da die Fenster
mit Laken aus Schnee verhngt waren. Jede Viertelstunde mute ein Mann
hinaus und die Tr frei schaufeln, damit man nicht eingeschneit wurde,
sondern zum Melken und Futtern nach dem Stall gelangen konnte.

Jetzt war die Reihe an Gustav; lrock und Sdwester ber Wams und
Ottermtze, so ging er hinaus; stemmte die Tr auf, gegen die sich der
Schnee gelegt hatte, und stand drauen im Schneetreiben. Die Luft war
schwarz, die Schneeflocken waren grau wie Motten, gro wie
Hhnerfedern; schwebten unaufhrlich, unaufhrlich nieder, legten sich
leise auf einander, erst leicht, dann schwerer; packten sich zusammen
und wuchsen an. Schon ein gut Stck ging der Schnee die Wand des
Hauses hinauf und nur durch die obere Ecke der Fenster schimmerten die
Lichter von innen.

Eine Neugier, die ihn schnell berkam, veranlate Gustav, den oberen
Schnee herunter zu stochern, damit er ein Guckloch erhielt; als er
dann auf den Schneehaufen stieg, konnte er ins Zimmer sehen.

Carlsson sa wie gewhnlich vor dem Sekretr; er hatte ein groes
Papier vor sich liegen; das war oben mit einem groen blauen Stempel
bedruckt, der wie die Zeichnung auf den Scheinen der Reichsbank
aussah. Die Feder hoch erhoben, sprach er auf die Alte, die neben ihm
stand, ein; er schien ihr die Feder geben zu wollen, damit sie etwas
schreibe.

Gustav legte das Ohr an die Scheibe; da es aber Doppelfenster waren,
hrte er nur ein Gemurmel. Auerordentlich gern htte er jedoch
gewut, was da vor ging, denn er ahnte, da es ihn sehr nahe berhre;
auch hatte er gelernt, da es sich um wichtige Angelegenheiten
handelt, wenn man gestempeltes Papier benutzt.

Leise ffnete er die Tr, schob die Strohschuhe ab und kroch die
Treppe hinauf, bis er auf den oberen Flur kam. Dort legte er sich auf
den Bauch; und nun konnte er hren, was in der Stube bei der Mutter
gesprochen wurde.

-- Anna Eva, verkndete Carlsson mit einem Ton, der zwischen
Reiseprediger und Gemeinderat lag; das Leben ist kurz, und der Tod
_kann_ ber uns kommen, ehe wir es wissen. Wir _mssen_ also darauf gefat
sein, von hinnen zu gehen, ob es nun heute geschieht oder morgen; das
ist _ganz_ einerlei! Unterschreib also, je eher desto besser!

Die Alte liebte es nicht, so viel von Tod zu hren; aber Carlsson
hatte nun Monate lang so oft davon gesprochen, da sie gegen diese
Rede nur noch schwach Widerstand zu leisten vermochte.

-- Aber, Carlsson, ganz einerlei ist es mir nicht, ob ich heute sterbe
oder in zehn Jahren; ich kann noch lange leben.

-- Ich habe ja nicht gesagt, da du sterben _wirst_; ich habe nur gesagt,
da wir sterben _knnen_; und ob das heute oder morgen, oder in zehn
Jahren geschieht, das ist ganz einerlei; ein Mal mu es geschehen!
Also schreib nur!

-- Das verstehe ich nicht, widerstrebte die Alte, als wolle der Tod
kommen und sie holen; es kann doch wohl nicht...

-- Doch, es ist ganz einerlei, wann es geschieht! Ist es vielleicht
nicht so? Ich wei es nicht! Jedenfalls schreib!

Ihr war, als lege er ihr einen Strick um den Hals, wenn Carlsson mit
seinem Ich wei nicht kam; die Alte wute sich nicht mehr zu helfen
und gab nach.

-- Nun, wo hinaus willst du? fragte sie ihn, von dem langen
Hinundherreden ermdet und erschpft.

-- Anna Eva, du mut an deine Nachkommen denken; denn das ist die erste
Pflicht des Menschen; darum mut du schreiben.

In diesem Augenblick ffnete Clara die Kchentr und fragte, wo Gustav
bleibe; der aber wollte sich nicht verraten und verhielt sich still;
konnte aber nicht mehr hren, was weiter in der Stube geschah.

Clara ging zurck und Gustav kletterte hinab; blieb vor der Stubentr
stehen, um die letzten Worte von Carlsson zu hren; die lieen ihn
vermuten, da die Alte unterschrieben habe und das Testament
aufgesetzt sei.

Als Gustav wieder in die Kche kam, sahen die Leute, da ihm etwas
geschehen war. Er sprach in versteckten Worten, er werde einen Fuchs
fangen, den er schreien gehrt; es sei besser, auf See zu gehen, als
sich zu Hause von den Lusen fressen zu lassen; ein weies Pulver
unterm Futter knne Gulen Mut machen; aber auch den Tod geben, wenn
es zu viel sei.

Carlsson dagegen war beim Abendbrot uerst menschenfreundlich;
erkundigte sich nach Gustavs Arbeitsplnen und Jagdabsichten; holte
das Stundenglas und lie den weien Sand rinnen; dann sagte er:

-- Die Minuten sind kostbar; essen wir und trinken wir, denn morgen
mssen wir sterben!

Gustav lag in dieser Nacht lange wach; viele finstere Gedanken und
schwarze Plne kreuzten sich in seinem Kopfe. Aber er war keine starke
Seele, welche die Verhltnisse nach ihrem Sinn ndern, Gedanken in
Handlung umsetzen konnte; wenn er eine Sache durchdacht hatte, lie er
sie fallen, als sei sie vollendet.

Nachdem er einige Stunden geschlafen und von andern Dingen getrumt
hatte, war er wieder ebenso frhlich und lie fnf gerade sein, indem
er darauf traute: Kommt Zeit, kommt Rat; die Gerechtigkeit wird schon
ihren Gang gehen; und dergleichen mehr.

       *       *       *       *       *

Der Frhling kam wieder, die Schwalben besserten ihre Nester aus und
der Professor kehrte zurck.

Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten
angelegt; Flieder, Obstbume, Beerenbsche gepflanzt; fr die er
Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre geholt; Wege besandet und
Lauben errichtet. Es begann herrschaftlich auf dem Hofe auszusehen.

Niemand konnte leugnen, da der Fremdling Wohlstand und Gemtlichkeit
geschaffen, da er Feld und Vieh in die Hhe gebracht, Haus und Hof in
Stand gesetzt; sogar den Preis fr die Fische hatte er in der Stadt in
die Hhe getrieben und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen, damit
man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der Stadt sparen
konnte.

Jetzt, als er nachlie, mde war, sich mit dem Bau seiner eigenen
Stuga beschftigte, klagte man.

-- Macht es doch selber, antwortete Carlsson, dann werdet ihr mal
sehen, wie gut es tut. Jeder fr sich und Gott fr uns alle!

Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann einen Garten
anzulegen, Bsche zu pflanzen, Wege zu machen. Er hatte seine Stuga
mit solchem Geschmack gebaut, da sie die anderen in Schatten stellte.
Sie besa zwar nur zwei Zimmer und Kche, sah aber doch stattlicher
aus als die alten Huser; woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob
daran, da er den Dachstuhl hoch gefhrt und die Dachtraufe weit ber
die Wand hatte vorspringen lassen; oder ob es die Krucifixe waren,
die er in die Deckbretter gesgt hatte; oder die Veranda, die er mit
einigen Treppenstufen vor die Tr gesetzt. Es waren keine
Kostbarkeiten, aber es sah doch etwas villenartig aus. Rot war die
Stuga wie eine Kuh, aber die Ecken waren schwarz und getfelt; die
Fensterbretter waren wei gestrichen und die Veranda, ein leichtes
Dach auf vier Pfosten, war blau gemalt.

Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu whlen;
unmittelbar unter dem Fu des Berges, und zwar so, da zwei alte
Eichen mitten davor zu stehen kamen, ungefhr wie der Anfang einer
geplanten Allee oder eines Parks. Wenn man auf der Veranda sa, hatte
man die schnste Aussicht: die Bucht mit den Schilfbnken, die lange
grne Quellwiese; durch eine Mulde im Klberhag konnte man die Boote
hinten im Sunde sehen.

Gustav sah alles scheel an, wnschte die Stuga fort, hielt Carlsson
fr eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl baute; die htte er
gern verscheucht, ehe sie Eier legen und sich vielleicht mit ihrer
Brut festsetzen konnte. Er hatte aber nicht die Kraft, sie
fortzubringen; darum blieb sie sitzen.

Die Alte war krnklich und lie alles gehen, wie es ging. Im Vorgefhl
des Wirrsals, das entstehen wrde, wenn sie aus dem Leben schied, sah
sie es nicht ungern, da ihr Mann, denn das war er jedenfalls, ein
Dach ber dem Kopf hatte und nicht als armer Teufel herumlief. Sie
verstand sich nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon,
da es bei Vermgensaufnahme, Erbteilung, Testament nicht mit rechten
Dingen zugegangen; doch das war die Sache der Andern, wenn sie nur
damit nichts zu tun hatte. Ein Mal mute es aber losbrechen, wenn
nicht frher, dann an dem Tage, an dem Gustav heiratete; und solche
Gedanken mute ihm jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich
nicht mehr gleich, sondern ging nachdenklich umher.

       *       *       *       *       *

Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner neuen Kche und
mauerte am Herd, als Clara kam und ihn rief:

-- Carlsson, Carlsson, der Professor ist mit einem deutschen Herrn
gekommen, der Carlsson sprechen will!

Carlsson nahm das Schurzfell ab, trocknete sich die Hnde und machte
sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungewhnliche Besuch zu
bedeuten habe.

Als er auf die Veranda kam, stie er auf den Professor, in dessen
Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzem Bart befand, der sehr
energisch aussah.

-- Direktor Diethoff mchte Sie sprechen, Carlsson, sagte der
Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete.

Carlsson brstete einen Sitzplatz auf der Bank der Veranda ab und lud
zum sitzen ein.

Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte stehend,
ob der Roggenholm zu verkaufen sei.

Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war vielleicht nur
drei Morgen gro, war hgelig, trug etwas Fichtenwald und bot nur
unbedeutende Schafweide.

-- Zu industriellem Zweck, antwortete der Direktor und fragte, was er
koste.

Carlsson war unschlssig und bat um Bedenkzeit, bis er erfahren, was
dem Holm seinen unerwarteten Wert gab.

Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das sofort wissen zu
lassen, sondern er wiederholte noch ein Mal seine Frage, was der Holm
koste. Dabei fate er in die Brusttasche, deren starke Anschwellung
deutlich durchs Tuch zu sehen war und verriet, da darin etwas
steckte.

-- So teuer kann der wohl nicht sein, meinte Carlsson; aber ich mu
erst mit der Alten und dem Sohne sprechen.

Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute Weile fort und
kam dann zurck. Jetzt aber sah er verlegen aus, und es schien ihm
schwer zu fallen, mit seiner Forderung herauszurcken.

-- Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor, brachte er
schlielich hervor.

Nein, das wollte der Direktor nicht.

-- Nun, wenn ich dann fnf sage, so werden Sie es nicht zu teuer
finden, prete Carlsson hervor, dem der Atem im Hals stecken blieb und
der Schwei auf die Stirne trat.

Direktor Diethoff ffnete den Rock, zog die Banknotentasche heraus
und zhlte zehn Scheine zu je einhundert Kronen auf. -- Hier ist
vorlufig Handgeld; die vier andern kommen im Herbst? Einverstanden?

Carlsson war im Begriff eine Dummheit zu machen; es gelang ihm aber
gerade noch, seine berschwellenden Gefhle zurckzudrngen und
ziemlich ruhig zu antworten, er sei einverstanden, whrend er nur
fnfhundert Kronen statt fnftausend gemeint hatte.

Darauf ging man zum Sohne und zur Alten hinunter, um den Kaufvertrag
zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren.

Carlsson blinzelte und grinste den Beiden zu, sie sollten ihm
beistehen; die aber verstanden nichts.

Schlielich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nachdem sie
unterschrieben hatte.

-- Fnftausend! schrie sie. Was lese ich? Du sagtest doch hundert,
Carlsson?

-- Nein, da mut du dich verhrt haben, Anna Eva. Habe ich vielleicht
nicht tausend gesagt, Gustav?

Dabei blinzelte er so sehr, da der Direktor es sah.

-- Ja, ich _glaube_ wohl, er hat tausend gesagt! stand ihm Gustav bei, so
gut er konnte.

Als der Vertrag unterschrieben war, erklrte der Direktor, er
beabsichtige fr Rechnung seiner Gesellschaft auf dem Roggenholm eine
Feldspatgrube anzulegen.

Niemand wute, was Feldspat ist, und niemand hatte an diesen Schatz
gedacht; auer Carlsson; der schwindelte jetzt, er habe lngst daran
gedacht, nur kein Kapital gehabt.

Der Direktor erzhlte, Feldspat sei eine rote Steinart, die von
Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen werde das Haus des
Verwalters, das schon bei der Tischlerei bestellt sei, aufgestellt
sein; in vierzehn Tagen werde die hlzerne Arbeiterkaserne auf ihrem
Platz stehen; mit dreiig Mann werde man dann die Arbeit anfangen.

Damit reiste er.

Dieser Goldregen war so schnell ber die Inselbauern gekommen, da sie
keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu berechnen. Tausend Kronen auf
dem Tisch, viertausend im Herbst, fr eine wertlose Insel: das war zu
viel auf ein Mal. Darum saen sie den ganzen Abend eintrchtig bei
einander und rechneten aus, was ihnen auerdem noch zufallen knnte.
Natrlich konnte man Fische und andere Produkte an die vielen Arbeiter
und an den Verwalter verkaufen; Holz auch; das war nicht zweifelhaft.
Dann kam der Direktor heraus, vielleicht mit Familie, und wollte auf
Sommerfrische wohnen. Dann konnte man natrlich dem Professor die
Miete steigern; und Carlsson konnte vielleicht seine Stuga auch
vermieten. Alles werde schn und gut werden.

Carlsson legte selbst das Geld in den Sekretr und sa die halbe Nacht
vor der Klappe, um zu rechnen.

       *       *       *       *       *

Whrend der nchsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male nach dem Badeort
Dalar und kam mit Tischlern und Malern zurck. Auf seiner Veranda
hielt er kleine Empfnge ab; er hatte einen Tisch dahin gestellt; an
den setzte er sich, trank Kognak, rauchte die Pfeife und berwachte
die Arbeit, die jetzt groe Fortschritte machte.

Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der Kche; und dort
wurde auch ein ordentlicher Herd eingemauert. Die Fenster wurden mit
grnen Lden versehen, die weithin leuchteten; die Veranda wurde noch
ein Mal gestrichen, und zwar wei und rosenrot; auch erhielt sie auf
der Sonnenseite eine blau- und weigestreifte Zwillichgardine. Um Hof
und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau gestrichen war und
weie Kpfe hatte.

Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlichkeit an; Gustav
aber stand am liebsten in gehriger Entfernung hinter einer Ecke oder
einem dichten Busch; eine Einladung, auf die Veranda zu kommen, nahm
er selten oder niemals an.

Es war einer von Carlssons Trumen, die er in recht klaren Nchten
trumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich
zurckgelehnt, aus einem Fuglas Kognak nippend, sich die Aussicht
anzusehen und eine Pfeife zu rauchen -- noch lieber eine Zigarre; aber
die war ihm noch zu stark.

Als er acht Tage spter eines Morgens in aller Frhe dort sa, hrte
er im Sunde vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen.

-- Jetzt kommen sie, dachte er; und als Herr am Ort wollte er fein sein
und sie empfangen.

Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an; schickte nach Rundqvist
und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die
fremden Herren zu empfangen.

In einer halben Stunde stie das Boot ab, und Carlsson setzte sich ans
Steuer. Dann und wann ermahnte er die Knechte, in Takt zu rudern,
damit man als ordentliche Leute ankomme.

