The Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed

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Title: Stille Helden

Author: Ida Boy-Ed

Release Date: August 19, 2009 [EBook #29738]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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                             Stille Helden


                                 Roman

                                  von

                              Ida Boy-Ed


                                 1914

               J.G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger

                         Stuttgart und Berlin




     Alle Rechte, insbesondere das bersetzungsrecht, vorbehalten

 Copyright 1914 by J.G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart




1


Eine Frhlingsnacht endete, und das neue Tagewerk begann. Droben im sehr
gerumigen Erker lie sich der alte Herr in seinen Stuhl helfen. Er lag
jetzt die Nchte oft wachend und verzehrte sich voll Ungeduld, bis
zwischen den Spalten der Vorhnge ein grauer Schein bemerkbar wurde.
Diesen grauen Schein der Morgendmmerung nannte er schon Tag, und
damit gestand er sich das Recht zu, seinen Dienern zu klingeln. Denn
sein treuer Leupold konnte den mchtigen Krper nicht mehr allein
regieren; ein zweiter Diener hatte angenommen werden mssen. Und so
zwang sich der alte Herr mit ingrimmiger Selbstbeherrschung, noch ein
neues Gesicht in seiner Nhe zu ertragen.

Sthnend und durch das vergebliche Bemhen, selbstttig sich zu bewegen,
seinen Helfern die Handhabungen noch erschwerend, kam er in die rechte
Lage. Nun sa er leidlich behaglich im gewaltigen, mit Rindleder
bezogenen Stuhl, der sich durch allerlei ausgetiftelte und glatt
arbeitende Mechanik mit leisem Fingerdruck in verschiedene Schrg- und
Steilstellungen bringen lie. Auch eine breite Tischplatte kam von der
Erkerwand geruschlos nahe und zog sich wieder dahin zurck, je nachdem
ein kaum bemerkbarer Knopf an der ueren rechten Armlehne berhrt
wurde. Auf hnliche Weise konnten von der gegenberliegenden Wand ein
Bcherregal und eine Schreibgelegenheit herangeholt werden. Diese
Beweglichkeit all der toten Dinge gab ihnen etwas von dem Leben treuer,
aufmerksamer und stumm wartender Tiere. Sie machte den seit einigen
Monaten halbseitig Gelhmten unabhngiger von seiner Bedienung und
gewhrte ihm, was seit langen Jahren sein hchstes Bedrfnis gewesen
war: Stunden ungestrter Einsamkeit. In ihr konnte sein Kopf am
raschesten und gesammeltsten arbeiten. Jetzt in dieser frhen Stunde
mute der bewegliche Tisch das erste Frhstck tragen. Mit nie
erlschendem Zorn a der alte Herr diesen Haferbrei und den Hhnerflgel
oder was die rztliche Verordnung ihm sonst noch an leichter Kost
gestattete.

Das hast du nicht gedacht, Leupold, da du mich mal pppeln mtest wie
'ne Wchnerin, sagte er.

Es ist ja nur vorbergehend, Herr Geheimrat, trstete Leupold und
schob noch handlicher Teller und Lffel zurecht.

Wenn er wte, wie er seinen Ton gegen mich verndert hat! dachte der
Geheimrat erbittert. Na ja -- wie denn nicht! Frher war ich sein Herr,
jetzt ist er im Grunde der meine.

Aber in Leupolds etwas brunlichem Gesicht und in seinen klugen dunkeln
Augen war wirklich nichts von berhebung zu lesen. Sorgsam, mit dem
freundlich-gleichmigen Ausdruck, den er sich in mehr als
fnfundzwanzig Jahren angewhnt hatte, schnitt er das weie Fleisch von
dem Brustknochen des jungen Huhnes herab. Wenn man einem mchtigen,
bermig beschftigten groen Herrn dient, dem das Blut rascher durch
die Adern luft als durchschnittlichen Menschen, dann lernt man
Gleichmut. Den Leupolds hatte das Haus nur einmal erschttert gesehen
-- an jenem Abend, als unten im Speisesaal ein festlicher Tisch fr ein
Herrendiner schon fertiggedeckt stand und die Gste jeden Augenblick
eintreffen konnten. Da, gerade als Leupold den Frack bereithielt, als
der Herr schon den Arm ausstreckte, um hineinzufahren, da wurde der
Riese jh blaurot im Gesicht -- stie einen rauhen Laut aus -- taumelte
und fiel. ... In der Dienerschaftsstube flsterte man davon, Leupold
habe nachher geweint. Aber niemand erlaubte sich, ihn hierauf anzureden.

Jetzt war alles auf dem Frhstckstisch so zurechtgestellt und
vorbereitet, da der Halbgelhmte ohne weitere Hilfe sein Mahl verzehren
konnte, und Leupold zog sich zurck.

Wie er so in seiner schlichten dunkelblauen Livree durch das groe
Zimmer der Ausgangstr zu schritt, sah sein Herr ihm nach. Eine
Aufwallung von Rhrung stieg in ihm empor.

Weil ich nicht mehr recht schlafen kann, hetz' ich ihn aus dem Bett!
Was ist das fr ein brutaler Unsinn. Mibrauch der Herrengewalt? ... Und
er muckt nicht mal auf ... Anhnglichkeit oder Sklavensinn!?...

Aber sein Herz sagte ihm: Anhnglichkeit! Denn auch er dachte manchmal
an jenen Augenblick, wo er von den dunkeln Grenzen noch einmal
zurckerwacht war zum Leben -- auch eine Art von Wiedergeburt ---- wie
ihm das Bewutsein kam -- wie er die Lider ffnete -- da sah er in ein
treues, angstvolles Auge, in dem Freude aufleuchtete, als er zu sprechen
begann.

Nur das Auge des Dieners -- eines ergebenen Menschen -- nicht das Auge
seines Sohnes!--

Ah -- dieser Sohn ... wo war der in jener Stunde! ... Na, er wird ja
mal mit meinem Testament nicht unzufrieden sein! dachte er noch in
bezug auf Leupold.

Er versuchte zu essen. Wie sollte es schmecken! Ein so mchtiger Krper
mu Bewegung haben, wenn sein Haushalt in Ordnung bleiben soll...

Bewegung! Er wute wohl: die kam ihm nie wieder. Jeder Tag, diese
nchste Minute, noch ehe er den Haferbrei bezwungen, konnte ihn die
unsichtbare Faust zum zweiten Male treffen. Und ein groes, furchtbares
und dennoch seltsam feierliches Vorgefhl sagte ihm: dann traf sie so
gut, da es das Ende ward...

In solcher Lage schliet man ab! Aber wie kann man, wenn der einzige
Sohn dasteht gleich einem Wurzellosen, gegen Lebensfreude gleichgltig
-- ein Mensch, der am Ende scheint, wo er am Anfang sein sollte? Da
schliee mal einer ab! Zu einem letzten Willen gehren zwei. Einer, der
ihn ausspricht, und einer, der ihn ausfhrt.

Er sah hinaus. Es war immer noch sehr frh. Aber was war Tag, was Nacht
fr das Httenwerk! Da brauste die Arbeit und legte sich niemals
schlafen. Die Hochfen erloschen nie. Fr ihre schwelende Glut gab es
keine Feierstunde und keinen Alltag. Sie waren wie das Symbol der ewigen
Hitze, die in geheimnisvollen Tiefen am Herde der Mutter Erde brodelt.

Im hellen Morgenlicht breitete sich vor den Augen des Herrn das Stck
Welt hin, darber er der Gebieter war.

Die gewellte Ebene, vom eingebetteten Flu durchschnitten, der im
ruhigen, viel gebogenen Lauf der nahen Ostsee zustrebte, hatte die
krftigen und ruhevollen Farben einer Landschaft, darin sonst allein der
Bauer sein Reich findet. Ferne Wlder umgrenzten sie.

Aber mitten in diesen grnen Gelnden und auf stillen, abgetnten Weiten
hatte sich das Feuer eine gewaltige und beherrschte Sttte gesucht und
Erze und Kohlen ihre dsteren Farben hineingetragen.

Wenn der alte Herr den Blick nach links wandte, sah er die drei
Hochfen gleich drohenden, gedrungenen Burgen ragen. Steil hinan zu
ihnen zog sich das Eisengestnge der Schrgaufzge, an denen die kleinen
Wagen emporkletterten, die mit ihrem Inhalt an Erz, Koks und Kalksteinen
unaufhrlich die fen beschickten, das heit in ihren Rachen das
Material schtteten. Und schwarz, in den Formen von Riesenzylindern,
hielten neben ihnen in Reih und Glied die aufrechten Eisenungeheuer
Wache, in denen der Wind erhitzt wurde, der ihrem Feuer als Geblse
diente. Helle Schornsteine, gleich gelblichen, schlanken Sulen erhoben
sich frei und leicht, scheinbar ganz ohne Zusammenhang mit den
verschiedenen langgestreckten Dchern und den aufgetrmten Bauten, in
denen man Maschinen oder Wasserreservoire oder Koksfen vermuten konnte.
Ein Gasometer, rund und klobig, in der Gestalt an das Grabmal der
Ccilia Metella fern drunten in der Sonnenglut der Appischen Strae
erinnernd, stand etwas einsamer. Die dunkeln Linien der Drahtseilbahnen
und Ausladebrcken durchschnitten die Luft. Sie waren wie Krper, die
nur ein Skelett haben und gar keine Muskulatur. Zwischen ihrem Gerippe
bewegten sich die Frderwagen, emsig und doch gelassen, die von den
Schiffen das Erz und die Kohlen holten und mit dumpfem Prasseln an den
rechten Lagerpltzen ausschtteten. All diese Dinge ragten gleich
Gipfeln hoch aus dem Arbeitsfeld heraus. Und ein Dunst, blulich, oft
von steigendem weien oder schwarzgrauen Gewlk durchzogen, umhllte all
diese phantastischen Formen, die bedrohlich und bizarr wirkten, weil sie
andere waren, als die Natur sie schafft.

Das Gelnde selbst, auf dem die Betriebe der Eisenhtte Severin
Lohmann angesiedelt worden waren, verbarg sich vom Erker aus dem
Blick. Eine groe grtnerische Anlage lag dem Hause gegenber, von ihm
durch die vorbeiziehende Landstrae geschieden. Diese Anlage nahm links,
wo sie breit war, den Palisadenzaun des Werkes als Grenze; sie zog sich
zum Flu hinab, wurde nach rechts schmler und schmler und verlor sich
im Uferstreifen, der fluauf endlich an einer Hochbrcke endete, auf
welche die dem Flu sich immer mehr nhernde Landstrae dort traf.

Diese Silberpappeln und Kastanien, die so rasch emporgewachsen waren und
dichte Kronen bekommen hatten; diese Rasen und Gebschpartien; diese
Blumenrabatten, die doch bei stlichem Winde immer grauschwarz bestubt
wurden; diese Sandsteintreppe, die durch die Anlagen dem Hause gerade
gegenber schnitt und zum Fluufer hinabfhrte, wo frher an einer
Brcke eine Lustjacht lag, jetzt aber eine Fhre ihren Platz hatte --
das alles war die Anlage der gndigen Frau.

Die gndige Frau sah einst nicht gern auf die Welt der Kohlen, Erze und
Schlacken...

Drben am andern Ufer erhob sich ber weisandigem, schroff abfallendem
Abhang eine kleine Stadt. Rote Dcher drngten sich um den Kirchturm,
dessen spitzes Dach, frisch gedeckt, dunkel vor dem lichten Himmel
stand. Der Hahn und die Kugel oben auf der scharfen Spitze flimmerten
lustig und neu im Morgenglanze. Aber auch drben kam zwischen den
Dchern heraus Rauch. Aus merkwrdigen breiten, kurzhalsigen kleinen
Essen blies er hinauf, stetig quellend. Man rucherte Fische in
Schlutup, und einst lebte das ganze Stdtchen von Ackerbau und
Fischhandel. Nun aber hallte nicht nur der Arbeitslrm ber den Flu
hinber in die Straen hinein -- auch das Geld, das Severin Lohmann in
Bewegung setzte, rollte hindurch, und neue Werte waren geschaffen,
strkeres Leben pulsierte.

Der alte Herr sah gern hinber -- es tat ihm wohl, zu sehen, wie das da
wuchs -- wie sich mehr und mehr Industrien ansiedelten, die durch sein
Werk und dessen Nebenprodukte hier vorteilhafte Bedingungen fanden.

Und im Grunde genommen durfte er sich wie der ungekrnte Knig auch des
andern Ufers fhlen.

Unten auf dem Flu, unterhalb der hoch ber ihnen sich in die Luft
hineinstreckenden Eisengerippe der Ausladebrcken, ankerten ein paar
Dampfer. Aus den Tiefen ihres Bauches herauf tauchten die Frderwagen
wieder empor, die sich, schwebend an Drahtseilen, voll koketter Grazie
leer hinabgelassen hatten -- Dampfer aus Schweden -- aus Griechenland --
Spanien. Erhebend und qulend zugleich war das, den Blick auf seine Welt
zu haben und nicht mehr in ihr herumregieren zu knnen.

Nun sa er hier in seinem palastartigen Haus, das durch ein kunstvolles,
hohes Schmiedeisengitter von der Landstrae geschieden war und, inmitten
von Vorgrten und anschlieendem Park, wie ein frstlicher Ruhesitz
anzusehen war.

Er dankte fr Ruhe...

Die qualvolle Ungeduld, die in ihm kochte, suchte er nun schon seit
Monaten zu bezwingen. Er hielt wortlose Monologe ber die Gre, die im
Entsagenknnen liegt ... Er forderte von sich Haltung. Da er sie andern
Menschen gegenber aufzubringen vermochte, gewhrte ihm eine kleine
Genugtuung. Aber allein mit der Qual, knirschte er mit den Zhnen gegen
sie.

Alles wre wahrscheinlich wrdevoll und gefat zu ertragen, ohne dieses
Elend mit Wynfried...

Er dachte pltzlich: Ich verstehe die Prometheussage -- ja, wei Gott,
ich wei, was das ist ... wie's gemeint ist mit dem Adler, der kommt,
dem Gefesselten die Leber auszufressen ... Der Kopf ist klar, der Wille
ist stark, aber die Kraft, die man nicht bettigen kann, frit an
einem...

Nun merkte er auf -- ein heller, schneidender, von dumpfen Untertnen
getragener Klang schien heranzukommen. Das ri ihn aus seinen Gedanken.
Ja richtig -- was fr ein bezwingender Rhythmus in dem Volkslied lag,
das die Querpfeifen bliesen und die Trommeln schlugen.

Das war das halbe Bataillon Infanterie, das drben im Stdtchen lag. Im
Schritt und Tritt marschierte es heran durch die Morgenfrische; voran
mit seinem Adjutanten der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur
Fhrung beigegeben war -- der eine auf einem hellen Fuchs, der andere
auf einem Rappen. Die Soldaten sangen das Lied mit, das ihnen
vorgepfiffen und getrommelt ward. ber die Hochbrcke waren sie gekommen
und zogen zu einer Gefechtsbung aus -- vielleicht um am Meeresstrand
anderthalb Stunden ostwrts die Landung eines markierten Feindes zu
verhindern.

Nun kamen sie am Hause vorbei, das Gitterwerk berschnitt die
marschierenden Gestalten.

Die Offiziere grten fast alle hinauf. Sie waren in diesem Hause oft
gastlich aufgenommen worden. Jeden Gru beantwortete mit freundlichem
Nicken das weihaarige, bedeutende Haupt. Die Augen blitzten. Nichts von
Krankheit und Alter war in ihnen--

Der Geheimrat redete in seinen Gedanken zu den grenden Herren.

Ja, lieber Schnstedten -- bin schon auf -- kein Schlaf des Nachts --
Was, Likowski? Einen neuen Gaul? Den Rappen natrlich mit Vorteil
verkauft -- famos zugeritten, wie er war...

Und zwei neue Erscheinungen? Das war wohl Leutnant Hornmarck -- Herrgott
wie klein und zart und jung, und sollte Kerls kommandieren und
imponieren, die vielleicht schon mehr vom Leben wuten als er -- und der
da, der schlanke mit der stolzen Haltung, das mute der Oberleutnant
Stephan Freiherr von Marning sein. Vor ein paar Tagen hatte Leupold
seine Karte hereingebracht.

Der Sohn alter Freunde, was man so Freunde nennt. Angenehme Bekannte,
mit denen er manchen Herbst bei den Neuhofer Marnings zur Jagd als Gast
gewesen war. Er entsann sich wohl: der junge Stephan hatte ihm immer gut
gefallen, in seine besondere Unterhaltung hatte er ihn oft gezogen, er,
der alternde Groindustrielle den jungen Leutnant, die scheinbar keine
Interessen zusammen haben konnten. Aber der Geheimrat wute, mit welcher
schmalen Zulage Stephan sich ohne Schulden vornehm behauptete, denn
dieser Zweig der Marnings war fast arm. Und wenn er so die schlichte,
ernste Haltung des jungen Leutnants beobachtete, die voll Charakter war,
dachte er an seinen Sohn...

Seine Gedanken sagten dem gleichfalls heraufgrenden Freiherrn von
Marning: Wie gern, lieber Marning, antwortete ich sofort auf Ihren
Besuch mit einer Einladung, bei mir zu essen -- bin ja kein
menschenfeindlicher Querkopf -- aber da sitz' ich nun -- vorbei ist's
mit dem Gastlichsein...

Und es tat ihm seltsam dringlich leid, da er dem jungen Marning keine
Freundlichkeit erweisen konnte.

Nun war die Truppe vorbei. Er konnte ihr ein paar Minuten nachsehen --
da zog sie hin, Mann wie Offizier, um in zher, tglich neu
aufgenommener Arbeit, mit einer moralischen Geduldskraft ohnegleichen,
die unerhrt opfervolle Mhe des Kriegshandwerks im Frieden zu ben --
dazu gehrt Mannhaftigkeit, die nicht an Ruhm und Heldenrausch, sondern
nur an Pflicht denkt.

Auch stille Helden -- wie die Tausend und Tausend, die arbeiten und sich
bezwingen, und deren Namen und deren Kampf niemals jemand nennt und
preist.

Ja, die gibt's auf allen Gebieten.

So dachte der alte Herr. Und da all seine Gedankenwege jetzt auf den
einen Menschen zufhrten, so war er schon wieder bei seinem Sohn.

Ich htte Wynfried doch vielleicht Offizier werden lassen sollen! Der
Junge hatte es einmal gewnscht.

Aber er hatte so oft mit seinen Wnschen gewechselt; sie waren immer nur
lau gewesen.

Und der einzige Sohn und Erbe! Ihn zum knftigen Mitbesitzer und
spteren alleinigen Herrn von Severin Lohmann zu bestimmen, war das
Selbstverstndliche. Er hatte sich ja auch nie dagegen erhoben. Den
ganzen Bildungsgang durchlief er ohne Widerspruch, aber auch freilich
ohne jemals Aufsehen durch Flei oder Leistungen zu erregen -- was
sicher nicht von einem Mangel an Begabung, sondern von dem berflu an
Beziehungen zum weiblichen Geschlecht herkam...

Hier bermannte den alten Herrn wieder der Zorn, und er unterbrach sich,
um den dienstwilligen Tisch fast gegen die Wand fliegen zu lassen.

Nun war ihm freier, nun hatte er nicht die Barriere von Tischplatte mit
all den Schsseln und Speisen vor sich.

Und mit der rechten Faust machte er eine Bewegung -- durchschlug die
Luft, als wolle er jemanden treffen...

Aber die, der es galt, die war lange tot. Aus ihrem Grabe htte er sie
wieder holen mgen, um sie havoll zu fragen: Was hast du aus unserm
Sohn gemacht? Einen Schwchling! Einen, der am Weibe scheiterte, weil du
ihn weibisch erzogst...

Er sah ihr khles, ablehnendes Lcheln -- er sah ihr schnes Gesicht,
auf dem nichts geschrieben stand als Wohlgefallen an sich selbst.

In einem seiner strmischen Entschlsse klingelte er pltzlich. Alsbald
erschien eine schlichte blaue Livree in der Tr. Aber es war nicht
Leupold, sondern der neu engagierte blonde Georg, dessen saubere
Gewaschenheit den alten Herrn immer irgendwie und ganz unlogisch
rgerlich reizte.

Leupold! sagte er befehlshaberisch.

Leupold ist nach Schlutup hinber, um die von Herrn Geheimrat gestern
abend angeordneten Besorgungen zu machen, sagte Georg in militrischer
Haltung, als habe er noch immer seinen Hauptmann von Likowski vor sich.

Ist mein Sohn schon aufgestanden?

Der junge gndige Herr haben noch nicht das Klingelzeichen zum Bad
gegeben.

Der alte gndige Herr gab nur einen Laut von sich, der fr Georgs Ohr
etwas Ungeformtes behielt. Da aber beinahe Verachtung darin klang,
sprte der junge Mensch wohl, und er dachte aufsssig: Na, wir knnen
doch nicht alle immer Glock fnf aufstehen...

Er war es ja zum Glck von seiner Militr- und Burschenzeit her gewhnt.
Aber wenn er der junge Herr gewesen wre, wrde er auch bis zehne
schlafen. Und viel frohe Stunden schien der junge Herr seit seiner
Ankunft gestern morgen auch nicht mit seinem Vater gehabt zu haben. Das
ganze Haus stand unter dem dumpfen Wissen, da zwischen Vater und Sohn
was los sei -- was, wute kein Mensch, wenn nicht etwa Leupold. Aber
der wrde es auch nicht verraten...

Nun war der Geheimrat wieder allein. Nun mute er sich von neuem in
Geduld fassen. Er hatte doch ein Gefhl dafr, da er seinen Sohn nicht
wie einen Schuljungen aus dem Bett holen lassen knne...

Geduld -- wenn eine so groe, so schwere Frage zu beantworten ist -- die
bitterste, die das Leben bisher an ihn gestellt hatte...

Was sollte mit seinem Sohn werden?

uerlich gesehen, konnte ja alles, wie von jeher bestimmt gewesen, nun
geschehen. Wynfried hatte alle Stadien der Vorschulung fr die auf ihn
wartende Stellung durchlaufen. Er war auf der Hochschule gewesen; auf
befreundeten Httenwerken hatte er als Volontr in die Betriebe
hineingesehen; er war ein Jahr auf einer Bank gewesen und ein Jahr im
Auslande. Nirgends hatte er Anla zu Klage oder Lob gegeben. Ob er
berhaupt gearbeitet hatte, war unklar.

Das prickelte und grmte den Vater! So eine glatte Null -- sein Sohn!
Lieber mit Hrten, Ecken und Kanten sich herumstoen! Die Neutralen
hatte der Alte immer gehat.

Und das einzige Gebiet, wo Wynfried von der unaufflligen Bahn des eben
Zureichenden gewichen war, das war gerade das verhngnisvollste von
allen...

Ein Weib hatte ihn zerbrochen -- er hatte sich zerbrechen
lassen------

Das kam, weil ein Weib ihn verzogen und schwchlich genommen hatte.

Er, der Vater, er konnte nicht den Erzieher spielen. Er, ein Mann, fr
dessen Pflichtenflle der Tag immer um viele Stunden zu kurz war.
Erziehung -- das galt ihm auch als Frauen-, als Mutterwerk! Frauen, die
Shne gebren, sollen sie auch erziehen knnen. Das war sein Anspruch
gewesen.

Aber seine Frau mochte sich das Leben so einrichten, da nichts ihre
Gemtsruhe, ihr Luxusdasein und ihre Schnheit strte. Erzieherpflichten
knnen unbequem sein.

Auch gehrt Liebe dazu -- und seine Frau hatte wohl, auer zu sich
selbst, keine Liebe gehabt. Nicht einmal zu Wynfried, obschon es so
aussah, als vergttere sie den Sohn. Solche mtterliche Affenliebe ist
blo eine etwas verwickeltere Form von Selbstsucht -- das wute der alte
Herr lngst, obschon er keine Neigung zu Betrachtungen gehabt hatte --
frher, denn jetzt kam ihn, gegen seinen Willen, oft genug das
Philosophieren an...

Er dachte an eine Antwort, die sein Sohn ihm gestern bei einer
vorlufigen Aussprache gegeben hatte: Ja, Vater, du bist eben einer von
den Mnnern, die nur denken und arbeiten. Du weit nicht, was das ist:
Lieben und Leiden...

Wie sich ihm da das Gesicht dunkel gefrbt hatte, wie rauh sein Ton, wie
schroff sein Ausdruck gewesen war -- das wute er selbst nicht.

Grollend und in so schwerer Dsterheit, da sein Sohn verstummte, sprach
er: Was weit denn du von mir!

Ja, was hatte sein Weib von ihm gewut! Was wute sein Sohn von ihm!
Einsam! Einsam!

Und die eine Hand, deren sanfter Druck schon ihm Glck und Frieden
bedeutete, die hatte er nicht festhalten drfen...

Lieben und Leiden?

Als ob es das Teil der Migen, Schwachen, Zrtlichen,
Durchschnittlichen sei.

Wehe, wenn es die groen Arbeiter packt und die Ehernen, die sich nicht
zerbrechen lassen drfen, wenn sie vor sich selbst voll Wrde bleiben
wollen...

Helden mssen sie sein -- aber in der Stille -- denn es ziemt ihnen
nicht, ihren Jammer zu zeigen, ihn laut auszurufen.

Ihre Leiden tragen die Maske der Rauheit oder Bitterkeit; der Gram ihrer
Nchte bleibt ihr Geheimnis.

Erinnerungen kamen, und aus dem Groll glitt langsam seine Seele in
weichere Stimmungen hinber. Er sah das Weib, das er geliebt hatte, mit
einer starken Deutlichkeit vor sich, die ihn beglckte und erschtterte.
Fr die, die gro lieben, ganz und mit der heien Kraft der
Hoffnungslosigkeit, gibt es keine Entfernungen und keine Grber. Nie
Besessenes bleibt unverloren und ewig nah ... So war Klara nie fr ihn
gestorben und nie von seinem Gemt entfernt.

Ihre dunkelgrauen Augen, von einer leisen Traurigkeit immer vertieft,
richteten sich mit innigem Blick auf ihn, ihre mdchenhafte Gestalt,
mittelgro und schlank, drckte in der ganzen Haltung so viel
Ergebenheit und Keuschheit aus -- es war, als wehe der Hauch von
Tempelluft aus ihren Kleidern. In der ganzen stillen sanften
Weiblichkeit ihres Wesens war dies unnahbar Feste gewesen, was ihm, dem
strmisch Leidenden half -- und wenn ihr feines, kluges Gesicht einmal
von einem Lcheln erhellt wurde, dann, wenn sie zu ihrem Tchterchen
sprach, dann war es rhrend schn, zum Weinen schn ... Er sah ihr
braunes, fast glanzloses lockeres Haar, er sah ihre edlen Hnde, deren
Ausdruck so merkwrdig wechselnd war -- beredte Hnde.

Solch ein Weib htte seinem Sohn begegnen mssen. Eine, die den Mann zu
Hhen emporfhrt, die er allein niemals erreichen kann.

Aber auf Wynfrieds Wegen waren ihm offenbar nur Weiber begegnet, oder er
hatte das Talent, jedes Weib herabzuziehen -- solche Mnner gibt es. Es
gibt aber auch Frauen, sonst ganz unschdlich, scheinbar fast gut, wenn
sie in Ungestrtheit bleiben; die ziehen den Mann herab, wenn sie nur
mit ihm in Berhrung kommen -- Frauen, die man isolieren sollte; wie
Bakterien unschdlich bleiben, wenn sie nicht in Blutbahnen berfhrt
werden. Wunderlich -- wer knnte je ergrnden, von was fr Bedingungen
die schdlichen oder segensreichen Wirkungen abhngen.

Gott mochte wissen, wie es mit Wynfried bestellt war.

Ich kenn' meinen Sohn nicht, das gestand er sich ein, wei blo seine
undeutlichen, ueren Abgeschliffenheiten -- die ueren Daten seiner
Liebesgeschichten. Was sonst in ihm steckt? Viel? -- Nichts? -- Ich wei
es nicht.

Und nun soll ich davon, und diesem unbekannten jungen Mann, blo weil
er mein Sohn ist, mein Leben vermachen? Er soll sich auf meinen Thron
setzen? Und vielleicht alsbald in Grund und Boden regieren, was ich in
vierzig Jahren zur Blte gebracht? Zum Kuckuck auch, das geht doch nicht
allein um mich und meinen Herrn Filius, es geht ja um das Wohl von
Tausenden. Alles, was von mir und meinen Unternehmungen sein Dasein hat,
will weiter existieren -- volkswirtschaftliche Werte und die Zukunft
Vieler drfen nicht in lssige Hnde gelegt werden werden--

Ein Niedergang von Severin Lohmann wrde einen Niedergang der Gegend
bedeuten. Lebten denn nicht drben in Schlutup die Gewerbetreibenden,
die Handwerker, die Ladeninhaber zum groen Teil von der Beamten- und
Arbeiterschaft seines Werkes? Und dann: Krfte werden mal abgenutzt,
Beamte mssen gehen, um neuen Persnlichkeiten Platz zu machen. Hatte
Wynfried die Gabe, rechte Mnner zu whlen? Eine der grten Begabungen
fr die Beherrscher so groer Unternehmungen, ja einer jeglichen; nicht
der kleinste Krmer kann gedeihen, wenn sein Gehilfe unfhig und treulos
ist. Und was fr Mnner brauchte dieses Werk! Mit Genugtuung dachte der
Geheimrat an seine klgste geschftliche Tat: an den Mut, den er besa,
indem er seinen Generaldirektor Thrauf mit einem Ministergehalt
engagierte, weil diese erlesene Kraft nicht billiger zu haben war ...
Und mit Thrauf kam eine noch grere Blte. -- Ja, solche Mnner mu
man erkennen, erfhlen knnen, das ist die Begabung.

Thrauf wird nicht bleiben, wenn ich sterbe; nur als Direktor einer
Aktiengesellschaft bliebe er, das sagte sich der Geheimrat. Einen
andern Chef als mich ertrge er nicht. Er fhlt, da ich ihn einschtze
bis in seine subtilsten Fhigkeiten hinein...

Severin Lohmann sollte nicht in der dritten Generation Privateigentum
bleiben? Das tat weh nur zu denken----

Immer leidenschaftlicher berdachte er sein Lebenswerk, seinen Besitz,
all die zahlreichen Existenzen, die daran hingen und mit dem Hinwelken
der Geschftsblte auch zum Absterben bestimmt wren...

Und aus diesem Grbeln rang sich ein geradezu dmonischer Wille empor,
noch zu leben! Er konnte, er durfte noch nicht davon, ehe er noch nicht
wute: Wer und was ist mein Sohn? Was wird aus meinem Werk, meinem
Reichtum?

Ein beinahe aberglubischer Gedanke fiel wie ein Blitz in seine
glhende Unruhe.

Durch die Weiber, seine Mutter eingeschlossen, ist er ja zerbrochen
worden. Ein Weib soll aus ihm den rechten Mann machen, denn er mu doch
auch schlielich einen Tropfen von meinem Blut in seinen Adern haben.

Aber wo die Rechte finden?

Hier waren keine. Die frhliche Mimi, seines ersten Chemikers Einzige --
ach, die war ja gnzlich eine angenehmere hhere Tochter und nichts
mehr. Und die drei seines Generaldirektors Thrauf? Trefflich erzogene
nette Mdchen, mal passend fr sparsame, strebsame Beamte. Oder der
rothaarige Backfisch des Groindustriellen Stuhr, der vor drei Jahren
drben in Schlutup eine groe Sensenfabrik gegrndet hatte? Vielleicht
die Witwe des Barons Hegemeister, die auf ihrem Schlo Lammen sa und
von der man sagte, sie seufze von ihrer Kemenate bers Meer hinaus, ob
nicht ein zweiter Gatte dahergefahren kme? Alle nicht fr Wynfried
passend.

Keine -- weit und breit. Und der Vater hatte doch das starke Gefhl, er
msse fr den Sohn whlen. Da Wynfried kein Urteil ber weiblichen Wert
oder Unwert besa, war ja erwiesen.--

Keine? Er fhlte pltzlich, da er sich all diese Figuren vor sein Auge
gerufen hatte, nur um an der einen vorbeizusehen, die seines Sohnes
guter Engel werden konnte -- denn sie war die eine, von der er vorher
wute: ihr entlockte Reichtum und Stellung kein rasches Ja! Sie wrde
nur einwilligen, wenn ihr Herz und Verstand Aufgaben sahen.

Einen ganz roten Kopf hatte er bekommen. Er strich sich mit der Rechten
ber die Stirn, als knne er Hitze und Rte wegwischen. Er sollte sich
doch nicht aufregen ... und ganz pltzlich war er von einer ngstlichen
Folgsamkeit erfllt -- hatte den nicht gerade klar zum Bewutsein
kommenden, aber doch dringlichen Vorsatz, allen rztlichen Anordnungen
fortan mit Lammesgeduld zu folgen. Denn er wollte leben -- leben!

Er sah nach der Uhr. Halb acht! In einer Viertelstunde mute sie
sichtbar werden. Dann tauchte ihre Gestalt auf -- die Sandsteintreppe
zwischen den Anlagen kam sie herauf, denn sie wohnte drben bei der
alten Witwe des frheren Httenarztes. Und die Doktorin Lamprecht liebte
das Mdchen wie ein eigenes Kind. Jeden Morgen und Nachmittag, in Wind
und Wetter, an lachenden Sommertagen und wenn Schnee durch die Luft
trieb, kam sie ber die Fhre her, auf ihrem Berufsweg, der sie ins
Schulhaus fhrte. Das lag weiter hinauf an der Landstrae. Man mute an
der ganzen Front des Werkes vorbei und noch ein paar Minuten weiter,
dann kam man an das frhlich aussehende weie Haus mit grnen Lden und
rotem Dach, das der Geheimrat fr den Schulunterricht all der Kinder von
Severinshof gebaut hatte.

Diese Kolonie zog sich in einem Viertelkreis nrdlich des Werkes hin.
Das Schulhaus an der Landstrae war ihr Abschlu. Auf das Schulhaus
folgte dann mit ihrem groen Garten die stattliche Villa des
Generaldirektors Thrauf und die Doppelhuser fr all die meist
verheirateten Herren Chemiker, Ingenieure und kaufmnnischen
Abteilungsvorstnde des Werkes. In Severinshof hatte der Geheimrat den
Stamm der Arbeiter in freundlichen Huschen mit Grten angesiedelt, die
sich dem Werk auf immer verbunden fhlten und von ihm Pension fr ihre
Feierabendruhe erwarteten.

Sie unterrichtete in der Schule seit zwei Jahren oder dreien -- dem
Geheimrat kam es vor, als msse es schon immer so gewesen sein.

Jeden Morgen, seit er das Bett mit diesem Stuhlungeheuer hatte
vertauschen drfen, war es seine Unterhaltung, aufzupassen, ob sie
pnktlich zwischen den Hainbuchenwnden auftauche, die die
Sandsteintreppe bis zum Flu hinab begleiteten, und ihr Gru war ihm
sein bichen Poesie. -- Und jeden Sonntagmorgen, manchmal auch Sonntags
nachmittags kam sie zu ihm ins Haus zum Tee, eine schne reiche Stunde
lang.

Sie verstanden sich gut, der alte viel-vielfache Millionr, der starke
Herrscher und stolze Arbeiter, und die arme Volksschullehrerin.

Wenn sie meine Tochter werden wollte! Der Gedanke an diese Mglichkeit
erschtterte ihn beseligend.

Er sah der teuren Toten in die Augen, die unsichtbar in den Stunden, wo
er sich mit sich selbst beschftigen konnte, immer bei ihm war. -- Ihr
Segen wre ber den Kindern----

Aber wrden sie wollen? Dieser Sohn, der zu mde und freudlos erschien,
um noch einen Entschlu zu fassen? Dies Mdchen, das mit einer so
entschlossenen Gefatheit, verschlossen ohne Klte, zufrieden, wunschlos
in bescheidenen Verhltnissen dahinlebte, obgleich ihre frhe Kindheit
von Luxus umgeben gewesen war?

Reue erfate ihn. Er htte das Kind, als es verwaist und mittellos
dastand, in sein eigenes Haus aufnehmen sollen, dann htte Wynfried die
Heranwachsende oft gesehen, vielleicht wrdigen und lieben gelernt, und
alles wre von selbst einer glcklichen Wendung entgegengewachsen, was
man nun gewaltsam einzubiegen und einzurenken versuchen mute.

Aber damals lebte ja seine Frau noch ... Da er das auch nur einen
Augenblick vergessen konnte. Seine Frau, die das Mdchen mibildet oder
mihandelt htte, auf diese feine Weise, wie sie zu mihandeln
verstand, durch Hochmut und Klte, die so versteckt waren, da sie sich
immer ableugnen lieen, und doch so sprbar, da man sich darunter bog
wie unter Peitschenhieben.

Nun war es zehn Minuten vor acht, gleich mute sie kommen.

Die Anlegebrcken hben und drben konnte er nicht von seinem Platz aus
sehen; auch jene Stelle des Flusses, ber die der Fhrmann seinen Kahn
ruderte, verbarg ihm ein Baumwipfel.

Jetzt erschien ihr Haupt. -- Der Krper wuchs auf der Treppe, nun stand
sie auf der obersten Stufe und hob das Gesicht zu ihm. Eigentlich konnte
er von seinem hohen Sitz aus nicht jeden Zug deutlich erkennen. Aber mit
den Augen der Seele sah er sie, als stehe sie dicht vor ihm. Ihm schien
ihr einfaches dunkles Kleid wie eine vornehme Tracht; ihre Kleidung war
so sorgsam -- am schlanken Halse glnzte der weie Kragen, auf dem
lockeren Haar sa ein einfacher geflliger Hut. -- Unter dem Arm trug
sie Bcher. Was fr eine stolze und sichere Haltung sie hatte, und wie
schn sie sich bewegte. Diese feinen klugen Zge, den etwas herben Mund,
die tiefen grauen Augen -- er kannte sie seit vielen, vielen Jahren.

Klara! sagte er lautlos zu ihr hinab. Und er meinte eigentlich doch
eine andere Klara. Die, die lngst von den Enttuschungen ihres Lebens
ausruhte, in jener Ruhe, die nichts mehr von sich wei, nicht einmal die
Wohltat fhlt, da alle Not zu Ende ist...

Ihre Tochter! Die Tochter der Frau, die er geliebt und nie besessen
hatte.--

Zuweilen dachte er: Wenn die Welt das wte! Lachen wrde sie, lachen
darber, da Severin Lohmann das Andenken an eine entsagungsvolle Liebe
heilig hielt.

Er aber fhlte tief: auch der Rauheste, auch der Grte, auch der
Arbeitsriese -- er verliert alle Fden zum Verstndnis der Menschen,
verliert sich selber in Unbarmherzigkeit und Klte, wird zur Maschine,
wenn er nicht tief in sich ein leises kleines Feuer lebendig hlt; und
das Verlangen zur Liebe und zum Gedankenspiel mit einer Liebe, das ihm
wie allen Sterblichen eingeboren war, hatte ihm sein Weib nicht sttigen
knnen. -- Als er acht Tage mit ihr verheiratet gewesen war, wute er
schon, da eine schne Larve ihn getuscht hatte.

In den schweren und bitteren Erwgungen der heutigen Morgenstunde war
das alles wieder zu starkem Leben erwacht, das Leiden und die Entsagung
von einst...

Klara grte herauf -- und seltsam: anstatt wieder zu gren, streckte
er nur die Rechte gegen das Fenster. Wie eine verlangende Geste war das:
komm!

Und sie lchelte, er sah es genau. Sie nickte, wie ein unbefangenes
frhliches Mdchen tut, das in gesunder Freudigkeit an seine Pflicht
geht.

Ja sie -- sie! Sie war die Gesundheit, sie war die Kraft. Sie war die
Jugend, sie war die Schnheit. Die Liebe, das Glck.

In der Strke seines Wunsches, in der Herrengewohnheit, Wunsch und Wille
sich untrennbar rasch vermhlen zu lassen, in der grandiosen Selbstsucht
des Verantwortlichen, der nur seine heiligen Zwecke bedenkt, in all
diesen grozgigen Gewohnheiten seines geistigen Lebens kam ihm gar
nicht die Erwgung, ob er auch Schicksal spielen wollte, vielleicht zum
Unheil anderer Menschen.

Er war wie benommen von dieser Autosuggestion: sie ist zur Retterin
meines Sohnes vorbestimmt, zur Erhalterin meines Lebenswerkes. -- In ihr
kommt ihre Mutter zurck und will durch sie erfllen, was uns versagt
bleiben mute.

Als die rasch Dahinschreitende seinen Blicken entschwunden war, setzte
er die Klingel in Bewegung, mit einem so heftigen Druck, da das
schrille Gelute drben im Dienerzimmer gar kein Ende nahm, und dem
atemlos herbeilaufenden Georg ward der Befehl: Ich lasse den jungen
Herrn bitten, sich zu mir zu bemhen. Um neun Uhr kommt aber Sylvester
und maltrtiert mich -- also bitte noch vorher.

Sofort! sagte Georg verngstigt. Denn er sollte eine Bitte berbringen
und hatte doch einen Befehl gehrt, hinter dem sich das Donnergrollen
frchterlichen Unwetters barg, falls der Befehl nicht augenblicklich
befolgt werde ... Und wie sollte er das dem jungen Herrn beibringen? Der
auf jede Bestellung nur ein lssiges, zweifelhaftes So--o? als Antwort
hatte.

Aber es mute ihm doch gelungen sein, das Dringliche und Bedrohliche des
Auftrages fhlbar zu machen. Denn einige Minuten spter trat Wynfried
Severin Lohmann bei seinem Vater ein.

Der Sohn war von stattlicher Hhe, wenn er auch den Riesenwuchs des
Vaters nicht erreichte, den wohlgeformten Schdel bedeckte hsches
welliges Blondhaar. Vielleicht hatten es zarte Frauenfinger so oft
gestreichelt, da davon eine Lichtung auf der Scheitelhhe entstanden
war. Das Gesicht erschien bei aller Regelmigkeit der Zge unauffllig
-- sagte wenig. Die blauen Augen, die unter schn geschwungenen Brauen
standen, blickten leer in die Welt -- ob aus Mdigkeit oder
Gleichgltigkeit, wer konnte das sagen.

Und dennoch, so verschieden Vater und Sohn waren, -- eine
Familienhnlichkeit konnte dem schrfer Zuschauenden doch nicht
entgehen. Das war dieselbe Kopfform, dieselbe etwas abgestumpfte Nase,
das gleiche Wangenprofil, und wer aufmerksam in Wynfrieds Gesicht
hineinsah, konnte darin auch eine Linie bitterer Verachtung entdecken,
leidvoller Verachtung vielleicht, die zuweilen den rechten Mundwinkel
ein wenig verzerrte.--

Er war im Morgenanzug -- das gesteppte lila Seidenjackett, das wei und
lila gestreifte Seidenhemd kleideten ihn sehr gut, gaben seiner
Erscheinung aber doch einen verzrtelten Charakter.

Guten Morgen, Vater -- verzeih, da ich so komme -- aber es schien
eilig. Darf ich fragen: hast du gut geschlafen?

Mag nicht gefragt sein, hab' mich auch alle die Monate, seit dem
Zufall, ohne deine Nachfrage beholfen, sprach er mrrisch.

Ja, das wurmte immer wieder, da der Sohn nicht kam -- mit Extrazgen
htte er hereilen mssen. Aber da gerade fing er ja an zu zittern, da
seine Geliebte ihn verlassen knne, und das war wichtiger gewesen, das
hatte ihn in Paris, oder wo er grad' gewesen war, mit eisernen Zangen
festgehalten.

Aber Ruhe! Fassung! Alles vergessen! Zudecken -- neu anfangen.

Der alte Herr sah ihn an. Wie hflich die Frage gewesen war: hast du
gut geschlafen? Als werde sie an einen Fremden gerichtet, ohne da
einen die Antwort im mindesten interessiere ... Jetzt bemerkte er auch
den kostbaren Morgenanzug des Sohnes.

Hre, sagte er offen, ich bin kein kleinlicher Mensch. Wenn du
Schulden gemacht hast, und ich in meiner Jugend keine, denk' ich: na ja,
du bist der Sohn eines Millionrs, und ich war der eines hart kmpfenden
Anfngers. Und wenn du dich morgens fast wie'n Frauenzimmer in seidene
Frhstcksroben hllst, wozu ich nie Zeit und Geschmack gehabt habe,
denk' ich: andere Generationen, andere Gewohnheiten. Aber so mal ganz
unbefangen: die Schulden stoen mir weniger vor'n Kopf als dieses lila
seidene Morgenraffinement. Da es ohne Schulden und Lehrgeld nicht
abgehe, darauf war ich nach der Erziehung gefat. Aber da mein Sohn
sich mal so von mir weg entwickeln wrde, da er weibisch tut, das ist
mir was Fremdartiges. Nun -- Randglosse. berhr sie, wenn du willst.
Und nu setz dich mal da...

Wynfried nahm in dem kleinen Klubsessel Platz, der auf der Grenze
zwischen Erker und Zimmer, gegen die Mauerecke geschoben, fr die
Besucher des Geheimrats dastand.

Ich will gewi niemals etwas berhren von dem, was du mir zu sagen
wnschest, sprach der Sohn hflich.

Er sa da, etwa als habe er bei einem Minister Audienz. Aber seine
Haltung war doch nicht mehr ganz so gleichgltig, wie sie noch gestern
gewesen war. Dieses furchtbar grollende, schwere: Was weit _du_ von
_mir_?, das ihm sein Vater gestern entgegengeschleudert, hatte ihn die
ganze Nacht beschftigt.

Unsere Aussprache gestern ist resultatlos verlaufen, weil wir planlos,
ziellos drauflos redeten -- wie man so bei der ersten Gelegenheit zur
Entladung tut -- aber nie tun sollte. Wir wollen heute krzer, aber
praktischer sein, begann der Vater.

Wynfried, die Ellbogenspitzen auf den Lehnen des weiten Stuhls, hatte
die Finger wagrecht ineinandergeschoben. Dabei kam ein goldenes
Kettenarmband zu Gesicht, das sich um das linke Handgelenk schlang.

hnliches habe ich auch gedacht, antwortete der Sohn. Und meine
Schulden betreffend, so wollte ich dir erklren, da ich bereit bin,
sie mit meinem mtterlichen Erbteil zu bezahlen.

Eine energisch abwehrende Kopfbewegung schnitt diesem Vorschlag den
Faden der Weiterentwicklung ab.

Du hast noch kein Geld verdient und auch noch keins verdienen knnen.
Die Zinsen deines Muttererbes reichen zwar nicht halb fr deine
Bedrfnisse -- falls du diese nicht sehr einschrnken willst. -- Aber es
ist ja nun mal dein einziges Einkommen, das dich von mir unabhngig
machen knnte, schlo er langsam mit Bedeutung.

War das eine Drohung? Oder war vielmehr der verborgene Sinn so: mein
Sohn soll sich nicht als mein Sklave fhlen? Kaum erhoben sich diese
Fragen in Wynfried, als er auch schon den Vater weitersprechen hrte.

Dieser bescheidenen Unabhngigkeit will ich dich nicht berauben. Ich
werde unserm Anwalt in Hamburg schreiben -- Koppen ist diskret und ein
zuverlssiger Mann. Er soll alles in die Hand nehmen. Schicke ihm eine
Liste deiner Schulden, oder fahr hin und sprich alles mndlich mit ihm
durch. Es wird bis auf den letzten Heller bezahlt werden. Und Koppen
soll mir Details ersparen ... du verstehst...

Wynfried errtete. Er fhlte es. Und es war ihm demtigend. Die Gromut
des Vaters rhrte ihn weniger, als da sie ihn beschmte. Zugleich
erleichterte es ihn, da sein Vater sich das genaue Studium der Schulden
und ihrer Art ersparen wollte -- nicht die Rechnungen von Juwelieren,
Pariser Damenschneidern, Automobilfabrikanten einsehen, nicht die
Forderungen dunkler Geldmnner selbst prfen mochte.

Und wie sanft sein Vater dies alles aussprach! Als sei gtige Geduld
sein eigentlichster Wesenszug...

Wynfried hatte ein unklares Gefhl, als sei diese vornehme Milde ein
Vorspiel, das ihn gefgig machen solle...

Ach, gefgig ... dazu bedurfte es keiner klugen Vorbereitungen.

Er war so angeekelt vom Leben, von den Frauen, von Freundschaft, von
allem -- allem. Ihm war es ganz gleichgltig, was man von ihm fordern
wrde -- er war bereit zu allem, weil er zu nichts mehr bereit war. Er
lie sich schieben. Die einzige lebhaftere Regung in ihm war vielleicht
noch eine ferne leise Dankbarkeit, da jemand ihn schieben wolle. Aber
Neugier, wohin er geschoben werden solle, empfand er kaum.

Seine Mutter fiel ihm ein. Die sagte manchmal scherzend -- er wute
jetzt, zurckhorchend in seine Jugend, da in ihrem Ton Ha
mitgeschwungen -- sie sagte scherzend: Er fabriziert phosphorfreies
Roheisen -- davon ist seinem Wesen was angeflogen. Und seltsam hrte er
zugleich wieder dies dstere: Was weit _du_ von _mir_? Es schien, als
wolle ihn dies Wort verfolgen.

Er sah seinen Vater an und begegnete einem groen, durchdringenden
Blick, der unter den buschigen Brauen her aus diesen gewaltigen Augen
kam -- als Kind hatte er sich vor den Augen gefrchtet...

Ihm war, als se er armselig, nackend da. Ein Nichts vor diesem
berragenden.

Ein nervses Frsteln lief ihm ber die Haut. War das wieder die Furcht
wie in Kindertagen? Nein, ein neues, unerklrliches Gefhl -- wie ein
leise aufzuckendes Elend -- darber, da er ein Nichts sei -- sich jh
als solches fhlte -- zum erstenmal.

Er bi sich auf die Lippen ... Ein langes Schweigen stand zwischen Vater
und Sohn.

Endlich besann sich Wynfried, da er etwas sagen msse.

Ich danke dir fr deine Gromut.

Hast du dir Plne fr dein nchstes Leben gemacht? fragte der
Geheimrat.

Wynfried hatte eigentlich nichts Deutliches gedacht. Vielleicht eine
Reise um die Welt. Oder einen greren Jagdausflug nach Sdamerika. Oder
ein stumpfes Vegetieren in einer Einsiedelei, irgendwo an der englischen
Kste ... Aber er mochte nichts davon aussprechen.

Nein!

Du bist nun achtundzwanzig Jahre alt. Du solltest an das einzige
denken, was einem Mannesleben rechten Inhalt gibt: an Arbeit.

Aber ich habe doch...

Deine sogenannten Studienjahre sind von anderen Dingen mehr ausgefllt
gewesen als von grndlicher Arbeit, und da nie und nirgend Examen oder
bezahlte Leistungen von dir gefordert wurden, drfte dir selbst das
Urteil fehlen, wie viel oder wie wenig du weit und kannst. Eine groe
Stellung und ungemeine Aufgaben und Verantwortungen warten auf dich.
Noch bin ich da, und mein Wille ist, mich noch viele Jahre zu
behaupten...

Er atmete tief auf. Der Sohn sah mit Staunen, welch ein wunderbarer
Ausdruck ber dieses Antlitz flog -- es schien nicht mehr das eines
gewhnlichen Sterblichen -- monumentale Gre war darin -- Kraft von
bermenschlicher Art. Und ihm war, als knne sein Vater selbst dem Tode
trotzen, wenn er wolle...

Nach dieser inhaltsschweren Pause fuhr der Vater fort: Aber du bist
doch einmal mein Nachfolger -- du mut dich darauf vorbereiten -- dich
einarbeiten. Ich werde es schon verstehen, dir, trotz deiner
vorausgesetzten Unzulnglichkeit, bei den Abteilungsvorstnden die
rechte Stellung zu machen, da du in keine schiefe Lage kommst.
Freilich, wie du dich zu Thrauf stellst, das wird deine Sache sein,
und ist die allerwichtigste fr dich. Dieser Mann ist mein bedeutendster
Mitarbeiter -- geschftlich mein anderes Ich -- trotz der vllig
verschiedenen Individualitt. Ich verdanke ihm viel -- er mir auch --
Geben und Nehmen ist unter gemeinsam Schaffenden das nicht mehr
auseinander zu sondernde Bindemittel. Du wirst noch viele Jahre nichts
sein ohne ihn -- du hast schon aus allem herausgehrt: es ist mein
Wunsch, da du jetzt hier bleibst und dich in den Betrieb einlebst. Bist
du einverstanden?

Ich will es versuchen, sprach Wynfried tonlos.

Diese mutlose Ergebenheit, die aus den Worten sprach, diese
erschreckende Blsse, die sein Gesicht entfrbte, lie in dem Vater eine
Furcht aufblitzen...

Wie, wenn Wynfried trotz allem noch nicht mit jener Frau fertig war?
Wenn ihm sein Bleiben hier so etwas wie Gefangenschaft bedeutete, die
ihn von ihr absperrte?

Ein Vater darf fragen, wenn er den Sohn so wiederbekommt, wie ich dich
-- gestehst du mir das zu?

Ja.

Drei Jahre hat dich die Frau festgehalten. Frher dacht' ich, wenn ich
so von ewig wechselnden Liebschaften hrte: wenn er doch mal _eine_
fnde, die ihm das Sichverzetteln abgewhnt. Na -- der Wunsch wurde mir
erfllt. Wie das so manchmal mit Wnschen geht -- man bekreuzigt sich,
da man sie gehabt hat ... Donnerwetter! Die eine hat dich ein Vermgen,
Nerven, ein paar schne Jugendjahre gekostet -- und mich -- mich hat sie
auch was gekostet. Glaub nur -- es war ein harter Augenblick, als man
mir dein Telegramm gab -- 'Unabkmmlich -- hoffe auf deine rasche
Genesung'-- Unabkmmlich! -- Wenn der Tod an des Vaters Lager steht!
Und warum unabkmmlich? Weil du rasend warst aus Eifersucht und Angst,
eine -- _Dirne_ zu verlieren...

Die Faust ballte sich -- die Worte waren schwer von Schmerz.

Verzeih -- ich war von Sinnen, sagte der Sohn mit schwacher Stimme.

Und endlich mutest du _doch_ begreifen! Grad saest du auch so fest in
Schulden, da nichts mehr blieb als die Flucht zu mir. Da verlie dich
die edle Dame -- weil sich ein dummer Kerl von exotischem Adel fand, der
ihr standesamtlich 'ne Neunzackige aufsetzen wollte. Aber nu sage mal,
Wynfried -- so Mann den Mann gefragt: bist du kuriert von der
Leidenschaft? Liebst du das Weib noch? Hat du sie? Was dasselbe wre.
Wie ist es mit deinem Herzen bestellt?

Herz? sagte Wynfried, und der verchtliche Zug erschien in seinem
Mundwinkel. Das wird einem totgeschlagen durch solche Erfahrungen. Ich
verachte diese Frau und alle Frauen.

Nun, nun, meinte der Geheimrat, und ein Lcheln, tiefsinnig und fast
zrtlich, spielte ber sein Gesicht, es gibt noch edle Frauen. Und ein
Herz ist gottlob wie die Natur: es blht wieder auf--

Wieder war der Sohn von Staunen wie benommen.

Er versprte Weichheiten. Sie waren ihm etwas nie Geahntes bei seinem
Vater. Woher kamen sie? Waren sie frher nur tiefer verborgen gewesen?
Oder hatte die Brchigkeit und der Gedanke an den doch vielleicht nahen
Tod ihn verndert?

Und kurz und gut, sprach der Alte aus seinem mchtigen Sessel heraus,
wo er sich so oft als Prometheus fhlte, kurz und gut: ich denke, du
heiratest. Ein liebes edles Weib wird deinem Dasein hheren Inhalt
geben. Ohne Familie hlt es sich hier auch wohl schwer aus. -- Die
scharfe Arbeit braucht ein mildes Gegengewicht. -- Nur durch eine Frau
kann dein Gemt wieder ins Gleichgewicht kommen. Du bist nun mal aufs
Weib gestellt. -- Jetzt aber soll es eine sein, vor der du den Hut
abnimmst.

Kurz und gut hatte der Vater gesagt. Als schliee sein Vorschlag lange
Verhandlungen ber die Werte des Familienlebens ab. Und doch fiel das
seinem Sohn sozusagen auf den Kopf.--

Er lchelte. So berrascht war er. Aber das Lcheln losch gleich hin. Er
begriff auf der Stelle, da es seines Vaters fester Wille war.

Das elende Gefhl, vor ihm ein Nichts zu sein, kam ihm wieder. Zugleich
das dunkle noch andrngende, rasch aber klarer werdende Erkennen, da
vielleicht in diesem entscheidenden Augenblick seines Sohneslebens
Gehorsam das einzige Mittel sei, das Wohlwollen und Vertrauen des Vaters
zu erringen -- das Verlangen danach wallte in ihm auf -- zum erstenmal,
seit er denken konnte.

Aber deshalb heiratet man doch nicht! dachte er. Er dachte es ohne
heftige Abwehr. Nur in einer matten Regung des Eigenwillens. Er fhlte
sich zu zerbrochen zum Kampf.

Jahrelang war er in wahnsinniger Leidenschaft der Sklave eines Weibes
gewesen. Sie hatte ihn verraten und verlassen. Der Rest war Widerwillen
gegen Welt und Weib.

Nun! mahnte der Vater in aufkochender Ungeduld. Irgend etwas wollte er
doch auf seinen Vorschlag hren.

Und du hast dir gewi auch schon ausgedacht: welche, sagte Wynfried
ausweichend.

Ah -- ob! Du wirst dir Mhe geben mssen, angenommen zu werden.

Wie das Wynfried peinigte. Seine ganze Seele war wund. Sein Vater, in
der Naivitt, die geniale Menschen haben knnen, wenn es sich um ihre
heimlichen Poesien und Herzenswnsche handelt, schien nicht zu ahnen,
da er vielleicht unzart vorgehe...

Wer ist es denn? fragte er gleichgltig, hflich -- nur um den Vater
nicht zu reizen.

Klara Hildebrandt.

Die Tochter von deinem frheren Generaldirektor -- der sich erscho --
wegen verfehlter und verbotener Spekulationen -- du hast dich des Kindes
angenommen -- die--?

Ja -- die.

Ich wei noch, wie Hildebrandt mit seiner Frau und seiner ganz kleinen
Tochter ankam. -- Es gibt so Dinge -- man behlt sie, obschon sie
eigentlich nebenschlich sind und nichts mit einem selbst zu tun haben
-- aber zeitlich mit irgendwas verknpft sind, was damals einem wichtig
war. -- Ja, ich wei noch -- Mama bestimmte die Bepflanzung der Anlage,
deren Erdarbeiten gerade fertig geworden waren -- ich hatte so viel
Kummer davon gehabt, weil ich gern mitgegraben und gekarrt htte und
nicht durfte. -- Da kamen Hildebrandts und muten aussteigen, weil der
Weg versperrt war -- und Mama sagte gleich, da sie sie nicht leiden
mge. -- Die Frau war sehr schn -- ich begriff damals nicht und auch in
den folgenden Jahren nicht, weshalb sie mir immer so schn und so ganz
anders vorkam. -- Jetzt wei ich: sie hatte wohl einen seltenen Zauber
reiner Weiblichkeit -- wenn ich mich recht erinnere...

Ja, du erinnerst dich recht, sprach der alte Mann langsam, in ihr
waren Schnheiten ... ein Wunder war sie...

Und sein Gesicht bekam einen Schein, als lge Andacht darauf.

Sein Sohn sah ihn an -- ihre Blicke begegneten sich, ruhten lange
ineinander. Und wieder war dem Sohn, als hre er den Vater sagen: Was
weit _du_ von _mir_!

Ihm fiel ein, wie der Vater damals voll Gromut alles vertuschte, was
dem ungetreuen Beamten noch im Grabe den Schein der Ehre htte nehmen
knnen ... Wie er der Frau beigestanden, die nicht lange danach hinstarb
-- wie er fr das Kind gesorgt.--

Und unverwandt sahen sie sich an, Vater und Sohn--

Bis der Vater, wie in einem stolzen Bekennen der Reinheit fr sich und
eine Tote, hoch und frei sein Haupt erhob...

Da war es Wynfried, als habe er an Pforten gestanden, hinter denen
unantastbare Heiligtmer verschlossen gehalten wrden...

Ich habe Klara Hildebrandt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen,
sprach er langsam.

Sein Vater reichte ihm die Rechte hin. -- Obgleich Wynfried wute, der
junge Doktor Sylvester werde jeden Augenblick erwartet, um die
Behandlung mit Massage und Elektrizitt zu beginnen, die tglich zweimal
vorgenommen wurde, fhlte er doch, da diese Verabschiedung aus einer
seelischen Aufwallung heraus erfolgte. Aber er sprte auch einen festen
Druck der Hand -- war das Vershnung? eine stumme berredung? ein neues
Bndnis zwischen zweien, die von der Natur aufs engste verbunden waren,
sich aber nicht gekannt hatten bis zu dieser Stunde?

Kannten sie sich denn jetzt?

Und es war dem Sohne, als drfe er das Wort des Vaters auch fr sich in
Anspruch nehmen und gegen ihn kehren und auch fragen: Was weit _du_
von _mir_?

Da durchschauerte es ihn: was wei ich denn selbst von mir? Und das
elende Gefhl der Lebensleere, der Nichtigkeit kam abermals ber ihn.

Er ging in sein Zimmer und warf sich wieder auf sein Bett.

Er starrte ins Unbestimmte.

Eine Kugel durch den Kopf -- das wre das richtigste...

Aber vor diesem Gedanken erschrak er. Denn ihm war, als she er seines
Vaters Angesicht. -- Er hatte eine Vision. -- Sein Vater stand an seiner
Leiche, aber der alte Mann weinte nicht -- Verachtung war in seinen
Zgen, die furchtbar schienen.

Und die Angst vor dieser Verachtung zwang ihn zum Leben zurck -- das
fhlte er.

Aber wie leben? Unter welchen Mglichkeiten?

Ah -- gleichviel unter welchen -- wenn sie ihm nur Inhalt fr sein
Dasein vortuschten.

Diese Leere trieb ihn sonst doch noch zu dem, was sein Vater verachten
wrde.




2


Nun war es Sonntag. Aber Leupold fhlte, da sein Herr sich nicht in der
beruhigten Stimmung befand, wie sonst, wenn Frulein Hildebrandt
erwartet wurde.

Vor dem Klubsessel, dem Audienzstuhl, deckte er den Teetisch. Sonst
pate der Geheimrat sogar auf, ob auch schne Blumen aus den
Treibhusern heraufgeholt worden waren, denn die Blumen durfte Frulein
Hildebrandt nachher mitnehmen. Ja, er hatte sich wohl schon den Teller
mit Kuchen zeigen lassen, um nachzusehen, ob die Cremetrtchen vorhanden
seien, die Frulein Hildebrandt gern zu essen scheine. Leupold machte
sich manchmal Gedanken ber das starke Interesse seines Herrn an Klara
Hildebrandt. Er wute: die Hildebrandts hatten damals schon ihre
zweijhrige Tochter mitgebracht -- wenn also bswillige Menschen davon
munkelten, Klara solle die natrliche Tochter des Geheimrats sein, so
war das nur bswilliger Klatsch. Anderseits, wenn er so vllig von ihr
umsponnen war, weshalb hatte er sie denn nicht schlankweg zu seiner Frau
gemacht? Vor einem Jahr noch war der Geheimrat eine wunderbare,
stattliche, frstliche Erscheinung, und es wre doch nicht das erste Mal
gewesen, da ein fnfundsechzigjhriger Millionr sich das Vergngen
machte, eine zweiundzwanzigjhrige junge Dame zu heiraten.

Leupold beschlo aber solche Betrachtungen immer mit dem bestimmten
Wort: Dazu ist er zu klug! Und er war natrlich mit solcher Klugheit
sehr zufrieden, denn er sah, ohne sich dessen bewut zu sein, seinen
Herrn einfach als sein Eigentum an. Durch eine Wiederheirat wre er in
den Hintergrund gedrngt worden. Er war seinem Herrn unentbehrlich, und
das wollte er bleiben. Diese Empfindung war sein eigentlicher
Lebensinhalt.

Heute nun kmmerte der Geheimrat sich um nichts, sah kaum die Rosen an,
die Leupold vorwies, und wehrte unwillig ab, als der Kuchenteller zur
Begutachtung gezeigt wurde.

Was er wohl hat, dachte der Diener. Das Leben seines Herrn lag so
durchsichtig vor ihm hingebreitet, da er sich trotz aller ihm wirklich
eigenen Diskretion nicht enthalten konnte, sogleich zu begrbeln, was er
gelegentlich an einer Stimmung nicht verstehen konnte.

Die heutige Undurchdringlichkeit der Herrenlaune schien besonders
rtselhaft.

Der Geheimrat hatte freilich so viele schwere Gedanken, da sie ihm wie
zyklopische Blcke im Gemt lagen. Seine Intelligenz, seine
Lebenserfahrung, sein starkes Gefhl versuchten sich an diesen schweren
Dingen. Aber ihnen war nicht beizukommen.

Zum erstenmal geschah es ihm, da er einfach keine Antwort wute auf die
Frage: Wie fang' ich das an?

Wynfried war noch am Tage jener Unterredung nach Hamburg gereist und
hatte mit dem Rechtsanwalt Koppen alle diese trben Finanzangelegenheiten
durchgesprochen. Damit war das erledigt. Es galt nur noch, sobald Koppen
alle Forderungen auf Recht und Reinlichkeit geprft haben wrde, einen
Scheck mit einer wahrscheinlich sehr groen Zahl auszuschreiben. Heute
mittag war er schon wieder zurckgekommen. Der Vater mochte keinen
Zeugen beim Essen haben, denn es war ihm peinvoll, wenn er mit einer
Hand Vorgeschnittenes aufgabeln mute. So a jeder fr sich. Wynfried
unten im Speisesaal voll schn stilisiertem Prunk. Der Geheimrat in
seinem Sessel, der seine Gruft und sein Thron zugleich war. Bei der
Begrung erschien es aber dem Vater, als sei der Ausdruck seines Sohnes
noch nicht ein bichen heller und freundlicher. Die gleiche vornehme
Apathie, die so emprend auf den kraftvollen Riesen wirkte, der sich
noch wie ein Kolo an Willen vorkam, trotz der halbseitigen Lhmung,
gegen diesen gleichgltigen jungen Mann...

Er hatte gebeten, was nach des Geheimrats Einbildung bitten hie, in
der Tat aber einfach immer wie ein Kommando klang, da Wynfried doch um
fnf Uhr zum Tee heraufkommen mge.

Dann kann ich dich ihr vorstellen.

Wynfried wute von selbst, da damit Klara Hildebrandt gemeint sei. Er
verbeugte sich nur gehorsam zustimmend. Seine Gedanken verschwieg er.
Sie lauteten ungefhr: Sie werden sagen, der Vater hat ihn mit dem
ersten besten Mdchen verheiratet, blo damit er in Ordnung kommt. Sie
-- seine Genossen der letzten tollen Lebemannsjahre, all diese jungen
Mnner, die in ihren Vtern vor allem nur die Geldquellen sahen -- und
andere Freunde, die auf seiner Freigebigkeit und Sorglosigkeit
schmarotzten. Und all die Freundinnen, die ihn zu trsten und
anzupumpen suchten und ihn betuben halfen -- -- Ja, all diese wrden
sich totlachen und es sich zuschreien: Wit ihr, Winni hat man zum
Standesamt geschleppt ... Aber es war egal, was diese spotteten -- alles
war egal--

Nun sa der Geheimrat da, wuchtig und gro, in der Umrahmung der
gelbgrauen Lederlehne, und versuchte vergebens die Frage vom Fleck zu
wlzen: Wie fang' ich das an?

Er fhlte, da er des Gehorsams Wynfrieds sicher sein konnte und da
dieser pnktlich gegen fnf Uhr eintreten wrde.

Sollte er die Zeit vorher benutzen, um Klara vorzubereiten auf seinen
Plan und Wunsch? Sollte er hoffen, da Wynfried, von ihr bezaubert, mit
neu erwachendem mnnlichen Mut darauf ausgehen wrde, sich das Mdchen
zu erobern? Lag nicht die Gefahr nahe, da er mit zu offenem Wort das
feine herbe Kind kopfscheu machen wrde, wie ein scheues Wild von einem
ungewohnten Laut vergrmt wird? -- War es klger, zu schweigen oder zu
reden? den Dingen ihren Lauf lassen?

Aber wer verbrgte ihm denn, da ihm Zeit blieb, den Lauf der Dinge
abzuwarten? Wute er so gewi, da sein Wille zum Leben siegreicher war
als der Dunkle, der neben ihm lauerte?

Und war Wynfried in seiner Schlappheit und blassen Unlust wohl der Mann,
dem ein Mdchenherz schnell zufliegen konnte?

Ganz tief in seinem Unterbewutsein war ja das Gefhl: Sie wird es
meinetwegen tun...

Aber dem Gefhl verbot er die Deutlichkeit. -- Es sollte doch fr sie
kein Opfer werden! Sie sollte Aufgaben, Reichtum, Achtung, Zuneigung
finden, und damit das Glck...

Wie fang' ich es an?

Er fand keine Antwort.

Und so beschlo er, der sonst die Dinge mit klaren Vorstzen und starken
Hnden lenkte, sich zunchst von ihnen lenken zu lassen. Er wollte
abwarten, wie weit Gesprch und Stimmung und jenes unwgbare Gefhl fr
die Gunst oder Ungunst des Augenblicks ihm erlauben wrden zu gehen.

Er kam durch diesen Entschlu ein wenig innerlich zur Ruhe. Wunderbar
wohl und frisch war ihm zumut, so da es ihm selbst erstaunlich schien
-- bei seinem Zustand!

Der Sonntagsfrieden drauen und drinnen hatte fr ihn etwas Pastorales.
Frher war er nie dazu gekommen, ihn berhaupt zu bemerken.

Sonntglich war ihm zumut, obschon drauen von pastoralem Frieden keine
Rede sein konnte. Dsteres Gewlk flockte sich wie jeden Tag durch den
blulichen Dunst, der die Schornsteine und die dsteren Burgen der
Hochfen und ihrer Genossen, der starren schwarzen Winderhitzer,
umspann. Emsig krochen die Erzwagen zwischen dem Gerippe der
Schrgaufzge zur Hhe der fen hinan, und die dumpfe Musik von tausend
fallenden, zischenden und stoenden Geruschen summte durch die Luft.

Aber die Belegschaft, die in Verfolg des automatischen Wechsels der
Arbeit jetzt vierundzwanzig Stunden frei hatte, gab sich der
Sonntagsfreude oder Ruhe hin. Auf der Landstrae gingen saubere und
geputzte Menschen vorbei. Manche blieben stehen, um mit der Fhre nach
Schlutup hinberzufahren, wo es bescheidene Unterhaltungen gab.

Die Sonne schien. ber dem weiten Land lag Helle, und der Flu
glitzerte. Er war belebt von Booten, und weie Segel wurden vom Winde
trge geblht. Am Himmel zogen Wolken. Ihre Schatten flogen mit und
schoben sich ber die Felder, goldgrne Wiesen fr eine Weile dunkel
fleckend.

Ins Zimmer kamen sie nicht. Das war der Mittelraum des ersten
Stockwerkes. Das breite Fenster und der groe Erker sahen gegen Osten,
auf die Anlagen, das Stdtchen und den Flu und die Landschaft, die
drben hinter dem Stdtchen sich weit und breit dehnte. Vom Erker hatte
man auch den Blick auf das Werk.

Es hatte den Geheimrat viel gekostet, sich an den Raum zu gewhnen.
Qulende Erinnerungen hingen daran. Es war einst das Zimmer seiner Frau
gewesen. Aber es lag so bequem neben seiner Schlafstube, da man es wohl
oder bel hatte als Tagesaufenthalt einrichten mssen, seit seine
Lhmung ihn hinderte, die Treppen hinabzukommen. Aber er freute sich
doch auf die nchste Woche, dann sollte der Lift fertig sein, der fr
seinen Gebrauch eingebaut worden war und der ihn und seinen Stuhl hinab
in das Erdgescho und zugleich in den Park befrdern sollte. Diese
Aussicht erschien ihm wie das Ende einer Gefangenschaft, und bald
vielleicht, bald konnte er sich hinberfahren lassen aufs Werk -- und
bald vielleicht auch kam in sein Haus das Glck, und es begann zu blhen
-- wirklich zu blhen...

O nein, er wollte noch nicht sterben! Und er empfand wieder jenen
wunderbar trotzigen Willen zum Leben.

Frher hatte er nie an den Tod gedacht und das Leben als etwas
Selbstverstndliches hingenommen. Nun war in ihm ein frmlich
knstlerisches Verstndnis erwacht fr das Wunder, das man Leben nennt.
Und er wute, wie klug, dankbar und vorsichtig man damit umgehen mu.

Sein Sohn, der spielte noch frevelhaft damit. So war es seine
Vaterpflicht, ber diesen Sohn zu verfgen, wie man eben Spieler
entmndigen mu. Denn sie sind die Schdlinge, in deren Hnden alles
zerrinnt. Wohlstand, Ehre, Frieden, Glck. Ganz einerlei, womit sie
spielen -- welchen Namen ihr Spiel hat: Karten, Brse, Weiber, Pferde --
im letzten Grunde ist es immer Spiel mit dem Hchsten, was man hat: dem
Leben selbst.

So grbelte dieser Starke, der stark war, weil er sein ganzes Dasein
hindurch ein Arbeitender gewesen.

Und da unterbrach ihn die eine, an die er mit vterlicher Zrtlichkeit
sein Herz gehngt hatte.

Leupold meldete Frulein Hildebrandt an, und schon erschien sie in der
Tr und eilte mit raschen Schritten auf den Stuhl zu, aus dem sich ihr
weit eine Rechte entgegenstreckte.

Wie sie ihrer Mutter gleicht, dachte er, jedesmal neu von der
hnlichkeit ergriffen.

Vielleicht war die in der Tat gar nicht so ungewhnlich, jede
Mglichkeit zu vergleichen fehlte ihm. -- Er besa kein Bild von der
lngst Dahingeschiedenen. Seine Erinnerung, seine Phantasie waren
vielleicht die unzuverlssigsten Maler. Wer wollte entscheiden.

Klara selbst war stolz und glcklich, wenn man ihr sagte, sie gleiche
der Mutter. Denn verwaiste Tchter kennen kein schneres Ideal als die
Gestalt einer ihnen frh geraubten Mutter.

Jedenfalls hatte sie die gleiche mittelgroe Gestalt, das braune,
reiche, lockere Haar, die tiefen dunkelgrauen Augen und in den feinen
Zgen den etwas herben Mund. Ihre dunklen Brauen zeigten eine auffallend
gerade Linie; dies vor allem gab dem Gesicht einen Ausdruck der
klassischen Strenge und zuweilen des Leides, dem aber ihr unbefangenes
Wesen voll gelassener Freundlichkeit zu widersprechen schien. Weil es
Sonntag war, hatte sie das schulmeisterliche dunkle Kleid abgelegt, und
sie trug zu einer weien Bluse einen hellgrauen Rock. Hut und Jacke
waren unten in der Garderobe geblieben, denn der alte Herr mochte nicht
haben, da sie wie ein Besuch dasa, der gleich wieder fort mu.

Also, liebe Klara, ich mu Ihnen ganz etwas Neues erzhlen: mein Sohn
ist wieder da!

Das hat mir Frau Doktor schon erzhlt, sagte Klara, der junge Herr
Severin Lohmann sei bei uns vorbeigefahren, kurz vor Tisch.

Htt' ich mir denken knnen. Ihre alte Lamprecht ist der reinste Spion,
und wenn wir sie auch die Lamprchtige getauft haben -- 'ne kleine alte
Klatschbase bleibt sie doch.

Ach Gott, so ein beschrnktes Altfrauenleben, sagte Klara und zuckte
entschuldigend die Achseln ... Sie meint es doch rhrend mit mir.

Na, das wollten wir uns auch ausgebeten haben.

Sie schenkte, als sei sie hier die Haustochter, den Tee in die Tassen
und sprach unbefangen weiter: Schn fr Sie, da Sie nun den Herrn Sohn
hier haben. -- Er war so lange nicht zu Haus.

Mehr als drei Jahre nicht. Das waren keine guten Dinge, die ihn so
lange fernhielten. -- Liebe Klara -- in der Welt drauen haben sie
meinen Einzigen tchtig zerzaust. Er bedarf der Ruhe. -- Er mu sich
besinnen, daran denken, da er noch mein Sohn ist. Er mu so
gewissermaen von vorn anfangen. Wo knnte er's besser als hier. Arbeit
und Familie -- das ist die Gesundheit.

Ach, dachte Klara, wie ist dieser Sohn zu beneiden, mit diesem Vater
zusammen ein Familienleben zu fhren; zu solchen Aufgaben berufen zu
sein...

Sie sagte: Ich, die ich ohne Elternhaus aufwuchs, und fast ohne
Tradition -- ich denke es mir herrlich, einem so festgegrndeten Haus
anzugehren. -- So ein Haus bekommt Geschichte. -- Wie Sie die Grndung
Ihres Vaters weiterfhrten, so wchst nun Ihr Sohn in all dies hinein.