Als sie die letzte Landzunge umfahren hatten und der Sund sich
ffnete, auf der einen Seite von der groen Insel und auf der andern
Seite vom Roggenholm begrenzt, hatten sie einen prachtvollen Anblick
vor sich. Ein Dampfer, der mit Flaggen und Signalen geschmckt war,
lag im Sund verankert; und zwischen Schiff und Land fuhren kleine
Jollen mit Matrosen in blauweien Jacken. Oben auf der Strandklippe,
die von dem blogelegten Feldspat rosenrot leuchtete, stand eine
Gruppe Herren und ein Stck davon ein Musikchor, dessen
Messinginstrumente sich prchtig von den schwarzen Fichten abhoben.

Die Ruderer fragten sich, was man dort oben vorhabe, und ruderten an
die Klippe heran, um so nahe wie mglich zu kommen und zu sehen und zu
hren. Eins, zwei, drei, gerade als sie unter dem Sammelplatz lagen,
war ein Sausen in der Luft zu hren, als seien zwlfhundert Eider
aufgeflogen; dann ein Drhnen, das aus dem Innern des Berges zu kommen
schien; schlielich ein Krachen, als sei der ganze Holm gesprungen.

-- Zum Teufel! war alles, was Carlsson hervorbringen konnte, denn im
nchsten Augenblicke regnete es Steine ums Boot; ein Schauer von Kies
folgte und schlielich ein Hagel kleiner Steine.

Dann sprach eine Stimme oben auf dem Berge; sprach von Handwerk und
Gewerbe, von aufgespeicherter Arbeit; auch etwas Auslndisches kam
vor, das die Inselbauern nicht verstanden.

Rundqvist glaubte, es sei eine Predigt, und nahm die Mtze in die
Hand; Carlsson aber verstand, da es die Direktion war, die sprach.

-- Ja, meine Herren, schlo der Direktor, wir haben hier viel Steine
vor uns, und ich schliee meine Rede mit dem Wunsch, sie mgen alle zu
Brot werden!

-- Bravo!

Und dann blies die Musik einen Marsch. Die Herren kamen an den Strand
hinab, alle kleine Steinstcke in der Hand tragend, die sie unter
Lachen und Lrm befingerten.

-- Was macht ihr da mit dem Boot? schrie ein Herr in Marineuniform die
Inselbauern an, die auf ihren Rudern ausruhten.

Sie wuten nicht, was sie antworten sollten, hatten aber nicht
gedacht, da es gefhrlich sein knne, sich den Staat anzusehen.

-- Das ist ja Carlsson selbst, erklrte Direktor Diethoff, der hinzu
gekommen war. Das ist unser Wirt hier am Ort, stellte er vor. Kommen
Sie und frhstcken Sie mit uns!

Carlsson traute seinen Ohren nicht, berzeugte sich aber bald, da die
Einladung ernst gemeint sei.

Bald sa Carlsson auf dem Achterdeck des Dampfers an einem gedeckten
Tisch, dessengleichen er noch nicht gesehen. Er hatte sich zuerst
geziert, aber die Herren waren ganz ungewhnlich leutselig und
erlaubten nicht ein Mal, da er das Schurzfell abnahm.

Rundqvist aber und Norman aen auf dem Vorderdeck mit der Mannschaft.

Das Paradies hatte Carlsson sich nicht herrlicher gedacht. Speisen,
deren Namen er nicht wute und die wie Honig im Mund schmolzen;
Speisen, die den Hals einrieben ganz wie ein Schnaps; Speisen in allen
Farben. Und sechs Glser standen vor seinem Platze wie vor den Pltzen
der andern Herren; und Weine wurden getrunken, die waren, als rieche
man an einer Blume oder ksse ein Mdchen; Weine, die einem in die
Nase stachen, die einem in den Beinen kitzelten, die einem zum Lachen
verlockten. Dazu blies die Musik so lieblich, da es an der
Nasenwurzel kribbelte, als wolle man weinen; bald fror man an den
Schlfen, bald tat es einem so wohl im ganzen Krper, da man htte
sterben mgen.

Als alles zu Ende war, sprach der Direktor fr den Wirt; lobte ihn,
da er seinen Stand ehre und nicht den Haupterwerb verlasse, um einem
unsichern Gewinn auf andern Gebieten nachzujagen, wo die Not Arm in
Arm mit dem Luxus gehe.

Und dann stie man mit Carlsson an. Der wute nicht, ob er lachen oder
ernst bleiben sollte; aber er sah die Herren lachen, als etwas recht
Ernstes, wie er meinte, gesagt wurde; also lachte er mit.

Nach dem Frhstck wurden Kaffee und Zigarren geboten, und man stand
vom Tische auf.

Carlsson, edelmtig wie ein Glcklicher, wollte nach vorn gehen, um
nachzusehen, ob Rundqvist und Norman etwas bekommen hatten. Da aber
rief ihn der Direktor an und bat ihn, einen Augenblick in die Kajte
zu kommen.

In der Kajte machte ihm Herr Diethoff den Vorschlag, er mge, um
seine Stellung zu befestigen und, wenn es ntig sei, als Autoritt
unter den Arbeitern auftreten zu knnen, einige Aktien zeichnen.

-- Darauf verstehe ich mich leider nicht, meinte Carlsson, der so viel
von diesen Geschften wute, da man nichts abschlo, wenn man
getrunken hatte.

Aber der Direktor lie ihn nicht los, und nach einer halben Stunde
hatte Carlsson vierzig Aktien der Feldspat-Aktiengesellschaft Eagle zu
je hundert Kronen; ferner das ausdrckliche Versprechen,
stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates zu werden. Von der
Einzahlung sagte man nur, sie sollten +p a p+ geschehen und + conto+.

Darauf trank man Kaffee und Kognak und Punsch und Biliner Wasser.
Sechs war die Uhr, als Carlsson ins Boot kam.

Bei der Ausbootung lie man das Reep fallen; das verstand Carlsson
aber nicht, sondern drckte allen Matrosen, die an der Treppe standen,
die Hand und bat sie zu gren, wenn sie an Land kmen.

Mit seinen vierzig Aktienbriefen nebst Coupons lie er sich nach Hause
rudern, am Steuer sitzend, eine Zigarre im Munde und einen Korb Punsch
zwischen den Knien.

Als Carlsson nach Haus kam, schwamm er in Seligkeit, lud alle, auch
die Mgde aus der Kche, zu Punsch ein, zeigte die Aktienbriefe, die
wie riesengroe Scheine der Reichsbank aussahen; wollte den Professor
einladen und begegnete die Einwendungen der Anderen damit: er sei
stellvertretendes Mitglied des Aufsichtsrates und ebenso gut wie ein
deutscher Musikant, der kein Gelehrter sei und darum auch kein
richtiger Professor.

Plne, so gro wie ein Holzsto, hatte Carlsson; er wollte eine
einzige groe Strmling-Salzerei-Aktiengesellschaft fr das ganze
stockholmer Inselmeer grnden, Fabinder von England ins Land rufen,
Fahrzeuge direkt von Spanien mit Salz kommen lassen!

Im selben Atemzuge sprach er vom Hauptgewerbe, der Landwirtschaft,
deren Vertretern und deren Zukunft, gab seinen Hoffnungen und
Befrchtungen Ausdruck. Man trank seinen Punsch und hllte sich in
Tabakswolken und frohe Aussichten ein.

       *       *       *       *       *

Carlsson war so hoch gestiegen, da er einen Schwindelanfall bekam.
Die Landwirtschaft wurde vernachlssigt und die Besuche auf dem
Roggenholm folgten sich Tag aus Tag ein. Er machte die Bekanntschaft
des Verwalters, sa auf dessen Veranda, trank Kognak und Biliner
Wasser, whrend er zusah, wie die Arbeiter Steine klopften, um die
Quarzadern herauszubrechen; wren die nicht gewesen, htte man den
ganzen Berg auf ein Mal verschiffen knnen.