Wer wei -- wenn sein persnliches Geschick die glckliche Wendung
nimmt, die ich erhoffe -- dann gewi! Er mte ja auch zu sehr aus der
Art geschlagen sein, wenn er nicht Liebe zum Werk bekme -- wo so das
Herzblut und der Angstschwei von Vater und Grovater daranhngt. -- Ein
wenig mt' ihm doch der Mut des Grovaters und die Zhigkeit des Vaters
imponieren. -- Wenn ich an meinen Vater denke! Welche Phantasie! Welche
Khnheit! Welche Sorgen! Ich sage Phantasie -- denn wissen Sie, liebes
Kind, man denkt immer: die ist ein Gttergeschenk des Knstlers -- seins
allein! Kein Schaffender kann ohne sie schaffen, denn er mu das, was
sein Wille und seine Hoffnung vorausschaut als eine groe Mglichkeit,
das mu er vor sich sehen, kraft seiner Phantasie. Kein Politiker, kein
Industrieller, kein groer Handelsherr ohne Phantasie. Htte Bismarck
keine Phantasie gehabt, wren wir kein einiges Deutschland geworden!
Mein Vater, der scheinbar so kleine bescheidene Ingenieur, besa einen
ganzen Posten davon -- mehr als Geld -- das wei Gott. Aber er besa die
Wunderkraft der Menschen, die an ihr Ziel glauben. Und dann hatte er
diese fanatische Heimatsliebe der Hanseaten, die auf so zhen Stolz
gebaut ist. Vielleicht sind sie darin den Schweizern noch ber, denke
ich oft. Und er erkannte: Industrie, groe Industrie mu sein -- sie
allein kann dem alten Stadtstaat wieder Blte bringen -- und dies
Landgebiet, das sie an den Ufern der Trave hat, so nahe der Ostsee. --
Da man hier ein Httenwerk anlegen knne, das schien fast unglaublich.
Die Menschen, die was davon verstanden, die sagten: eines mu doch von
Natur aus da sein: Erz oder Kohle -- aber beides heranschaffen -- das
macht ja die Produktion zu teuer. Aber er blieb fest. Er rechnete vor:
wenn das Heranschaffen von Erz und Kohle auch groe Kosten verursache,
dafr habe man den billigen Wasserweg fr das fertige Produkt und die
Zufuhr von fremden Erzen, die sich schlielich die Binnenlandwerke auch
auf weiten Transportwegen heranbringen lassen mssen. Mit was fr
Engelszungen mu er geredet haben! Wer widerwillige Scheckbcher zum
Aufblttern bringt -- na, der mu schon was Suggestives an sich haben.

Klara hrte andchtig zu. Sie hatte ein unersttliches Interesse an
allem, was sein Werk und sein Leben und sein Haus betraf.

Das Kapital war aber viel zu klein, mit dem er anfing -- er selbst
verstand auch nichts von Httenchemie -- kann sein, da er nicht von
vorn an die rechten Leute neben sich hatte. Es war ein Tasten und Ringen
-- ein Sorgen und Arbeiten, und immer die Gefahr des Zusammenbruchs
neben sich. Ja: toll! Was fr Jahre! Und die Ehrenhaftigkeit meines
Vaters, an dem die verzweifelte Angst zehrte, fremdes Geld knne durch
ihn verloren gehen ... Na, das hat ihn ja auch vor der Zeit aufgerieben.
-- Als Junge von vierzehn mute ich schon hinaus -- lernen -- lernen. --
Wenn man so im Sorgendunkel aufwchst, sieht man scharf ins Helle
hinaus. -- Und ich sah bald, woran es bei uns lag. Ich bi die Zhne
zusammen und schwor mir: ich mach's! Als der Vater starb, war ich ein
Jngling von zwanzig und beim Grafen Strkgen in Schlesien in Stellung
-- zwanzig Jahre, und sollte ein verschuldetes Werk bernehmen, das
teilweise falsch angelegt war und auch an seiner Kleinheit krankte --
gewisse Unternehmungen brauchen von vornherein groe Dimensionen.

Nun, der Graf Strkgen hatte ja wohl Vertrauen zu mir. Er gab mir
seinen Direktor mit -- einen Mann von kolossalem Wissen und Knnen. --
Der sah sich alles an, prfte alles durch. Und Strkgen wagte es, auf
den Bericht hin, mich zu sttzen. Da fingen Jahre an! Donnerwetter! Die
ersten sieben forderten was ... Dann sah man: es kommt! Im zehnten hatt'
ich den Sieg! Und vor fnfzehn Jahren gewann ich mir Thrauf als
Mitarbeiter. Er ist der eigentliche Schpfer all unserer
Nebenproduktionen, die unsere Ertrge fast verdoppelten...

Er verlor sich in Nachdenken.

Das junge Mdchen wagte kaum, sich zu rhren.

Sie sprte wohl, dieser Rckblick war nicht leicht. Aller Stolz kann den
Sieger nicht vergessen machen, was der Kampf ihn gekostet.

Ja, das Schicksal hat mich an die rechte Stelle gesetzt, sprach er
dann weiter, ich hatte gerade die Fuste, die hier zum Anpacken ntig
waren. Eins war bitter ... Mein Vater htte noch erleben mssen, was aus
'Severin Lohmann' zu werden begann. Er war keiner von den verblendeten
Vtern, die den Shnen nichts zutrauen. Er schickte mich ja gerade so
frh hinaus, weil er mich als Mitarbeiter haben wollte. Bin ihm auch
immer dankbar, da er dem Werk seinen eigenen Namen gab, es nicht nach
einem symbolischen Vogelvieh oder nach einem griechischen Gott taufte,
was ihm vielleicht nicht ganz fern gelegen htte. Na, nun sind Werk und
Mann eins -- auch dem Namen nach -- und da mein Junge den sentimentalen
Wynfried vor seinem Severin Lohmann tragen mu, das war eines von den
rgernissen, in deren Erfindung meine Frau gro gewesen ist.

Nun wei ich doch aus Ihrem eigenen Munde die ungefhre Geschichte von
Severin Lohmann, sagte Klara. Aber wenn ich so bedenke, wie ber alles
Ma anderer Menschen hinaus Sie gearbeitet haben, wird es mir immer
rtselhafter, daߠ...

Da was, liebes Kind?

Sie schlug die Augen zu ihm auf. Sah ihn gerade an. Bat um eine offene
Antwort, mit aller Kraft ihrer sprechenden Blicke.

Da Sie so viel Zeit, so viel Gedanken und so viel Gte fr mich hatten
und haben. Darber habe ich oft nachgedacht. Zahllose drngen sich an
Sie mit Bitten um Hilfe. Aus Ihrer Beamtenschaft starb mancher hinweg
und hinterlie Witwe und Waisen. Ich wei es, da Sie alle mit Geld
gesttzt haben, solange es Ihnen ntig schien. Keiner Waise haben Sie
sich angenommen wie meiner.

Aber Kind, wie kommen Sie gerade jetzt darauf, mich das zu fragen?
antwortete er ausweichend und sehr beunruhigt.

Klara stand jetzt neben seinem Stuhl, eine von ihren Hnden, die Linke,
lag auf der Lehne seines Stuhles. Er schaute unwillkrlich auf diese
Hand, die so sehr den edlen beredten Hnden der geliebten Toten glich.

Frher, sagte sie, wenn mich ab und zu die Doktorin Lamprecht zu
Ihnen schickte, mit dem Vierteljahrszeugnis, zu Neujahr, zu Ihrem
Geburtstag, da war ich ein etwas furchtsames Kind -- es ist so
natrlich, sich vor Ihnen zu frchten, schaltete sie ein, -- ich wre
bereit gewesen, mich fr Sie totschlagen zu lassen. Aber so geradewegs
dreist mit Ihnen sprechen? O nie! Dann kam ich ja zwei Jahre nach
Hamburg in Pension und machte mein Examen. Und nachher war ich wohl
couragierter und fhlte, wie gtig Sie mich ansahen und wie milde Sie
sprachen. -- Bitte, Herr Geheimrat, lachen Sie nicht ber mich -- aber
Ihre Stimme ist ganz anders, wenn Sie zu mir sprechen, als zu andern
Leuten.

Er sah sie tief an -- und mit einem so rtselhaften Ausdruck, da es sie
etwas befangen machte.

Weniger zutraulich, zgernder fuhr sie fort: Aber auch dann hatte ich
keine Gelegenheit, recht mit Ihnen zu sprechen. Wie wre mir das
zugekommen, Ihre Zeit mehr als fr Minuten in Anspruch zu nehmen! Kaum
da ich Ihnen zu danken wagte, da Sie mir meinen Wunsch erfllten und
mich hier an der Schule anstellten.

Jetzt aber, heute kommen Sie mit der Sprache heraus?

Seit Sie erkrankten, seit ich mich anbot, Sie zu pflegen, was freilich
alles nicht angenommen wurde -- aber ich darf doch jeden Sonntag
kommen...

Ja, und bei dem alten Mann im Krankenzimmer die Zeit verbringen, die
gesnder im Freien verbracht wrde, unterbrach er sie ablenkend. Sie
aber blieb bei ihrem Wunsch, zu wissen, endlich zu wissen...

Und da habe ich nach und nach gelernt, mich hier heimisch zu fhlen. --
Ihre Gte erlaubte mir das, und nun traue ich mich auch, zu sprechen.
Bitte Herr Geheimrat, ich hab' manchmal gedacht: vielleicht hat Ihnen
mein Vater sehr wichtige Dienste geleistet?

Der alte Mann erschrak, auf solche Auffassung war er nicht vorbereitet
gewesen. -- Ihr Vater ... dem er Treulosigkeit, Schdigung und
Selbstmord zu verzeihen gehabt! -- Aber sie war ja ahnungslos. Er hatte
manchmal gedacht, die Doktorin Lamprecht wrde den Befehl, zu schweigen,
nicht zu halten imstande sein, wo sie sonst etwas an triebhafter
Geschwtzigkeit litt -- aber so sind Frauen: schwatzen und klatschen --
und knnen dennoch manchmal vllig schweigen -- wo sie lieben und
schonen wollen...

Welche Lage! Mute die Tochter nicht doch einmal die Wahrheit ber ihren
Vater erfahren? Lge oder auch nur Unwissenheit lt sich nicht fr
immer aufrechterhalten. Die Wahrheit schleicht wie auf einem Nebenweg
doch immer schritthaltend mit, und pltzlich gibt eine bswillige Hand
oder ein Zufall ihr einen Ansto, und sie fllt dem Ahnungslosen vor die
Fe.

Aber er wollte nicht der Grausame sein, dem Kinde zu sagen: Dein Vater
war ein Snder, an allem, was er besa, an Weib, Kind und Amt...

Nein, er nicht ... und gerade jetzt nicht in dieser Stunde.

Er wute nicht, da er sich trotz allen Kraftgefhls doch recht
verndert hatte seit seinem Schlaganfall und da er nicht mehr in so
eiserner Selbstbeherrschung seine Nerven zu bezwingen vermochte wie
frher. Seine Stirn war ganz rot, seine Hnde zitterten bemerkbar...

Aber da waren ja diese beredten Blicke, die ihn mit unwiderstehlicher
Innigkeit um die Wahrheit baten.

Und er antwortete, whrend er diesen Blicken auswich: Ihr Vater? O
nein! Wichtige und treue Dienste? O nein!

Sie schwieg betroffen. Viele viele Herzschlge lang. Seine Rte, -- die
heisere Stimme, wie Menschen sie haben, die an ihren Worten wrgen. --
Das sehr starke Zittern seiner ungelhmten Hand, und vor allem sein
abgleitender Blick. -- Dies Auge wich ihr aus? -- Dies gebieterische
Herrenauge, das sonst andere bezwang -- was bedeutete das?

Ihr Frauengefhl wollte nun erst recht nicht von dem Wunsch ablassen, zu
wissen.

Wegen meiner Mutter? fragte sie langsam.

Da blitzten die mchtigen Augen sie wieder hell an.

Ja, sprach er, Ihre Mutter -- ich habe -- sie war ---- Liebes Kind!
Ich habe Ihre Mutter sehr lieb gehabt.

Und meine Mutter? fragte Klara weiter. Ihre Farbe hatte sich
verndert, ihr war, als wolle irgend eine dunkle Angst ber sie kommen
-- da sie mit ihren Fragen an Tragik rhrte, die besser ungeweckt und
verschleiert bliebe.

Der alte Mann aber sagte mit einer wunderbaren Einfachheit und
Gefatheit, die das junge Mdchen ergriff: Ihre Mutter und ich, wir
wuten es rasch -- wir waren freinander bestimmt gewesen -- sie mein
Segen und Trost, ich ihr Halt und Schutz. Aber wir durften es uns kaum
gestehen, die Hoffnungslosigkeit war vom ersten Augenblick an mit uns.
Meine Frau htte mich niemals freigegeben -- nie -- aus kleinlicher
Schadenfreude nicht. -- Unsere Lage war bitter -- sie war gefhrlich --
aber in unserem Schicksal hatten wir einen wunderbaren Schutz...

Klara sah ihn wartend an. Da schlo er langsam: Die _Wrde_ deiner
Mutter...

Sie kniete nieder neben seinem Stuhl, etwas zwang sie -- und sie kte
seine Hand. Er entzog sie ihr und legte sie auf ihren Scheitel. Unter
ihrem schweren Druck richtete sie doch ihr Gesicht ein wenig empor und
ihm zu. Sie sah ihn mit grenzenloser Verehrung an.

Ich wollte, du wrest meine Tochter, oder du wrdest es! sprach er.

Sie lchelte mit Trnen in den Augen.

Sie erhob sich, ganz arglos nahm sie diese Worte.

Es war immer schon, als wr' ich's, wie ein Vater haben Sie an mir
gehandelt. Aber nun ist es doch, als sei ich Ihnen noch nher
gekommen...

Ihr Gemt war ihr nun bervoll. Viel htte sie wissen mgen -- von ihrer
Mutter -- vom Herzeleid dieser beiden ihr heiligen Menschen -- von der
Frau, die zwischen dem Manne und ihrer Mutter gestanden. Aber auch ihr
eigener, leiblicher Vater mute ja dazwischen gestanden haben -- was war
es mit ihm? Weshalb erwhnte der alte Herr nur seine Frau, nicht aber
den Gatten ihrer Mutter?

Und in ihr Ohr kam der seltsame Ton zurck, in welchem der Geheimrat
gesagt: Ihr Vater wichtige, treue Dienste? O nein!

Dies O nein! barg eine Ablehnung, so schroff, so wegwerfend, wie sie
der Sprecher selbst mit Vorsatz gewi nicht hatte verraten wollen.

Und pltzlich fiel es ihr noch schwer auf, da er, der in so starken
Worten die Mitarbeiterschaft des Generaldirektors Thrauf rhmte, ber
die ihres Vaters schweigend hinwegging.

Das hatte irgend einen geheimnisvollen Grund...

Ich mu wissen, dachte sie entschlossen. Denn sie war ein mndiger
Mensch und brauchte in allen Dingen ihres Innenlebens immer Klarheit.

Aber sie fhlte, da sie den alten Herrn nicht weiter fragen drfe --
wenigstens nicht in diesem Augenblick. Seine heie Rte vorhin, das
Zittern seiner Hand -- das hatte sie erschreckt. Er durfte sich doch
nicht aufregen.

Sie hrte, da die Tr geffnet wurde. Gottlob, Leupold oder sonst
irgend jemand kam, und das half sofort, die Stimmung und das Gesprch in
das Alltgliche hinberzubringen -- wie es eben fr den noch
Schonungsbedrftigen am besten war.

Sie wandte sich um und wute auf der Stelle: der da herankam, das war
Wynfried -- der Sohn. Viele Jahre hatte sie ihn nicht gesehen und kaum
je wirklich mit ihm gesprochen.

Hier, Wynfried, ich kann dich nun meinem Pflegetchterchen vorstellen
-- Frulein Klara Hildebrandt.

Klara reichte ihm freundlich die Hand.

Wie freue ich mich fr Ihren Vater, da Sie hier sind.

Ich wei nicht, gndiges Frulein, ob ich Anspruch auf gemeinsame
Kindheitserinnerungen erheben darf, sagte er.

Aber nein -- garnicht. Solche wollen wir nur nicht konstruieren. Sie
waren nicht nur durch die sechs oder acht Jahre, die Sie mehr haben, von
mir getrennt. Sie waren immer nur von fern sichtbar, mit dem Hauslehrer
oder Ihrer Mutter.

Ja -- ich durfte mich nie austoben. Mama war so ngstlich mit mir --
ich wei noch: Damals erschien es mir als das Herrlichste von der Welt,
nur einmal eine kolossale Prgelei haben zu drfen.

Der sieht freilich aus, als htte er viel Kummer gehabt, dachte sie
mitleidig, whrend er sprach. Welche Sorge fr den Vater -- den einzigen
Sohn so seltsam frmlich, so unjung, als wre er eigentlich lieber nicht
hier, zu sehen. Drauen in der Welt htten sie ihn zerzaust, hatte
sein Vater vorhin gesagt. Ruhe msse er haben, sich besinnen. Und ihre
natrliche Mdchenneugier fragte sich: Unglckliche Liebe? Das machte
ihn ihr doch gleich interessant.

Ich bin Ihnen dankbar, da Sie meinen Vater besuchen und erheitern.

Das Dankenmssen ist ganz auf meiner Seite. Alles, was ich bin, bin ich
durch Ihres Vaters Gte. Aber ich komme nicht aus Dankbarkeit. Es ist
mein Stolz und mein Glck, da ich kommen darf.

Sie sah den alten Herrn mit innigem Blick an, und er nickte ihr zu.

Wynfried hatte ein unbehagliches Gefhl -- als sei er hier zwei
Verbndeten ausgeliefert. Wute dies Mdchen um seines Vaters Wnsche?
Unmglich! Dann konnte sie nicht so unbefangen sein.

Die klaren und unverbindlichen Antworten, die sie ihm gab, machten es
ihm schwer, weiter mit ihr zu sprechen. Er sah wohl, da sie sehr schn
war und denselben Zauber der Weiblichkeit hatte, wie einst ihre Mutter
ihn besa. Das drckte sich so erkennbar in jeder leisen Bewegung, im
Klang der sanften Stimme aus.

Diese Art von Schnheit, deren eigenster Reiz die Verbindung von
strengen Linien mit weicher Anmut war, hatte ihn nie zu fesseln
vermocht.

Aber er war sozusagen mit allen Interessen und Nerven auf Frauen
eingestellt -- die alte Gewohnheit, auf jede einzugehen, ihr angenehm
sein zu wollen, wurde unbewut wach in ihm. Dazu kam das neugierige
Wissen, da dies die Frau sei, die sein Vater fr ihn bestimmt hatte --
und der halbklare Wunsch, seinem Vater guten Willen zu zeigen.

Er holte sich einen Stuhl und setzte sich Klara gegenber an den Tisch,
der neben dem Krankheitsthron stand.

Ich sehe, Leupold hat fr drei aufgedeckt. Es ist also vorgesehen, da
Sie mir auch gtigst eine Tasse Tee gnnen sollen.

Whrend Klara ihn bediente, meinte sie: Wenn Ihr Vater jetzt auch Sie
hat -- berflssig komme ich mir doch nicht vor. Mnner, die die ganze
Woche von der Arbeit zusammen sprechen, wrden es auch noch
Sonntagnachmittags tun, wenn da nicht jemand wre, der sehr wenig davon
versteht.

Ah, Sie wissen, da ich hier bleiben werde?

Ist es ein Staatsgeheimnis? Ich habe es Frulein Hildebrandt erzhlt,
warf der Geheimrat ein.

Wynfried verbeugte sich im Sitzen leicht gegen Klara, als wolle er
sagen, da er sich keine willkommenere Mitwisserin seiner
Angelegenheiten denken knne.

Und Sie haben die Geduld und den Mut, gndiges Frulein, die Kinder der
Arbeiterschaft zu unterrichten?

Nun, irgend etwas mute ich doch tun, um meine Krfte zu brauchen und
mein Brot zu verdienen, sprach sie ruhig.

Aber gab es nicht reizvollere Beschftigungen, die Ihnen mehr Freude
gebracht htten? Etwa der Posten einer Gesellschaftsdame in einem groen
Hause, wo viele Menschen verkehren, wo man reist, Kunst geniet, tanzt
-- Vater mit seinen Beziehungen htte Ihnen doch leicht dergleichen
verschaffen knnen.

Der Geheimrat wartete mit Vorfreude auf die Antwort -- diese ganze Szene
unterhielt ihn berhaupt auf das Spannendste. Er selbst war ja der Mann
der ersten Eindrcke, der raschen Entschlsse. Er fhlte, oder vielmehr
er bildete sich ein: man wird schon heute sehen, ob es geht mit den
beiden!

Klara schttelte nur leise den Kopf.

Hier kam ich her, als ich zwei Jahre alt war, so weit reichen meine
Erinnerungen natrlich nicht zurck. So ist es mir, als sei ich hier
geboren. Hier bin ich aufgewachsen -- inmitten des Werks habe ich meine
ersten Eindrcke gehabt -- spter hab' ich an seinen Grenzen gelebt,
immer in der Umwelt, die durch das Werk Verdienst, Wohlstand und Inhalt
hatte. Meinen Unterhalt, seit ich Waise war, verdanke ich Ihrem Vater,
ihm meine Ausbildung und da ich nun auf eigenen Fen stehe und
selbstverdientes Brot essen kann. Nie hab' ich etwas anderes im Gefhl
gehabt, vor mir gesehen als dies eine, da auch ich fr 'Severin
Lohmann' ttig sein msse. Wie sollt' ich's? Als Buchhalterin?
Stenographin? So im Bureau sitzen? Ach nein, das wre nicht mein Fall
gewesen -- dabei wre ich mir nur wie ein Instrument vorgekommen. Ich
mag erziehen -- auf andere ein wenig wirken knnen, Entwicklung zu sehen
macht doch Freude. So drngte es sich auf, da ich Lehrerin werden
mute. Ich knnte in der Stadt an der hheren Tchterschule
unterrichten. Aber da htte ich keinen Teil gehabt an 'Severin Lohmann'.
Indem ich die Kinder von Severinshof unterrichte, kommt's mir vor, als
ob ich ein wenig, ein ganz klein wenig und sehr von fern fr Ihren Vater
und in seinem Sinn arbeite. Konnte es wohl anders sein?

Nein, liebe Klara, anders konnte es nicht sein, sprach der Geheimrat.
Sie sind mit mir, mit uns, mit dem Werk fr immer verbunden...

Er mute sich Mhe geben, nicht mehr zu sagen.

Wynfried horchte ein Weilchen stumm ihren Worten nach ... Er fhlte so
beklemmend, da er, der Sohn und Erbe, seinem Vater und dem Ganzen hier
ferner und fremder war als dieses Mdchen, das mit allem unlslich
verwachsen schien ... Er bekam eine Ahnung, da seines Vaters Wunsch
noch in anderen Dingen wurzelte als in dem Verlangen, des Sohnes Leben
in Ordnung zu bringen und gleichzeitig die Tochter einer vielleicht
einst geliebten Frau zu versorgen...

Klara blieb heute lnger als sonst. Sie war gewohnt, zu warten, bis der
alte Herr durch irgend ein Wort ihr das Gefhl gab, sie drfe gehen.
Heute, wenn das mhsam sich hinschleppende Gesprch ganz verstummen
wollte, suchte er es im Gegenteil immer neu zu beleben.

Sie war zu arglos, um es auffallend zu finden, da seine Fragen sie
ntigten, viel von sich zu sprechen. Von ihren Jugendjahren bei der sehr
zrtlichen, unentschlossenen, umstndlichen und zum Erziehen eigentlich
gar nicht berufenen Doktorin Lamprecht, die ihr auch heute noch eine
treue Mama, aber in gar keiner Hinsicht strenge und autoritativ sei,
erzhlte sie mit einem leisen Humor. Von ihren durch ihren Beruf
geregelten Tagen mute sie berichten, und von den bescheidenen kleinen
Zerstreuungen. Man hrte wohl heraus: wenn alte Damen zu Kartenspiel und
Kaffeeschwelgereien zusammenkamen, sa sie still dabei mit einer
Handarbeit und hatte ihre Gedanken fr sich. Es gab mal ein paar
Vortrge im Winter, einen Kasinoball und ein Sommerfest, die man
mitmachte, denn der Geheimrat hatte selbst fr die Doktorin Lamprecht
und ihre Pensionrin die Mitgliedschaft bei der von ihm untersttzten
Kasinogesellschaft erwirkt und bezahlte fr die Damen den Beitrag. Und
Klara sagte, es gebe da immer einige, die sie fhlen lieen, da sie als
Volksschullehrerin nicht recht unter die Honoratioren gehre -- und man
sprte, da ihr derlei nicht verletzend, sondern nur ein lustiges
Prbchen von Dummheit war.

Wynfried sah so in ein Mdchenleben hinein, das ihn wie eine Legende
anmutete. Das gab es? In solchen Beschrnkungen konnte ein weibliches
Wesen es aushalten? Und sie schien zufrieden? Ganz und gar. Das fhlte
er durchaus.

Und dies am meisten, diese Klarheit und Wunschlosigkeit in der
Begrenzung machte ihn betroffen.

Aus welchen Quellen kam das empor, so erstaunlich wohltuend und
beruhigend?

Sein Herz war in schwlen Feuern verbrannt -- vielleicht fr immer.
Seine Phantasie war ermattet, im atemlosen Rausch immer neuer
Vergngungen an immer wechselnden Schaupltzen.

Welch ein Gegensatz zwischen der Welt, in der er seine ersten Jnglings-
und Mannesjahre vertan, und diesem Idyll. Ihm war, als sehe er vor
seinem geistigen Auge dicht neben einem glitzernden Durcheinander von
Seidenglanz, funkelnden Steinen, flatterndem Chiffon, dunkelummalten
Augen, roten Haaren, rosigen Wangen, wippenden Federn ein stilles,
grnes Stckchen Wald...

Und das Mdchen bumte sich nicht einmal auf? Emprte sich nicht, da
Schnheit und Jugend in Gefahr war, unbemerkt zu verblhen, da die
Mglichkeit vorlag, ihr ganzes Leben in der Enge versanden zu sehen? --
Seine Mama fiel ihm ein. In welch schneidender Milaune sie immer
gewesen war whrend der wenigen Monate im Jahr, die sie neben der
Arbeitssttte ihres Gatten verbringen mute -- wie sie floh, sobald sie
konnte. Und damals erschien ihm seine Mama immer als ein Opfer...

Er sah: diese Klara gab keine Rolle. Die freundlich-ruhige Stimmung war
ihr wirklicher Seelenzustand! So unglaubhaft es ihm schien, er fhlte
sich dennoch gezwungen, zu glauben.

Er wurde nach und nach sehr schweigsam.

Und Klara fing an, bedenklich zu werden: blieb sie nicht unbescheiden
lange? Warum gab der Geheimrat nicht wie sonst ein Zeichen? Und die
Doktorin Lamprecht, die es nicht kannte, da ihr Schtzling nicht mit
uhrenmiger Pnktlichkeit heimkam...

Sie stand auf.

Darf ich jetzt gehen? Tante Lamprecht ngstigt sich sonst.

Wynfried bringt Sie nach Haus, bestimmte der alte Herr.

O nein -- danke sehr -- nein--, lehnte Klara ab.

Er verneigte sich hflich, sich widerspruchslos in die Ablehnung
ergebend...

Klara, liebes Kind, ich habe einen Wunsch, sagte der alte Herr, ihre
Hand in seiner Rechten haltend. Sie wissen, ich mag keinen
Tischgenossen an meiner Krankentafel -- Wynfried mu unten allein essen
-- kommen Sie doch diese nchsten Tage -- bis er etwas eingelebt ist --
etwa diese ganze Woche, und essen mit ihm. Ihr Weg fhrt Sie ja doch
vorbei, Leupold soll eins von den Fremdenzimmern fr Sie als
Tagesquartier einrichten. Nachmittags bekomm' ich dann auch mein
Stndchen, als wre alle Tage Sonntag.

Wynfried fand diesen Vorschlag faustdick. Er meinte, sie _msse_
merken, was sein Vater wnsche ... Er stellte auch fest, so gebieterisch
sich auch noch die alte Wucht und Gre seines Vaters aufzurecken
vermochte, so ungebrochen auch durch die Krankheit sein Wesen noch
schien: wurden nicht neue, weichere, ein wenig greisenhaft kindliche
Zge zuweilen bemerkbar?

Eine schwache Neugier auf ihre Antwort wollte sich in ihm regen. Aber er
war ja eigentlich sicher, da sie beseligt zugreifen wrde. Und er
konnte dann bei diesen Diners zu zweien (an was fr andere Diners zu
zweien war er gewhnt, fast ironisch huschte es durch sein Gedchtnis)
weitere Betrachtungen darber anstellen, welche Figur er knftig abgeben
werde, als Gatte dieser offenbar beinahe vollkommenen jungen Dame, die
der Aufgabe, ihn zu einem Tugendbold zu erziehen, ja schon von Berufs
wegen so gewachsen sein wrde.

Um seine Lippen zuckte es. Er _wollte_ spotten.

Aber in ihm war zugleich so viel Unsicherheit -- so berflssig erschien
er sich neben diesem Mdchen und seinem Vater.

Klara war wohl etwas erstaunt ber diese Einladung, doch vor allen
Dingen verlegen, weil sich eine derartige Einrichtung, auch nur eine
Woche lang, nicht mit ihren Pflichten vereinbaren lie.

Ja, wenn Ferien wren! So kann ich es aber nur am Mittwoch, sagte sie
kurzweg.

Der Vater sah hierbei zum Sohn hinber. Fast ein wenig triumphierend.
Hatte er nicht prophezeit: du wirst dich dazu halten mssen, angenommen
zu werden.

Als Klara gegangen war, kam erst Leupold, den Tisch abzurumen. Und
Leupold konnte sich wieder Gedanken machen, denn zwischen Vater und Sohn
herrschte vollkommenes Schweigen. Sonst wurden keine Gesprche wegen
dieser Dienerohren unterbrochen, nicht einmal die Geheimrtin hatte
frher ihrer scharfen Rede Zgel angelegt, whrend er die Schsseln
anbot. Und ungeachtet seiner Anwesenheit und Zeugenschaft warf der
Geheimrat bisweilen den spitzen Reden ein Donnerwort entgegen, da sie
dann stumm sich hinter zusammengekniffenen Lippen zurckhielten.

Somit stand es fr Leupold fest: wenn in seiner Gegenwart geschwiegen
wurde, gab es Dinge von hchster rgerlichkeit oder geheimnisvollster
Wichtigkeit.--

Der Geheimrat wartete nur, bis die Tr sich hinter ihm geschlossen
hatte, um zu fragen: Nun?

Was -- nun? Forderst du von mir, da ich, nach dem Zusammensein von
einer Stunde, mich schon bereit erklre, das Mdchen zu heiraten?

Nein, sagte der Vater, da sei Gott vor. Aber den Eindruck mchte ich
wissen.

Wohltuend -- ganz und gar -- ja. Aber ich mu sie doch erst ein wenig
nher kennen lernen -- mu mich erst einmal in Ruhe fragen, ob ich so
etwas wagen kann, darf. Junge Mdchen trumen von einer groen Liebe --
wie sollt' ich die vorlgen und vorheucheln knnen! Ich werde mich
nicht in sie verlieben. -- Ich? -- Nach allem: nein! Und sie? Glaub mir,
ich habe keinen Eindruck auf sie gemacht.

Man lernt sich in der Ehe lieben, sagte sein Vater.

Oder hassen, setzte der Sohn hinzu, und er dachte an seine Mutter, die
seinen Vater gehat hatte.

Heiraten, das ist ein Entschlu von groer Tragweite, sprach er
weiter.

Es schien dem Alten trotz der seinen Wnschen gnstigen ersten Worte,
als hre er nur Lauheit, Energielosigkeit, Ablehnung.

Eine Heirat allein kann deinem Dasein neuen Inhalt und Richtung geben.
Was solltest du sonst anfangen mit deinem Leben? fragte er schweren
Tones -- der grollte gleichwie aufkochender Zorn.

Ich wei es nicht, Vater, sagte der Sohn zerqult.--

Klara aber schritt mit eiligen Fen ber die Strae dahin, auf die
Treppe zu, um hinunter zur Fhre zu kommen. Aber sie konnte nicht ohne
Aufenthalt vorwrts kommen. Eine Arbeiterfamilie begegnete ihr. Die
Kinder drngten sich an sie und wollten Frulein durchaus die Anemonen
schenken, deren Stengel in den kleinen Fusten schon warm geworden
waren. Und die Mutter erzhlte schmeichlerisch, da die Kinder immer nur
von Frulein und Frulein schwrmten, und wollte wissen, ob Artur und
Lieschen auch artig seien.

Sie hielt freundlich stand.

Und doch brannte in ihr eine groe Ungeduld. Sie dachte nicht mehr an
Wynfried, der doch nun eine neue Gestalt im hiesigen Leben war. Sie
dachte nur an den einen einzigen Augenblick, in dem der Geheimrat mit
ausweichendem Blick, feindseligem Ton und zitternder Hand von ihrem
Vater sagte: Treue, wichtige Dienste -- o nein!

An der Fhrbrcke unten an der Treppe mute sie noch warten, der Kahn
kam erst vom anderen Ufer heran. Vier, fnf junge Mnner saen auf der
umlaufenden Bank. Im Hutband trugen sie einen kleinen Buchenzweig oder
ein paar Primeln. Halbverwelkt hing der Schmuck auf die Filzrnder der
Hte herab. Aber die jungen Mnner hatten sich doch den Frhling
anheften wollen, wie ein Zeichen. Der Fhrmann stand aufrecht im Kahn
und trieb mit starkem Ruderschlag seinen Kahn scheinbar zu weit oberhalb
des Anlegesteges auf die Uferbschung zu, der sachtflieende schmale
Strom drckte aber so sehr gegen den Kahn, da die endliche Landung
genau an der Stufe der Brcke erfolgte. Die Mnner stiegen aus, und
Klara stieg ein. Und wieder hinber ging die Fahrt auf den hellen Hang
zu, dessen weisandige Wand von dem roten Stdtchen berkrnt war. Dies
Hin und Her von Ufer zu Ufer war sonst immer fr Klara voll Reiz. Das
dunkle tiefe Wasser glnzte, der Ruderschlag rauschte leise ... es war
so viel Ruhe darin und ein wenig von der Romantik alter Zeiten.

Aber sie war bei dieser heutigen Heimfahrt zu erregt, um die Stimmung zu
genieen. Ganz verworrene und pltzlich bengstigend werdende
Erinnerungen tauchten auf -- sahen nun, da sie vor dem Auge einer
Gereiften erschienen, ganz anders aus, als die Tatsachen sich einst dem
Kind dargestellt hatten. -- Die Zehnjhrige hatte nur an einem Morgen
voll unaussprechlicher ngste erfahren, da ihr Vater ber Nacht einem
Herzschlag erlegen sei. Das Grauen vor der Nhe des Todes, der stumme
Jammer der Mutter -- ein seltsames Hasten und eine scheue Angst im Haus
-- dazwischen dann die Gestalt des Geheimrats -- dster und
beherrschend. -- Und da niemand, niemand den Toten hatte sehen drfen.
-- Am selben Tag noch wurde der Sarg geschlossen -- die Schrauben
knirschten so -- man hrte sie. -- Die Mutter bebte nebenan und prete
ihre Tochter heftig an sich. -- Damals dachte Klara, das sei immer so,
wenn ein Mensch sterbe -- all diese Einzelheiten. -- Heute mit einem
Male wute sie: da war etwas zu verstecken gewesen...

Es gibt jhe Erkenntnisse, nach Jahren kommen sie, es ist, als griffe
eine Hand nach einem und risse eine Binde von unseren Augen.

Und so, gejagt von dem Vorsatz, die Wahrheit zu wissen, vom angstvollen
Wahn sich sogleich heilen zu lassen oder auch dem Traurigsten ins
Gesicht zu sehen -- so kam sie in der kleinen Wohnung an...

Das Huschen der alten Frau Lamprecht lag am Kirchplatz. Es hatte ber
dem Erdgescho nur ein Stockwerk, und vom Ziegeldach sah noch ein
Giebelfenster hinber nach den Linden, die die Backsteinmauer der Kirche
umstanden. Das erste Stockwerk war an den Hauptmann von Likowski
vermietet. Seine beiden Pferde hatte er im Stalle auf dem Hofe, wo einst
das Doktorwgelchen stand, wenn es durch die Torffnung neben dem Hause
hereingefahren.

Vier berraschend gerumige Zimmer gaben den Frauen Behaglichkeit genug.
Die Kche lag hinter der Treppe mit den Fenstern nach dem Durchgang zum
Stall. Seit Klara nach bestandenem Examen zurckgekommen und alsbald
angestellt worden war, hatte sie ihr Wohnzimmer fr sich. Damit war sie
von ihrer Pflegmutter als selbstndiger Mensch anerkannt worden.

Es hatte der alten Dame viele Erwgungen und umstndliche Besprechungen
gekostet, bis ihre Sachen auf den Boden gebracht wurden und dafr Klaras
Einrichtung, die von der verstorbenen Mutter stammte, heruntergeholt
werden konnte.

Diese Einrichtung war Klaras einziges Erbe, und sie wute es, da sie
den Besitz nur dem Geheimrat verdankte. Ganz vollstndig war alles
beisammen geblieben, so wie es einst im Wohnzimmer der Mutter gewesen:
der Sekretr, der halbhohe Teeschrank, die Kommode, Sofa und Sthle von
dunkelblankem Mahagoni, mit den graublauen Stoffen von dickem
Seidendamast; die Bcher, die Uhr mit dem gelbbronzenen Zifferblatt
zwischen kleinen Alabastersulen, die auf ihren Kapitlen einen Steg von
Alabaster trugen, auf dem fiedelnd ein Amor entlang zu tnzeln schien --
der Schpfer dieser Uhr hatte sicher den anmutigen Gedanken gehabt, da
demjenigen, fr den die Stunden schlugen, die Liebe heiteren Inhalt
geigen mge.

Und Klara dachte oft, mit welch schweren Empfindungen ihre Mutter das
heitere kleine Bilderwerk oberhalb der Zeiger betrachtet haben mge.

Denn sie ahnte immer, da ihre Mutter nicht glcklich gewesen sei.

Heute war aus der Ahnung eine Gewiheit geworden.

Klaras Zimmer lagen nach hinten. Ihre Straenaussicht htte die alte
Frau keinem Menschen geopfert, und sie sagte, Klara wre es ja doch
einerlei, ob sie auf den Hof oder auf den Kirchplatz hinausshe. Jetzt
lauerte die Doktorin schon lange hinter den Scheiben, und der graue Kopf
bog sich alle paar Sekunden sehr schrg nah an das Glas hin, um die
Stelle zu ersphen, wo die Strae in den Platz einmndete und wo Klara
zuerst sichtbar werden mute. Kaum erschien sie in Blickweite, so
deuteten ihr auch schon lebhafte Gesten an, da sie mit Unruhe erwartet
wurde, und das erste Wort, das sie hrte, war das erwartete: Wo bleibst
du, ich ngstigte mich.

Und zugleich nahm sie schon ihren Kneifer ab und legte ihn auf den
Nhtisch vor sich, was immer eine Art von Zurstung auf ein
ausfhrliches Gesprch bei ihr bedeutete.

Es kam mir so vor, als wnsche der Geheimrat, mich lnger dazubehalten.
Ich wute nicht recht, was ich sollte.

Hast du den Sohn kennen gelernt? Wie war er? fragte sie in brennender
Neugier.

Denn in dem Stdtchen liefen allerlei Gerchte herum -- auf sachten,
aber sehr emsigen Fen, von Haus zu Haus. Und sie hatten ihren stillen
bsen Gang begonnen damals, als Wynfried nicht am Lager seines Vaters
erschien...

Doch. Flchtig. Er war sehr hflich, sagte Klara. Sie wute lngst,
da Zurckhaltung gegenber der alten Frau geboten sei. Sie kannte es
schon, welchen Genu und welche Genugtuung es der Doktorin bereitete,
bei ihrer Skatpartie die zu sein, die am genauesten ber die Vorgnge im
Hause des Geheimrats unterrichtet war.

Aber Neugier sprt nicht so leicht das Ausweichen eines anderen. Und die
Fragen klangen auch noch minutenlang durch das Zimmer. Wie sah er aus?
Sehr verlebt? Schienen Vater und Sohn gespannt? Will er hier bleiben?
Wird er gleich offiziell Teilhaber? Kam es dir vor, als ob er gern hier
sei?

Klara antwortete auf alles sehr beruhigend, und als sie sagte, das
Verhltnis zwischen Vater und Sohn sei ihr ganz natrlich und herzlich
vorgekommen, war die Doktorin zufrieden. So hatte sie doch etwas als
ganz wahr und wahrhaftig weiterzuerzhlen. Ihr unruhiges kleines
Gehirnchen war dann schon wieder bei ganz anderen Wichtigkeiten.

Denke dir, die Heimdorfs hatte schon wieder ein neues Frhjahrskostm
an, sie ging vorhin vorbei. Wie der Mann das gut macht, all den Luxus.
-- Und denke dir, weit du, wen ich gesehen habe? Den neuen
Oberleutnant, den Freiherrn von Marning. Eine Erscheinung! Vornehm, sag'
ich dir! Er besuchte den Hauptmann. Sie gingen in den Stall. Als ich sie
treppab kommen hrte, lief ich in dein Zimmer und pate hinter den
Gardinen auf. Er ist noch oben, gleich geht er -- horch -- wir wollen
achtgeben, du sollst sehen: eine schne Mnnererscheinung...

Und sie rckte schon ein wenig, um sich besser hinter den Mullfalten der
Vorhnge zu verbergen.

Klara fhlte sich ja manchmal geqult von dem eifrigen Teilnehmen an den
Gleichgltigkeiten rundum.

Aber ihre Dankbarkeit zwang sie zur Geduld und zu freundlichem Eingehen,
wenn auch mit noch so flchtigem Wort. Heute aber war sie auf dem Punkt,
sich davon ermattet zu fhlen.

Was geht mich der Freiherr von Marning an? sagte sie.

Und pltzlich brach es aus ihr heraus.

Ich bitte dich -- la die fremden Leute -- komm -- ich mu mit dir
sprechen, dich etwas fragen--

Sie legte den Arm um die Erschrockene und zwang sie vom Fenster fort.

Du hast mich lieb. In zehn Jahren, seit ich bei dir lebe, hast du es
mir bewiesen. Sag liebe, liebe Lamprchtige, wrdest du mich belgen,
wenn ich dich etwas fragte?

Aber Kind! Das war ja die alte Frau gar nicht gewohnt, da Klara so
starke Tne anschlug. -- Sie war doch fast nie zrtlich, und nie
aufgeregt. Und brauchte nun gar die scherzhafte Benennung, die der
Geheimrat aufgebracht hatte, in so leidenschaftlicher Weise.

Wie sollt' ich dich wohl belgen wollen! Was ist denn?

Sage mir, was war mein Vater fr ein Mann? Und an was starb er in so
frhen Jahren?

Wie strenge Klara aussah -- die geraden Brauen schoben sich nher
zusammen, ihre Augen brannten.

Welche Frage! Mein Gott, hatte sie nicht immer gefrchtet, da das arme
Kind irgendwann einmal den alten Geschichten nachfrage!

Und wenn Klara etwas so durchaus wollte! Die kleine gute Alte hatte wohl
eine dumpfe Erkenntnis davon, da sie dem Mdchen nicht gewachsen war.
In Klara war irgend etwas Starkes. Man sprte es selten. Aber dann war
man ganz klein davor...

Kind, Liebling, frag mich nicht. Ich mu schweigen.

Ah-- Klara beugte sich nher zu ihr, frmlich Angst bekam die alte
Frau. -- So drang schon diese Bewegung auf sie ein...

Ah -- also es ist etwas zu verschweigen...

Ich habe es doch dem Geheimrat versprochen, klagte sie. Wre das
nicht wie ein Hochverrat, wenn man ein Versprechen brche, das _dem_
Manne gegeben worden war?

Er soll es nie erfahren, nie, da du mir die Wahrheit sagtest. Wenn du
sie mir nicht sagst, gehe ich zum Pastor, oder zum Standesamt, von Mann
zu Mann, bis ich den finde, der weiߠ... drohte Klara. Sie war nun
vllig auer sich.

Also es gab Schmachvolles zu verbergen!

Niemand wei etwas Genaues, sprach die Alte ngstlich. Man flsterte
wohl damals ... Aber der Geheimrat -- du kennst ihn ja. -- Er _wollte_
alles versteckt lassen. Und wenn er was will! Dann ist es ja egal, was
es kostet. Und er zwingt alle Menschen. Es gelang, alles zu vertuschen.

Diese Art, von den Dingen zu sprechen und sie nicht zu nennen, wurde fr
Klara zur Folter.

Sag doch endlich, was denn -- was denn...

Nun in Gottes Namen, da du mir gar keine Ruhe lt, und wenn du mir
versprichst, mich nie zu verraten...

Ich verspreche es, sagte Klara hart und fest.

Und da Schwtzer immer fest auf die Verschwiegenheit anderer Leute
bauen, nahm sie dies Versprechen fr einen Schwur.

Ganz erschpft war sie, und dennoch im tiefsten Innern vielleicht wie
erlst, da ihr endlich die Last des Schweigens abgezwungen wurde.

Ja, sagte sie, dein Vater wollte wohl eins, zwei, drei reich werden.
Groes Gehalt, Tantieme. -- Das schaffte nicht genug, -- woher ihm diese
Gier nach Geld kam, wei ich nicht. Es hie, er fahre oft nach Berlin,
und habe da ... Aber nein ... na genug, sehr treu war er seiner Frau
wohl nicht. -- Und er spekulierte. -- Obwohl sein Kontrakt es ihm
verbot, machte er private Geschfte, waghalsige Sachen mit Tendenz sogar
gegen des Geheimrats Unternehmungen -- oder unter Benutzung von ihm
bekannten Chancen, die 'Severin Lohmann' htten zugute kommen mssen. --
Und so derlei. -- Und dann kam ein Tag, wo alles zusammenbrach. So was
hat immer kurze Beine und luft nicht lange. Eines Morgens wurde mein
Lamprecht, der ja Arzt bei 'Severin Lohmann' und allen Beamten war, aus
dem Bett geholt, und es hie, den Generaldirektor Hildebrandt hat der
Schlag gerhrt. -- Deine Mutter hat eine fabelhafte Geistesgegenwart
bewiesen. -- Sie lie keinen von den Dienstboten in das Zimmer, und mein
Lamprecht dachte ja gleich: so ein Tod hat bse Grnde. Er ging sofort
zum Geheimrat. -- Und der nahm alles in seine Hand -- die Hand kennen
wir -- stark, sicher! Noch am selben Tag wurde dein Vater eingesargt und
auf Befehl vom Geheimrat mute mein Lamprecht dabei sein, wie der Deckel
geschlossen wurde -- damit die Mnner nicht das Taschentuch lfteten,
das dem Toten ber die zerschossene Stirn gelegt worden war.

Klara stand regungslos.

Nun war der Mund einmal in Bewegung, nun flo die Rede und trug weiter,
und die alte Frau legte sich keine Hemmung an.

Mein Lamprecht sagte mir, da wir unverbrchlich schweigen mten, der
Geheimrat habe es ihm befohlen -- spter befahl er selbst es auch noch
mir, als du zu mir kamst. -- Solchem Befehl zu widerhandeln, htte
meinem Mann die Stellung und mir spter vielleicht das bichen Pension
gekostet -- und dich htte er mir nicht gelassen. -- Das Finanzielle
nahm der Geheimrat alles in die Hand. Es mu ihn ziemlich was gekostet
haben. Und deine Mutter bekam obendrein noch Pension. Na, und wie er fr
dich sorgte, weit du selbst am besten. Mein Lamprecht glaubte immer:
das sei alles wegen deiner Mutter -- die htte er wie 'ne Heilige
verehrt. Gerade so groe Mnner haben ja manchmal irgend einen geheimen
Idealismus -- und in jenen Tagen ist es ihm auch mal so entfahren, er
hat zu meinem Lamprecht gesagt: ohne die Frau wr' ich 'n rauher
Autokrat geworden. -- Ja Kind -- nun weit du es! Aber -- o Gott, wenn
du mich an ihn verrtst! jammerte sie.

Ich habe versprochen, zu schweigen, sprach Klara, nimm das fr einen
Schwur.

Die alte Frau hrte die tonlosen Worte -- aber zugleich blitzte durch
ihre Erregung ihr kleines Altweiberinteresse am Nebenmenschen.

Sie hrte nmlich Schritte treppab kommen und sich durch den Flur der
Haustr nhern.

Mechanisch -- es trieb sie -- war sie, husch, wieder am Fenster.

Der Freiherr von Marning! flsterte sie wichtig.

Da ging Klara hinaus. In ihrem Zimmer stand sie noch minutenlang...

Sie starrte ins Unbestimmte, sah nicht drauen den Hof mit dem zu hoch
aufgeschossenen Lindenbaum und seiner sperrigen Krone, darin der
Abendschein Goldglanz entzndet hatte, whrend unten der schwarze Stamm
und die rotbraun gestrichene Stalltr, die seine Linie berschnitt, in
melancholischem Schatten lagen...

Sie sah ein mchtiges graues Haupt und blitzende Herrenaugen...

Sie wandte sich, blickte im Zimmer umher -- ihre Augen blieben an der
Uhr hngen -- die gelbbronzene kleine Pendelscheibe, eine starke
Handbreit unter der greren gelbbronzenen Zeigerscheibe, ging hin und
her und her und hin zwischen den Alabastersulen, und der kleine Amor
von weiem schimmernden Stein fiedelte sein frhliches stummes
Liebeslied...

Nun schlug die Uhr siebenmal, hell und klingend.

Es war, als habe der letzte Ton Klaras Haltung getroffen und
zerschlagen...

Sie legte die Hnde vors Gesicht und weinte -- weinte.

Was hatte er alles getan -- fr sie und ihre Mutter!

Wie ihm jemals genug danken!

Wenn ich doch sterben knnte, um ihm damit Gesundheit zu erkaufen!

Aber sie wute wohl, auf solchen Austausch lt sich das Schicksal nicht
ein.

Wie ihm jemals genug danken?

Ein Leben reichte dazu nicht aus. -- Mit welch heier Freude wrde sie
es fr ihn hingeben.

Ihr ganzes Wesen war wie durchglht von der Begierde, sich fr ihn
opfern zu drfen.




3


Es sei ein Wunder, sagten alle Leute. Von einem erstaunlichen
Reorganisationsvermgen sprachen die rzte, als sie wieder einmal von
Kiel, Hamburg und Lbeck zur Beratung und Kontrolle sich bei dem alten
Herrn zusammenfanden. Niemand schrieb die Fortschritte, die in den
letzten vierzehn Tagen sich gezeigt hatten, ganz allein der tglichen
Behandlung des Doktors Sylvester zu, der mit Massage und Elektrizitt
morgens und abends die Lhmung der linken Krperseite zu bekmpfen
suchte.

Vielmehr waren alle berzeugt, da die Wiederkehr des Sohnes und die
Vershnung mit ihm den Willen zum Leben in dem alten Herrn neu geweckt
habe. Da zwischen Vater und Sohn nicht alles in Ordnung gewesen sein
_konnte_, hatte man fhlen mssen, als der Sohn nicht an das Krankenbett
des Vaters kam.

Man sieht es wieder, sagte Professor Rler, je intelligenter,
nervser und leidenschaftlicher ein Kranker ist, desto weniger hngt,
unter gewissen Umstnden, seine Genesung von der Wissenschaft, desto
mehr aber von den Dingen ab, ber die wir keine Gewalt haben.

Und die Herren reisten wieder ab, in der Hoffnung, da sich vielleicht
noch eine leidliche Bewegbarkeit der linken Krperhlfte allmhlich
werde erzielen lassen; und mit der Gewiheit, da Schlaf, Appetit und
Stimmung des Patienten sich auffallend gebessert hatten. Leupold,
dessen Ausknfte den rzten immer die magebendsten waren, konnte sagen,
da der Geheimrat die Dienerschaft nicht mehr in ungewhnlicher Frhe
herausklingle, sondern, auch wenn er wache, geduldig bis halb sieben
liege. Und das war immer seine Stunde gewesen. Geduldig -- das war gewi
ein Symptom! In dem Ablauf all der kleinen Lebensumstnde, die mit der
Uhr zusammenhngen, in seinem Verhltnis zu den Dingen der huslichen
Umwelt war ja der Geheimrat von der bedrohlichsten Ungeduld. Geduld
kannte er nur in den groen Aufgaben der Arbeit. Wie besnftigt muten
also sein Gemt, wie angenehm seine Gedanken sein, wenn er still wachend
liegen mochte.

Die wissen viel, was mir neuen Mut gebracht hat! dachte der Geheimrat
spttisch hinter ihnen her.

In den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, sein Leben und sein Werk
brchen zusammen. Nun blhten neue Hoffnungen vor ihm auf.

Wie einfach.

Aber die ganz groen Wendungen im Dasein haben ja immer etwas wunderbar
Einfaches.--

Am Tage nach der Abreise der rzte troff der Regen herab, kalt und
trostlos. ber dem Hochofenwerk ballte sich das Dunstgewlk, und
zerdrckte Rauchschlangen schlichen sich, niedergepret von Wind und
Regen, seitwrts weg. Drben vor der kleinen Stadt um den aufrechten
Kirchturm auf hohem Sandufer strichen die Tropfenlinien nieder, so da
es aussah, als stehe eine gerillte Glasscheibe vor dem Bilde. Das
fernere Gelnde verschwamm im Grau. Auf dem Flu zog ein Dampfer vorbei;
seine hochgestapelte Bretterladung sah ganz ockerfarben aus von all der
Nsse. Die schwedische Flagge hing als durchfeuchteter Lappen hinten am
Heck. Er lie aus seiner Sirene einen jammervoll aufheulenden Ton
entweichen, als er an den Schiffen vorbeikam, die tief unter den
weitausreichenden Skelettarmen der eisernen Entladebrcken ankerten.
Dieser Schrei, der wie eine Klage durch die Luft schnitt, war der
hfliche Gru des Schweden an seine Kameraden.

Das ganze Bild zeigte Dsterheit. Aber das konnte die Stimmung des alten
Herrn nicht in Unmut auflsen. Dazu war sie zu fest von frohem Glauben
getragen.

Er sa in seinem Erker und schrieb. Den Bogen konnte er sich gut auf
eine Unterlage mit Reiszwecken befestigen. Dann lag das Papier glatt und
fest vor ihm, und er konnte es beschreiben. Denn so weit vermochte er
die Linke noch nicht zu erheben, um mit ihr den Briefbogen
niederzuhalten.

Ihm war zumute, als schreibe er den wichtigsten und beglckendsten Brief
seines ganzen Lebens.

An Klara war er gerichtet, und er redete sie an:


        Mein teures Kind!

    Es ist mir seit Ihrer frhen Jugend eine liebe Angewohnheit
    gewesen, Sie so zu nennen. Aber nun knnte wohl aus der
    Angewohnheit ein Recht werden, wenn Sie die Frage bejahen, die
    mein Sohn heute nachmittag an Sie richten wird. Er hat mir die
    Erlaubnis gegeben, Sie, meine liebe Klara, darauf vorzubereiten,
    da er zu Ihnen kommen wird. Heute, weil es Mittwoch ist,
    brauchen Sie nicht zum zweitenmal zur Schule. Wynfried darf also
    darauf rechnen, Sie zu Hause zu finden.

    Ich selbst habe Ihnen, ehe Wynfried Sie spricht, noch etwas zu
    sagen, und das ist, noch mehr als der Wunsch Sie vorzubereiten,
    der Grund, weshalb ich schreibe.

    Nur ein ganz kurzes Wort! Dieses: da Dankbarkeit Sie nicht
    bestimmen darf, sich fr Wynfried zu entscheiden! Ganz gewi
    erraten Sie mit Ihrem Herzen, da es fr mich eine groe Freude
    sein wrde, Sie als Tochter umarmen zu knnen. Und Sie rufen
    sich vielleicht ins Gedchtnis in dieser Stunde, da ich es war,
    der die bitterste Not des Lebens von Ihnen und Ihrer Mutter
    ablenken durfte...

    Mein teures Kind, Sie wissen es: ich habe Ihre Mutter geliebt!
    Ich durfte sie nicht besitzen und sie nicht die Meine nennen.
    Wenn Liebe so um ihr heiligstes Recht betrogen wird, bleibt ihr
    nur eine Art von Linderung und Erlsung: fr den geliebten
    Menschen und das, was ihm teuer ist, ein wenig sorgen zu drfen.
    Das war das bescheidene stille Glck, das ich mir gnnen konnte.

    Sehen Sie es so, und Sie sehen es richtig. Und dann verstehen
    Sie auch: Sie stehen nicht in meiner Schuld!

    Wo das Wort Liebe ausgesprochen wird, lscht es alle anderen
    Worte aus.

    Glauben Sie das einem alten Mann, dessen Leben rauh war und voll
    Ha. Und dem es vielleicht niemand zutraut, da er immer tief in
    seinem Gemt einen groen Schmerz, einen sehr glcklichen
    Schmerz mit sich herumtrug.

    Selbst wenn Sie sich gegen meine Hoffnungen entscheiden --
    nichts, gar nichts kann mich hindern, zu bleiben

        Ihr vterlicher Freund
            Severin Lohmann.


Er war sehr bewegt, und als ihm das Wort von dem glcklichen Schmerz in
die Feder kam, feuchtete sich sein Auge.

Er dachte: sind nicht vielleicht unsere Schmerzen mehr unser kstlicher
Besitz als unser Glck?

Seine Zuversicht war gro. Er bezweifelte im Grunde nicht, da Klara
seinen Sohn mit Freuden annehmen werde. Sie war seit jenem Sonntag so
verndert! In ihrer Stimme bebte ein Nebenklang mit -- sie war wie von
zrtlicher Ergebenheit gefrbt und umschmeichelte den Hrer wie
Liebkosung. Ihr Wesen zeigte eine neue Art von Demut und Hingebung --
ihre Hand schien noch pflegsamer, leiser geworden, und der gemessene
Ernst, der ihr schon im Schatten ihrer Kindheit angeflogen war, wich
einer Weichheit, die sich in Blick und Bewegung deutlich verriet.

Gerade von dem Tag an, wo sie seinen Sohn kennen gelernt hatte.

Und obschon der alte Herr sich ganz gewi nicht fr einen Frauenkenner
hielt, glaubte er doch so viel von einem Mdchenherzen vermuten zu
drfen, da es in aufwallendem Gefhl dem Vater sich nhere, -- weil es
dem Sohn aus holder Scheu sich nicht verraten wolle ... Welche
Glckseligkeit dieser Gedanke! Und er sah auch so viel Gerechtigkeit
darin, wenn Tochter und Sohn zweier Entsagenden sich finden wrden.

Wie machte dieser Wahn ihm auch den Weg zum Sohne leicht!

Er hatte keine Achtung vor ihm haben knnen. Und das zu verbergen, war
seiner Natur in all ihrer Wahrhaftigkeit und Offenheit sehr schwer
gewesen, obschon er begriff, da seine Verachtung den Sohn vollends
zerstren mute.

Nun fhlte er: wenn dieses Mdchen ihn lieben konnte oder im Begriff
war, ihn lieben zu lernen, dann gab es noch Werte in seinem Sohn.--

Sein Verkehr mit ihm wurde milder und gleichmiger.

Und als Wynfried ihm gestern erklrt hatte, da er bereit sei, um Klara
zu werben, hielt er lange stumm die Hand des Sohnes in der seinen.
Wynfried sagte, da der Wunsch des Vaters und die Leere und
Zwecklosigkeit seines Lebens ihn bestimme; die Liebe freilich, die ein
Mdchen zu erwarten pflege und die es verlangen knne, die knne er
nicht vorheucheln. Sie sei ihm sympathisch. Das sei alles.

Darber sprecht euch nur unter vier Augen aus, hatte der Vater
geantwortet. Wenn nur einer liebt, ist es genug. Denn das weckt auch
nach und nach die Liebe des anderen. Und sie liebt dich. Sie ist auf das
rhrendste verndert, seit du hier bist.

Das glaubte Wynfried. Er war es so gewohnt, da die Frauen ihn liebten.
Aber er hatte keine, auch nicht die leiseste Regung von Eitelkeit dabei,
er stand so unberhrbar fern von diesen Dingen -- sein Herz war tot.

Und nun war dieser vorbereitende Brief geschrieben. Leupold sollte ihn
in das Schulhaus tragen, genau um zwlf Uhr sollte er ihn, nach der
letzten Unterrichtsstunde, berreichen ... Dann las sie ihn, kehrte heim
-- konnte in Ruhe nachdenken -- sich vielleicht, wenn sie wollte, mit
der Pflegemutter aussprechen -- war gefat und klar in ihrem Entschlu,
wenn Wynfried um drei hinberfhre. Wohldurchdacht war alles.

Jetzt freilich hatte die Uhr von der Zimmertiefe her noch nicht acht
Schlge herklingen lassen.--

Und die, an die der wichtige Brief gerichtet war, verlie erst gerade
ihre Wohnung, um ihrem Beruf nachzugehen.

Klara erschrak beinahe vor dem Wetter. Oft war's ja drauen viel
ertrglicher, als es von drinnen schien. Heute zeigte es sich umgekehrt.
Die schnen Frhlingstage hatten die Haut schon an Wrme und Sonne
gewhnt. Nun schlug der unnatrlich kalte Regen ihr ins Gesicht. Der
Schirm ntzte wenig. Aber Klara war wettersicher angezogen. Auf dem
braunen Haar sa eine Art Sportmtze von pastellblauer Wolle. Und ihre
Gestalt war ganz und gar in einen dunklen Regenpaletot eingeknpft.

Wie trbselig die Linden um die roten Kirchenmauern standen; aller
Frhlingsglanz war aus ihren Wipfeln herausgesplt. Die Blechrinnen, die
am langen Dachsaum des Kirchenschiffes zu beiden Seiten hinzogen, waren
so bervoll, da allerwrts Tropfenflle ihre Linien begleiteten; ihre
Abflsse, die grauen Drachenkpfe aus Zink, spieen einen dicken Strahl
von Wasser hinab. Es rauschte und pltscherte berall. -- Keine
frhliche Morgenfrhe.--

Klara bemerkte, da der Hauptmann von Likowski mit einem Kameraden vor
ihr herging -- die Herren schienen ebenfalls den Weg zur Fhre hinab zu
nehmen. Sie hatten hohe Stiefel an und braune Handschuhe. Ihre Mtzen
waren wie bestubt von Regentropfen.

Den Hauptmann kannte sie sehr gut, wohnte er doch mit ihr unter einem
Dach. Und die engen Verhltnisse sowie die bereifrige Dienstwilligkeit
der alten Doktorin Lamprecht fr ihren Mieter brachten es mit sich, da
Likowski oft im Erdgescho vorsprach.

Es hie, er sei ganz wohlhabend. Aber er fhrte das einfache,
regelmige Dasein des preuischen Offiziers, der sich fr seine scharfe
Arbeit frisch zu halten hat.

Er war ziemlich gro, etwas steif von Haltung, und in seinem rtlichen
Gesicht stand der weiblonde Schnurrbart aufgebrstet ber einem Mund
mit vorstrebenden Lippen und entschlossenem Ausdruck. Auch seine
hellblauen Augen blickten unternehmend. Haltung und Miene eines
knftigen Divisionrs -- zum mindesten! Doch neckten ihn die Kameraden
mehr wohlwollend als spttisch mit seinem Feldherrnwesen.

Richtig -- die Herren blieben dicht vor ihr. Nun ging's die Fahrstrae
hinab. Sie war so steil, da es dem Abwrtsschreitenden immer schien,
als schubse ihn etwas vorwrts. Und ihr Pflaster war grob. Denn die Hufe
der Pferde wren ohne den Halt, den ihnen die krftigen Kopfsteine
gaben, beim Hinauf- und Hinabfahren schwerer Lastwagen oft ausgeglitten.
Die Strae mndete an der Anlegebrcke, die dem Ufer des
Eisenhttenwerkes schrg gegenber in den Flu hineingebaut war. Sie
bezeichnete auch gewissermaen einen Abschnitt in der Linie seines
Laufes. Von seiner Quelle an war die liebliche Anmut wiesenreichen
Binnenlandes seine Begleitung; dann zog er an der uralten Hansestadt
vorbei und spiegelte deren rote Giebel und zahlreichen hohen Kirchtrme
wider. Von da ab hatte Wasserbaukunst ihm viele Windungen abgeschnitten
und ihm gerade Richtung aufgezwungen, ohne sein idyllisches Wesen
merklich verndern zu knnen. Aber in dieser Gegend hufte die Industrie
ihre grauen und toten Farben auf das Grn der Ufer. Und unmittelbar
hinter dem Punkt, wo das Stdtchen auf ragendem Ufer lag, weitete er
sich zu einer gerundeten Bucht, die, stlich von greren Waldungen
begrenzt, schon durch den Geruch ihres Wassers die Nhe des Meeres ahnen
lie. Es war Salzatem darin. Im Volksmunde hie der Flu auch von da ab,
wie ihn schon die alten Geschichtsbcher nannten: die Salzentrave.

Und die Navigationszeichen, die schweren Bndel der mchtigen
eingerammten Stmme, der Duc d'Alben, wie auch die ziegelroten
Markierungsstangen, die den Schiffen den Fahrweg durch das Wasser der
Bucht zeigten, gab ihr einen groartigen, an die freie, weite See
erinnernden Charakter.

Scharf wehte der Wind ber die vom Regen bestrichene und gegen den
Strom aufgewhlte Wasserflche daher. Klara fhlte ihn im Gesicht, als
strichen ihr kalte, nasse Hnde ber die Haut.

Vom Punkt aus, wo die Fahrstrae auf die Anlegebrcke stie, mute man
noch ein Streckchen am Fu des Abhangs, dicht am Wasser, uferaufwrts
gehen, um an die kleine Fhrstelle zu kommen. An ihr ragte ein geteerter
Pfahl mit einer Glocke und einer weien Inschrifttafel. Und hier mute
nun Klara auf den Hauptmann von Likowski und seinen Kameraden treffen.

Sie warteten; gerade kam der Fhrmann heran und hielt mit starken
Fusten sich und damit den Kahn an der Eisenkette fest, die auf dem
Brckchen aus einem Ringe heraus lief. Er stand ein wenig gebckt, sein
Sdwester war blank vom Regen, sein Rock von Wachsleinwand glnzte na.

Der Hauptmann stieg zuerst ein -- es bedurfte dazu nur des einen
Schrittes hinab auf den flachen Boden des Kahnes. Er wollte Klara
aufmerksam die Hand reichen. Aber sie, mit Bchern und Schirm beladen,
tat schon selbstndig diesen einen tchtigen Schritt hinab. Ihr folgte
der andere Offizier.

Guten Morgen, Frulein Hildebrandt.

Klara nickte -- sie schlo gerade ihren Schirm.

Mit dem aufgespannten Schirm -- im Winde -- das ist mehr Hindernis als
Schutz, sagte sie.

Immer tapfer in jedem Wetter in den Morgen hinaus! sprach er
wohlwollend.

Man mu! Ich wei auch lngst, da das sehr gesund ist. Sie knnen sich
fr Ihren Dienst ja auch nicht nur Schnwetter aussuchen, meinte sie.

Bitte-- sagte jetzt der Kamerad.

Und Herr von Likowski stellte vor: Freiherr von Marning -- Frulein
Hildebrandt..., und er setzte auch gleich erluternd hinzu: Das
gndige Frulein ist die Pflegetochter meiner frsorglichen
Hauseigentmerin.

Gerade schrie der schwedische Dampfer seinen Kameraden, die unter den
Entladebrcken drben ankerten, seinen klagenden Sirenengru zu. Und der
Fhrmann wartete im Kahn. Es war geraten, den Dampfer erst vorbei zu
lassen, denn die Fhrstelle lag ja noch im schmalen Flulauf.

Klara sah den Offizier mit unbefangener Freundlichkeit an. Und sie war
sogleich eingenommen von diesem bartlosen Gesicht. Beinah erstaunt, als
sei es ihr kein neues, fremdes! Den Farben nach war es das eines
dunkelhaarigen. Die Zge hatten festen mnnlichen Schnitt. Die braunen
Augen fielen besonders auf. Eine seltsam eindringliche Leuchtkraft war
in ihnen; aber es waren doch keine Schwrmeraugen. Vielmehr hatte man
sogleich das Gefhl, aus ihnen blicke ein sicherer Wille. Diese ganze
Erscheinung gefiel ihr -- sie wirkte auch frmlich kriegerisch, in dem
feldmarschmigen, betropften Anzug, an dessen hohen Stiefeln schon die
Spuren schlammiger Wege klebten.

So stand er vor ihr.--

Und das ganze, weite, vom Wetter umdsterte Bild um ihn her war wie ein
Rahmen -- voll Bedeutung.

Der Nachen schaukelte mehr und mehr. Obgleich der Fhrmann, gebckt, mit
angespannten Muskeln, gewaltsam die eiserne Kette umklammert hielt.
Strom und Wind zerrten am Fahrzeug. Und nun zog in vorsichtiger Ruhe der
Dampfer vorbei, in der hier gebotenen, verminderten Geschwindigkeit.

Drben rauchte und rumorte das Hochofenwerk; da und dort glhte feuriger
Schein zwischen seinen Bauten.

Der ungeheure Himmelsraum war grau, und dunkle Wolken jagten in der
Hhe.

Gndiges Frulein haben keine Furcht, bei solchem Wetter sich
bersetzen zu lassen? fragte der Freiherr von Marning.

Ich fahre oft bei viel grerem Unwetter. Drben habe ich ein Amt. Ich
bin Lehrerin. Unterrichte an der Schule von Severinshof. Wenn ich da
wohnen wollte, mte ich die alte Dame verlassen, bei der ich seit
meinem zehnten Jahr lebe. Das tte ihr zu weh, sagte Klara einfach.

Nun stie der Kahn ab, und Likowski und Marning hielten sich lachend
aneinander fest -- denn beinahe htten sie im ersten Ansto das
Gleichgewicht verloren.

Klara sa schon auf der umlaufenden Bank, und die Herren folgten ihrem
Beispiel.

Schwer ging die Fahrt, und die vom Dampfer aufgewhlten Wasser wellten
hoch.

Marning sah die schlanke Gestalt an, die sich da so sicher und
ungezwungen ihm gegenber hielt, als wiege man nicht im peitschenden
Regen ber einen Flu, sondern se irgendwo voll Behagen.

Das ist viel gefordert von einer jungen Dame, sprach er.

Likowski hatte ein unklares Gefhl, als msse er das junge Mdchen in
Marnings Augen gewissermaen gesellschaftlich noch heben. Er erzhlte:
Frulein Hildebrandt ist nicht nur die Pflegetochter der Doktorin
Lamprecht, sondern auch die des Geheimrats.

Und Marning merkte auch unwillkrlich auf. Was mit dem Geheimrat
zusammenhing, seine Gunst besa, war allen Menschen der Gegend gleich
interessanter.

Fr Klaras Feingefhl hatte diese Erklrung aber irgend etwas
Kleinliches, ihr nicht Zusagendes, und auch eigentlich zu Likowski nicht
Passendes. Ganz abwehrend klang ihr Ton, als sie sofort eilig
hinzufgte: Ich schulde Herrn Geheimrat viel Dank, er ist sehr gtig.
Pflegetochter -- das ist zu viel gesagt.

Und sie sprach gleich weiter und sah den Freiherrn gerade an. Der
Geheimrat kennt Sie. Er hat mir von Ihnen erzhlt. Sie waren einigemal
bei Verwandten von Ihnen zusammen zur Jagd eingeladen...

Wie ist das viel, da ein solcher Mann sich an den bescheidenen
Leutnant erinnert. Ich kann Ihnen beipflichten: er ist sehr gtig -- er
war es zu mir und wrdigte mich manchen Gesprches, das mir so lehrreich
war. Nun ist das Jagen wohl fr immer vorbei?

Oh, sagte Klara glubig, und ihre Augen bekamen feuchten Glanz, ich
hoffe, da er noch einmal ganz der frhere wird -- die linke Hand kann
er schon wieder bewegen. Und das Bewutsein war ja damals sofort wieder
klar -- das ist das groe Glck...

Pu--r--r--r, machte Likowski mit den Lippen, um Nsse- und
Klteschauer auszudrcken. Angelangt -- na, nu hopp!

Und mit einem Schritt stand er auf der Brcke unterhalb der
Sandsteintreppe. Er nahm die Stufen hinauf mit einer strammen
Gleichmigkeit des Schrittes. Hinter ihm folgten Klara und der
Oberleutnant.

Darf ich Sie bitten -- Frulein Hildebrandt? -- nicht wahr? -- Herrn
Geheimrat Lohmann meine verehrungsvollsten Gre und Wnsche
auszurichten.

Gern. Er hat einmal ausdrcklich gesagt, wie es ihm leid sei, Sie noch
nicht gesehen zu haben. Aber Gste kann er noch nicht empfangen -- darf
noch nicht.

Dann geleiteten die Herren, da sie vorerst den gleichen Weg hatten,
Klara noch auf der Landstrae an den Anlagen vorbei. Sie sah zum Erker
hinauf, der in der Mitte des ersten Stockwerks aus der Front des
Herrenhauses hervorsprang. Und sie sah: da beugte sich das grauhaarige
Haupt aus den Lehnen des mchtigen Stuhles heraus -- so, als sei es
vorwrts ber ein Buch oder eine Schrift geneigt. Da er nicht aufpate,
um sie zu begren, war ein selten vorkommendes, auffallendes Ereignis.

Da mute er schon mit etwas sehr Wichtigem beschftigt sein.

Likowski erzhlte: seine Kerle unter der vterlichen Fhrung von Baby
Hornmarck seien schon ber die Hochbrcke marschiert, um sich im
Grabenausheben und Schanzenaufwerfen zu ben. Er habe den Bauern Vietig
bewogen, seine Brachkoppel dazu herzugeben.

Nun schritten sie an dem mit Eisenspitzen bewehrten Palisadenzaun des
Werkes hin -- nun kamen sie an den stattlichen Verwaltungsgebuden
vorbei, die mit ihren Fassaden den Zaun unterbrachen. Und da war das
mchtige Tor, ber dem auf breitem grauen Blechschild in schwarzen
Lettern zu lesen stand: Eisenhtte Severin Lohmann.

Gerade stand der Portier vor seinem Huschen, das sich drinnen an den
Torpfosten drngte, und sah einen ausfahrenden Wagen untersuchend durch.
Die schweren vlmischen Pferde standen halb schon zum Torbogen hinaus,
und ihre Nstern dampften.

Diesem Tore gegenber mndete ein Landweg, von Knicken eingefat, in die
Strae, die an Severinshof vorbei und weiter hinaus ging.

Und hier muten die Herren sich verabschieden. Likowski konnte es nicht,
ohne noch eine von seinen bitter-humoristischen Betrachtungen
anzustellen.

Wissen Sie, Frulein Hildebrandt -- im Grunde -- nee wirklich -- tun
wir ja ziemlich was hnliches. Nmlich: vorbereiten! Sie schuften, um
aus den rotznasigen Bengels unterrichtete, manierliche Jnglinge zu
machen. Wir schuften, damit diese Jnglinge fixe Kerls werden, die nich
mit der Wimper zucken, wenn's endlich ans Dreinschlagen geht. Na, und
danken tut uns das keiner -- Ihnen nich -- uns nich -- is auch egal! In
der stillen Schufterei is doch was drinn -- das erhebt. -- Na, also:
empfehl' mich gehorsamst...

Er verbeugte sich und legte die Finger an den Mtzenrand. Und so tat
auch Marning.

Ja, sagte Klara, wenn man es so nehmen will--

Sie neigte, ein wenig lchelnd, ihr Gesicht -- das war ein
abschiednehmender Gru voll Anmut und doch voll Zurckhaltung.

Die beiden Herren stapften in den lehmigen Knickweg hinein. Das dicht
verschrankte Gezweig und Gerank der Knicke, das Laub der Hainbuchen und
der Schlehdorne, die kletternden Jelngerjelieberstengel, die grnen
Zweige der wilden Rosen bildeten nasse Mauern. Und in den Spuren der
Rder flo gelbes Wasser.

Was fr eine Stellung nimmt dies Frulein Hildebrandt ein? fragte
Marning.

Klara Hildebrandt? Stellung? Gar keine. Oder 'ne schiefe -- man wei
nie recht. Wohin gehrtse nu eigentlich? Und haben tutse nischt. -- Kann
einen dauern. 'n Mchen #Ia!# Viele sagen: natrliche Tochter vom alten
Lohmann. Aber meine olle Lamprecht sagt: Quatsch! Das Wurm sei an die
zwei Jahr alt gewesen, als die Eltern es mit herbrachten und der
Geheimrat ihre Mutter berhaupt erst kennen lernte.

Wenn sie die Tochter vom Geheimrat wre, wrde er sie legitimieren und
sie nicht so hart fr ihr Brot arbeiten lassen, meinte der Freiherr.

Das erstere allemal -- der ist nicht der Mann, was zu verstecken. Das
zweite sagen Sie nich -- vielleicht erst recht. Na -- aber Frulein
Hildebrandt wrd' mich schn 'runterputzen, wenn sie wte, ich
bedauerte sie. Wissen Sie, Marning -- wenn ich mir das Heiraten nich
abgeschworen htte: _die_ knnt' einen wankend machen. Mein Vermgen
langt ja. Und n' Dispens kriegte man woll durch den Geheimrat -- der hat
Beziehungen -- Verbindungen bis ganz oben ruff ... Nee--

So ehefeindlich? fragte der Kamerad lchelnd.

Nich aus Weiberfeindschaft! Ih wo! Aber sehen Sie: _mal_ mu es ja doch
endlich losgehen -- wir lassen uns ja rein auf der Nase 'rum spielen,
das _kann_ ja nich dauern. Na, und denn will ich kein weinendes Weib und
keine schreienden Kinder zurcklassen, und mein Herz soll keinen
Zwiespalt haben.

Es gibt auch tapfere Frauen. Wir haben eben eine gesehen.

Ach Gott -- das is ja nu ganz was anderes, untern bichen mhseligen
Umstnden dem Broterwerb nachgehen als 'n geliebten Mann in 'n Krieg
ziehen lassen. In der Liebe verndern sich die Weiber vllig.

Marning dachte an das schne, etwas strenge Gesicht unter den braunen
Haaren, auf denen die pastellblaue Wollmtze sa. Er war sich nicht
klar, woher der Ausdruck von Strenge kam. Pltzlich begriff er: diese
seltsam geraden Brauen -- die gaben diesen Zug.

Likowski sagte jetzt: Hren Sie mal -- Sie mssen aber Besuche machen.
Wenn Sie sehr gesellig veranlagt sind, knnen Sie 'rauf nach Lbeck
fahren. Da is viel los -- gastfreie Menschen die ollen Hanseaten. -- Ich
komm' nich oft hin -- unterhalt' blo kameradschaftliche Fhlung mit
dem Regiment da -- fahr' kaum mal ins Theater. Das nimmt Zeit. Tags kann
man nich zum Studieren kommen. Sie wissen ja: ich beschftige mich
immerlos mit Strategie, auch der lteren, hab' mir grade Willisen und
Jomini angeschafft -- man lernt ja immer noch zu. Das kommt einem doch
zustatten, wenn's los geht. Und das tut es doch mal -- mu es mal!...

Nein, sagte Marning. Ich bin nicht bermig gesellig. Nur grade, was
sein muߠ--

Na -- freilich. Ganz abschlieen kann man sich nich. Verkehr ist
Pflicht. Man lernt auch hie und da. Blo nich Kommi werden! Mit
Scheuklappen. Nee. Also denn hier 'rum. Allzuviel is es nich. Um
berblick zu geben: da is der Groindustrielle Stuhr -- der mit der
Sensenfabrik -- entzckende Krabbe von Tochter -- nchstes Jahr geht sie
aus. Denn die paar Honoratioren -- drben der Generaldirektor Thrauf --
wohnt dicht bei der Kolonie Severinshof -- kluger Mann, feine, hbsche
Frau -- drei prosaische Tchter -- semmelblond -- gute Diners und
gemtlich. Ein paar Gter. Vor allem Schlo Lammen! Gott, ber die
verwitwete Baronin Hegemeister reden sich die Leute ja auch die Zunge
wund und fuselig: soll 'n dolles Mdchen gewesen sein -- die Eltern,
reiche Parvens, hatten alle Ursache, sich's zwei Millionen kosten zu
lassen, damit sie unter Dach und Fach kam. Der alte, verschuldete
Hegemeister hatte keine Vorurteile, soll sich nich daran gestoen haben,
da das Mchen schon 'n Hufeisen verloren hatte. -- Wer wei, ob's wahr
is. Kein Mensch kann's jetzt anders sagen: einwandsfrei hlt sie sich,
die schne Agathe. Sieht nur beste Gesellschaft bei sich. Auch der
Geheimrat verkehrte bei ihr, mit Frau -- und die Geheimrtin sei 'ne
scharfe Dame gewesen, sagen alle -- als ich herkam war sie schon dot.
-- Na, vielleicht mcht' die schne Agathe wieder heiraten, was ja an
sich kein sndhafter Wunsch ist. Und auch kein unerfllbarer.
Vorausgesetzt, da sie ihn nich auf meine Wenigkeit fixiert.

Jetzt ffnete sich rechts im Erdwall, der die berregnete, dicht
ineinanderverflochtene Mauer der frischgrnen Gebsche trug, eine breite
Einfahrt. Ihr primitives, niedriges Tor aus Latten war nach der Koppel
zu zurckgeschlagen.

Da wren wir. Und nu wollen wir mal sehen, wie unser 'Baby' die Leute
angestellt hat -- fixer kleiner Kerl, der Hornmarck -- hat 'n Schneid --
na, ein Trost -- man erlebt immer noch famosen Nachwuchs. -- Wir werden
uns mal den Helden von Siebenzig ebenbrtig zeigen. -- Haben Sie
gelesen, Marning -- die letzten Depeschen -- hllisch brenzlich! Passen
Sie auf -- in diesem Sommer erleben wir's...

Unterdessen begann Klara ihren Unterricht. Im freundlichen Schulhaus und
seinen groen Zimmern, die durch beste Einrichtungen gelftet und durch
sehr groe Fenster erhellt waren, konnte man fast das Wetter vergessen,
obgleich der Regen eiligst an den Scheiben drauen niederrann, als sei
es sein Geschft, sie grndlich abzusplen.

Die Kinderschar, Knaben und Mdchen, saen in Reihen, und lauter
aufmerksame Gesichter waren der jungen Lehrerin zugewandt, die neben
einem groen farbigen Bild an der Wand stand. Das war eine
topographische Karte, und Klara lehrte die Kinder die nchste Umgebung
kennen und wute durch allerlei historische Rckblicke, knapp und
einfach vorgetragen, diese eingezeichneten Wlder, Felder und Drfer zu
beleben. Jedes einzelne Gewese war auf der Karte eingetragen. Und Klaras
Augen sahen, wie infolge einer inneren Ntigung, immer wieder auf die
Koppel des Bauern Vietig. Da bte jetzt die Kompanie des Hauptmanns von
Likowski Grabenausheben und Schanzenaufwerfen -- und der Oberleutnant
Freiherr von Marning war auch dabei.--

Pltzlich fiel es Klara ein: Stephan heit er! Der Geheimrat nannte
einmal den Namen.

Und ganz unwillig ber diese Strung ihrer Gedanken wehrte sie das von
sich: dieser Mann geht mich ja gar nichts an.--

Er sah sehr schn aus -- mnnlich und vornehm, und Augen von seltener
Ausdruckskraft hatte er auch.--

Aber wirklich -- er ging sie nichts an. -- Wie tricht, da sie diese
Augen so deutlich vor sich sah. -- Und sie sammelte sich fest und klar
auf ihren Vortrag und all die Fragen der aufmerksamen Kinder und
berwand dieses unbegreifliche Zurckdenken an eine im Grunde so
gleichgltige Begegnung.--

Die Stunde lief ab, und andere folgten ihr -- noch drei -- sie schwanden
schnell dahin. Und als Klara, hinter dem Rcken der letzten sich
hinausdrngenden Kinder, nach ihrem Mantel griff, der am Zeugreck im
Flur, neben der Tr nach dem Spielplatz hing, kam Leupold und hatte
einen Brief und sagte, auf Antwort solle er nicht warten. Sie warf den
Mantel ber den Arm und ffnete sofort den Brief.

Des Geheimrats eigene Handschrift! Konnte es etwas Wichtigeres geben!
Vielleicht bat er sie, im Herrenhause zu essen -- es war heute
Mittwoch----

Und sie las...

Sie mute sich an den Pfosten des breiten Zeugrecks lehnen -- betubt --
fassungslos----

Nun kamen ihre mnnlichen Kollegen -- Herr Magers wollte, ehe er zu
seiner Frau hinauf in das obere Stockwerk ging, ihr noch sagen, da der
kleine Rohrdantz wieder gelogen habe und da sie doch einmal zu der
Mutter des Jungen gehen mge -- aus Frauenmund Warnungen zu hren, kme
die Mutter sicher leichter an. -- Und Herr Kehl strich sich durch seine
blonden Haare und wartete, bis der Vorgesetzte treppan gestiegen war,
und sah Klara ber den Rand seiner Stahlbrille weg unsicher und zrtlich
an. Sogar die Kinder der oberen Klasse hatten es schon heraus: Herr
Kehl ist in Frulein Hildebrandt verschossen. Nun bat er, verlegen ber
diese seine Nebenttigkeit, von der er doch einen wunderbaren Umschwung
seiner Existenz erwartete, ob er ihr das Manuskript einer schon dreimal
von ihm umgearbeiteten Novelle geben drfe, ihr Urteil sei ihm ihm--

Morgen, sagte Klara, morgen--

Und sie zerrte sich ihren Mantel um, drckte sich die Mtze auf den Kopf
und lief hinaus.

Frulein Hildebrandt -- Ihr Schirm!

Sie hrte nicht -- sie fhlte ihren Krper nicht -- nicht Regen -- nicht
Sturm -- Sie lief -- und lief--

Sie dachte nicht, da Vater oder Sohn sie von den Fenstern des
Herrenhauses vielleicht sehen knnten.

Fort, nur fort -- in die Einsamkeit. Nachdenken ber das Ungeheure, das
an sie herantrat.

Wynfried wollte kommen und um sie anhalten.

Die Frau eines Mannes sollte sie werden, den sie nicht liebte.

Was Reichtum -- was Rang! Ich liebe ihn nicht! schrie alles in ihr.

Treppab, auf den Flu zu ging es, wie auf der Flucht. Unten war kein
Fhrmann -- drben sa er, unterm Schirm hockend und das dampfende Essen
aus dem Henkeltopf lffelnd, den seine verwachsene Tochter ihm gebracht.
Ganz gnomenhaft sah das aus -- wie ein Bild aus einem Mrchenbuch.

Und der Wind brauste--

Klara kam ja zehn Minuten frher als sonst -- sie lutete heftig, als
sei Gefahr, an der Glocke. Blechern und doch schrill klang das
dringliche Gebimmel hinber ans andere Ufer, sich vom Chor des
gleichmig rumorenden Lrms, der vom Hochofenwerk her scholl, als
ngstliche Solostimme abhebend.

Es hie warten. Und wie sie dastand, heftig atmend vom Lauf, von der
unerhrten Erregung, ebbte ihr Blut langsam zurck.

Sie wurde bleich, sehr bleich.

Sie begriff, da sie sich fassen, da sie nachdenken mute.

Er liebt mich nicht! Das wute sie durch ihr Frauengefhl.

Sie hatte noch nicht geliebt. Frei und leicht schlug ihr Herz, von
keinerlei Erfahrung und Enttuschung beschwert. Und dennoch wute sie!
Aus jenem Gefhl heraus, das keines Wissens bedarf, um die tiefste
Weisheit zu erkennen.

Er liebt mich nicht!

Weshalb wollte er sie denn zu seiner Frau machen?

Sein Vater hat es gewnscht!

Dies stand ihr ber jedem Zweifel.

Und damit kamen ihre Gedanken in eine andere Richtung.

Ihr war, als frage eine zrnende Stimme sie: Von opferfreudiger
Begeisterung standest du wie in Flammen -- dein Leben wolltest du
hingeben, um ihm zu danken. -- Und nun dein Leben wirklich gefordert
wird, erschrickst du?

Klara starrte wie hypnotisiert auf den Fhrkahn, der vom jenseitigen
Ufer her herangewiegt kam, von starkem Ruderschlag getrieben.

Die Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: Dankbarkeit darf Sie nicht
bestimmen!

Gewi nicht -- nicht fr das, was er allein an ihr getan. Denn sie
fhlte, da dies eine heilige Wahrheit sei: da es noch ein leises Glck
bedeutete, fr die Tochter der Geliebten sorgen zu knnen. Und sie
begriff ahnungsvoll die Tiefe jener anderen Stelle: Wo das Wort Liebe
ausgesprochen wird, lscht es alle anderen Worte aus.

Was er an mir getan hat, war ihm Freude -- das verstehe ich wohl -- es
mu ihm immer gewesen sein, als she meine Mutter ihn zrtlich an dabei
---- Aber das andere!...

Der Treubruch, die Unlauterkeit ihres Vaters -- die groen Summen, die
er dem Werk entzogen -- dieser schmachvolle Tod. -- Und der grandiose
Edelmut, der verzieh und alles verbergen half -- damit ber ihrer Mutter
Leben nicht noch der Schimpf komme.--

Er darf nie wissen, da ich weiߠ...

Klara hatte versprochen, zu schweigen. Aber sie dachte: auch ohne das!
Mein Wissen mu ich ihm verbergen -- immer -- wie er mir seine Grotaten
verbarg. Es gibt eben Dinge, die so auerhalb des Lebens stehen, so
hoch, da es unkeusch ist, ihnen mit Worten zu danken.

Nein, sprach da wieder eine Stimme in ihr, man dankt nicht mit Worten
-- aber mit der Tat!--

Frulein, sagte der Fhrmann, als sie dann einsteigen konnte, Sie
haben Ihre Mtze verloren.

So? antwortete sie mechanisch.

Stumm und als sei ihr ganzer Krper schwer von Blei und alles in ihr
gekettet und unbeweglich, sa sie und wollte denken.

Ein qualvoller Druck legte sich ber ihr Gemt. Eine dumpfe Empfindung:
das Schicksal hatte so viele gtige Gaben fr sie gehabt -- das
Schicksal schenkt nicht, ohne eines Tages die Gegengabe zu fordern.--

Sie sagte sich: Ich mu!

Mit mhsamen Schritten stieg sie hinauf, schleppte sich durch die
regennassen Straen und kam nach Haus.

Da war die Doktorin Lamprecht, mit vielen eiligen, unerschpflichen
Gesprchen und voll Ausrufen: wie sah Klara aus! Und ohne Schirm! Ohne
Mtze! Und leichenbla! Klara hatte Ausreden.--

Bei Tisch kehrten ihre Farben wieder. Na gottlob! sagte die alte Frau,
von rasch emporgekommenen Sorgen ebenso flink befreit, und ntigte Klara
noch mehr warme Suppe auf.

Sie verstand sich pltzlich selbst nicht -- diese wahnwitzige Aufregung
... wie konnte sie das so umwerfen...

Ihr wurde wohler; das Gefhl der Ohnmacht schwand. Sie konnte klar
nachdenken und sich sogar beherrscht die Maske der Alltagsstimmung
vornehmen, bis sie allein in ihrem Zimmer war.

Ihr Kleid war feucht. Sie wechselte es. Ihr Haar war zerzaust. Sie
ordnete es.

Und sie dachte nun endlich auch an den Mann -- stellte ihn frmlich vor
sich hin.

Weshalb wollte er sie heiraten? Sein Vater war doch kein Tyrann, trotz
seines Herrscherwesens. Wenn Wynfried seinem Wunsch ein krftiges Nein
entgegengesetzt htte, wrde dieser Wunsch verstummt sein.

Klara hatte eine dunkle Erkenntnis davon, da Wynfried zu matt zu einem
starken Nein sein mochte.

Vielleicht dachte er, wie sein Vater: da eine Heirat nun fr ihn Trost,
Neuland, Lebenszweck bedeute.

Der alte Herr hatte in den letzten beiden Wochen wiederholt dergleichen
ausgesprochen. Erst jetzt fiel es Klara auf, da er sie immer voll
Bedeutung dabei angesehen. Sie war so arglos gewesen. -- Wie hatte sie
eine so schwindelerregende Schicksalswendung fr sich erahnen knnen!

Sie fragte sich, immer ruhiger werdend: Ist er mir unangenehm?

Nein! Gewi nicht. Nichts an seiner Erscheinung konnte sthetisch
abstoen. Sein Vater hatte manchmal grimmig gesagt: die Weiber sind zu
toll hinter ihm hergewesen. Vielleicht war er sehr geliebt und umworben
gewesen.--

Aber er hatte Schlimmes erfahren. Ein Weib, dem er jahrelang in rasender
Leidenschaft angehangen, hatte ihn verraten.

Mehr wute Klara nicht. Das stimmte sie vom ersten Augenblick an
mitleidig -- machte ihn ihr ein wenig interessant, wie es fr jede Frau
der Mann ist, von dem sie wei: er hat geliebt und gelitten.

Vielleicht konnte sie seinem Leben wieder Frische und allmhlich wieder
Freudigkeit bringen. -- Sie konnte das Ihre tun, in ihm die Liebe zum
Werk, das Verstndnis fr seines Vaters Lebensarbeit zu erwecken -- Sie
sah wohl: noch war das alles tot in ihm.--

Welche Aufgabe!

Sie ahnte, was der alte Mann von ihr hoffte: sie sollte ihm den Sohn zu
_seinem_ Sohn machen helfen.--

Am Fenster sa sie, drauen rann der Regen auf den Hof und schttete
Wasser auf den zu schlanken Lindenbaum mit dem schmalbrstigen Wipfel.
Ihre Hnde hatte sie ums Knie gefaltet. Und sie erhob das Gesicht zum
Bilde ihrer Mutter. Es war voll von wunderbarem Leben, denn ein groer
Knstler hatte es damals gemalt, als Geld im Hause Hildebrandt keine
Rolle spielte. Die ganze Persnlichkeit der Toten sprach aus diesem
Bilde. Hell stand die Gestalt vor einem tiefgrnen Hintergrunde. Die
edlen Zge zeigten den Ausdruck eines wehmtig lchelnden Ernstes.

Und Klara -- sich an diese Zge mit frmlicher Inbrunst des Blickes
hngend, fhlte wieder: Ich mu!

War es denn wirklich ein solches Opfer?

Klara hatte sich niemals in der himmelblauen Sentimentalitt anderer
Mdchen ausgedacht, wie Er aussehen msse.

Und sich in Phantastereien nie verschworen, da sie unter keinen
Umstnden einen anderen nhme als den, der einem Idealbilde gleiche. --
Ihre Lage brachte es nicht mit sich, ans Heiraten zu denken. Sie war
ganz arm. Sie lernte kaum Mnner kennen, die ihr berhaupt auch nur
flchtig die Idee erwecken konnten: der pate fr mich. Weder ein
Hauptmann von Likowski einerseits, noch ein Herr Kehl anderseits regten
dergleichen bei ihr an -- was bei allen obwaltenden Umstnden ja auch
auf der Hand lag...

Und nun wollte ein Mann sie zu seiner Frau machen, der sie auf einen
solchen Platz stellte----

Was wrde sie fr einen Wirkungskreis bekommen!

Das groe Haus mit seinem ganzen, auf reichliche Art eingewhnten
wirtschaftlichen Betrieb. Die Kolonie Severinshof -- denn da gab es noch
viel zu tun -- gerade fr eine Frau. In viele Familien lie sich noch
mehr Segen tragen, als die Wohlfahrtseinrichtungen mglich machten. Und
diese selbst noch zu erweitern und zu verbessern, war auch eine schne
Aufgabe. In der sozialen Frsorge kann eine Frau mit begabterem Blick
das Ntige und vor allen Dingen das seelisch Feinere herausfinden, als
es der wohlmeinendste Mann vermag. Ja, da knnte man schaffen, sich
rhren, ntzlich sein. -- Und als Herrin! Mit groen Mitteln, und durch
Einflu auf den alten Herrn.

War es nicht ein Unrecht gegen viele, wenn sie es ausschlug, diese
Aufgaben zu bernehmen? Sie wute aus Erzhlungen, da Wynfrieds Mutter
gar keine Teilnahme gehabt und gar nicht anerkannte, da sie Pflichten
habe.

Aber sie -- oh, sie wrde mit heiem Willen nach Pflichten suchen.

Ihr Herz klopfte rascher -- eine stolze Vorfreude wallte in ihr auf.

Und dann vor allem: den groartigen alten Mann pflegen--

Wirklich seine Tochter sein! Damit zugleich auch dem Andenken ihrer
heiligen Mutter leben -- viel von dem erfllen, was deren Liebe nie
gedurft...

War das nicht herrlicher Inhalt fr ein Leben?

Man sagte: die Liebe kommt oder geht in der Ehe. Erst die Heirat ist der
rechte Prfstein fr sie.

Klara dachte: vielleicht lerne ich ihn lieben, wenn er erst mein Mann
ist ... Aber dieser Gedanke entglitt ihr -- verschwamm in Trumereien.
Es war, als mache ihr Seelenleben eine Pause -- hlle sich in
Dunkel----

Sie fuhr zusammen -- erwachte. Und wute mit wunderbarer Klarheit: Ich
werde ihn niemals lieben...

Freundlich, herzlich, mit allen Vorstzen, ihn zu verstehen -- ja, so
konnte sie ihn wohl lieb haben.

Aber nicht mit jener Liebe, die stark ist wie der Tod.

Vielleicht war es auch nicht dies Gewaltige, das fr eine segensvolle,
friedliche Ehe nottat.

Konnte nicht aus Freundschaft und dem heiligen Willen zu ntzlicher
Gemeinsamkeit auch ein Glck erwachsen?

Klara wute, was das war: heiraten.

Ihr Mann hatte alles von ihr zu fordern. Sie durfte in einer Ehe, die
sie mit Bewutsein schlo, nichts verweigern...

Und weiter wute sie: gerade in dieser Ehe mute unter allen
Gelbnissen das zur Treue am hchsten stehen!

Wie oft strzen sich zwei zusammen in ein rasch verflackerndes
Liebesfeuer und knnen sich nachher voreinander entschuldigen: wir
ahnten nicht, da es so rasch verglhen wrde.

Hier war kein Wahn, keine Flamme.

Hier warteten nur sittliche Pflichten.

Klara stand auf. Ihr ganzes Wesen war voll von Entschlossenheit.

Sie begriff ihre erste sinnlose Erregung nicht mehr.

Dem alten Mann, dessen Tochter sie nun werden sollte, hatte sie in
heier Dankbarkeit ihr Leben opfern wollen. Sie war bereit----

Die alte Vossen ri die Tr auf, und ihre breite Gestalt mit der blauen
Aufwaschschrze vor der Leibesflle blieb in der breiten Spalte. Ihr
kupfriges Gesicht hatte einen hilflosen und wichtigen Ausdruck.

Da is der junge Herr Lohmann ... mits Auto is er gekommen... sagte
sie verdutzt.

Bitte, sagte Klara.

Wynfried kam auf sie zu und kte ihr die Hand.

Er wurde rot -- es schien, als bernehme ihn pltzlich eine Verlegenheit
ohnegleichen. Mit einer laschen Gefgigkeit war er hergekommen. Alle
Gesprche und die Gedanken waren Theorie gewesen. Jetzt berstrzte ihn
die Wirklichkeit.

Mein Vater hat Ihnen geschrieben? begann er.

Klara fhlte eine wunderbare, liebevolle Ruhe in sich. Unbewut etwas
Mtterliches.

Ja. Ich war sehr, sehr berrascht. Aber es war richtig und herzlich von
Ihrem Vater, da er mich vorbereitete.

Sie schob an dem Tisch -- als wolle sie das Sofa freimachen. -- Tat,
als sei dies ein alltglicher Besuch -- war fast unbefangen--

Und auf welche Antwort darf ich gefat sein? fragte er.

Klara sah ihn gerade an. Ihre grauen Augen waren so klar -- so voll
Gte.

Sie haben mir nichts zu sagen? fragte sie leise.

Er setzte sich aus Nervositt -- unwillkrlich -- legte den Hut auf den
Tisch -- strich sich mit den Fingerspitzen ber die Stirn -- wie sein
Vater pflegte, wenn der sich fassen wollte ... Klara dachte es. Und
diese kleine Bewegung war ihr deshalb seltsam wohltuend. Und immer ruhte
ihr warmer, sicherer Blick auf seinen Zgen. Er begegnete diesem Blick.

Er begriff: ja -- er mute viel sagen -- das hatte sie zu verlangen.
Bitten. Zrtlichkeiten, schne Worte. -- Er konnte nicht. Alles in ihm
wehrte sich.

Sie erwarten nun mit Recht eine Liebeserklrung -- es ist das, was der
Augenblick mit sich bringen sollte. -- Ich ---- liebes Frulein --
Klara -- ich habe ... Schweres liegt hinter mir -- was soll ich sagen --
wie Ihnen begrnden ... Ich bitte Sie, meine Frau zu werden -- ja, das
tue ich aus vollster Sympathie, ich habe...

Er brach ab. Bitterkeit kam pltzlich in ihm hoch -- vielleicht Zorn
gegen seinen Vater, der es verstanden hatte, ihn herzuzwingen -- in
langsamer berredung, in leidenschaftlichen Wnschen.

Nein! sprach Klara ihn unterbrechend. Ich wei ein wenig von Ihnen --
Ihr Vater sagte es mir: Sie haben eine harte Erfahrung gemacht ----
Nein. Ich erwarte keine Liebeserklrung. Sie haben gelitten und leiden
vielleicht noch.

Er ffnete die Lippen -- wie vor berraschung. Er tat einen tiefen
Atemzug...

So darf ich wahr sein?

Kann es zwischen uns eine ernstere Pflicht geben als die Wahrheit?
fragte Klara entgegen.

Es war so viel Wrde in ihrer Art, da es ihm wohltat -- o wie wohl!

Ich komme zu Ihnen, weil mein Leben von entsetzlicher Leere ist, weil
mein Vater glaubt, da ich durch eine Ehe, durch eine Ehe mit Ihnen ein
neues Dasein finden wrde.

Er dachte: Nun sagt sie Nein!

Er wute nicht: war das Erleichterung oder tat sich die Leere nur noch
trostloser auf?

Und Sie selbst? fragte Klara weiter. Haben Sie selbst das Vertrauen,
da ich Ihnen helfen knne?

Wie sie ihn immer ansah! So fest und klar, wie er noch keinen Blick in
keinem Auge gesehen hatte. Das zwang ihn Ja zu sagen.

Irgend eine unklare Empfindung trieb ihn, sich zu erheben -- er stand
vor ihr, in der Haltung eines Respektvollen.

Ja. Und er glaubte an sein Ja.

Ich danke Ihnen. Das ist viel. -- Wie alles liegt, mu es mir ----
genug sein, sagte sie langsam.

Sie willigen ein -- liebe Klara?

Er nahm etwas scheu ihre Rechte.

Groe Aufgaben liegen vor uns. Und ich darf Ihrem Vater nun wirklich
Tochter sein. Sie fhlen wohl: er ist mir der teuerste, der wichtigste
Mensch auf der Welt.

Wynfried wollte fragen: so ist es seinetwegen?

Aber ein unbestimmtes Gefhl verschlo ihm den Mund.

Nicht fragen! Ob sie um des Vaters willen und aus Dankbarkeit so bereit
war? -- Ob sie ihn, wie sein Vater meinte, liebe? -- Nicht fragen...

Sie hatte von ihm keine Lge verlangt -- welche Erleichterung! Dafr war
er ihr dankbar. Was er ihr brachte, wute sie, ahnte sie. -- Was sie ihm
brachte, wollte er lieber nicht wissen.

Wenn sein Vater Recht hatte! Wenn sie ihn liebte! Gestern noch war es
ihm gleichgltig oder gar lstig gewesen, das zu hren. Heute war der
Gedanke, da sie ihn liebe und er das nicht erwidern knne,
beunruhigend, beschmend -- Nein, nicht fragen----

Nun nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hnde. Er dachte: ich mu sie
doch kssen. Er wute: diese Lippen waren unberhrt. Das blitzte so
durch ihn hin; eine flchtige Aufwallung von etwas Reizvollem berkam
ihn. Er kte sie.

Klara nahm den kurzen Ku mit verstndiger Freundlichkeit an.

Wir wollen recht und von ganzem Herzen versuchen, uns zu verstehen,
sagte sie warm.

Sie sprachen noch ber allerlei uere Fragen, und Wynfried nannte sie
Du. Alles war pltzlich ganz einfach und so selbstverstndlich. -- Es
tat ihm sehr wohl, ganz ohne Aufwand von erlogenen Worten und Gesten
auszukommen.

Er wollte sie gleich mit zu seinem Vater nehmen. Der wartete voll
Ungeduld.

Nein, sagte Klara, wie werde ich so davonfahren! Zwlf Jahre hat die
alte Frau treu und eifrig versucht, mtterlich fr mich zu sein! Sie hat
ein Recht darauf, da ich mich in diesem Augenblick als Tochter betrage
-- ich mchte noch allein mit ihr sprechen.

Das gefiel ihm. Er fhlte: sie hat Herzenstakt. Von ihrer sanften,
ernsten und doch so unbegreiflich sichern Art wirkte etwas auf ihn
herber, das ihn beruhigte und zugleich zu einer gewissen Aufmerksamkeit
zwang.

Dies war die erste Stunde ohne Qual und ohne Leere, die er seit vielen
Monaten gehabt hatte.

Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Irgend etwas trieb ihn, ihr
besondere Wrme zu zeigen -- aus Dankbarkeit, weil sie eben _keine_
besondere Wrme zu beanspruchen schien; deshalb nahm er ihre Hand
zwischen seine beiden Hnde.

Dabei schob sich die goldene Kette vor, die um sein linkes Handgelenk
geschmiedet war...

Klara sah sie -- zufllig war sie ihr noch nicht aufgefallen -- sie sah
unwillkrlich genau hin.

Da zog er hastig die Hand zurck -- es war ihm unangenehm, da ihr sein
Armband so offenbar auffiel.

Also in einer Stunde.

Klara stand und sah noch auf die Tr, die sich hinter ihm geschlossen
hatte.

Es wird -- es soll gut gehen! sagte sie sich fest.

Nun also zur alten Frau -- ihrer berraschung, Rhrung, Neugier, aber
auch ihren verzeihlichen kleinen Naivitten und ahnungslosen Plumpheiten
standhalten...

Die Tr von Klaras Zimmer nach den beiden Vorderzimmern war durch einen
groen Schrank verstellt, um der fr die Schulpflichten Arbeitenden mehr
Ungestrtheit zu sichern. Klara mute also ber den Flur.

Da stie sie auf einen fremden Offiziersburschen. Der ri die Mtze ab
und sagte dienstbeflissen: Dies soll ich hier abgeben -- es ist wohl
recht?

Ein weies Paketchen, mit der Aufschrift: Frulein Klara Hildebrandt,
hier.

Verwundert nahm sie es und trug es in ihr Zimmer. Ein unerklrliches
Gefhl beriet sie -- ntigte sie, in ihre Ungestrtheit zurckzukehren.

Sie ffnete.

Ihre pastellblaue, gehkelte Wollmtze...

Und dabei eine Visitenkarte. Unter dem Namen ein Strich, der ihn mit der
Schrift auf der Rckseite der Karte verbinden sollte:

Stephan Freiherr von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
Groherzog Paul, erlaubt sich, das Beifolgende, von ihm Gefundene, der
Eigentmerin mit respektvollem Gru zurckzustellen.

Klara nahm die Mtze, die Visitenkarte -- wickelte beides mit raschen,
unsicheren Hnden wieder fest, fest in das Papier -- ri die Schublade
ihrer Kommode auf und stopfte eiligst das weie Bndelchen tief
hinein...

Ohne sich auch nur noch eine Sekunde aufzuhalten, lief sie nach vorn,
fiel der alten Frau um den Hals und sagte: Oh -- hre...




4


Die Baronin Hegemeister auf Lammen gab Ende August und bevor die
Offiziere ins Manver und nach ihm teilweise auf Urlaub gingen, noch ein
kleines Fest. Es sollte lndlich sein und auf den Genu der schnen
Natur gestellt.

Schne Natur hatte man ja bis zum Verzweifeln genossen. Den ewig langen
Sommer hindurch. Aber die Umstnde ergaben es eben, da man aus der
Langenweile eine Poesie und aus dem Zwang eine Freiheit machte.

Auf ihre Bitte waren der Hauptmann von Likowski und der Oberleutnant von
Marning schon zum Frhstck gekommen, um ihr beizustehen und die
Einteilung der Stunden sowie die Tischordnung mit ihr durchzusprechen.
Was sie alles sehr wohl allein htte bestimmen knnen. Aber sie sei zu
faul dazu, schrieb sie ihrem Freunde Likowski. Und dieser hatte
unterwegs, als sie im Krmperwagen nach Lammen fuhren, gesagt: Blo
Vorwand, uns lnger und allein zu haben -- das zielt auf Sie, Marning --
man mte ja Idiot sein, wenn man's nicht merkte -- da knnense nu Ihr
Glck machen, wennse wolln. Worauf Marning nur ein schwaches Lcheln
hatte, sozusagen ein Geflligkeitslcheln, um dem Sprechenden zu zeigen:
ich habe zugehrt.

Jetzt saen sie zu viert um den Tisch, von dem die orangefarben und
wei gestreifte Markise den Mittagssonnenschein abhielt. Von der
Terrasse sah man in die schne Natur hinaus, an deren Herrlichkeit die
arme Agathe beinahe einging. Denn leider war sie keine Wandeldekoration
und stand ein fr allemal fest. Hchstens, da die Beleuchtung
verschieden war -- oft sogar zu rasch und unberechenbar verschieden. Wer
wute, ob sie sich nicht auch heute noch so zeigen werde, -- denn das
Gewlk, das da so hartnckig tief am nordstlichen Himmel stand?...

Das Schlchen Lammen hatten Hegemeisters sich bald nach ihrer Heirat
erbaut; gerade hier, auf der kleinen Klitsche, die als letzter berrest
groen Familienbesitzes verblieben war. Es gewhrte dem Baron eine Art
Genugtuung, an dieser selben Stelle nun als groer Herr zu leben, wo er
vordem sich vor Glubigern versteckt gehabt. Und er war zu sehr Realist,
um den weiten Rundblick auf die Gegend, die einst zum groen Teil
Hegemeisterscher Boden gewesen war, wehmtig zu finden.

Nun erhob sich, wo einst ein schlecht gehaltenes kleines Gutshaus
gestanden, auf einem der hchsten Uferpunkte am Wyk, das weie Schlo.
Von seinen Fenstern sah man hinaus ber das Wyk, dessen salzige Fluten
nur durch eine flache, sandige Halbinsel von der offenen Meeresbucht
geschieden waren. Als schmaler Landstrich lag die Halbinsel zwischen den
Wassern. Nur an ihrer Spitze verbreitete sie sich erheblich, um
Sportpltzen und einer kleinen, umgrnten Siedlung Raum zu gewhren.
ber sie hinweg ging frei der Blick auf die Ostsee und die blaugrauen,
erhhten mecklenburgischen Waldufer, die drben die Bucht eine Strecke
einsumten, bis dahin, wo Meer und Himmel ungestrt aufeinanderzustoen
schienen.

Man konnte vielleicht glauben, der Flu habe sich schon in den weiten
Wassern des groen Wyk verloren; aber die Spitze der Halbinsel drngte
seinen Lauf noch einmal zusammen, ehe er, an Travemnde vorbei, sich
dann ins Meer ergo.

Travemnde lag da wie ein hollndisches Bild. Entzckend fein und
lieblich an den Uferrand hingebaut und vom malerischen alten Kirchturm
bevatert. Man sah, fern und klein, die gestutzten Linden, die mit
Biedermeierwrde vor den Huserfronten steif einherstanden; man sah die
weien, schmalen Leiber der Segeljachten im Flu ankern und ber den
roten und schwarzen Navigationszeichen die silberhellen Mwen flattern.
Blau war das Wasser, blau der Himmel -- nur dies bedrohliche eine Gewlk
da unten, in der Richtung, wo Fehmarn lag.

Es hatte sich gut speisen lassen im Schatten der gestreiften Leinwand,
auf der Terrasse, die solchen Blick in die groartige, farbenprchtige
und linienkhne Ferne freilie. Und die Nhe gab ein Gefhl von
ppigkeit und Sommerhhe.

Die Terrasse hatte kein Gelnder. In kurzen Zwischenrumen standen an
ihrem Rande weie, viereckige Kbel mit gelb bemalten Fabndern, darin
dunkle auslndische Kugelgewchse grnten. Vor ihr breitete sich ein
Blumengarten, in dem alles duftete und bunt sich aneinander drngte, was
nur im Hochsommer blhen mag. Doch herrschten die Rosen vor, und
Hochstmme edler Sorten zogen sich auch an allen Wegen entlang. Ein
Rosenfreund war der verstorbene Baron gewesen, und sich in Zchtung
verschiedener Arten als Grtnerdilettant zu versuchen, seine
Liebhaberei. Agathe hatte keine Liebhabereien -- die machen immer Mhe
und oft rger, sagte sie.

Nun war sie die alleinige Herrscherin in diesem Besitz. Sie klagte oft
darber, da sie ihn als Last empfinde. Aber was sollte sie machen. Es
war nun einmal viel von ihrem Gelde hineingesteckt worden; ihn zu
verkaufen, hielt wohl schwer. Und in Berlin oder in einem Vorort
zwischen Fabrikschloten und klappernden Maschinen lebten noch die Eltern
-- und die Eltern fanden durchaus, da Agathe Lammen zu behalten habe,
teils um Verlust zu vermeiden, teils weil es ihnen am passendsten
schien.

Als sie das einmal dem Freiherrn von Marning erzhlte, hatte er den
Eindruck gehabt, da die schne Frau ein wenig in Schock vor ihren
Eltern und nicht in sehr inniger Liebe mit ihnen verbunden sei.

Wenn man sie so ansah und beobachtete, war man sehr geneigt, die Schuld
an einem etwaigen Miverhltnisse den Eltern zuzuschreiben.

Nicht wahr? sagte Likowski einmal, gnzlich blonde, mollige, fgsame
Weiblichkeit -- so eine von den heien Trgen.

Stephan Marning war sehr berrascht gewesen, als er die Baronin Agathe
kennen lernte. Er hatte sich nach den Andeutungen ein temperamentvolles,
rot- oder schwarzhaariges Wesen mit einem Stich ins Pikante oder gar
Dmonische vorgestellt. Und er fand eine behagliche Blondine, die nur
ein wenig mit dem zu stillen Lauf ihrer Tage unzufrieden schien,
vielleicht aus dem gesunden Instinkt heraus, da ihr Gefahr drohe, zu
ppig und schlfrig dabei zu werden.

Er kam ganz gern hierher und wurde sehr oft eingeladen. Die Neckereien
Likowskis hielt er fr grundlos, nur eben der Neigung des Hauptmanns, zu
hnseln, entsprungen. Der kameradschaftlich bequeme Ton war nun einmal
Art der Frau.--

Das Frhstck war beendet, der Kaffee und die Zigaretten wurden am
Tische genommen, denn nun fing ja das an, was Agathe die Arbeit
nannte. Sie lie abrumen -- man war von zwei Bedienten umsorgt worden,
die etwas zu aufdringlich hellblau und silbern glnzten. Vor ihr lagen
nun weie Krtchen; ihre wunderhbschen, weichen Hnde spielten damit,
und die Brillanten an den Ringen blitzten. Die etwas volle, aber sehr
wohlgewachsene Gestalt der noch jungen Frau war in ein hchst
kunstreiches weies Kleid gepret. Es hatte vorn einen sehr tiefen
Ausschnitt; die feinen, dnnen Tllfalten, die ihn straff umgaben,
trafen unter einer vorgesteckten Rose zusammen, hchstens eine Hand
breit oberhalb des Grtels. Der Spitzenstoff, der Schultern und Oberarme
bedeckte, war mit keinerlei verhllendem Gewebe unterlegt. So zeigte
Agathe mit reichlicher Unbefangenheit, da sie eine prachtvolle weie
Haut und untadelige Formen habe. Merkwrdigerweise wirkte diese
Enthllung bei ihr wie etwas Selbstverstndliches. Die Farben ihres
Gesichts waren auffallend -- rein der Teint, rosig die Wangen, fast wie
bei einem Wachskopf. Sie war stolz auf diese Schnheit. Die Zge, so
weich sie schienen, so unbeschrieben von Gedanken oder Leidenschaften,
wirkten aber doch nicht tot. Der rote, schwellende Mund und die Augen
konnten den erfahrenen Beobachter wohl beschftigen. Sehr hellblau, gro
und schwimmend waren die Augen. Und das blonde Haar, mehr matt als
goldig in der Farbe, hatte eine erstaunliche und wohlgeordnete Flle.--

Nun brachte der eine Silberblaue auch noch ein Tintenfa. Agathe schob
es der Dame hin, die ihr gegenber sa.

Liebstes Frulein, sagte sie bittend, Sie schreiben die Namen auf die
Karten?

Aber sehr gern.

Frulein von Gerwald tat alles sehr gern. War ja berhaupt froh, wenn
sie einmal in Anspruch genommen wurde.

Ihre berflssigkeit hier war ihre ewige Angst. Zehn Jahre war sie von
Stellung zu Stellung gestoen worden, hatte oft genug keine gehabt. Alle
Damen wollten immer so schrecklich viel, was man doch beim besten Willen
nicht leisten konnte, weil man es nicht gelernt hatte und sich nicht
aneignen konnte.

Diese ihre Dame wollte fast nie etwas. Brauchte sie nur, um Klagen,
Fragen, Sehnsucht, Toilettensorgen laut vor ihr zu bedenken. Und als
Schatten, den sie auf Reisen und bei der Geselligkeit im Hause neben
sich haben mute.

Und wie gut man hier a und trank! Wie sorglos das Geld unterwegs und
daheim ausgegeben wurde! Das tat wohl -- an allem durfte man teilnehmen.
Die Baronin schien es nicht bers Herz bringen zu knnen, einen Menschen
zu demtigen. Frulein von Gerwald schwrmte fr ihre Herrin, sprach ihr
immer nach dem Munde und war schon in den ersten Tagen entschlossen
gewesen, sich hier zu behaupten, und sollte sie auch die Augen gefllig
verschlieen mssen ... Nun war sie schon zwei Jahre hier, aber es hatte
sich niemals die Gelegenheit zum Blind- und Taubtun gezeigt. Was der
sehr befestigten und nie bestrmten Moral des hlichen alten Mdchens
doch eine wohltuende Beruhigung war.

Nun sa sie mit der Feder in der Hand, das Gesicht von beflissener
Aufmerksamkeit gespannt, um flink jeden Namen zu schreiben, der bei
Feststellung der Tischordnung genannt werden wrde.

Mich mu natrlich Lohmann fhren -- er ist zum erstenmal hier, sagte
die Baronin Agathe. Sie lag bequem in dem Rohrsessel, dessen
naturfarbenes Geflecht mit buntseidenen Kissen fast verdeckt war. Und
sie fragte: Haben Sie das junge Ehepaar schon gesehen, Likowski? Sie
wohnen ja doch bei der alten Lamprecht.

Doch. Die junge Frau; sie besucht treulichst ab und an die frhere
Pflegemutter.

Sehr verndert? fragte Agathe weiter.

Ih wo. Keine Spur. Einfach und natrlich, wie sonst.

Aber glckstrahlend?

Likowski erwog -- prfte nach -- machte eine Kopfbewegung.

Glckstrahlend? Das ist nu so 'n Wort. Nee. Klara Hildebrandt hat man
nie angemerkt, ob ihr strahlend oder bekmmert zumute war. Immer
beherrscht.

Sie wird schon glcklich sein, wie sollte sie nicht! sagte Frulein
von Gerwald. Eine Volksschullehrerin, die einen Millionr bekommt! Es
ist beinahe phantastisch! Und sie seufzte.

Gott, sprach Agathe, sie hat sich verkauft! Es gibt ja viele Ehen,
die 'n Handel sind -- so 'rum oder so 'rum. Und sie seufzte auch.

Alle wuten, sie dachte jetzt an ihre eigene Ehe.

Die einen werden verkauft, die anderen verkaufen sich, fgte sie ganz
elegisch hinzu.

Stephan Marning dachte: Ja ... verkauft -- sie hat sich verkauft...
Und er hatte ein Gefhl von Ablehnung, fast von Erbitterung.

Likowskis Ritterlichkeit wallte auf.

Nein, behauptete er, was auch die Leute klatschen -- der Vater soll
ihn gezwungen haben, damit er in Ordnung kme -- htt's zur Bedingung
gemacht fr Bezahlung der Schulden -- soll Klara Hildebrandt eine
Million geschenkt haben, damit sie den Sohn nimmt -- Klara soll ihn
hassen -- der Wynfried soll ein ganz verbrauchter, verseuchter Mensch
sein. -- Ist ja alles Quatsch. Immer wird drauf losgered't, ohne da
eine Seele genau die Motive kennt. Ich bind' doch auch nich aller Welt
auf die Nase, warum ich dies und das tue und lasse. Als ob der Geheimrat
so 'n Schuft wre und ein Mchen an einen verseuchten Mann verkuppelte!
Als ob die Klara Hildebrandt 'n Mchen wre, das sich so schlankweg
kaufen lt! Nee, so 'n simpler, ekelhafter Handel is das nu nich
gewesen. An den Reichtum hat sie nich gedacht. Vom Geld ist bei der
ganzen Verloberei nich ein Ton gesprochen, sagt die alte Lamprecht. Und
sie sagt, vor der Klara msse man den Hut abnehmen.

Sie haben da ja neulich gegessen, fragte Agathe, was fr 'n Eindruck
machte das Paar denn? Und die ganze Sache?

Marning war es nicht angenehm, von diesem Mittag zu sprechen.

Ich war der Gast des alten Herrn, der zu meinen Verwandten vieljhrige,
nahe Beziehungen hat; sie empfahlen mich sehr warm an ihn. Er war
mehrere Monate zu leidend, mich einzuladen. Dann kam die Verlobung und
die rasche Heirat -- das war auch keine Zeit, in der man Gste bittet.
Kaum aber war das Ehepaar von der Hochzeitsreise zurck, da lud der
Geheimrat mich am ersten Sonntag zu Tisch. Und weil der alte Herr und
das junge Paar zusammen einen Hausstand fhren, war das Essen
gemeinschaftlich.

Er machte eine ganz kurze Pause und fuhr dann in einem khleren Ton
fort: Die berragende Persnlichkeit des Geheimrats nahm so vllig all
mein Interesse in Anspruch, da ich mit den jungen Herrschaften mich
nicht eingehend genug unterhalten habe, um irgend ein Urteil abgeben zu
knnen.

Ich hab' immer das Gefhl, da Sie zu schroff ber dieses Paar
denken, meinte Likowski.

Es geht mich so wenig an, da ich gar nichts darber denke, sagte er
kalt.

Fabelhaft der alte Herr! Ist es wahr, da er den Gebrauch der linken
Hand wieder erlangt hat?

Ja. Nur das linke Bein ist noch sehr lahm. Aber sein Geist, seine
Stimmung ist von einer Frische... erzhlte Marning.

Die Freude! Das Glck! Er soll seine Schwiegertochter vergttern!

Ach, Likowski, Sie haben immer 'n Faible fr das Mdchen gehabt,
neckte Agathe.

Meine teuerste Freundin, sprach er voll Haltung, so 'n rauher
Kriegsmann ich auch bin: fr Frauenwrde und Tugend hab' ich das Gefhl
nich verloren. Und wenn's, wie ich _dringlich_ hoffe, demnchst endlich
losgeht, sag' ich nich nur: mit Gott fr Knig und Vaterland, sondern
auch: und zum Schutz der deutschen Frau.

Oh! rief Frulein von Gerwald, wie herrlich empfunden!...

Ich bin rasend gespannt auf Wynfried Lohmann, sagte Agathe laut vor
sich hin trumend. Vor sechs Jahren hab' ich ihn mal erlebt -- sein
Vater gab das erste groe Diner nach dem Trauerjahr fr die Frau --
Wynfried war gerade zum Besuch -- ich hatte ihn neben mir bei Tisch --
Gott, wir waren beide noch so jung -- die Jngsten in der ganzen
Gesellschaft -- wir verstanden uns himmlisch. -- Er war schn wie 'n
junger Gott damals -- hoch, schlank, blond -- und so viel Verstndnis
fr die Frau -- ach, es war ein Abend...

Und in ihrer Stimme klang irgend etwas Schwles mit -- etwas
Sehnsuchtsvolles. -- In ihre Augen kam ein feuchter Glanz -- sie verlor
sich in trumerische Gedanken.

Auf diese Weise kommen wir mit unserer Festordnung nicht weiter,
erlaubte Marning sich zu sagen.

Agathe stand auf, reckte sich lssig -- die ganze ppige Gestalt schien
sich in wohligem Behagen zu dehnen ... Freilich trat dabei auch hervor,
da der Oberkrper eigentlich ein wenig zu gro sei...

Ach was, sagte sie, wir berlassen es Frulein von Gerwald. Sie
machen das -- nicht wahr?

Aber sehr gerne!

Halten Sie nur fest: Herr Lohmann fhrt mich -- alles andere ist weiter
keine Etikettenfrage, alle Gste kennen sich und passen zueinander.

Die junge Frau Lohmann war im Augenblick ihrem Gedchtnis vllig
entglitten.

Ich ziehe mich zurck, meine Herren, um frisch zu sein zu dem
Zauberfest. Tun Sie desgleichen -- Sie wissen ja -- das grne
Fremdenzimmer ... Um fnf Uhr Tee, allmhliche Anfahrt der Gste --
Begeisterung ber die schne Aussicht -- Promenaden -- Gruppenbildungen.
Halb acht Diner. Nachher Mondscheinwasserfahrt. -- 'Nur fr Natur'...
schlo sie, falsch singend und sich ein wenig im Walzertakt wiegend.

Likowski suchte das grne Fremdenzimmer auf, denn er wute: da stand
auch ein Kistchen mit den schweren Importen, die die schne Hausfrau in
ihrer Gegenwart nicht geraucht haben mochte.

Frulein von Gerwald, im soliden hell- und dunkelgestreiften grauen
Seidenkleid, auf dessen undurchdringlich unterfttertem Spitzeneinsatz
sie eine Bernsteinbrosche trug, zog sich mit ihrem Material in einen
kleinen Raum neben dem Esaal zurck. Durch die offene Tr sah sie
manchmal sinnend zu, wie die Blausilbernen und zwei Mdchen, in hellen,
knisternden Kattunkleidern, mit Tllmtzchen auf dem Kopf, die Tafel
deckten. Und dann wieder paarte sie mit emsiger Feder Mnnlein und
Weiblein zur Tischgenossenschaft. Der jungen Frau, geborenen
Hildebrandt, gab sie den Freiherrn Stephan von Marning. Das kam ihr sehr
angebracht vor. Vielleicht waren Likowski und Marning ja die einzigen
Herren, die die junge Frau kannte oder genauer kannte. Es mute fr die
arme kleine Person, der Frulein von Gerwald vorweg rasendes
Lampenfieber und heimliche gesellschaftliche Ungewandtheit zutraute,
doch eine Erleichterung sein, sich auf einen Bekannten sttzen zu
knnen. Und Likowski -- den teilte sie sich selbst zu. -- Welch ein
Mann! Einer von den wenigen wirklich noch edeldenkenden Mnnern ... Wie
er mit blitzenden Augen von Frauenwrde und Tugend sprach!... Tugend
-- das war fr Frulein von Gerwald: wenn man nie das Mindeste mit einem
Mann zu tun gehabt hat. Sie durfte von sich sagen, da sie eine
berflle von Tugend besa ... Und Likowski wute das zu schtzen! Er
war auch in finanzieller Hinsicht nicht gebunden. -- Ach, man konnte
nicht wissen. -- Sie wollte ihm bei Tisch noch innig fr seine
ritterlichen Worte danken...

Stephan Marning aber mochte sich nicht oben im Fremdenzimmer von
Likowski einruchern lassen. Er ging in den Garten. Der war stilisiert
und ganz auf Blumenzucht und dekorative Wirkungen angelegt. Bnke und
Sitzgelegenheiten waren der Anlage reichlich eingeordnet. An diesen
Garten, der eine Flche auf der Uferhhe vor dem Schlo einnahm, grenzte
eine schrg zum Wasser hinuntersteigende Baumpflanzung -- eine Art
Wldchen, von Serpentinen- und Treppenwegen durchzogen. Unten war ein
gerumiges Bootshaus in das Wasser des Wyks hineingebaut. Da lagen ein
Motorboot und ein groes Ruderboot. Zwei Leute hantierten darin herum
und hngten Lampions an Drhte, die kunstreich vom Heck zum Bug und rund
um die Schiffsrnder gespannt waren.

Braungoldener Schatten lag unter dem niederen Dach, das Wasser im
Bootshaus hatte den dunklen Schimmer von Rauchtopas. Man sah durch den
Bau wie durch einen Tunnel. Seine ffnung nach dem Wyk zu war voll
Sonnenglanz und funkelnder Wellenunruhe.

Er schaute eine Weile zu, wie die Mnner in den schaukelnden Booten
faltige Formen auseinanderbogen, da sie zu bunten Ballons wurden.

Aber seine Gedanken waren anderswo als seine Blicke...

Was geht es mich an, ob sich diese junge Frau verkauft hat oder nicht?

Er dachte auch an seine Schwester Martha. Sechs Wochen nach ihrer
Hochzeit war er mit ihr und ihrem Manne, dem Hauptmann von Strenglin,
zusammengetroffen. Und man hatte wohl gesprt, da die beiden, die in
Armut und Treue lange aufeinander gewartet, kaum ihr seliges Liebesglck
vor den Augen anderer recht zu verstecken wuten...

Von solchem elementar sich verratenden, heimlichen Glck hatte er
neulich nichts gesprt, als er mit dem Ehepaar zusammen am Tische des
alten Herrn saߠ...

Aber freilich: auch nichts von Unfrieden, feindseliger Klte,
gelangweilter Hflichkeit...

Ihm schien: freundlich und herzlich war die junge Frau gewesen. -- Er
auch, der junge Ehemann auch.

Nach krassem Unglck sah das nicht aus. Und der alte Herr sprach davon,
wie seine letzten Jahre nun gesegnet seien, und nahm zrtlich die Hand
der Schwiegertochter...

Und welche Ergebenheit, welche liebevolle Art hatte sie -- wenn sie den
alten Herrn bediente...

Was geht das alles mich an?...

Er stieg langsam wieder hinauf, durch die noch so wenig imposante
Anpflanzung.

Ein junges Stckchen Wald -- halbwchsiges Baumgedrnge hat keine
Schnheit, dachte er. Merkwrdig ... wie bei manchen Menschen und
manchen Schicksalen: sie brauchen Reife, um ihre Schnheit zu
offenbaren.

Oben glhte die Nachmittagssonne. Er ging zwischen Wnden von weien,
quadratisch geordneten Holzstben hin. Sie waren anmutig berankt und
durchflochten von allerlei Kletterpflanzen, die er nicht kannte. Wie ein
Korridor war dieser Weg, und er endete an der fernsten Seitengrenze des
Gartens in einem Rundell.

Dies war umgeben von dicht bersponnenen Gitterwnden; der noch blhende
rote #Crimson rambler# bedeckte sie ganz. Vor ihnen, in geflligen
Abstnden voneinander, bildeten schneeweie Bnke einen Kreis. In der
Mitte trug ein Beet eine gedrngte Flle von niederen Rosenbschen; in
allen Farben blhten sie jetzt zum zweitenmal.

Stephan setzte sich. Er fhlte sich von einer unbegreiflichen
Traurigkeit bernommen. Er dachte: Was tue ich hier eigentlich? Und
sagte sich dann: Nun, man mu gesellig sein -- das Leben, der Stand
bringen das so mit sich----

Und woher und warum so niedergeschlagen -- fast mutlos und berdrssig?

Er liebte seinen Beruf mit Inbrunst. Seine schmale Zulage hatte ihn nie
bedrckt. Es war sein Stolz, mit ihr sich einzurichten -- wie das,
gottlob, der Stolz von Tausenden von Offizieren war. Unter
Entbehrungen, in der Stille arbeiten, damit alles bereit sei, wenn
einmal die ernste, groe Stunde kme...

Hei war die Luft, sie bebte in Wellen ber den Rosen, man sah sie
zittern. Und die Rosen atmeten ihren Duft hinein, die Hitze nahm ihm die
Keuschheit, mischte ihm etwas Fades und zugleich Berauschendes bei.

Man wurde schlfrig davon -- und doch so seltsam erregt...

Es war dem jungen Manne, als sei ihm die ganze Brust voll von Wnschen
-- und er htte dennoch keinen beim Namen nennen knnen. Eine unklare
Begierde kam ber ihn, nach irgend einem Glck -- einem groen, seligen
Glck...

Die ppigkeit der Stunde voll Rosenduft, Sonnenglanz und
feierlich-froher Stille bernahm ihn ganz. Wie Arme beim Anblick reicher
Lebensfhrung sich in ihrer Zufriedenheit erschttert fhlen, so whlte
das Prangen dieser Hochsommerschwle in seiner Seele Sehnsucht auf.

Er erschrak und fuhr aus seinem Hintrumen auf -- irgend ein Laut hatte
das Gespinst zerrissen. Er horchte: fern der Heulton eines Dampfers, der
vielleicht fluauf fuhr ... Nein, das hatte ihn nicht gestrt. -- Nun
wute er es: Schritte ... Auf lockerem Silberkies von Gartenwegen kann
auch der kleinste Frauenfu nicht unhrbar gehen.

Und da war auch schon die Herrin dieses durchglhten, durchdufteten und
weltfernen Gartens.

Er wollte aufspringen -- war sehr berrascht.

Nein, ich setze mich zu Ihnen.

Ich dachte, Baronin, Sie wollten ruhen.

Will ich auch -- aber erst eine Stunde nach Tisch -- ich mchte nicht
dick werden -- lieber kastei' ich mich.

Was Frauen nicht alles fr ihre Schnheit opfern knnen.

Na -- sie ist immerhin keine ganz nebenschliche Angelegenheit.
Obgleich es ja gerade fr mich ganz egal ist, ob ich hbsch oder hlich
aussehe, sagte sie.

Sehr dicht sa sie neben ihm, seitwrts und ihm zugewendet. Sie hatte
den Ellbogen auf die Rcklehne der Bank gesttzt, und der runde, weie
Arm zeigte sich in seiner ganzen Schnheit.

Warum gerade fr Sie? fragte er erstaunt.

Ach, sprach sie mit einer gewissen gelassenen Bekmmertheit, wer
sieht mich denn wirklich an? Mit Freude oder Interesse, meine ich.
Denken Sie denn, da es von Wert ist, wenn die gute dumme Gerwald sagt:
Frau Baronin sehen heute wunderbar aus. Oder wenn Likowski mal schwrt,
ich htte meinen #beau jour#. Oder wenn sonst einer der Herren mir 'n
Kompliment sagt -- halb versteckt, damit ihre Frauen nicht eiferschtig
werden. -- Ja, man hat eben keinen Menschen, dem man die Hauptperson in
der Welt ist...

Stephan war ein wenig betroffen, er liebte solche Ergsse nicht -- aber
doch, sie hatte im Grunde Recht. Ihr Leben war, trotz allen Reichtums
und aller Vergngungen, eigentlich einsam -- vielleicht gar innerlich
arm.

Wie schwer, darauf zu antworten.

Ich habe immer gedacht, das Bewutsein ihrer Schnheit beglcke eine
Frau -- denn Schnheit ist immer Ausnahme, Auszeichnung, sagte er.

Aber sie braucht Anerkennung -- Verstndnis -- ich sage nicht:
Publikum! Das meine ich nicht. Die Anerkennung der Gesellschaft nicht.
Ein Wort, ein Blick der Bewunderung von einem geliebten Menschen ...
ach, dafr gibt eine Frau alle Triumphe der Welt hin. -- Und das hab'
ich nicht -- hatt' ich nie...

Das klang aus ihrem Munde nicht geschmacklos -- wurde alles mit einer
Art von Kindlichkeit oder Natrlichkeit vorgebracht.

Er wurde fast verlegen. Hieraufhin konnte er doch unmglich, um sie zu
trsten, ihre Ohren mit Schmeicheleien fllen.

Ihr Gatte wird nicht blind gewesen sein, sprach er.

Es war ihm angenehm, da man mich nicht hlich fand. Das war alles.
Sie wissen es doch -- warum soll ich ein Hehl daraus machen: man hatte
mich in die Ehe mit diesem alten Mann gezwungen. Meine Eltern fhlten
sich nicht disponiert, eine erwachsene Tochter zu bewachen. Papa mit
seiner rasenden Arbeit -- hnlich wie der Geheimrat, aber in
Textilindustrie -- und Mama mit ihren zahllosen Vorstandspflichten --
Mama ist eine Vereinsdame -- Mama hatte auch eine Schwche fr Adel --
ein Baron sollte es sein--

Ich bitte Sie, Baronin, Sie erwarten Gste, Sie wollen froh sein --
lassen Sie die schweren Lebensumstnde heute unbesprochen -- es erregt
Sie.

Sehen Sie, sehen Sie, sagte sie mit klagendem Ton. Niemand hat
Interesse fr mich -- nicht einmal meine Freunde -- ich dachte, Sie
wren mein Freund geworden. Wenn ich einmal von mir sprechen will,
ermahnt man mich gleich, zu schweigen.

Sie hat ja Recht, dachte er. Es war undankbar und ungerecht, sie niemals
zur rechten Aussprache kommen zu lassen.

Merkwrdig, wie viel diese volle, weiche, schne Frau von einem
unverantwortlichen Kind hatte -- zum Schutz, zum Bevormunden
herausforderte.

Sie sollen mir ein andermal so viel von Ihrem Leben erzhlen, als Sie
mir nur immer anvertrauen mgen -- ich erbitte es als besondere Gunst,
sagte er sehr herzlich.

Durch seine Gedanken huschte die Erinnerung an den Klatsch ber ihre
Mdchenjahre -- wer wute etwas Sicheres? Sicher war dagegen, da er
selbst viele Zge der Gutherzigkeit, der freundlichsten Geflligkeit an
ihr hatte beobachten knnen ... Und was pries die Gerwald immer? Ihre
Dame sei gar nicht imstande, ihr eine Demtigung zuzufgen. Welche
Seltenheit -- eine Frau, die eine gebildete Untergebene immer zu schonen
versteht----

Man kann so rasch denken. -- Das alles war ihm gegenwrtig, whrend er
sprach, und frbte seinen Ton noch viel herzlicher, als er wute.

Und sie hrte noch mehr hinein...

Ach ja -- ja, flsterte sie, ja -- ein anderes Mal -- aber bald --
nicht wahr? Bald?

Sie griff nach seiner Hand, und das zwang ihn, die ihre zu kssen.

Eine angenehme, trumerische Befangenheit machte ihn still.

Wie diese Frau hineinpate in die prangende Hochsommerflle und Glut --
als verkrpere sich die heie Stunde in ihren weien, vollen Gliedern.

Er fhlte immer strker eine Versuchung in sich aufsteigen -- sie
drngte ihn zu diesem roten Mund. Der war ein wenig verzerrt vor
Begehrlichkeit. Und ihre schwimmenden Augen hatten weichen Glanz --
schlossen sich halb -- zwischen den Lidern hervor brach ein Strahl von
Hingegebenheit ... von glhendem Verlangen ... da sein Herz zu klopfen
begann...

Mit einem Male begriff er: sie wollte ihn! Er fhlte, wenn er jetzt der
Versuchung erlag, entschied es ber sein Leben. Ein Ku auf diese
lechzenden Lippen, und er war gebunden...

Er ri sich zusammen -- mannhaft und berlegen. -- Nicht in Abwehr. Aber
in Besonnenheit.

Er kte noch einmal ihre Hand ... Das ihr angeborene, wunderlich
zutreffende Verstndnis fr die Annherung und den vorsichtigen Rckzug
eines Mannes blitzte in ihr auf ... Dieser Handku -- das war eine
Abschlagszahlung -- ein Vertrsten -- keine Zurckweisung. -- Aber doch:
es war qulend, in diesem Augenblick, wo sie ihr Leben darum gegeben
htte, sich satt zu kssen.

Sie stand auf -- reckte sich wieder. -- Das war immer wie ein Schauspiel
und ein unbewutes Sichdarbieten -- lachte ein wenig gezwungen, und doch
war zrtliches Gurren in der Stimme.

Ja -- an einem ruhigen Tage -- dann kommen Sie -- Sie allein -- und ich
erzhle Ihnen mein Leben. -- Und jetzt will ich wirklich ruhen...

Sie ging, und zwischen den Gitterwnden, wo grnes Gerank all die
zahllosen Quadrate durchflocht, wandte sie sich noch einmal um, winkte
mit ihrer weien Hand, an der die Brillanten blitzten...

Er blieb ein wenig betubt zurck. Kein Zweifel mehr: sie war in ihn
verliebt, und er konnte sie haben. -- Da war also ein Glck! Er hatte
sich doch schweren Herzens vorhin nach einem Glck gesehnt. Eine Frau
von ppiger Schnheit. -- Sie hat so irgend etwas an sich, als mte
sie in einen Harem passen, dachte er. -- Eine Frau mit groem Vermgen
und Erbaussichten auf noch viel mehr. Eine Frau von gutherzigem Wesen.
Sie weinte neulich beinahe, weil ein Landstraenkter ihren Foxterrier
gebissen hatte ---- sie ist auerstande, sich etwas Schnes zu kaufen,
ohne gleichzeitig die Gerwald zu beschenken, damit der das Zusehen nicht
sauer wird.

Was wollte er, als bescheidener Oberleutnant eines
Linieninfanterieregiments, noch mehr erwarten?

Es war sozusagen das groe Los.

Er sah wieder den roten Mund, die feuchten Augen, den runden Arm, die
weie Haut ... Sein Blut wallte auf ... Und wenn sie jetzt noch hier
gewesen wre ... Aber nein! Besonnen bleiben! Sie prfen -- nichts
berstrzen--

Nachher fand man sich wieder zusammen, war auf der Terrasse, im Salon,
der sich mit zwei Tren auf die Terrasse zu ffnete, in der Diele, die
wiederum an den Salon stie, so da der ganze mittlere Teil des
Erdgeschosses fr gesellige Zwecke sich wie ein einziger sehr groer
Raum benutzen lie. Likowski stellte fest, da eine derartige
Beweglichkeit und der Hang, alle paar Minuten den Platz zu wechseln, ihm
etwas Neues an der allergndigsten Hausfrau sei. Ferner stellte er fest,
da sie eine andere Toilette trug, die er unerlaubt schn nannte, weil
die armen Mnner schwach wie Adam bei solchem Anblick werden muten. Und
bei sich dachte er: sie hat jawoll _noch_ weniger an als vorher ... Aber
dies zarte Lila, dieser hauchdnne Chiffon kleideten sie kstlich.

Agathe lachte etwas nervs und meinte, das Erwarten der Gste, die viel
zu spt kmen, spanne ab.

Und ihr Blick -- den Likowski sah und hchst vielsagend fand -- glitt
hinber zu Stephan Marning. Und -- wahrhaftig: erwiderte der
Oberleutnant den Blick nicht? Unbefangen sah er nicht aus -- das konnte
man bei schrferem Beobachten merken. War die Geschichte spruchreif?
Hatte sein Oberleutnant begriffen und zugegriffen? Er, Likowski, gab
seinen Segen. Von Herzen. Vorausgesetzt, da Marning nicht den Abschied
nhme, um in Wohlleben zu versumpfen. Aber da war ja wohl keine Gefahr.
Marning zog des Knigs Rock um kein Weib, kein Gold und keine Vorteile
aus! Er wute, was jetzt mehr als je die Pflicht des deutschen Soldaten
war: das Schwert blank halten. -- Die Stunde kam bald doch mal, wo ...
Ja, der Stephan Marning -- ein ganzer Kerl -- man konnte ihn heiraten
lassen ... Es interessierte Likowski fabelhaft ... Er dachte: kein
kleines, aber vielleicht auch ein ziemlich anstrengendes Plsier, der
Erlser Agathens zu sein...

Und dann kamen die Gste in rascher Reihenfolge. Etwa fnfundzwanzig an
der Zahl. Da war der Groindustrielle Herr Detlev Stuhr mit seiner
bemerkenswerten Tochter Edith, die heute zum erstenmal in der
Gesellschaft erschien, weil ein Sommerfest, wie ihr Vater sagte, nicht
fr voll rechne. Frulein Edith war von der bezauberndsten Hlichkeit,
sehr rothaarig, sommersprossig, mit einem kecken Nschen und hellbraunen
Augen, aus denen allerlei lustige und zndende Farben sprhten. Ihr Kopf
sa fein auf sehr schlankem Halse, und ihre Gestalt konnte man sich
ebensogut in Jnglingskleidung denken wie in diesem blassen Blau dnner
Stoffe. Und das zu rote Haar war mit einer so malerischen Berechnung
geordnet, da eine Schauspielerin htte davon lernen knnen. Likowski
verkehrte im Ton vterlicher Dreistigkeit mit ihr. Der eigene Vater, ein
hastiger Mann mit scharfklugen Zgen, kokettierte damit, da er zu
schwach sei gegenber der Tochter, und klagte ber sie in Wendungen, die
im Grunde lauter Lob und Preis dieses einzig dastehenden Wesens waren.

Dann sah man das kurzbeinige Ehepaar Herrn und Frau von Pankow. Er
setzte sich gleich in einen der Rohrlehnsessel auf der Terrasse, mit
auseinandergestellten Knien, wie Mnner mit erheblichen Buchen tun,
sprach den Erfrischungen und den Sandwichs eilig zu und hielt dabei
einen kleinen Vortrag, dem der Generaldirektor Thrauf, die Finger um
ein Glas Giehbler geklammert, in khler Ruhe zuhrte.

Wr' ja Selbstmord ... 'ne Verfassung?! Seit 1755 haben wir uns famos
bei der bisherigen befunden ... bin meinem Groherzog loyal ergeben --
das versteht sich -- aber 'ne Verfassung? Da kriegt er die Ritterschaft
nich zu -- nie! Mecklenburg wre ja nich mehr Mecklenburg -- nein.

Und sein breiter Dialekt, aus dem die eu- und oi-Laute wuchtig
aufklangen, gab seiner obotritisch-ritterschaftlichen Ansicht erst die
rechte Frbung. -- Sein rundes Gesicht war rot von der Hitze der
berstandenen Fahrt. Aber sein bichen blondes Scheitelhaar befand sich
in glnzender Ordnung. Der Alte-Kaiser-Bart hatte noch kein weies
Hrchen.

Frau von Pankow, auch kaum mittelgro und ebenso rundlich, sprach etwas
leutselig mit Frulein von Gerwald, der sie sich immerhin nher als
mancher anderen Anwesenden fhlte, weil die Gerwalds eben doch sehr
alter Adel waren.

Beide Gatten, in mangelnder Kritik, gefielen sich in Stoffen, wie sie
fr Krperflle gar nicht ungeeigneter sein konnten. Seinen Spitzbauch
umglnzte eine weie Weste. Und ihren Busen, ihre Hften umprallte
hellgrauer Atlas.

Wie viel Glanzlichter auf wie viel Rundungen, sagte Frulein Edith zum
jungen Leutnant Hornmarck. Und sie lachten.

Likowski warf einen Blick hinber. Sein kleiner Hornmarck, an dem er wie
ein alter Bruder herumerzog, ging ihm zu hitzig mit der frechen Krabbe
um -- alle Woche zweimal spielte man Tennis zusammen -- es kamen
Freundinnen aus Lbeck -- Referendare -- allerhand halbwchsiges Volk,
das sich aber natrlich fr voll und lebensreif hielt. -- Und Hornmarck
hatte sich verliebt. -- Na, das war ja selbstverstndlich. -- Aber es
hie aufpassen: tchtige Entwicklungen nicht durchqueren lassen von zu
frhen Gedanken an Verloberei. Likowski kannte das: mit zwanzig denkt
man intensiver ans Heiraten als um die dreiig herum. -- Und denn diese
Edith! Zu amsant! Amsante Frauen sind was Zweischneidiges...

Die blonden, ruhigen Tchter des Generaldirektors Thrauf sprachen
vernnftig mit zwei Offizieren und dem Freiherrn von Brelow, der als
Administrator eines der groen mecklenburgischen Rittergter verwaltete,
die sich mit fetten Wiesen, weiten Feldern und ruhevollen Wldern an der
Kste hinzogen. Er war nicht mehr ganz jung; ein etwas stiller,
stattlicher Mann, mit einem schmerzlichen Zug im Gesicht, den Sorge
hineingeschrieben.

Wissen Sie, sagte Herr von Pankow vertraulich, das wr' der Mann fr
Ihre lteste. Er ist tchtig und hat Charakter. Ich wollt's ihm gnnen,
da er wieder auf eigene Scholle zu sitzen kme und sich wenigstens das
kleine, eigentliche Stammgut der Brelows zurckkaufen knnte -- sein
Vater war 'ne Jeuratte -- der Sohn is nich belastet -- rhrt keine Karte
an -- nee, kann ich beschwren -- tut er nich.

Das drfte ein zu kostspieliger Schwiegersohn fr mich sein, Herr von
Pankow. Ich habe drei Tchter -- drei! sagte der Generaldirektor
lchelnd.

Pankow stie mit dem Zeigefinger scherzend ein Loch in die Luft, auf
sein Gegenber zu.

Soll ich Ihnen zehn Mark vorstrecken?! Seit fnfzehn Jahren
Generaldirektor mit 'n Ministergehalt und Tantieme auf Severin Lohmann!
Wenn das nicht flutscht...

Die Herren Agrarier denken immer, da wir Groindustriellen uns nur so
auf Goldscken herumwlzen.

In einer anderen Gruppe sprach die hbsche, dunkelhaarige Frau Thrauf
mit der Baronin Bratt und dem Oberleutnant von Marning.

Ja, darber wundern sich immer alle Menschen, wie sehr meine Tchter
meinem Mann hneln. Von mir keinen Zug.

Die Hausfrau kam hinzu. Es war immer, sowie sie Neuankommende begrt
hatte, als zge es sie magnetisch dahin, wo Stephan Marning stand. Und
sie ahnte nicht, da die ganze Gesellschaft es bemerkte. Sie trug eben
ihre Verliebtheit vor sich her wie ein Licht -- vom Betrachten und
Bewachen der Flamme wird der Blick blind fr alles ringsum.

Lohmanns kommen aber sehr spt, sagte sie. Und ich bin so gespannt!
Als sie bei mir Besuch machen wollten, war ich in Berlin -- Papas
Geburtstag. -- Und als ich bei Lohmanns vorfuhr, waren sie aus.

Ich glaube, sagte die alte Baronin, deren Gesicht von Wind und Wetter
braun war wie das eines Mannes, das junge Paar macht sich nicht viel
daraus, zu verkehren. Der Geheimrat hielt ja immer drauf -- er sah ja
auch in der Geselligkeit so 'ne Art volkswirtschaftliche Pflicht -- fand
es auch menschlich freundlich, mit den Gtern weit hinaus Beziehungen zu
unterhalten. -- Neulich, als ich mal zu ihm fuhr -- ich verdanke ihm ja
manches -- als ich Witwe wurde und mein Niehaus allein bewirtschaften
mute. -- Na, das gehrt nicht hierher. -- Neulich hielt er mir einen
kleinen Vortrag ber diese Sachen. Auf seinen Wunsch haben die Kinder
dann Besuch gemacht -- bei mir waren sie mal nachmittags, zur
Kaffeezeit. Ich hatte auch Vorurteile -- wer hat sie nicht! -- die
Heirat war so berraschend. Fr den jungen Lohmann war es wohl das
Beste. Ich kann aber nicht anders sagen: die junge Frau hat mir gut
gefallen. Mir ist auch des Geheimrats Urteil magebend. Und er stellt
sie hoch.

Da fiel ihr ein, da es taktvoller sei, mit der Gattin des
Generaldirektors von Severin Lohmann nicht ber die Schwiegertochter des
alten Herrn zu sprechen. Aber gerade sagte noch Frau Thrauf: Wissen
Sie, Baronin, es war recht eigen -- gerade fr mich! Das kann man sich
wohl denken. Ich hatte manchmal mit Frulein Hildebrandt zu tun gehabt
-- solange keine Frau im Herrenhaus war, kmmerte ich mich, ohne Mandat
sozusagen, manchmal um Severinshof -- in solcher Arbeiterkolonie kann
man immer mal helfend einspringen -- auch im Schulhause sprach ich wohl
vor -- und da Frulein Hildebrandt doch die Tochter des Vorgngers
meines Mannes war, tat mir's immer extra leid, da ihr Leben so anders
lief, als es wohl einst zu erwarten war. Ich hatte auch ohne das viel
Sympathie fr sie, die ich sie merken lie. So was fhlt sich
gegenseitig. Und mit einem Male ist sie die Schwiegertochter unseres
Chefs ... Aber welch ein Takt! Wissen Sie, ihr erstes war, mir noch zu
danken fr die Sympathie, die ich ihr frher gezeigt, und die Hoffnung
auszusprechen, da das eine gute Vorbedeutung gewesen sein mge fr
unser weiteres Verstehen. -- Es berhrte angenehm. Keine Spur von
Auftrumpfen...

Wie alle diese Frau loben! dachte Stephan. Es reizte ihn. Warum die
Nachsicht? Immer wieder sollte man es hart und laut sagen: Sie hat sich
doch verkauft.

Da sind sie, sagte die Baronin Bratt unwillkrlich halblaut, obgleich
das Ehepaar Lohmann fern in der Diele erschien, whrend sie selbst in
der Tr zwischen Salon und Terrasse stand.

Agathe eilte ihnen entgegen. ber die ganze Gesellschaft legte sich
pltzlich Schweigen; aber da jeder einzelne das sofort sprte und als
taktlos empfand, dauerte es keine zweite Sekunde, bis die Stimmen mit
erhhter Lebhaftigkeit sich erhoben.

Das Wiedersehen enttuschte Agathe. Damals war der junge Wynfried schn
wie ein Apoll gewesen -- eine Erscheinung, wie man sie unter der
mnnlichen Jugend der englischen Aristokratie zuweilen trifft. -- Er war
gealtert -- der Jnglingszauber war davon -- stattlich sah er zwar aus;
aber gar nicht mehr auffallend -- so auf der Stelle bezaubernd.

Agathe fand auch die junge Frau nicht schn. Ihr Schnheitsideal waren
natrlich blonde, ppige Frauen mit herrlichem Teint. Und diese Klara
Lohmann schien ihr zu schlank, die Zge zu streng, die Farben zu matt.
Hchstens konnte man gelten lassen, da die Augen gro und ernst waren
und sogleich fesselten.