Der Verwalter war frher Vorarbeiter in einem Bergwerk gewesen; hatte
Verstand genug, um sich mit dem Aktienbesitzer und stellvertretenden
Mitglied des Aufsichtsrates gut zu stellen; besa gengende Einsicht,
um abschtzen zu knnen, wie lange das Geschft gehen wrde.

Aber der neue Grubenbetrieb bte auch seinen Einflu auf das leibliche
und sittliche Wohlbefinden der Inselbauern; und die Anwesenheit von
dreiig unverheirateten Arbeitern begann ihre Wirkungen zu zeigen.

Die Ruhe war gestrt. Den ganzen Tag ber donnerten Schsse aus dem
Berge; Dampfer pfiffen im Sund; Jachten kamen und spieen Seeleute ans
Land. Abends erschienen die Arbeiter auf dem Bauernhofe, umkreisten
Brunnen und Stall; stellten den Mdchen nach; veranstalteten Tnze;
tranken und schlugen sich mit den Knechten.

Die Leute feierten die Nchte durch, und am Tage war nichts mit ihnen
anzufangen; sie schliefen auf den Wiesen, nickten am Herd ein.

Zuweilen kam der Verwalter auf Besuch. Dann mute man den Kaffeekessel
aufsetzen, und da man dem Herrn nicht Branntwein anbieten konnte,
mute man sich Kognak halten.

Doch man verkaufte Fische und Butter; Geld strmte ein; man lebte
flott, und Fleisch kam fters auf den Tisch als frher.

Carlsson fing an fett zu werden; ging den Tag ber in einem leichten
Rausch umher, ohne sich jedoch zu berladen. Wie ein einziges langes
Fest verging der Sommer fr ihn, da er seine Zeit zwischen
Gemeindesachen, Grubenbau und Naturverschnerungen teilte.

Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort gewesen. Als er
eines frhen Morgens nach Hause kam, wurde er von der Alten mit der
beunruhigenden Mitteilung empfangen, es msse etwas drauen auf dem
Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nmlich vier Tage lang still
gewesen; nicht ein Schu sei gelst worden und keine Dampferpfeife
habe man gehrt. Die Leute seien mit Dreschen beschftigt gewesen;
deshalb habe niemand Zeit gehabt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter
habe sich auch nicht sehen lassen; und die Arbeiter htten aufgehrt,
abends den Hof zu umkreisen. Es msse also etwas geschehen sein.

Um sich Bescheid zu holen, lie Carlsson anspannen; so nannte er es,
wenn er sich nach der Grube rudern lie. Das Boot hatte er wei
streichen und mit einem blauen Rande versehen lassen; und damit es
mehr herrenmig aussah, wenn er am Steuerruder sa, hatte er sich aus
einer alten Gardinenschnur eine Talje gemacht; nun konnte er beim
Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Norman in
marinemigem Rudern ben mssen, damit es stattlich aussah, wenn er
angefahren kam.

Die Fahrt legten sie rasch zurck, da Neugier und Angst sie spornten.
Als sie auf die Hhe des Roggenholms kamen, erstaunten sie ber die
de, die dort herrschte.

Es war still wie im Grabe und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen
ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des
Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Gerte verschwunden; nur die
Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber
ausgerumt und geplndert; alles, was nicht niet- und nagelfest war,
hatte man mitgenommen: Tren, Fenster, Bnke, Betten.

-- Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt! meinte Rundqvist.

-- Es sieht so aus! erwiderte Carlsson und lie wieder anspannen; aber
dieses Mal ging's nach dem Badeort Dalar; dort mute ein Brief fr
ihn auf der Post liegen.

Ganz richtig, dort lag ein groer Brief vom Direktor, der verkndete,
die Gesellschaft habe ihre Ttigkeit eingestellt, weil sich das
Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von
viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die
er bisher noch nicht eingezahlt, so seien alle Geschfte zwischen der
Gesellschaft und Carlsson erledigt.

-- Also um viertausend geprellt, dachte Carlsson. Nun, man mu sich
zufrieden geben.

Er besa die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er
schttelte sich und war ebenso trocken wie vorher. Noch trockener
fhlte er sich, als er in einer Nachschrift las, alles, was man
zurckgelassen, falle den Inselbauern zu, wenn sie Lust htten, es
fortzuschaffen.

Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Hause an, einer Menge Geldes
und eines ehrenvollen Titels beraubt.

Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit
einer Gebrde einen groen Strich durch alles.

-- Ach, das ist nicht der Rede wert! Darber braucht man kein Wort zu
verlieren.

Aber am nchsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Ttigkeit,
um mit der groen Fhre Bretter und Ziegel vom Roggenholm zu holen.

Ehe man sich's versah, hatte er sich ein Sommerhuschen von einem
Zimmer nebst Kche errichtet; und zwar unten am Sunde, an einer
Stelle, an die niemand gedacht, von der man aber eine Aussicht sowohl
aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte.

Der Sommer mit seinen luftigen Trumen war vorbei. Der Winter nahte;
die Luft wurde schwerer, die Trume dsterer, und die Wirklichkeit
nahm ein neues Aussehen an, heller fr die einen, drohender fr die
andern.




     Siebentes Kapitel

     Carlsson wahrtrumt; der Sekretr wird bewacht,
     aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles


Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen,
was man glcklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht
steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefhrliches Alter
einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er
sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwrts zu kommen;
und das Mdchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht bekommen.
Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das
Fleisch an zu pochen, vielleicht strker als sonst, weil er im letzten
Jahre nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das
Fleisch strker gefttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken
begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Kche sa, und seine
Augen gewhnten sich daran, dem jungen Krper Claras zu folgen, wie
sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmhlich haften, lieen
sich nieder und ruhten, machten kleine Ausflge hierhin und dorthin,
flogen fort, kamen wieder. Schlielich sa das Mdchen ihm im Auge:
wohin er auch ging, immer sah er sie.

Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Clara, sondern die Augen,
die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen;
wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und
trnte.

Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der
Mond war aufgegangen und schien klar ber schneebedeckte Fichten, auf
die blanke Bucht und den weien Boden. Ein karger Nordwind trieb
trockenen Schnee vor sich her.

In der Kche stand Clara und fegte den Backofen, whrend Lotte am
Backtrog arbeitete. Carlsson sa in der Schrankecke, rauchte seine
Pfeife und spann wie eine Katze in der Wrme. Seine Augen waren
drauen auf Spiel und sie erwrmten sich und ergtzten sich, als sie
auf Claras weien Armen haften blieben, die aus dem Hemd herausragten.

-- Willst du nicht erst melken, ehe wir heizen? fragte Lotte.

-- Ja, das mu ich, antwortete Clara und zog eine Jacke aus Schafpelz
an, nachdem sie Kratze und Besen fort gelegt hatte.

Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus.

Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach.

Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson.

-- Er ist Clara in den Stall nachgegangen, antwortete Lotte.

Ohne auf nhern Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und
ging auch hinaus.

Drauen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um
sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Steinwurf weit zu gehen hatte.
Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie
Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging
sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um
zu lauschen, und hrte, da in der Schafhrde jemand flsterte. In dem
schwachen Mondschein, der durch die Spinngewebe und Heuhalme der
Scheibe fiel, sah sie, wie die Khe ihre Kpfe nach hinten drehten und
sie mit groen, im Dunkel grn leuchtenden Augen anguckten. Der
Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen;
etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht htte sehen
mgen; etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung; etwas, das das
Leben aus ihr scheuchte.

ber die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den
Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war
gelscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen auf und
raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht
sehen.

Sie ging weiter und kam zu den Hhnern; die waren auf ihre Pflcke
geflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden.

Die Tr stand offen, und sie kam wieder in den Mondschein hinaus. Zwei
Paar Schuhe, ein kleineres und ein greres, hatten Spuren im Schnee
hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie fhrten
nach der Hagtr, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von
jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an
dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren
Stelle im Hag gezogen.

Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben
Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbsche, wo sie ein anderes Mal,
ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich
nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbsche nackt und trugen
nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen
raschelte das braune harte Laub im Winde, aber so dnn war das Laub,
da man die Sterne und den grnschwarzen Himmel sehen konnte.

Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlngelte sich durch
die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dnnes Haar warfen, wenn
sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Rcken stubte der Schnee, fiel
ber ihre gestreifte Bluse, khlte und feuchtete.

Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog
von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; ber Moore gings, deren
Schollen schwankten; ber Feldzune, die krachten, wenn sie darber
setzte.

Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere gro, Seite an
Seite, bald in einander tretend, bald um einander, als ob sie getanzt
htten; ber Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; ber
Steinhaufen und Grben, ber Buschzune und Windbruch.

Sie wute nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre
Hnde waren klamm; sie steckte die magern, roten Hnde bald unter den
Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spt;
auch war der Rckweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus
ging. Also vorwrts durch ein Espenwldchen, dessen letztes Laub
zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind.

Dann kam sie zu einem Zauntritt.

Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort
hatten sie gesessen. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der
Jacke mit der Schafpelzverbrmung.

Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror,
als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Blut in
den Adern. Erschpft, setzte sich auf den Zauntritt nieder, weinte,
schrie; pltzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinber.

Auf der andern Seite lag die Bucht: blank, schwarz; und gerade
gegenber sah sie die Lichter in der Stuga und ein Licht oben im
Stall. Der Wind wehte scharf und ging ihr durch den Rcken, zauste an
den Haaren und vereiste die Nasenflgel. Halb laufend kam sie aufs Eis
hinunter, hinauf auf die schwankende Flche, hrte das trockene Schilf
um ihre Ohren sausen, unter ihren Fen knacken. ber eine
eingefrorene Boje fiel sie nieder. Erhob sich wieder und lief weiter,
als sei der Tod ihr auf den Fersen. Als sie das andere Ufer erreichte,
fuhr sie mitten durchs Eis, das sich infolge des sinkenden
Wasserstandes wie Fensterscheiben auf den Schlammboden gelegt hatte
und unter ihrer Last klingend und krachend zerbrach. Sie fhlte, wie
die Klte die Beine hinauf stieg, aber sie wagte nicht zu schreien,
damit niemand komme und frage, wo sie gewesen. Hustend, als wolle ihre
Brust springen, schleppte sie sich aus der Wake, schlich sie die Hhe
hinauf. Als sie ans Haus kam, ging sie unmittelbar aufs Bett zu, legte
sich nieder und bat Lotte, Feuer im Herd zu machen und Fliedertee
aufzusetzen.

Sie lie sich die Kleider ausziehen, Decke und Schaffelle ber sich
werfen; lie den Ofen mit Knppelholz heizen, fror aber doch
unaufhrlich.

Schlielich lie sie Gustav rufen, der in der Kche sa.

-- Bist du krank, Mutter? fragte er mit seiner gewhnlichen Ruhe.

-- Jetzt bin ich's, antwortete die Alte pustend, und ich komme nie
wieder auf. Schlie die Tr und geh an den Sekretr. Der Schlssel
liegt hinter dem Pulverhorn auf dem Fach; du weit doch!

Gustav gehorchte niedergeschlagen.

-- ffne die Klappe; zieh die dritte Schublade linker Hand und nimm den
groen Brief ... Ja, den ... Wirf ihn ins Feuer.

-- Schlie die Tr, mein Junge, und mach den Sekretr zu! Steck den
Schlssel zu dir! Setz dich hierher und hr mich an; denn morgen kann
ich nicht mehr sprechen.

Gustav setzte sich, weinte ein wenig, denn jetzt hrte er, da es
ernst war.

-- Wenn ich die Augen zumache, so nimm das Petschaft deines Vaters, du
hast es selbst, und versiegele alle Schlssellcher, bis die
Gerichtsherren kommen.

-- Und Carlsson? fragte der Sohn zgernd.

-- Der kriegt sein Altenteil; das wird ihm wohl niemand nehmen! Aber
nicht mehr; und kannst du's auslsen, so tu es! Gott sei mit dir,
Gustav! Du httest wohl auf meine Hochzeit kommen knnen; aber du hast
wohl deine Grnde gehabt. Und jetzt, wenn ich reise, mut du
verstndig sein. Kein Sarg mit silbernem Schild; du nimmst solch einen
gelben, gebeizten; und nicht viel Menschen; aber Glocken will ich
haben. Will der Pastor einige Worte sprechen, so mag er; du kannst ihm
dafr Vaters Meerschaumkopf mit dem Silber geben und seiner Frau ein
halbes Schaf. Und dann, Gustav, schau, da du dich bald verheiratest.
Nimm ein Mdchen, das du liebst und halte dich zu ihr; aber nimm eine
aus deinem Stande; und hat sie Geld, so schadet es nichts! Aber nimm
keine, die unter dir steht; die fressen dich nur auf wie Luse; und
gleich und gleich gesellt sich gern. Willst du mir jetzt etwas
vorlesen, so will ich sehen, ob ich einschlafen kann.

Die Tr ffnete sich, und Carlsson schlpfte herein, weich, aber
zuversichtlich.

-- Bist du krank, Anna Eva? fragte er kurz; dann wollen wir nach dem
Doktor schicken.

-- Das ist nicht ntig, antwortete die Alte und drehte sich nach der
Wand.

Carlsson ahnte den Zusammenhang und wollte wieder gut Freund werden.

-- Bist du bse auf mich, Anna Eva? Ach was, man wird doch nicht um
nichts und wieder nichts bse werden! Soll ich dir aus dem Buche
vorlesen?

-- Ist nicht ntig! war alles, was die Alte antwortete.

Carlsson merkte, da hier nichts mehr zu machen war; da er unntze
Arbeit nicht liebte, nahm er die Sache, wie sie war, und setzte sich
auf das Holzsofa, um zu warten. Da die geschftliche Lage klar war und
die Alte nicht Lust oder nicht Kraft hatte, sich mitzuteilen, so war
nichts mehr hinzuzufgen; und was Gustav und ihn betraf, das wrden
sie spter schon mit einander abmachen.

Einen Arzt zu holen, daran dachte niemand, denn die Leute waren es
gewohnt, allein zu sterben; auch war jede Verbindung mit dem Festland
unterbrochen.

       *       *       *       *       *

Zwei Tage lang bewachten Gustav und Carlsson die Kammer und einander.
Wenn der eine auf einem Stuhl oder dem Sofa einschlummerte, machte
auch der Andere mit einem Auge ein Schlfchen. Sobald sich aber jemand
rhrte, fuhr der Andere wieder in die Hhe.

Am Morgen vor Weihnachten war Frau Carlsson tot.

Gustav hatte ein Gefhl, als sei die Nabelschnur jetzt erst
durchschnitten; als sei er jetzt erst vom Mutterleib frei und ein
selbstndiger Mann geworden. Nachdem er seiner Mutter die Augen
zugedrckt und ihr das Gesangbuch unter das Kinn gelegt hatte, damit
der Mund nicht klaffe, steckte er in Carlssons Gegenwart ein Licht an,
holte Petschaft und Lack und versiegelte den Sekretr.

Die unterdrckten Leidenschaften erwachten; Carlsson trat vor und
stellte sich mit dem Rcken gegen den Sekretr.

-- Hollah, was machst du da, Junge? fragte er.

-- Ich bin jetzt kein Junge mehr, antwortete Gustav; ich bin jetzt Herr
auf Hems, und du bist Altsitzer.

-- Dazu gehren wohl zwei! meinte Carlsson.

Gustav nahm die Flinte von der Wand, zog den Hahn auf, da das
Zndhtchen zu sehen war; trommelte auf den Kolben und brllte zum
ersten Male in seinem Leben:

-- Hinaus! Sonst drcke ich los!

-- Drohst du?

-- Ja, da keine Zeugen da sind! antwortete Gustav, der in letzter Zeit
mit Leuten vom Gericht gesprochen zu haben schien.

Das war Bescheid und den verstand Carlsson.

-- Warte du nur, bis die Teilung stattfindet, sagte er und ging in die
Kche hinaus.