Nun konnte Frulein von Gerwald erkennen, da ihre Voraussetzungen
unzutreffend gewesen waren. Die junge Frau Lohmann nahm die
Vorstellungen mit einer schlichten Freundlichkeit, gnzlich unbefangen
entgegen; die ihr schon Bekannten -- und es waren schlielich die
meisten -- bekamen ein besonders helles Lcheln. Auch der junge Ehemann
zeigte eine ruhige Verbindlichkeit.

Likowski betonte sich als alter Freund und Hausgenosse. Der Freiherr
Stephan von Marning wechselte mit dem Ehemann einen flchtigen
Hndedruck und verneigte sich fremd vor der jungen Frau.

Wissen Sie, sagte die rothaarige Edith zu ihrem Ritter, dem Leutnant
Hornmarck, dies Ehepaar interessiert mich fabelhaft. Sie machen so 'n
gnzlich unverheirateten Eindruck.

Den nher erlutert zu bekommen, wre interessant, meinte der kleine
Leutnant.

Ach, wer da so 'reingucken knnte! sagte Edith mit einer wahrhaft
gierigen Teilnahme an dieser vielbesprochenen Ehe.

Der Nachmittag ging rasch hin. Die junge Welt trdelte im Garten umher
und war gengsam des Beisammenseins froh, das ja durch mancherlei kleine
Schwingungen, verborgene Wnsche und Elektrizitten vielerlei Reize
hatte.

Agathe versumte oft ihre Hausfrauenpflichten und trstete sich damit,
da Frulein von Gerwald beflissen um die lteren Damen besorgt sei. --
Es zog sie -- es trieb sie -- sie mute, _mute_ immer wieder Stephans
Nhe haben. Sie beobachtete zweimal, da Edith Stuhr, dies Mdchen, dem
man einfach alles zutrauen konnte, mit ihrem Pierrotlachen ihn ansprach.
Ihr Fraueninstinkt wute: diese eben dem Backfischtum entronnenen
Mdchen sind die Todfeindinnen der reifen Frauen -- halten eine
Achtundzwanzigjhrige schon fr alt. Eifersucht qulte sie...

Es war Ende August, und die Dmmerung fllte schon frh den
schwlduftenden Garten. Seine hohe Lage gab den Blick frei nicht nur auf
die weite Ferne und Wyk und Meer, sondern auch auf einen ungeheuren
Himmelsraum, dessen Blau nun langsam erlosch, um sich in eine feine
Farblosigkeit zu verwandeln.

Da kam Frulein von Gerwald eiligst herangerauscht, suchte ihre Herrin
und gab die empfangene Meldung weiter, da man zu Tisch gehen knne. Und
da erst fiel es Agathe ein, da man die junge Frau Lohmann gar nicht im
Garten gesehen habe. Sitzt bei der Baronin Bratt, Hauptmann von
Likowski und Frau von Pankow. Das erinnerte an so viel Wrde. -- Mein
Gott, ja, sie war nun immerhin die Gattin von Wynfried Severin Lohmann.
-- Was haben Sie ihr fr einen Tischherrn gegeben? fragte Agathe, als
sie mit ihrer Gesellschaftsdame auf die Terrasse zuging.

Den Freiherrn von Marning.

Es war Agathe im Grunde sehr, sehr recht. Ungefhrlicher konnte der
geliebte Mann ja nicht untergebracht sein. -- Aber doch: Frau Klara
Lohmann wrde sicher erwarten, da Herr von Pankow sie fhre.
Entschieden -- so war es nicht ganz taktvoll ... Eine nderung aber im
letzten Augenblick unmglich.

Es zeigte sich auch weiterhin, da Frulein von Gerwald keine glckliche
Hand gehabt hatte. Ihre Gutherzigkeit wollte frdern, wo sie zwei auf
dem Wege zueinander witterte. So gesellte sie Edith und den Leutnant
Hornmarck, und darber waren Ediths Vater und Likowski rgerlich; sie
setzte Brelow neben die lteste Thrauf, und das beunruhigte den
Generaldirektor und seine Frau und raubte ihnen die Stimmung. Hinwieder
lie sie die Baronin Bratt von Herrn von Pankow fhren, der dafr
bekannt war, da er gern was Hbsches, Junges zur Seite hatte und
obendrein als Grenznachbar des Brattschen Gutes in vielerlei kleinen
rgernissen mit der ihm zu autoritativen Baronin lebte.

Aber Agathe merkte nichts davon, da ein Teil ihrer Gste nicht sehr
munter schien. Sie war ganz und gar beschftigt. Mit glcklichem Gefhl
beobachtete sie, da Stephan sich mit der jungen Frau Lohmann steif und
hflich unterhielt -- natrlich mochte er sie nicht leiden -- daneben
versumte sie nicht, in Wynfried Lohmann die Erinnerungen an jenen
schnen Abend von damals wachzurufen.

Er lchelte.

Ich bin gewi sehr unbescheiden gewesen! Was man so als junger Dachs
alles wagt! Und nach sechs Jahren darf ich es wohl gestehen: ich war an
jenem Abend rasend in Sie verliebt.

Ach, wie entzckend, das noch nachtrglich zu hren. Ja -- jetzt sind
Sie nicht mehr so ganz flammender Schwrmer. -- Ein wrdiger Mann. --
Schrecklich ernsthaft verheiratet. -- Teilhaber an Severin Lohmann. --
Und machen es wie Ihr Vater und arbeiten von frh bis spt?

Meinen Vater kann niemand erreichen. Die Natur gab ihm zu seinen
Geistesgaben auch noch die Hnenkraft -- sie ist ja noch fast
ungebrochen. -- Wenn die linksseitige Lhmung nicht wre. -- Aber ich
versuche mich einzuarbeiten. -- Das groe Interesse, das meine Frau hat,
ist dabei nicht unwichtig. -- Teilhaber werde ich offiziell am 1.
September.

Ich will versuchen, mich mit Ihrer Frau zu befreunden, sagte Agathe in
pltzlichem Entschlu. Der von ihr geliebte Mann verkehrte doch bei den
Lohmanns. -- Grund genug zum Wunsch, aus der frmlichen Beziehung eine
nhere werden zu lassen.

Es wrde mich freuen, wenn Ihnen das gelnge, Baronin. Meine Frau hat
eine sehr ernste Jugend gehabt. So ist sie ein verschlossener Mensch
geworden. Ein wenig Frhlichkeit knnte unserem Hause nicht schaden.

Der arme Mann darbt gewi an allen Ecken und Enden, dachte Agathe.

Und er dachte, da es immerhin unterhaltend sein knnte, dieses
wundervolle Weib fter zu sehen. Zuweilen ging es ja wie ein Erwachen
durch ihn hin -- ein leiser, noch nicht bestimmter Wunsch wollte
aufwallen, da ihm das Dasein wieder genieenswerter werden mge.

Und diese Frau, wenn man sich zufllig einmal nher zu ihr neigen mute,
hatte einen Duft an sich -- einen ganz bestimmten Duft, s und zart,
den Wynfried kannte. Und dieser feine, eindringliche Wohlgeruch strte
Erinnerungen aus dem Schlaf auf.

Er fragte endlich leise: Was haben Sie fr ein Parfm -- verzeihen Sie
die Frage, Baronin -- aber Sie wissen: was weckt mehr Erinnerung als ein
Duft!

Und sie nannte die Mischung und das Pariser Haus als Bezugsquelle. --
Worte, die ihm ins Ohr klangen wie ein Nachhall aus verrauschten Tagen
... Der bittere Zug kam in seinen Mundwinkel. -- Er sah zu seiner Frau
hinber. Zufllig trafen sich ihre Blicke.

Da lchelte er freundlich...

Das war sein redlicher, gtiger Kamerad, an dessen Hand er wieder
emporkam ... Und im Trotz gegen diesen Duft nickte er ihr zu.

Klara dachte, da das Tafeln niemals ein Ende nhme.

Wie frmlich der Freiherr von Marning neben ihr sa. Nein, mehr noch:
gezwungen, konnte sie denken. -- Und sie wute nicht, was fr Gesprche
sie versuchen sollte -- jedes starb gleich ab. Auf das qualvollste
fhlte sie sich befangen -- und es war geradezu lcherlich, wie ihr eine
ganz kleine Sache immer auf der Zunge lag und wie sie sich doch nicht zu
entschlieen vermochte, davon zu sprechen. Sie war nie dazu gekommen,
ihm fr die arme kleine pastellblaue Wollmtze zu danken, die er damals
gefunden und ihr zugesandt hatte. In ihrer kurzen Brautzeit war sie ihm
einmal begegnet, mit Likowski, der sie ansprach. Bei dieser Begegnung
gratulierte er ihr mit so viel Zurckhaltung, da es ihr weh tat.

Sie ahnte: er sei einer von denen, die dachten, sie habe sich an einen
reichen Mann verkauft.

Das verschlo ihr den Mund.

Auch neulich, als er bei ihnen zu Gast gewesen, fhlte sie sich
auerstande, von der kleinen blauen Mtze zu sprechen -- als sei das
wunder was gewesen, ein Erlebnis, daran man nicht rhren drfe ... Und
nun rang sie mit dem Wunsch, doch davon anzufangen. Es war aber
unmglich.

Einmal fragte sie: Wo standen Sie frher?

In Kln, gndige Frau. Zuletzt war ich in Berlin -- zur Turnanstalt
kommandiert.

Da ist freilich eine andere Welt gewesen. Wird es Ihnen nicht schwer
auf dem Lande, in der kleinen Stadt? Das Leben ist so anders.

Wo ein so gewaltiges industrielles Unternehmen wie die Severin Lohmann
die Gegend beherrscht, ist weder Kleinstadt noch Landstille. Man hat
immer das Gefhl, als wohne man nebenan bei einem Riesen, der von Funken
umsprht dasteht und der Welt zuruft: arbeite!

Wie freut es mich, da Sie es so empfinden, sagte Klara lebhaft. Mir
ist oft, als she ich die ganze wunderbare Arbeit der Natur, die uns
sonst geheimnisvoll verborgen bleibt, sich in einem geschlossenen,
durchsichtigen Proze vor unseren Augen abspielen. In so einem
Httenwerk mit all seinen Nebenprodukten lernt man in die Wirtschaft
unserer Mutter Erde hineinsehen. Die Chemie hat ihr ihre Misch- und
Kochknste abgelauscht und wiederholt sie oben im Licht, auf sicherere
und positivere Art.

Gndige Frau haben Verstndnis und Interesse fr das Lebenswerk Ihres
Herrn Schwiegervaters.

Das war nun wieder eine abschlieende Bemerkung. Aber Klara fragte:
Haben Sie das Httenwerk schon besucht?

Nein; ich fand noch keine Gelegenheit, darum zu bitten.

Wir wollen es Ihnen zeigen -- Wynfried und ich -- oder mein Mann
allein, setzte sie rasch hinzu. Wenn er mich nicht dabei haben
mag... dachte sie.

Ich nehme es mit Dank gelegentlich an, sagte er unbestimmt.

Sie suchte nach einem anderen Thema.

Sind Sie aus eigenem Wunsch oder in einer Familientradition Offizier
geworden? fragte sie.

Aus Wunsch und Tradition, gndige Frau.

Es ist jetzt nicht leicht, Offizier zu sein, sagte sie, der lange
Friede -- und das mehr und mehr entschwindende Verstndnis fr die Gre
Ihres Berufs...

Er sah sie berrascht an. Ihre Blicke trafen sich.

Ganz gewi, gndige Frau. Man hat manchmal zu tun, Bitterkeit von sich
abzuwehren, da sie einem den frohen Mut nicht verdirbt. Die Gage ist
schmal -- die Zulage klein -- Offizier sein, heit von tausend Fllen
neunhundertmal: mit stiller Wrde entsagen knnen und auf alle sorglos
reichlichen Lebensformen verzichten. Man hat sich dem Vaterlande gelobt
und ist mit dem guten Bewutsein zufrieden, das volle Hingabe immer
gibt. Aber wenn man denn so sprt, da diese Hingabe von breiten
Volksschichten gar nicht verstanden und gewrdigt wird -- das tut weh.
Es ist auch kein erhebendes Gefhl, wenn man todmde vom Dienst kommt
und dann als Erfrischung ein Witzblatt in die Hand kriegt, wo alles, was
Uniform trgt, als Troddel dargestellt wird. Na bis auf die Haut ist
man vielleicht, tat in Wind und Klte seit Morgengrauen Dienst --
vielleicht nach halbdurchwachter Nacht bei kriegswissenschaftlicher
Arbeit. Und dann liest man, noch nicht mal blo in sozialdemokratischen
Blttern, Urteile, Schilderungen ber uns, deren Bswilligkeit oder
Unverstndnis einfach grotesk ist. Die Hoffnung, endlich einmal zeigen
zu knnen, wozu wir da sind, was wir gearbeitet haben -- ja, die wird
schon fast Ungeduld. Wenn auch nicht alle so viel davon sprechen wie
Likowski. Und doch -- whrend man so ungeduldig ist, mu man zugleich
aus tiefstem Herzen wnschen, da dem Volke das Grauen eines Krieges
erspart bleibt. -- Ja, er ist nicht ganz einfach, unser Beruf ...
Konflikte ... keine leichten...

Es gehrt stilles Heldentum dazu, sprach Klara. In dieser Zeit, wo
gewisse Schichten das Wort 'Vaterland' nicht hren knnen, ohne von
Hurrapatriotismus und Sentimentalitt zu hhnen. Und nach einer kleinen
Pause sagte sie langsam vor sich hin, was ihr von allen seinen Worten am
strksten gewesen war: Und man ist mit dem guten Bewutsein zufrieden,
das volle Hingabe immer gibt.

Er fhlte, da sie diesen Ausspruch auch fr sich annahm -- so deutlich
fhlte er es, als habe sie es ihm erklrt.

Er versank in Nachdenken. Das seltsame Gefhl der Vorsicht, das ihn
zwang, sich fern und feindlich von ihr zu halten, war ihm entglitten. Er
dachte: Wir verstehen einander -- sie und ich...

Aber sie hatte sich ja doch verkauft -- und das war gegen seine
Einschtzung von Frauenwrde. Er sagte es sich noch einmal
nachdrcklich.

Als man nach Tisch hinauskam, stand die stille, dunkle Hochsommernacht
so mchtig da, da alle Leute sich von etwas rtselvoll Groem wie
gebndigt fhlten und alle einfachen Herzen in Andacht schwiegen. Der
hinschwindende Mond war nur noch eine schmale, orangenfarbene Sichel
ohne Leuchtkraft. Die Sterne schienen ferner als sonst noch -- zu
kleinen Pnktchen geworden, in unermebarer Hhe, kaum erkennbar. Und
die eine Seite des Himmels rabenschwarz. Drben unten blinkerten die
Lichter von Travemnde. Da der Leuchtturm, dessen Lampen man von hier
nicht sah, wachsam seine Arbeit tat, erriet man aus dem gespenstigen
Schein, der nach regelmigen Pausen ber die grenzenlose Dunkelheit
hinhuschte, von der man wute: sie ist das Meer...

Stephan Marning schrak aus vertrumtem Hinsinnen auf. Ohne da er darauf
achtgegeben, hatte Agathe sich ihm genhert. Sie flsterte, als sei
schon geheimes Einverstndnis zwischen ihnen: Richten Sie es so ein,
da wir zusammen ins Ruderboot kommen.

Der heie Ton der dringlichen Mahnung berhrte ihn, als wolle eine
Frauenhand ihn streicheln, die er um keine Liebkosung gebeten hatte ...
Er nahm sich zusammen. -- Sie nicht verletzen -- klug sein. -- Heute
nachmittag, in durchdufteter Sonnenglut htte er doch beinah die roten
Lippen gekt ... Sie war ihm also doch kein reizloses Weib...

Wenn es unauffllig geschehen kann... flsterte er zurck.

Nun zog die Gesellschaft zum Ufer hinab, um die Fahrt in den
geschmckten Booten auf dem nchtlichen Wasser des Wyk zu machen. Nur
ein paar ltere Herren und die Baronin Bratt blieben zurck.

Es wetterleuchtet! schrie Frulein Edith.

Keine Spur. Das ist das Blinkfeuer des Leuchtturms, sagte jemand.

Frulein von Gerwald hatte auch gesehen, da es sehr starkes
Wetterleuchten gewesen war. Aber sie schwieg. Sie wollte ihrer Herrin
nicht das Programm verderben. Und wrgte lieber die jh aufsteigende,
schlotternde Angst hinunter.

Dieser Menschentrupp, von einer teils knstlichen, teils echten
Lustigkeit wie besessen, hatte fr Stephan etwas merkwrdig Trichtes.

Im unsicheren Licht, das die an den abwrtsfhrenden Wegen aufgehngten
bunten Laternen hergaben, sah er dicht vor sich Frau Klara Lohmann.
Zuweilen konnte er ganz deutlich den schlanken Hals mit dem feinen
Haaransatz erkennen und den braunen Haarknoten. Jetzt erst, in diesem
Dmmerlicht fiel ihm auf, wie einfach sie gekleidet war ... Sonderbar.
Sie hatte doch reich werden wollen...

Unten am Bootshaus war ein Gedrnge und Gelchter.

Edith tat, als sei sie bestndig in Gefahr, ins Wasser zu fallen, und
war recht laut. Sie wollte auch durchaus selbst ein Ruder haben, und
deshalb stieg sie in das Ruderboot, wo die blonde Hausfrau, ein wenig
schwer atmend, schon sa und sich von Wynfried Lohmann einen Schal
umlegen lie. Das Boot fllte sich so rasch, da es Stephan keine Mhe
kostete, sich auszuschlieen.

Frau Agathe rief: Aber Herr von Marning sollte doch mit hier
herein...

Und andere Stimmen riefen dagegen: Kein Platz mehr.

O Gott, es wetterleuchtet wirklich! sagte ein Frulein Thrauf.

Das kommt nich! beruhigte der Bootsmann.

Stephan sa dann im Motorboot, vorn auf der kleinen Querbank, neben der
jungen Frau Lohmann. Und die Maschine fing an, eilig und mit kleinen,
dunklen Tnen zu puckern. Man hrte ein paar aufgestrte wilde Enten mit
rauschendem Flgelschlag davonstieben.--

Wie schade, sagte Klara.

Was?

Da wir die Sommernacht entweihen.

Er hatte dasselbe gefhlt.

Frulein Thrauf II und III waren musikalisch, hatten hbsche Stimmen
und fingen an zu singen. Es klang sentimental. In den Gesang hinein
schrie wieder jemand: Es wetterleuchtet aber fix.

Wie schwarz das Wasser und die Nacht. Ohne die Laternen an Bord htte
man vielleicht den metallischen Blauglanz der Hochsommernacht erkannt.
Die roten, durchleuchteten Papierkugeln tteten den Zauber.

Zu solchen gewaltsamen Vergngungen mu man bei frischer Laune sein,
dachte Stephan und konnte selbst nicht begreifen, weshalb ihm dies alles
so berflssig und geschmacklos schien.

Jetzt war es gar kein Zweifel mehr, da das Wetterleuchten immer rascher
trbrot die Gewlkwand am nordstlichen Himmel zerri. Es schien aber
niemand im Boot ein Gefhl fr die wilde Schnheit der zuckenden Scheine
zu haben. Vielmehr stritten alle, ob man umkehren oder weiterfahren
solle. Aber die behielten noch die Vormacht beim Entscheid, die
auftrumpften: Das Ruderboot denkt nicht an umkehren -- seht! Es schiet
flott weiter hinaus. -- Und da ist doch die Baronin selbst an Bord --
und sie ist doch so ngstlich ... Und Likowski ist dabei -- blo keine
unntze Angst, meine Herrschaften.

Das Wasser gluckerte vorn am Bug, und es klang, als plauderten liebliche
Stimmen unbekmmert vor sich hin. Laue Luft wehte den Fahrenden
entgegen, wie das Boot so mit raschem Lauf durch die Flut rauschte.
Einige Minuten lang schwiegen die Insassen.

Mit einem Male zuckte am westlichen und gleich darauf auch am nrdlichen
Himmel ein Blitz. -- Niemand hatte gemerkt, da rundherum Wolken
heraufgezogen waren. -- Eine Frauenstimme stie einen gellenden Schrei
aus.

Und von diesem Augenblick an wurde die Szene grotesk.

Die Blitze sausten zackig von dem schwarzen Himmel nieder, Donner
schtterte durch die Luft, das Wasser grte in Unruhe. Aber man htte
dieses groe Schauspiel ohne Angst ansehen knnen, denn der Mann an der
Maschine lenkte, auf einen Zuruf des Oberleutnants von Marning hin,
ruhevoll das Steuer uferwrts. In acht, in zehn Minuten konnte man
wieder sicher unter das Dach des Bootshauses eingeglitten sein.
Hchstens konnte etwa bald einsetzender Regen fr die Damen unangenehm
werden.

Aber die Frauen wurden von jenem unerklrlichen weiblichen Bedrfnis
gefat, sich in Gefahr und Angst hineinzusteigern. Die instinktive
Begier nach Schrecknissen und die Bereitschaft zum Abenteuerlichen
packte sie ... Sie wurden wie Kinder, die im dunklen Zimmer schreien,
weil sie den schwarzen Mann und andere unbekannte Bedrohlichkeiten
frchten.

Die Offiziere baten -- beschworen -- wurden streng. -- Umsonst. Das
leiseste Schaukeln lie die Sinnlosen von der einen Seite des Bootes
sich auf die andere hinberstrzen. Es schwankte so sehr, da es zweimal
in Gefahr geriet, umzuschlagen.

Und diese wahnwitzige, berflssige Angst war so ansteckend wie alle
nervsen Anflle, die aus Zeugen oft genug Miterleidende machen. Selbst
die vernnftigen beiden Frulein Thrauf weinten -- und die eine schrie:
Wir wollen an Land schwimmen. Sie mute gehalten werden, um sich nicht
ins Wasser zu strzen.

Stephan sa neben der jungen Frau. -- Er fate beruhigend nach ihrer
Hand. -- Klara sa ganz still. Sie schien sehr bleich zu sein. Mit
groen Augen sah sie dem angstzuckenden Gebaren zu -- es hrte ja auf,
lcherlich zu sein, weil es eine ernste Gefahr fr das Boot und alle
Insassen war.

Ein nchster Augenblick -- ein Ungefhr konnte das Unglck herbeifhren
-- es brauchte nur ein Blitz greller und nher herabzufahren. Der Donner
brauchte nur rascher heranzukrachen, und die Frauen wrden vllig den
Verstand verlieren.

Klara allein war nicht von dem Taumel der Furcht, von der Besessenheit
des Grauens erfat worden. Aber sie sah deutlich: diese Tollen
beschworen herauf, was ohne Tollheit gar nicht vorhanden gewesen wre.

Und sie machte sich auf ein furchtbares Ereignis gefat ... Da fhlte
sie, da eine starke Hand trstend die ihre umfate. Sie wute
pltzlich: es kann ja nichts geschehen.

Er sah ihre Selbstbeherrschung -- wie liebte er gefate Haltung,
geschmackvolles Betragen an Frauen. Das dieser jungen Frau inmitten all
der sinnlos sich Gebrdenden war eine Wohltat. Und er dachte: Ich habe
ihr Unrecht getan! Diese Frau, in deren Gedanken und Wesen er heute ein
wenig, nur ein wenig hatte hineinsehen knnen -- die war keiner
niedrigen Handlung fhig.

Warum nicht fortan herzlich und freundlich ihre Freundschaft suchen --
warum nicht trachten, sie nher kennen zu lernen?

Ein Schrei zerri seine Gedanken ... ganz nahe war ein Blitz
niedergefahren. -- Polternd schien die Luft auseinander zu fallen -- als
ob ihre Rume zerbarsten, klang es.

Gleichzeitig legte sich, weil die Frauen sich hinberwarfen, das Boot
steuerbord so stark auf die Kante, da nur das Gegengewicht, das mit
Geistesgegenwart von den Offizieren gegeben wurde, es noch einmal
rettete. Und im nchsten Augenblick schttete es jh vom Himmel nieder
-- als kme ein Tropenregen herab, so gewaltig und gro prallten die
Tropfen auf und in solchen Mengen, als habe einer neben dem anderen
keinen Platz.

Und dieser grandiose Regen go die alberne Angst aus.

Die frchterliche und prickelnde Aufregung vor Tod in Wasserfluten, die
Begierde auf Rettung durch starke Mnnerarme, die Schwelgerei weiblicher
Schutzbedrftigkeit in Gefahr -- alles erlosch. Und nur noch der eine
Gedanke hatte Leben, strkstes Leben: O Gott, mein Kleid!

Die Papierlaternen waren feuchte erloschene Fetzen. Die Spitzen und
Tlle der Kleider nur noch anklebende Lappen.

Stephan begann seinen berrock aufzuknpfen, und die junge Frau erriet
auf der Stelle, da er ihn ausziehen und ihr umlegen wolle.

Lassen Sie, bitte. Wir sind in einer Minute da.

Auch das Ruderboot kam rasch heran -- an seinem Borde schien kein Kampf
der Furcht sich abgespielt zu haben.

Im Bootshause, auf den innen umlaufenden Stegen war ein Gedrnge halb
komischer, halb tragischer Art. Man lachte, weinte, trumpfte auf,
schmte sich.

Die schne Hausfrau ertrug es mit Humor, da ihr blalila Chiffonkleid
nur noch ein unzulnglicher Badeanzug war, und sie fing schon gleich an,
ihr blondes Haar auseinander zu lsen -- alle konnten so seine Flle
sehen -- das machte ihr Spa.--

Am Ufer warteten die zurckgebliebenen Vter und Gatten neben den
Blausilbernen, die ihren Glanz in Gummimntel gehllt hatten. So viel
Regenschirme es im Schlo Lammen nur gab, waren zur Stelle.

Aber was halfen nun noch Schirme.

Wir sind wie gebadete Katzen, schrie Frulein Edith, vor Vergngen
auer sich.

Stephan sah, da Wynfried Lohmann sich in herzlicher Besorgnis seiner
Frau zuwendete.

Vielleicht, dachte er, vielleicht ist das Unwahrscheinliche wahr, und
sie lieben sich.

So endete das Sommerfest auf Lammen, und Agathe hatte wohl Recht, als
sie nachher noch sagte: Diese grlich schne Natur. -- Verla ist nie
darauf.




5


Klara dachte ber die vergangenen Monate nach.

Der Tag lud sie frmlich dazu ein. Es war ihr Geburtstag, und ihr
dreiundzwanzigstes Lebensjahr begann.

Sie sa in ihrem Zimmer. Es nahm die Ecke des Erdgeschosses ein und
hatte ein Fenster nach dem Httenwerk, eines nach den Anlagen und dem
Flu zu. Aber auch von diesem Fenster, an dem die junge Frau ihren
gewohnten Sitzplatz sich hergerichtet, hatte man den schrgen Blick
hinber auf die rauchende, flammende und rumorende Welt der Arbeit.

Die schnen Sachen von Klaras Mutter mblierten das Zimmer. Sie waren
vllig unbeschdigt erhalten gewesen, und man hatte nur ihrem
Mahagoniglanz nachgeholfen. Das weite, tiefe Sofa mit dem graublauen
Seidendamast stand an der Hauptwand. Darber hing das Bild der Mutter.
Das Angesicht, das dem der jungen Frau so sehr glich, leuchtete fein und
hell vor dem grnen Hintergrund im dunkelgoldenen Rahmen. Und auf dem
halbhohen Teeschrank an der Wand gegenber ging zwischen den kleinen
Alabastersulen die gelbbronzene Pendelscheibe hin und her; oberhalb des
Zifferblattes, auf der alabasternen Brcke, schritt der kleine,
fiedelnde Amor. Nichts war hier neu als der Teppich, der zu der
Einrichtung passend beschafft worden war, die Spitzenvorhnge an den
Fenstern und die elektrischen Lampen. Wenn die junge Frau nicht durch
husliche Pflichten oder durch ihren Schwiegervater in Anspruch genommen
war, sa sie am liebsten hier, wo sie den weiten Blick hatte ber den
Flu, das wellige Gelnde, die kleine Stadt, die freundlich und rotbunt
mit all den vielen Fischruchereien drben sich um den Kirchturm
drngte. Sie sah auch die Schornsteine und die Spitzen der wunderlich
phantastischen Bauten des Httenwerks. An den Hochfen, die sich nach
oben zu in gebrochenen Linien verjngten, konnte sie all die sie
umgebenden Rohrwlste und umlaufenden Galerien erkennen. Sie verfolgte,
wie an den Schrgaufzgen die kleinen Erzwagen hochklommen, und wute,
da die dann oben ihren Inhalt in die Beschickungsffnungen
hineinschtteten.

Der Novemberwind nahm den Schornsteinen den Rauch schon vom Rande weg
und zerjagte ihn ostwrts in der Luft. Ein fahler Sonnenschein bekam
manchmal die Wege frei, wenn die grauen Wolken nicht gerade an der
hellblanken Scheibe im Himmelsraum vorbeisausten. Das Wasser des Flusses
und der Bucht, zu der er sich gleich hinterm hohen Ufer des Stdtchens
erweiterte, wechselte die Farbe mit der unruhigen Belichtung. Bald
gleite es in einem beizenden Spiegelglanz, bald sah es stumpf aus, wie
trbes Zinn. Und die Mwen flogen, mit weiem Flgelschlag im Schatten,
mit silbrigem Blitzen in der Sonne.

Im Vordergrund, an den Bschen und Bumen der Anlagen hing hie und da
noch rostfarbenes Laub. Von den meisten sten und Zweigen aber hatten
Nebel, Regen und Sturm es lngst fortgerissen.

Zwischen der Front des Hauses und dem hohen Gitter, das die Landstrae
von der Besitzung schied, arbeitete der Grtner, um die Rosen
niederzulegen und allerlei niedrige Zierstrucher, die den Vorgarten
schmckten, fr den Winter mit Tannendecken zu schtzen.

Aber die junge Frau war keineswegs von Herbstmelancholien
niedergedrckt. Voll guten Mutes und in Dankbarkeit dachte sie ber den
Weg nach, den ihr Leben in den letzten Monaten zurckgelegt.

Auf das allermerkwrdigste war dabei die groe Vernderung in allen
uerlichen Daseinsbedingungen kaum ein Gegenstand ihrer Betrachtungen.
Eigentlich hatte sie sich von heute auf morgen hineingefunden, in einem
reichen Hause zu leben. Vielleicht, weil doch in ihr noch Erinnerungen
genug wach waren an die ppigkeit, die ihre erste Jugend umgab;
vielleicht auch, weil sie in diesem Raum eine ganz gewohnte Umgebung
behalten hatte; und endlich vielleicht auch, weil sie den Sturz vom
Reichtum zur Sorge miterlebt hatte und sich der Trnen ihrer Mutter
entsann. Menschen, die den Wechsel irdischen Glanzes an sich erfuhren,
tragen als Gewinn all des Jammers Unabhngigkeit davon. Klara wunderte
sich selbst oft, wie unabhngig sie von dem Bewutsein der Millionen
dieses Hauses war. Sie sagte auch ganz nchtern und einfach, wenn etwa
ihre Pflegemutter wie trunken und staunend von dem Reichtum sprach: es
ist ja gar nicht meiner! -- Sie war keinen Augenblick berauscht von dem
Wissen, da ihr nun aller Luxus freistehe. Ganz sicher fhlte sie sich
in der neuen Lage und hatte vor allen Dingen die eine bestimmte
Erkenntnis, da es von ihr nicht geschmackvoll sein wrde, Aufwand fr
ihre Person zu verlangen oder zu treiben.

Darum habe ich Wynfried nicht geheiratet, sagte sie, wenn die alte
Doktorin Lamprecht immer wieder ihre einfache Kleidung besprach und
meinte: An deiner Stelle wrde ich... Ja, was nicht alles? Sich mit
Schmuck behngen? Und von Samt und Gold starren?

Klara wute, was sie getan hatte. Ihrer Tat treu zu bleiben, war ihr
einziger Wunsch, ihre einzige Pflicht.

Was sie auf sich genommen hatte, um eine riesengroe Dankesschuld
abzutragen, bestimmte all ihr Tun und Lassen.

Nun sa sie an diesem Novembermorgen, der fr sie wie ein Auftakt zu
einem festlichen Tage war, und dachte nach, wie weit sie denn eigentlich
gekommen sei und ob alles schwer oder leicht gewesen.

Mit dem alten Herrn? Oh, wie leicht, wie beglckend! Von jenem ersten
Augenblick an, wo sie als Braut seines Sohnes neben seinem Sessel
niederkniete und die Hand kte, die den Schimpf vom Grabe ihres Vaters
und die Not von den Tagen ihrer Mutter fern gehalten...

Wynfried stand dabei, und der alte Mann und das junge Mdchen konnten
nicht von dem sprechen, was sie zumeist bewegte. Er konnte nicht bitten:
rette meinen Sohn! Sie konnte nicht schwren: mein Leben fr ihn --
damit er dir recht leben kann!

Aber sie verstanden sich auch ohne Worte auf das wunderbarste, und wie
sie sich damals mit langen, tiefen Blicken alles gesagt, so war es bis
auf den heutigen Tag geblieben: ein Lcheln, ein andeutendes Wort, ein
rascher Blick -- und sie wuten voneinander, was sie dachten. In groen
Fragen und in kleinsten Alltagsdingen. Und der alte Herr sagte manchmal:
Kind, ich mu mir's immer mit Gewalt vergegenwrtigen, da du nicht von
meinem Blute bist. Und er sprach auch von dem Geheimnis seelischer
bertragungen. Deine Mutter hat mich geliebt und hat mich verstanden.
-- Das hat hinbergewirkt auf dein Wesen -- vielleicht ohne da sie es
wute, hat sie aus dir mein Kind geformt.

Klara fhlte auch, wie der tgliche Umgang mit ihm sie reich machte und
wie viel Interesse er in ihr weckte, wie er ihr Wissen erweiterte. Ihr
geistiges Leben, so dachte sie oft, begann in der Zeit, als sie den
Kranken jeden Sonntag hatte besuchen drfen.

Jeder Tag brachte ihr in immer neuer Befriedigung das Gefhl: ich habe
recht getan.--

Die Gesundheit des alten Herrn besserte sich so sehr, wie kein Arzt es
fr mglich gehalten; seine Stimmung war so gleichmig und milde, wie
man es noch nie an ihm beobachtet hatte.

Und der Generaldirektor Thrauf, der ihm mit bewundernder Treue ergeben
war, sagte der jungen Frau: So kommt der groe Arbeiter, der nie fr
sein privates Leben viel Wrme gehabt hat, doch noch zu einem schnen
Abend.

Ja, diese Gedanken waren hell, mit keinerlei Zweifelsfragen behangen.

Und sonst? Die Aufgaben im Hause und die der Stellung?

Da war's nicht so leicht gewesen und auch zur Stunde noch nicht immer
einfach. Die Dienerschaft zwar, das erriet Klara bald, hatte von
vornherein die Annahme: Die junge Frau regiert den alten Herrn, also
heit es bei ihr in Gunst und Gnaden stehen. An Beflissenheit fehlte es
demnach nicht. Da aber Klara nicht im mindesten auf die Fhrung eines so
groen Hausstandes vorbereitet war, mute sie all ihre rasche
Intelligenz zusammennehmen, um in die Aufgabe hineinzuwachsen. Die gute
alte Doktorin Lamprecht konnte ihr, aus dem engen kleinen Rahmen ihres
wirtschaftlichen Lebens heraus, auch keinen Rat geben. Aber sie
entdeckte in sich berraschenderweise die Begabung fr diese Dinge, die
vielleicht nur selten einer echten Frau fehlt. Das machte ihr Mut, und
sie arbeitete sich freudig in den Betrieb hinein. Als ihr Schwiegervater
einmal schalt, da sie zu viel umherlaufe und sich mit der Organisation
der Rechnungsablage, mit der Kontrolle der Wschevorrte und der
Kellerei und anderer Zweige des Haushaltes plage, sagte sie: Ach, Vater
-- das meinst du gar nicht wirklich. Es sind doch Werte! Wenn es auch
vielleicht fr deine Einknfte gleichgltig ist, ob ein paar Tausend im
Jahr mehr verbraucht werden -- fr deine Leute ist es nicht
gleichgltig. Ich denke manchmal, wenn Dienstboten in groen Husern
allzu flott wirtschaften drfen, knnen sie nachher keine guten
Haushalter werden in ihrer eigenen, oft so sorgenvollen kleinen
Selbstndigkeit.

Dazu hatte er dann genickt. Es war ja ganz in seinem Sinne.

Er lebte seit vielen Jahren als groer Herr. Seine unerhrte
Arbeitsleistung konnte sich ungehemmter entfalten, wenn viele und rasche
Bedienung, jede Erleichterung des Verkehrs, alle Bequemlichkeiten ihm
die Mechanik des Alltagslebens unsprbar machten. Auer dieser
Notwendigkeit, sich nie durch geringe Umstnde und den Ablauf der
Nebendinge gestrt zu sehen, bestimmte ihn noch ein anderer Grund zu
reicher Lebensfhrung. Wer in bedeutendem Mae Geld verdient, sagte er
zu Klara, soll es auch in Umlauf bringen; aber Verschwendung ist mir
verhat. Sie ist von Grund aus unsittlich. Und du tust recht, nicht nur
zur Erziehung der Leute, sondern auch um unsertwillen, Aufsicht zu
fhren.

So verstanden sie sich auch hierin. Um Klaras Kleidung kmmerte er sich
nicht. Sie merkte wohl: er sah gar nicht, da sie bei mglichster
Einfachheit blieb, und sie lchelte oft gerhrt in sich hinein, wenn sie
sprte, wie er sie bewunderte. -- Sie dachte dann immer: es ist ja
eigentlich meine Mutter, der er huldigt.

Es gab aber auch eine peinliche Schwierigkeit. Die hatte einen Namen und
hie Leupold. Ein Diener, der sich in fnfundzwanzig Jahren so in die
Art seines Herrn eingelebt hat, da er sie immer versteht und sich ihr
immer anpat, der in so langer Zeit nie unredlich Vorteile gesucht, der
in schweren Nchten treu gewacht und an mhselig-langen Tagen Essen und
Trinken verga, um nur ja nicht einen Wink des Leidenden zu versumen --
ein solcher Mann verdient alle Rcksichten und alle Hochachtung. Mit der
stattlichen Entlohnung und der schnen Ziffer im Testament war es nicht
getan.

Leupold hatte der jungen Volksschullehrerin sehr wohl gewollt. Das wute
Klara noch. Er hatte sogar einen ganz leisen Protektor- oder Gnnerton
gehabt, wenn sie kam und ging. Denn sie brachte seinem Herrn ein bichen
Zerstreuung. -- Von den Betrachtungen, die er frher still bei sich
angestellt ber seines Herrn Vorliebe fr Frulein Hildebrandt, wute
Klara natrlich nichts.

Sie sprte aber, da er die Schwiegertochter seines Herrn nicht mit
Wohlwollen, sondern durchaus mit Eifersucht ansah. Vielleicht, so dachte
sie mit feinem Sprsinn fr die Gemtsvorgnge in Halbgebildeten,
vielleicht fand Leupold auch die Heirat des jungen Herrn nicht
standesgem. Und ganz gewi dachte er, die Pflege der Schwiegertochter
sei dem alten Herrn angenehmer als die Handreichungen des Dieners. Sie
las ihm frmlich die bitteren Gedanken von der Stirn: So lange hab'
doch ich's am besten verstanden... Nun mute sie ihm gewissermaen den
Hof machen, rief ihn oft zur Hilfe, wenn es gar nicht ntig gewesen wre
und wenn der Geheimrat auch sagte: Wozu erst Leupold rufen?

Und es war schwer, hier die rechte Grenze zu finden: sich nichts
vergeben durch zu groe und verkehrte Rcksichtnahme und dennoch immer
dem Manne zeigen, da auch sie dankbar seine Verdienste schtze.

Wie strend. Nur ein Nebenumstand -- nicht mehr. Aber doch. -- Mit den
groen Sachen, die man deutlich sieht und fest fassen kann, wird man
immer bald fertig. Aber die Dinge, von denen man sich immer wieder sagt:
es ist ja nicht der Mhe wert, darber so viel nachzudenken -- das sind
die rechten Strenfriede.

Ihre Wirksamkeit in der Kolonie Severinshof lie sich auch nicht rasch
in die klare Form und zu der segensreichen Ausdehnung bringen, wie sie
sich gedacht gehabt.

So manche Mutter, mit der sie frher aus eigenem herzlichen Antrieb oder
auf Wunsch ihres damaligen Vorgesetzten, des Herrn Magers, ber die
Fehler ihrer Kinder gesprochen oder ber die Wnschbarkeit besserer
Pflege fr die schwchliche Gesundheit der Kleinen, kam nun vertraulich
mit drngenden und unerfllbaren Ansprchen. Es schien gerade, als
htten Mtter und Kinder von der Schicksalswendung der Lehrerin fr sich
auch goldene Berge erwartet. Jeder und jede, denen Klara frher in
besonderer Freundlichkeit Anteilnahme bewiesen, erhob nun Forderungen.

Aber diese Dinge konnte sie mit ihrem Schwiegervater besprechen und von
ihm trstend vernehmen, da die Ungleichheit und die Bedrftigkeit doch
nie aus der Welt zu schaffen sei, und wenn alle Milliardre und
Millionre ihr Gold zur Verteilung brchten.

Das Neinsagen ist bitter, wenn man am gut besetzten Tisch speist, fand
Klara. Und sie erkannte schon sehr rasch, wie das Bitten und Betteln
gerade dem Mildherzigen seine sorglose Lage vergllt.

Noch ehe ihr berhaupt auch nur einmal das Gefhl gekommen war, sie sei
selbst eine reiche Frau geworden, fing sie schon an, die Lasten und
Verantwortungen des Reichtums zu spren.

Auch eine halb verlegene, halb humoristische kleine Episode hatte es
gegeben. Ihr frherer Kollege, dessen glhende Verehrung fr sie den
vergngten Spott der Schuljugend gefunden hatte, weil eben der arme Herr
Kehl seine seelische Abhngigkeit von Frulein Hildebrandt nicht zu
verbergen vermochte, der kam und brachte ihr seine zum achten Male
umgearbeitete Novelle. In zitternder Scheuheit stand er vor ihr, und
ihre unvernderte freundliche Gte ergriff ihn und steigerte sichtlich
seine Begeisterung. Er erbat von Klara Prfung seiner Novelle und die
Besorgung eines Verlegers oder die Herausgabe auf ihre Kosten und vor
allen Dingen ihr Urteil. Klara dachte sich wohl, da er von ihr ging mit
dem Gefhl: nun durch ihre mchtige Hand eins, zwei, drei zu Ruhm und
Gold zu kommen. Aber sie hatte ja gar keine mchtige Hand und genau
ebenso wenig Beziehungen zu Verlegern oder groen Redaktionen wie Herr
Kehl selbst. Und obendrein war die Novelle von berwltigender Komik und
spielte in der Gesellschaft des Hochadels, von der er fabelhafte
Vorstellungen hatte. Als Klara ihm schrieb, da er vielleicht besser
tue, die Welt, die er kenne, zu schildern, und andeutete, da sie seine
Arbeit nicht fr druckreif halte, frchtete sie schon, da sie sich
einen Feind mache. Als sie ihm dann einmal begegnete, grte er kaum und
mit gehssigem Blick. Und von Herrn Magers hrte sie dann, da man den
Kehl entlassen msse. Er spreche bei jeder Gelegenheit in den Stunden
davon, da Reichtum den Charakter verderbe, und Herrn Magers' kluges
Tchterlein hatte gesagt: Papa, es klingt, als wenn er Frulein
Hildebrandt meint. -- Fr die Kinder war sie noch immer Frulein
Hildebrandt.--

Auch vielleicht kaum der Mhe wert, ber die Episode Kehl nachzudenken!
Und doch, wie war es wunderlich, da das eigene Leben in keine Bewegung
kommen kann, ohne, gleichwie in sich fortpflanzenden Wellen, auch
anderer Leben in Bewegung zu setzen.

Ihr Schwiegervater berwies ihr bald eine bestimmte Summe, die ihr in
monatlichen Raten ausbezahlt wurde. Damit sollte sie dann nach eigener
Erkenntnis helfen, wo es ihr gerecht schien. Es wrde nicht ohne
schmerzende Erfahrungen abgehen, meinte er. Aber auch auf diesem Gebiet
heie es: Lehrgeld bezahlen. Er besprach auch mit ihr die vorhandenen
Wohlfahrtseinrichtungen, davon ein Krankenhaus und die Schule die
hauptschlichsten waren. Das beschftigte sie auf erhebende Art. Sie
wollte trachten, sich in diese wichtigen Dinge besonnen einzuarbeiten.

Alles zusammengenommen: ihr Leben war nicht leer.

Und im letzten Grunde reizten ja auch die Schwierigkeiten und machten
fhlbar, da man mit sich und anderen vorwrts kam.

Die wichtigste aller Fragen aber war natrlich diese: Wie weit war sie
mit ihrem Mann gekommen?

Beinahe htte sie sich rasch geantwortet: sehr weit -- berraschend
weit!

Aber wenn sie es ganz genau bedachte, mute sie sich sagen: ich wei es
nicht!

Was fr ein ganz anders geartetes Menschentum ist doch im Manne, dachte
sie.

Davon natrlich hatte sie vorher nichts wissen knnen. Und sie grbelte
dem Rtsel Mann nach.

Sie wute nun schon, da Mann und Weib zwei verschiedene Welten in sich
tragen und da nur die Liebe die groe Kluft berbrcken kann, die
zwischen beiden sich dehnt. berbrcken -- nie ganz ausfllen...

Welches Wunder: einsam steht der eine hben, die andere drben!

Und jeder und jede denkt ber den anderen Teil wie ber etwas nie ganz
Ergrndliches nach.

Das hatte ganz gewi irgend einen geheimnisvollen Zweck und Grund -- war
keine Laune der Natur.--

Von ganzem Herzen, mit einem gewissen freudigen Eifer war sie in die Ehe
gekommen, in der Hoffnung: in ihr lerne ich meinen Mann lieben! Sie
wollte, sie mute ihn lieben lernen. Damit nicht gar eines Tages die
klugen Augen des Vaters doch durchschauten, da sie ein Opfer gebracht
hatte -- ein Dankopfer ... Und auch aus einem eigenen, krftigen
Lebensgefhl heraus: sie wnschte sich das Glck! Wer wnscht es sich
nicht?--

Aber bis zu dieser Stunde war die Liebe -- jene, die sie ersehnte --
immer noch nicht erwacht. Sie meinte es mit keinem Menschen auf der Welt
besser als mit Wynfried. Voll Zartheit, immer nur in Sorge, ihr
heimliches Wirken zu umschleiern, suchte sie ihn zu halten, zu fesseln,
zu beeinflussen, anzuregen.

Es wrde sie erschpft haben, ihre Nerven htten berreizt davon werden
knnen, wenn nicht der Erfolg gewesen wre.

Sie sah es: er kam zum gesunden Dasein zurck -- er begann Reiz an der
Arbeit, Interesse fr das Werk zu gewinnen. Er wurde ein anderer...

War es nicht genug Glck, das zu sehen?

Gab es nicht sehr wahrscheinlich Tausende von Ehen, wo diese ruhige
Freundlichkeit des Gemtes und die groe Pflicht zur Arbeit als voller
Inhalt gengte?

Da es solchem Inhalt an Sittlichkeit fehle, konnte man gewi nicht
sagen...

Allmhlich kam dann vielleicht noch die Gewohnheit hinzu -- all die
tausend kleinen Dinge des Lebens sind ja wie Ringe und bilden zuletzt
eine Kette von nicht mehr bersehbaren Gliedern -- und die umschlingt
dann zwei Menschen und macht ihr Schicksal zu einem...

Ihr erster Erfolg hatte sie ganz betroffen gemacht -- es war nur eine
lcherliche Kleinlichkeit gewesen. -- Und doch: wie hob es sie gleich.

Am Tage nach ihrer Verlobung achtete sie auf sein linkes Handgelenk --
ob da wohl wieder das fatale Armband zum Vorschein kme, das ihr gestern
so unangenehm aufgefallen war -- sie merkte: es war fort!

Vielleicht war es eine Erinnerung an jene schlimme Frau gewesen, um
deretwillen er so viel Jugendjahre vergeudet. -- Es tat Klara wohl, da
er es nicht mehr trug.

Wenn man keine heie Liebe zueinander hat, fhlte sie oft, mu immer
wachsame Rcksicht die Zartheiten der Liebe ersetzen.

Mit sich selbst und ihrem ganzen Verhltnis zu ihrem Manne war sie
vllig im klaren: wenn sie auch keine Leidenschaft fr ihn empfand, wenn
auch niemals ihre Wrme fr ihn, ber die herzliche schwesterliche
Teilnahme hinaus, in beseligte Hingabe sich wandeln konnte -- so mute
dennoch er und nur er der Mittelpunkt ihres Lebens sein und bleiben. Sie
wollte, sie durfte niemals einen anderen lieben! Ihrem Manne irgend
etwas zu verweigern, was innerhalb der Ehe sein Recht zu fordern war,
durfte ihr nie beikommen. Sie mute und wollte ihr Dasein daran setzen,
damit das seine ihm ntzlich und hell werde.

Das war alles sehr ernst, es war mit voller Einsicht bernommen worden,
und sehr klar.

Ganz unklar aber war ihr noch sein Verhltnis zu ihr. Da fingen lauter
Rtsel an.

Das erste und grte war dies gewesen: ein Mann konnte, ohne von
glhender, ausschlielicher, heiliger Liebe fr eine Frau erfllt zu
sein, dennoch in gewissen Stunden und Stimmungen von einem Rausch
hingerissen werden, der der Liebe gleich sah, der ihre Gebrden, ihre
Mienen, ihre bedrngende Hingebung annahm. Und vermochte in solchem
Rausch, was nur Liebe knnen sollte...

Klara ahnte wohl, da lagen die tiefsten Grnde der Verschiedenheit
zwischen Mann und Weib.

Sie wute so wenig vom Wesen des Mannes, da sie keinen Begriff davon
hatte, wie der erste und alleinige Besitz eines schnen jungen Weibes
auch fr einen nicht Liebenden voll Reiz sein kann.

Sie wrde sich nicht im mindesten gewundert haben, wenn Wynfried als ihr
anspruchsloser Freund neben ihr dahingelebt htte, ohne jemals ihre
Schlafzimmertr zu ffnen.

Sie ertrug die letzte, geheimste Gemeinsamkeit der Ehe, das
Anrecht des Mannes an ihren krperlichen Besitz mit einer tapferen
Selbstverstndlichkeit, die ihr geadelt wurde durch den Gedanken an
alles, was sie in diese Ehe hineingezwungen.

Aber schon nach einigen Wochen fing sie an, das, was ihr ein peinliches
Rtsel gewesen war, als tiefe Weisheit der Natur anzustaunen.

Klara wute: sie wrde im Frhling Mutter werden.

Und nun dachte sie immer und immer: dann komme doch noch die groe
Liebe.

In den Wundern der Mutterschaft mute sie ihr erblhen, fr den Vater
ihres Kindes.

Sie bemhte sich, wie sie hier sa und voll Andacht an die Zukunft
dachte und an all das Glck, das dann vielleicht ber sie kme, immer
dringlicher, sich ihres Mannes angenehme Eigenschaften zu
vergegenwrtigen.

Er war ritterlich. Das erleichterte alles.

Klara hatte wohl eine sorgenvolle Ahnung davon, da ihre Gesprche nicht
so eigentlich seine Interessen trafen.

Von seinem frheren Leben erzhlte er sehr wenig. Hchstens einmal, wenn
Klara davon sprach, wie herrlich es in Tirol gewesen sei, wohin sie ihre
Hochzeitsreise gemacht hatten, und wie schn es werden wrde, wenn sie
nach und nach mehr von der Welt kennen lerne. Denn Vater sagte: er
bestehe darauf, da die Kinder jedes Jahr eine groe Reise machen
sollten. Dann beschrieb Wynfried Paris oder London oder die Pltze, wo
er Wintersport getrieben, und den Nil, auf dem er mit Freunden eine
mehrwchentliche Reise in einer Dahabije gemacht habe. Aber von den
Freunden sprach er nicht genauer. Und wenn Klara einmal fragte, so
lehnte er mit einem Lcheln ab und sagte: in sein jetziges Leben paten
die nicht mehr. Und der bittere Zug erschien in seinem Mundwinkel, der
in ihr dies etwas kindliche und etwas trichte rhrende Mitleid
auslste, das unerfahrene Frauen haben knnen, wenn sie sich denken: ein
Mann leidet, weil ein Weib ihn verriet.

Ein herdenmiges Gemeinsamkeitsgefhl regte sich dann ziemlich stark,
wenn auch unbewut in ihr: der Hang des Weibes, zu trsten und das gut
zu machen, was eine Geschlechtsgenossin verbrach.

Klara war klug, war vielleicht bestimmt, sich zu einem bedeutenden
Menschen zu entwickeln. Aber ihre Phantasie war nicht genhrt durch
Wissen vom wirklichen Kampf zwischen Mann und Weib. Und von den
Dunkelheiten auf diesem Gebiet wute sie gar nichts.

So wirkten diese Schleier, die er um sein Vorleben zu hllen wute, nur
interessant, und es war, als sehe man unter ihnen undeutlich Gluten
schimmern und wilde Szenen von Zorn und Klage.

Das gab seiner Person einen Schimmer von Poesie und Romantik.

Sehr gefiel ihr vom ersten Augenblick an seine Haltung in der
Hauptsache. -- Die Hauptsache war fr Klara ja nicht ihre Ehe und
seine Stellung zu ihr selbst, sondern seine Beziehung zum Werk.

Sie war dabei gewesen, wie Wynfried mit dem Generaldirektor Thrauf zum
erstenmal ber knftige Ttigkeit sprach. Klara hatte einen fast etwas
furchtsamen Respekt vor Thrauf, und sie war recht unruhig gewesen, wie
diese Aussprache verlaufen werde. Man konnte dem schlanken, noch
merkwrdig jugendlich wirkenden Mann mit den immer beherrschten Zgen
und den klaren, scharf blickenden Augen eigentlich nie anmerken, in was
fr einer Stimmung er war. Der Geheimrat sagte von ihm, sein
Generaldirektor sei der objektivste Mensch, den er kenne. -- Nun, kaltes
Blut und fester Blick war wohl fr seine Aufgaben ntig. Was gehrte
dazu, solchem Mann zu sagen: Ich werde fortan mit dir arbeiten -- als
knftiger Besitzer -- als Teilhaber. Aber Wynfried hatte den Geschmack,
das nicht zu sagen.

Er streckte dem Mitarbeiter seines Vaters die Hand entgegen und sagte,
mit mehr Lebhaftigkeit als sonst: Ich bitte Sie, mir zu helfen. Es wird
viel kosten, bis ich mich eingearbeitet habe. Ohne Sie, Ihren Rat, Ihre
Offenheit, Ihre Warnungen kann ich's nie! Und vor allen Dingen: stehen Sie
mir bei, da ich mir keine Blen gebe -- vor den Abteilungsvorstnden.
Sie wissen wohl, das kann man auf zweierlei Art -- nicht nur durch
Hineinsprechen, was man denn vielleicht nicht recht zu begrnden
versteht -- auch durch Zurckhaltung kann man's, die schon von fern nach
Unsicherheit aussieht.

Soweit Klara sich schon traute, Mnner wie den Generaldirektor zu
beurteilen, schien ihr, da ihm das wohlgefallen habe.

Jedenfalls war das Verhltnis das beste, und da die ersten Monate doch
die schwersten waren, durfte man hoffen, es bleibe gut.

Natrlich waren Wynfrieds Stimmungen sehr ungleich.

Von seinen Knabentagen an hatte niemand und nichts ihn zur
Regelmigkeit gezwungen. Er hatte auch nicht die gesunde Schulung der
Militrzeit durchgemacht. Um irgend einer Kleinigkeit willen war er
davon freigekommen, als Einjhriger zu dienen. Das Wort Pflicht klang
nur ganz von fern an seine Ohren -- wie es so viele Worte tun, die doch
Unentrinnbarkeiten benennen, aber mit denen man sich erst in
unbestimmter Zukunft nher zu befassen hat.

Es gab Tage, wo er es einfach nicht ber sich gewann, ins Bro zu gehen,
sich auf dem Httenwerk auch nur zu zeigen.

Und da Klara nicht in die unleidliche Rolle der schulmeisternden und
antreibenden Frau fallen wollte, waren ihr solche Tage schwer. Dann
brtete er vor sich hin. Zuweilen ritt er stundenlang und kam erschpft
heim. Er war unfreundlich, und alles schien ihn zu langweilen.

Ihr gutes Glck hatte Klara geleitet, da sie ihre Sorge dann verbarg
und mit keiner Frage, keiner Bemerkung zeigte, wie bekmmerlich oder wie
auffallend sie sein Verhalten finde. Sie blieb freundlich und schien
nichts Besonderes zu bemerken.

Verzeih, sagte er das eine und andere Mal dann von selbst, ich bin
heute unleidlich...

Nach solchen Tagen voll Unruhe und Verstimmung kam meist ein Anfall von
Eifer -- von erhhter Liebenswrdigkeit.

Dann erzhlte er bei Tisch, offensichtlich seiner Frau zu gefallen, von
den Ereignissen drben auf dem Werk: er hatte den ganzen Morgen in der
Einkaufsabteilung gearbeitet. Gerade traf der Dampfer Severin wieder
aus Spanien ein, hatte aus Katalonien eine Ladung Roteisenstein geholt
-- was fr 'n humorvoller, frischer Mann der Kap'tn Fehrs. -- Oder: ein
neuer Dampfer sei seit kurzem bestellt, er lag schon auf den Hellingen,
und sobald die Lbecker Schiffswerft ihn von Stapel laufen lassen
konnte, mute Klara ihn taufen -- Klara Lohmann sollte er heien und
nicht anders. Ein andermal: er hatte an der Beratung teilgenommen, zu
welcher sich der Generaldirektor, der Chemiker Doktor Thomas und der
Ingenieur Drscher um den Stuhl des alten Herrn versammelt gehabt. Es
handelte sich darum, da aus der Schlacke die Kalkteile herausgeschieden
werden sollten, um zur Zementfabrikation verwendet zu werden. Und er,
Wynfried, hatte auch seine Meinung sagen sollen, denn er habe doch als
Volontr auf dem Httenwerk Hphestos im Rheinland gearbeitet, wo man
bekanntlich den Kalkgehalt der Schlacke so verwerte. Er berichtete ganz
ehrlich, da er seinem Vater und den Herren offen habe eingestehen
mssen, da er whrend seiner Zeit auf Hphestos nicht das
allergeringste Interesse fr diese Dinge gehabt habe.

Da war Klara ganz erschreckt gewesen.

Was sagte Vater? fragte sie rasch. Es war ihm sicher peinlich, da du
solche Antwort geben mutest. Was hast du denn getan damals auf
Hphestos?

Vater schwieg, antwortete er nur.

Bist du auf Hphestos nicht nach und nach in allen Abteilungen
beschftigt worden? fragte sie und sah ihn in lebhaftem Interesse an.

Ich -- nein -- ich mute damals oft in Paris sein -- ein -- Freund dort
bedurfte meiner.

Dann, in pltzlichem Entschlu, als sichere er ihren fragenden Blicken
etwas zu, sprach er: Alles lt sich nachholen -- Klara -- du sollst
noch Respekt vor mir bekommen.

Und nach diesem Gesprch schien er eine Aufwallung von frischer
Lebensfreude zu haben -- war so liebevoll mit seiner Frau. Klara wurde
von einem Gefhl der Beklommenheit ganz verwirrt -- ja -- so sah es aus,
als fange er an, sie sehr, von ganzem Herzen zu lieben. Als sei sie ihm
sein Halt, sein Stolz. Da sprte sie noch etwas ganz anderes als jenen
Rausch, den sie nicht verstand und der ein Wunder war und ein Rtsel und
vielleicht sehr abscheulich oder vielleicht ein groer Naturzweck----

Ob sie wohl je dahin kommen wrde, das wechselnde Wesen ihres Mannes zu
verstehen? Und die tiefsten Grnde seiner Unausgeglichenheit
aufzuspren?

Unbegreiflich war ihr auch gewesen, in welcher Art er es aufnahm, da
ihre Zweisamkeit sich im Frhling zur Familie erweitern wrde.

Schon Vater werden? -- Wie alt kommt man sich vor. -- Ja, das ist dann
wieder eine neue Lebensepoche -- man wird immer mehr Philister...

Sie sah ihn an -- starr -- staunend -- vor peinlicher berraschung
stumm. Doch ehe es dazu kam, da diese ihre berraschung sich in Schmerz
auflsen konnte, erfate Wynfried schon ihre beiden Hnde. Kte ihr die
Rechte -- kte ihr die Linke und sagte: Welche erhebende Aussicht...
Und lie sie allein -- als treibe ihn Verlegenheit fort.

Von da an kamen immer hufiger die Augenblicke, wo Klara sich fragen
mute: liebt er mich doch? Es machte sie glcklich und ngstlich
zugleich----

Und sie steigerte sich in die Hoffnung hinein: ich werde ihn auch lieben
-- einmal -- dann ... ja dann...

Es wurde sehr stark an die Tr geklopft. Das machte ihrem Nachsinnen ein
Ende. Sie wute, wer kam und wer so klopfen lie. Sonst war ihr erster
Weg jeden Morgen hinauf zu ihrem Schwiegervater, aber er hatte gestern
gesagt: Du sollst dir deinen Glckwunsch von mir nicht holen. Ich
bring' ihn dir. So viel Hflichkeit steckt doch noch in mir altem
brchigen Mann.

Er machte sonst die Fahrt mit dem Lift, die ihm rgerlich war, nur
einmal am Tage, wenn er zum Essen herunterkam.

Nun schob Leupold den Fahrstuhl herein. Dieses Gefhrt kleidete
gewissermaen den alten Herrn nicht so gut -- im mchtigen Ledersessel
thronte er. Hier sah man so deutlich, da ein Gelhmter darin sa.
Vielleicht hatte er selbst ein dunkles Gefhl davon, denn er konnte sich
mit seinem Fahrstuhl nicht vertragen. Voll Ungeduld entdeckte er tglich
neue rgernisse an seiner Konstruktion und bestritt, da sie von der
mglichsten Vollkommenheit sei.

Klara eilte ihm entgegen und umarmte ihn. Er war sehr in Anspruch
genommen von dem Geschenk, das er brachte. Leupold nahm es dem blonden
Georg ab, der in militrischer Haltung dem Zuge folgte und einen
Damenpelz ber dem Arm trug. Eine frmliche Prozession, und die junge
Frau lachte. Erst als der zweite Diener sich zurckgezogen hatte, hob
der alte Herr ihr den Pelz entgegen, den man ihm auf die Knie gebreitet.
Eine Mtze war auch dabei.--

Ja, lach mich nur aus. Auf einmal soll man und will man galant sein.
Hab' seit vielen, vielen Jahren weder Ursache noch Gelegenheit gehabt,
fr junge Damen was einzukaufen.

O wie schn. -- Prachtvoll, Vater -- wie danke ich dir-- Und sie
dachte: Was soll ich nur damit?!

Hab' Wynfried um Rat gefragt. Der versteht ja von Damentoiletten mehr
als vorderhand vom Eisenguߠ--

Wynfried? fragte sie.

Ihre erstaunte Frage war ihm unangenehm -- er begriff: das war eine
berflssige Bemerkung gewesen...

Na -- das kam mir vielleicht auch nur so vor -- er war sehr erpicht
darauf, da ich dir was Statises schenke -- Klara ist zu uninteressant
angezogen ... sagte er.

Ich? fragte sie wieder dazwischen; kann man denn 'interessante'
Kleider haben?

Mu man ja woll. Kind, ich meine, du bist immer gerade recht
gekleidet, sagte er mit Nachdruck. Aber fr Wynfrieds Geschmack mu es
Nerz und Hermelin sein -- sieh dir das mal an -- Leupold, la mich da --
hol mich in einer Stunde wieder -- du weit, der Kommerzienrat Kreyser
hat sich angemeldet. -- Na, mein Kind, was staunst du denn den Pelz
an--

Vater, mir ahnt, das ist was sehr Kostbares.

Ziemlich. Aber sieh mal: wenn Wynfried dich doch gern in solchem Dings
sehen mag...

Klara dachte an ihre alte dicke Winterjacke und die pastellblaue
Wollmtze.

Der bittende Ton des alten Herrn rhrte sie. Mit Vorsicht breitete sie
den Pelz auf den graublauen Sofa hin und sprach: Wir mssen ihm schon
den Gefallen tun -- denn, nicht wahr, Vater? er tut sein Bestes, vor dir
nach und nach zu bestehen.

Vor mir? Kind, vor dir! Du bist es und der Respekt vor dir, der ihn
aufweckt! Man kann nicht alles auf einmal verlangen. Das Gleichma fehlt
noch -- noch die Ausdauer -- aber es kommt! -- Alle Begabungen sind da
-- Thrauf ist oft ganz glcklich. -- Du kannst dir woll denken, da
Thrauf und ich unter vier Augen keine schnen Redensarten ber wichtige
Dinge machen, sondern klipp und klar Wahrheiten sagen. Ja, Klara -- das
bist allein du! Meine Hoffnungen erfllen sich. Ich kann kein Dankeswort
sagen ... Du weit von selbst, was ich fhle...

Er sah sich um. Immer sprach dieser Raum zu ihm. Stimmen aus
vergangenen, schweren und doch erhebend schnen Zeiten fllten ihn. Von
der Wand sah das lieblich-ernste Angesicht der heiligen Toten...

Nicht nur dich hast du ins Haus gebracht -- mit all dem Segen, der du
uns bist -- nein, auch diesen Tempel des Gedchtnisses----

Er sah nach der Uhr, wo in melancholischer Lebendigkeit die kleine gelbe
Pendelscheibe zwischen den Alabastersulen hin und her und her und hin
ging -- er sah den fiedelnden Amor an----

Klara, sagte er, wir machen ja nicht viel Worte zusammen, du und ich
verstehen uns so. Aber heut ist so 'n Tag -- dein erster Geburtstag als
Frau Klara Lohmann -- da mu ich dir doch mal aussprechen, wie glcklich
es mich macht, da du den Namen trgst, den ich deiner Mutter nicht
geben durfte. Und wie es mich mit der tiefsten Ruhe erfllt, da du
meinem Einzigen hilfst, ein werkttiger Mann zu werden. Was er sonst ist
oder wird, als dein Gatte, wie er dir deine Hingabe, deine Liebe lohnt
-- das macht zwischen euch zweien aus. Aber, gottlob -- mir scheint, du
bist glcklich! Anders zerfr' es mir auch das Herz. -- Ich kann in
Frieden weggehen -- du weit, wenn der Dunkle, der neben mir wartet,
nochmal mit der Sense ausholt...

Klara bckte sich zu dem Sitzenden und umarmte ihn mit Leidenschaft.

Nicht so -- o nein, Vater -- du bleibst noch Jahrzehnte bei uns--

Er lchelte resigniert -- aber doch in jener Resignation, die Starke
sich selbst vorheucheln. Starke, die sich nicht vorstellen knnen, wie
ihr Werk ohne sie sich ausnehmen wird.

Um was ich dich damals bat, als du seine Braut geworden warst: hilf ihm
ein Mann der Arbeit zu werden, denn seine Mutter hat ihn zu einem
Luxusmenschen erzogen, und er kam nachher in ble Hnde. -- Ja, das hast
du erfllt. -- Er wird einmal mein Werk als ein Berufener weiterfhren.
Das sehe ich schon. -- Wie herrlich, diese Beruhigung. -- Heut kommt
Kreyser -- ein alter Freund. -- Weit du, was er will? Mit mir die
Umwandlung seiner Betriebe in eine Aktiengesellschaft beraten. --
Wahrscheinlich werden wir uns so stark beteiligen, da wir die Dinge da
in die Hand bekommen. -- Die Kreyserschen Fabriken sind schon seit
vielen Jahren Abnehmer unseres Roheisens. -- Kreyser hat kein Interesse
mehr an seinem Werk. -- Hatte einst auch gedacht: er arbeitet fr Shne.
Und nun? Einer im Duell gefallen -- ble Sache -- man spricht besser
nicht davon. Der andere, toll vor Lebensgier, hat sich irgendwo
Tuberkeln geholt -- fristet sich im Sden hin und soll nach Australien,
was ja als das Heilkrftigste gilt. -- Frher sagte Kreyser woll mal:
Na, Sie haben ja auch Not mit dem Ihren! Nun wird er sehen: keine Not
mehr -- wachsende Zuversicht. -- Hre, Klara, es ist dir doch angenehm?
Ich mu ihn bitten, da er zu Tisch bleibt. -- Ihr habt so wie so
Gste?

Wynfried hat Agathe Hegemeister und zwei Herren von drben zum
Frhstck eingeladen -- Likowski und seinen Oberleutnant, sagte Klara
zerstreut.

Ist die pummelige Baronin dir wirklich so flink 'ne Busenfreundin
geworden? Da Wynfried gerade Likowski und Marning so heranzieht, freut
mich. Beide haben meine starke Sympathie.

Ach -- Agathe? -- Sie kommt sehr oft -- sie ist so wenig mit ihrem
Leben zufrieden -- ich glaube, sie hat sich nur an mich gehngt, um
irgend etwas Neues zu haben.

Kind, du sprichst mit mir. Wo sind aber deine Gedanken? Anderswo!

Klara lchelte.

Es ist unheimlich, wie du mich kennst.

Wo also waren sie? Ich nehme an, da du keine Heimlichkeiten vor mir
hast, sagte er scherzhaft.

Doch! Ich habe sogar Wynfried gebeten, sie mir zu lassen -- bis
heute...

Sie kniete neben ihm nieder -- wie das oft geschah -- dem Gelhmten
schien sie dann am nchsten, konnte am besten zu ihm emporsehen -- oben
in seinem Zimmer hatte sie ihr niedriges Sthlchen neben seinem Thron.

Sie faltete ihre Hnde um seine Rechte. Die schlanken, weien Finger
preten frmlich diese groe Mnnerhand...

Vater, sagte sie leise, ich glaube, dein Haus wird weiterblhen. Und
du mut durchaus leben, damit du siehst, da ich dein Enkelkind in
deinem Sinne erziehe.

Klara?...

Ja, sprach sie, im April.

Sie hatte ihre Blicke zu ihm emporgewandt und schaute voll in das groe
Auge...

Darin blitzte ein Strahl heier Freude auf ... Und gleich wurden sie von
feuchtem Glanz verschleiert ... Klara sah zum erstenmal eine Trne in
diesen gebieterischen Augen.--

Sie schwiegen vollkommen. Es war eine feierliche Andacht zwischen ihnen,
die keiner Worte bedurfte. Vergangenes und Zuknftiges zog durch die
Gedanken des alten Mannes. In dieser ernsten, holden jungen Frau wurde
ihm beides zur Gegenwart. Dafr dankte sein Herz ihr inbrnstig. Und er
begriff es vollends, da die Liebe zu ihr das Glck seines Alters
war.--

Um halb eins fanden sich die Gste zum festlichen Frhstck ein. Die
Baronin Hegemeister kam ohne ihren Schatten. Gerwaldchen sei in Berlin,
da feiere ihre alte Mutter in ihrer sogenannten Gartenwohnung drei
Treppen hoch ihren Fnfundsiebenzigsten -- ach, in so mageren
Lebensumstnden -- Gerwaldchen habe mit einer Trne davon gesprochen,
und so was knne man doch nicht mitansehen. -- Und da habe sie ihr das
Reisegeld geschenkt und sonst noch dies und das mitgegeben, so da die
alte Dame ein kleines Weilchen in Wohlleben sich guttun knne.

Das erzhlte Agathe verschmt, weil sie halb und halb dachte, ihre
Gutmtigkeit werde ausgenutzt, und sie doch nun einmal nicht anders
konnte. Nein sagen konnte sie nicht. Durchaus nicht. Am wenigsten auf
Bitten, die man mehr erriet, als geradezu hrte. Und diese
widerstandsunfhige Gutherzigkeit, so schuldbewut gebeichtet, war sehr
liebenswrdig.

Auch die Doktorin Lamprecht fehlte. Sie hatte einen furchtbaren Husten.
Und Likowski berichtete, da die alte Dame vor rger ganz krank sei,
weil sie hier heute fehlen msse, denn offenbar habe sie in irgend
welchen ganz unlogischen Gedanken die Ansicht, sie gehre verdienstvoll
hierher.

Der alte Herr brachte den Kommerzienrat Kreyser mit und machte ihn
bekannt. Da dieser Name einen hallenden Klang hatte fr alle, die
ungefhr von den Kapitnen der Industrie etwas wuten, nahm man die
Vorstellung mit einem groen Respekt auf. Das bartlose, groe,
fleischige Gesicht des stmmigen Mannes zeigte eine Freundlichkeit, die
nur wie ein allzu durchsichtiger Schleier ber der schweren Stimmung
lag, die ihn eigentlich beherrschte. Er sa neben der jungen Hausfrau,
deren nchste Pflicht es nun war, sich diesem sehr wichtigen
Geschftsfreund des Werkes und persnlichen Freund ihres Schwiegervaters
zu widmen. An ihrer anderen Seite hatte sie den alten Herrn, der in
seinem Fahrstuhl stets, als an dem fr ihn bequemsten Platz, zu Hupten
des Tisches prsidierte.

Auf diese Weise war Klara fast wie von dem jugendlichen Teil des kleinen
Kreises geschieden. Denn ihr Gegenber, der Hauptmann von Likowski, gab
sich immer vterlich und war heute in erbittertem und gespanntem
Zustand. Er politisierte mit den beiden alten Herren und verschwor sich:
Ich politisiere nie! Ein Soldat hat zu schweigen, bereit zu sein und
dreinzuschlagen, wenn's befohlen wird. Aber man hat ja noch seinen
gesunden Menschenverstand. Und der sagt mir denn doch: wir lassen uns
ja rein alles gefallen ... Aber ich hoffe auf bernchstes Jahr ... Sie
sollen mal sehen -- das ist das Schicksalsjahr. -- Dann geht's los! --
Nun, wir sind fertig! -- Es _mu_ mal kommen...

Klara mute sich Mhe geben, zuzuhren. -- In ihr war eine stille und
doch eine so starke Freude gewesen, als wenn diese kleine Feier ihres
Geburtstags ein Erlebnis werden wrde. -- So war ihr manchmal zumut,
wenn Gste kommen sollten. -- Dieselben Gste -- aber immer kam eine Art
von Trauer oder Schwere ber sie, gleich einer grenzenlosen
Enttuschung.

Die blonde Baronin war desto munterer, und Klara sah, wie leicht und
lebhaft sich ihr Mann in den neckischen Ton fand. Agathe konnte auf eine
so durchsichtige und naive Weise klagen, um sich die Vorteile eines
faustdicken Kompliments oder eines Versprechens zu gemeinsamen
Vergngungsfahrten zu erringen. Sie nahm es aber nicht im mindesten
bel, wenn man sie mit ihrer Methode neckte. Klara glaubte auch zu
beobachten, da Stephan von Marning wenig sprach. -- Sie wute lngst:
Agathe hoffte auf ihn. Man htte blind sein mssen, das nicht zu
erkennen. Und sie fragte sich wieder: wird er sich herbeilassen...?

Denn dies war das Merkwrdige an dem Fall, den alle Menschen dieses
geselligen Kreises beobachteten: niemand sagte: Welches Glck fr den
unbemittelten jungen Offizier, sondern jeder fragte: Ob er sie wohl
nimmt?

Nein, dachte Klara, nein -- das ist nicht die Frau, die ich ihm
wnsche--

Ihre Vorstellungskraft versagte, wenn sie sich diese beiden als Paar
vorstellte.

Wynfried hatte einmal gesagt: ein schnes Paar -- er gro, schlank,
dunkel -- sie so blond, ppig, ganz weiche Weiblichkeit und so
entzckend gepflegt--

Da hatte Klara betroffen geschwiegen. Sah denn Wynfried nicht, da das
doch einfach unmglich war...

Der Kommerzienrat Kreyser war lange nicht hier gewesen; seither hatte
sich der Betrieb um einen Hochofen vermehrt, auch war die Fabrikation
von Ammoniak und Benzol als Nebenprodukten aufgenommen worden, und
Kreyser sprach den Wunsch aus, nachher einen Rundgang machen zu drfen.
Marning hrte es und erbat die Erlaubnis, sich anzuschlieen. Sogleich
sagte Agathe, da sie darauf seit langem erpicht sei, einmal das Werk
sehen zu drfen, sie habe es nur nicht sagen mgen. Also gleich nach dem
Kaffee und der Zigarre. -- Zum Genu dieser lieen die beiden Damen die
Herren eine halbe Stunde allein.

Agathe war sehr damit beschftigt, ob ihr Haar auch noch ordentlich
sitze und wie Klara die dunkelgrne Toilette finde. Der Seidenstoff sei
ihr ein wenig, ein Sprchen zu glnzend ausgefallen; fr sie seien
stumpfe Stoffe kleidsamer. Sie stand vor dem Spiegel und prfte ihr Bild
und war beinahe gerhrt ber all die Schnheit, der der eine immer noch
widerstand...

Pltzlich wallte ein schrecklicher Jammer in ihr auf, und sie warf sich
Klara an den Hals -- mit beiden runden Armen umschlang sie sie und
prete sie heftig an sich.

Klara, sagte sie, liebste, beste Klara -- schenken Sie mir das Du --
la uns Freundinnen sein -- Du? nicht wahr. Du?!

Klara war betroffen. Es lag nicht in ihrer Natur, sich so schnell an
einen Menschen nahe anzuschlieen. Und wenn ihr Agathe auch nicht
unsympathisch war -- wie konnte dies gutherzige Naturkind es irgend
einem Menschen sein? -- so schien ihr doch, als gebe die Gewhrung des
Du einem anderen Wesen ein berraschendes, ja geradezu unbequemes
Anrecht auf ihre Nhe. Und ihr war, als mge sie lieber allein bleiben.

Eine Ablehnung schien unmglich. Agathe erwartete eine solche auch
keinen Augenblick, kte Klara heftig ab und sagte: Ich mu dir gleich
was anvertrauen! Ich _mu_. Sonst ersticke ich daran. Denke dir: ich
liebe ihn! Rasend. Zum Sterben. Ich werde ... ja -- ich mag nicht mehr
leben -- ich will nicht mehr leben, wenn er mich nicht liebt.

Sie begann zu weinen.

Ihn? fragte Klara in dem schwachen Versuch, zu tun, als wisse sie
nicht...

Gott -- du fragst?! Wen denn als Stephan Marning -- kann man anders? --
Und ich warte und warte -- im Sommer schien es -- ich hoffte -- damals
im August. -- Dann kam gleich das Manver -- dann hatte er vier Wochen
Urlaub und war bei seinen Verwandten -- damals dachte ich: er will erst
seine Sippe fragen, fand's natrlich -- aber die haben ihm ganz, ganz
gewi nicht abgeraten -- ich wei es durch die Gerwald, die da
Beziehungen hat -- sein Onkel wnscht ja blo, da er reich heiratet. --
Dann kam er wieder -- ist seitdem noch nie allein auf Lammen gewesen --
bringt immer Likowski mit -- ach nein -- umgekehrt: lt sich von ihm
mitnehmen -- als wolle er ausweichen und doch nicht brechen ... Klara --
ich _mu_ die Wahrheit wissen!... Zeige mir gleich deine Freundschaft.
-- Weihe unser Bndnis ein, durch eine Tat -- sprich mit ihm -- klopfe
auf den Busch -- nein, frage geradezu -- sage ihm, da ich Selbstmord
begehe, wenn er nicht...

Ihr Schluchzen nahm ihr die Fhigkeit, auch nur noch ein Wort
herauszubringen. Klara schob sie frmlich bis zur Chaiselongue, die quer
am Fuende von ihrem Bett stand. Da sank die vor Unglck zum Tode
Bereite schwer auf all die Kissen herab und weinte wie ein Kind -- vor
Liebesverlangen.

Ich kann nicht leben ohne ihn, jammerte sie.

Und dann wieder: Wenn ich nur wte, warum? Bin ich nicht ganz hbsch
-- ich hab' Geld -- ich lieb' ihn -- so hat noch nie ein Weib geliebt --
so liebt ihn keine wieder -- nein -- ich will sterben...

Klara sah den Ri, der zwischen dem Gefhl dieser Frau und ihrem Gebaren
mitten hindurchging, sehr wohl. Dennoch ergriff sie alles auf das
heftigste.

Sie schritt auf und ab. Sie war sehr bla. Diese Szene war ihr ganz und
gar zuwider, obgleich ein starkes Mitleid ihr Herz klopfen machte...

Das war Liebe! Die groe Liebe, die lieber sterben als entsagen
will------

Es mute berauschend, vernichtend, herrlich sein, das fhlen zu
knnen----

Aber solche Liebe laut einer Freundin zuschreien -- o Gott -- nein --
das knnte ich nicht, dachte sie.

Ihr schien, als nhmen so laute Klagen einer Leidenschaft Wrde und
Gre.

Und es wurde von ihr verlangt, da sie -- sie! -- unkeusch zum Manne --
zu _diesem_ Manne, als Vermittlerin davon sprechen sollte? Unmglicher
Gedanke...

Nein, sprach sie, das kann ich nicht. Das tue ich nicht. In diese
heiligsten Dinge von Mensch zu Mensch sich einmischen? Mit Worten an
Geheimnisse rhren, die zu zart sind, als da man sie laut ausgesprochen
haben mchte -- nein, das kann ich nicht! Verzeih mir. Aber ich denke:
was hlfe es auch. Wenn er dich liebt, bedarf es der Vermittlung nicht,
und er wird schon eines Tags sprechen; -- wenn er dich nicht liebt, ist
es eine Demtigung fr dich, da ich sprach ---- O nein! -- Du mut
die Haltung finden, gefat abzuwarten.

Du hast gut von Haltung reden, sagte Agathe und drckte sich ihr
geballtes Taschentuch gegen die Augen, behauchte es und tupfte wieder,
wenn man einen solchen Mann hat -- der sich so auf Frauen versteht --
ja -- du kannst lachen--

Ihr Jammer ward stiller. Die Furcht, verweint auszusehen, besiegte ihn
fr den Augenblick.

Aber du gibst mir recht oft Gelegenheit...

Gern. Ich will es wohl bei Wynfried anregen, da er sich immer den
Freiherrn von Marning einldt, wenn du kommst. Und du wirst gewi oft
kommen...

Das ist doch etwas! seufzte Agathe, und ihr weiches Herz, das der
Freude so bedrftig war, hoffte aufs neue.

Wieder stand sie vor dem Spiegel. Da waren nun die Trnenspuren auf der
zarten Haut und lieen sich mit allem Tupfen doch nicht so rasch
verjagen. Aber es kam wie eine Eingebung ber die blonde Frau. Mochte er
es nur sehen, da sie in Trnen und Gram verging...

Nun hatte sie groe Eile, wieder zu den Herren zu kommen, die gewi
schon im Salon seien.

Sie trat ein. -- Sie fhlte auf der Stelle: alle Herren sahen sie an und
sahen, da sie geweint hatte.

Ihre schwimmenden blauen Augen schmachteten und bettelten zu dem
Geliebten hinber, und in ihrem Gesicht stand beinah lesbar der
Ausdruck: Ja -- sieh mich nur an! Um dich leide ich! Um dich --
Grausamer...

Und Klara sah es wohl: ber das Angesicht des Mannes flog ein leiser,
vielleicht nur von ihr erratener Ausdruck von Pein -- ihr kam auch vor,
als werde seine Haltung noch stolzer ... Wie wunderlich wohl ihr das
tat...

Man wollte nun hinber zu dem Werk gehen. Es gab ein Durcheinander. Da
war Leupold, der seinen Herrn wieder nach oben transportieren wollte.
Und es hie, Klara msse den neuen Pelz tragen -- der Spender solle sie
noch darin bewundern. Agathe bestand darauf in ihrer pltzlichen,
erregten Lebhaftigkeit und Lustigkeit.

Ihr Mann selbst gab Klara den Pelz um. -- Wie schwer ihr das kostbare
Stck auf den Schultern lag -- als fiele eine Last auf sie. Und da war
auch die Mtze: er setzte sie ihr sorgsam auf, mit einem erstaunlich
geschickten Handgriff gerade die kleidsamste Art des Sitzes treffend. --
Und es schien, da Wynfried von ihrem Aussehen entzckt sei -- er
lchelte zufrieden -- nein, mehr: zrtlich!

Und Klara wurde rot. Sie wute nicht warum -- sie htte es nicht zu
sagen vermocht, keinem Menschen und nicht sich selbst.

Nun stand sie da, kostbar angetan, auf dem braunen Haar das breite
Barett von Nerzpelz, daran ein Bschel von Hermelinschwnzen schwarz und
wei kokett ber dem linken Ohr befestigt war ... Zu ihrem schnen
Gesicht mit den geraden, strengen Brauen ber den sprechenden Augen gab
das einen merkwrdigen Glanz von Pracht und Wrde. Sie schien nicht etwa
in eine elegante Modedame verwandelt, sondern sogleich in eine Frstin.

Und ihr fiel wieder ihre schwarze Winterjacke ein und die pastellblaue
Wollmtze...

Der Geheimrat sah seine Schwiegertochter prfend an. Er lchelte
wohlgefllig. Aber er sagte doch: Schn! Sehr prachtvoll! Wynfrieds
Geschmack. Aber -- Klara -- weit du noch -- deine pastellblaue
Wollmtze? Damit mocht' ich dich auch gern leiden...

Blitzschnell traf sich ihr Blick mit dem Stephans -- und entwich ihm
wieder...

Ja, die arme kleine Wollmtze ... Und Klara hatte eine Erinnerung --
sah sich deutlich, sehr deutlich, wie sie eilig und heimlich ein weies
Paketchen tief in das Schubfach ihrer Kommode hineinstopfte...

Aber wir wollen doch gehen, sagte sie matt. Sie fhlte sich pltzlich
so freudlos und wnschte, neben dem alten Mann bleiben zu knnen -- da
war ja ihr Platz -- der sicherste und friedvollste, den es auf der Welt
fr sie gab...

Ja, vorwrts! ermahnte Likowski. Mir ist es eine Erhebung -- immer,
wenn ich da mal 'rumgehen darf ... Der Gott, der Eisen wachsen lie --
der wollte keine Knechte ... Eisen verfhrt mich mehr als die kstlichen
Brillanten, mit denen unsere teure Baronin uns heute die Augen
verblenden mchte.

Ihre nicht! lachte Agathe.

Man brach auf. Alle nahmen vom Geheimrat Abschied, der noch Sorge trug,
da an Thrauf telephoniert werde. Der Generaldirektor werde Wert darauf
legen, Kreyser die Honneurs des Werkes zu machen.

Man schritt in munteren Gesprchen die Strae entlang, und schon kam
ihnen auch der Generaldirektor entgegen. Von dieser Begegnung an waren
die beiden Herren fr die brige Gesellschaft verloren. Sie vertieften
sich in fachmnnische Gesprche und gingen weit voran.

Ihnen folgte Agathe zwischen Wynfried und dem Freiherrn von Marning, den
sie mit einer Frage gleich an ihre Seite zu ntigen gewut hatte.

Wir werden nicht fr ernsthaft genommen, sagte Agathe. Und ich brenne
doch vor Lernbegier.

Ich erklre Ihnen das alles auf populre Art, versprach Wynfried.
Seien Sie sicher, all die chemischen Formeln und Zahlen, in denen die
zwei reden, htten Sie doch nicht verstanden.

Es will absolut nicht in meinen Kopf, da Sie was von solchen
schrecklich wissenschaftlichen Sachen verstehen.

Hallo! Das ist aber stark...

Na ja -- gottlob -- ich hab' immer das Gefhl ... wie soll ich das
sagen -- na -- als gben Sie ein Gastspiel, wenn Sie arbeiten ... Doch
noch mal ein Mann, der Sinn und Zeit fr uns armen Frauen htte! ...
Denk' ich so ... Aber nein. Selbst Ihnen kommt es bei, und Sie sklaven
sich ab...

Glauben Sie es mir -- ich entdecke da ganz neue Gensse. Man ist
manchmal geradezu gepackt -- sehr hnlich wie beim Sport. Und man hat
ein frisches Gefhl dabei -- kommt sich als fixer Kerl vor.

Ach so -- Sie wissen doch, wie's heit: Ich sprte das kleine, dumme
Vergngen, was abzumachen, was fertig zu kriegen.

Genau! Ja, so ist einem manchmal zumut-- gab Wynfried eifrig zu.

Ohne dies Plsier am Bewltigen geschhe vieles nicht, sagte Stephan
Marning, und er dachte: Das heit doch aus der Arbeit nur ein Spiel der
Krfte machen, ohne Erkenntnis ihres sittlichen Wertes.

Er fragte sich -- nicht zum erstenmal -- was fr eine Art von Mann denn
wohl Lohmann der Sohn sei...

Klara ging mit dem Hauptmann von Likowski, ihrem alten Freunde,
hinterdrein. Sie schwiegen. Die junge Frau hrte zu. Sie hatte immer
eine leise Verwunderung, wenn sie ihren Mann mit Agathe zusammen sah.
Wie anders war dann sein ganzes Wesen. Selbst der Klang seiner Stimme
schien heller. Und seine Rede schien so leicht, so nur obenhin -- er
lie sich necken und neckte wieder. -- Vielleicht nahm er Agathe nicht
ernst. -- Das war die einzige Erklrung, die sie sich zu geben wute...

Es kam ihr mhsam vor, da sie jetzt mit Menschen zusammen sein msse.
Eine grenzenlose Traurigkeit drckte sie nieder. Sie mute sich
zusammennehmen, um nicht zu weinen -- sie -- die nicht weinerlich
veranlagt war.

Sie seufzte nicht, sie atmete nicht schwer -- und dennoch ging von ihrem
Schweigen etwas aus, das den warmherzigen, treugesinnten Mann an ihrer
Seite ahnen lie, mit ihrer Stimmung sei es nicht in Ordnung.

Sie fhlen sich von all den Geburtstagsfreuden erschpft, gndige
Frau? fragte er.

Klara fuhr auf.

Ich? Nein--

Und sie wute, da sie sich aufzuraffen hatte.

Da waren sie nun am Tor, ber dem mit groen schwarzen Buchstaben auf
grauem Schilde stand: Eisenhtte Severin Lohmann.

Und mit Rdern und Fustapfen waren von drinnen her Kohlenspuren
gekommen. Der sandige Grund der Erde war schon viele Schritte vor dem
Tor gestrmt von dunklen Tnen. Das wirkte, als fliee die Dsterheit
des Bodens einem entgegen. Einem schwrzlichen Estrich glich er drinnen,
in den zahllose Tritte die Kohlenteilchen und den Niederschlag des
Rauches fest eingetreten hatten. Und der Dunst von Teer und Gasen
durchbeizte dichter und sprbarer die Luft, als man das Tor nun
passierte.

Aufgepat! mahnte Wynfried, denn Agathe stolperte ber einen
Schienenstrang. Und sie fiel schwer gegen Marning, so da er sie halten
mute.

Sie hob den blauen, schwimmenden Blick zu ihm empor.

Ich bin _wirklich_ gestolpert, sagte sie -- so wie sie als Kind
vielleicht gesagt hatte: ich habe wirklich nicht gelogen, wenn man sie
bezweifelte.

Er mute doch, entwaffnet, lcheln.

Sie gingen an allerlei kleinen Gebuden vorbei, bogen um ein
retortenartiges Bauwerk, aus dessen Poren Teer zu schwitzen schien --
Likowski sagte wenigstens, es komme ihm so vor. -- Und dann standen sie
vor einer Riesenwand, die sich aus hundertundfnfzig hart
aneinandergepreten fen zusammensetzte. Hoch ber ihr zogen sich
schwarze, gewaltige Rohre hin, andere kamen quer von weitem herab --
mchtige Verbindungen waren diese, in denen stumm und selbstttig und
rastlos die gepulverten und gewaschenen Kohlen heranglitten, in die fen
hineinsanken, um da in rasender Hitze zu Koks gebrannt zu werden; und
Wege waren sie, in denen das noch ungereinigte Gas, aus den Gluten
kommend, seinen flchtigen Weg nahm zu den geheimnisvollen Werksttten
hin, wo ihm in wunderbaren Destillationen, Khlungen und Prozessen seine
Bestandteile an Benzol und Ammoniak entzogen wurden.

Vor dieser Wand von fen streckte sich eine erhhte eiserne Plattform
hin. Auf sie hinaus schob sich gerade jetzt der Inhalt eines. Eine der
schmalen Tren ffnete sich. In hllischer Majestt bewegte sich
ruhevoll ein fast weiglhendes Stck Mauer heraus. Und eine
Gespensterhand drngte es weiter und weiter vor, eine gewaltige,
schwarze, eiserne Hand, steif im Gelenk nach oben eingeknickt. Mnner,
mit Schluchen bewehrt, warteten und sahen der sich langsam
vorwrtsbewegenden Glutmauer entgegen. Nun stand sie. Und das an eine
Hand erinnernde Eisenstck, das sie gehoben hatte, zog sich gelassen in
die Tiefe des Ofens zurck, der seine Tr wieder schlo. Zugleich
zischten aus den Schluchen Wasserstrahlen und begossen das Ungetm von
Form gewordenem Feuer. Weier Dampf quoll auf, wurde rasch ein graues,
dann ein schwarzes Gewlk. Was glhende Mauer gewesen, lief dunkel an,
ward schwarz und fiel nach zwei Minuten als Koks prasselnd auseinander,
durchstochen und gestoen von den langen Eisenstben der verrucherten
Arbeiter. Und es hatte etwas Phantastisches, zu denken, da dieser
Vorgang sich alle paar Minuten wiederholte und da von diesen
hundertundfnfzig schmalen Tren bald die eine, bald die andere sich
ffne, um solche aufrechte Glutmauer in grandioser Sicherheit zu
entlassen.

Vor dem Plateau standen Loren bereit, den Koks zu den fen zu bringen.

Und auf einem anderen Schienenstrang standen diese offenen,
kastenartigen Eisenbahnwagen, voll von gleichmigen, lnglichen
Stcken, gleich groen Holzscheiten -- nur da sie grau waren und rauh
ihre Oberflche. Das seien Gnze, sagte Wynfried, das heit: das
Roheisen in der Form, wie das Werk es hauptschlich produzierte.

Agathe hustete und ngstigte sich und hatte gedacht, alles knne auf sie
herabfallen. Aber sie verriet nichts von ihrer Angst. Denn sie sah, da
der geliebte Mann dem Schauspiel mit leuchtenden Augen zusah. Sie konnte
sich seinetwegen zu allerlei Heldentum zusammenfassen. -- Wenn ich
liebe, kann ich alles! dachte sie.

Wynfried erklrte. Er fhrte die Gesellschaft zu dem trichterfrmigen
Bassin, in das die kleinen Wagen der Drahtseilbahn, von den Ladebrcken
kommend, die gepulverte Kohle hineinschtteten, whrend an der Wand
dieses Bassins in stumpfer Unaufhrlichkeit ein Becherwerk das
Kohlenpulver aufschpfte und in die Rohre go, die man oberhalb der fen
gesehen.

Man kam an den Erzlagern vorbei, und gerade schwebten die Frderwagen
einer nach dem anderen anmutig heran, kippten und warfen mit Gepolter
grauen, schimmernden Magnetstein auf einen Hgel dieses Erzes.
Nebeneinander lagerten sie, die Berge von Erzen, die durch ihre Farben
schon verrieten, da sie verschieden an Gehalt waren. -- Und es schien,
als trage jedes den Charakter seiner Heimat, als sei sein Gewand kein
Zufall. Sprach nicht der silbergraue Magneteisenstein von den stillen
Himmeln und beschatteten Bergseen Schwedens? In starken satten Farben
glhte noch im Roteisenstein ein Nachglanz der Wrme spanischen Bodens.
Und aus den Tiefen lothringischer Gruben kam dieses braune Eisenerz. Wie
wunderbar sprechend -- weilich, durstig-trocken lag der Kalkstein
gehuft, und man stellte sich die staubigen Wege Griechenlands vor, von
wo er kam, und sah unwillkrlich die weiberpuderten Zypressen an den
drren Rainen trauern.--

ber den Kpfen der Schauenden zogen sich die dunklen Eisenlinien der
verschiedenen Drahtseilbahnen und Rohrleitungen hin. Wasser tropfte
herab -- irgend woher kam roter Feuerschein. Dort drben stand, gleich
einer dnnen Sule ein Rohr. Aus seinem Munde brannte frei eine
Flammensule von Gas. Der Wind fuhr hinein und zerfaserte sie zu
Gebilden von unbeschreiblicher Feinheit, in stndig wechselndem Spiel.
Ihr Geleucht im schon leise verblassenden Tageslicht war unruhig. Es
wurde manchmal ganz von der Luft zerfetzt, und Flmmchen schwebten
sekundenschnell zusammenhanglos und wurden sogleich wieder von der
groen Flamme herangerissen.

Oh! sagte Agathe bewundernd, wie in der Walkre.

Klara begann allmhlich zuzuhren, was ihr Mann sagte -- wie er es
sagte. Und sie wurde teilnehmender. Sie vermochte wohl zu beurteilen,
da er klar und sicher vortrug. -- Da Stephan Marning und Likowski voll
Sammlung zuhrten und Fragen aufwarfen, war ihr eine lobende Kritik. Das
tat ihr wohl -- es kam ihr vor, als weiche diese schwere Traurigkeit,
dies lhmende Gefhl von Leere allmhlich von ihr. Woher war es
gekommen? Sie verstand es nicht. Sie hatte nur eine dumpfe, bengstigte
Empfindung davon, da es etwas Furchtbares, Bedrohliches sei.

Vom Wasser her kamen Windste, die Wolken jagten am Himmel; fern im
blulichen feinen Dunst des beginnenden Nebels stand am Horizont etwas
Unbegreifliches. Eine lilarote Masse, die zu zerflieen schien, von
blaugrauen Streifen quer berschnitten -- kein Ball mehr -- kein Rund --
nein, ein ungeheuerlicher Feuerfleck, der schnell immer tiefer sank.
Sonnenuntergang im Novemberabendnebel.

berall auf dem Werk blitzten schon die Lichter auf. Denn hier gab es
keine Dmmerung und keine Zwischenspiele. Hier gab es nur Tag. Den Tag
der Sonne und den Tag der elektrischen Lichter -- und immer den der
Arbeit.

Wie liebte Klara diese Stunde, wo alles ringsum blau schien, im Kampf
des natrlichen Lichtes mit dem knstlichen.

Nun hie es: in eines der Maschinenhuser! Denn, nicht wahr? Baronin
Agathe mute begreifen: all die zauberhafte selbstttige Bewegung der
Frderungen, die in der Luft zwischen Drahtseilen herumglitten; all dies
Aufsaugen von Gas aus den fen in die Rohre und das Hinberleiten des
Gases in die Eisentrme, die Winderhitzer hieen und eigentlich nur
bermenschlich groe Blaseblge seien; all das Wasser, das in Unmengen
aus der Trave heraufgepumpt werde; alles, alles -- jeder Betrieb hier
mute von Maschinen getrieben werden.

Agathe sagte, das verstehe sie, und machte ein reizendes, wichtiges
Gesicht.

Sie traten ein in einen Riesensaal, wo die wunderreichsten Geschpfe
aus Metall bebten und zitterten, klopften und schwangen.

Hier ist es aber sauber! rief Agathe beglckt aus. Der Belag des
Estrichs von braungebrannten Ton war wie Porzellan so glatt und rein.
Und Agathe litt, wenn sie nur auf einen unsauberen Boden treten mute.
Sie war so peinlich...

Ja, sagte Wynfried, ein Maschinenhaus ist immer wie ein Asyl der
Sauberkeit mitten im Betriebe. -- Maschinen sind wie schne Frauen --
sie wollen geputzt und -- geschmiert werden, mit dem l der
Schmeichelei...

Agathe schlug mit ihrem Muff nach ihm.

Aus dem glasierten Estrich erhoben sich seltsam gestaltete Formen, die
ihre untere Hlfte in der Tiefe verbargen; gleich gerundeten dunklen
Tierrcken, ber die hellere Hautstreifen liefen, waren sie.
Riesenrder, aufrecht, halb ber, halb unter dem Boden, drehten sich
rasend; immer wieder verschwanden Speichen und tauchten auf.

Einige Maschinen plauderten leise, wie Frauen tun, die das emsige
Gerusch ihrer Stricknadeln mit endlos hinflieendem Geschwtz
begleiten.

Andere klappten mit Eisenzhnen, wie Riesen im Mrchen, die fr ihre
leeren Kiefer nach Nahrung schnappen.

Und wenn man dieser sinnvollen, glatten, nie rastenden Bewegung zusah,
bekam man zuletzt das unheimliche Gefhl, zwischen lauter Lebewesen zu
sein, die aus einer anderen Welt stammten, nur eine andere
Krperlichkeit hatten als die Menschen dieser Erde -- aber ein
pulsierendes Dasein wie sie----

Wer ist der Erfinder all dieser Maschinen? fragte Stephan.

Keinen Schimmer! sagte Wynfried achselzuckend. Und er wute nur, da
die und jene Maschine aus der und der Fabrik aus Mhlheim-Ruhr stamme
und da die zwei da drben aus dem Kreyser-Werk in Gelsenkirchen
gekommen. -- Der Ingenieur, der sie zuerst erfunden, die anderen, die
sie vervollkommnet htten, arbeiteten ja fr das Werk, in dem sie
engagiert waren -- ihre Namen wute man nicht.

O, sagte Likowski, ist es tragisch? Ist es gro? Ungerecht?
Wundervoll? Was wre Deutschland, was die Kultur ohne all die stillen
Helden der Arbeit, der tglichen, selbstlosen Hingabe an unsgliche
Mhen. -- Und kein Ruhm -- kein Heldenlied preist ihre Namen ... Unsere
auch nicht -- wir arbeiten und schuften ohne zulnglichen Lohn, ohne
Anerkennung, noch umfeindet -- damit das hier geschtzt ist -- damit
solche Dinge blhen -- uns gro machen. -- Ich hab' so'n Gefhl: wir
stehen ja Schulter an Schulter mit all diesem hier--

Er drckte seinem lieben Kameraden und Freund die Hand. -- Stephan gab
stark, gleichsam trstend, den Druck zurck. Er wute ja, wie der
Hauptmann sich qulte.--

Und er dachte: Es gibt noch viel mehr stilles Heldentum -- nicht nur
das der Arbeit -- auch das des Gefhls -- schweigend sich bezwingen --
ja -- wer das muߠ...

Seine Gedanken verloren sich ins Unbestimmte.

Agathe fing an zu klagen: es werde ein bichen mhsam. Sie hatte doch
nur ganz dnne Schuhe an mit so hohen Hacken -- es ging sich schlecht
damit.

Nur noch zu den Hochfen, sagte Klara, das ist doch die Hauptsache.

Sie gelangten an die erste der ragenden Burgen, die aus dem breiten
Massiv, dem eigentlichen Herde, aufstiegen und deren mit gemischten
Erzen und Kalk gefllte Schachtrume mit einem Panzer von Steinen und
Eisen umgeben waren. Dieser hochgetrmte, nach oben zu sich verjngende
Umbau gab den ragenden Hochfen den burgenartigen Charakter. Galerien
liefen um diesen Panzer, in dem man fest vernietete Tren bemerkte. Und
um den ganzen untern Krper des Ofens rannen mit Rauschen und Pltschern
unaufhrlich khlende Wasser.

Hinten an den Ofen stie die Giehalle; man mute eine primitive Treppe
emporsteigen. Agathe als Vorletzte, hinter ihr Wynfried.

Agathe fhlte sich elend vor Angst. So entsetzlich nah war man dem
Ungetm, in dem eine Hllenhitze von zweitausend Grad Celsius wtete!
Sie konnte sich nichts bei dieser Zahl denken -- das ging natrlich ber
menschliche Vorstellung. Es jagte aber doch eine Furcht ein, die halb
interessant, halb schauerlich war.

Kann das bersten? fragte sie zu Wynfried zurck.

Doch -- es kommt vor -- trotz des besten Materials, das fr den Umbau
verwendet wird. -- Wenn es Verstopfungen im Nachsacken der Beschickung
gibt. -- Gase sich entwickeln--

O Gott! sagte Agathe, raffte ihre Rcke noch hher und enger zusammen
und blieb stehen. Der Mann hinter ihr sah die seidenen Strmpfe und die
koketten Schuhe. Er fate Agathe recht krftig um die Taille, von hinten
her, und schob sie so vorwrts, Stufe um Stufe. Und als sie oben
angekommen waren, wandte sie sich etwas zu ihm, und sie lachten sich mit
den Augen an, wie zwei tun, die es mit dem Wagnis und dem Verzeihen
einer Dreistigkeit nicht schwer nehmen.

Oben traf die Gesellschaft auf Kreyser und Thrauf, und Agathe hatte das
Bedrfnis, dem Generaldirektor sozusagen ein Kompliment ber das Werk zu
machen.

Wie ist es malerisch! schwrmte sie.

Eine andere Art malerische Schnheit als ein See im Mondschein
zwischen Waldbergen, sprach Stephan von Marning. Wie viel mehr sagt
_diese_ uns heutigen Menschen.

Ja, das ist die Romantik der Industrie, besttigte der
Generaldirektor.

Aber er war auch umsichtig bedacht, die Gste an sicheren Platz zu
stellen, denn gleich sollte der Abstich beginnen. Er verwies sie auf
einen balkonartigen Ausbau neben dem Ofenrund, von wo aus sie dann einen
trefflichen berblick hatten auf die schrge Ebene der Giehalle, die
eigentlich ein Schuppen ohne Wnde war, deren Dach auf Pfeilern ruhte.
Diese Ebene war mit Sand bedeckt, und in ihn hinein hatten die Arbeiter
lauter kurze Rinnen getieft -- die Formen fr den Gu der Gnze. In
unbersehbarer Zahl und Regelmigkeit zogen sie sich hin, in ihrer
Mitte von einem Laufgraben durchfurcht, den entlang das flieende Eisen
strmen sollte, um sich dann in all diese Rinnen zu verteilen.

berall standen Leute bereit, Schaufeln und Stangen waren zurechtgelegt
-- wachsam hie es den feurigen Flu lenken und frdern, falls er sich
irgendwo sollte stauen wollen.

Nun sammelten sich ihrer ein Dutzend und umklammerten -- als seien sie
die sieben Schwaben, die gemeinsam ihren Riesenspie wagerecht durch die
Lande schleppten -- eine wuchtige Eisenstange. Und mit ihr gingen sie
zum Sto gegen das von gebranntem Ton luftdicht verschlossene Gieloch
vor. Hallende Tne zitterten ber das Rauschen der Wasser hin -- wieder
und wieder stieen die Mnner mit den von nassen Tchern umwickelten
Hnden den Eisenstab gegen den Verschlu -- berannten die Festung des
Feuers. -- Und da krachte es -- Funken schossen hervor -- Garben von
Sprhpnktchen -- und weigolden, von leichten Trbungen da und dort
berhaucht, flo das glhende Eisen.

Dstere Glut warf einen rtlichen Schein in den Raum der Giehalle, wo
die sich bckenden und von Sandwall zu Sandwall hinbertretenden
Gestalten der Arbeiter zu schwarzen Silhouetten wurden. Und in der
schiefen Ebene fllte sich langsam Rinne um Rinne mit dem flieenden
Eisen -- das sah aus, als htten sich lauter Goldstreifen hingelegt --
eine Reihe von kurzen, blanken Linien auf dunklem Grunde.

Und vom Vorherde, unten am Ofen, flo auch schon die Schlacke ab -- ein
Brunnenstrahl von Feuer. In kurzem Bogen scho er hernieder in das mit
Wasser halbgefllte Wagengef, das die Masse nachher zur Schlackenhalde
rollen sollte.

Die Luft selbst schien wie verbrannt, trocken und voll Hitze war sie. --
Rauch wlkte. -- Die schwarzen Gestalten hantierten in Hast. -- Drauen,
zwischen dem Gestnge und Gedrnge umqualmter Eisenlinien, sah man den
blauen Abendhimmel.

Welch ein Stck Leben! Welche Welt voll Gre und erschtternder
Schnheit!

Die junge Frau fhlte sich erhoben und befreit.

Was sind die Anwandlungen von Unklarheit und wunderlich qulender
Unruhe? Was die unbedeutenden Rtselfragen in einem einzelnen, kleinen
Menschenleben? Was vor dem Geist und der Tat, die die Natur
bezwingen!--

Sie kam sich klein vor und in ihrer Kleinheit beruhigt.

Und zugleich war ihr, als sei sie mit all diesen Dingen unlslich
verbunden -- als sei in dieser Welt der gewaltigen, machtvollen Arbeit
ihre unverlierbare Heimat und Sicherheit -- es wrde, es sollte auch
einst die Welt ihres Kindes werden...

Ihre Seele ward wieder froh...

Und irgend eine Empfindung ntigte sie, die dunklen Augen zu suchen,
denen sie vorhin so unbegreiflich erschreckt ausgewichen war.

Vielleicht hatte der Mann die gleiche Empfindung. Denn wieder begegneten
sich ihre Blicke.

Freudig und stolz sagten sich ihre Augen, da ihre Seelen in der
gleichen Andacht erhoben seien.




6


Das war ein Tag, eine Nacht gewesen! Der alte Herr hatte sie in seinem
Sessel verbracht. Keine Bitten des treuen Leupold vermochten etwas. In
dem greisen Riesen kochte die einstige Ungeduld. Er wnschte ein Gott zu
sein, um der Natur befehlen zu knnen. Seine wartende Aufregung setzte
sich in Zorn um -- nicht gegen irgend einen Menschen -- nein, in diesen
unbestimmten Zorn ber menschliche Ohnmacht. Und er mute sich doch
fassen.--

Sein Sohn war verreist. Unglcklicherweise! In diesen furchtbaren
Stunden htte er neben seiner Frau sein sollen. Das Schicksal gefiel
sich wahrlich darin, Wynfried immer fern zu halten, wenn mit groen
Mahnungen Tod oder Leben an dies Haus klopften...

Damals freilich, als es schien, sein Vater werde erliegen, hielten ihn
unwrdige Dinge ab, die ihn seiner Besinnung beraubt hatten.

Jetzt war es ein ernster, anstndiger Grund, der ihn fortzwang.

Die Sitzung, in welcher die Kreyser-Werke definitiv in eine
Aktiengesellschaft umgewandelt werden sollten, war auf den siebzehnten
April anberaumt worden. Der Generaldirektor Thrauf htte die Vertretung
des Geheimrats bernehmen knnen -- wie so oft, seit dieser an seinen
Krankheitsthron angeschmiedet war. Aber es war seit Monaten bestimmt
gewesen, da bei dieser wichtigen Gelegenheit, die doch auch Wynfrieds
Vermgen anging, der Sohn zum erstenmal als Teilhaber des Hauses Severin
Lohmann drauen zwischen anderen Magnaten der Kohle und Kapitnen der
Industrie fr das Haus eintreten solle.

Der Geheimrat wute ja auch: sein Sohn hatte sich erst Ansehen zu
verschaffen -- noch besa er es kaum. Er mute Vertrauen zu sich
erwecken -- wie sollte man es ihm schon schenken! Denn die Welt hatte
wahrscheinlich mehr von dem frheren Lebejngling gewut als der Vater
selbst. Es galt, sich einen neuen Ruf zu erobern. Das ist schwerer, als
wenn man unbekannt und unbeschrien in einen Kreis tritt. Aber der
Geheimrat wute auch: die bloe Tatsache, da er zu dieser Sitzung nicht
Thrauf, sondern seinen Sohn entsandte, lie die Herren aufmerken,
erweckte die wohlwollendsten Gedanken.

Das alles hatte er oft mit Klara besprochen. Erst sollte die Sitzung
Anfang Mrz stattfinden, ward verschoben und dann zu einem Termin
anberaumt, der einen Konflikt heraufbeschwor.

Es schien dem Geheimrat unmglich, da der junge Ehemann jetzt seine
Frau verlasse. Andererseits schien es eine Unmglichkeit, pltzlich
anstatt Wynfrieds den Generaldirektor zu entsenden. Man wrde denken, er
habe im letzten Augenblick Wynfried doch nicht recht Vertrauen
geschenkt.

Wynfried verhielt sich ziemlich passiv in der Frage. Die Geschichte
interessierte ihn immerhin ein wenig. Auerdem: jedesmal wenn er hinaus
konnte -- wenn er nur im Abteil der Eisenbahn oder im Auto sa -- nach
Berlin -- nach Hamburg -- dann wachte etwas in ihm auf ... Als wenn er
wieder jnger werde ... Als wenn ihm irgend was trstend sage: na, die
Welt wartet ja noch auf dich.--

Aber das mochte er nicht zeigen, besonders jetzt nicht. Denn seine Frau,
diese groartige, famose Frau hatte doch am Ende Ansprche zu
erheben...

Klara entschied. Wie konnte sie es anders als so, da sie bat, Wynfried
mge unbekmmert reisen. Niemand konnte wissen, ob das erwartete
Ereignis denn auch gerade in den Tagen seiner Abwesenheit eintrte. Und
wie, wenn er umsonst die Teilnahme an der Sitzung aufgegeben htte!...

Sie war, wie immer, auch in dieser Frage ihrer Tat treu. Es hing so viel
daran, da Wynfried sich erprobte, in der Welt der groen Herren der
Industrie sich Zutrauen erwarb.

Aber der Schnellzug, der ihren Mann nach Kln zur Vorbesprechung und
Sitzung brachte, war vielleicht eben aus dem Bremer Bahnhof
hinausgeglitten und raste auf die Heide zu, als Klara nach dem Arzt
schicken mute. Sie verbot eine Rckberufung und da man Wynfried
depeschiere.

Sie mochte es sich kaum in ihren Gedanken gestehen: es war ihr lieb, ihn
fern zu wissen. -- Sie mute sich ganz mhsam immer wieder klar machen,
wie wichtig doch das Ereignis auch fr ihn sei. -- Er hatte so wenig
Teil daran genommen ... Das kann ein Mann vielleicht auch nicht ...
Rcksichtsvoll war er immer -- und manchmal so zrtlich, als seien sie
wirklich miteinander in der groen Liebe verbunden, auf die Klara noch
immer wartete.--

Solchen Tag und solche Nacht hatte das Haus noch nicht erlebt. Die
Doktorin Lamprecht, die nicht vom Platze wich und einigemal von der
zornigen Ungeduld des alten Herrn angefahren wurde -- die wute noch:
als Wynfried das Licht der Welt erblickte, hatte der selige Lamprecht
chloroformieren mssen, denn die gndige Frau lehnte es ab, auch nur den
leisesten Schmerz zu ertragen, wenn die Wissenschaft ihr den ersparen
knne. So war die damals im Schlaf zur Mutterwrde gelangt.

Klara wollte bestehen, was die Natur von ihr verlangte. Es waren heilige
Leiden. Sie muten tapfer durchlitten werden. Und am siebzehnten April
erhob sich aus feinstem Dunst ein Morgen voll erquickender Herbheit.
Hyazinthenduft atmete von den Beeten vorm Hause auf. Der alte Herr hatte
die Fenster seines Erkers ffnen lassen und belebte sich an dem zarten
Frhlingszauber der Luft. Drben berm weiten Gelnde lag die Poesie der
Frhe.

Gerade hinauf stieg aus den Schloten des Werkes der Rauch, wie ein
Morgenopfer zur Unendlichkeit empordampft.

Feierliche Wrde war in diesem jungen Tag.

Da kam Leupold wieder einmal herein -- bleich, verwacht auch er.

Ich darf Herrn Geheimrat in den Fahrstuhl helfen?

Was soll das? -- Was willst du mit mir...

Die gndige Frau lassen bitten... Und er hatte ein seltsam
verstocktes Gesicht.

Meine Tochter? ... Meine Tochter? murmelte der alte Herr verstrt ...
irgend ein unbestimmter Schreck wollte ihn packen, obgleich man ihm wohl
an die zwanzigmal zugeschworen hatte: es steht sehr gut -- keine Sorge
-- nein gar keine.--

Er zitterte...

Und Leupold dachte: er wird alt! Auch in ihm war Zorn. Solche
Aufregungen waren nicht fr seinen Herrn -- und Nchte durchwachen, wenn
man streng und vorsichtig nach Regeln zu leben hat, um berhaupt zu
leben ... Alles verkehrt -- dieser ganze Zustand jetzt, mit einer
zweiten, jungen Wirtschaft unten im Haus ... Ehedem war alles im
Gleichma hergegangen...

Unter solchen Gedanken half er der mchtigen Gestalt in den Fahrstuhl
und schob ihn rasch zum Lift.

Der alte Herr wagte nicht zu fragen. Wenn Leupold gewut htte, warum
Klara nach ihm rief, wrde er es gesagt haben...

Unten ri schon der hellfarbige Georg mit dem gestriegelten Blondhaar
und gewaschenem Gesicht die Tr des Lift auf.

Da war auch Dienerschaft am Wege zu Klaras Zimmer ... Das
Kchenpersonal, die Stubenmdchen -- fast als bildeten sie eine Gasse
... Und im groen Zimmer, wo das Bild der teuren Toten lieblich ernst
von der Wand herabsah, standen wieder Menschen: die alte Lamprecht,
klein, grau, gebckt und selig lchelnd; und mit verdienstvollem Gesicht
der dunkelblonde Doktor Sylvester mit dem Kneifer vor den hellen Augen
und dem Schmi vom Mundwinkel bis zur Wangenhlfte, der ihm einen
Ausdruck gab, als sei er immer voll Verachtung. Und noch zwei unbekannte
Weibswesen.

Sie lieen ihn durch ihre Reihen fahren ... Und ihm wurde immer
beklommener zumute ... Sein Herz klopfte.

Die Tr zum Schlafzimmer tat sich auf.--

Da lag, im feinen, hellen Licht der Frhe, bleich ein Haupt auf weien
Kissen ... Und da lag ein Bndel, auch wei, und aus ihm sah ein dunkles
Fellchen hervor, ein ganz kleines Stck nur...

Leupold schob ihn an das Bett.--

Aus dem bleichen Gesicht auf dem Kissen leuchteten dunkle Augen in
heiem Glanz hchsten Glcks ... und die geraden, strengen Brauen waren
ein wenig zusammengerckt -- als seien die Nerven nach dem Krampf der
Schmerzen noch nicht ganz gelst...

Und die junge Frau hob mit schwachem Arm ein wenig das Bndel -- und nun
sah man: das Fellchen war dunkles Haar.

Der kleine Severin Lohmann, sagte sie.

Und ihre Stimme bebte vor Seligkeit...

Er schluchzte auf. -- Dem alten Mann, der stark geblieben war in jedem
Kampf und in jeder Not, zerbrach die Fassung.

Und das kleine, dunkle Fellchen in den Kissen des Bndels war ihm der
wunderbarste Anblick, den das Leben ihm gegnnt...

Die groe Mnnerhand streckte sich aus -- tastete scheu nach diesem
Kpfchen, von dem man so wenig sah. Und zog sich erschreckt zurck, als
habe sie Heiligstes berhrt -- so berfein und unfalich zart war das,
was seine Fingerspitzen versprten.

Dann umgriff er der jungen Mutter Hand, hob sie zu sich heran -- er
mute sich mhsam vorneigen, um sie mit seinen Lippen zu erreichen ...
Und er kte sie -- immer wieder -- von Dankgefhl bermannt --
wortlos.--

Bis Doktor Sylvester mit einem von den fremden und in gepltteter
Kleider- und Schrzensauberkeit knitternden Weibswesen hereinkam und
Leupold kurzerhand den Fahrstuhl rckwrts und zum Zimmer hinauszog...

Ja, das war ein Tag! Der Geheimrat wollte durchaus schlafen, denn nun
lag ihm erst recht am Leben. Aber die Aufregung lie ihn nicht dazu
kommen. Und Doktor Sylvester trstete Leupold: es schade nicht. Man
wisse ja, wie Freude fr den alten Herrn bekmmlich sei.

An den beiden Torpfeilern, rechts und links von der Inschrift
Eisenhtte Severin Lohmann, wehten Flaggen; von den Husern der
Beamten und der Villa des Generaldirektors wallten die rot und weien
und die schwarz-wei-roten Tuchstreifen, im frischen Wind zu schnen
Wellenbewegungen immer wieder neu entfaltet.

Auf die Depesche nach Kln hin kamen drei Antworten. Wynfried sagte
durch den Draht seiner Frau: Freudig bewegt sende tausend Gre und
Wnsche, am zwanzigsten bin ich wieder dort. Innigst Wynfried.

Und seinem Vater: Mit dir stolz und froh. Bitte tglich zwei- oder
dreimal um Telegramm ber Befinden. Wynfried.

Gottlob, dachte der Geheimrat, von einer beglckenden Ruhe ganz
erfllt, nun liegt die Zukunft klar und sicher da.

Das dritte Telegramm machte ihm Spa. Mehr noch: er schmunzelte, und ein
Ausdruck freudigen Stolzes ging ber sein Gesicht.

Es lebe der vierte Severin Lohmann. Mge er des Grovaters wrdiger
Enkel werden. Mutter und Kind wnschen wir alles Gute. Dem hochverehrten
Grovater bringen wir Glckwnsche und Gru.

Diese Kundgebung war von elf Namen unterzeichnet, mit dem Kreysers an
der Spitze. Und jeder hatte Klang, der ber die Ozeane hallte.
Grofrsten der Industrie und des Handels -- sie nahmen freudig teil am
Dasein des winzigen kleinen Kerlchens im weien Bndel. Sie waren stolz,
da eine der Dynastien in ihren Reihen weiterblhen sollte...

Das wollte der Geheimrat aufheben; wenn der Junge erst lesen konnte,
sollte er selbst die Depesche sehen -- sie sollte ihm einst sagen: Du
bist in groe Verantwortungen hinein geboren. Viele Augen sehen darauf,
ob du ein tchtiger Mann wirst...

Alle, die sein Arm nur erreichen konnte, sollten Freude haben heute.

Er bat den Generaldirektor Thrauf, als der mit seiner Frau zum
Gratulieren vor dem gewaltigen Ledersessel stand, da die sofortige
Verteilung einer groen Summe an die Arbeiterschaft bewerkstelligt
werde. ber eine sehr erhebliche Stiftung ntzlicher Art fr die Kinder
der Arbeiter wolle er noch mit seiner Schwiegertochter sich beraten und
ihr die Freude gnnen, am Tauftage des Kindes der Arbeiterschaft davon
Mitteilung zu machen. Die wunderhbsche dunkelugige Frau Thrauf bat
er, den Schulkindern eine festliche Nachmittagsbewirtung veranstalten zu
lassen, und sie, die immer von der anmutigsten Geflligkeit war,
versprach, mit ihren drei Tchtern selbst Schokolade und Kuchen in
befriedigenden Mengen anzubieten.

Likowski und Marning kamen, als die von den drben garnisonierenden
Herren dem Hause nchst Befreundeten, und der Geheimrat nahm ihren
Besuch an. Er hatte ja ein unersttliches Bedrfnis, Klara zu preisen,
seine eigene Freude auszusprechen. Sein ganzes Wesen war verwandelt. Er
war nicht mehr der groe Beherrscher, der den Kopf voll von Sorgen hat.
Nur ein ganz einfach glcklicher Mann war er, voll Ehrerbietung vor der
Wrde einer jungen Frau, voll seligen Glckes, einen Enkel zu haben.

Als die beiden Herren fortgingen, sagte drauen Stephan Marning: Ja,
dies Kind hat sich eine bevorzugte Statt ausgesucht -- solche Mutter --
und solche Zukunft!

Likowski verbreitete sich ber Frau Klara Lohmann. Marning solle sich
geflligst erinnern, was er, der Hauptmann, schon fr ein Urteil ber
Frulein Klara Hildebrandt gehabt habe! Die Frage bleibe fr ihn nur:
Hatte der Gatte eine Ahnung, wer die Frau an seiner Seite sei?

Alles in Stephan wehrte sich dagegen, mit seinem Kameraden diese junge
Frau und ihre Ehe zu besprechen. Er sagte nur: O -- man hat doch stets
den Eindruck eines angenehmen Verhltnisses...

Angenehm -- angenehm! schalt Likowski. Den Kuckuck auch -- soll er
wohl gar unangenehm sein? Ich wei nich -- ich trau' ihm nich -- nee --
wo das mal drinn steckt -- so 'ne Mnner sind gerade wie die Gule
frher von der Kavallerie, als die noch Signale blasen lie -- wenn ein
ausrangierter noch nach Jahr und Tag wieder das Signal 'Marsch' hrte,
brannte er durch ... Warten wir's ab...

Lieber Likowski -- Sie sind ein Pessimist -- in allen Dingen-- sprach
er.

Kunststck -- erlebt man was anderes als Enttuschungen? ... Die sind
mein tgliches Brot ... Haben Sie die Morgenbltter schon gelesen? Hab'
ich nich gleich gesagt -- damals im Februar -- dieser auffallende Besuch
von Haldane -- und dann die Pressekampagne hinterher -- passen Sie auf,
wir werden wieder eingeseift -- na -- uns, grad' uns kommt's ja zu, zu
schweigen -- warten -- aufrecht bleiben--

Ich denke, sagte Stephan Marning, um nur keinenfalls des Freundes
Gedanken zu der jungen Frau und ihrer Ehe zurckkehren zu lassen, wir
haben noch Zeit -- lassen Sie uns einen Rundgang durch das Werk machen
-- ich habe mir von Thrauf vor einiger Zeit die Erlaubnis erwirkt, nach
Belieben hinein zu drfen, und bin oft da -- es regt mich unersttlich
an...

Fabelhaft -- Ihr Interesse! ... Thrauf und der alte Herr sagen schon:
der kommt noch zu uns herber ... Marning, das tun Sie mir nich an --
nee -- da Sie um schnden Mammon unseren Rock ausziehen...

Darum? Nie! sprach Marning ernst. Aber denken Sie denn, da all die
Herren, die bei Krupp und sonst da und dort in die Industrie oder die
Schiffahrtsgesellschaften eintraten, das immer um des Mammons willen
taten? Haben Sie damals, als wir -- wissen Sie noch, es war am
Geburtstag der jungen Frau -- als wir zuerst auf dem Werk waren -- mir
eine neue Welt -- ja, da haben Sie selbst gesagt: wir stehen doch
Schulter an Schulter ... Sie knnen ruhig sein, Likowski, mich wird
schon kein Krupp, kein Erhardt, kein Thyssen berufen und mich vom
Regiment weglocken. Ich bin ein gnzlich unbekannter armer Oberleutnant
ohne gromchtige Beziehungen. Aber das ist wahr: wr' ich nicht
Offizier, mcht' ich auf solchem Werk mitarbeiten -- sei's gegen noch so
bescheidenen Lohn...

Gottlob, sagte Likowski zufrieden, da Krupp und Konsorten keinen
Schimmer von Ihrer Nebenliebe haben...

Unterdessen kehrte bei dem alten Herrn eine Art von krperlicher
Mattigkeit ein, die, weil durch seelische Beruhigung hervorgerufen, sehr
wohlttig war. Frh schon wagte Leupold den Vorschlag, ob Herr Geheimrat
nicht zu Bett gehen und seine Abendmahlzeit in bequemster Lage nehmen
wolle.

Es schien auch, als wirke die feierliche Ruhe, die unten im Hause
herrschte, durch Balken und Decken bis oben hinauf und besnftige alle
Nerven.

Viel eher schon als sonst wohl erloschen alle Lichter im Herrenhaus.
Leupold, der seit dem Schlaganfall des Geheimrats vor fnfviertel Jahren
neben dessen Schlafzimmer seine Stube hatte, zog gerade seinen
dunkelblauen Rock aus, als die elektrische Glocke noch einmal
schrillte.

Dieser grelle, durchdringende Ton bedeutete zu unerwarteter Zeit immer
Schreck. Heute aber begann ihm das Herz vollends rasend zu klopfen.

Denn eben hatte er mit einem aberglubischen Gedanken an die
bevorstehende Nacht gedacht. Was konnte sich in ihr ereignen! Man hatte
es manchmal erfahren, da Leben und Tod am gleichen Tage in einem Hause
einkehrten ... Und die unsglichen Aufregungen, die der alte Herr
durchlitten...

Mit einem Schritt war Leupold an der Tr und ffnete.

Dunkelheit? ... Kein Laut? ... Angst befiel ihn ... seine Hand tastete
nach dem kleinen Knebel neben der Tr -- das Licht an der groen Lampe,
die grn umhangen vom Plafond herabkam, blitzte auf.

Er sah gleich: ganz ruhig lag der Geheimrat, wie immer fast sitzend, so
viel Kissen sttzten ihm den Kopf. Nur die Augen sahen in heller
Wachsamkeit gro und blitzend ihm entgegen.

Er neigte sich ein wenig herab -- doch noch in Besorgnis, wollte
fragen...

Da packte die groe Hand ihn um das Gelenk seiner Rechten. Und der alte
Herr sprach: Leupold -- du weit es seit damals -- ich mu immer
gerstet sein. -- Ich wollte dir nur sagen: Die junge Frau und das
kleine Kind -- das ist nun das Heiligste, was das Haus Lohmann hat ...
Und versprich mir: so lange du hier deine Gerechtigkeit findest --
berhaupt noch dienen magst -- verla sie nicht! Das mut du einsehen:
Deine Treue fr mich ist keine ganze Treue, wenn du sie nicht auch der
jungen Frau und meinem Enkel gibst...

Hat die gndige Frau ber mich geklagt? fragte Leupold mit blassen
Lippen.

Nie! sagte der Geheimrat stark. Aber ich hab' so allerlei
'rausgefhlt...

Leupold stand beschmt, da sein Herr ihn durchschaut habe. Und er sah
wieder die junge Mutter auf dem weien Kissen und das Bndelchen in
ihrem Arm. Er war ja immer Zeuge vom Leben seines Herrn, und so schnell
er sich auch heute morgen zurckgezogen hatte -- den von Glck bebenden
Ton vernahm er doch noch, mit welchem die junge Mutter sprach: Der
kleine Severin Lohmann. -- Da war doch auch ber sein etwas
vertrocknetes Junggesellenherz eine weiche Welle hingegangen -- fast wie
Rhrung.

Er sprach in einer wunderlichen Mischung von Verstocktheit und
Ergriffenheit: Die gndige Frau und der kleine gndige Herr sollen sich
auf mich verlassen...

Der Geheimrat war von einem beklemmenden Aberglauben befallen gewesen.
-- Man hat es zuweilen erfahren, da Leben und Tod ein Haus am gleichen
Tage suchen ... Deshalb konnte er sich nicht der Dunkelheit und der
Nacht geduldig und vertrauensvoll ergeben. -- Er mute der geliebten
Tochter und dem Kinde noch einen Treuen werben.

Nun aber lste sich alles in einem frohen Auflachen.

Der kleine gndige Herr! Schafskopf -- wir sind keine Frsten. Denkst
so ungefhr: Seine Hoheit der Erbprinz haben geruht, seine Windeln voll
zu ------ na ... Wie ich meine Tochter taxier', lehrt sie den Jungen
feste erst mal gehorchen -- auch dir! ... Der kleine 'gndige Herr'...

Er hatte einen groen Spa und sah im Geist das dunkle Stck Fell in den
Kissen.

So trennten sich Herr und Diener mit einem glcklichen, humorvollen
Lcheln.--

Am zwanzigsten kam Wynfried von Kln zurck. Einige Minuten nach sechs
Uhr abends traf der Zug in Lbeck ein; das Auto war am Bahnhof; um
sieben raste es auf das Httenwerk zu und hielt vor dem Herrenhause.

Klara hrte den Ruf der Hupe -- hohl und dunkel.

Sie wartete sehr auf ihren Mann. In einer Art von Neugier -- in Angst --
in Enttuschung. -- Niemals htte sie genau sagen knnen, in was fr
Empfindungen. Bald sprach die eine stark und bald die andere.

Von der Mutterschaft hatte sie eine ganze Umwandlung ihres seelischen
Daseins erwartet.

ber gar nichts im menschlichen Leben werden so viel berspannte,
hochgeschraubte Phrasen geschrieben wie ber das Wunder der
Mutterschaft, dachte Klara. Das tun wohl Mnner, die sich nur
konstruieren knnen, was wir innerlich erleben -- und Frauen tun es, die
selber niemals ein Kind hatten.

Sie war ganz dieselbe geblieben, die sie vorher gewesen. Nur eine
verzehrende unendliche Liebe zu dem winzigen Geschpfchen war in ihrem
Herzen und erweiterte es gleichsam -- als sei ihm ein Stck
hinzugewachsen...

Sonst hatte sich nichts verndert...

Und sie war so getragen gewesen von dem Glauben, da das Kind in ihr
eine heie Dankbarkeit fr den Vater, eine neue, nun wirklich
leidenschaftliche Neigung zu dem Vater mitbringen werde -- wie ein
Geschenk aus den dunklen Untergrnden des Daseins.

Nichts davon ... Alles war wie bisher. -- Eine kleine Neugier war
hinzugekommen, was Wynfried sage, wie er sich in die neue Wrde schicken
knne -- die ihm vielleicht -- Klara ahnte es -- nicht so ganz
zusagte...

Aber wenn sie ihn nur erst she! An dieser Schwelle eines neuen
Lebensabschnittes voller Pflichten muten sie sich von Auge zu Auge
verstehen -- ein Blick war mehr als alles Begrbeln...

Nun schrie die Hupe zweimal auf--

Klara wurde erregt. Das sah die Wrterin und mahnte mit der
bevormundenden Familiaritt solcher Frauen in solcher Lage. Sie wissen
so viel mehr als die jungen Mtter, die ihre Schlerinnen werden, und
das neue kleine Leben ist ihnen anbefohlen -- da werden sie naiv
berheblich, dachte Klara oft.

Die alte Doktorin Lamprecht, die sich dem Wahn hingab, sie pflege Klara
mit, und sich nur wichtig in allen Rumen des Hauses zeigte, kam herein.
Wynfried meine, nach sieben Uhr werde er hier wohl nicht vorgelassen ...
Die gute Alte trug das in einem neckischen, zrtlichen Ton vor, der
Klara wehtat, als sei er voll verborgener Taktlosigkeiten. -- Klara sah
an ihr: greise Menschen haben, wohl aus Bedrfnis zum Frieden, so leicht
rosige Phantasien und ein so kurzes Gedchtnis ... Und die alte Frau tat
lngst schker- und schferhaft, wenn sie von Klaras Ehe sprach -- deren
Grund sie doch kannte...

Die geraden Brauen ber den dunklen Augen rckten nher zusammen --
Klara sah nervs aus -- als schmerze sie etwas--

Ich mchte meinen Mann sofort sehen, sprach sie etwas kurz.

Und dann trat er ein. Niemand war zugegen. Die Vorhnge hatte man
zurckgezogen, da die Sonne schon zu tief im Westen stand und ihre
Strahlen diese Fenster nicht mehr erreichten. Es war hell.

Und wie durch eine Eingebung erriet die junge Frau, da der Mann mehr
unsicher, mehr verlegen war als gerhrt und erhoben...

Er kam mit raschen Schritten auf das Bett zu -- neigte sich herab und
kte Klara--

Sie sah ihn an -- tief -- tief. -- Er lchelte dem Blick zu, der ihm
doch fast unbehaglich war...

Er fragte alles, was sich nur bei diesem Wiedersehen aus dem Ereignis
ergeben konnte. Und er kte Klara zwischendurch wohl viermal die Hand
und streichelte leise ihre Wangen--

Seine Herzlichkeit, seine Freundlichkeit war voller Rcksicht -- wie sie
es immer gewesen war, und nicht anders...

Nein -- nicht anders...

Auch in ihm hatten sich keinerlei Wunder begeben--

Willst du ihn nicht sehen?

Gehorsam stand Wynfried auf und ging an das Bettchen, nahm mit
vorsichtigen Fingern ein wenig den blauen Seidenstoff und die
Spitzenberhnge auseinander, atmete einen Dunst von neuem Flanell und
lauer Wrme ein, der ihm grlich war, sah ein Stckchen Schdel mit
dunklem Haar, schlo die Falten wieder zusammen und sprach: Entzckend
-- hoffentlich sieht er dir hnlich -- ja -- so'n Baby -- das ist nun
mehr was fr Frauen--

Und dann: Aber ich darf nur fnf Minuten hier bleiben -- die
Lamprchtige hat es so befohlen...

Er kte ihr die Stirn.

Ich bin rasend stolz, da es ein Junge ist -- und Vater ist ja wohl
auer sich...

Ja, sagte Klara, Vater freut sich...

Ganz einfach sprach sie das -- jedes groe Wort, jede Aufwallung und
Erschtterung blieb aus.--

Es war sehr alltglich...

Und die junge Frau war wieder allein. Sie schlo die Augen und drehte
den Kopf zur Seite -- sie heuchelte Schlummer, um nachzudenken.

Und sie konnte doch eigentlich gar nichts denken.

Wenn auf Monate aberglubischen Hoffens fnf nchtern-nette Minuten
kommen...

Das macht das Herz still--

Alles war dasselbe geblieben--

Klara wute nun, da sie ihre Tat der Dankbarkeit unter Verzicht auf
jedes wahre Herzensglck durchfhren mute...

Nun ging das Leben bald wieder in den Alltag hinein, und nach einigen
Wochen war man es schon gewohnt, da eine neue Hauptperson vorhanden
war, die meist schlief und zuweilen beraus krftig schrie. Auch eine
pompse Amme in Mecklenburg-Strelitzer Tracht, in schwarzem Mieder mit
buntem Brusttuch und weien Hemdrmeln, mit rotbuntem Rande um den
schwarzen Rock, sowie einer goldenen Haube, daraus weie Tllteile sich
knstlich gesichtswrts bogen, hatte die Zahl der Hausbewohner vermehrt.

Denn Wynfried bestand sogleich darauf, da man ein solches Wesen suche.
Er erklrte dem Doktor Sylvester und seiner Frau, da es ihm einfach
gegen sein sthetisches Gefhl gehe, wenn Klara den Jungen selbst nhren
wolle. Er kmmerte sich sonst um nichts. Aber in diesem Punkte war er
fest. Doktor Sylvester stritt energisch fr das Natrliche. Aber ber
Klara kam auf der Stelle eine ihrem Wesen sonst fremde Mattigkeit. Sie
konnte nicht kmpfen.

Sie hatte nur ein dumpfes Gefhl von einer unberbrckbaren
Verschiedenheit in groen Dingen.--

Sie mute den stillen Mut haben, ein Opfer zu bringen. ber Wynfrieds
Wnsche durfte man nicht hinweggehen -- sie nicht, deren Aufgabe es war,
einen _Mann_ aus ihm zu machen -- und sie sprte: hier war es ihm ein
Bedrfnis, sich als Gebieter zu fhlen.

Er kmmerte sich sowieso wenig um das Kind. rgerlichkeiten sollten in
ihm nicht aufkommen.

Bald bemerkte Klara, da ihr Mann entweder die Vernderung im
Familienleben als einen Abschnitt ansah, der ihm mehr Freiheit
zurckgebe, oder da er die letzten Nervositten abschttelte, die ihm
noch angehaftet.

Er zeigte allerlei neue Interessen und eine frischere Stimmung von der
erfreulichsten Ausgeglichenheit.

Unfern der Anlegebrcke, zu der die von Hainbuchenhecken geleitete
Sandsteintreppe hinabfhrte, ankerten nun ein Motorboot und eine
seegehende Schonerjacht. Hart an der Brcke schaukelte an seiner
eisernen Kette das kleine Beiboot, mit dem man in ein paar Ruderschlgen
zu den beiden Fahrzeugen kommen konnte.

Das Motorboot war viel grer und eleganter als das der Baronin Agathe
Hegemeister. Es hatte in der Mitte eine Salonkajte, aus deren rotgrauen
Samtsofas man leicht Bettstatten schaffen konnte. Eine Kombse und ein
kleiner Toilettenraum schlossen sich an. Grere Ausflge, mit
bernachten an Bord, lieen sich ntigenfalls im Motorboot ausfhren. Es
hie dem Kinde zu Ehren Severin, whrend die Jacht den Namen Klara
trug.

Die war schneewei und wirkte neben dem von Benzin getriebenen
Mahagonigefhrten sdlich-kokett. Ihr Deck, von schmalen
Pitschpinebohlen, strahlte von Gltte und Sauberkeit. Sie besa im Raum
eine Hauptkajte, eine Damenkajte, wo drei Damen es nicht allzu eng
haben wrden, Kombse und groe Mannschaftskojen, war also zu greren
Kstenreisen durchaus eingerichtet und seetchtig, auch in den Sunden
und Belten der holsteinischen und dnischen Gewsser zu kreuzen.

Ihre Mannschaft trug krebsrote Sweater zu weien Hosen und krebsrote
Zipfelmtzen. In dieser munteren Tracht sah man sie wie Spring- und
Kletterwesen an den Masten und mit den bleichgelblichen Seidensegeln
flink hantieren. Sie wurden von einem Schiffer kommandiert, der einen
marineblauen Jackenanzug mit Goldknpfen trug und um seine Schirmmtze
ein goldenes Band hatte.

Da Wynfried pltzlich auf diesen Sport verfallen war, sagte dem
Geheimrat in mancher Hinsicht wohl zu. Er sah es: nach einem Jahr des
gesunden Lebens neben einer Frau, die ihm Achtung abforderte, in immer
regelmiger werdender Arbeit, war seinem Sohne ganz einfach das
zurckgekommen, was er in tollen Jahren verloren gehabt hatte: die
gesunde Jugendkraft.

Und wenn sie sich im Sport bettigen wollte, konnte ihr hier, in der
Nhe von Travemnde und dem berhmten Segelwasser der Lbecker Bucht,
keiner verlockender scheinen als dieser.

Er freilich hatte dergleichen nie gebraucht, um sich zu erholen.

Diese seine Randbemerkung fand Klara etwas ungerecht und zu sehr: einst
gegen jetzt.

Solche Arbeitsgenies wie du sind auch selten. Auerdem: alles liegt
anders jetzt. Der Mann von heute wird ja durch seine Arbeitsstunden so
gepeitscht, da er Ausgleich fr seine Nerven haben mu, wenn er sich
nicht zu frh verbrauchen soll. Du, Vater, und all die deiner Generation
-- ihr seid so nach und nach in das Hetzen hineingewachsen. Heut fngt's
ja schon fr die Kinder mit dem Telephon an. Ich meine: Gottlob, da
Wynfried die Erholung im Sport sucht.

Ja -- gottlob, dachte der Geheimrat. Wenn er alle Augenblick nach
Berlin oder Hamburg fhre, um sich zu erholen...

Sicherlich, das htte sein Vaterherz gengstigt -- obgleich -- Nein!
Nein -- solche Frau -- und einen Sohn in der Wiege -- da war wohl keine
Gefahr mehr.

Klara fuhr fort: Du hast mir einmal erzhlt, da seine Mutter sehr
vergngungsschtig gewesen sei, und es hier nie lange aushielt. Sieh --
es rumort doch gewi auch etwas vom Blut seiner Mutter in ihm und will
durch Abwechslung und Freude beruhigt werden. Wollen wir nicht dankbar
sein, da er sie in der Natur sucht?

Nimm ihn nur in Schutz, sagte der alte Herr weich. Lieberes konnte er
gar nicht hren.----

Die Taufe wurde mit einem groen Mittagessen gefeiert, zu dem von allen
Seiten her, aus dem Mecklenburgischen und Lbeckischen, die Freunde des
Hauses gefahren kamen.

Tags zuvor sprach Agathe Hegemeister endlich wieder vor. Sie war solange
fortgewesen. Nun kam wie eine Erlsung diese Tauffestlichkeit. Agathe
hatte ihren Eltern klar machen knnen, da sie dabei nicht fehlen drfe,
ohne ihre intimste Freundin Klara schwer zu krnken. Und Agathe war
beinahe schon umgekommen in dem Berliner Vorort. Man hatte den Eindruck,
da die Eltern der blonden Baronin sehr darauf bestanden, ihre Tochter
jeden Frhling acht Wochen bei sich zu haben, weil sie wnschten, der
Welt ein inniges Verhltnis mit ihr vorzufhren. Agathe konnte mit ihrer
treuen Gerwald so oft nach Berlin hineinfahren, wie sie wollte, und dort
nach Gefallen einkaufen und Geld vertun. Aber es sei dennoch immer eine
versteckte Gefangenschaft, klagte sie der Freundin vor.

Ganz abgesehen von der bestndigen Sehnsucht nach dem Einen, Bewuten,
wegen dessen Klte sie noch vor Gram sterbe. Klara werde es nicht
glauben: keinmal, kein einziges Mal habe er geschrieben -- sie habe
keine Hoffnung mehr.

Aber der Gram und die Hoffnungslosigkeit sind dir glnzend bekommen,
meinte Klara.

Ich bin eine von den unglcklichen Konstitutionen, denen man ihren
geheimen Jammer nie glaubt, sagte Agathe bekmmert.

Aber dann raffte sie sich wieder auf und schwor, den Undankbaren mit
Klte zu strafen.

Als sie wieder fort war, dachte Klara sehr verwundert, da ihre
intimste Freundin nicht einmal nach dem Kind gefragt habe -- nicht
einmal verlangt, es zu sehen -- merkwrdig!

Aber Klara nahm es nicht bel. Ebenso gut htte man einer Rose Vorwurf
daraus machen knnen, da sie nur Schnheit und Duft habe und sonst zu
gar nichts ntig sei.

Am anderen Tag freilich -- es mochte diese Unterlassungssnde Agathen
selbst schwer auf die Seele gefallen sein -- fand sie den Tufling s
und reizend und kokettierte auf das unschuldigste und strkste ber das
festliche Steckbett in den Armen der Amme hinweg mit dem Vater, ihm
zuschwrend, da Severin der Vierte ihm fabelhaft hnlich sehe.

Wynfried verbat es sich lachend und meinte: etwas jnger und hbscher
glaube er denn doch auszusehen als sein acht Wochen alter Sohn, und mehr
Haar habe er denn doch auch noch.

Das dunkle Fellchen war schon verschwunden, und ein kahler,
unverhltnismig groer Kinderschdel ist nie schn.

Aber Klara, die gerade dabei stand, dachte doch, etwas peinlich
berhrt, ja beleidigt: Sehen sie denn nicht die Augen -- nicht diese
Wundertiefen darin?...

Niemand blieb bei der Taufhandlung ungerhrt, als Klara selbst ihr
kleines Kind auf die Knie des Grovaters legte, der es mit scheuen
Hnden festhielt.

Durch manches Herz zog eine Ahnung von dem, was der gebndigte alte
Riese wohl in diesem Augenblick empfinden mge.

Feierliches Schweigen aller Anwesenden trug die pastorale Stimme des
einen, der hier zu sprechen hatte.

Die Sonne schien herein, ber eine ganze Wand von Grn und Blumen kamen
die goldenen Strahlen und umglnzten den Pastor und den Alten im
Fahrstuhl mit dem kleinen Kind auf dem Scho, von dem feine Stoff- und
Spitzenfalten gleich einer Schleppe niederhingen.

Auch auf die braunen Haare des geneigten jungen Frauenkopfes fiel noch
der leuchtende Schein.

Stephan Marning stand irgendwo in den gedrngten Reihen der Taufgste.
Er hatte aber den Blick frei auf diese umstrahlte Gruppe vor dem
improvisierten Altar.

Sein Herz klopfte -- er wurde selbst davon berrascht, so jh begann
dies schnelle Schlagen.

Dies junge Weib! Wie es ihn bezwang, wenn er sie sah...

Warum hatte sie ihn geheiratet? fragte er sich zum unendlichsten Mal.

Er wute: Der Geheimrat hatte sie untersttzt nach dem Tode ihrer
Eltern. Fr einen so reichen Mann gegen die Waise eines einstigen
Beamten eine brave, aber keine so groe Tat, da die Empfngerin der
Wohltat sich dafr hinopferte...

Sein Blick lie nicht von diesem braunen Haar, nicht von diesem edlen
Gesicht mit den dunklen Augen, ber denen die geraden Brauen etwas
zusammengerckt waren wie in einem geheimen, unendlichen Schmerz.

Und die Kraft seines Blickes drang in die Seele der jungen Frau. Sie
hob, als rufe sie wer, ein wenig das Haupt, sah auf -- und sah in das
groe, sprechende Auge des Mannes.

Sie erblaten beide.

Klara senkte die Lider -- ein leises Schwanken schien durch ihre Gestalt
zu gehen.

Ihn berfiel ein seltsamer Zustand. Es war eigentlich kein Entsetzen,
kein Sturm fassungsloser Aufregung.

Nichts war deutliches Denken oder eingestandene Erkenntnis.

Endlich klrte sich die dumpfe Verwirrtheit zu dem Gefhl: Ich mu
fort...

Ja, fort -- sich versetzen lassen -- an die russische oder franzsische
Grenze -- wo man fern von allen Erinnerungen, aller Kultur ist, wo man
nichts hat als das wachsame und lauernde Warten auf den Krieg...

Nachher, bei Tisch, fand er Agathe neben sich, die der Hausherr in einer
Art von spttischer Gelegenheitsmacherei an seine linke Seite gesetzt
hatte. Und Agathe blhte in ihrer ppigen Schnheit lockender als je.
Aber sie mute einsehen, da ihre Liebe verschwendet sei. Heute lsten
sich auch die letzten Illusionen in einen trben Nebel auf -- und der
hie: Entsagung.

Ihr ganzes Gemt war voll von Trnen, die sich hier nur nicht laut
herausschluchzen lieen.

Aber Zorn war nicht in ihr. Sie dachte, voll Rhrung ber sich und ihre
weiche Natur: Hassen kann ich ihn nicht...

Nein -- das lag ihr nicht.

Und ihr war gewissermaen so zumut, als knne sie ihn, abschiednehmend,
segnen. Wobei vielleicht im Unterbewutsein doch noch ein unsterbliches
Fnkchen Hoffnung glomm, da ihre demtige Weiblichkeit ihn dennoch
bezaubern werde.

Nach Tisch war man im Garten, der hinterm Hause schon mehr Park genannt
werden konnte mit seinen weiten Rasenflchen und seinen groen Baum- und
Gebschgruppen.

Es war die Zeit der langen Tage, an die sich helle, kurze Nchte
schlossen. Von dmmerigem Frhlingsabendzauber konnte man deshalb nicht
sprechen, und zur Sentimentalitt lud das blaue Licht nicht ein.
Zwischen den Wipfeln und ber den Bschen sah man die Schornsteine und
die Burgen der Hochfen herberragen, und vor dem Abendhimmel stand der
Dunst, der die Welt des Feuers und des Eisens immer berschwebte.
Glhender Schein glnzte geheimnisvoll auf.

Vom Flu herauf schrie die Sirene eines Dampfers, man sah auch eine
Schlange von Rauch in der Luft liegen, die langsam weiter und meerwrts
gezogen wurde.

Das alles sprach zu der jungen Frau und tat ihr wohl und schien ihr
beruhigend zu sagen: Dein Bereich ist nicht von einem Erdbeben zerstrt,
und du selbst stehst fest noch mitten darin.

Nur nicht wieder diesen groen, sprechenden Blick sehen. Nie wieder --
darin war etwas gewesen -- was? Groer Gott -- was denn?

Entsetzte sie sich nicht vor einem Phantom?

Und als sie einmal sah, da ihr Mann mit Agathe, Likowski, Marning und
der rothaarigen, nicht mehr so vllig entzckend hlichen Edith Stuhr
zusammenstand, ging sie mit sicheren Schritten auf die Gruppe zu.
Wynfried verabredete gerade Segelpartien, zur Vorbereitung auf die
Travemnder Woche. Denn wenn auch die Klara sich mit den Jachten ihrer
Klasse, des Kaisers Meteor und der Kruppschen Germania, noch nicht
in einen Wettkampf einlassen konnte, weil Schiffer, Mannschaft und
Besitzer sie noch zu wenig kannten, so wollte man doch bemerkt werden
und als neue Erscheinung einen sehr guten Eindruck machen. In allen
Sportzeitungen war es schon in freundlichen Notizen begrt worden, da
Herr Wynfried Severin Lohmann die auf der Germaniawerft erbaute Jacht
erworben habe.

Frulein Edith, deren Hlichkeit schrfere Linien bekommen hatte,
tanzte vor Begeisterung. Sie war zu allem bereit -- wollte eine Art
freiwilliger Schiffsjunge werden, und weder Sturm noch Gefahr sollten
sie erschrecken. Papa wrde einfach nicht gefragt, damit ihm nicht etwa
beikme, es zu verbieten. Auch Agathe klatschte in die Hnde: Ja, ja!
Das konnte sehr lustig werden.

Was? Die grliche Natur! Das langweilige Meer! Pltzliche
Geschmacksnderung? spottete Likowski.

Ach -- Sie! So 'n rauher Kriegsmann versteht nichts von den Wandlungen
einer Frauenseele.

Na, es freut mich immerhin. Natur -- das ist doch wenigstens kein
schlechter Geschmack!

Das sagt er mir! Als htte ich je solchen! rief Agathe emprt.

Likowski lehnte fr seine Person ab, an den Fahrten teilzunehmen, und
sagte auch gleich -- weil er wute, er half damit dem Kameraden -- da
es Marning wohl ebenso ergehe. Denn wie lagen die Dinge? Sie lagen so,
da es noch in diesem Sommer zu etwas kommen werde! Sein Vetter, der
Kapitnleutnant, war der gleichen Ansicht. Vor dem Herbst! Denn im
Sptherbst lassen sich die Englnder auf nichts mehr ein. Wir sind
ihnen mit unseren Torpedobooten berlegen, und deren erfolgreichstes
Feld ist: dunkle Herbstnchte. Das wissen sie da berm Kanal. Nein, in
solchen Zeiten und wo alle Nerven vor gespannter Erwartung bebten, da
hatte er keinen Sinn fr Sport.

Ach Unsinn, es geht nie los, sagte Edith, zog hchst vertraulich
Wynfried am Arm etwas beiseite und flsterte: Laden Sie nicht Hornmarck
ein, lieber Lohmann. Nein -- nicht? Ich will auch schrecklich nett gegen
Sie sein sein -- aber lassen Sie Hornmarck weg. Ich bin so bange, da er
anhlt ... Das wr' zu peinlich -- wo man sich hier doch immer
gegenseitig auf der Pelle sitzt. Er will ja woll nich begreifen: Das war
doch blo so 'n Backfischstadium.

Alle hrten es.

Nee, sprach Likowski. Keine Bange nich, Frulein Edith. Hornmarck hat
mir noch gestern gesagt, er heirat' blo, wenn er 'ne sehr gediegene,
weibliche, schne Frau kriegt----

Na, lachte Edith, also grad' so 'n Mdchen, wie ich bin.

Und alle lachten mit.