Der Weihnachtsabend war in diesem Jahre dster. Eine Leiche im Hause
und keine Mglichkeit, nach Sarg und Leichenkleid zu schicken; denn
der Schnee fiel unaufhrlich, da Strmungen und Meeresflchen weder
trugen noch brachen. Ein Boot in die See zu bringen, war unmglich,
denn das Wasser war ein einziger Eisschlamm, der weder rudern noch
fahren noch gehen erlaubte.

Carlsson und Flod, wie Gustav sich jetzt nennen lie, gingen um
einander herum; aen zusammen zu Tisch, ohne ein Wort mit einander zu
wechseln. Das Haus war in Unordnung; niemand setzte die Arbeit in
Gang; jeder verlie sich auf den Andern; so blieb die meiste Arbeit
ungetan.

Der Weihnachtstag begann, grau, neblig; wieder schneite es. Nach der
Kirche zu kommen, war ebenso unmglich, wie irgend wohin zu kommen;
darum las Carlsson die Predigt in der Kche. Man wute, da man eine
Leiche im Hause hatte, und keine Weihnachtsfreude kam auf. Das Essen
war nachlssig zubereitet; nichts zur rechten Zeit fertig, und alle
waren mivergngt. Es lag etwas Dumpfes in der Luft, sowohl drauen
wie drinnen; und da die Leiche der Alten in der Stube stand, weilten
alle in der Kche. Es war wie eine Einquartierung. Wenn man nicht a
oder trank, schlief man, einer auf dem Sofa, einer auf dem Bett; zum
Kartenspiel zu greifen oder die Handharmonika vorzunehmen, fiel
niemandem ein.

Der zweite Weihnachtstag kam und verging, ebenso schwer, ebenso
langweilig. Jetzt aber verlor Flod die Geduld. Einsehend, da eine
Zgerung schlimme Folgen haben knne, da die Leiche sich zu verwandeln
begann, nahm er Rundqvist mit in den Arbeitsschuppen. Dort tischlerten
die beiden einen Sarg, der dann gelb gestrichen wurde. Was man im
Hause auftreiben konnte, in das wurde die Tote gehllt.

So war der fnfte Tag gekommen.

Da das Wetter keine Zeichen gab, da es sich bessern werde, und man
die Aussicht hatte, vierzehn Tage warten zu mssen, mute man um jeden
Preis versuchen, die Leiche nach der Kirche zu schaffen, um sie in die
Erde zu bringen. Man schob also das groe Netzboot in die See, und
alle Mannsleute rsteten sich zu einer Eisbootsfahrt mit
Schlittenkufen, Eispickeln, Beilen und Stricken.

Frh am sechsten Tage begaben sie sich auf die lebensgefhrliche
Fahrt.

Bald war eine Strmung offen; dann ruderte man. Dann kam man an eine
Flche, die unterm Eise lag; da mute man das Boot auf die
Schlittenkufen schieben; wenn das gelungen war, mute man sich
vorspannen und ziehen. Am schlimmsten war es im Eisschlamm; da
patschten die Ruder nur auf und nieder, ohne da das Boot mehr als
einige Zoll weiter kam. Oft mute man vorausgehen und eine Rinne mit
Eispickeln und Beilen hauen; aber wehe dem, der sich verhieb und aus
der Rinne herauskam, wo eine Strmung die dnne Kruste zerfressen
hatte.

Es war Nachmittag geworden, und noch hatten sie sich nicht die Zeit
zum Essen und Trinken genommen; noch war die letzte freie Meeresflche
zurckzulegen. So weit sie sehen konnten, ffnete sich ein einziges
groes Schneefeld, hier und dort mit kleinen runden Erhhungen; das
waren eingeschneite Kobben. Der Himmel war blauschwarz im Osten und
verkndete Schnee. Die Krhen kamen von drauen angeflattert und zogen
ins Land hinein, um ihren Nachtzweig zu suchen. Zuweilen drhnte das
Eis, als sei Tauwetter im Anzuge, und drauen auf dem offnen Meere
brllten die Seehunde. Die Eisflche lag stlich nach dem Meere zu
offen, aber es war keine Meerwake zu sehen. Verdchtig war aber, da
sie die Eisente alla rufen zu hren glaubten. Da sie vierzehn Tage
lang keine Zeitung bekommen hatten, wuten sie nicht, ob die
Leuchttrme brannten; aber zwischen Weihnachten und Neujahr brannten
sie sicher nicht.

-- So geht's nicht weiter! uerte Carlsson, der bisher still gewesen
war.

-- Es mu gehen, sagte Flod und stemmte die Schulter gegen den
Schlitten; aber wir mssen auf der Mwenklippe landen, um etwas Essen
zu uns zu nehmen.

Und damit steuerte man auf die Klippe zu, die mitten in der freien
Meeresflche lag.

Sie war indessen entfernter, als man geglaubt hatte; und sie nderte
ihr Aussehen, je nher man kam; schlielich aber hatte man sie auf
Kabellnge vor sich.

-- Wuhne voraus! schrie Norman, der Ausguck hatte; nach links halten!

Die Schlittenkufen machten eine Schwenkung nach links. Immer weiter
nach links; schlielich hatte man die Klippe umgangen. Infolge der
letzten Sonnenwrme oder der warmen Grundstrmung hatte die Klippe
sich selber abgeschnitten und schien von keiner Seite zu erreichen zu
sein, wenigstens nicht auf Schlittenkufen.

Die Dmmerung fiel, guter Rat war teuer; Flod, der den Befehl hatte,
entwarf sofort einen Angriffsplan: das Boot sollte in die Wuhne
geschoben werden, und im selben Augenblick sollten sich alle Mann
hineinwerfen und an die Ruder setzen.

Gesagt, getan.

-- Eins, zwei, drei! befahl Flod.

Das Boot scho vor, lie die Schlittenkufen zurck, kippte -- und der
Sarg rutschte in die See.

Aus Schreck vergaen Flod und Carlsson, die hinten waren, ins Boot zu
springen und blieben auf dem Rand des Eises stehen, whrend Rundqvist
und Norman sich retteten.

Der Sarg war schlecht gefgt, fllte sich mit Wasser und sank, ehe
jemand soweit zur Besinnung kam, um an etwas Anderes als sich selbst
zu denken.

-- Jetzt gehen wir sogleich nach der Pfarre! befahl Flod, der heute
mehr handelte als berlegte.

Carlsson machte Einwendungen; aber auf Gustavs Frage, ob er lieber die
ganze Nacht hier stehen wolle, konnte er nichts erwidern, zumal er
sah, da keine Aussicht war, die Kobbe zu erreichen.

Rundqvist und Norman arbeiteten sich inzwischen ans Land und schrien
den Kameraden zu, nachzukommen. Flod aber antwortete nur, indem er mit
der Hand Abschied winkte und nach Sden zeigte, wo die Pfarre lag.

Eine lange Weile wanderten Carlsson und Flod still dahin; Gustav
voran mit dem Eispickel, um zu prfen, ob das Eis hielt; Carlsson
hinterdrein, den Rockkragen in die Hhe geschlagen. Ihm war
schauerlich zu Mut, da seine Frau ein so schnelles und klgliches Ende
gefunden; die Schuld dafr wrde man sicher auf ihn schieben.

Als sie eine halbe Stunde gegangen waren, blieb Gustav stehen, um zu
verschnaufen. Dann blickte er nach Riffen und Ufern, um zu sehen, wo
er sich befand.

-- Zum Teufel, wir sind verkehrt gegangen! brummte er; das war ja gar
nicht die Mwenklippe; die liegt ja dort! Und er zeigte nach Osten.
Und dort haben wir die Kiefer von Gillga.

Auf einer langgestreckten Insel nach der Landseite zu stand eine
einsame Kiefer, die von einer abgeholzten Waldhhe brig geblieben war
und mit ihren beiden einzigen sten einem optischen Telegraphen glich;
sie war als Seezeichen oder Landmarke bekannt.

-- Und dort haben wir die Trlschre.

Er sprach zu sich selbst und schttelte den Kopf.

Carlsson wurde bange, denn er war in diesem Inselmeer nicht zu Hause
und hatte zu Gustavs Wissen unbegrenztes Vertrauen gehabt.