Klara hatte ein Gefhl: wie tut das wohl, all diese Banalitten -- es
schien so zu beweisen, da nichts aus den Fugen sei. Und sie sagte, da
sie gelegentlich auch mitsegeln werde, in der Regel freilich sei sie
durch ihr Kind und ihren Schwiegervater gebunden. Und sie horchte dem
Klang ihrer Stimme nach, und er war ihr wie ein fremder Ton.

Sie fhlte: das groe, sprechende Auge sah an ihr vorbei. Und sie htte
nicht gewagt, seinen Blick zu suchen.

Welche qualvolle Unerklrlichkeit -- was stand denn zwischen ihr und
ihm? Sprach sie nicht oft heiteren Gemtes mit ihrem Schwiegervater von
diesem Mann -- gerade ihn vor allen preisend und glcklich dem Lobe
horchend, das der alte Herr fr ihn hatte?

Und wenn sie dann mit ihm zusammen war, brannte in ihrer Brust diese
nervse Angst? Der Entschlu wallte in ihr auf: ihn nicht mehr sehen...

Und ihr war, als msse sie schon jetzt auf der Stelle fliehen.

Sie sprach etwas undeutlich davon, da es die Zeit sei, wo sie dem
Schwiegervater Gute Nacht sagen msse ... er zog sich ja immer frh
zurck ... Sie lief, als peitsche sie wer. Und kam atemlos im Hause an
und fuhr hinauf.

Der alte Herr war still. Nicht mde -- aber als sei er satt vom Tage. Er
mochte gern noch einsam bedenken, wie reich er nun geworden.

Da kam die junge Frau.

Kind, schalt er, so auer Atem ... Und so elend siehst du aus -- was
ist denn das? Ich dachte schon immer bei Tische: was hat denn Klara?

Sie legte ihre Wange sacht auf seinen Scheitel und ihren Arm um seine
Schulter.

Es war wohl ein bichen viel, sagte sie leise, ich htt' die Feier
lieber im kleinen Kreis gehabt.

Ich auch, aber das ist Wynfried. Man mu ihm zu Willen sein.

O ja -- immer -- immer, sprach Klara.

Ganz unbeweglich, auf das Haupt des Alten geneigt, stand sie -- lange --
lange.

Wie tat das wohl -- gab solchen Frieden.

       *       *       *       *       *

An diesem Abend verlobte sich das lteste Frulein Thrauf doch noch mit
Herrn von Brelow. Er bat den Generaldirektor und seine Gattin um ein
Gesprch. Und auf einem etwas melancholisch von einer Traueresche
berhangenen Sitzplatz, im nchternen Schatten, wurde die Angelegenheit
verhandelt. Der Freier in seiner schnen, aristokratischen Erscheinung,
mit den schon angegrauten Schlfen und dem sorgenvollen Ausdruck,
sprach: Ihre Luise, meine gndige Frau, und ich, wir haben uns lieb.
Ich wei, da Luise auf keine Mitgift zu rechnen hat. Sie sprachen es so
oft aus, Herr Generaldirektor, und auch Luise hat es mir so ausdrcklich
besttigt, da wir von vorneherein wissen: wir mssen mit dem
bescheidenen Los zufrieden sein, das ich ihr bieten kann. Und da Ihre
Tochter in ihrer prachtvollen Charakterfestigkeit und anspruchslosen Art
mir gesagt hat, sie knne ohne Luxus leben und bewerte eine
herzlich-friedliche Ehe hher als Glanz, so hoffe ich, da Sie, Herr
Generaldirektor, und Sie, gndige Frau, uns Ihre Einwilligung nicht
vorenthalten werden.

Die wunderhbsche Frau drckte sogleich gerhrt mit der Linken ihr
Spitzentchlein gegen die Augen, whrend sie mit ausdrucksvoller Geste
ihre Rechte Herrn von Brelow entgegenstreckte, die er verehrungsvoll
kte.

Der Generaldirektor besah seine Hnde, schien zwei Sekunden
nachzudenken, schlug pltzlich die khlen Augen auf und hatte ein
leises, ironisches Lcheln.

Darf ich als Vater ein wenig przisere Angaben ber dies bescheidene
Los erbitten?

Herr von Brelow errtete. Er war aus stolzem Hause. Sein Vater hatte es
herabgewirtschaftet. Dies war kein kleiner Augenblick fr ihn. Als Mann
von Herz und Ritterlichkeit htte er lieber erklrt: Ich biete Ihrer
Tochter eine groe Stellung.

Und er mute sagen: Der junge Graf Prank ist erst dreiundzwanzig Jahre
alt, von robuster Gesundheit, unheilbarer Idiot. Das wissen Sie. Ich
darf hinzusetzen: Vormnder und Agnaten sind mit meiner Administration
so zufrieden, da ich meine Stellung als lebenslnglich ansehen darf.
Sie wissen auch, da Schlo Prankenhorst verschlossen dasteht und da
ich das Kavalierhaus als Wohnung habe. Es ist gerumig und wrde, vllig
eingerichtet, meiner Familie eine durchaus standesgeme Huslichkeit
bieten. Ich habe frei: ein Reitpferd und zwei Wagenpferde. Ferner alle
Ertrgnisse des sehr groen Gemsegartens und fr die Hauswirtschaft ein
natrlich abgegrenztes Quantum von allem, was der Stall, die Meierei und
die Scholle tragen und die Jagd bringt. Was ich dazu an barem Gehalt
habe, ist freilich so bescheiden, da ich die Ziffer vor einem Mann, wie
Sie es sind, nicht aussprechen mag. Aber Luise kennt sie und meint, wir
wrden uns durchaus damit einrichten -- sie will gern sparen.

Das ironische Lcheln auf dem klugen Gesicht des Zuhrers war noch
deutlicher geworden. Aber es war nicht von jener Art Ironie, die
verletzt -- Frau Thrauf kannte dies Lcheln. Und es weckte auf ihrem
Gesicht den Reflex strahlender Vorfreude.

Sie sind Idealist, Herr von Brelow, begann er. Aber glauben Sie
nicht, da wir Mnner der Groindustrie und der Naturwissenschaft dafr
kein Verstndnis htten -- wir brauchen selbst einen starken Posten
Idealismus -- ohne den kann kein Sterblicher schaffen. Aber immerhin! An
Ihrer Stelle wrde ich doch eine groe Mitgift, eine wohlhabende Heirat
gesucht haben. Natrlich, ich bin kein armer Mann -- aber Luise hat zu
viel Herz, und Sie, taxier' ich, zu viel Vornehmheit, um auf eine
Erbschaft zu rechnen, die noch zwanzig Jahre und lnger ausbleiben
kann.

Ich sagte schon: wir haben uns lieb, Luise und ich, antwortete Brelow
kurz, ja schroff.

Also denn ja -- und von ganzem Herzen. Und ich sehe: meine Frau brauche
ich nicht zu fragen, ob sie auch einverstanden ist!

Er stand auf. Denn er sah zwischen dem Gebsch, das den Weg zu diesem
tristen Winkel geleitete, die Gestalt seiner ltesten herankommen.
Brelow erhob sich auf der Stelle auch.

Da kommt Luise. Und noch etwas, Herr von Brelow -- halten Sie mich
nicht fr 'n Schauspieler oder Poseur. Meine Frau und ich waren eins
darin: die Kinder bescheiden erziehen! -- Zu groe Gewohnheiten haben
noch keinem Menschen das Leben erleichtert -- und die Gefahr lag zu nah:
da mal Mitgiftjger sich 'ranmachen knnten. Meine Mdels taugen was!
Das darf ich sagen! Sie sollen aus _Liebe_ geheiratet werden -- nicht
als Eisenprinzessinnen auf 'n Heiratsmarkt kommen. -- Na -- und ich seh'
ja nun -- Sie und Luise -- Sie wollen zufrieden sein mit den Frchten
des Feldes ... Schn, sehr schn! -- Aber ich mchte denn doch, da es
die Frchte der _eigenen_ Felder meines Schwiegersohnes wren. Ich
denke, wir lassen mal durch 'n geschickten Mittelsmann anklopfen, ob der
Herr Kommerzienrat Silberling, der jetzt Ihr Stammgut hat, mit sich
reden lt...

Da war auch schon Luise und hing an ihres Vaters Hals, und Brelow stand
bleich vor freudigem Schreck.

Bitte, bitte, wehrte der Generaldirektor lchelnd ab, es ist keine
Mitgift! -- Ich bin und bleibe ein Mann von Wort -- schon allein, um dem
dicken Pankow nicht den Triumph zu gnnen -- durchaus: keine Mitgift! --
Blo Hochzeitsgeschenk.

Aber als nachher das Brautpaar etwas steif und von der neuen Lage
innerlich sehr glcklich bedrngt, jedoch uerlich verlegen die
Glckwnsche der Gesellschaft empfing, hatte Herr von Pankow doch sein
Plsier.

Er stie mit dem Zeigefinger mehrere Lcher in die Luft, in der Richtung
auf des Generaldirektors Weste zu, und lachte: Was diese Eisenbarone
kokett sind! -- Ich wollte unserem Freunde Thrauf schon 'n Platz im
Pankower Mnnerarmenhaus reservieren ... Na und nu hat es sich doch so
zusammengelppert, da Frulein Luise 'n kleines Rittergut zur Hochzeit
kriegt. Hren Se mal, Thrauf: nehmen Se mir Pankow ab und geben Se mir
Ihren Posten.

Und still bei sich dachte der dicke, joviale Mann: Brelow hat's
natrlich gewut, da es Schwindel war mit dem Gerede von: keine Mitgift
und so...

Klara umarmte die vor Glck ganz unsichere Braut. Und dachte immerfort:
Sie lieben sich -- sie lieben sich!...

Und es schien ihr ein Wunder, da zwei aus Liebe sich zusammenfinden
durften.----

Von nun an sah man jeden Nachmittag die weie Jacht mit den gelbbleichen
Seidensegeln und der flinken Mannschaft in den krebsroten Sweatern die
Trave hinabkreuzen, durchs Wyk, an Travemnde vorbei, hinaus in die
freie Bucht, wo am Horizont sich Himmel und Meer trafen. Bei Flaute
schleppte das Motorboot seinen koketten Bojennachbarn weit hinaus.

Der Geheimrat sah es mit Staunen, da der Juniorchef Wynfried Severin
Lohmann jeden Nachmittag die Zeit dazu hatte ... Und er sah auch, da
sein Sohn in der frischen Seeluft, dem kstlichen Sport, geradezu in
erneuter Mannesschnheit aufblhte.

Er sprach mit Thrauf. Und der Generaldirektor gestand, da Wynfried
mit einer genialen Leichtigkeit und Raschheit arbeite, die denn doch das
vterliche Erbe sei. Ja, es gehe ihm alles noch flotter von der Hand --
als schttle er es nur so aus dem rmel. Bei Beratungen traf er rasch
den Kern der Dinge, auf die es ankam.

Was konnte sein Vaterherz mehr erfreuen! Und dennoch -- ihm schien, als
halte Thrauf irgend etwas zurck -- das war sonst nicht seine Art.

Er sprach auch mit Wynfried selbst.

Der lachte.

Vater, du bist doch kein Programmensch. Auch die Art des Arbeitens ist
was Individuelles. Weit du, mir hat immer der groe Gelehrte imponiert
-- Robert Koch soll's gewesen sein -- der sich sein Leben so einteilte:
acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Vergngen. Kann
man seine vierundzwanzig Stunden klger einteilen?

Gewi nicht, gab der Geheimrat zu; und mahnte sich in Gedanken:
Gerecht bleiben!

Weil sein eigenes Leben das eines Stiers im Joche gewesen war, brauchte
seines Sohnes Dasein nicht ein ebenso brutales, unaufhrliches Ringen
mit der Arbeit zu sein. Und sein Sohn hatte ja auch eine liebe, holde
Frau -- ein Glck in der Ehe -- das hatte er doch?

Dem alten Mann war seit einiger Zeit der Ausdruck in den strengen Zgen
dieser jungen Frau so rtselhaft.

Was am Tauftage ihm zuerst so bnglich aufgefallen, dieser Zug von
Abspannung, der fast nach verborgenem Leid aussah, der schien so tief
eingezeichnet, da er nie mehr wich.

So sieht das Glck nicht aus...

Er nahm sich zusammen, hrte zu, was sein Sohn in frhlich flottem Ton
weitersprach.

Ich kann wohl sagen, es macht Spa, wenn man da so auf dem Werk sich
abhetzt -- rasche Entschlsse fassen mu -- das prickelt ---- Spannung
und Wagnis ist dabei -- grad' wie beim Segeln -- man sieht die Be
kommen -- es heit Umlegen -- ja, da kommt es auf die Sekunde an --
Geistesgegenwart ist alles. In den Fingerspitzen mu man's haben, wann
das Tau locker zu geben ist -- und hart an der Gefahr des Kenterns
vorbei -- dann hat man so recht ein Gefhl von Lebensflle.

Pltzlich wute der Geheimrat, was Thrauf in seinen uerungen nicht
mit vorgebracht hatte.

Das _Sportgefhl_, mit dem Wynfried der Arbeit gegenberstand!... Sie
war ihm keine heilige Sache. War nebenschlich.

Nun, sagte er, vorsichtig die Worte suchend, es ist doch wohl ein
Unterschied. Arbeit ist kein Sport.

Ich meine doch beinah -- wenigstens fr uns, die wir's eigentlich nicht
ntig haben.

Eines Sports kann man berdrssig werden. Der groen Aufgabe nicht.

Keine Angst, Vater, sagte er leichthin; ich hoffe doch, sie bleibt
mir immer interessant. Nur -- ich will daneben noch was vom Leben
haben.

Ich bin der letzte, dir das zu mignnen, versicherte der Vater.

Wynfried streichelte Klara das Haar.

Und in einem jhen Gefhl fand der alte Herr: auch nebenschlich...

Ja, das Interesse an Severin Lohmann hat meine famose, groartige Frau
in mir geweckt.

Klara lchelte freundlich.

Im Ohr des alten Herrn weckte dies Lob einen Nachhall. Hatte er es
nicht schon oft und oft gehrt? Immer dies Rhmen der famosen,
groartigen Frau? Hatte seines Sohnes Empfindung keine Auswahl an
Worten?

Fort -- fort -- Gespenster -- Grbeleien -- fort...

Klara war sacht hinausgegangen und kam nun mit dem Kinde zurck.

Na, du kleines Kerlchen, sagte Wynfried und sah, auch aus Geflligkeit
gegen Klara, das Kind an. Es entwickelte sich so krftig, es war so
wundervoll gepflegt, da man sich daran freuen mute. Und es gewhrte
Wynfried auch Genugtuung, da alle Menschen, die es sahen, es
bewunderten.

Der alte Mann fuhr beinahe zusammen -- da war wieder ein Nachhall --
aber er kam von weit her -- aus Zeitfernen.

War das nicht eben die Stimme oder doch der Tonfall seiner Frau gewesen?
Sagte sie nicht geradeso na, du kleines Kerlchen, wenn die Wrterin
ihr einmal den kleinen Wynfried zeigte?

O, dieser Tonfall -- durch den alles zur oberflchlichsten Nichtigkeit
zu werden schien -- in dem kein Klang von tiefem Gefhl mitschwang.

In seinem Gemt grten die neu erwachenden Sorgen so schwer, da er sie
nicht ganz vor seinem Kinde verhehlen konnte. Sein Kind -- das war ja
die junge Frau.--

Es war gegen Abend, und er sa schon wieder oben in seinem mchtigen
Stuhl, als er sagte: Ich mu dich fragen...

Klara kniete sogleich neben ihm hin -- denn das war ja die Stellung, in
der sie ihm am besten in die Augen und zu ihm empor sehen konnte. Er
legte seine schwere Hand auf ihr Haar, und seine Augen blitzten sie an.

Hast du Kummer?

Nein, Vater.

Du bist verndert.

Sie erblate.

Wie sollte ich es sein?

Hast du ber Wynfried zu klagen?

Nicht. Gar nicht. Er ist immer sehr herzlich und rcksichtsvoll.

Er wollte weiter fragen: bist du glcklich? Er wagte es nicht.

Er hrte die beruhigenden Antworten. Aber er hatte auch gesehen, wie sie
erblate.

Und was unbestimmt in seinem Gemt grte, verdichtete sich zu dem
Angstgefhl, da seinem Hause Unheil nahe...

Klara, sagte er, hab Geduld mit ihm.

Das brauch' ich ja gar nicht. Ich habe ja ber nichts zu klagen,
sprach sie matt.

Aber wenn ... je...

Da raffte sie sich auf.

Vater! sprach sie fest. Was ich vor Gott geschworen habe, halt' ich!
Sonst wr' ich nicht wert, dein Kind zu sein.




7


Klara stand mit Wynfried auf der Brcke, und sie sahen dem Fhrboot
entgegen, das vom jenseitigen Ufer Frulein Edith heranbrachte. Schlank,
im engen schneeweien Sportkostm, einen langen hellblauen Mantel berm
Arm, stand sie und winkte schon von weitem.

Es war ein herrlicher Tag. Alles glnzte frhlich: der wolkenlose
Himmel, die besonnte Welt der Felder und Wiesen, die leuchtendrote
kleine Stadt drben auf der sandigen Hhe, der sich im Winde schuppende
Flu. Und die schwarzen Bauten, die dsteren Eisengerippe des
Httenwerks standen in all der Helle bedrohlich und fremd. Aus den
ragenden Schornsteinen quoll der Rauch schwarz und eilig -- das wirkte
beinahe wie Hochmut, der allen Sommersonnenschein ablehnt und
ausdrcklich betonen will, da die wichtige und finstere Arbeit der
Kohle und des Feuers sich nicht an so etwas Vernderliches wie das
schne Wetter kehre.--

Die Jacht war klar. Sie sollte hinausgeschleppt werden. Im Wyk wollte
man die Baronin Hegemeister mit ihrem Schatten, dem Frulein von
Gerwald, aufnehmen und dann in der Lbecker Bucht den von Kiel kommenden
Jachten entgegenkreuzen. Die Kieler Woche war zu Ende, sie schlo wie
immer mit einer Wettfahrt nach Travemnde, wo dann noch unter Gegenwart
und Teilnahme des Kaisers die beiden rauschenden und glanzvollen Tage
mit Wettsegeln, Frhstcken, Diners und Tnzen abgehalten wurden.

Nun war Edith angekommen und sprang aus dem Fhrboot. Klara erschrak
beinah. Was hatte das Mdchen denn nur mit sich gemacht? Die dicken,
brandroten Haare in zwei Zpfen als Schnecken ber die Ohren gelegt! Und
das Gesicht mit der kecken Nase, dem groen Mund und den
bernsteinfarbenen Augen unter roten Brauen wirkte dazwischen noch
hlicher.

Ich bin wtend, sagte sie gleich, ich kann nur bis Travemnde mit! Da
mu ich meine Tante Aline erwarten. Sie kommt mit dem Abendzug von
Hannover und will drei Tage in Travemnde bleiben. Ich mu ihr
Gesellschaft leisten. Gegen Tante Aline kmpfen Gtter selbst vergebens.
Sogar Papa hat aufgetrumpft: da du dich nicht unterstehst ---- na --
und so weiter. Wie Vter auftrumpfen, die man sonst um 'n Finger
wickelt. Er hat ja ihr Vermgen im Geschft, und ich soll es mal erben
-- ich bitt' um stilles Beileid...

Aber mein Mann hat wirklich Pech heute, sagte Klara, ich kann ihn
auch nicht begleiten.

Sie sind leidend, sprach Edith, mehr feststellend als fragend.

Meine Frau? Leidend? fragte aber Wynfried erstaunt. Keine Spur. Der
Kleine hat, glaub' ich, einmal gehustet -- da bringt niemand und nichts
meine Frau von ihm weg.

Edith lachte.

O Gott ja -- diese fanatischen jungen Mtter...

Klara mochte es nicht haben, wenn man sie mit ihrer Liebe zu ihrem Kinde
neckte. War's nicht, als wrde man sie necken, weil sie atme?

Fanatisch -- das ist das Wort, stimmte Wynfried wohlgelaunt zu. Als
ich neulich mit meiner Frau acht Tage in Berlin war, merkte ich bald:
sie kam beinah um vor Heimweh nach unserem Jungen und vor Sorge um ihn
-- als wenn nicht, meinen Vater an der Spitze, ein Heer von Aufsehern da
sei.

Klaras Augen wurden dunkler ... Sie dachte an die schweren Tage in
Berlin. Sie hatte es sich gelobt, so viel, als sie es irgend einrichten
konnte, in ihres Mannes Gesellschaft zu sein -- mit ganzer Inbrunst
tglich von neuem zu versuchen, sich an ihn heranzufhlen -- ihm
Herzlichkeit und Ergebenheit zu zeigen. Abend fr Abend ging sie mit in
die Theater. Wynfried whlte immer das, wo man sich am meisten
Augenweide und Lustigkeit versprechen konnte. Und diese Tage im
rauschenden, rollenden Lrm und der benzindurchhauchten Staubluft -- dem
nie abreienden Hintereinander der Gefhrte -- wie waren sie mhsam
gewesen. Gewi, auch durch das qulende Heimweh nach ihrem Kinde. -- Das
Kind war doch der Zweck ihres Daseins -- dies Kind gab in einem
besonderen Sinn ihrer Ehe und ihrem Dankesopfer Recht. Aber sie sprte
wohl, sie wrde ihre Sehnsucht bezwungen haben -- sie war ja nicht nur
Mutter und mit der Mutterschaft nicht aller anderen Aufgaben ledig. Sie
hatte auch die, sich selbst noch weiterzubilden. Aber aus ihres Mannes
Geist und Art kam kein Ton zu ihr herber, der sie belebt und
beschftigt htte -- sie hrte auch kaum ein Wort, das ihre Gedanken auf
neue Wege geleitet htte. Und dann -- diese Unruhe in ihr, dies
unbestimmte und doch furchtbare Gefhl, wie von etwas Vernichtendem
bedroht zu sein -- das war nur still, wenn sie bei ihrem Kinde sein
konnte.

Und deshalb drang die grandiose Sprache der Weltstadt nicht zu ihr --
deshalb sprte sie nichts von der Wucht der Eindrcke.

Aber nun fix! mahnte Wynfried.

Edith verabschiedete sich von der jungen Frau und sah ihr dreist ins
Gesicht.

Sie sehen aber wirklich noch immer 'n bichen matt aus -- ich fand es
schon damals auf der Taufe. -- Da sollten Sie grad' mitsegeln.

Ich tue es oft, sagte Klara, nur heute ... Der Kleine ist wirklich
etwas unruhig, und dann ist Vater fast noch besorgter als ich.

Schad', meinte Wynfried, es ist so groartiges Wetter. Likowski und
Marning haben auch abgesagt.

Was -- die auch? rief Edith. Fr sie konnten es, bei solcher
Gelegenheit, nie genug Herren sein, denn dann war sie doch einer
ununterbrochenen, plnkelnden Unterhaltung sicherer.

Ja. Obschon ich noch an Marning extra telephonierte, da Sie, Baronin
Agathe und meine Frau mitsegeln wrden.

Ach Marning! -- Ich glaub', der retiriert vor Baronin Agathe, meinte
das rothaarige Mdchen.

Wie ist sie unzart... dachte Klara.

Na -- nu los. Und ngstige dich nicht -- wenn gegen Abend Flaute kommt
-- es kann spt werden...

Er und Edith saen im Beiboot, und er trieb es mit ein paar sicheren
Ruderschlgen bordseit der Klara. Die hatte schon ihr Fallreep mit den
drei Stufen herabgelassen, und eins, zwei, drei waren die beiden an Deck
der Jacht, wo die flinken Kerls in den krebsroten Sweatern und den
weien Hosen in Reih und Glied standen und ihren Herrn militrisch
salutierten.

Das Motorboot stie einen grellen Pfiff aus, und seine Maschine begann
zu stoen und zu klopfen. Der leichte, braune Mahagonileib glitt
stromab. Die Trossen strafften sich, und wie ein groer Sohn der kleinen
Mutter, so folgte die weie Jacht der Fhrung. Grosegel und
Schunersegel waren noch gerefft.

Wynfried und Edith standen am Gromast und winkten Gre hinber, bis
Klara langsam wieder treppan und zum Hause emporstieg.

Ihre Frau hat sich aber wirklich verndert, sagte Edith.

Kann ich nicht finden. Hchstens vielleicht, da sie oft ermdet
aussieht -- sowie der Junge nachts sich rhrt, steht sie ja auf -- die
Amme sei nicht verllich.

O Gott -- und der Schlummer Ihrer Nchte! sagte Edith mit komischem
Pathos.

Hab' mich einstweilen aus diesem Bereich zurckgezogen und mein altes
Quartier oben genommen -- bin sehr stolz auf meinen Sohn -- auf sein
nchtliches Geschrei leg' ich aber keinen Wert.

Sie machten es sich nun gemtlich. Hinter dem Eingang zur Kajte, der in
blicher Weise schrg berdacht war, hatte das Deck eine bassinartige,
ovale kleine Vertiefung, in die man ber zwei Stufen hineintrat. Ein
breites Sitzbrett lief rund um und war mit Kissen belegt. Sie waren von
Leder. Aber Klara hatte noch eine ganze Menge lose liegender,
rotseidener gearbeitet, die man sich in den Rcken stopfen konnte oder
unter den Kopf legen. Hier blieb man auch von der Mannschaft, solange
glatte Fahrt war, ungesehen und ungehrt, und nur bei irgend welchen
Segelmanvern tauchten die weiroten Matrosen auf.

Wynfried und das rothaarige Mdchen saen in trger Stellung einander
gegenber. Er hatte die Hnde zwischen den Knien gefaltet und schaute
aufmerksam in Ediths Gesicht. Tausend Teufel funkelten allezeit in
ihren dreisten Augen. Und was ihren groen Mund betraf, dessen schn
geschwungene, volle Lippen sich ber sehr blendenden Zhnen leise
ffneten, so dachte Wynfried: Derart lstern, da es einen Mann
irritieren knnte--

Nun, was sehen Sie mich so an? fragte er.

Ach -- ich denk' so: Sie haben ja viel zu frh geheiratet...

Ich?

Na ja -- wenn man so von nchtlichem Kindergeschrei hrt...

Meine Frau ist eine famose, groartige Frau. Jeder Mann hat Ursache,
mich zu beneiden, bemerkte er etwas ablehnend.

Will nichts gegen sie sagen -- nicht von fern -- ich verehre Ihre Frau
kolossal, versicherte Edith sofort. Sie hatte irgend eine unbestimmte
Empfindung gehabt, da man ber seine Ehe so mit ihm sprechen knne --
aber sie sprte: das schien doch nicht geraten...

Seit einiger Zeit fand sie, da Wynfried Lohmann der schnste Mann sei,
den sie je gesehen. Ziemlich gro, wundervoll gewachsen -- die Augen
blau und manchmal so rtselvoll im Ausdruck. -- Die Zge vornehm -- und
das lockere Sporthemd lie zuweilen, wenn er seine Jacke abwarf und
selbst zugriff, weie Arme und einen herrlichen Nacken sehen.

Und Edith hatte Stunden, wo sie wtend war -- ja, dieser Mann wre in
jeder Hinsicht fr sie gewesen. -- Geld, Stellung -- und seine Schnheit
lud noch dazu ein, sich rasend in ihn zu verlieben ... Und was _der_
Mann wohl von Frauen alles wute und verstand! Hunderttausende sollte
ihn ihr Studium gekostet haben. -- Ach ja, er war weit und breit der
einzige interessante Mann ... Und gerade dieser hatte sich mit einer so
langweiligen Person verheiraten mssen.

Da man meine Frau kolossal verehrt, will ich mir auch von jedermann
ausgebeten haben, sagte Wynfried wrdevoll.

Aber es war eben ein bichen mehr Wrde, als der Augenblick gerade
erfordert htte. Und mit ihrer Intelligenz und ihrem sechsten Sinn, der
berraschend scharf war, fhlte sie das gleich.

Ihre Augen funkelten ihn wieder lustiger an...

Aber sie sprach sehr vernnftig-nchterne Dinge.

Ist es wahr, da Thrauf Teilhaber wird?

Ja. Die Kontrakte sind unterzeichnet.

Papa zerbricht sich den Kopf, ob Sie oder Ihr Vater das gewollt haben.

Vater regte es an; ich war durchaus einverstanden. Denken Sie mal: wie
wre ich gebunden gewesen, wenn Vater mal davonginge, denn von seinem
Krankheitsthron aus spricht er ja vllig geistesfrisch noch immer das
gewichtigste Wort. Und wenn vielleicht Thrauf uns verlassen htte, um
anderswo als Kompagnon einzutreten. -- Nun bin ich nach Wunsch freier
Mann -- denn Thrauf hat ja blo eine Leidenschaft: arbeiten.

Papa sagt: Thrauf kann lachen. Und die Bedingungen seien fabelhaft.

Sie sind durchaus normal.

Papa sagt, es wrden Thrauf nur vier Prozent abgerechnet fr all das
Lohmannsche Kapital. -- Es wren acht Millionen sagt Papa, was Ihr Vater
ins Werk gesteckt hat. -- Bei der Teilung des verbleibenden Gewinstes
stehe sich Thrauf immer noch auf mehr als zweimalhunderttausend Mark
Einknfte. O Gott -- und wenn man bedenkt, da Ihrem Vater auch noch die
Kreyser-Werke zu zwei Drittel gehren ... Ja, Papa sagt, wenn's mit den
Unternehmungen erst ber einen gewissen Umfang hinaus ist, arbeiten sie
sozusagen von selbst weiter.

Wie genau Ihr Papa Bescheid wei, sagte Wynfried mokant; und wie Sie
das alles behalten haben! So viel Zahlen im Munde eines so jungen
Mdchens.

Edith zuckte die Achseln.

Das ist so wie mit Malerskindern, die von klein an von Farben sprechen
hren, oder wie mit Kunstreiterkindern, die alles von Pferden verstehen.
So 'n Industrieprinzechen wie ich wchst von selbst ins Verstndnis fr
Geld und Geschfte hinein. -- Papa wundert sich aber doch. Wo alle Welt
wei, da Ihr Vater den rasenden Stolz auf sein Werk hat und diese groe
Liebe! -- 'Severin Lohmann' sollte rein Lohmannsch bleiben, hat man
immer gedacht.

Soll es auch. Wenn Thrauf Shne htte, wrde Vater es nicht getan
haben. -- Es steht auch ausdrcklich im Kontrakt, da die
Teilhaberschaft nicht auf Thraufsche Schwiegershne oder Enkel
bertragbar sein soll.

Was ihr Papa sonst noch gesagt hatte, verschwieg Edith. Er hatte
gemeint: der Geheimrat traue seinem Sohn doch wohl noch nicht ganz ...
und wolle dem Werk den bedeutenden Mitarbeiter sichern. -- Und bis der
zhe Thrauf mal alt und arbeitsunfhig werde, sei Wynfried auch ein
alternder und ganz eingearbeiteter Mann.--

Na, wenn Hornmarck denn das gute Finchen Thrauf erobert, macht er ja
'n blendendes Geschft, sagte Edith voll Verachtung. Seit Luisens
Verlobung mit Brelow wei man doch, was die Thraufs mitkriegen. Seitdem
ist Hornmarck wie hypnotisiert von Finchens huslichen Tugenden.

So? fragte Wynfried unglubig.

Was ich Ihnen sage! Als Papa und ich Sonntag frh unseren Ritt machten
-- Sie wissen ja, Papa ist in jedem Sinne Sonntagsreiter, und ich
genier' mich immer, wenn uns sachverstndige Herren begegnen -- na, wen
treffen wir am Waldesrand bei den Wiesen? Die zwei unverlobten Thraufs,
nebst Hornmarck in Zivil mit noch zwei Jngelingen. Die Rder lehnten an
dem berasten Erdwall, etwas weiterhin sa man und lie die Beine hngen
und a im Schatten Butterbrote. Seien Sie sicher, die waren mit Wurst
belegt -- das wre so in der Situation gewesen. -- Und was tat
Hornmarck? Er band Vergimeinnicht zusammen. Ich schwre Ihnen:
Vergimeinnicht!

Wynfried lachte.

Wissen Sie, was ich tat?

Bin gespannt.

Ich lenkte mein Pferd 'ran -- ich salutierte Hornmarck mit meinem
Reitstock und improvisierte:

    Ein Leutnant sa an dem Rain,
    Er sammelte Verginichtmein
    Und fgte sie zum Kranze;
    Wie rhrend war das Ganze.

Und denn los und davon. -- Sie wissen, ich kann reiten! Papa, als
Karikatur eines Sportsman, ngstlich hinterher.

Sie freute sich noch ber ihr tolles Davonstieben.

Und wen haben Sie zum Nachfolger Hornmarcks in Ihren Diensten ernannt?
fragte er.

Der Posten ist vakant. Ich habe keine Eile. Mu fortan auch whlerisch
sein. Vorigen Sommer galt man noch nicht fr voll. Das ist nun anders.
Als Papas Einzige wei ich, da ich ihm nur einen Schwiegersohn #I a#
bringen darf. -- Er macht Ansprche! Wo seine Fabrik sich in so enormem
Aufschwung befindet... sprach sie in lssiger Prahlerei.

Wynfried wute, da das Gegenteil der Fall sei. Und wahrscheinlich wute
sie selbst es auch.

Sie rkelte ihren schlanken Krper auf all den Kissen ganz zurck und
faltete ihre Hnde ber ihrem Hinterkopf, wo von der weien Linie des
Scheitels die roten Haare straff nach vorn zu den Zpfen hingenommen
waren.

Ja, meinte sie im gemtlichen Ton -- aber um ihren groen Mund ging
ein besonderes Lcheln. Der eine, der mich vielleicht htte reizen
knnen -- der ist ja #hors de concours#...

Und ihre Augen sprhten Funken -- zu ihm hinber. -- Da sie ihn meinte,
war zu fhlen.

Er sah sie an, lchelnd -- vielsagend -- sie konnte nach Belieben alle
Huldigungen daraus lesen, die ihr Bedrfnis waren.

Und eigentlich regte sich in ihm die Begier, diesem lsternen Mdchen,
das mit all seiner Hlichkeit hchst lockend war, einen ausfhrlichen
Ku auf den animalischen Mund zu pressen. -- Aber das ging natrlich
nicht an...

Sie machte ihm aber Spa -- in ihrem Gemisch von praktischem Verstand
und keckster Herausforderung.

Seine Stellung zur Frau war nun einmal so. Er mochte mit pikanten Worten
umworben werden; es unterhielt ihn, wenn sich ein weibliches Wesen um
ihn bemhte. Das war ihm ein Bedrfnis geworden, von seinen Anfngen
her, wo er als schner, reicher Jngling in allzufrhliche Kreise
geraten war.

Von Klara durfte er natrlich solch Umwerben und irgend ein kokettes
Spiel im Wechsel von Lockungen und Versagen nicht erwarten.

In der Ehe war berhaupt alles anders. Ehe -- die hatte so wenig mit
dem brigen Mannesempfinden zu tun wie etwa die Arbeit auf dem Werk.

Eine Sache gnzlich fr sich----

Und nach all dem bekmmlichen Gleichma seines letzten Lebensjahres
fhlte er immer fter so etwas wie eine leise Sehnsucht nach strkerer
Bewegung in sich aufsteigen...

Die Stille zwischen den beiden wurde ein wenig schwl. Zum Glck zerri
der Pfiff des Motorboots sie.

Es lenkte, mit der geschleppten Jacht hinter sich, aus der durch die
roten und schwarzen Duc d'Alben bezeichneten Fahrstrae ein wenig in das
Wyk hinein und lie unaufhrlich gelle Pfiffe in die Sommerluft
hineinsausen. Sie sollten der Herrin des weien Schlchens, das aus dem
Grn des hohen Ufers lachend herausschaute, melden: Die Klara ist zur
Stelle und erwartet ihre Gste.

Ach -- wie pnktlich! rief Edith, sehen Sie -- die Baronin mu schon
im Bootshaus gewartet haben.

Vom Ufer unterhalb Schlo Lammen lste sich ein Ruderboot. Mit starken
Schlgen trieb es der als Theatermatrose gekleidete Knecht in rascher
Fahrt heran.

Edith, die genau wute, da sie das Feuerwerk ihrer kecken Blicke und
Reden nur unter vier Augen gegen eine Mnnerbrust abbrennen konnte, fand
fr ihr Bedrfnis, sich geistig zu bettigen, nun ein unverfngliches
Ziel.

Sie fand ppige Frauen grlich und nannte alle, die ber eine gewisse
Schmchtigkeit hinaus rundere Linien zeigten, sofort dick.

Passen Sie auf! Es ist kein kleiner Anblick. -- Agathe Hegemeister im
Futteral eines Sportkleides -- sie hat keine Ahnung von ihrer Flle.
Keine Spur von Selbstkritik.

Da bin ich nun anderer Ansicht, sagte Wynfried eifrig. Baronin Agathe
ist von allen Damen unseres Kreises am ausgesuchtesten und kleidsamsten
angezogen. Und ihre leise Flle ist wundervoll -- noch nicht mal
Rubens...

Ja, sprach Edith geringschtzig, Mnner haben eben einen total
anderen Geschmack als wir...

Agathe schwang im herannahenden Boot einen weien Chiffonschleier.

Richtig: Agathe Hegemeister hatte ein weies Leinenkleid an. Und was war
denn das? Schwarze Knpfe an der knappen Bluse? Edith sah nachher, zu
ihrem verzehrenden Neid, da es veilchenblaue, rundgeschliffene
Amethyste waren, in Gold gefat, die als Knpfe dienten. Und einen
Matrosenhut -- wie Edith gehofft hatte -- trug sie auch nicht; der htte
auf der Flle des schngeordneten Blondhaares nur lcherlich wirken
knnen, sondern einen sehr feinen florentiner Strohhut von uerst
kleidsamer Form, um den ein weier Chiffonschleier geschlungen und links
unterm Ohr in eine groe Schleife gebunden war.

Wynfried dachte: entzckend. -- Wie ein Mdchen. Und so weiblich weich
in jedem Blick, jeder Bewegung.

Nun waren die Damen an Bord. Frulein von Gerwald in Dunkelblau mit
einem steifen, blanken, schwarzen Matrosenhut, den Edith wie eine
Raritt unbefangen genau anstarrte.

Was? sagte Agathe, meine liebe, se Klara fhrt nicht mit? Aber das
verleidet mir ja den ganzen Tag! Und ich wei nicht -- pat sich denn
das berhaupt? -- Ich allein mit dem Gatten einer anderen?

Erstens ist es der Ehemann Ihrer besten Freundin -- und Klara lt Sie
vielmals gren. Zweitens haben Sie Ihre Ehrendame, unser allverehrtes
Frulein von Gerwald neben sich. Und drittens ist es wenig
schmeichelhaft fr mich, da Ihnen ohne meine Frau der Tag verleidet
ist, sagte Wynfried.

Agathe sah ihre Gerwald an.

Herr Lohmann hat Recht, sprach sie in einem um Zustimmung bittenden
Ton.

Aber vllig! versicherte Frulein von Gerwald mit Nachdruck.

Bis Travemnde war es ja nicht mehr weit. Es kam auch kein gemtlicher
Ton auf. Zwischen der blonden Frau und dem rothaarigen Mdchen herrschte
eine versteckte Gereiztheit. Sie wuten selbst nicht, warum. Denn jede
dachte in bezug auf die andere: sie kann ja doch nicht mit mir
konkurrieren! Und Wynfried, der das durchschaute, hatte so viel
Vergngen daran, da es ihm eigentlich leid tat, als Edith in Travemnde
von Bord ging.

Sie wute in ihre Abschiedsworte so viel zu legen, da Agathe
Hegemeister gar nicht anders denken konnte, als Wynfried und das
abscheuliche Mdchen htten zu Beginn der Fahrt eine ganz besonders
schne Stunde voll intimer Gesprche gehabt. Und das war Agathe doch ein
leiser, schmerzlicher Stich.--

Edith, die nun ihren langen, hellblauseidenen, engen Mantel angezogen
hatte, stand noch eine Weile auf der hohen Brcke, an deren Fu sie
abgesetzt worden war und zu der sie dann auf Treppen emporstieg. Sie
winkte nicht und nickte auch nicht. Sie stand nur und sah ... Etwas
groartig wirkte es ... Wynfried lftete noch einmal seine weie Mtze
zu ihr hin.

Nein, dies Mdchen! sagte Agathe, so mager und so hlich. So
eingebildet und dreist.

Keine Spur von Weiblichkeit, erlaubte sich Frulein von Gerwald
hinzuzufgen.

Naseweis ist sie schon, gab Wynfried zu, aber so intelligent und
temperamentvoll, da ihre Hlichkeit zur Schnheit wird.

Ja, meinte Agathe etwas gekrnkt, Mnner haben eben einen ganz
anderen Geschmack als wir.

Nun hie es erst einmal Tee trinken.

Unten in der Salonkajte war alles vorbereitet. Auf den Tisch hatte der
Kombsenmaat schon den Teekessel gestellt, von dem die elektrische
Schnur zum Steckkontakt ging. Die Jacht fhrte in einem Akkumulator
elektrische Krfte fr die Beleuchtung und die Kombse.

Sehr hausfraulich go Frulein von Gerwald den Tee auf, und Agathe fand
mit Rhrung die Kuchen vor, die sie liebte. -- Dafr hatte Klara
gesorgt? Wie liebevoll dachte Klara immer nur an andere.

Ja, sagte Wynfried, sie ist eine famose, groartige Frau -- zu gut
fr mich.

Als sie dann wieder hinaufkamen, war alles verndert. Fern schon scho
das Motorboot zurck in den Hafen von Travemnde, wo es warten sollte,
bis die Klara wieder hereinkme. Und sie selbst brauste nun in stolzer
Fahrt ber die Wogen dahin.

Grosegel und Schunersegel waren voll entfaltet, der Wind blhte sie
prall auf. Er kam von Nordost, und so hie es, um auf die Hhe von
Fehmarn zu kommen, in langen Schlgen kreuzen. Die Klara sauste
scheinbar geradeswegs auf die grnblaue, hgelige Waldkste des
mecklenburgischen Ufers zu. Und im saphirblauen, wunderbar klaren Wasser
glitt das Spiegelbild der weien Jacht als Schatten mit.

Das war ein Tag, eine Weite, ein Bild lachenden Prangens.

Das Meer hatte all seine zornigen, mrrischen oder schlfrigen
Stimmungen von sich abgeschttelt und wogte in einer kraftvollen,
frhlichen Bewegung, sog das Blau des Himmels in sich ein und atmete
kstliche Salzluft aus. Es war durchsichtig bis auf den Grund, und die
runden, trben Gallertscheiben der Quallen trieben kreisend einher.

Und die belebte Flut gab ihre schimmernde Oberflche dem Vergngen zum
Tummelplatz. Segelboote aller Art kreuzten. Stolz und gro lag da die
weie Hohenzollern, und der Wind strich die Flaggen aus. Die Standarte
des Kaisers wehte aber nicht. Denn Seine Majestt befand sich auf dem
Meteor, der, mit von Kiel hersegelnd, an der Wettfahrt teilnahm. Grau
und schlank und dennoch von einer gewissen kriegerischen Strenge
umwittert, ankerte der Sleipner in der Nhe des Kaiserschiffes. Leise
spielte sein Rauch aus seinem klobigen Schornstein in die Luft. Eben
erst waren beide Fahrzeuge auf der Reede angekommen.

Eine Pina, der die Flagge der Kriegsmarine am Heck wehte, zerschnitt in
eiligem Lauf die Wogen, da sie ihr weischumend am Bug emporstiegen;
und ihr Kielwasser quirlte hinter ihr drein; gleich einer Schlange lag
die Spur auf der Flut. Sie nahm Richtung auf den Hafen.

Zwei Dampfer, schwarz von Menschen, umkreisten die Hohenzollern und
den Sleipner im weiten Bogen; man hrte die metallischen Klnge einer
patriotischen Musik von dort herschwirren.

Die Richtung aller Segler und aller Dampfer ward aber dann: Fehmarnwrts
-- entgegen den aufkommenden Jachten.

Und die Sonne umglutete, vom Winde gekhlt, all diese frohe
Beweglichkeit, die aus den Wogen einen sicheren, ungefhrlichen Estrich
zu machen schien, auf dem man, anstatt mit Fen, mit Schiffen
dahingleiten konnte.

O, sagte Agathe wirklich begeistert, wie schn, wie schn!

Und in ehrlicher Klage bedauerte sie noch einmal, da ihre geliebte
Klara diese Stunden nicht miterlebe.

Das Wasser schwoll immer gegen den Bug -- es war kein leises Gluckern
und Raunen -- es war ein seidiges, groes Rauschen. Wie besnftigte es
die Gedanken -- es war ein Versinken -- in eine himmlische Art von
Dummheit -- als sei man nur noch ein trges Stck Menschentum und
brauche nie mehr etwas anderes, als sich nur immerfort von der Sonne
bescheinen zu lassen und dem endlosen Gerausche zuzuhren. Das leise
Knarren der Masten war manchmal vernehmbar, wenn der Wind in die Segel
bluffte.

Zuweilen ging eine kurze Unruhe ber Deck. Die flinken Kerls in den
roten Sweatern sprangen -- der Schiffer am Steuer rief Kommandoworte
-- die gelblich weien Segelfittiche schlenkerten einen Augenblick am
Gromast und Fockmast, und dann fuhr wieder der Wind hinein und blhte
sie auf. -- Und nach dem Manver des Umlegens schwebte dann immer wieder
der Traum von Stille, den das Glurren der Wasser und das Flimmern der
Sonne umspann, ber der Jacht. So zog sie, umwogt und die Flut rasch
durchschneidend, von hben nach drben. Die Bucht weitete sich, und im
Mae, da man mehr dem offenen Meer sich nherte, kreuzte man in
krzeren Schlgen.

Die Stunden flogen, und ihr Flgelschlag war so sanft, so unhrbar, da
niemand sich des Entgleitens der Zeit recht bewut ward.

Sie mochten kaum sprechen.

Agathe empfand die Gre und Weite des Bildes und die Flle von
Lebensbettigung in all dem Treiben. Daraus erwuchs ihr eine unbestimmte
und schmerzliche Sehnsucht. Sie kam vom blauen Himmel vielleicht oder
flsterte zu ihr aus den ruhelosen Wogen herauf, oder die Sonne
erhitzte ihr niemals khles Blut noch mehr ... Sie kam sich wie von
allem Glck verlassen, einsam und sehr bemitleidenswert vor. Ihr treues
Frulein von Gerwald, das ihr gar nicht mehr aus Liebedienerei, sondern
aus vllig gelungenem Einleben heraus stets nach dem Munde sprach und
ihre Stimmung immer erriet, sah bedeutungsvoll und innig zu ihr hinber.
Die Gerwald sa neben Wynfried.

Auch er war versonnen. Die wundervolle Frau ihm gegenber war ihm ein
hchst zusagender Anblick. Und immer, wenn er mit ihr zusammen war,
weckte ihr feines, sehr liebkosendes Parfm allerlei in ihm auf.----

Segel, Segel! schrie Frulein von Gerwald.

Am Horizont, im blauen Duft der Ferne zwischen Himmel und Meer sah man
weie Striche, die gar keinem Schiffskrper anzugehren schienen.

'Meteor' und 'Germania', sagte Wynfried.

Bei dem Wind konnte man denken, da sie schlank herauf kmen -- stick
Nordost. -- Zurck werden wir auch in gerader Fahrt auf Travemnde
zuhalten knnen.

O -- schon zurck?

Erst wenn Sie wollen. -- Fr ein kleines Souper ist gesorgt. -- Klara
hat alles an Bord schaffen lassen. -- Hummer -- kaltes Geflgel -- sonst
noch dies und das. -- Ich lasse nur in Notfllen vom Kombsenmaat
kochen.

Herrlich! sagte Frulein von Gerwald. Und Agathe bat: Ja weit hinaus
-- bis ganz nach Fehmarn!

Mir ist's recht.

Die weien Striche am Horizont wurden deutlicher und erwiesen sich bald
als Segel -- rasch, vom gnstigen Winde getrieben kamen die groen
Jachten herauf. Sie hatten alles Zeug gesetzt, und mit ihrer hohen
Takelage lagen sie stark steuerbord geneigt. So brausten sie heran --
khn und stolz, an ihrem Bugspriet kochte das Meer.

Das war herrlich zu sehen. -- Und die Klara tippte ihre Flaggen, um
die Kaiserliche Jacht zu gren.

Immer mehr Segel wurden erkennbar. Ein Schwarm von Riesenschwimmvgeln
schien sich aufgemacht zu haben und zog daher, durchschnitt spielend die
blauen Fluten. Helle Lichter setzte die Sonne auf weie Schiffskrper
und Segel. Da und dort schwenkte von den Borden jemand eine Mtze -- der
Klara und ihrem Herrn zum Gru, und Wynfried und die Damen grten
wieder.

Mwen kreisten ber diesem zerstreuten Geschwader von Rennjachten --
kreischende Laute gellten herab, und der Flgelschlag blitzte vor dem
blauen Hintergrund des Himmels.

Flle des Lebens. -- Flle der Freude.

Und Agathe seufzte schwer.

Nun? fragte Wynfried.

Ach, sprach die blonde Frau klagend, all diese Schnheit tut mir im
Herzen weh.

Darf ich die Grnde einer so paradoxen Wirkung erfahren?

Von allem bin ich ausgeschlossen, weil ich allein stehe. Ich kann an
gar nichts teilnehmen, weil ich keinen Mann neben mir habe. Denn meine
Eltern wollen durchaus nicht, da ich selbstndig in solchen Sachen
heraustrete. Reisen? Ja. Hier im Kreise, in der Heimat meines
verstorbenen Gatten etwas Geselligkeit in meinem Hause haben? Ja. Aber
darber hinaus nichts. Und wenn Sie sich nicht meiner angenommen htten,
she ich wieder nichts mehr von den Travemnder Tagen als alle
Zuschauer, die da am Strande herumlungern. -- Nicht mal mit meinem
Motorboot htt' ich mich herauswagen knnen -- dazu ist es zu klein...

Ihre Eltern sind merkwrdig streng.

Ja. Agathe seufzte wieder. Sie wurde langsam rot. Sie schien sich
ganz in peinliche Gedanken zu verlieren. Pltzlich fgte sie hinzu: Und
ich mu wohl artig sein. -- Papa verwaltet auch mein Geld, soweit es
nicht in Lammen steckt -- und das ergibt dann wie von selbst eine
Kontrolle. -- Und dann -- Sie wissen, es gibt so Eltern, vor denen man
immer im Schock ist...

Das wute Wynfried noch. Frher -- da war er seinem Vater auch lieber in
scheuer Ferne aus dem Weg gegangen.

Und er dachte besonders noch an das Elend der allerersten Zeit nach
seiner Heimkehr -- und wie nur die Scham und die Angst vor seines Vaters
Kritik ihn vom Selbstmord abgehalten hatte.

Wie weit und unbegreiflich lag das zurck.

Frei war sein Gemt dem Vater gegenber und sein Umgang mit ihm erst von
dem Tage an geworden, wo er ihm Klara als Tochter brachte.

Seltsam eigentlich: Vater liebte die Schwiegertochter mehr als den
eigenen Sohn. Wynfried fhlte es genau.

Aber er war nicht eiferschtig -- gar nicht. Es freute ihn im Grunde.
Undeutlich lag die Empfindung in ihm, als lenke das seinen Vater von ihm
selbst mehr ab -- als wrde die vollste Liebe dieses gewaltigen Mannes,
die vlligste Aufmerksamkeit all seiner Gedanken, ganz allein auf ihn,
den Sohn, gerichtet, allzu schwer wuchten -- wrde eine bestndige
Anforderung sein ... Und wie Aufsicht ... Nein, nein -- alles war
vortrefflich, wie es war. -- Diese ganze husliche Welt mit Vater, Frau
und Kind gab solch ein Gefhl von Sicherheit und war im Grunde immer wie
ein Zeugnis -- es vernichtete die Vergangenheit. -- An die dachte
Wynfried jetzt in ruhiger Verachtung und voll Kritik. Er bildete sich
ein, da er heute das alles klger anfangen und jedes Weib und jede
Lage mehr beherrschen wrde.

Weil Agathe keine Antwort bekam, fuhr sie klagend fort: Davon, wie
schwer es ist, als junge Frau so einsam dahinzuleben, davon macht sich
niemand einen Begriff.

Sie sollten wieder heiraten, riet Wynfried.

Noch einmal verkauft werden! rief sie voll Bitterkeit.

Liebste Baronin -- eine Frau wie Sie -- so schn -- verzeihen Sie, aber
diese Ihre Worte geben mir die Pflicht, deutlich zu sprechen -- so
wundervoll schn -- so ganz hingebende Weiblichkeit -- so voller
Herzensgte -- die mu und wird Liebe finden -- keinen 'Kufer' -- nein,
einen leidenschaftlich liebenden Gatten.

Agathe sah ihn mit ihren schwimmenden Blicken halb beseligt, halb
bekmmert an.

Wenn Sie so sprechen. -- Und doch -- glauben Sie mir -- es scheint, mir
ist die Gabe versagt, Herzen zu gewinnen.

Sie drckte ihre Hand gegen die Augen. Sie wirkte nicht viel anders als
ein Backfisch, der in unruhiger berflle unklar drngender Empfindungen
mehr ausspricht, als geschmackvoll ist.

Ja, die Weiber! dachte Wynfried sehr angeregt. Die Siebzehnjhrige
vorhin hatte ihn von Geschften und Zahlen und mit Bosheiten
unterhalten, und diese reife Frau sprach wie ein sentimentales Mdel.

Aber ein so bekmmertes und verschmachtendes Frauenherz ganz ohne Trost
zu lassen, wre vllig gegen Wynfrieds Art gewesen.

Er nahm sacht die Hand, die weinende Augen verborgen hatte. Er dachte
sich wohl, da dies noch die allerletzten Trnen seien, die dem
unerbittlichen Stephan nachflossen. Und er hatte lngst herausgefhlt,
da bei Agathe in die abschwindende Liebe sich schon eine neue
Verliebtheit mischte -- wie der Mond noch, immer mehr verblassend, am
Himmel steht, wenn die Morgensonne sich strahlend erhebt.

Er hielt trstend und innig ihre Hand zwischen seinen beiden.

Er sah ihr tief in die Augen, und seine Blicke sagten ihr, da sie ganz
gewi die Gabe habe, Herzen zu gewinnen.

Es schien ja eigentlich kein Grund zum Errten vorzuliegen. -- Aber
Agathe errtete doch -- und ihr Atem fing an, rascher zu gehen.

O, rief Frulein von Gerwald, Fehmarn!

Sie stand auf und stieg vom Sitzplatz aus die zwei Stufen empor auf
Deck. Ihr Herz klopfte ... Dieser Blick zwischen den beiden ... Gottlob,
da da gerade Fehmarn war...

Hingebreitet in den blauen Fluten lag die flache Insel, mit ihrem hellen
Sandstrand, ihren goldgelben, reifenden hrenfeldern und dem kleinen
Stdtchen Burg mit seinen dunklen Dchern unter und zwischen der
Ehrwrde uralter Ulmen und behaglicher Obstbaumwipfel. So liebenswrdig
pastoral tauchte der Kirchturm aus dem Gehufe der Ortschaft auf.

Man war nah genug, alles zu erkennen, und doch noch so fern, da jede
etwa strende Kleinigkeit der Uferszenen verschwand. Ein Bild wie von
kluger und sehr feiner Kunst hingemalt.

Und zur Rechten das weite, uferlose Meer, im letzten Glanz der Sonne,
die hinter der Kste zur Linken unterging. Voraus ffnete sich der
schmale Fehmarnsund.

Das alles war sehr schn, und Frulein von Gerwald, die am
Kajteneingang lehnte und hinaussah, dachte immerfort, von schwersten
Zweifeln geplagt, ob es nicht ihre Pflicht sei, ihre Herrin darauf
aufmerksam zu machen, oder ob sie klger handle, sie ungestrt mit Herrn
Lohmann zu lassen. Und auerdem: war es nicht Zeit, zu Abend zu essen?
-- unten warteten Hummer! -- Und war es nicht Zeit, umzukehren? Wann kam
man nach Haus? Groer Gott -- es konnte sehr spt werden.--

Agathe schien jetzt keine Neugierde auf Fehmarn und den reizvollen
Anblick der korngelben Insel im Rahmen blauer Wogen zu haben.

Sie sind immer wie ein wahrer Freund zu mir, sagte sie halblaut,
dafr bin ich Ihnen so dankbar.

Ich wnschte nur, ich she eine Mglichkeit, Ihnen Ihr oft so schweres
Gemt zu erhellen.

Mag Klara es aber auch haben, wenn Sie so freundschaftlich um mich
besorgt sind? fragte Agathe bedenklich. Sie hatte doch Klara wirklich
lieb -- teils aus ihrem allgemeinen Bedrfnis zum Lieben, teils weil sie
sie neidlos bewunderte -- neidlos, aus dem unbewuten Gefhl heraus, da
Klara nichts daran lag, Gefallen zu erwecken.

Ich bitte Sie! sprach Wynfried sehr lebhaft. Klara und einem Menschen
etwas nicht gnnen: das gibt es gar nicht. Und noch dazu Ihnen -- ihrer
Freundin...

Ja, sie ist so selbstlos und gtig, seufzte Agathe.

Eine famose, groartige Frau! Ich wei nicht -- Sie sind doch
Freundinnen -- hat sie sich je ber unsere Ehe ausgesprochen?

Nie. Klara spricht nie von sich -- sie ist so verschlossen. Ich
bewundere es.

Wynfried neigte sich noch nher herber und sprach, beinahe flsternd:
Sehen Sie, liebste Freundin -- im tiefsten Vertrauen! Man mu meine Ehe
mit Klara anders beurteilen -- wie wohl sonst Ehen. Wir haben uns
gewissermaen meinem Vater zu Gefallen verheiratet. Wissen Sie -- als
ich heimkam -- Gott, es sind schon dreizehn Monat seitdem, wie ist es
mglich! Da hatte ich so viel Schweres durchgemacht -- eine Frau hatte
mich verraten...

Agathe prete seine Hand.

Sie! Verraten?! Das konnte ein Weib?

Und er hrte wohl, da sie es unfalich fnde, ihn zu lassen, wenn man
von ihm geliebt sei...

Er erwiderte dankbar den Hndedruck.

Und damals war ich so angeekelt vom Dasein, da ich mich nicht viel
wehrte, als Vater in einer raschen Heirat mit Klara fr mich die einzige
moralische Rettung sah. -- Heut freilich -- heut gelnge es Vater
freilich nicht so leicht, mich einzufangen! Er lachte leise auf -- als
spreche er von sehr drolligen, wenn auch hchst liebenswrdigen
Geschichten. Ja -- und Klara -- ich dachte erst, sie sei in mich
verliebt -- man neigt als etwas verwhnter Mann zu arroganten
Einbildungen. -- Aber nein -- Klara hat eigentlich nur so 'ne
schwesterliche Hingebung fr mich. -- Geheiratet hat sie mich wegen
Vater -- etwas aus Dankbarkeit und besonders, weil sie ihn vergttert.

O, sagte Agathe, das ist ja aber eigentlich tragisch -- oder ... nein
... Ich wollte sagen -- es htte tragisch werden knnen...

Keine Spur, versicherte er mit Nachdruck. Gerade diese schne, ruhige
Ehe voll Freundschaft gefllt uns beiden sehr gut -- glauben Sie bitte
nicht, da ich es bereue. -- Ich verdanke Klara viel. Wie klug hat sie
das angefangen, meine Arbeitslust zu wecken ... Und ich habe sozusagen
meine Jugend wiedergefunden ... Und dann: wie mein alter Herr nun
glcklich ist! Er trgt sein Schicksal, gelhmt im Stuhl zu sitzen, in
Frieden. -- Wie htt' er sich sonst daran verzehrt...

Das ist ja alles sehr schn, sagte Agathe mit einem Male auf
unbestimmte Art ernchtert.

Aber dies flaue Gefhl wich rasch einer strmischen Aufwallung. Denn
Wynfried sah sie wieder mit vielsagendem Ausdruck an.

Es beraubt also Klara in keiner Weise, wenn ich nicht blind fr den
holdesten, weiblichsten Zauber bin... sprach er leise und langsam.

Inzwischen hatten die Kmpfe in Frulein von Gerwalds Brust zu einer
Entscheidung gedrngt. Ihre Phantasie sah immer das leckere, von roter,
steinharter Schale umpanzerte Hummerfleisch -- und diese
Zwangsvorstellung entschied.

Sie kam herbei, ein wenig schwankend und balancierend auf der schrgen
Ebene des Decks der gerade sehr nach Backbord berliegenden Jacht.

Es ist schon Abend! sagte sie in dem erstauntesten Ton von der Welt,
als falle ihr diese alltglich wiederkehrende Tatsache zum ersten Male
in ihrem Leben auf.

Agathe erwachte...

O -- wann kommen wir heim?... rief sie gengstigt.

Wann wir wollen! beruhigte Wynfried; ich habe zu Haus darauf
vorbereitet, da es spt in der Nacht werden kann...

Liebste Baronin, Sie mten aber jetzt etwas genieen, ermahnte die
Gerwald.

Man ging hinab. Vorher sprach Wynfried noch mit dem Schiffer. Der Wind
flaute ab, blieb aber Nordnordost und verhie glatte, wenngleich
langsame Rckfahrt.

Dann a man in einer unbegreiflich bermtigen Stimmung. Roter,
schumender Roman fllte die Glasbecher. Das rosig verhllte Licht gab
eine Traumbeleuchtung. Aus vier Birnen kam es, die an den getfelten
Wnden, zwischen den Wandschrnkchen, angebracht waren. Die
Hummerschssel stand auf Eis, und alle drei Tischgenossen griffen
tchtig zu.

Frulein von Gerwald hob einmal ihr Glas mit dem prickelnden Burgunder
gegen das von Wynfried. -- Sogleich rief Agathe: Wir wollen auf Klaras
Wohl trinken!

Und sie tranken auf die Gesundheit der jungen Frau.--

Die Gesellschafterin fhlte sich wieder einmal ganz beglckt -- seit
drei Jahren hatte all das Elend der Demtigungen und des ewigen
Wechselns von Huslichkeit zu Huslichkeit ein Ende. -- Rhrung erfate
sie, wenn sie bedachte, wie herrlich nun ihr Leben sei. Und in dieser
Stunde war sie wie berauscht -- nicht gerade vom leise und fein
schumenden Burgunder -- nein, vielmehr noch von der Schwrmerei ihrer
Herrin und von der Mannesschnheit Wynfrieds.

Agathe war vor Glckseligkeit wie benommen. -- Ach, es lohnte sich ja
doch noch, zu leben! -- Und war es nicht, als ob Wynfried ein ganz
anderes Wesen bekommen htte -- gleichsam als habe eine Zauberhand ber
sein Gesicht gestrichen und ihm einen neuen, frhlich unternehmenden,
sprhenden Ausdruck gegeben?

Ja -- Wynfried fhlte sich wirklich wie verwandelt -- nicht verwandelt
-- vielmehr wie ein Erwachender -- wie ein Zurckgekehrter, der lange
verbannt war -- so dergleichen -- er wute selbst nicht, wie ihn das
ankam. -- Jedenfalls war es eine Gehobenheit. -- Er war ganz
durchrieselt von jenen kstlichen, gespannten Empfindungen, die Mann wie
Weib in den Anfngen der Liebe berraschen. -- Ach, was gab es denn
Lebensvolleres als dies Vorahnen mglicher Wonnen, dies sich
Einanderentgegendrngen mit Blick und Lcheln und sinnschweren
Worten.--

Und dann die Servietten hingeworfen und hinauf...

Der Abend war gekommen; er hatte sanfte Tne ber Himmel, Land und Meer
gelegt -- dunkelveilchenfarbene, ins Grau hinberspielende.

Frulein von Gerwald sagte mit etwas unklarer Stimme, sie wolle es recht
mit Andacht genieen, und suchte sich vorn am Bug ein Pltzchen, da wo
der Klverbaum ber Bord hinausragte wie ein Spie ... Dort hockte sie
nieder und fand Lehne und Halt.

Wynfried und Agathe setzten sich auf die Kissen des vertieften
Sitzplatzes. Dicht nebeneinander -- er nahm ihre Hand und kte sie und
legte sie ihr in den Scho zurck.

Solche Stunden, sagte Agathe, entschdigen fr alles, was man
gelitten hat.

Was haben Sie denn so schwer gelitten, teure Freundin? sprach
Wynfried. Da Ihre Ehe kein Vergngen war, kann ich mir denken. Bitte,
erzhlen Sie nichts davon -- mir ist, als wrde ich zu zornig werden. --
Es gibt nur eins: vergessen!

Sie redeten sehr leise miteinander.

Man kann nicht alles vergessen, es gibt das Wort vom Ewig-Gestrigen. Es
ist wahr! Wenn immer wieder zu einem zurckkommt und sich immer neu
straft, was man einmal verbrach...

Verbrach?! Sie -- Agathe. -- Nein, Sie knnen keine Schuld auf sich
geladen haben. -- Sie, die Sie nicht imstande sind, einer Fliege weh zu
tun.

Nein -- keine Schuld. -- Und doch -- aus Unkenntnis -- aus Neugier --
aus einer schrecklichen Sehnsucht nach -- ach, ich wei selbst nicht,
wonach -- nach Liebe, oder nach Glck -- oder nach Geheimnis -- ja, aus
Unkenntnis kann man fehlen.

Nur das Gesetz ist so grausam, sie nicht als Entschuldigung anzunehmen.
Erfahrene Herzen urteilen anders.

Dann haben meine Eltern keine erfahrenen Herzen, sie verzeihen mir nie,
woran doch auch sie die Schuld trugen.

Wollen Sie mir nicht vertrauen -- liebe Agathe. -- Ich -- verstehe
alles--

Er legte ganz sanft, und um sie zu ermutigen, den Arm um ihre Taille.

Und sie neigte den blonden Kopf nher zu ihm -- stockend -- in immer
wachsender Leidenschaftlichkeit sprach sie von ihrer Jugend.

Immer dunkler ward die Sommernacht -- die Flut glnzte in der Nhe
schwarzblank und war in der Ferne ein Abgrund von Finsternis. Aus den
Wogen kam eine gleichmige, an- und abschwellende Musik herauf -- von
der Jacht ging steuerbord ein kleines rotes Strahlenbndel hinaus und
backbord ein grnes -- die glitten als magischer Schein mit der Fahrt
und schwebten ber der Tiefe.

Ich bin als einziges Kind immer sehr allein gewesen, erzhlte Agathe.
Und immer von zwei Gouvernanten bewacht -- ich sollte Franzsisch und
Englisch wie Deutsch knnen. Viel wollten meine Eltern mit mir. Hoch
hinaus. -- Mama ist eine Vereinsdame, gibt Geld mit vollen Hnden, hat
groe Verbindungen -- das war so 'ne Art Vorarbeit, begriff ich spter
-- das sollte mir dann den Eintritt in die allererste Gesellschaft
sichern. Und mal 'ne ganz, ganz groe Partie! Hochadel oder allererste
Finanzaristokratie. Papa wollte dergleichen haben fr sein Geld, und
Mama fr all ihre Schufterei in den Vereinen. Und deshalb wurde an mir
herumerzogen -- und gar keine lustige Kindheit hatt' ich -- und keine
Freundin durft' ich haben -- damit nicht einmal unerwnschter Anhang da
sei. -- Mama sagte manchmal: bis man seine gesellschaftliche Position
ganz fest begrndet hat, ist es vorsichtiger, allein zu bleiben -- man
mu erst sehen, wohin man gelangen kann.

Eine kluge Dame Ihre Mama...

Ja! Und solche Art Liebe und solche Art Voraussorgen war mir blo
erbitternd. Ich wollte lustig sein, eine Freundin zum Liebhaben wollte
ich -- und da waren nur die steifen Gouvernanten -- und sie und ich, wir
haten uns.

Armes Kind! sagte Wynfried leise, obschon er nur flchtig zuhrte,
sondern nachprfend Agathens Parfm aufatmete und dachte: ja, es ist
_das_ Parfm.

So wurde ich sechzehn Jahre. Und wir lebten immer da drauen, zwischen
den Fabriken -- das Haus war prachtvoll -- aber doch in Berlin selbst
htte ich vielleicht mehr Freiheit gehabt -- mehr Zerstreuung. Ich sah
oft die Herren aus dem Bureau -- sie begegneten mir und grten -- wenn
ich mit meinem Nero spielte -- ja, ich hatte eigentlich blo meinen
Bernhardiner zum Vergngen. Und die Ingenieure sah ich auch. Wenn ich
Nero in die Spree hinausschwimmen lie zum Baden -- dann mute ich
hinter dem Hause entlang gehen, wo die Herren alle wohnten. Und da...
sie stockte.

Wynfried fragte: Und da? und legte seinen Arm fester um die zitternde
Frau...

Und da war einer -- mit so blanken braunen Augen und einem schwarzen
Schnurrbrtchen -- so italienisch -- bildete ich mir damals ein -- Papa
sagte spter: wie ein Friseurgehilfe ... Ich wei nicht, wie es kam --
wir sahen uns immer so an, und dann, obgleich es dem armen Nero
schlecht bekam, dann ging ich immer fter, um ihn zu baden, und immer um
die Zeit, wo 'er' an seinem Parterrefenster stand. -- Und ich war mit
einem Male glcklich und hatte fortwhrend an etwas Schnes zu denken.
Und dann -- einen Tag -- es war im Juni -- da warf er ein Briefchen
heraus, als ich vorbeikam, und drin stand, da er mich wahnsinnig liebe
und sterben werde, wenn er nicht einmal mit mir sprechen knne, und wo
es wohl sein knne -- und ich solle morgen, wenn ich mit dem Hunde
vorbei komme, eine Antwort bringen -- einen Zettel in sein Zimmer
werfen, er wolle aus Vorsicht nicht am offenen Fenster sein ... Ja, so
fing es an.

Agathe weinte ein wenig. Sie schmte sich noch immer wieder. Und
erinnerte sich doch auch zugleich der schaurig-sen ngste und Wonnen
von damals.

Wir trafen uns -- hinter Zunen -- zwischen den Winkeln von Schuppen
und Lagerhusern -- da war keine Poesie -- kein Wald -- kein Mondschein
-- keine Nachtigall -- alles hatte gleich so was furchtbar
Verzweifeltes. -- Und er schwor, sich zu erschieen, wenn ich nicht die
Seine werde.

Agathe trocknete ihre Trnen. Strker als Scham und Gram ward das heie
Erinnern.

Dann verreisten die Eltern -- ich blieb bei den Gouvernanten zu Haus --
jede von ihnen hatte vierzehn Tage Urlaub, so da vier Wochen lang nur
eine Tyrannin mich bewachte. -- Und Mi Brown war sehr leidend --
benutzte diese Zeit ohne Kontrolle seitens der Herrin, um ganz frh
schlafen zu gehen -- es war ein so schwler August. Ich starb vor
Sehnsucht -- litt -- o -- dachte zu verbrennen -- und da geschah es. --
Ich wute ja nicht, was ich tat -- ich war nur selig -- selig...

Sie erschauerte. -- Sie flsterte weiter. -- Und es war, als ob ihre
raunende Stimme und das schmeichelnde Rauschen des Meeres Tne seien,
die aus dem gleichen Urgrunde allen Lebens heraufkmen.

Ich hab' es nie begriffen -- nie -- da das schlecht von mir gewesen
sein sollte -- so unmenschlich glckselig in Liebe zu sein--

Sie schwiegen beide lange. -- Und Agathens Kopf ruhte sich an seiner
Schulter von vergangenen Leiden aus ... Endlich sprach sie weiter.

Die Eltern kamen zurck. Irgend jemand glaubte sich verpflichtet, mit
ihnen zu sprechen -- denn die ganze Fabrik hatte es gewi schon lange
gemerkt -- wie htt' ich daran denken knnen? -- Und dann gab es einen
Zustand -- o Gott -- ein Massenmrder kann nicht hrter bestraft werden.
-- Hinrichtung ist ja milde dagegen. -- Und Mi Brown flog hinaus -- und
'er' schrieb khn und stark an Papa, da ich seine Braut sei und da er
mich heiraten wolle -- und Papa und Mama schrien, darauf habe er nur
spekuliert -- Und ich sagte, seine Armut sei mir recht und ich wolle mit
ihm hinausziehen und betteln. -- Dafr hatte Papa nur ein schreckliches
Gelchter. -- Wiedergesehen hab' ich ihn nie -- nicht einmal Abschied
nehmen durfte ich. -- Und Papa schickte ihn mit viel Geld nach Amerika
-- da ist er verdorben und gestorben -- das hat Papa erst nach vier,
fnf Jahren gehrt. -- Damals gleich, als all diese Wut auf mich bei
Papa und Mama war, wollte ich sterben. -- Es ist schwer, zu sterben --
man wei nicht, wie man es machen soll--

Sie seufzte.

Ich war noch ganz gebrochen -- dann kamen die Eltern und sagten, ich
msse den Baron Hegemeister heiraten, es sei fr mich das beste -- das
einzigste. Sie taten, als weise ganz Berlin mit Fingern auf mich -- weil
ich einen armen Angestellten sehr lieb gehabt hatte. -- Und ich dachte:
vielleicht ist die Ehe Freiheit. Sie war ja gewi ein besseres Leben als
das, was ich zu Haus gehabt htte. -- Obgleich ... Bis auf den heutigen
Tag zrnen mir die Eltern und tun nur wegen der Welt, als sei alles in
Ordnung. Und sie fragen die Gerwald aus, und die gute Gerwald sagt die
Wahrheit und erzhlt, wie trist ich eigentlich lebe.

Agathe sprach nun mehr vor sich hin als zu ihm.

Und um dieser jungen, trichten, heien Liebe willen, soll mein ganzes
Leben verpfuscht sein? O, ich wei wohl -- bse Menschen flstern noch
immer allerlei -- und vielleicht hat einer, fr den ich ein bichen
schwrmte, gedacht, als Offizier knne er das nicht. -- Aber von wie
vielen Frauen wird geflstert ... Und weil ich aus lauter Einsamkeit und
Unkenntnis und Sehnsucht einen Menschen mal ein wenig zu lieb gehabt
habe -- soll ich nie mehr -- nie -- nie mehr die Glckseligkeit erfahren
-- geliebt zu sein...

Da neigte sich das Gesicht des Mannes ber das ihre.

Er flsterte kein Wort des Trostes, des Werbens, der Verheiung--

Mit einer bezwingenden Selbstverstndlichkeit suchten seine Lippen die
ihren zu einem verzehrenden Kuߠ...

       *       *       *       *       *

Und am Klverbaum hockte das alte Mdchen und starrte in die Nacht
hinaus.

Alles in ihr war Aufruhr. Eigenes Wnschen und Entsagen glomm, wie
Feuerreste unter Aschenhaufen, wenn er aufgestbert wird, noch einmal
auf. -- Und sie fhlte auch: nun war die seit drei Jahren mit so viel
Entschlossenheit und immer vergebens erwartete Stunde da, beide Augen
zuzumachen.

Und aus der Sommernacht wehte so viel heran -- fast wie Qual des Neides
-- Rhrung, die der gutherzigsten aller Frauen ein wenig Glck gnnte --
Sorge vor schrecklichen Kmpfen.

Es war aber schn, hier zu sitzen und zu wachen, und sie kam sich fast
wie Brangne vor.

Mrchenhaft -- wie so das Schiff durch die schwarzen Wasser dahinglitt
-- und im ewig gleichen Ton und Rhythmus besangen die Wogen leise den
Zauber der Fahrt; dunkel die Ferne, hoch und voll schwarzer Majestt der
Himmel.

Und nun tauchte der stolze Schiffsleib der 'Hohenzollern' auf, und aus
ihren vielen, vielen Augen glnzte gelbes Licht. -- Und drben
Travemnde-Strand -- eine Reihe von Lichtperlen nur. -- Und das
Blinkfeuer des Leuchtturms, das zuckte und verschwand und wieder zuckte.

Und dann trat ein Mann an den Platz heran, wo Frulein von Gerwald sa,
und schreckte sie auf.

Der Mann hielt in seinen hocherhobenen Hnden je eine Laterne. -- Er
schwenkte sie und wiederholte gewisse Bewegungen in mehrfacher Folge. --
Er semaphorte der Lootsenstation zu, da die Klara in den Hafen wolle,
und die Station solle es dem Motorboot weitergeben, das im Hafen
wartete...

Groe Unruhe entstand an Bord.

Die rotweien Matrosen manverierten, das Schunersegel rauschte herab,
sank in sich zusammen und ward von raschen, vielen Hnden zu einer
Faltenrolle zusammengebunden. Das Grosegel schlnkerte gelst.--

Und inmitten all der Unruhe stand mit einem Male der Herr der Jacht da
und gab Befehle.

Frulein von Gerwald suchte Agathe und fand sie wie verzaubert auf dem
Sitzplatz -- in seligem Lcheln sinnend.

Sie fiel dann ihrer Treuen um den Hals und sprach kein Wort. -- Aber die
Treue wute -- dies verband sie beide auf immer.

Nach einer weiteren halben Stunde war man im Hafen. Und dort wollte
Wynfried mit den Damen auf das Motorboot bersiedeln. Die Klara sollte
ber Nacht in Travemnde bleiben. Mit dem flinken Severin dachte
Wynfried erst die Damen an die Lammener Brcke zu bringen und dann nach
Haus zu fahren. Es wrde wohl lange nach Mitternacht werden...

In Travemnde am Ufer waren in dieser Festzeit noch Menschen -- und zwei
Schiffer riefen allerlei von der hohen Brcke herab...

Was denn? Ja -- ganz gewi. -- Der Schlepper 'Primus' hatte die
Nachricht mitgebracht -- gerade als er die Trave abwrts dampfte und
schon eine gute Strecke an Severin Lohmann vorbei gewesen war, hatte
er einen furchtbaren Knall von dorther gehrt.

Wie von einer Explosion...




8


Die junge Frau hatte den Besuch ihrer frheren Pflegemutter gehabt. In
allem war die Doktorin Lamprecht ein eifriger Mensch, in Rede wie in
Tat. Und so hielt sie auch mit einer gewissen pflichtvollen Emsigkeit
darauf, Klaras Einladung zum Nachmittagstee zu folgen. Klara hatte
gesagt: komm doch an schnen Sommertagen, so oft du willst, nachmittags
herber. Das war der alten raschen Dame zu unbestimmt gewesen, und sie
setzte sich selbst im stillen den Dienstag und den Freitag zu den Gngen
nach dem Herrenhaus von Severin Lohmann fest. Das hatte Klara
natrlich bald gemerkt, und wenn sie einmal an einem dieser Wochentage
verhindert war, telephonierte sie ab. Heute war die alte Frau eigentlich
darauf gefat gewesen, da man ihr abwinke. -- Die jungen Eheleute
wollten doch mit ihrer Jacht den Seglern entgegenfahren. -- Likowski,
der immer einen Augenblick vorsprach, erzhlte von der erhaltenen
Einladung, der er nicht folgen knne.

Als dann aber kein Abwinken erfolgte, strzte sich die alte Frau mit
ihrer vollen Lebhaftigkeit in Sorgen. War das Kind krank? Oder der
Geheimrat? Darber nachzudenken und sich mit jedermann, der ihr in den
Wurf kam, eindringlich zu besprechen, war sehr unterhaltend. Zum Glck
erwies sich alles als berflssige Gedanken- und Zungengymnastik, denn
sie fand Mutter und Kind in der vlligsten Gesundheit vor, und der
Geheimrat war nicht sichtbar. Er arbeitete oben mit seinem Sekretr. Das
Kind hatte mittags viel geschrien und war ein wenig mit der Verdauung
gestrt gewesen -- nun lag es prachtvoll anzusehen im offenen Wagen, und
die Amme in der malerischen Tracht sa dabei und wehrte den Fliegen.
Nicht weit davon hatten die beiden Damen Tee getrunken. Der Platz unter
den alten Ulmen war angenehm, man hatte von da einen sehr malerischen
Blick auf die Hochfen, die wie in einem Ausschnitt, vor dem blauen
Himmel, von grnen Zweigen umrahmt, ernst dastanden. Die Doktorin
Lamprecht erzhlte mit unermdlich dahinrinnenden Worten von allem
Kleinkram ihres engen Lebens.

Dann geleitete Klara die flinke kleine graue Alte hinab zur Fhre, wo es
noch einen wortreichen Abschied gab, bis Srensen, der Fhrmann,
ungeduldig fragte: Wlt wi nu foahren, oder wlt wie nich foahren?

Als Klara langsam treppan zwischen den Hainbuchenhecken zurckging,
fhlte sie sich von einer unbegreiflichen Zuversicht und Heiterkeit
erhoben. Woher ihr die kam -- sie wute es nicht. Das Grundlose ihrer
wechselnden Stimmungen, das Gegenstandslose ihrer frohen Sehnsucht und
jammervollen Zerdrcktheit, als lge alle Qual der Welt auf ihr -- sie
vermochte es nicht zu erklren. Alles, was sie konnte, war, eine
uerlich immer beherrschte Haltung zeigen.

Jetzt duchte ihr, sie sei glcklich, da das bichen Unruhe des Kindes
nicht die Vorbotin von ernstlichen Strungen gewesen sei. Sie machte
sich Vorwrfe, ihren Mann nicht doch begleitet zu haben. Sie wollte ja
all seine Interessen und Freuden teilen -- das war ihr ernster Vorsatz.
Aber dieser freie, friedlich ungezwungene Nachmittag war so schn --
fast, als sei es weniger -- mhsam.--

Als sie sich dem Platze unter den Ulmen nherte, sah sie, da die Amme
fortgegangen war und da anstatt ihrer Leupold Wache hielt. In seiner
einfachen dunkelblauen Livree stand er da und beugte sich auf den Wagen
hinab.

Klara schlich beinahe. Sie wollte ihn berrumpeln, und das gelang ihr
auch. Er fuhr auf und wurde rot.

Kathrin bat mich -- ich sollte mal ein paar Minuten aufpassen. -- Ich
kam her, weil Herr Geheimrat bitten lassen, wenn es der gndigen Frau
recht sei, mchte das Abendessen erst um neun Uhr angesetzt werden.

Da lag Severin der Kleine in seinem Wagen, luftig zugedeckt, die nackten
rmchen frei -- er fing nun schon an, mit der einen Hand nach der
anderen zu greifen, ohne da es ihm gelang -- in diesem allerersten
zweckvollen Spiel der Glieder. Er sah so gepflegt und lieblich aus, da
selbst ein unverstndiger Beobachter wie der alternde Junggesell Leupold
erkennen mute, es sei ein kstliches Exemplar von einem Kinde.

Klara sah ihn an -- irgend etwas in ihrem Blick forderte ihn auf, zu
sprechen.

Ich glaube, sagte er verlegen, der Kleine wird mal ganz und gar Herrn
Geheimrat hnlich...

Dann setzte er schnell hinzu und wurde wieder rot: Es ist das schnste
Kind, das ich je gesehen habe...

Und ging rasch davon. Klara lchelte. Sie fhlte: der eiferschtige Mann
hatte ihr nun endlich verziehen, da sie die Schwiegertochter und
bevorzugte Pflegerin seines Herrn geworden war. Severin der Kleine hatte
ihn entwaffnet, und er war vielleicht von hnlichem Stolz auf den
Stammhalter erfllt wie der Grovater selbst.

Ja, so kleine Hndchen knnen viel.

Vielleicht, dachte Klara, von einer pltzlich aufwallenden Hoffnung
ganz erregt, vielleicht doch noch einmal die Herzen seiner Eltern recht
zusammenfgen...

O Stunde des Glcks, wenn das geschhe! -- Und warum nicht? Es gibt doch
Gefhlswunder, Wandlungen -- man las so viel Schnes davon. Und was die
Poesie verherrlicht, mu sie doch im Leben gefunden haben.--

Um neun Uhr kam der alte Herr herunter und sa in seinem Fahrstuhl am
Tische. Trotz des wundervollen Sommerabends blieben die Fenster
geschlossen. Das Hereinschwirren von Insekten und ihr Tanz und oft genug
ihr Tod im Licht war Klara immer widerwrtig. Der Geheimrat teilte ihren
Ekel davor.

Nun hast du heute gar nichts von dem Sommertag gehabt, schalt Klara.

Die Arbeit drngte. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, die
Denkschrift, die ich dem schwedischen Handelsminister zustellen lassen
will, noch heute zu beenden. Morgen gibt es Strungen die Menge.
Direktor Malzan von der Frankfurter Heizkessel- und Rhrenfabrik hat
sich angesagt -- eine Verbindung, die Wynfried anknpfte. Die Fabrik
will fortan ihr Rohmaterial von uns beziehen. Auerdem ist Mhlmann aus
Harburg zu erwarten.

Ach der alte Herr, der immer denselben Spa macht, indem er bedauert,
da er mir von den niedlichen Kleinigkeiten, die er fabriziert, keine
Prbchen zu Fen legen knne.

Du solltest aber mal wirklich die Mhlmann-Werke mit Wynfried zusammen
ansehen; wenn ihr mal in Hamburg seid, ist's ja nur ein Katzensprung.
Anker fr Ozeandampfer und Krane und Ketten von kolossalischen Gren
und Gewichten. -- Ja, also Malzan und Mhlmann wohl sicher. Vielleicht
noch zwei Geschftsfreunde aus Ruland. Und mglicherweise der junge
Marks. Die Reederei Marks in Stettin hat uns, aus einer Konkursmasse,
billig einen Kohlendampfer angestellt. Wenn der Juniorchef selbst kommt,
mu er zu Tisch gebeten werden. Aber du weit: alles ist unsicher.

Ja, das kannte Klara: an vielen Tagen der Woche Tischgste: die, auf
welche man sich vorbereitet hatte, kamen zu ganz anderen Tageszeiten und
konnten nicht zum Speisen dableiben; ein andermal erwartete man
niemanden, und eine Stunde vor Tisch hie es pltzlich, es wrden Gste
kommen. Oder man dachte an einen oder zwei Herren, und es wurden ihrer
sechs.

Aber die Kche war darauf eingerichtet, und Frau Flggen, die
Herrenkchin, war eine Verbindung von rascher Entschlossenheit und Ruhe,
die Klara heimlich bewunderte.

Und da Thrauf verreist ist, fuhr der alte Herr fort, mag ich gern
selbst alle sprechen und sehen. -- Auf dem Werk macht Wynfried ja
sowieso allein die Honneurs, wenn Thrauf fort ist.

Klara legte ihrem Schwiegervater von dem leichten Ragout aus
Kalbsmilchern und Zunge vor, das fr ihn besonders bereitet war.

Du sprachst von einer Denkschrift? fragte sie.

Er mochte es gern haben, wenn sie unterrichtet sein wollte. So lebendig
hatte auch einst ihre Mutter an allem teilgenommen, was ihn
beschftigte. Seit die Tochter der Geliebten seine Tochter geworden war,
verschwammen beider Gestalten fr ihn auf das merkwrdigste in eins. Er
konnte seine Empfindungen fr die heilige Tote und diese ihn tglich mit
Liebe umsorgende junge Frau nicht mehr auseinanderhalten. Und ihm war
auch, als erkenne er jetzt erst den tiefsten Sinn des Schicksals, das
ihn zum Entsagen gezwungen. Da die Vergangenheit rein geblieben war,
adelte ihm heute die zrtlichen Vatergefhle. Klara war ihm teurer, als
eine Tochter aus eigenem Blute htte sein knnen -- jene verborgensten,
geheimnisvollsten Verwandtschaften sprachen, die jenseits aller
Erklrbarkeit liegen.

Wie geno der alte Herr nach Tagen voll angestrengter Arbeit und in
seinem brchigen Zustand diese Stunden -- auch ihm war's im tiefsten
Herzen uneingestanden recht, wenn Wynfried am Abendtisch fehlte. Er, der
Vater, und sie, die junge Frau, waren sonst immer bemht, da Wynfried
sich nur behaglich fhle...

Er sprach zu der eifrig Hrenden.

Weit du, es ist auch eine Art Zeitkrankheit: dies Erwachen eines
blinden Nationalismus berall -- der so oft Forderungen erhebt, die dem
eigentlichen volkswirtschaftlichen Interesse des Vaterlandes
zuwiderlaufen. -- In allen Lndern das gleiche. Nun gibt es in Schweden
groe Gruppen von Politikern, die es als eine Schdigung der
wirtschaftlichen Zukunft ausschreien, wenn Schweden fortfahre, seine
Eisenerze auszufhren. Und es wre beinahe Selbstmord, wenn diese
Ausfuhr je verboten werden sollte. Die Eisenerzlager sind ungeheuer
gro. -- Und Schweden ist so klein -- es hat auch keine Kohlen -- keine
Arbeitskrfte -- selbst wenn es all seine Erze selbst verhtten wollte
und knnte, fehlte wieder die Feinindustrie, die den Httenwerken das
Rohmaterial abzunehmen imstande wre -- und sie knnte auch niemals in
einem Mae entstehen und sich entwickeln, um all dies gedachte Roheisen
zu verarbeiten. -- Deutschland ist der nchste, der gegebenste Abnehmer
-- es trgt fr das Erz, das es empfngt, ein Riesenkapital ber die
Ostsee nach dem befreundeten Land. In Deutschland ist der
Eisenverbrauch pro Kopf in den letzten dreiig Jahren um etwa neunzig
Kilogramm gestiegen: von vierzig bis auf hundertunddreiig -- stell dir
das mal vor...

Nein, das konnte Klara sich natrlich nicht auf deutliche Art
vorstellen, wie ein Mensch hundertdreiig Kilogramm Eisen verbrauchen
soll. Sie lchelte glcklich, war voll Freude, da der Vater immer in
dem starken Bedrfnis, sich zu bettigen, geistig so frisch wie nur je
sich zeigte, und sie scherzte ein wenig -- denn das mochte er haben. Und
sie sagte, da diese Statistiken auch unfreiwilligen Humor besen; und
Grovater solle es sich doch seinerseits einmal vorstellen, wie Severin
der Kleine hundertdreiig Kilogramm Eisen verbrauche ... Er mute
lachen. Und sie lenkte durch wibegierige Fragen ihn wieder auf seinen
Vortrag zurck.

So saen sie in Frieden, und Klara sprach endlich, etwa um elf Uhr,
davon, ob man nicht ans Zubettgehen denken msse.

Wenn du sagst 'man', meinst du mich, scherzte der Geheimrat.

Eingestandenermaen! Ich mchte noch aufbleiben -- auf Wynfried warten
-- aber nur bis Mitternacht -- spter knnt's ihm eher bedrckend als
erfreuend sein.

Klug! lobte er. Und Wynfried hat es ja heute wirklich nicht in der
Hand -- wenn zum Beispiel Flaute eingetreten sein sollte...

Klara klingelte zweimal. Das hie, da Leupold kommen solle, um seinen
Herrn hinaufzuschaffen, und da Georg oben zur Stelle zu sein habe, um
beim Zubettgehen zu helfen.

Sie geleitete den Fahrstuhl noch hinaus -- der Lift mndete in der Nhe
des Ezimmers auf die Diele.

Diese war nur schwach erleuchtet. Die Glastr, durch die man in den
Hauseingang kam, war geschlossen. Aber die breite Tr, die von der Diele
aus auf eine Plattform mit Sitzgelegenheiten fhrte, stand weit
geffnet, und die Wrme des Sommerabends kam herein.

Der alte Herr atmete sie ein -- sie tat ihm wohl.

Ein paar Minuten, sagte er, und Leupold fuhr seinen Herrn gehorsam auf
die Plattform hinaus. Klara setzte sich auf den nchsten Stuhl, sttzte
den Ellbogen auf seine Lehne und schaute ruhevoll hinaus in das schwarze
Dickicht des Parkes.

Dieser Abend hatte der jungen Frau wohlgetan. Sie fhlte: solange dieser
groe Mann lebte, war sie, als seine Tochter, reich. Wie mute er immer
und immer an sich gearbeitet haben, bis sein brausender Wille, sein
berragender Verstand sich mit Gte und Gerechtigkeit gleich einer
Gloriole umgab. Sie ahnte auch, da er nicht nur aus Neigung zu dem
Gesprchsstoff, sondern sehr zweckvoll sie ganz und gar mit dem Werk und
seinen tausendfltigen Beziehungen vertraut machte. Sie legte es sich so
aus: er wolle, da sie ihrem Gatten immer mit Verstndnis entgegenkommen
und sein Interesse, falls es erlahme, neu beflgeln knne.

Man sah von dieser Plattform aus nichts vom Hochofenwerk. An das Rumoren
des Betriebes waren ihrer aller Ohren so gewhnt, da sie es nicht mehr
hrten. Ihnen schien Sommernachtstille entgegenzustrmen, und Friede und
ein sanftes Dunkel fllte die Luft, als webe und schwebe in ihr der
Geist lieblicher Schlafseligkeit. Alles zwang zum Schweigen. Und diesem
beruhigenden Schweigen nachzuhngen, war schn.

So lieen sie die Minuten rinnen. -- Da geschah etwas Furchtbares --
grauenvoll Bedrohliches -- sie zuckten zusammen -- ein dunkler, runder
Ton hatte die Luft zerrissen. -- Die Gewalt der Erschtterung war so
gro, da ein Zittern durch die Nacht ging.

Der Schreck legte seine kalte Hand auf den Mund der jungen Frau, und sie
konnte nicht einmal schreien----

Mein Gott! stie der alte Mann heraus. -- Und er sa und war
gefangen...

Eine Explosion -- irgend etwas war geschehen. -- Ungewhnliches --
vielleicht Furchtbares.

Sie horchten unwillkrlich dem dunklen, knallenden Ton nach -- ein, zwei
Sekunden -- unter der Wucht des Nachhalls, der ihnen im Ohr lag -- in
der Lhmung des Schreckens.

Durchbruch? sagte der alte Mann. -- Als Frage klang das in die jetzt
wieder stumm gewordene, dunkle Nacht hinein.

Und seine Hnde auf den Lehnen seines Stuhles zitterten.

Nach dem Schreck kam der erste deutliche Gedanke: Leupold sollte
hinberlaufen und fragen. -- Aber er hatte keine Zeit, das zu Worten zu
formen.

Denn die junge Frau rannte fort -- es trieb sie -- rief sie.

Klara! aber der starke Ruf erreichte sie nicht mehr. Ihre weie
Gestalt war schon um die Hausecke verschwunden.

Und sie lief, wie sonst Knaben laufen, in rasender Eile, mit langen,
federnden Schritten.

Sie sah vor sich das Werk -- war nicht alles wie sonst? ... Die vielen
kleinen Sonnen all der elektrischen Lichter standen als heller Kern in
ihrer runden Strahlenglorie. Malerisch beschienen wlzte sich der Rauch
von der Kokerei her langsam in schrger Lage ber und durch all das
Eisengestnge der Drahtseilbahnen und Rohrleitungen, ehe er sich in die
dunkle Luft hinauf verlor und von der Nacht aufgesogen ward. Als
hellbeleuchtete Sulen erhoben sich unbeschdigt die Schornsteine. Die
weit hinausragenden eisernen Linien der Ausladebrcken waren klar zu
erkennen. Das ungeheure Geschpf mechanischen Lebens, der Selbstgreifer,
senkte sich von der ersten Brcke hinab in den Bauch eines Dampfers, um
ihm Riesenhnde voll gepulverter Kohle zu entreien und oben in die
Wagen zu entleeren.

Klara umfate im Laufen dies ganze, ihr so vertraute Bild von Lichtern
und Feuerscheinen und berhelltem Gewlk, senkrecht und wagerecht von
schwarzen Linien und Gebudesilhouetten durchschnitten. Wie ein Mrchen
aus Tausendundeine Nacht, aber gewaltiger und viel phantastischer, stand
dies Wunder menschlicher Kraft vor dem schwarzen Himmel, inmitten der
dunklen Landschaft.

Ein Blick -- in solcher Angst -- erfat in Sekundenschnelle viel -- die
nchste Sekunde nderte das Bild.

War dort nicht die Ordnung und das gewohnte Sichberschneiden der Linien
zerstrt? Wo war der leiterartige Schrgaufzug, dieser feine,
durchsichtige Bau von Eisenstben, zwischen denen sonst die Frderwagen
gleich kleinen Lasttieren hinaufkrochen, um oben in das Beschickungsloch
der Hochfen Erze, Kohlen und Kalkstein zu werfen? Starrten da nicht
zerbrochene Rippen in die Luft? Aber noch ehe der Blick dies sicher
erkennen konnte, geschah etwas Neues. -- Dampf quoll auf, weier,
dickgeballter Dampf kochte in die Hhe und verhllte alles.

Schon war die junge Frau am Tor -- von Severinshof strmten Menschen
heran. -- Die Mnner der abgelsten Belegschaft, die der Knall aus ihrer
Ruhe ri -- verngstete Frauen.

Der Torwchter gebot diesen Frauen ein Halt. -- Aber wie durfte er es
der Tochter und Gattin der Herren zurufen?

Klara strzte vorwrts -- sie die einzige Frau unter den Scharen von
Mnnern.

Nun sah sie -- da am ersten Hochofen sah sie es -- in kurzen Sekunden,
wenn der weie Dampf zischend hher trieb. -- Ergo sich ein Lavastrom
aus dem Bauche des Hochofens? Wo kam diese weiglhende, feurige Masse
her, die alles Wasser, das gleich einem glsernen, rinnenden Mantel die
Burg der schmelzenden Erze umgab, zum Verdampfen brachte?

Das flssige Eisen und die kochende Schlacke hatten ihren Panzer
durchfressen.

Und indem sie sich, ihren Kerker zersprengend, hinausdrngen wollten,
machten sie allen Gasen freie Bahn.

Mit einem Donnerknall war die glhende Luft entwichen, indem sie Steine
und Eisen zerbrach -- und die Masse geschmolzenen Metalls flutete ihr
nach.

Es war ein ungeheuerliches Bild -- wie dies Gedrm von flieendem Feuer
nun fast ruhevoll herausquoll und sich ber den Unterbau, den Herd
ergo.

Und eine unerhrte Aufregung zuckte durch die Menge.

Vor dem Hllenatem der Bruchstelle und ihren Entladungen, vor dem
weikochenden Dampf wich alles weit zurck. -- Und doch hie es
eingreifen -- grerem Unglck vorbeugen -- von all den maschinellen
Betrieben des Werkes Strungen abhalten -- die vorbeiziehenden Bahnen
und Rohre vor der Schmelzglut schtzen -- die flieende Lava aufhalten.
Von der Giehalle her mute das Stichloch eingestoen werden, um den
Abflu auf die sandige schiefe Ebene ihres Bodens zu lenken.

Tapfere Mnner, Hnde und Arme mit nassen Lappen umwunden, von
Schluchen mit Wasser begossen, drangen mit der Stostange vor --
berannten das Stichloch -- damit sein Tonverschlu zerbreche.

Einer der Ingenieure, die die Arbeit leiteten, nherte sich Klara. --
Sie stand, leichenbla, zitternd, erdrckt von der Majestt der
Elemente, die sich der Menschenhand entwinden wollten.

Gndige Frau, bat der Ingenieur hflich, und es hie: Gehen Sie.

Alle fort -- Thrauf -- mein Mann-- stammelte sie.

Was zu tun ist, geschieht, sagte er ruhig.

Nein -- ich bleibe... Sie stand ja sicher.

Dampf und Glut umhllten das Bild und entschleierten es in jhem
Wechsel, wie Wind, Hitze, Luftwirbel spielten.

Die hellen Tne der Eisenstange, die die Mnner gegen das Stichloch
trieben, klangen durch die Wirrnis.

Da ein Schrei und ein furchtbares Aufheulen.

Im gleichen Augenblick, da das Durchstoen des Stichloches gelang,
sackte von oben im Gehuse des Ofens die ganze Beschickungssule, diese
schon halb durchschmolzene Masse von Erzen und Kohlen und Kalkstein
nach, hinab in den entstandenen Hohlraum, und prete so auf die
herausquellenden Massen, da sich aus dem Stichloch ein Katarakt, ein
Springquell von flieendem Eisen ergo und auf den Unterkrper des
Vordermannes traf.

Das wahnsinnige Aufheulen lie jeden erbeben, und da war wohl keiner,
dem nicht ein Frsteln ber die Haut lief und ein Gefhl von belkeit
emporstieg.

Auch die junge Frau schrie auf -- sie drngte sich durch die Mnner --
sie lief und lief und merkte kaum, da ein paar Atemlose mit ihr fast
Schritt hielten. Zwischen starren Eisentrgern und Mauern vorbei ging
der Weg -- durch Qualm und gasige Dnste -- und da war das kleine
Rettungshaus. -- Da war die Tragbahre -- in Glasschrnken alles, was
einem Verunglckten wohltun kann.

Und da war auch schon Doktor Sylvester, der fr alle Flle herbeigeeilt
kam, als er ber den Knall erschrak.

Und zehn Minuten nachher lag auf der Tragbahre, die mitten auf dem
braunblanken Tonestrich des kleinen Raumes stand, der Mann -- gefallen
auf dem Felde der Arbeit -- ein stiller Held, der in ruhigem Mut sich
dahin stellte, wo seine Pflicht ihm das Leben kosten konnte.

Sein Jammern erfllte die Luft und machte der jungen Frau den Herzschlag
fliegen.

Sie weinte und wute nicht einmal, da ihr die Trnen aus den Augen
liefen und da sie sich zuweilen mechanisch mit dem Handrcken
abwischte, um klarer zu sehen.

Mit raschen, gehorsamen Hnden folgte sie den Anweisungen Sylvesters --
ihr Frauengefhl, die sanfte Sicherheit ihrer Bewegungen waren gute
Dienerinnen. Und Sylvester, mit dem Schmi ber die Wange bis zum
Mundwinkel hinein, sah verchtlicher und grollender aus als je -- seine
Stirn war gefaltet -- seine Finger zart, wie die eines schonenden
Weibes.

Und sie schnitten dem Verunglckten die Kleider vom Leibe, und von dem
nackten beruten Krper stieg der furchtbare Geruch verbrannten
Fleisches auf.--

Dann kniete Klara neben der Bahre -- und als der Arzt begann, mit
lindernden Mitteln, antiseptischen Watten und schleierdnnen Bandagen
die Beine und Schenkel zu behandeln, umfaten die beiden feinen
Frauenhnde manchmal die zwei krampfhaft geballten schwarzen
Arbeiterfuste.

Das heisere, brllende Schreien des Mannes wurde matter -- er mochte die
Wohltat des Verbandes spren -- und vielleicht kam die Schwche -- jene
Grenze der uersten Leiden war erreicht, wo die Nerven schon leiseste
Milderung erlsend empfinden.

Sein Blick -- sein furchtbarer Blick voll Zorn und Wildheit -- in dem
noch die ungebrochene Wut der Schmerzen loderte, traf den Blick der
jungen Frau.

Und es war, als sprchen sie zusammen.

Aus den dunklen Augen strahlte ein Mitleiden voll himmlischer Kraft.

Und diese junge, weie Stirn war von einem ungeheuren Schmerz gefurcht.

Tief neigte sie sich zu ihm herab -- als wolle sie ihre Seele der seinen
nahe bringen.

Und ihre Seele wollte der seinen viel sagen.

Aber nicht einmal ihre Gedanken konnten sich zu Worten fassen -- in dem
berma der durcheinanderflutenden Gefhle tauchten, gleich
Bruchstcken, einzelne, deutlichere Empfindungen auf...

Ich leide mit dir -- sieh -- ich hab' mich niemals ber dich erhoben --
hab' nie hochgemut den Reichtum genossen -- ich bin ein einfacher Mensch
wie du -- deine Schwester -- verzeih mir -- verzeih Gott -- verzeih dem
Leben -- verzeih, da du leidest -- du sollst keine Sorgen haben -- sei
tapfer -- bleib mutig--

So stammelte ihr Denken. -- Und sie hob mit aller Kraft ihre gefalteten
Hnde zum Arzt empor -- ohne Worte flehte, fragte sie: er wird leben?

Und Sylvester verstand diese stumme, glhende Frage.

Er sprach fest: Ich hoffe.

Und sein Blick glitt ab, nicht weil er log -- sondern weil die Inbrunst
in diesen Augen, weil das heilige Mitleiden auf diesem Angesicht seine
mnnliche Fassung fast zerbrach.

Und wieder neigte Klara sich ber dieses dstere, halbzerstrte,
chzende Geschpf. Mit leisen, liebevollsten Hnden streichelte sie
seine Schlfen -- strich ihm das nasse Haar aus der Stirn.

Und wieder sprachen ihre Blicke zueinander -- in schrecklicher Klage und
in innigem Trost.

Da bckte sich die junge Frau noch tiefer und kte die berute, von
wilden Schmerzen verzerrte Stirn.

       *       *       *       *       *

Am anderen Ufer, in der friedlichen kleinen Stadt, saen der Hauptmann
von Likowski und sein Oberleutnant und Freund, der Freiherr von Marning,
noch spt zusammen. Die Fenster waren geffnet, und der schwebende Rauch
aus des Hauptmanns Zigarren zog um die Lampe und dann in feinen Streifen
hinaus ins Dunkel der Nacht.

Marning hatte das schlichte Abendbrot des lteren Kameraden geteilt.
Dann saen sie und nahmen eine strategische Aufgabe durch, die Likowski
sich ausgedacht hatte. In der lebhaftesten Meinungsverschiedenheit
stritten sie hin und her. Aber nun war es fr heute genug. Morgen frh
vier Uhr begann eine groe Marschbung. -- Also: gute Nacht--

Ich danke Ihnen, da ich heute abend bei Ihnen sein konnte, sagte
Marning, whrend er seinen Sbel umschnallte.

Na ja, und ich dank' Ihnen, da Sie sich bei mir einluden. Sagen Sie
mal, Marning, was ist das, da wir uns um Vorwnde bemhen, Herrn
Wynfried Severins Aufforderungen auszuweichen? Und obenein mit
Zurhilfenahme von Verschleierungen und Vorspiegelungen. Er mu meinen,
nach der Art unserer Absage, da bei mir 'n groer Kommispekko fr
Unbeweibte stattfindet. Und wir haben blo friedlich zu zweien
fachgesimpelt -- leider Gottes tun wir ja immer nur was Friedliches.

Ich wei auch nicht, was es ist, sprach Marning.

Schade! Ist ja brigens nicht auf unserer Hhe! Nach Vorgefhlen gehen!
Denn was anderes als dies unbestimmte 'Wir mgen ihn nu mal nich' knnen
wir doch nich vorbringen. Er ist ein liebenswrdiger Wirt. Er soll sich
zum fixen Geschftsmann entwickeln. Wir sehen ihn nur in ritterlicher
Art mit Vater und Frau verkehren. Da er acht Jahre lang 'n Lebejngling
war -- nu -- ber so was wchst ja Gras -- -- Und dennoch: nee -- ich
kann nu mal kein Herz zu ihm fassen -- ich trau' ihm nich -- -- Er ist
mir auch zu schn.

Marning htte kaum etwas antworten mgen und knnen. -- Und ihm wurde
auch jede Antwort abgeschnitten. -- Ein Knall -- dunkel und gro -- von
dem Nachklang krachender Gerusche begleitet, zerri die Nachtluft in
Stcke.

Sie sahen sich an -- erschreckt nachhorchend -- ein paar Augenblicke.

Was war das? Wo war das gewesen? In der Stuhrschen Fabrik? In welcher
anderen der vielen industriellen Anlagen hben und drben am Flu? Oder
gar auf Severin Lohmann?

Likowski ri die Tr zu seinem nach hinten hinaus gelegenen Schlafzimmer
auf und strzte ans Fenster. Von dort, ber das Stalldach hinweg, konnte
er das Hochofenwerk sehen. Stand es nicht wie immer, lichtumstrahlt, von
beschienenem Gewlk umzogen, als helldunkles Bild wunderbar vor dem
schwarzen Nachthimmel?

Nein, nicht wie immer -- da stiegen weie Wolken -- kochte Dampf auf.

Ein Unglck. Rasch, Marning -- den zweiten Zug alarmieren -- der
dritte soll sich bereit halten...

Der Ruf: Vollert -- Vollert! donnerte durch das Haus. Der Bursche
polterte aber schon gerade die Holztreppe von seiner Dachkammer herab.

Sie griffen nach ihren Mtzen und liefen.

Unten streckte sich ein altes, graues Frauenkpfchen aus der Trspalte,
und man sah eine weibekleidete Schulter.

Aber da war nun keine Zeit zu neugierigen und errternden Gesprchen.

Ich glaube nicht, sagte Marning im Laufen, da sie uns drben
brauchen. -- Die abgelste Belegschaft tritt ja ein -- wenn wirklich was
los ist -- aber immerzu--

Nun -- anbieten mssen wir's--

Sie rannten fast Hornmarck um, den der Knall vom Schreibtisch
aufgeschreckt hatte, wo er seine Gefhlszweifel in Verse go und sich
mit Edith und Finchen in leidenschaftlichen Strophen auseinandersetzte.

Sie -- Hornmarck -- den zweiten Zug alarmieren -- der dritte soll sich
bereit halten. -- Laufschritt zur Fhre -- drben ebenso nach 'Severin
Lohmann' -- immer zwei Gruppen auf einmal bersetzen lassen. -- Die
beiden Mann der letzten Rotte hben und drben postieren -- zum
Nachrichtendienst. ---- Wir laufen voraus...

Likowski und Marning eilten die schrge Strae hinab, die zur Fhre
fhrte. Das Leben, das schon schlafen gegangen war, erwachte wieder.
Einzelne Mnner erschienen in den Tren. Aber sie sagten, es sei wohl
nichts Besonderes. Da war auch der Fhrmann, in Pantoffeln und nur in
Hosen und dem blauen Hemd.

Aber da half ihm nun nichts: Likowski htte ihn mitgeschleppt, wre er
selbst noch kmmerlicher bekleidet gewesen. Und Srensens mrrischer
Einwand: Herrjes -- in Bxen? half ihm nicht.

Wat -- Bxen! Is ja Sommertid -- man to -- man to!

Sie standen voll Ungeduld im groen, schweren Kahn, whrend die eiserne
Kette klirrte. Nun warf Srensen sie hinein, da es krachte, und fuhr
los.

ber den Flu, der von schwarzblanker Tinte schien, schaukelten sie. Der
dunkle Himmel der Sommernacht spannte sich in unermelicher Weite. Alle
Ferne war in Finsternis versunken. Aber die Nhe zeigte ihr Bild in
groen Zgen. Das Lichtgeflimmer des Hochofenwerks spiegelte sich in der
Flut; vor dem mchtigen Hintergrund quoll weier Dampf in die Hhe.

Sie schwiegen.

Nun waren sie drben. Sie hatten schon whrend der berfahrt gesehen:
weder die Klara noch das Motorboot lagen an ihren Bojen. Also das
junge Paar war von der Segelpartie noch nicht zurck.

Gottlob! dachte Stephan. -- So brauchte er der Einen nicht zu
begegnen, die er mied, wenn er es ohne Aufsehen konnte.

Sie nahmen immer zwei Stufen auf einmal. In den Hainbuchenhecken, die
die Treppe begleiteten, raschelte ein wenig Wind. Da, vor ihnen, lag nun
das Herrenhaus. Ganz wenig Fenster zeigten sich erhellt. Vorbei -- im
Laufschritt. -- Aber wie denn? Vor dem Gitter, das Park und Vorgarten
von der Strae schied, stand der Fahrstuhl. Der alte Herr sa darin --
neben ihm stand Leupold Wache.

Herr Geheimrat! rief Likowski perplex.

Das mchtige Haupt mit den blitzenden Augen wandte sich um und ihm zu.
Er hatte in die Richtung gestarrt, wo der Palisadenzaun um Severin
Lohmann begann.

Ja, sagte er vor Zorn fast heiser, angebunden. -- Und dieser Kerl
weigert sich, mich hinzufahren! -- Mich zu verlassen! Mir meine Tochter
zu holen -- und das Schaf -- der Georg, der findet sie nicht----

Leupold nahm den Kerl nicht bel. Er sagte nur kurz: Wie kann und
darf ich Herrn Geheimrat verlassen?

Ihre Tochter? fragte Likowski. Nicht mitgesegelt?!

Sie ist drben -- Georg luft her und hin und kann sie nicht finden--

Was ist los? -- Der zweite Zug meiner Kompanie kann bald zur Hilfe hier
sein. -- Soldaten knnen Sie haben, so viel da sind...

Oh -- unntig! wehrte der Geheimrat ab. Ihre Soldaten knnen uns
nichts nutzen -- danke -- danke -- was los ist? Durchbruch! Ein Mann
verunglckt. -- Und Schaden -- schwerer Schaden -- Produktionsminderung
auf zwei, drei Wochen -- ich wei noch nichts Genaues.

Er sah den atemlosen Georg heranrasen -- zum drittenmal.

Welche sagen, die gndige Frau sei bei dem Verunglckten -- da darf ich
nicht 'rein.

Marning, flehte der alte Herr, holen Sie mir meine Tochter...

Stephan salutierte gehorsam. -- Er konnte nichts sagen. Er ging.

Likowski kam sich ein wenig blamiert vor. Tatkrftig hatte er Retter und
Helfer aufgeboten, und nun waren sie nicht einmal gewnscht.

Darf ich sofort telephonieren? Hornmarck rckt sonst mit den Leuten an
-- vielleicht halt' ich sie noch auf--

Der Geheimrat nickte, sah aber dem davonschreitenden Marning nach,
whrend der Hauptmann, diensteifrig und strahlend von Georg, seinem
frheren Burschen, gefolgt, ins Haus ging.

Stephan kam an das groe Eingangstor, darber auf breitem Blechband in
schwarzen Buchstaben der wuchtige Name stand.

Er kannte hier alles genau -- oft und oft war er hier umhergegangen --
allein -- mit dem Generaldirektor -- mit einem der Ingenieure oder der
Chemiker. Sein Interesse war unersttlich, sein Verstndnis ein so
rasches, als habe seine ganze Intelligenz sich von jeher darauf
vorbereitet, diesen Stoff aufzunehmen. Wie es vielleicht immer ist, wenn
Menschen von ihren berkommenen Bahnen aus pltzlich den Blick gewinnen
auf ein Gebiet, dahin sie sich berufen gefhlt haben wrden, wenn sie es
gekannt htten.

Heute aber war das Bild doch verndert. Nicht all der zischende
Wasserdampf zog gleich frei hinauf zur Hhe -- viel von diesem weien
Gewlk schlich sich um die Eisentrger, unter den Bahnen und Rohren,
zwischen den Bauten hin. Der starke Feuerschein, vom beschdigten Ofen
her, glnzte unheimlich ber das Gelnde hin.

Er wute auch, wo die Rettungsstation war. Wenn die junge Frau dem
Verunglckten beistand, mute sie dort sein.

Vor der Tr traf er vier Mnner. Sie warteten in bedrcktem Schweigen,
mit finsteren Mienen. Das Mitleid fra an ihnen und das Bewutsein von
der Bedrohlichkeit ihrer Arbeit.

Wir sollen ihn 'rber bringen, sagten sie.

In der Kolonie Severinshof gab es doch das kleine Krankenhaus mit den
vollkommenen Einrichtungen.

Stephan zauderte -- durfte er eintreten? Er fhlte: ja! Nicht nur, weil
die Bitte des alten Herrn ihn trieb. Er war Offizier. Es lag ihm im
Blute, sich nach einem Gefallenen liebevoll umzutun.

Er ffnete die Tr.

Und er und die finster wartenden Mnner sahen es alle: -- Da drinnen
kniete eine junge Frau und kte die berute, schmerzverzerrte Stirn des
Verunglckten.----

So, sagte Doktor Sylvester, nu fat an -- aber leise, -- leise --
schwebt sozusagen -- geht auf Eiern. -- Schwester Ludmilla hat schon
telephoniert -- alles bereit drben.

Der Verunglckte schlo die Augen, sein Wimmern zitterte zwischen
zusammengebissenen Zhnen hervor...

Und wie die vier schwer tragenden Mnner mit ihrer dsteren Last
davonschritten, stand Klara und lehnte ihre Stirn gegen die
zusammengepreten Hnde an der hellen Wand.

Drauen packte Doktor Sylvester, ehe er der Tragbahre folgte, den Arm
Stephans.

Er raunte: Ich will Ihnen mal was sagen -- es gibt noch edle Frauen! --
Und den Mann mach' ich gesund -- wenn Gott uns nich ganz verlt -- dem
Tode aus 'm Rachen rei' ich ihn. -- Ja...

Stephan trat ber die Schwelle. Gefat und erhoben.

Edle Frau, dachte er -- edle Frau--

Sie hrte ein Gerusch -- sie hatte gedacht, sie sei nun allein. -- Sie
brauchte ein paar Minuten der Sammlung. Der Schreck, das Entsetzen --
das Geheul des armen Menschen -- und der betubende Geruch -- Jodoform
-- verbranntes Fleisch -- furchtbar! -- Sie war wie benommen. -- Von der
Nhe des Mannes hatte sie keine Ahnung. -- Nun schreckte ein Schritt sie
auf, der hinter ihr anhielt. Sie lste sich von der Wand, an der sie
Halt gesucht. Sie wandte sich um, in einer mden Bewegung.

Und erschrak -- und erglhte.--

Sie starrten einander an. -- Auch er von ihrem Schreck ergriffen.----

Sie faten sich ... Mit all ihrer Kraft.

Gndige Frau, sprach er sehr frmlich, Ihr Herr Schwiegervater
beauftragt mich, Sie heimzugeleiten.

Danke, sagte sie mit kaum hrbarer Stimme -- wie eine Zerstreute war
sie, die nicht recht bei ihren Worten ist; danke -- ja -- Vater--

Er war in groer Angst um Sie.

O -- keine Ursache -- gar keine...

Sie ging auf die Tr zu. Hielt sich am Pfosten. Raffte sich abermals auf
und schritt hinaus. -- Er folgte ihr. -- Drauen waren ein paar Leute --
sie wichen ehrerbietig zurck.

Und wie sie so dahinging, mit unsicheren Fen, schwankend, im
beschmutzten weien Kleid, an dem kein Schmuck, kein Zierat auffiel --
das Haar zerzaust -- das Gesicht bleich, von der Erregung mit scharfen
Linien durchzeichnet -- da htte man sie wohl eher fr das Weib des
Verunglckten halten knnen als fr die Herrin dieses Werkes.

Und die von den Arbeitern, die sie sahen, fhlten es: der Schlag, der
einen von den Ihren hingestreckt, der hatte auch diese junge Frau
mitbetroffen.

Und deshalb sahen sie sie mit tiefen Blicken an...

Ich darf Ihnen meinen Arm geben, sprach er. Sie knnen ja kaum...

Eine Minute... flsterte Klara.

Nein, so nicht vor den Vater treten -- er wrde sich entsetzen. --
Fassung -- Haltung...

Eine Minute, sagte sie noch einmal.

Und an seinem Arm ging sie ein paar Schritte in den Knickweg hinein, der
auf die Strae mndete.--

Da, zwischen den ragenden Wnden der hohen Bsche, die ineinander
verflochten, vom Gerank des Caprifoliums durchwirkt, auf den Erdwllen
sich hinzogen -- da war Ruhe. -- Die Sommernacht wohnte hier -- und die
schwarzblaue Hhe droben ber allem Irdischen trstete. -- Vom Werk her
kam ein blasser Schein. -- Sie konnten einander deutlich erkennen --
jeden Zug der Angesichter.

Sie strich sich ber die Augen -- mit schwerer Hand.

Dann hob sie den Blick zu ihm ... Sie sahen sich an -- lange.

Und langsam kam das Entsetzen ber sie.

Nein... stammelte das junge Weib -- nein ... nein!

Und sie streckte ihre Hand abwehrend gegen ihn aus...

Nicht wissen, was in der eigenen Seele gleich wahnwitzigem Glck, gleich
rasender Verzweiflung aufging. -- Nicht wissen, nicht hren, was die
seine betubte...

Stark daran vorber!--

Eine Frage, sprach er leise -- kaum seiner Stimme mchtig -- eine
Frage! -- Ich gehe von hier -- sobald ich kann -- aber eine Wahrheit mu
ich hren! -- Sagen Sie es mir -- geben Sie mir dies Wissen mit ...
Warum haben Sie ihn geheiratet--

Und sie fhlte: er war der einzige Mensch auf der Welt, der diese Frage
an sie stellen durfte -- er der einzige, dem sie Antwort geben mute.

Sie fate sich.

Aus Dankbarkeit! sprach sie klar. Nicht weil der reiche Mann mir zehn
Jahre lang Unterhalt und Bildung gab. -- Nein. -- Er hat mehr an uns
getan. -- Er hat meine Mutter geliebt -- und vor ihrer Wrde seine
Leidenschaft bezwungen -- mein Vater hat sein Vertrauen verraten -- ihn
um Hunderttausende geschdigt -- sich erschossen. -- Und er hat den
Schimpf vom Grabe meines Vaters und die Schande vom Leben meiner Mutter
ferngehalten ... Deshalb bin ich seines Sohnes Frau geworden...

Er hrte -- und ber sein bleiches Gesicht ging eine tiefe Bewegung.

Edle Frau! sagten seine Gedanken wieder, edle Frau-- ein
halbbewutes Echo der Worte, die ein anderer gesprochen.----

Nun konnte er gehen -- hinaus in ein einsames Mannesleben voll
Entsagungen.

Aber er nahm ein reines Bild mit.

Dennoch -- er war ein Mensch -- ein junger Mann -- und die starke Liebe,
die sein Herz erschtterte, rang um ein wenig Hoffnung...

Ehen lassen sich lsen--

Vom Werk her kamen die tausend Stimmen der Arbeit. Sie vermengten sich
zu einem dumpfen Getn -- gedmpft, zuweilen fast sanft.

Die junge Frau horchte -- hob ein wenig ihr Haupt -- als wolle sie mit
allen Sinnen diesen Klang aufnehmen. War es nicht, als sei es eigentlich
die Stimme des alten Mannes, der sie liebte und ihr vertraute? Redete er
ihr raunend zu: Verla uns nicht mit deinem Herzen! Nicht mich, der
dies Werk schuf, nicht deinen Sohn, der es einmal lenken soll--?
Zitterte in den brausenden Dmpfen ein Ruf mit, der an ihren Mut erging?
Klang in all dem Krachen und Stoen und Rasseln, das vereint und
gemildert herberkam, nicht ein stolzer Rhythmus? Umschmeichelte es sie
nicht wie ein trstliches Lied?

Sie erbebte. Und ihre Seele sagte den mahnenden Stimmen: ich hre -- ich
hre...

Da sie schwieg, sprach er es noch einmal aus: Ehen lassen sich
lsen--

Die meine nicht und nie! sprach Klara. -- Und ihre Fassung wollte
zerbrechen...

Ich wute, was ich tat. -- Liebe vielleicht kann enden. -- Aber Pflicht
nie -- wenn sie allein der Inhalt einer Ehe war und ist -- und -- immer
sein wird. -- Und ich will eher sterben, als da ich meinen Vater
verliee und mein Kind...

Sie schluchzte auf ... Sie streckte ihm die Hand hin.--

Er begriff, es hie: Lebewohl!

Er nahm die Hand und hielt sie lange.

So standen sie im Helldunkel der Sommernacht.

Und sie gaben einander durch diesen festen Hndedruck den Mut und die
Wrde, in Reinheit zu entsagen.

Dann lste sie ihre Hand aus der seinen -- schonend -- leise.

Und er ging.----

Einige Minuten spter schritt Klara mit mden Fen langsam die Strae
dahin, zurck nach dem Hause.

Der Hauptmann von Likowski begegnete ihr. Er war erstaunt.

Da schickt der Herr den Jochen hin, zitierte er. Wo ist der Marning,
der Sie suchen soll? Und hier bin ich, der Sie und Marning holen soll.
Der alte Herr is was nervs -- o jeh. -- Na und Sie, Frau Klara...

Er griff zu. Ihm schien denn doch, als sei sie zu unsicher auf den Fen
und gleiche einer Nachtwandlerin.

In seiner vterlichen Art legte er einfach ihren Arm in den seinen ...
Sie konnte nur schweigen.--

Wir haben den alten Herrn ins Haus gekriegt -- ich hab' einfach selbst
den Stuhl geschoben. -- Na, wenn er Sie nur erst mit heilen Gliedmaen
wiedersieht--

Ja, da war er dann auch ruhig -- er streichelte Klaras Hand und sah sie
an und fand ihr Gesicht bla und scharf. -- Aber er schalt nicht. -- Er
dachte sich wohl, was ihr Gemt erschttert hatte. -- Auch ihm, dem
Manne, erbebte das Herz, wenn ein Arbeiter erschlagen ward von der
Riesenfaust des Eisens und des Feuers.

Mein Kind! sagte er nur zrtlich, mein Kind!

Und dann fragte er noch: Wird er leben bleiben?

Sylvester hofft es.

Ist es ein Verheirateter von Severinshof?

Klara wute es nicht.

Da mischte sich Leupold ein, der mit den Hnden am Griff des Fahrstuhls
bereit stand, um seinen Herrn in den Lift zu schieben.

Nein. Georg hat gehrt, er heit Judereit und sei ein wilder Kerl--

Mchte er gerettet werden, sprach der alte Herr leise vor sich hin.

Aber nun wollte er zur Ruhe. -- Was? Gerade schlug die Uhr auf der
Diele. -- Einen Schlag? Dunkel und volltnig? Halb eins! Wo blieb nur
Wynfried?

Likowski verabschiedete sich. Und er sagte, er msse doch zunchst noch
seinen verlorengegangenen Oberleutnant aufgabeln. Und wettete, da der,
wieder vom Werk hypnotisiert, sich nicht trennen knne.--

Wie sehnte die junge Frau sich nach Einsamkeit.

Und ganz merkwrdig ging es ihr kurz durch die Gedanken -- wie ein
Erstaunen: ich bin ja nie allein. -- Ihr Eigenleben war wie erdrckt und
verdrngt von dem Leben um sie herum...

Gute Nacht, Vater!

Sie neigte sich zu ihm und kte seine Stirn, wie jeden Abend.

In ihrem Zimmer hatte sie noch nicht begonnen, ihr Haar zu lsen, als
es klopfte -- sie erschrak. -- Warum? Ihr Mann mute doch endlich
heimkommen.

Darf ich dir noch Gute Nacht sagen, Klara?

Und er trat ein.

Agathe lt dich vielmals gren. Es hat ihr sehr leid getan, da du
nicht mit kamst. Die Fahrt war herrlich. Nur zuletzt starke Flaute. So
wurde es spt, sprach er.

Wie gut, da ich hier blieb. Weit du denn nicht...?

Sie beschftigte sich vertieft mit einer Schatulle, die auf ihrer
Kommode stand.

Fatal. Ja. Wir hrten schon in Travemnde von einem Malheur. --
Durchbruch -- na ja -- ziemlich aufregende Geschichte. -- Und in diesem
Moment Produktionsverminderung, wo wir gerade mit Direktor Malzan morgen
Lieferungen abzuschlieen hofften--

Wie merkwrdig -- das Leben mit all seinem tausendfltigen Inhalt ging
weiter -- wie jeden Tag. -- War es denn nicht ein neues und von Grund
aus erschttertes geworden, seit jenem letzten Blick und Hndedruck?

Wynfried war unruhig -- anders als sonst. Sie begann es zu spren. Seine
Worte liefen so -- als flhen sie am liebsten schnell an dem Schrecken
der Dinge vorbei. Wie begreiflich war es ihr! Ein Menschenleben durch
den Dienst auf dem Werk gefhrdet. -- Aber wie sonderbar -- er wute es
doch wohl nicht -- er sprach so unntig lang und breit von dem Schaden,
den sie hatten -- erwog Zahlen -- ging auf und ab in seinem weiseidenen
Sportkostm, daran nichts farbig war als der schwarz-wei-rote Schlips
des Kaiserlichen Jachtklubs.

Es ist ein Mann sehr schwer verunglckt, sagte sie und schlo den
Deckel der Schatulle, darin sie nichts gesucht hatte, das weit du wohl
noch nicht.

Doch, doch, sprach er, aber es ist zum Glck keiner vom alten Stamm
-- blo Judereit -- ein Wasserpolack -- kenn' den Kerl zufllig -- war
neulich dabei, als er von Thrauf in Person verdonnert wurde -- war in
wahnsinniger Verliebtheit zu dreist gegen ein Mdel von Severinshof
geworden. -- Der Vater hatte sich beschwert. -- Der Judereit wollt' sie
zum Weib -- sie will aber nicht. -- Ja, die Leute haben auch ihre
Romane.

So leidet er tausendfach, sprach sie.

Na nu -- so schroff?

Verzeih. Ich bin zum Umfallen mde. -- Und es war so aufregend...

Also denn gute Nacht.

Und er kte ihr die Hand -- sehr ritterlich -- mit Allren, als sei
hier ein Salon, in dem sich eine feierliche Gesellschaft drnge.--

Als die junge Frau sich endlich in ihrem Bett ausstrecken konnte, war es
ihr wie eine Beglckung.

Allein -- feierliches Dunkel -- khles Leinen um die erschpften
Glieder.

Das tat wohl.

Und denken knnen -- denken!...

Aber ihre Gedanken zerrannen. -- In eherner Gewiheit stand ihr
Schicksal vor ihr.

Aber sie fhlte: es war nicht klein!

Ihr Dasein hingebend, hatte sie groe Dankesschuld abtragen drfen: Der
herrliche Mann, nun ihr Vater, war beglckt -- durch sie, durch seinen
Enkel.

Dies Bewutsein gab Halt und Frieden.

Ihrer Ehe fehlte die Liebe. Aber der Bund war ja nicht aus Liebe
geschlossen. -- Sein Inhalt hie: sittliche Pflichten, Wahrhaftigkeit
-- Treue -- dieser Inhalt war _unumstlich_! -- Die Grnde, um
derenwillen sie sich mit Wynfried verbunden, bestanden fort.

Sie dachte an den anderen Mann.

Nun wute sie es. -- Sie hatte ihn immer geliebt. -- Von jenem ersten
Tage an, da sie im Regen und Sturm zusammen bers Wasser fuhren.

All diese dumpfe Bedrngnis ihres Herzens, all diese geheime Angst -- es
war die Furcht vor dieser Liebe gewesen.

Einen Augenblick wnschte sie: htte ich nie begriffen--!

Aber nein -- nein -- lieber leiden und kmpfen, als auf dies Wissen
verzichten.

Sie sah ihn wieder vor sich, im Helldunkel der Sommernacht.

Nur seine Augen hatten gesprochen.

Und wie ihm seine Ehre und die ihre heilig war! -- Sie fhlte es in
beseligender Erschtterung.

Ihr Herz war erhoben in Dank und Glck.

Wie deutlich erlebte ihr Gedchtnis noch einmal das erste Begegnen.

Da fiel ihr etwas ein. -- Sie drehte das Licht auf. -- Sie glitt aus
ihrem Bette. -- Hinten, tief im Schubfach ihrer Kommode gab es ein
weies Paketchen -- es umschlo eine blaue Mtze und eine beschriebene
Karte. -- Klara wute nun, weshalb sie diese kleinen, geringen Dinge
aufgehoben hatte. -- Und weil sie es wute, durfte sie sie nicht
behalten.

Sie holte sie hervor -- sie ging an den Kamin und knllte Papier und die
Wollhkelei zusammen und warf sie auf den Rost -- ganz hinten an die
Rckwand des Feuerloches.

Da war auch noch die Karte -- sein Name -- wenige, frmliche Zeilen von
seiner Hand.

Klara sah lange diesen teuren Namen an -- las ihn -- als enthielten
diese Buchstaben die Geschichte seines Lebens, ihres Lebens und -- ihrer
Liebe.

Sie hob das Krtchen -- zauderte ein wenig -- und leise, leise hauchte
sie einen Ku auf die Schrift.

Und zerri das kleine Blatt--

Und gleich darauf loderte in der Tiefe des Kamins ein kurzes Feuer auf.

Lebewohl! dachte sie, lebewohl!

Wieder war Dunkelheit um sie. Und sie weinte in ihr Kissen hinein. --
Weinte um einen ihr Toten, der ihr nicht gelebt hatte; um einen ihr
Verlorenen, der ihr nie gehrt.

Aber dennoch war sie zugleich erfllt von einem trstlichen Wissen.

Auch ein Schmerz, wenn keine Schuld ihn belastet, kann ein Glck sein.




9


Der Major im Stabe, der den beiden Kompanien zur Fhrung beigegeben war,
hatte in sehr dringlichen Familienangelegenheiten zu ungewhnlicher Zeit
kurzen Urlaub erbitten mssen, und nun stand dem Hauptmann von Likowski
als dem Rangltesten die Herrschaft zu ber dies Bruchstckchen der
gewaltigen Armee.

Es war Montag, und von Travemnde aus hatten die Jachten ihre Wettfahrt
nach Warnemnde angetreten. Hafen und Meeresbucht lagen verlassen. Das
rauschende Leben vom Sonntag, wo ein internationales Publikum sich in
Travemnde gedrngt, schien verhallt. Auch Likowski hatte mit einem
Kreis von Bekannten teilgenommen; nach einem am Strande und bei der
Kurmusik verbummelten Nachmittag war auf der Kurhausterrasse ausfhrlich
soupiert und getrunken worden. Lbecker Rotwein. Famos! Aber zwei Sorten
Sekt -- deutschen und franzsischen. Vom bel! Denn das konnte Likowski
merkwrdigerweise nie vertragen. Seine Magennerven wollten: entweder,
oder!

Erst auf dem Marsch zur Felddienstbung wurde ihm wieder lichtvoller
unterm Schdel.

Ein Gewitter war gegen Morgen am Himmel entlang gezogen. Aber das kam
noch wieder. Datt kann nich ber Water, sagte der Fhrmann Srensen.
Nach Westen nicht ber die Nordsee und nach Osten nicht ber die
Ostsee. Srensen stellte es sich so vor, als irre Gewittergewlk
pendelnd ber Holstein zwischen zwei Meeren so lange hin und her, bis es
sich irgendwie zur Hhe verkrmelte. Jedenfalls: Khlung war nicht
eingetreten.

Schwer troffen Busch und Grser von Perlen in kristallenem Glanz. Auf
der Landstrae war jede flache Furche ein Kanlchen, jede kleine
Vertiefung eine Lache geworden. Von kruterigen und moosigen Dnsten war
die feuchte Luft gesttigt, und im gebadeten Wald schien sie unbeweglich
zu stehen. Am blauen Himmel trieben da und dort trge und trchtig dicke
Wolken einher -- wei und grau.--

Helm ab! wurde kommandiert, als die Soldaten unter den Wipfeln der
Hohenmeiler Tannen hinstapften. Sie sangen. Munter klang das Marschlied.
-- Nun lag die Felddienstbung schon hinter ihnen. Ehe die ermdende
Luft von der Mittagsonne durchschwelt wurde, wrde man unter Dach und
Fach sein.

Likowski, in Generalfeldmarschallhaltung, ritt gelassen vorne. Neben ihm
der Oberleutnant, der heute auf dem Heimweg auch beritten war. Denn
Likowski wollte seinen zweiten Gaul, eine Neuerwerbung, gern beobachten.
Es war ein Stichelrappe, und er schien schon durch diese seine
Eigenschaft durchaus unkleidsam fr einen Kompaniechef. Bei den
sonstigen vorzglichen Qualitten des Pferdes wollte nun Likowski einmal
sehen, wie er wirke, ob es gehe, ob er ihn lieber gleich weiterverkaufen
msse.

Leutnant Hornmarck marschierte, den Sbel in der mit braunen
Glachandschuhen bekleideten Hand, neben der Kompanie. Mechanisch --
denn nun, da die bung vorbei war, kamen seine geheimen Liebessorgen auf
das dringlichste zurck. Und diese entnervende Gewitterluft im
verregneten Wald machte es ihm zur Gewiheit, da er an seiner
Doppelliebe scheitern und weder Edith noch Finchen erringen werde! Aber
das Drama wrde durch hhere Gewalt bald ein Ende finden! Es gab Krieg!
Diesmal sagte es nicht nur der Hauptmann, sondern ganz Deutschland
frchtete es. -- Er hoffte dann wenigstens das eine, da beide Mdchen
zusammen um ihn weinen und sich im Andenken an seinen Heldentod
vershnen wrden.--

Ja, sprach Likowski zu dem neben ihm Reitenden, selbst der Geheimrat
sagt, es wre fr die Industrie und den Handel zwar furchtbar -- aber
der ewige Druck wr' auch schdigend. -- Und dann besser endlich mal die
Entscheidung. Nun, wir sind bereit! Wie der Kaiser befiehlt und das Volk
will! Ich sage nicht: Siegen oder sterben. Ich sag' nur: Siegen! Merken
Sie wohl, wie mit einem Male das Volk sich wieder nher an uns 'ran
fhlt? Wie es uns interessierter nachsieht? Wie alles vibriert? Man
sprt's an dem Landvolk hier herum. -- Gestern in der Menge war's zu
merken. -- Auf den Dampfern sind die Leute wie toll gewesen. --
'Deutschland, Deutschland ber alles' haben sie gesungen, als die
Schiffe um die 'Hohenzollern' kreisten. -- Ein Jubel zum Kaiser empor!
Er soll ganz erschttert und bla gewesen sein.

Es ist wohl kein Zweifel mehr, gab Marning zu.

Da wir es nun endlich erleben! sagte der Hauptmann bewegt. Seit ich
denken kann, hab' ich davon getrumt. -- Meine Mutter hat mir's, ihrem
Jngsten, eingeimpft: 'Werde ein Held! Deines Vaters, meiner Ahnen
wrdig'. -- Mein Vater hatte das Eiserne erster -- starb an den Folgen
seiner Verwundung -- hat aber doch noch nach dem Kriege, trotz Schmerzen
und Beschwerden, zehn Jahr weiter dienen knnen. -- Dann ging's nicht
mehr, und er siechte langsam hin. -- Meine Mutter hat ihren Vater und
drei ltere Brder verloren Siebzig -- sie war 'ne ganz junge Frau --
ihr erster Junge war unterwegs. -- Ja, wir wissen's -- das kostet unser
Blut! Nun, wir sind Soldaten!

Und ein ruhiger Stolz verschnte sein Gesicht.

Was werden Sie sagen, Likowski, wenn ich nachher mich dienstlich bei
Ihnen melde mit dem Wunsch, da ich um meine Versetzung einkommen will?
sprach Stephan langsam. Er hatte Sonnabend und Sonntag hindurch diese
Frage begrbelt.

Er wute es wie jedermann es wute und las: eine ungeheure Spannung lag
ber Europa, und die Vlker standen Gewehr bei Fu. In einem solchen
Augenblick werden Versetzungen nicht nachgesucht -- nicht leicht
bewilligt. -- Aber es mute sein...

Likowski war starr.

Wa--as...?

Ja, ich will dringlich um meine Versetzung bitten, sprach Marning. Er
war sehr entfrbt -- graubla flog ein Schein ber sein brunliches,
verbranntes Gesicht.

Ich versteh' immer: 'Versetzung!' sprach der Hauptmann, bld tuend.

Bitte, Likowski -- verzeihen Sie mir.

Mensch! Kam'rad! Marning! Freund! Nee -- das is doch Unsinn. --
Verset-- -- -- Aber nee. -- Wieso denn, warum denn? In dieser Zeit noch
obenein!

Es wird mir schwer, Sie zu verlassen, unsere Kompanie. -- Dies
gesammelte Leben in Dienst und Natur und das gewaltige Werk und den
bedeutenden alten Mann da drben. -- Verzeihen Sie mir. -- Es mu sein.
Ich will einen sofort anzutretenden Urlaub nachsuchen und wrde dann,
wenn inzwischen meine Versetzung genehmigt wird, nicht erst hierher
zurckkommen.

Seine Stimme klang gedmpft. Sie war von einer solchen Festigkeit
durchgeistigt, da der Hauptmann wohl sprte: es war Ernst. Aber so
rasch wollte er sich nicht ergeben. Er hatte seinen Oberleutnant noch
ber das Kameradschaftliche hinaus liebgewonnen.

Sehn Sie mal, Marning, begann er, alles Persnliche mu doch in
solcher Zeit hintanstehen. Bedenken Sie: jeden Tag kann der Befehl zur
Mobilmachung kommen.

Ich glaube nicht, da es vor dem September was wird. -- Sie meinten es
doch neulich auch, in der Marine heie es: im Herbst lge es gnstiger
fr uns. Aber wenn auch -- es ist doch fr einen Soldaten gleich, wo und
wann ihn der Ruf trifft -- er hat zu folgen.

Der Hauptmann schttelte den Kopf.

Diese Dringlichkeit, wegzukommen -- nicht mal die Versetzung abwarten --
gleich auf und davon in Urlaub. -- Was war denn los? -- Aber er fragte
nicht. Er sprach nur: Nee hrn Sie mal -- das kann ich nich so gleich
fassen. -- Und dann: Ihr Regiment verlassen! Ihr liebes Regiment -- in
das Sie als junges Kken eingetreten sind. -- Nee Marning--

Das lt sich vielleicht vermeiden. Ich mchte nur die Garnison
wechseln.

Sie waren so gern hier. Sind erst seit anderthalb Jahren -- knapp! --
wann war's doch? Mai vor'm Jahr. -- Und nu wieder weg! Auch ohne die
gespannte Lage und die Aussicht, da es bald losgeht: Sehn Sie mal, hier
mit uns wird sich ja doch bald alles ndern. Die Einheit der Bataillone
soll ja nicht mehr zerrissen sein -- wir sind noch von den wenigen, die
auf zwei Garnisonen verteilt stehen. Da hngen wichtige nderungen in
der Luft. Entweder kommen die zwei Kompanien aus Dassow zu uns oder wir
werden dorthin verlegt--

Es mu sein! sprach Marning mit schwerem Ernst.

Nun schwieg der Hauptmann erst einmal und dachte nach. Es war zu
natrlich, da er seine Gedanken nach irgend welchen begreiflichen
Grnden umherjagen lie. Aber er fand nichts. Ein paar Minuten erwog er
wohl: flieht er vor den zrtlichen, werbenden Blicken der molligen
Baronin? Nein, vor so 'ner gurrenden Taube luft doch ein Mann nicht
weg! Auch frs Abwinken findet ein zartfhlender Mann noch ritterliche
Formen. Ganz abgesehen noch davon, da Agathe, wie er manchmal gemerkt
hatte, in der letzten Zeit recht dringlich mit Wynfried Severin
kokettierte -- offener, als es einem verheirateten Mann gegenber
schicklich schien.

Er mute sich also sagen: wenn Stephan Marning einen solchen Entschlu
gefat hatte und die Grnde dazu verschwieg, so lag Ernstes vor.

Vielleicht kamen da Dinge ins Spiel, die nichts mit den hiesigen
Menschen und Verhltnissen zu tun hatten.

Also -- wenn Marning schwieg, so hie es fr den Kameraden: diskrete
Haltung! Achtung vor seinem Entschlu, der vielleicht ein schwerer war;
keine zudringlichen Fragen.

Was es auch ist, das Sie von hier forttreibt oder von anderswoher ruft:
Sie sagen: es _mu_ sein -- da darf ich nur noch schweigen, sprach er
bekmmert.

Ihre Pferde schritten mit nickenden Kpfen ruhevoll. Munter klang hinter
ihnen der Marschgesang der Soldaten. Der durchfeuchtete Wald stand
regungslos in der schwlen Luft.

Stephan rang mit sich. Der kriegerische Mann an seiner Seite war ihm
teuer geworden. Er wute ja: der litt. Heldenblut kochte ungestm in
seinen Pulsen. Und er durfte nichts sein als ein stiller Vorbereiter,
ein unermdlicher Erzieher! -- Sollte er ihm nicht ein andeutendes Wort
sagen -- da er sich in der Lage befinde, Tapferkeit durch Flucht zu
beweisen -- ja, es gibt auch solche Lagen -- und auch sie fordern
stillen Heldenmut. -- Stephan fhlte: es war unmglich! Jede, die
fernste Andeutung mute Likowski die Wahrheit erraten lassen.--

Unmglich.--

Mit sachlichen und ruhigen Reden erwogen sie, ob wohl Aussicht sei, da
das Kabinett jetzt ein derartiges Gesuch genehmige.--

Nun zogen die Kompanien auf der Landstrae dahin, die als durchntes
Band zwischen begrasten Rainen und regelmig angepflanzten Bumen
dalag.

Zuweilen spritzte das Wasser unter den Pferdehufen auf. Und mit einem
Male stockte das munter-gelassene Marschieren der langen Schlange von
Soldaten. -- Vorn das Pferd des Hauptmanns? Hatte eine Versenkung es
verschlungen? Was war geschehen?

Die Landstrae schien ja stellenweise wie mit Spiegelscherben beworfen
-- so stark gleiten die stechenden Sonnenstrahlen auf den Wasserlachen
und gefllten Furchen. Und eine von diesen seichten breiten Lachen hatte
unter ihrer blinkenden Flche ein vertracktes, tiefes Loch verborgen
gehalten. Da trat der Gaul hinein -- es war ein ganz ungeahntes
Niederbrechen, ein Sturz wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Und es
ri den Reiter mit. ber den Kopf des Pferdes weg wurde er geschleudert.
Im Husch des Geschehens hatte er noch seine Fe aus den Steigbgeln
lsen wollen -- nur dem Linken war's gelungen.

Nun lag er in einer ganz verbogenen, unglckseligen Verschiebung der
Gliedmaen da.

Das war in der Zeitdauer von ein paar Herzschlgen geschehen. -- Schon
strzte alles herzu. -- Stephan schwang sich vom Pferde -- kniete neben
dem Hauptmann -- wollte ihm aufhelfen. -- Hornmarck griff zu -- von der
zweiten Kompanie kamen im Laufschritt die Offiziere -- krftige Fuste
brachten das Pferd in die Hhe -- es war unbeschdigt.

Aber da lag Likowski, und sein frisches Gesicht war wei, seine Lippen
blau, und als er sich rhren wollte, seinen Krper den helfenden Hnden
entgegenbietend, da brach kalter Schwei aus seinen Poren, und in einer
kurzen Ohnmachtsanwandlung sank er zurck. -- Die singenden Tne in
seinen Ohren verstummten aber rasch wieder -- er wute, wo er war -- was
mit ihm war.

Gebrochen! sthnte er. Verflucht -- schndlich...

Und er bi die Zhne zusammen.

Ja, da war kein Zweifel. Der Hauptmann hatte einen Bruch des
Unterschenkels davongetragen.

Mit zornigem Mut lie er das gleich feststellen. -- Seine Lebensgeister
waren alsbald in vollster Energie wach. Er bersah seine Lage.

Und jetzt, sagte er, gerade jetzt!--

Ein solcher seelischer Jammer bebte in seiner Stimme, da es die
Kameraden ergriff. Und Hornmarck, der noch eben ber seinen eigenen
Heldentod vorweg gerhrt gewesen war und schon zwei weinende Mdchen im
Geist untrstlich gesehen, erlaubte sich, zu beschwichtigen: Ach, es
geht schlielich doch nicht los! Wofr er vom Hauptmann einen
flammenden Blick des Zornes erhielt.

Vorsichtig, Kinder! mahnte er dann. Fat mich klug an -- ich mein':
egal, wie weh es tut -- ich mein': vorsichtig -- da die Sache nicht
schlimmer wird--

Und dann richtete er sich an Marning.

Mir ist so: das kann kein komplizierter Bruch sein -- Und wenn's ein
simpler ist -- was? Der heilt schnell?

In vier Wochen, sagte Hornmarck in nicht umzubringender Naseweisheit,
geradezu mtterlich.

Stephan fertigte eine Ordonnanz ab, sie sprengte auf dem zweiten Pferde
Likowskis davon. Die Kompanien setzten ihren Marsch fort. Aber sie
sangen nicht mehr. Bald war nur noch eine kleine Gruppe auf der
Landstrae: der Hauptmann, mit einem zusammengelegten Soldatenrock als
Kissen unterm Haupt -- Stephan als Wache und Pfleger -- ein paar
Soldaten, davon der eine in Hemdrmeln. Und die Soldaten schwrmten aus,
um von der Waldgrenze groe Zweige zu holen, mit denen sie ber dem
Gestrzten ein kleines Kopfdach improvisieren wollten. Denn die Sonne
brannte durch die feuchte Schwle, und es war gerade, als ob die
schweren Wolken am Himmel vorsichtig vermieden, die grelle Scheibe zu
bedecken.

Hier lieg' ich nun, als die Karikatur eines Helden. Die ganze Szene
Karikatur -- sieht 'n bichen nach Schlachtfeldgrenze aus -- ist blo
'ne Albernheit!

Stephan hatte als Fahnenjunker einmal den linken Schulterknochen
gebrochen, und er wute: es tut verflucht weh! Auch ein Mann kann da
wohl die Zhne zusammenbeien. Aber er sah wohl, nach der allerersten
kurzen Anwandlung, die ihn berrascht hatte wie ein berfall aus dem
Hinterhalt, war bei Likowski die Wut und der Hohn grer als aller
Schmerz.

Wissen Sie, fuhr er aufgeregt fort, wenn's nun losgeht und ich lieg'
da -- ich schie' mir -- bei Gott -- ich schie' mir 'ne Kugel durch 'n
Kopf!

Aber bitte! Lieber Likowski! Wenn es wirklich bald zur Mobilmachung
kommt -- dann folgen Sie uns in einigen Wochen nach--

In einigen Wochen?! In vierzehn Tagen will ich wieder zu Pferde
sitzen. -- Und wenn ihr mich 'raufheben und anschnallen mt. -- Die
besten Chirurgen her. -- Sylvester von drben und unser Kommiskulap --
das ist mir nich genug -- in Lbeck soll's ja 'n groen Professor geben
-- her mit ihm.

Ich habe der Ordonnanz schon aus eigener Machtvollkommenheit Befehl
gegeben, nach Lbeck zu telephonieren, sagte Stephan, beruhigen Sie
sich doch bitte!

Ja, ja, ich will ruhig sein. Das ist vernnftiger! Aber wenn ich nicht
in vierzehn Tagen wieder zu Pferde sitzen kann, erklr' ich alle rzte
fr Charlatans.

Stephan sah wohl: der Schmerz, der bezwungen werden sollte, setzte sich
in Aufregung um. Es hie beschwichtigen.

Man leistet ja heute Fabelhaftes! Ich bin sicher, Sie knnen in
vierzehn Tagen reiten -- wenn vielleicht auch noch nicht allein
aufsitzen.

Nicht wahr? Man leistet Fabelhaftes! Aber, Marning -- Ihre Versetzung
... Ihr Urlaub ... Sie mssen nun doch die Kompanie fhren -- bis ich
selbst wieder so weit bin!

Es versteht sich von selbst, sprach Stephan mit fester Stimme, da
ich keine Schritte tue, bevor Sie wieder dienstfhig sind.

Sein Gesicht war verschlossen -- sein Blick in die Ferne gerichtet --
ernst und fest.

Der hat was Schweres -- was Groes, dachte Likowski, und macht es
still mit sich ab.

Wie schwer wohl! -- Wenn's nicht mal einer treuen Kameradenseele
anvertraut werden durfte...

Da er eine unwillkrliche Bewegung gemacht hatte, zerri ein
aufzuckender Schmerz seine Gedanken.

Donnerwetter! fluchte er. Wo bleibt denn die Bande?

Es ist einfach unmglich, da schon Hilfe hier sein kann.

Und ich wlze mich im Dreck der Landstrae...

Die vier Soldaten versuchten vergebens, mit den belaubten Zweigen, die
sie herbeigeschleppt hatten, einen Baldachin zu bauen. Die Landstrae
war nur obenauf feucht -- ihr festgestampfter Bau nicht erweicht, und
man konnte unmglich diese schwankenden, schief abgebrochenen ste in
den Boden stecken.

Nun versuchten die Leute dem Daliegenden die Fliegen ab- und Khlung
zuzuwedeln.

Nee -- nee, Kinder -- das nu nich -- hier is nich Finale erster Akt
Lohengrin -- setzt euch da hin -- man immer mitten 'rin ins patschnasse
Gras -- vielleicht sind eure Sitzbden wasserdicht. -- So -- nu --
Donnerwetter...

Die Soldaten grinsten und hockten sich am diesseitigen Rande des
Chausseegrabens nieder. Stephan setzte sich auf den Meilenstein, der
gerade dicht neben der Unglcksstelle stand. So warteten sie.

Aber Likowski war in dieser Lage nicht der Mann, still zu warten.

Er ri sich mit der Rechten das Taschentuch herab, das Stephan ihm ber
Kopf und Stirn gelegt, zum Schutz vor Sonne und Fliegen.

Wenn es _doch_ nicht in vierzehn Tagen heilte! Und wenn noch in dieser
Woche -- in der nchsten vielleicht -- die Mobilmachung begnne! Das
machte ihn toll.--

Auf eins bin ich gespannt: wird es eine Mnnerschlacht oder eine
Maschinenschlacht werden? sagte er.

Ich glaube, meinte Stephan, da man groe berraschungen erleben
wird, und da im letzten Grunde jeder Krieg eine Mnnerschlacht sein
mu und wird. -- Die Seele wird irgendwie ihr Recht behalten -- Mut,
Tapferkeit, Besonnenheit. Der #Furor teutonicus# -- ja mein Gott -- ist
ein Krieg denkbar, ohne da all das aufflammt? Wir stehen vor Rtseln --
ich will selbst zugeben: vor scheinbar unlslichen. Und dennoch: im
letzten Ende wird es nicht auf die Maschinen, sondern auf den Mann
ankommen -- auf Disziplin und Opfermut und wahnwitzige Tapferkeit. --
Und es wird nicht daran fehlen--

Gott segne Sie, Kamerad, fr diese Ansicht! -- Es sind auch meine
Gedanken. -- Die geben den zhen Mut zur Arbeit--

Herr Hauptmann! schrie einer von den Vieren am Grabenrand. Und die
anderen drei schrien aufspringend dazu: Sie kommen!

In der Perspektive der Chaussee raste was heran -- Der Lazarettwagen --
der Kommiskulap auf Likowskis Stichelrappen.

Na gottlob! sagte der Hauptmann. Und eigentlich erschien ihm dieser
Augenblick schon als Beginn der Heilung.

In der Tat fingen ja jetzt erst die Schwierigkeiten an. Die
provisorische Einschienung, der Rcktransport -- das kostete Mhe und
Zeit. Likowski bestand darauf, in seiner eigenen Wohnung zu liegen. Da
war die alte Doktorin Lamprecht und klagte emsig treppab und treppauf
und lief unntz herum und brachte doch Herzlichkeit und Frsorge mit
sich. Und Likowski war ja an ihre Wieselart gewhnt und kannte ihr
ergebenes Altfrauengemt.

Und dann kam der Professor aus Lbeck und nannte den Bruch bildschn und
geradezu ideal, und Likowski lchelte blo -- wenn auch recht grimmig --
zu den unvermeidlichen Schmerzen. Chloroform verbat er sich schroff.
Endlich lag er dann geradezu hbsch anzusehen da -- groartig
eingeschient -- getragen von dem Glauben, da seine Knochen flink und
glatt wieder zusammenwachsen wrden -- frisch, als sei berhaupt gar
nichts passiert.