Flod hatte inzwischen Besteck genommen, nderte den Kurs und setzte
sich mehr nach Sden in Bewegung.

Die Dmmerung war gekommen, aber der Schnee leuchtete etwas, da sie
Landmarke halten konnten. Sie sprachen kein Wort, aber Carlsson hielt
sich dicht hinter seinem Fhrer.

Pltzlich blieb dieser stehen und lauschte. Carlssons ungewohntes Ohr
hrte nichts, aber Gustav vernahm ein schwaches Rauschen von der
Ostseite, wo eine Wolkenwand, dichter und schwrzer als der
Nebelschleier, der den Gesichtskreis verhllte, aufgestiegen war.

Sie standen eine Weile still, bis Carlsson ein schwaches Brausen und
Rauschen hren konnte, das sich nherte.

-- Was ist das? fragte er und trat dichter an Gustav heran.

-- Das ist die See! antwortete der. In einer halben Stunde ist der
Ostwind hier mit einem Schneesturm, und wenns schlimm kommt, bricht
das Eis auf. Dann wei der Teufel, was aus uns wird. Nur schleunigst
weiter!

Er fing an zu laufen; Carlsson hinter ihm drein; der Schnee wirbelte
ihnen um die Fe und das Brausen schien ihnen zu folgen.

-- Jetzt ist es aus mit uns! schrie Gustav und blieb stehen, auf ein
Licht zeigend, das in Sdost hinter einer Kobbe blitzte. Der
Leuchtturm brennt! Die See geht offen!

Carlsson verstand die Gefahr nicht, aber er sah ein, da es schlimm
stand, wenn Gustav zitterte.

Jetzt hatte der Ostwind sie gefat; aus der Entfernung eines
Steinwurfs konnten sie die Schneewand kommen sehen, wie einen dunkeln
Schirm; und gleich darauf waren sie von Schnee umgeben, der dicht,
dicht fiel, und schwarz wie Ru war. Es wurde ganz dunkel um sie und
das Licht des Leuchtturms, das noch einen Augenblick bleich und
undeutlich wie eine Nebelsonne ihnen den Weg gezeigt hatte, erlosch
schlielich.

Gustav lief in starkem Trab weiter. Carlsson folgte, so gut er konnte;
aber er war ziemlich fett und konnte nicht gleichen Schritt halten,
kam auer Atem; bat Gustav, langsamer zu laufen: der aber hatte keine
Lust, sich zu opfern, sondern lief, lief ums Leben. Carlsson packte
ihn am Rockscho, bettelte und flehte, er mge ihm nicht fortlaufen;
versprach Gold und grne Wlder, beschwor ihn bei seiner Seligkeit und
Pein, aber nichts half.

-- Jeder fr sich und Gott fr uns alle! antwortete Gustav und bat
Carlsson, sich einige Schritte von ihm entfernt zu halten, sonst knne
das Eis brechen.

Das schien es auch zu tun, denn hinter ihnen krachte es immer mehr und
mehr. Was schlimmer war, das Brausen nherte sich jetzt so deutlich,
da man hrte, wie die Wellen gegen Riffe und Eisrand schlugen; auch
waren die Mwen erwacht und schrien nach unerwarteter Beute.

Carlsson keuchte und schnaubte; der Abstand zwischen ihm und Gustav
vergrerte sich; schlielich befand er sich allein in der Finsternis.
Da blieb er stehen, suchte nach den Spuren, fand keine; rief, aber
bekam keine Antwort. Das war die Einsamkeit, die Finsternis, die
Klte, das Wasser, das den Tod brachte.

Von Furcht aufgejagt, setzte er sich noch ein Mal in Bewegung; lief
so, da die Schneeflocken zurckblieben, obwohl sie dieselbe Richtung
wie er hatten; dann rief er wieder.

-- Dem Wind folgen, dann kommt Ihr westlich ans Land! hrte er eine
fliehende Stimme aus der Finsternis; dann ward es wieder still.

Bald aber hatte Carlsson keine Krfte mehr, um laufen zu knnen.
Mutlos verlangsamte er seinen Lauf, ging Schritt vor Schritt, ohne
Widerstand leisten zu knnen, whrend er die See hinter sich kommen
hrte, brausend, prustend, chzend, als sei sie eigens auf nchtlichen
Raub ausgezogen.

       *       *       *       *       *

Pastor Nordstrm hatte sich um acht Uhr ins Bett gelegt, um seine
Zeitung zu lesen; dann war er in einen schweren Schlaf gesunken. Aber
gegen elf Uhr fhlte er den Ellbogen seiner Alten in der Seite und
hrte sie rufen.

-- Erich! Erich! hrte er im Schlaf.

-- Was ist denn? Kannst du nicht ruhig sein! knurrte er halbwach.

-- Ruhig? Bin ich etwa nicht ruhig!

Langatmige Erklrungen frchtend, beeilte sich der Pastor zu beteuern,
er sei von ihrer Ruhe berzeugt, machte mit einem Streichhlzchen
Feuer und fragte, was los sei.

-- Es ruft jemand im Garten! Hrst du nicht?

Der Pastor lauschte und setzte die Brille auf, um besser hren zu
knnen.

-- Ja, wahrhaftig! Wer ... kann das sein?

-- Geh doch und sieh nach! antwortete seine Frau und gab dem Alten
einen neuen Sto.

Der Pastor zog Unterhosen und Pelz an, schob die Fe in seine
berschuhe, nahm die Flinte von der Wand und setzte ein Zndhtchen
darauf, schttelte das Zndpulver hinein und ging hinaus.

-- Wer da? rief er.

-- Flod! antwortete eine dumpfe Stimme hinter der Fliederhecke.

-- Was ist denn los, da du so spt kommst? Liegt die Alte in den
letzten Zgen?

-- Noch schlimmer! klang Gustavs mitgenommene Stimme. Wir haben sie
verloren.

-- Verloren?

-- Ja, auf der See haben wir sie verloren.

-- Aber komm doch in aller Welt herein und steh nicht da in der Klte!

Gustav sah beim Lichtschein wie ein ausgeblasenes Ei aus, da er den
ganzen Tag weder gegessen noch getrunken und auerdem wie ein Hund mit
dem Ostwind hatte um die Wette laufen mssen.

Nachdem er dem Pastor in einem Atem den ganzen Verlauf erzhlt hatte,
ging dieser zu seiner Alten hinein; nach einem kleinen Sturm, der
einige Minuten dauerte, erhielt er den Schlssel zu einem gewissen
Schrank in der Kche, in die er den Schiffbrchigen fhrte.

Bald sa Gustav an dem groen Kchentisch, whrend der Pastor
Branntwein, Schmalz, Preslze, Brot hervorholte und dem
Ausgehungerten vorsetzte.

Darauf beriet man, was man fr die Gestrandeten tun knne. Jetzt in
der Nacht Leute aufzubieten und hinauf zu fahren, war verlorene Mhe;
Feuer am Strande anzuznden, war gefhrlich, weil das Fahrzeuge
irrefhren konnte, wenn der Schein berhaupt durch den Schneesturm
drang.

Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefhrlich,
aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nmlich zu
wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren.

-- Es sieht gerade so aus, als msse er fr seine Taten ben, meinte
er.

-- Hr mal, Gustav, wandte Pastor Nordstrm ein, ich finde, du bist
ungerecht gegen Carlsson; und ich wei nicht, was du mit bsen Taten
meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn dir nicht in die
Hhe gebracht? Hat er dir nicht Sommergste verschafft und dir eine
neue Stuga gebaut? Und da er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie
wollte ihn ja haben. Da er sie bat, das Testament zu machen, war noch
kein Unrecht von ihm; da sie es aber tat, war von ihr nicht wohl
berlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was du
tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst du vielleicht nicht,
da ich fr dich um die Witwe von Owassa mit ihren achttausend
Reichstalern freien soll? Nein, hr mal, Gustav, du mut nicht so
streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Gesichtspunkten
betrachten!

-- Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und
das vergesse ich ihm nie.

-- Ach was, das hast du vergessen, wenn du zu deiner Frau ins Bett
kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr
wirklich das Leben genommen hat. Htte die Alte sich zum Beispiel
etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so htte sie sich
nicht erkltet. Da er, der junge Kerl, mit dem Mdchen schkerte,
wre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wren wir jetzt
im Reinen; nun wollen wir morgen frh sehen, was zu machen ist. Wir
haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir
sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denke daran: des
einen Tod ist des andern Brot.

       *       *       *       *       *

Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche erschienen, kam
Pastor Nordstrm in Begleitung Flods. Statt in die Kirche zu gehen,
blieb er in der Menge stehen, die bereits zu wissen schien, was
geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, da der Gottesdienst
ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf, sich mit ihren Booten, so
schnell sie knnten, an der Pfarrbrcke zu versammeln, um die
Schiffbrchigen zu bergen.

In der Menge mute der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge
von Gemeindesachen, denn im Hintergrunde murrte man und behauptete,
das Gotteswort nicht entbehren zu knnen.

-- Ach was, wandte der Pastor ein; so viel liegt euch nicht daran,
meine Schelte anzuhren, wenn ich euch recht kenne. Was? Was sagst du,
Owassaer, du bist ja solch ein Schriftgelehrter, da du gleich hrst,
wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange.

Ein leises Lcheln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur
Hlfte gehoben.

-- Wir haben brigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und
bringt eure Weiber mit; ich verspreche, euch dann die Kpfe zu
waschen, da es fr ein Vierteljahr vorhlt. Seid ihr nun
einverstanden, da wir den Esel aus dem Brunnen ziehen?

-- Ja, murmelte die Menge, als habe sie Absolution fr Entweihung des
Sabbaths erhalten.

Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen.

Das Schneegestber hatte aufgehrt, der Wind war nach Norden herum
gegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen,
wallte blauschwarz um die blendendweien Kobben.

Zehn Netzboote stieen von der Pfarrbrcke ab. Die Mnner hatten
Pelzrcke an und Seehundsmtzen auf, brachten Beile und Dregganker
mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Ruder bemannt. Der
Pastor sa mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle
gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und
vordersten Ruderer mitgenommen.

Man war ernst gestimmt, aber nicht bermig traurig; ein
Menschenleben mehr oder weniger zhlt auf See nicht.

Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror
sofort, mute aufgehauen und hinaus geworfen werden. Zuweilen kam eine
Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter
und kam wieder in die Hhe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz,
das von den Ufern losgerissen war.

Der Pastor sphte mit seinem Fernglas nach der Trlschre, auf der
Rundqvist und Norman gefangen saen. Bald warf er einen hoffnungslosen
Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war;
bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach
einem Fu, einem Kleidungsstck oder der Leiche selbst. Aber
vergebens.

Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, nherte man sich der
Schre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte
entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezndet. Als die Boote anlegten,
zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher
Lebensgefahr waren sie nicht gewesen.

-- Nicht, solange man Land unter sich hat! meinte Rundqvist.

Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem
Sarg zu dreggen.

Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er
hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne
etwas anderes in die Hhe zu bringen als lange Tangranken mit Muscheln
und anderm Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg.

Die Leute fingen an, mde und verdrielich zu werden. Einige waren an
Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen,
Kaffee zu kochen.

Schlielich erklrte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu
machen, da die Strmung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen
habe.

Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache,
streng genommen, keinen persnlich anging, empfand man eine gewisse
Erleichterung, da man sich nicht gefhllos gegen fremden Kummer zu
zeigen brauchte.

Um indessen dieses klgliche Ende einigermaen abzurunden, trat Pastor
Nordstrm an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht fr die Alte
halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied knnten die
Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und
teilte ihn den Andern mit.

Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen
in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strande
versammelten, um der den Umstnden angepaten Beerdigung beizuwohnen.
Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den
Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die
Finger der linken Hand und entblte seinen Kopf, whrend alle Mnner
am Strande die Mtzen abnahmen.

-- Wollen wir Ich bin ein Gast auf Erden nehmen? Knnt ihr das
auswendig? fragte der Pastor.

-- Ja! wurde vom Strande geantwortet.

Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Klte zitternd, dann vor
Bewegung ber das Ungewhnliche in der Feier und ber die ergreifenden
Tne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte.

Die letzten Worte waren verklungen und hallten wider ber das Wasser,
gegen die Schren, durch die klare Luft. Eine Pause entstand, whrend
der man nur hrte, wie der Wind in den Nadeln der Meerkiefern
rauschte, wie die Wogen an den Steinen pltscherten, die Mwen
schrien, die Boote gegen den Boden stieen. Der Pastor wandte sein
greises, gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus; die Sonne
beleuchtete seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarstrhnen vom Winde
wie die Hngeflechten einer alten Fichte gezaust wurden.

-- Von Erde bist du gekommen, zu Erde sollst du wieder werden! Jesus
Christus unser Erlser wird dich auferwecken am jngsten Tage! Lat
uns beten! begann er mit seiner tiefen Stimme, die gegen Wind und
Welle kmpfte, um gehrt zu werden.

In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem Segen streckte
der Pastor die Hand ber das Wasser zu einem letzten Lebewohl.

Man setzte die Mtzen wieder auf. Gustav drckte dem Pastor die Hand
und dankte ihm, schien aber noch etwas auf dem Herzen zu haben.

-- Herr Pastor, ich finde doch ... Carlsson mte auch einige Worte
haben!

-- Es war fr beide, mein Junge! Es ist jedenfalls schn von dir, an
ihn zu denken, antwortete der Alte, der gerhrter zu sein schien, als
er wahr haben wollte.

Die Sonne ging unter; man mute sich trennen, um nach Hause zu fahren,
so schnell man konnte.

Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksamkeit erweisen;
nachdem man Abschied genommen hatte und alle in ihren Booten waren,
folgte man ihm ein Stck Weges, formierte dann die Boote in einer
Linie, wie beim Netzlegen, grte mit den Rudern und rief:

-- Lebwohl!

Es war eine Huldigung fr die Trauer, aber auch fr den jungen Mann,
der jetzt in die Reihe der reifen Mnner aufgenommen war.

Und sein eigenes Boot steuernd, lie sich der neue Herr des Hofes von
seinen Knechten nach Hause rudern, um von nun an sein eignes Fahrzeug
ber die windigen Flchen und grnen Sunde des launenhaften Lebens zu
lenken.



     *       *       *       *       *


     Anmerkungen zur Transkription:

     Auflistung aller gegenber dem
     Originaltext vorgenommenen Korrekturen:

     S.  16: teilweise unleserliches Wort: Kl rhaut --> Klrhaut
     S.  28: Klara --> Clara (einheitliche Schreibweise im Text)
     S.  49: Quellen finden --> Quellen zu finden
     S.  72: Mnnner --> Mnner
     S.  94: knapper Gehalt --> knappes Gehalt
     S. 100: schlgt --> schlft
     S. 123: kaput --> kaputt
     S. 145: Schlge --> Schlgen
     S. 152: des alten Schmidt! --> des alten Schmidt!
     S. 161: Gaulen --> Gulen
     S. 162: denn, --> dann
     S. 187: vergassen --> vergaen

     Ae, Oe und Ue wurden jeweils durch ,  und  ersetzt.

     Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
     Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

     Formatierung:

     Gesperrt gedruckter Text wurde mit Unterstrich _ markiert: _Text_ Text
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access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
that

- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
     the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
     you already use to calculate your applicable taxes.  The fee is
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     has agreed to donate royalties under this paragraph to the
     Project Gutenberg Literary Archive Foundation.  Royalty payments
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     prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
     returns.  Royalty payments should be clearly marked as such and
     sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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     the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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     License.  You must require such a user to return or
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     and discontinue all use of and all access to other copies of
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     electronic work is discovered and reported to you within 90 days
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1.E.9.  If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
electronic work or group of works on different terms than are set
forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark.  Contact the
Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1.  Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
collection.  Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
works, and the medium on which they may be stored, may contain
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property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
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LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
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providing it to you may choose to give you a second opportunity to
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opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


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