Und er neckte die strahlende kleine graue Alte.

Nu mal aus Ihrem Mchenherzen keine Mrdergrube gemacht, Lamprchtige!
Na -- was? So ganz tief inwendig freuen Sie sich doch, mich hier fest zu
haben. So als Ihr kleines Kind! Aber das sag' ich Ihnen gleich: es wird
'ne kurze Freude. Ich stelze Ihnen, im Notfall -- Sie wissen in was fr
einem! -- ganz einfach die Treppen 'runter und weg -- so wie ich da bin!
Das Wasserglas hlt wie Eisen.

Die Alte lchelte selig verlegen -- und wehrte den schndlichen
Verdacht, als freue sie sich, mit vielen Gesten und Worten ab.

Stephan sah: er konnte nun gehen. -- Er kam erst gegen zwei Uhr zu
seinem Essen. Seit dem Morgengrauen hatte er nichts genossen. -- Aber
darauf mu ein Soldatenmagen eingerichtet sein. Nervs berhungert? Das
gab's doch nicht! Und dennoch. Er schob, vielleicht aus solcher
Empfindung heraus, den Teller bald von sich -- er sa und starrte auf
das Tischtuch nieder.

Ja, nun wurde alles anders...

Sein Gemt war schwer.

Er konnte nicht fortgehen. Wie er es sich und einer heigeliebten Frau
schuldig war.

Und sie wrde es hren! Sie wrde sofort den Grund begreifen und da
seine Pflicht ihn hier noch hielt. -- Aber er wute von selbst: sie
hatte das Vertrauen, da er es doch verstehen werde, sie zu meiden!

Sie kannten sich ganz genau -- ohne Worte. -- Ihre Seelen sprachen
zueinander -- ein geheimnisvolles Begreifen war zwischen ihnen --
bertrug sich von einem zum anderen.

Sie waren freinander bestimmt gewesen.

Aber sie war nicht frei! Also fort aus ihren Wegen!

Dem Schicksal als Mann von Ehre begegnen.

Und die Frau ehren, die er liebte!

Sie stand so hoch, da nicht einmal eine Versuchung sie beunruhigen
durfte.

Fort aus ihren Wegen!

Er betete sie an in seinen schmerzlichen, heien Gedanken, weil sie ihn
fortgewiesen.

Ihr ngstliches, verzweifeltes Nein -- nein, womit sie seinen Blicken
abwehrte, hallte immer in ihm nach.

Wunderliches Erleben, das aus einem Nein mehr Segen und Beglckung
strahlen lie als aus jedem hingebenden Wort...

Sie hatte gesagt, ihre Ehe sei unlslich. Zwei lange Nchte voll Qual
und Not grbelte er darber nach.

Er mute ihr Recht geben.

Keine bereilung, kein Liebeswahn hatte sie in die Ehe hineingelockt.

Mit klarem Bewutsein suchte sie in ihrer Ehe kein zrtliches Glck --
sie gab ihr als Ersatz einen wrdigen Inhalt, in sittlichem
Pflichtgefhl.

Gerade diese Ehe, so geschlossen, mute unzerbrechlich sein.

Und nichts durfte der teuren Frau die Erfllung ihrer Pflicht
erschweren! Seine Liebe durfte ihr keinen Kampf und keine Beunruhigung
bringen. Er konnte sie ihr am grten dadurch beweisen, da er still
beiseite ging und fern und einsam litt.

Fort aus ihren Wegen...

Er stand auf. Ging nach seiner Wohnung. -- Er merkte unterwegs: es
tropfte -- jene groen, schweren Tropfen begannen herabzuspielen, die
einen prasselnden Gewitterregen einzuleiten pflegen. -- Und da fuhr auch
ein Blitz nieder. -- Der jhe Schein strich ihm frmlich ber die Augen.
Ein Schlag polterte nach, und dann strzte der dicke Regen hinterdrein,
da die Luft wie von Kristallperlen durchst war. Und nach fnf Minuten
war auch das vorbei. -- Wie ein ganz merkwrdiges, kurzes Aufpochen all
der droben auf der Lauer liegenden Gewalten war das gewesen...

In Stephans Zimmer brtete stumpfe Hitze. Vo hatte die Fenster
geschlossen gehalten. Luft! -- Fenster aufgestoen! -- Die Litewka her.
-- Eine halbe Stunde Ruhe. -- Um vier wieder Dienst.--

Vo meldete: da liege ein Brief.

Stephan hatte ihn nicht bemerkt zwischen all den Bchern und Papieren
auf dem Schreibtisch. Seine Gedanken waren nicht, wie die jener
Menschen, die groe Korrespondenz haben, zuerst auf den Posteingang
gerichtet, wenn er heimkam.

Vo sagte: Georg, des Herrn Hauptmanns frherer Bursche, habe ihn
gebracht.

Stephan sah schon -- das waren die Schriftzge des Geheimrats.

Sofort berfiel ihn Unruhe. Die bloe Ankunft eines Briefes von drben
bewies ja, da die Fden sich schwer zerreien lieen -- ja, da sie gar
nicht zerrissen werden konnten, ohne da Aufsehen entstehe.

Er besah die Aufschrift. Schon in diesen groen, steilen Buchstaben
sprte man die Herrscherhand, die sie hingesetzt:

Stephan Freiherrn von Marning, Oberleutnant im Infanterieregiment
Groherzog Paul.

Und als er las, wuchs seine Unruhe.

Lieber Marning! Ich mchte mit Ihnen sprechen. Fr Sie vielleicht
Wichtiges. Besuchen Sie mich heute gegen Abend. Wenn Sie zum Essen
bleiben knnen, freut es uns. Welcher Plural aber nicht meinen Sohn
miteinschliet. Er ist verreist. Telephonieren Sie, ob ich Sie erwarten
darf. Freundschaftlich der Ihre Severin Lohmann.

Es war ihm sogleich klar, da er dieser geforderten Unterredung nicht
aus dem Wege gehen knne. Und ebenso gewi wute er, da es ihm
unmglich sein werde, mit diesen beiden Menschen im engsten Kreis
traulich zusammen am Abendtisch zu sitzen. Sich bezwingen in Blick und
Wort, steif, fremd tun -- vor den durchdringenden Augen dieses Mannes!
Das holde, sanfte Glck genieen, die geliebte Frau in ihrer
tchterlichen Frsorge um den Vater zu sehen. -- Ihr Wesen war heiterer,
offener, bezaubernder, wenn ihr Gatte nicht neben ihr stand -- wenn all
ihr Dasein nur dem hilfsbedrftigen alten Mann zu dienen schien. -- Und
sie! Wrde sie das ertragen, ihm noch an ihrem Tische zu begegnen? --
Nein!

Er ging hastig auf und ab und dachte nach. -- Sein Dienst -- der
verunglckte Kamerad -- dieser Ruf nach drben...

Vo wartete und stand in seinem weigrauen Leinenanzug stramm.

Er war kein Genie im Telephonieren. Er hatte schon die fabelhaftesten
Bestellungen und Ausknfte in die Welt hinausgesprochen.

Wie nun sein Oberleutnant stillstand und ihn ansah, verhedderten sich
seine Gedanken schon vorweg, und er ahnte Trbes.

Aber in der Tat sah Stephan ihn gar nicht -- er hatte diesen vertieften
Blick, der in die Dinge sich hineinzubohren scheint, whrend er sie gar
nicht bemerkt.

Pltzlich wute er, wie er alles einrichten konnte. Mit rascher Hand
lie er den Bleistift ber einen Zettel gleiten, und um jedem Irrtum
vorzubeugen, mute Vo den Inhalt laut vorlesen. Er tat es mit seiner
nasalen, breiten, niederschsischen Aussprache. Es berhrte Stephan
eigen, da unfreiwillig humoristisch laut durchs Zimmer klang, was fr
ihn voll geheimer Aufregungen war.

Leupold ans Telephon fordern. Bestellen: Oberleutnant von Marning lasse
vielmals danken. Er werde sich erlauben, um sechs zu kommen. Zum
Abendessen knne er nicht bleiben. Es sei dem Herrn Hauptmann ein Unfall
zugestoen und der Oberleutnant wolle den Abend bei ihm verbringen.

Vo machte kehrt und marschierte zur Tr, als schwenke er in Reih und
Glied im Zuge ab.

Lange noch stand Stephan in schwerem Nachdenken. Aber er war doch voll
Ruhe.

Er wute es: sie wrde es verstehen, ihn nicht zu treffen, wenn er ihr
Haus betrat.

Jede Begegnung wre qulender Schmerz und eine Verhhnung des Abschieds,
den sie in schweigendem Verstehen voneinander genommen.--

Und dann mit einem Male kam die Frage: Was will der alte Herr mit mir?
Wichtiges? Die Unsicherheit regte ihn doch auf.

       *       *       *       *       *

Um dieselbe Zeit etwa, als der Hauptmann an sich erfuhr, da auch der
beste Reiter strzen kann, besuchte Klara ihren Schwiegervater. Er sa
bei offenen Fenstern im Erker, und um seinen mchtigen Ledersessel herum
waren die mechanischen Tische mit Schriftstcken bedeckt. Gerade ging
Lebus, der Sekretr, mit den Stenogrammen, um sie auszuarbeiten. Ehe er
noch die Tr erreichte, rief ihm der Geheimrat nach: Und Georg soll
sofort meinen Brief hinbertragen. -- Ach -- Klara! Mein Kind -- Ich
hab' schon gewartet, wo du bleibst!

Sie kte ihm die Stirn.

Guten Morgen, Vater -- ich wagte nicht, zu stren. Du weit, jetzt geht
der Verunglckte sogar dir vor. Als ich von Severinshof zurckkam,
hattest du schon den Generaldirektor bei dir. Ich hrte eure Stimmen,
als ich eintreten wollte. Und dann wei ich ja -- halb elf kommt Lebus.

Ja. Thrauf kam sofort aus dem Auto zu mir herauf. Hatte den Nachtzug
von Rotterdam nach Hamburg benutzt, wo ja gleich Anschlu ist. Kannst
dir denken, wie bekmmert und rgerlich er war! Durchbruch!
Produktionsstrung! Ein Mann verunglckt! Wie geht es ihm denn?

Sylvester hat heute mehr Hoffnung als gestern. Die Nacht war gut. Und
ich bin bei dem Mdchen gewesen, das der Mann liebt. Ich habe mit ihr
gesprochen. Sie war verlegen und mitleidig. Sie will ihn besuchen und
ihm verzeihen.

Der Geheimrat lchelte.

Du bringst sie noch zusammen.

O nein, sagte Klara, nein -- wie sollte ich das wagen. -- Wenn sie
ihn nicht liebt...

Er hrte die heftige Abwehr in ihren Worten. Sie fhlte selbst: sie
hatte es zu leidenschaftlich gesagt.

Eine kurze Stille, schwer von Inhalt, legte sich ber beide. Klara
wollte diese Befangenheit zerstren.

Ich denke, sagte sie, man wollte Thrauf nichts von dem Vorfall
depeschieren? Es htte ja auch keinen Zweck gehabt. Aber er kam sofort
zu dir herauf? Das sieht doch aus, als wute er schon? ... Ach -- vom
Chauffeur...

Nicht der Chauffeur. -- Denk dir -- von Wynfried!

Von Wynfried? wiederholte sie in groem Erstaunen, der ist doch heute
frh mit der 'Klara' nach Warnemnde gesegelt -- begleitet als Outsider
die Wettfahrt -- wollte doch an Bord bernachten?

Er hatte sich den Sonnabend, trotz des schweren Vorfalls auf dem Werk,
in einer so frhlichen Stimmung gezeigt, wie weder sein Vater noch seine
Frau ihn je gesehen. Am spteren Nachmittag war er mit dem Motorboot
nach Travemnde gefahren, wo ja zurzeit auch die Klara lag. Er wollte
den Bierabend des Jachtklubs mitmachen, der unter dem Vorsitz des
Kaisers stattfand. Vater und Frau fanden es selbstverstndlich. Am
Sonntag vormittag, so war der Plan, sollte die Klara dann die
Wettfahrt in der Lbecker Bucht begleiten, spter dachte Wynfried am
Klubessen im Kurhause teilzunehmen und am Montag frh mit nach
Warnemnde zu kreuzen. Es erschien als das bequemste, von Sonnabend an
Wohnung an Bord zu nehmen, um so mehr, als nun Klara an den Vergngungen
des Sonntags nicht teilnehmen wollte. Auf Wynfrieds Wunsch war sie dazu
entschlossen gewesen; er hatte sich sogar vor einigen Tagen das Kleid
zeigen lassen, in welchem sie bei dem Festdiner erscheinen sollte. Ihr
Hang zur Einfachheit war ihm immer beunruhigend.

Aber nun konnte sie nicht. -- Alles in ihr wehrte sich gegen Fest und
Lrm und Frohsinn. -- Wrden nicht die Augen des Verunglckten ihr immer
zusehen? Diese Augen voll Qual?

Und die Erschtterungen, die durch ihr geheimstes Seelenleben
gegangen?--

Verzeih, bat sie, da ich dich nicht begleite. Wenn du den armen
Judereit in seinem ersten grauenvollen Schmerz gesehen httest, mchtest
du auch nicht. Und ich habe ihm versprochen, ihn dreimal am Tage zu
besuchen.

Du bist sentimental, antwortete Wynfried scherzend, das htt' ich
nicht vermutet. -- Aber wie wird es nun? Ich hatte deine Freundin Agathe
nebst Duenna eingeladen, uns Sonntag vormittag zu begleiten?

Aber Agathe soll sich doch durch mein Fernbleiben nicht stren lassen.
-- Und Frulein von Gerwald ist doch dabei--

Ja, die wahrt immerzu das Dekorum. -- Das ist ihre Mission, ihr Beruf,
ihr Schicksal, lachte Wynfried.

Wie dankbar war Klara, da er keine Verstimmung zeigte. Und sie rhmte
sein liebenswrdiges Wesen vor seinem Vater.

So nahm er fr mehrere Tage Abschied und stellte es als wahrscheinlich
hin, da er von Warnemnde aus noch nach Rgen oder vielleicht nach den
dnischen Inseln hinbersegeln werde.

Und nun hatte der Generaldirektor ihn in Lbeck getroffen, auf dem
Bahnsteig der Hamburger Zge. Der Vater erzhlte, was Thrauf berichtet:
Wynfried habe vorgezogen, im Hotel zu bernachten, und nach einer etwas
allzu spten Sitzung mit Klubfreunden dann die Zeit verschlafen. Das
Gewitter sei dazugekommen -- er habe den schweren Seegang gefrchtet,
etwas verkatert wie er sei, und die Klara allein lossegeln lassen, um
sie nun in Warnemnde wieder zu treffen, wohin er mit der Bahn fahre.

Klara lchelte und meinte: das wirke nicht sehr sportmig...

Der Geheimrat lchelte nicht. Er hatte in Thraufs khlen, klugen Augen
einen besonderen Ausdruck gesehen. Eine ferne, leise Unruhe wollte
aufsteigen: war es vielleicht dem Generaldirektor aus irgend einem
Grunde zweifelhaft, da Wynfried auch wirklich nach Warnemnde fuhr? Es
gibt so lcherlich kleine Umstnde und Zuflle, die verrterisch sind.
Ein Billett, das aus der Hand fllt -- der Fahrplan, der aussagt, da um
diese Zeit gar kein Zug nach dem angegebenen Ziel fhrt ... Aber nein.
-- Was fr trichte Mitrauensgedanken. -- Wozu brauchte Wynfried
Heimlichkeiten? Er konnte kommen und gehen, wann und wohin er wollte. --
Keine Tyrannei, keine Fragen belstigten ihn.

Und er bat in seinen beschmten Gedanken dem Sohn ab, da er immer noch
nicht felsenfest im Glauben an ihn sei.

Ich habe uns zu heute abend einen Gast eingeladen, sagte der Geheimrat
nun. Und auf Klaras fragenden Blick fgte er hinzu: Ja -- Marning.

Sie erschrak. Aber auf dergleichen hatte sie vorbereitet sein mssen --
war es auch, denn sie wute ja, da er seinen Posten nicht sofort
verlassen knne. Da waren Formalitten zu erfllen -- ein Offizier ist
kein freier Mann. Sie wute auch sofort, wie sie ihm ausweichen knne.

Denn es schien ihr wie Entweihung, ihn noch einmal zu sehen.

An das feierliche Lebewohl durfte sich nicht das Nachspiel alltglicher
Begegnungen voll Heuchelei hngen.

Sie sprach, ein wenig stockend: Und ich wollte dich gerade um
Entschuldigung bitten -- ich war so lange nicht bei Agathe -- ich wollte
sie heute am spteren Nachmittag besuchen -- wenn sie mich dann zum
Abendbrot--

Aber Kind! Warum so verlegen, weil du mal einen kleinen eigenen Plan
hast! Wenn dich die Gewitterluft nicht strt -- ich frchte, es gibt
noch was -- wie sticht die Sonne! -- Im Grunde ist es vielleicht ganz
gut, da ich Marning allein habe. -- Mchte viel mit ihm reden reden --
Wichtiges.

Du?! fragte sie. Du -- mit ihm?

Sie sa ganz befangen und verwirrt auf ihrem Stuhl da -- die Hnde um
ihr Knie gefaltet, vorgebeugt -- und dachte immer: Es ist doch schwer.
-- Das mu ich lernen--

Gleichgltig von ihm sprechen.--

Ja, mein Kind, was wirst du sagen: ich will ihn auffordern, ganz zu uns
zu kommen!

Sie fuhr in die Hhe -- stand leichenbla da -- ein Laut brach von ihren
Lippen -- fast ein leiser Schrei.

Das kam zu jh -- darauf hatte sich ihr Herz nicht rsten, sich nicht
vorweg mit Haltung umpanzern knnen.

Und der alte Mann sah sie an -- in einem tiefen Erstaunen, das in eine
langsam heraufdmmernde Angst berging.

Was war das?...

Und nun sagte die junge Frau mit fliegendem Atem und befehlend -- ja
befehlend: Das wirst du nicht tun!

Sie, die Bescheidene, stand da wie eine Herrscherin.

Und was flammte denn in ihren Augen?

Der Alte fhlte sein Herz klopfen. Aber er vermochte doch mit leidlicher
Ruhe zu fragen: Und warum nicht?

Sie antwortete nicht gleich. Sie konnte sich nicht in seine Arme werfen
und sagen: Weil ich ihn liebe -- weil ich es nicht ertragen knnte, ihn
immer, immer sehen zu mssen...

Sie ging mit hastigen Schritten im Zimmer hin und her.

Pltzlich dachte sie: Meine Mutter hat das gleiche getragen!

Wie ein Segen kam der Gedanke ber sie.

Es gelang ihr, sich zu fassen. Sie fhlte: mit der Schwere der Prfung
mute und wrde ihre Tapferkeit wachsen.

Sie begriff, nun hie es: lgen!

Hatte sie sich nicht schon verraten? Die Wahrheit nur zu ahnen, wrde
schon eine zu schwere Last fr das Gemt des alten Mannes werden --
nein, die konnte und sollte er nicht tragen.

Sie auf ihn wlzen, hiee: ihre Tat des Dankes auslschen----

Woher eine Lge nehmen?

Lgen mssen glaubhaft sein -- sonst sind sie noch schlimmer als harte
Wahrheiten.

Wenn ich sagte: Wynfried wird eiferschtig werden, da man einen
solchen Mann zu seinem Mitarbeiter ausbilden will?

Vielleicht war es nicht einmal eine Lge. Klara kannte ja ihren Gatten
gar nicht. Sie kannte einen schnen, immer verbindlichen,
liebenswrdig-freundlichen Mann von angenehmsten Formen und vornehmen
Lebensgewohnheiten, der in den ersten Monaten ihrer Ehe auch in
zrtlichen Aufwallungen sich als Liebender gebrdet hatte. An dem
urteilsfhige Beobachter eine starke und raschbewegliche kaufmnnische
Begabung festgestellt hatten.

Von dem, was an Mglichkeiten im Grunde seines Wesens schlummerte, wute
sie nichts.--

So blitzschnell das alles durch sie hinging -- sie fhlte doch: dies
groe, forschende Auge ruhte wartend auf ihr. Und sie sagte, was ihr
eingefallen war.

Weil Wynfried eiferschtig werden knnte, wenn du einen anderen
heranziehst, der sich mglicherweise zu einem Rivalen heraufarbeiten
kann.

Keine Sorge, sprach der Geheimrat, ich habe Wynfried von meinem
Einfall gesagt -- er ist mir nicht von gestern auf heut gekommen. -- Und
Wynfried ist sehr einverstanden. Der ist froh ber jeden Mitarbeiter,
der ihn entlastet. -- Und wenn Marning nach ein paar Jahren sich so
eingearbeitet htte, da man ihn an eine leitende Stelle setzen kann,
wre niemand zufriedener als Wynfried. Ich mu es einmal aussprechen:
sein Interesse am Werk ist das des Sportmannes. -- Es ist nicht diese
umspannende, ideale Empfindung, die das Volkswirtschaftliche,
Wissenschaftliche, das Kulturelle in unserer Ttigkeit fast noch ber
den Gewinn stellt ... In Marning habe ich ein merkwrdiges Verstndnis,
ja eine Begabung fr all dies erkannt. Denke doch auch, welche
Aussichten fr ihn, der so arm ist...

Sie fhlte, da die groen Augen eine besondere Wachsamkeit behielten --
fhlte sich belauert. Und nahm sich noch fester in die Hand.

Nun -- dann! sagte sie. Und sie dachte: Wie drfte ich ihm zerstren,
was ihn in freiere, grere Verhltnisse bringen kann?

Mochte er entscheiden nach seinem Willen und Wunsch!

Wir werden stark bleiben, dachte sie. Und es war wie ein Schwur!

Aber die forschenden Augen muten ja getuscht werden.

Wie du immerfort voraussorgst, Vater, sagte sie. Manchmal denk' ich,
du bist wie ein Forstmann, der die Setzlinge pflanzt, die erst spteren
Generationen als groe Bume Schatten geben knnen. Wenn wir alle mal
nicht mehr sind, wird dein Enkel als Greis noch sagen: das hat mein
Grovater begonnen.

Ich wei nicht, Klara. Vielleicht ist alles Vorausdenken
Kurzsichtigkeit -- vielleicht sind wir bei unserer Arbeit von Schranken
umgeben, die wir nicht einmal ahnen, weil uns noch die Mglichkeit
fehlt, sie zu erkennen. Dein Sohn vielleicht wird sie spren und
zersprengen. Wer will denn heute sagen, unter welchen Bedingungen mein
Enkel einmal das Eisen aus den Erzen schmilzt! Vielleicht wirft die
Wissenschaft uns bald unsere braven Winderhitzer um und macht die
Geblsemaschinen unntig, mit denen wir den Koks im Hochofen die heie
Luft zublasen, damit sie rascher brennen. Wir wissen ja schon, da wir
dabei als Ballast all den Stickstoff in der Luft mitschleppen.
Vielleicht glckt es schon bald, da wir reinen Sauerstoff verwenden
knnen. Versuche sind schon im Gange. Sie haben ergeben, da die
Leistungsfhigkeit der Hochfen, bei geringerem Koksverbrauch, erheblich
gesteigert wrde. Und der abfallende Stickstoff liee sich dann wieder
zu Salpetersure und Kalkstickstoff fr landwirtschaftliche Zwecke
verwerten.

Er seufzte.

Sieh mein Kind, schlo er melancholisch, wenn ich an all diese
Entwicklungen denke ... Schwer ist es, sich zu sagen: du mut davon. --
Man mchte wissen, wie es weiter wird, welche Wunder noch zu
Selbstverstndlichkeiten werden. In dieser Begierde, zu wissen, die
vielleicht jedem Menschen eingeboren ist, der etwas Phantasie hat, liegt
das Geheimnis des Erfolgs von Bchern, die uns die Zukunft vormalen. Man
scheint beim Lesen in ihr mitzuleben. Merkwrdig schwer, sich
vorzustellen: ich bin einmal nicht mehr dabei. -- Es mu doch wohl so
ein Stck Unsterblichkeitsrecht in uns stecken.

Nun dachte Klara: er ist abgelenkt -- er sucht nicht mehr, weshalb ich
so erschrak...

Er aber dachte: Noch schwerer wre es, fort zu mssen, wenn
Zerstrungen drohen. -- Weshalb entsetzte sie sich so? Was will da an
mein Haus herankommen?...

Bald nach drei Uhr, als eben rasch verprasselnder Gewitterregen mit
einem Blitz und Donnerkrach vorbeigezogen war, kam Leupold mit einer
Bestellung. Marnings Bursche hatte diesmal genau telephoniert.

Klara hrte mit ruhigem Gesicht und sprach: Also kein Gast zum Abend.
-- Sagen Sie meinem Schwiegervater, da ich nur einen kurzen Besuch auf
Lammen machen wrde und ihm beim Abendessen jedenfalls Gesellschaft
leistete. -- Ach -- ja -- und: fragen Sie doch nachher einmal bei Frau
Doktor Lamprecht an, was fr ein Unfall denn das ist, den Herr von
Likowski hatte...

Der Himmel verdsterte sich und ward hell -- dies launische Wetterleben
da oben verhie nichts Gutes. Der besorgte alte Herr lie durch Leupold
noch besonders darauf aufmerksam machen. Aber Klara blieb eigensinnig
dabei: sie habe es sich nun einmal vorgenommen.

Sie wollte nicht im Hause sein, wenn Stephan es betrat -- gerade heute
nicht. -- Eine zufllige Begegnung war mglich, ein Ruf des alten Herrn
konnte sie herbeizwingen. Und heute, wo eine so groe Frage an ihn
herankam, sollte kein Blick von ihr, kein Beben ihrer Stimme zu einem
Einflu werden.--

Halb sechs fingen die Wolken an, ihren Inhalt herabzuschtten. Und als
der alte Herr trotzdem unter seinem Fenster den hellen Warnruf des
Gabrielshorns hrte, hinter dem drein gleich die Hupe ihren dunkeln Laut
ertnen lie, da wute er: Klara fuhr davon!

Seine Stirn runzelte sich. Er dachte wieder an den angstvoll
ausgestoenen Befehl -- sah wieder ihren Schreck und das, was aus ihren
Augen flammte.

Und er fragte sich kaum noch -- er _fhlte_: sie flieht vor diesem
Mann!

Sein Ausdruck wurde gramvoll.--

Und Klara fuhr im Regen. Er sprhte herein und sprengte Tropfen auf ihr
hellgraues Kleid. Sie beachtete es nicht. Sie htte die schwle Luft in
geschlossener Karosserie nicht ertragen.

Zum erstenmal empfand sie die Schnelligkeit des Fahrens als Wohltat fr
die Nerven.

ber die Hochbrcke glitt mit dumpfen Schttern das Auto. Blitzschnell
huschte das Bild des Flusses am Auge vorbei, und eine Sekunde haftete
das blaugraue Band, auf dem eine Schlange dahinkroch, deren Kopf
rauchte: ein Schleppdampfer mit mehreren langen, bedeckten Lastkhnen
hinter sich drein; und der Regen, der sich darauf herniederstrzte.

Die Landschaft flog vorber. Und diese Flucht der Dinge ntigte der
Seele Ruhe auf.--

Klaras Auto bog von der Landstrae ab und in die noch junge Allee
hinein, die zwischen jetzt tropfenden Ebereschen bis an das Portal von
Lammen fhrte.

Aber als man vor diesem stattlichen Portal hielt, ffnete es sich nicht.
Niemand eilte dienstbeflissen herzu. Klara sa und wartete, ihr
Chauffeur lie die Hupe wiederholt rufen.

Endlich zeigte sich im Fenster einer der sonst Blausilbernen in
gestreifter Leinenjacke. Als er erkannte, wer im Auto sa, kam er
herausgerannt.

Frau Baronin wrden gewi sehr bedauern. Die Damen seien heute vormittag
abgereist.

Klara sagte: Abgereist?

Das klang fragend und erstaunt -- whrend sie nur dachte: nun komme ich
zu frh zurck.

Der Diener meinte, nhere Auskunft geben zu mssen. Frmlich
vertrstend setzte er hinzu: Wahrscheinlich nur auf einige Tage. Ich
habe nicht genau verstanden, ob nach Hamburg oder nach Hannover.

Nun, ich spreche ein andermal wieder vor.

Sie hatte sich entschlossen: sie wollte noch nach Pankow. Das dicke
Ehepaar wrde sich vielleicht wundern. -- Gleichgltig. -- Und so
brauste denn das Auto weiter ins Land hinaus, vom Regen begossen, mit
dem kleinen Schweif von Rauch hinter sich.----

In seinem Riesensessel thronend erwartete unterdessen der alte Herr
seinen Besuch. Nicht mit dem freien, wohlwollenden Gefhl des
vterlichen Freundes, der einem ihm sympathischen und von ihm
hochgeachteten jungen Mann eine Lebenswendung zum Unabhngigen anbieten
will. In dieser Stimmung hatte er ihn herberufen. Sie war zerstrt.
Unruhe und Wachsamkeit war an ihre Stelle getreten. Voller Spannung, von
nervser Ungeduld durchzittert fragte er sich: Wird Marning ebenso
erschrecken wie Klara?

Und wenn das geschah, dann mute er die Grnde erfahren -- er mute!

Das Herrische in ihm verband sich mit der heien Liebe zu seiner
Tochter.

Er ertrug keine Unklarheiten vor ihrem Bilde.--

Mit der Pnktlichkeit, die der Geheimrat erwartet hatte, wurde ihm der
Freiherr von Marning gemeldet.

Wie farblos und wie ernst er aussieht, dachte er.

Aber da war ja erst allerlei anderes zu besprechen; der Geheimrat wute
schon: Likowski hatte den linken Unterschenkel gebrochen. Und er sprach
lebhaft davon, wie dem Manne zumute sein msse, in einem Augenblick so
jmmerlich als Opfer eines schikansen Unfalls festgebunden zu liegen,
wo die Kriegsstimmung durch Deutschland fieberte.

Und zwischendurch sah er unruhig nach dem Fenster, denn der Regen nahm
den heftigsten Charakter an und strich schrg und dicht hernieder. Und
er sagte, da es seiner Tochter beigekommen sei, in diesem Wetter
auszufahren.

Ihm entging nicht das Aufblitzen in dem Auge des jungen Mannes.

Stephan dachte: ich habe es gewut!

Und dann erlaubte er sich, daran zu erinnern, da er in wichtiger Sache
hergerufen sei.

Der alte Herr legte seine Hnde auf die breiten Armlehnen und richtete
seinen Kopf gerade auf. Wenn er in dieser Herrscherhaltung zu den tiefer
vor ihm Sitzenden herab sprach und sah, hatte er immer etwas von einem
Richter und Regenten, dessen Willen schwer zu entrinnen sei.

Auch Stephan wurde von dem Gefhl bedrckt, da jetzt ein Reiferer und
Grerer ihn gleichsam in die Hand nehmen wolle -- um mit ihm nach
Befund und Gefallen zu verfahren.

Und da diese Augen bis auf den Grund seines Herzens sehen wrden...

Ich meine, lieber Marning, es kann Ihnen nicht entgangen sein, da ich
herzlich Teil an Ihnen nehme.

Stephan verneigte sich im Sitzen.

Es ist mir nicht entgangen, Herr Geheimrat, sprach er. Schon bei den
gelegentlichen Begegnungen im Hause meiner Verwandten fhlte ich mich
durch die Aufmerksamkeit geehrt, die Sie mir schenkten. Und die gtige
Aufnahme, die ich hier gefunden habe, empfinde ich mit Stolz und Dank.

Wollen Sie mir gestatten, als vterlicher Freund allerlei Fragen an Sie
zu richten?

Wem sollte ich lieber dies Recht einrumen? Ich werde mit Wahrheiten
antworten.

Sie sind mit Ihrem Beruf zufrieden?

Vollkommen, Herr Geheimrat.

Wir, mein Mitarbeiter und Freund Thrauf und ich, glauben beobachtet zu
haben, da Sie auch fr eine Ttigkeit, wie die unsere ist, ein
Verstndnis haben, aus dem man auf Berufung schlieen kann. Denn ein
gewisser Grad von Verstndnis und Interesse lt mit Sicherheit auf
Begabung schlieen -- nicht nur von den Knsten, sondern auch von
wissenschaftlichen und praktischen Berufen darf man das behaupten. Was
meinen Sie?

Gewi, Herr Geheimrat, sprach Stephan offen, ich fhle mich auf das
strkste, ja leidenschaftlich zu all den wunderbar groen Dingen
hingezogen, wie ich sie auf 'Severin Lohmann' kennen lernen durfte. Wie
sich da Wissenschaft, Wagemut, praktischer Erfindungsgeist vereinen, um
die Elemente in den Dienst der Kultur zu zwingen, das ist herrlich. Und
all die volkswirtschaftlichen Bedingtheiten eines solchen Werkes regen
mich unablssig zum Nachdenken an. Man fhlt immerfort: alles ist
lebendige Kraft. Und wie ungeheuer die Verantwortung, die Summe all
dieser Kraft stets in rechter Balance der Bewegung zu erhalten!

Sie htten keine Lust, trotz dieser starken Teilnahme von der Armee zur
Industrie berzugehen?

Wenn ich in meinen Knabentagen, in der Zeit, wo man anfngt, ber den
Beruf nachzudenken, Gelegenheit gehabt htte, in diese Welt des Feuers
und Eisens hineinzusehen, so wrde ich vielleicht meine Eltern gebeten
haben: lat mich Httenchemie studieren.

Er setzte mit einem Lcheln voll Ergebenheit und Verzicht hinzu: Aber
ich bin im Kadettenhaus auferzogen, weil es das Billigste war; ich habe
gar keine Gelegenheit gehabt, nachzudenken ber Berufswahl, weil ich nie
was anderes gewut habe, als: Offizier werden. Und meine Eltern htten
mich auch gar nicht studieren lassen knnen.

Und jetzt?

Jetzt wrde es auch schwer sein, den Rock auszuziehen, den ich liebe!
Wenn es denn endlich losgeht, mchte ich nicht zu Hause bleiben.

Beides lt sich verbinden. Sie brauchten keineswegs zur Landwehr
berzutreten, sondern knnten, wenn Sie alljhrlich eine lngere bung
machen, als Reserveoffizier Ihrem Regiment im Frieden wie im Kriege
angehrig bleiben.

Das wei ich wohl, Herr Geheimrat. Aber ich wei auch, da die groen
Unternehmer schwerlich ihre unteren Angestellten alljhrlich so lange
beurlauben. Und ich knnte doch vorderhand nur immer ein untergeordneter
Angestellter werden, ohne Vorbildung wie ich bin -- wenn ich mir's auch
zutraue, in die Aufgaben hineinzuwachsen.

Der Geheimrat sah ihn nachdenklich an und erwog: wie gehe ich weiter?
Denn er sprte, da Marning gar nicht daran dachte, es handle sich um
Severin Lohmann.

Nun, sprach er, die Unternehmer denken verschieden. Und warum nicht
gleich mit der ntigen Vorbildung hineinkommen? Ein Jahr auf der
Hochschule in Charlottenburg Httenchemie studieren -- sich dann noch
ein halbes Jahr praktisch umtun -- das wre schon Vorbildung, die Sie
natrlich nicht sofort fr eine direktoriale Stellung reif machte, aber
doch, bei Ihrer Intelligenz und Ihrem Pflichtgefhl, Ihrem Ehrgeiz, Sie
von vornherein in die obere Laufbahn brchte.

Herr Geheimrat, sagte Stephan mit ernstem, entschlossenem Ton, ich
habe mich durch hnliche Erwgungen schon manchesmal in Versuchung
gefhlt. Ich mu aber darauf verzichten, den verlockenden Weg zu
beschreiten. Es wre bei meiner beraus bescheidenen Vermgenslage ein
Wagnis, das ich nicht unternehmen darf. Wenn ich fr das Studium und
eine kurze Volontrzeit von meinem sehr kleinen Erbteil das
Erforderliche opfere, und ich finde nachher keine Stellung, so gerate
ich in eine schwere Lage. Ich habe keine Beziehungen zum Hause Krupp
oder anderen Husern. Und wenn mir auch diese Unterredung den mutvollen
Gedanken geben darf, da ich auf Ihre Empfehlung wrde rechnen knnen --
eine Sicherheit wre mir damit nicht gegeben. -- Und so mu ich
verzichten.

Ganz langsam fragte der alte Herr und sah ihm gerade in die Augen: Wie
viel Zulage haben Sie?

Und mit freiem Blick, stolz und einfach antwortete Stephan: Sechzig
Mark, Herr Geheimrat.

Schulden?

Nein, Herr Geheimrat. Auch keine Kleiderschulden. Ich habe von Anfang
an beim Offiziersverein immer bar bezahlt und zwlf Prozent bekommen.

Rhrung zog durch das Gemt des Alten und machte es weich. Und ein
Hochgefhl wallte in ihm auf.

Ja, so gibt es Tausende -- Tausende. -- Mit einer knappen Zulage. --
Groer Gott: zwei Mark fr jeden Tag! Mit dem schmalen Sold vom Reiche
schlagen sie sich durch. Entbehrung ist ihr Los. -- Aber sie zu
ertragen, ist ihr Stolz.

Arm! Mutig! Voll heiterer Kraft!

Das ist der deutsche Offizier im stillen Heldentum, das der Friede
fordert.

Und es ist Gefahr, da das Volk diese reine, straffe, aufrechte Gestalt
nicht mehr richtig sieht.

Weil die Zeit nicht von ihr fordert, da das Schwert erhoben werde.

Lastende Zeit ... Das ging so durch ihn hin.

Der junge Offizier fhlte die Gte des Blickes, der auf ihm ruhte -- er
ahnte, da dies Schweigen erfllt war von Achtung und Verstehen. -- Und
er wurde weich -- sehr weich. -- Er htte am liebsten in kindlicher
Verehrung die Hand des Alten gekt.

Nun aber fuhr der aus seiner Rhrung und seinen Gedanken auf.

Der Augenblick war da. Die Frage mute getan werden.

Ich bin wie alle alten Leute, sprach er mit einem mhsamen Lcheln,
ich mache lange Vorreden. Ganz klipp und klar htte ich gleich sagen
sollen: wollen Sie nach den ntigen Vorbereitungen bei 'Severin Lohmann'
eintreten?

Stephan sprang auf. Er erblate so sehr, da dem alten Mann, der ihn mit
fast gieriger Wachsamkeit beobachtet hatte, das Herz rasend zu klopfen
begann.

Hier? sprach er sofort -- lie keine, gar keine Pause aufkommen,
hier? -- auf 'Severin Lohmann' sein? Hier? Jeden Tag -- immer? -- Nein.
Nein! Ich -- ich -- danke gehorsamst, Herr Geheimrat. Ich mu ablehnen.

Bei den letzten Worten sprte man es: er hatte sich gefat. Und er
setzte sogleich hinzu: Sowie Likowski wieder Dienst tun kann, komme ich
um Versetzung ein. -- Nur sein Unfall hat mich verhindert, es schon
heute zu tun. Ich danke gehorsamst--

Das mchtige Haupt neigte sich ein wenig, als sei es mde. Unter den
starken, grauen Brauen her kamen die tiefen Blicke und schienen in die
Strme und Leiden des jungen Menschen hineinsehen zu wollen.

Knnen Sie mir den Grund sagen, weshalb Sie nicht bei uns bleiben
wollen, weder als Mitarbeiter noch in Ihrer Garnison? Wollen Sie es
nicht einem alten Mann sagen, der Sie liebhat und der -- der auch -- ein
-- Mensch ist ... der gelitten hat--

Diese zitternde Stimme -- zum erstenmal klang sie ihm greisenhaft --
erschtterte Stephan.

Und doch sprach er leise und fest: Nein!

Nichts als dies kurze, jede weitere Frage ablehnende Nein!

Der gramvoll forschende Blick aber ergriff ihn. -- Er tat, wozu es ihn
schon vor Minuten hatte hinreien wollen -- er neigte sich tief und
kte die Hand des alten Herrn.

Fast wollte seine Fassung zerbrechen -- ein berma von Empfindungen
strmte durch ihn hin. -- Als bte er mit diesem Handku: verzeih mir,
da ich deines Sohnes Frau liebe. -- Als schwre er: zwischen dieser
edlen Frau und mir steht nicht der Schatten einer Schuld. -- Als flehe
er: versteh doch, da ich gehen mu.

Dann richtete er sich auf -- stand voll Haltung.

Er griff nach seiner Mtze und hielt sie in der Hand.

Noch ein paar Herzschlge lang sahen sie einander fest in die Augen!
Hher hob Stephan den Kopf, und sein Blick schien zu leuchten, im
Bewutsein, da er ihn so frei erheben knne.

Dann grte er militrisch und ging.

Als msse dieses leise Nein das letzte Wort zwischen ihnen
bleiben.----

Und wenn tausend gesprochen worden wren, sie htten dem alten Herrn
nicht mehr offenbaren knnen als dies eine.

Nun hatte er keine Zweifel mehr.

Erschpft legte er sich zurck und schlo die Augen.

Wie sich alles wiederholt! dachte der Greis.

Hatte das Schicksal so wenig Erfindungsgeist?

Warum mute es diesen beiden herrlichen jungen Menschen dieselben Leiden
aufbrden, die er und eine heilige Tote einst getragen?

Aber war denn an diesem Leid wirklich nur jene unbekannte Macht schuld,
die man so unbestimmt und sich selbst entlastend gern das Schicksal
nennt?

Waren es nicht vielmehr seine eigenen Hnde gewesen, die alles so
geschoben hatten? In herrischer Selbstsucht!

Voll harter Aufrichtigkeit gegen sich gestand er sich das ein!

Den Sohn hatte er retten wollen, sich selbst die holdeste Tochter
gewinnen.

Er tuschte sich nur zu rasch und freudig vor, da sie fr seinen Sohn
Neigung habe.

Er geno es als Glck, ihr Sorglosigkeit und ansehnliche Stellung
darbringen zu knnen.

Er glaubte der Geliebten noch ber das Grab hinaus Treue zu beweisen,
indem er ihre Tochter in sein Haus zwang.

Und nun wute er: Klara konnte seinen Sohn nie geliebt haben -- denn sie
war nicht vernderlichen und leicht entflammten Herzens.

Er erkannte lngst: von uerem Glanz war sie so unabhngig, wie es ihre
Mutter gewesen.

Und er fhlte, da die teure Tote weinen wrde ber das Geschick der
Tochter...

Gut machen! Das war seine Pflicht! Aber wie denn? Noch einmal Schicksal
spielen?

Klara sagen: wenn du einen anderen Mann liebst -- sei frei!

Aber das war ja ganz unmglich!

Er dachte an seinen Sohn -- an den anderen Mann.

Die bitteren Vergleiche taten ihm nicht wohl! Er wute klar: sein Sohn
war von der Art seiner Mutter. Begabt, schn, beweglichen Verstandes --
ohne Tiefe des Herzens und ohne Zuverlssigkeit. Genufreudig.

Und er sah den anderen stolzen Mann vor sich, der still und aufrecht
seinen entsagungsvollen Weg ging.

Ja -- dieser wre Klaras wrdiger gewesen...

Und wie verschwiegen und tapfer und schuldlos sie litten!

Wie er selbst einst gelitten...

Seine heie Liebe, die so ganz und gar mit der Liebe zu einer Toten
verwoben war, da sein Herz oft erzitterte, wie in Furcht vor seltsamen
Geheimnissen -- diese heie, selbstschtige und dennoch zugleich ber
jedes Mannesgefhl hinaus in das rein Menschliche erhobene Liebe -- sie
wallte strmisch auf. Sie wehrte sich dagegen, ohnmchtig zuzusehen, da
Klara sich in heimlichem Gram verzehre.

Aber tat sie denn das? Was wute er von ihr? Von ihrem Herzen? Warum
hatte sie seinen Sohn denn geheiratet? Er hatte es ihr doch damals ernst
und stark geschrieben: nicht das geringste, was ich sorglich fr dich
tat, darf dich bestimmen? Und von all den schweren, hlichen Dingen,
die den Tod ihres Vaters umspielten, wute sie doch nichts.

Was sollte er tun?

Ganz gewi war sein Sohn nicht der ebenbrtige Gatte dieses jungen
Weibes.

Aber er, der eigene Vater konnte ihm doch nicht die von der Seite
fortreien, die seine Helferin, sein edelster Besitz war? Wahrscheinlich
hatte er keine volle Erkenntnis von dem Adel und der Wrde seiner jungen
Frau. Dennoch aber -- das hoffte der Vater so sehr von ganzem Herzen,
da er daran glaubte -- dennoch stand sie ihm hoch, und er fhlte
dankbar, wie ihre Reinheit und ihre Klugheit ihn aus dem elenden
Lebensberdru herausgerettet, dem er verfallen gewesen.

Ihm war, als hre er ihn sagen: meine famose, groartige Frau!

Das klang immer so flach, so uerlich -- es hatte ihn schon oft
verletzt.

In diesem Augenblick, als das so in sein Ohr zurckkam, fhlte er: von
Wynfried war es ehrlich gemeint und eine starke Anerkennung.

Und dieses Gefhl war vielleicht das beste, was je in des Sohnes Herzen
gelebt hatte.

Und der eigene Vater sollte ihm das zerstren?

Unmglich.

Und das kleine Kind? Ihr und seines Sohnes Kind? Die Zukunft des Hauses!
Sein Enkel -- sein Stolz und Glck!

Unmglich!

Das junge Weib -- das Kind -- das Werk -- alles _eine_ Zukunft
zusammengeschmiedet. -- Unzertrennlich.--

Wie sollte sich das alles lsen?

Still lag sein Haupt gegen die Lehne gedrckt.

Zum erstenmal fhlte er sich mde -- sein herrischer Wille -- sein Zorn
-- sein Schmerz entglitt ihm gleichsam.

Ein leises Ahnen beschlich ihn, da auch fr die strkste Lebensgier
eines Tags die Wirrnisse des Daseins zu mhselig werden knnen.--

Und drauen surrte der Regen, emsig gieend, in unermdlicher
Betriebsamkeit, als wolle er alle Leidenschaft und alles Unglck
nchtern wegwaschen.




10


Mit der objektiven Bewunderung des vorbildlich glatten Schenkelbruchs
hatte der Professor seinen Patienten nur bndigen wollen. Aber als der
ungeduldige Likowski nach vierzehn Tagen einsah, da die Sache
keineswegs so einfach sei, da die Heilung noch Wochen in Anspruch
nehmen werde, verfiel er in einen schlimmen Gemtszustand. Da man ihn
zuerst wohlmeinend getuscht hatte, glaubte er nun auch der Versicherung
nicht, da alles wieder vllig gut werden wrde und seine
Dienstfhigkeit gewi nicht in Gefahr sei.

Er sah sich schon lahmend und auer Dienst!

Was ihn bei diesem Gedanken befiel, war kein Gram mehr -- es war Wut.

Monate der ungeheuerlichsten Anstrengungen und Leiden in einem Feldzuge
wrde er wahrscheinlich kaum gesprt haben, im Hochgefhl kriegerischer
Pflichterfllung. Aber hier so still liegen und sich gefat erweisen,
dazu war er nicht der Mann.

Er erklrte das fr Frauenzimmersache. Weiber, die htten's in den
Nerven, da sie zh und ergeben dulden knnten -- deren Nerven seien
eben dehnbarer eingerichtet. Mnnernerven rissen gleich.

Und die Welt, die nchste um ihn, wie die groe, weite drauen, war
nicht in Zustnden, die ihn htten angenehm zerstreuen knnen.

Das Wort Krieg zitterte durch Deutschland. Jetzt endlich glaubte man
es ganz gewi. Der Herbst wrde die Vlker gegeneinander werfen. -- Es
schien kein Zweifel mehr.

Jedermann nahm sich in acht, zu Likowski davon zu sprechen. Aber er las
ja Zeitungen -- immer mehr -- Zeitungen aller Parteien. -- Und er
sprte, wie der Glaube an den Krieg da als Hoffnung, dort als Furcht
durch die Druckzeilen bebte. Wie die einen in heier Opferfreudigkeit
erglhten -- das sah er mit glckseligem Stolz. Wie die anderen feige
nur an ihr bichen gestrtes Wohlleben dachten, erkannte er mit
Zhneknirschen. Es war ihm doch das brennendste Bedrfnis, davon zu
sprechen. Und wenn seine Besucher nicht davon anfingen, war es sogleich
sein Gesprch, seine Frage.

Thrauf kam. Er mute besttigen, da das Ausland sich mit Bestellungen
zurckhielt, da wiederum einige Industrien des Inlandes berhetzt
Rohmaterial brauchten. Die geschftliche Lage war trbe und besonders
von der Ungewiheit geschdigt. In industriellen Kreisen sagten die
einen: Ginge es doch los, damit wir dann freie Bahn und neuen Aufschwung
erleben, wenn's berstanden ist! Die anderen: Alles ist nun in schnster
Blte, die Kinderjahre unserer Industrie sind berwunden, wir
berflgeln die anderen Vlker; und nun soll ein Krieg alles zerstren?

Herr von Pankow kam, und seine joviale Behbigkeit erschien umflort von
gedrckten Stimmungen. Was aus der Ernte werden sollte, wute Gott
allein bei diesem ewigen Regen. Und gerade jetzt war das schnelle und
gute Hereinkommen der Ernte so dringlich ntig! Wute man denn, ob einem
nicht morgen die Pferde weggeholt wrden?

Er war ja ganz damit zufrieden, obschon sein Einziger als blauer Husar
mitmute -- stand in Wandsbek, Regiment Knigin der Niederlande -- blo
erst die Ernte 'rein -- dann war man hinterher auch leistungsfhiger.

Und Doktor Sylvester kam, und sein Mundwinkel, in dem der Schmi von der
Wange her endete, zog sich ganz besonders schief. Er sagte, da er seit
seinen Quartanertagen darauf gewartet habe, mitzugehen. Er war Stabsarzt
der Reserve und hatte schon an einen alten Verwandten geschrieben, der
sich gerade aus der Praxis zurckgezogen habe, aber bereit sei, ihn in
Severinshof als Httenarzt zu ersetzen. Womit der Geheimrat sich
einverstanden erklrte. Und er erzhlte, da der Geheimrat gesagt habe:
ein Krieg sei fr Deutschland ein Sprung ins Dunkle, man stehe vor
Problemen, dergleichen die Welt noch nicht gesehen; denn da ein
Industriestaat ein Volksheer mobilisiere, sei ein in der Geschichte noch
nicht dagewesener Fall. Aber die ethischen Eigenschaften unseres Volkes
zeigten Erschlaffung, und nur in einem Kriege knnten sie ihre Kraft und
Gewalt wieder erreichen. Es liege nun einmal in der deutschen Art: lange
Zeitspannen der Sorglosigkeit und des Friedens vertrage sie nicht.

Und Edith Stuhr kam und sa frech und neugierig und vergngt an seinem
Bett -- was die alte Doktorin Lamprecht unerhrt fand -- und erzhlte,
da ihr Papa jammere: wenn Bedarf an Schwertern sei, frage man nicht
nach Sensen.

Und die Kameraden kamen.

Diese jeden Tag. Und wenn sie nicht sprachen von dem einen, so sagte es
Blick und Hndedruck...

Sein Vetter, der Kapitnleutnant schrieb: Wenn es wird, mu es vor dem
14. September sein, denn nach dem Flottenmanver entlassen wir stets
unsere Reserven. -- Marinereserven, einmal entlassen, knnen nicht so
rasch wie das Landheer zur Waffe zurckberufen werden. Sie zerstreuen
sich, infolge ihres grtenteils seemnnischen Berufes, bald ber die
Ozeane. Die brauchen oft Wochen, bis sie zurckkommen knnen. Mit eben
frisch Eingestellten kann man aber unsere Schiffe nicht bedienen. Also:
wenn unsere Reserven zurckbehalten werden, heit das: Krieg in Sicht!

Und der Hauptmann schwor wieder: Ich schie' mich tot, wenn's losgeht
und ich bin ein Krppel!

Und das Allermerkwrdigste war, da diese ganze Spannung, dies ungeheure
Warten auf das gewaltige Wort in einem Hochsommer sich fiebrisch wach
erhielt, dessen Glut und dessen Sonne von endlosem Regen aus der Luft
gewaschen wurde. Die Natur berhitzte die Nerven gewi nicht. Der graue
Tageshimmel schttete vom Morgen bis zum Abend, die schwarze Nacht vom
Abend bis zur Frhe Wolkeninhalt hernieder. Gelassen und grau, von
keinem Lichtstrahl kristallen durchblitzt sank der Regen herab.

Likowski verbohrte sich in den Wunsch: wenn blo endlich mal Schnwetter
wrde!

Als sei damit dann viel geklrt.

Aber es wurde kein Schnwetter.

Die gute, flinke Alte hatte ihre Not mit ihrem Pflegling, und ihre
ermahnenden Reden flossen ohne Unterla.

Grad wie der Regen, sagte Likowski einmal.

Aber sie steckte oft ihr graues Kpfchen mit dem spiegelglatten
Flachskopf des Burschen zusammen, und sie kam mit Vollert, in hchst
unmilitrischer Verwischung aller Subordinationsgrenzen, berein, da
man Herrn Hauptmann jetzt nie etwas belnehmen msse.

Sehr beleidigt war Likowski, da von drben -- womit ein fr allemal
die Bewohner des Herrenhauses gemeint waren -- niemand kam.

Der Geheimrat natrlich konnte nicht. Er schickte seinen Leupold mit
erlesenen Frchten und kstlichen Bissen. Und hatte auch in einem
eigenhndigen Brief sein Mitgefhl ausgedrckt.

Die Doktorin erinnerte daran, da doch Herr Wynfried Severin schon
einige Male vorgesprochen habe. Aber ihr Pflegling schien diese Besuche
nicht zu rechnen. Er mochte nun mal den Mann nicht ... Er schalt: wo
bliebe denn Frau Klara? Sie schickte Blumen. Aber sie kam nicht. Hatte
er das um sie verdient? War er nicht ihr guter Freund gewesen, als sie
noch Klara Hildebrandt und eine arme Lehrerin war? Hatte er sie nicht
schon damals geachtet und verehrt, so da er beinahe -- aber natrlich
nur beinahe -- erwogen htte ... Und wute sie denn nicht, da sie
keinen ritterlicheren Freund hatte als ihn? Man erzhlte, wie rhrend
sie sich des verbrannten Judereit annehme; Sylvester sprach sozusagen
mit Andacht davon. Und ihn, ihren alten Freund und Hausgenossen, lie
sie ungetrstet daliegen? Als ob es nicht auch fr ihn eine Wohltat
wre, ihr ernstes, edles Gesicht zu sehen und ihre sanfte Frauenwrde
einmal an seinem Lager zu spren.

Die alte Lamprecht war ganz hilflos und konnte wenig erwidern. Sie
wunderte sich ja selbst. Sie nahm es auch fr ihre Person etwas bel.
Denn nun, da sie nicht mehr nach drben zu ihren regelmigen
Teebesuchen fahren konnte, mute doch Klara einmal das Verlangen haben,
ihre Pflegemutter wiederzusehen...

Sogar Agathe Hegemeister besuchte den Hauptmann.

Der Besuch machte ihm anfangs Spa. Die Baronin fuhr, natrlich mit
ihrer Gerwald, im Auto vor. Das Gerusch des Regens war in der Luft, und
von der Traufe, neben dem Fenster, rann ein Wasserstrahl und pladderte
in gleichmiger Eile hinab auf das Straenpflaster. Das einfache
Zimmer, voll Karten an den Wnden und voll Zeitungshaufen und
Schriftstcken auf dem Tisch, mit dem etwas schrg vornbergebeugten
Spiegel ber dem Waschtisch, gegenber dem Fuende des Bettes -- das war
kein Schauplatz fr die Eleganz, die hereinkam.

Agathe hatte drauen ihren Regenmantel abgenommen und in Vollerts groe
Hnde gelegt, die aber erst einmal den seidigen, gleitenden Gummistoff
fallen lieen, was die Damen in Heiterkeit versetzte.

Wie kommt der Glanz in meine Htte! sagte Likowski und hatte sein
Wohlgefallen an dem hellblauen, die ppige blonde Frau knapp
umspannenden Schneiderkleid. Er dachte: selbst fr mich ist es ihr der
Mhe wert, sich schn zu machen -- wie angenehm fr unser Mnnerauge,
da es Frauen gibt, die das unschuldige Bedrfnis haben, uns sozusagen
was vorzublhen!

Obgleich er ein frhliches Gesicht in diesem Augenblick zeigte, war
Agathe doch tief gerhrt. Sie konnte nun einmal keinen Menschen leiden
sehen, es tat ihr zu weh!

Ihre ganze Herzensgte wallte auf, und Likowski sah wohl, da es gar
nichts Echteres geben konnte als dies Mitleid, mit dem Agathe seine Hand
streichelte. In ihren blauen schwimmenden Augen sah man den feuchten
Glanz einer Trne.

Sie konnte es kaum sagen, _wie_ sie ihn beklage.

Die Damen nahmen Platz. Und Likowski unterhielt sich in guter Laune mit
ihnen.

Wie haben Sie es angefangen, liebste Baronin? Sie sind noch schner
geworden. Und ein wenig schlanker -- ganz wenig -- aber gerade sehr
vorteilhaft so. -- Ja und auch Frulein von Gerwald strahlt? Den Damen
bekommt der Sommer mit all dem Regen besser als mir -- im Grunde
verdank' ich dem verfluchten Regen mein Malheur. Verehrte Freundin, wenn
Sie morgen lesen: der Krieg ist erklrt, so kaufen sie gleich einen
Trauerkranz fr einen, der es nicht berleben wird, zu Haus bleiben zu
mssen.

Ach, sagte Agathe, Wynfried meint, es wird nichts draus.

Wynfried? Schlankweg Wynfried? Aber Likowski stutzte nur eine Sekunde.
Agathe war eng befreundet mit Klara; warum sollte ihr der Name von
Klaras Gatten nicht so vertraut und leicht auf den Lippen liegen? Es gab
berhaupt in ihrem geselligen Kreis viele, die aus Gewohnheit sagten:
der Geheimrat und Wynfried Severin, um Vater und Sohn bequem zu
unterscheiden, und den Namen Lohmann weglieen.

Wie geht's denn Ihrer Freundin? Sie lt sich bei mir nicht sehen.
Sagen Sie ihr, da es mich krnkt und schmerzt.

O -- es geht ihr gut, hre ich.

Hren Sie? So was sieht man doch.

Ja denken Sie, sagte Agathe, und ein leichtes Rot breitete sich ber
ihr Gesicht, das ist schon einfach komisch! Seit Wochen verfehlen wir
uns, mit tdlicher Sicherheit. Dreimal bin ich bei Klara gewesen und
stets vergebens. Mal war sie zu Besorgungen nach Hamburg, einmal war sie
mit ihrem Mann bei Stuhrs eingeladen, einmal lag sie mit Kopfschmerzen
zu Bett. Und sie ihrerseits hat mich auch verfehlt. Die kleinen Essen,
die der Geheimrat sonst gern mochte, sind seit Wochen nicht mehr gewesen
... er soll sich angegriffen fhlen. Mal war ich eingeladen, als ein
paar Groindustrielle da waren. Schweden und Finnlnder -- ich kann
nicht Schwedisch, und englisch zu sprechen, ist mir verhat. Man hat
mich in meiner Jugend zu viel damit gergert. Neulich lud ich das
Ehepaar ein -- sie konnten nicht, weil der Geheimrat gerade Geburtstag
hatte.

Das nennt man Pech! gab Likowski zu.

Und ganz eilig und unaufgefordert versicherte Frulein von Gerwald: Es
tut Frau Baronin wirklich sehr leid.

Gerade hrte man auf der Strae ein dumpfes Drhnen, und das hielt vor
dem Hause an.

Mehr Besuch! sagte Agathe, gewi Stuhr.

Aber es war nicht Ediths nervser und sorgenvoller Vater, sondern
Wynfried Severin kam herein. Schn, heiter, ein Mann von Lebensfreude
wie umglnzt.

Und nach einer Minute schon hatte der Hauptmann das peinliche Gefhl:
dies Zusammentreffen sei vielleicht kein Zufall. Agathe war unruhig wie
ein Backfisch und kicherte und strahlte. Und Wynfried kte ihr die Hand
und fragte, wie den Damen der Ausflug neulich bekommen sei, und erzhlte
dem Hauptmann, da er das Glck gehabt habe, die Damen in Hamburg zu
treffen, gerade als er ins Hotel Atlantic ging, um dort zu speisen. Da
habe er denn den Vorzug gehabt, mit ihnen essen zu drfen. Und als sie
aufbrachen, stieen sie in der Tr auf Stuhr. -- Aber Likowski wisse
wohl schon davon, Stuhr habe es sicher erzhlt...

Nein, sprach der Hauptmann kurz, Stuhr ist kein Klatschweib.

Mit wachsamen Augen und Ohren lag er da. Und er erkannte wohl, da in
Agathens schwimmenden Blicken der Glanz war, den die gierige
Verliebtheit entzndet. Und er hrte wohl, da in des Mannes Stimme ein
Ton herrischer Vertrautheit mitschwang -- dieser Paschaton, der gewisse
Frauen entzckt.

Diese lachenden, sich und ihn neckenden Menschen, die etwas Festliches
an sich hatten und doch voll unbegreiflicher Unruhe zu sein schienen --
als knnten sie vor Heiterkeit mit keinem Gesprch zu Ende kommen und
vor Nervositt nicht zwei Minuten still sitzen -- sie verstimmten ihn
tief.

Als Agathe gekommen war, hatte es ihm etwas Zerstreuung bedeutet. Als
sie nun zu dritt gingen -- nicht ohne da Wynfried den Hauptmann laut
beneidete um das Mitleid dieser holden Gnnerin -- blieb er finster
zurck.

Das hatte ihm nicht gefallen -- nein -- nein.--

Es mte sich jemand finden, der Klara sagte: pa auf!

Aber so jemand findet sich nie. Aus Feigheit, aus der Gewohnheit,
konventionell und formell sich zu betragen, mischt man sich nicht
ein. Sagt einer Mutter nicht: Dein Sohn ist in moralischer Gefahr. Sagt
einer Frau nicht: Gib acht auf deinen Mann. Sagt einem Manne nicht:
deine Frau macht dich zum Gesptt. -- Zusehen ist schicklicher.

Nun, ich werde dieser jemand sein -- sobald ich Gelegenheit habe!
schlo er mit festem Vorsatz seine Betrachtungen.

Die Doktorin Lamprecht kam herein. Sie wollte ihre ausfhrliche Kritik
des geruschvollen Besuches vom Herzen heruntersprechen, und besonders
hatte es ihr mifallen, da Wynfried mit den Damen davonfuhr und sein
eigenes Auto wegschickte -- als wenn's zum Jahrmarkt gegangen sei,
hatte sie das Betragen gefunden.

Gottlob, da es noch Menschen gibt, die sich der Zeit zum Trotz
amsieren knnen, sagte Likowski abweisend.

Aber diesmal lie sich die eifrige Alte nicht wegscheuchen. Sie mute
sprechen. Das war bei ihr auch eine Funktion, die sich nicht
zurckhalten lt.

Liebster, bester Herr von Likowski, raunte sie, ich klatsche nie --
aber was jetzt die Leute sagen, geht mir doch zu nahe.

Sie wissen, Lamprchtige -- hab' keine Spur von Neugier...

Dies interessiert Sie auch. Es geht Klara an ... Man spricht davon, da
-- da Wynfried und die Hegemeister -- wenn er verreist -- verreist sie
auch. -- Und er ist manchmal allein auf Lammen -- aber nicht mit seinem
eigenen Auto sagen die Leute.

Sagen Sie den Leuten wieder, da sie ihre Nase in ihre eigenen
Angelegenheiten stecken sollen, befahl Likowski.

Und die Alte dachte bekmmert, da ein Hagestolz doch fr gewisse Dinge
kein Gefhl brig habe. Diese Teilnahmslosigkeit -- denn es ging doch
Klaras Leben an -- krnkte sie schwer.

Gegen Abend sa Marning am Bette des Freundes. Er fand ihn sehr erregt.
Sollte man es nicht sein? grollte der Hauptmann. Morgen wurde der letzte
Verband abgenommen. Die Massage und die Gehversuche wrden beginnen --
es war vom Professor das Wort Wiesbaden ausgesprochen. Und ganz gewi
-- morgen wrde es offenbar werden, davon war er berzeugt -- sein
linkes Bein sei mindestens eine Handbreit zu kurz. -- Marning schwor ihm
zum unendlichsten Male zu, da es nur zwei Zentimeter seien, und da der
Professor gesagt habe: die glichen sich von selbst aus. Nicht einmal
steifer oder nachschleifender wrde es werden.

Aber das war es nicht allein -- andere Dinge hatte Likowski gelesen: in
England waren die Menschen wie verrckt: glaubten einen Zeppelin in
nchtlicher Dunkelheit ber London gesehen zu haben. Und in Frankreich
-- diese Empfindlichkeit, dieser anmaende Ton ... Und die Wunder
unserer Disziplin! Als ob es nicht den Mnnern an der Grenzwacht in
allen Nerven zuckte.

Sie haben noch mehr! sagte ihm Marning auf den Kopf zu.

O ja -- ich merk', Sie kennen mich -- ja schmerzen tut's mich -- da
die junge Frau von drben nicht kommt. -- Und da wren so allerhand
Grnde ... mcht' mal mit ihr eins schwatzen -- mal sehen, wie weit man
mit dem Gesprch sich wagen kann...

Stephan sa schweigend und bla.

Und kurz und gut -- sagen Sie's ihr nur geradezu -- es sei keine Sache,
einen alten Freund in trben Tagen zu vernachlssigen.

Pltzlich fiel ihm was auf. Er wurde noch lebhafter: Herrjes -- wie ist
mir denn? Sie sind ja wohl lange nicht mehr drben gewesen?

Nein, lange nicht.

Aber jetzt gondeln Sie mal 'rber und bestellen ihr...

Gewi, gern -- gelegentlich, sagte Stephan ausweichend. Sie wissen
doch: wir mgen den jungen Herrn Lohmann nicht. Und da der alte Herr
jetzt nicht einldt, komm' ich nicht hinber.

Zu seiner Erleichterung lie der Hauptmann das Gesprch vllig fallen --
lag grbelnd, mit bsem Gesicht da.

Er dachte: Wenn man doch die Wahrheit erfahren knnte! Ob Marning auch
von dem Klatsch gehrt hat? Deshalb nicht mehr 'rberfhrt?

Fragen wollte er nicht. Das war so eine von den Sachen, die man nicht
zart genug behandeln kann.--

Er fhlte. Ich mu bald wieder auf dem Posten sein! In jeder Hinsicht
-- man ist doch kein berzhliger! Gottlob nicht. Und knnt' sein, da
da drben die junge Frau auch mal 'n Freund braucht...

Vom nchsten Tage an schien er aber nur noch an sich zu denken. Erst
natrlich wetterte er ber die Maen herum, da sein Bein nicht blo
eine Handbreit, nein da es um die Hlfte verkrzt sei und die Knochen
wie von Glas. Zuzutreten schien ein Ansinnen, als solle er's gleich noch
mal brechen. Aber mit viel Gerusch und ungemeiner Energie kam er
vorwrts. Er fing an, zu hoffen, zu glauben.--

Der furchtbare Regen, der tagaus, tagein herniedersickerte, hatte das
rechtzeitige Abernten der Felder unmglich gemacht. Die Manver muten
teilweise verschoben und teilweise abgesagt werden. So behielt Likowski
die Kameraden um sich. Der Major im Stabe, der die beiden Kompanien
fhrte, lie zum Ersatz ganz besonders groe Marsch- und
Felddienstbungen unternehmen, deren Anlage und Verlauf Likowski dann am
Abend mit den ihn besuchenden Kameraden besprach.

Es gab noch eine Unterbrechung, weil sich ein Knochensplitter zeigte,
der erst herausheilen mute. Aber dann konnte Likowski doch Marning
vorrechnen: Wenn Krieg kommt, kann ich's wagen, mitzureiten. Bleibt
Frieden, gehe ich Ende September nach Wiesbaden und erscheine hier nach
sieben, acht Wochen als Jngling und Schnellufer wieder. Und dann
kommen Sie um Ihre Versetzung ein -- wenn Sie nicht anderen Sinnes
geworden sind.

Und an einem Tage, als der de Regen durch strmisches Unwetter eine
Abwechslung erfuhr und anstatt der zinnfarbenen Gleichmigkeit am
Himmel wildes Gewlk schwarz und schwer sich dahinwlzte, kam endlich
die junge Frau.

Sie hatte am Nachmittag vorher den Leutnant Hornmarck bei Thraufs
getroffen und zufllig erfahren, da heute eine bung stattfinden solle,
von der die Kompanien erst gegen Abend zurckkehren wrden. So war sie
sicher, dem einen nicht zu begegnen, von dem ihr Herz Abschied genommen
hatte...

Likowski humpelte ihr am Stock drei Schritt entgegen. Er war ganz
betroffen! Was hatte denn Klara angewandelt! War sie noch gewachsen? War
man so des Anblicks von holder Schnheit entwhnt, da einem die
bekannten Gesichter noch herrlicher als vordem erschienen?

Welch ein Lcheln voll Gte ... Und dennoch -- irgend etwas Rhrendes
darin...

Und wie sonderbar: sie machte gar kein Aufhebens davon, da sie noch
nicht hier gewesen sei -- ging schweigend daran vorbei. Und da wute er
in zartem Verstehen: sie hat einen Grund gehabt. Also: Achtung davor,
wenn man ihn auch nicht erfhrt!

Sie sa neben ihm, und er nahm sich die Freiheit, ihre Hand lange in der
seinen zu behalten und sie voll Ehrerbietung und zrtlich zu streicheln,
als sei er ein guter alter Papa. Er fragte nach Severin dem Groen und
Severin dem Kleinen.

Und Klara sagte, da ihr Vater oft so still und in Nachdenken versunken
sei; es schien, als ermatte seine Frische. Da sei es ihr lieb, da ihr
Mann die eigentlich fr den Hochsommer mit ihr geplant gewesene Reise
aufgegeben habe. Er hatte gleich von Warnemnde aus Anfang Juli seine
Jacht nach der Elbmndung gehen lassen, wo er die Segelei groartiger
und interessanter finde; er fahre nun jede Woche zwei, drei Tage nach
Hamburg, oder vielmehr nach Kuxhaven, und der Segelsport habe ihn mit
Haut und Haar. Das sei mehr Erholung als eine Reise, sagte er. Und sie
freue sich dessen fr ihn. Nun knne sie ihren Vater recht pflegen. Was
aber Severin den Kleinen anlange ... Ihr Angesicht schien wie verklrt!

Er gedeiht! Sie glauben nicht, wie! Und lacht und strampelt! Und
streckt die dicken Hndchen nach seinem Grovater aus! Ja, der ist ein
bichen vernarrt und einseitig und sagt: Solchen Jungen hat's noch nie
gegeben -- Wie eben Grovter sind...

Und junge Mtter auch! Ich hab' mich bisher als Barbar betragen gegen
Severin den Kleinen. Babys sind wie Tierchen, aber wenn er nun Mensch
wird -- na, da will ich gut freund mit ihm werden, wenn ihm auch noch
auf lange hinaus meine blanken Knpfe anziehender erscheinen sollten als
mein Charakter.

Klara lachte. Wie wirkte sie glcklich in diesem Augenblick!

Nein, er konnte nicht fragen, warnen, andeuten. -- Und doch ri es ihn
zu mchtig in die Nhe dieser Sorge. Pltzlich fragte er: Na, und die
Baronin? Hngt sie Ihnen immer noch mit solcher Backfischschwrmerei
an?

Ich wei nicht, sagte Klara unbefangen, sie verfehlt mich bestndig.
Wr's nicht die gutherzige Agathe, die wohl gegen keinen Menschen je
feindselig sein kann, dcht' ich: Absicht. Wynfried hat mehr Glck mit
ihr -- traf sie mal in Hamburg -- fuhr mal, auf dem Wege nach Pankow,
auf Lammen vor--

Unsere Tages- und Lebenseinteilung ist auch so verschieden, setzte sie
beschnigend hinzu. Vormittags bin ich ganz gebunden, habe berhaupt
viele Pflichten: Vater -- das Kind. -- Agathe hat keine.

Wie schlicht immer ihr Wesen war. Bei aller Jugend voll Ruhe -- wie bei
einem Menschen, der seiner sicher ist.

Likowski, im Gemt infolge der letzten Wochen ein wenig mrbe, war
eigentlich ganz weich -- so etwas wie Reue wollte ihn ankommen, da er
frher nicht doch ... Aber Unsinn -- weg mit solchen Anwandlungen!
Selbst eine Klara konnte ihn nicht wankend machen: weder Weib noch Kind
sollten Anspruch an sein Leben haben -- das gehrte einer groen Aufgabe
allein! Eine Familie grnden -- nein! Aber ihre Heiligkeit schtzen --
ja! Und er schwor Klara in seinem Herzen zu: wenn der Mann dich verrt,
schiee ich ihn ber den Haufen.

So friedfertig, so voll Herzlichkeit war er, da sie von diesen schweren
Gedanken nichts ahnte.

Sie kamen auf Erinnerungen, und das Wort Wissen Sie noch? stand ber
ihren Gesprchen. Da lebte Vollerts Vorgnger wieder auf, Mau, der
durchaus nicht begreifen konnte, da es nicht heie djewoll, Herr
Hauptmann, und erst nach strengen Vermahnungen sich sein to Bafehl
angewhnte. Und die gute alte Lamprchtige nahmen sie ein wenig durch.
Und es war so wunderbar sonnig im Zimmer, als schleppten drauen am
Himmel nicht schwarze, zerrissene Wolkenfetzen auf den Horizont herab.
Und Likowski sagte: Wissen Sie noch: so 'n hnliches Wetter war an
jenem Morgen, als wir uns an der Fhre trafen. Ich denke noch manchmal
daran: ich stellte Ihnen Marning vor; Sie hatten Ihre pastellblaue
Wollmtze auf, die Ihnen entzckend, e--n--t--zckend stand; und keiner
von uns hatte 'ne blasse Ahnung, da Sie sich noch selbigen Tags mit
Wynfried Severin verloben wrden--

Ja sprach Klara leise, ich wei es noch...

Was mir Marning geworden ist! -- Und vor allem in den letzten Wochen!
Das ist ein Mensch! Eins a! Und er wird mir fehlen -- will sich nu mal
partout versetzen lassen -- ist ja nur noch hier, weil er die Kompanie
fhren mu. Na, aber eh' es so weit kommt, ziehn wir doch unter der
gleichen Fahne ins Feld! Es wird Ernst! Und wenn's den einen von uns
trifft -- schn wr's, den letzten Blick in Freundesauge zu tun, von
Freundeshand den letzten Druck zu spren. -- Aber wie Gott will...

Klara stand auf. Bleich und still. Sie lie noch einmal ihre Hand dem
treuen Mann. Er kte sie -- immer wieder.

Aber Likowski! sagte sie mit einem mhsamen Lcheln scheltend.

Wei selbst nicht -- mir ist so wunderlich -- grad als sollt' ich Ihnen
sagen: wenn Sie mal jemand brauchen -- soweit mein Kaiser mich nicht
braucht -- allzeit Ihr treuer Freund. -- Aber nicht wahr, dies ist kein
Abschied? Wir sehen uns wieder?

Verwundert und doch seltsam befangen, als wirke die kaum verborgene
Erregung des Mannes auf sie hinber, sprach sie: Warum sollten wir uns
nicht wiedersehen? Sie sind nun bald so weit, da wir Ihnen das Auto
schicken knnen. Vater freut sich schon auf Sie.

Und dann nahmen die Tage einen so gespannten, nervsen Charakter an, da
alles Persnliche zurcktrat.

Jetzt, jetzt war es so weit. -- Der September war da -- ein Tag schlich
vorbei -- wieder einer -- eine Woche. -- Und die groe Frage brannte in
aller Herzen: Krieg? Krieg? Ja! Nein? Der eine Kamerad hatte dies aus
Berlin gehrt, der andere das. -- Jede Nachricht widersprach der
anderen.

Likowski fieberte vor Aufregung und bte Bewegungen und schrie nach der
alten Frau, damit sie besttigte: es sei schon fabelhaft viel besser. Er
ordnete all seine Sachen und machte sein Testament. In Rcksicht auf den
guten Vermgensstand seiner Verwandten vermachte er seinem Freunde, dem
Oberleutnant Stephan Freiherrn von Marning, fnfundzwanzigtausend Mark.

Stephan war ruhig. Ernsten, gefaten Blickes sah er dem Geschick
entgegen. Auch er ersehnte den Krieg. Er hatte Humboldt gelesen, und
dessen Ausspruch, da der Krieg zur Erziehung der Vlker notwendig sei,
hatte ihn tief ergriffen. Die Geschichte lehrte ihn, da Humboldt recht
habe. Er hoffte: siegend zu sterben! Sein Leben hingeben zu drfen fr
das Grte.

Er war bereit, es tapfer einsam zu tragen -- auch ohne die eine, die er
liebte. Aber wenn er es fr das Vaterland einsetzen durfte, das wrde
wie Erlsung und Krnung sein.--

Und dann, dann dmmerte die Entscheidung herauf. Sie fuhr nicht wie ein
Blitz hernieder, und die Lage wurde nicht jh deutlich erhellt. Nein,
auf die flammenden Herzen, die bebenden Nerven legte sich, gleich
Ernchterung, die Gewiheit: die Lage _entspannte sich_ -- wieder
einmal!--

Die schweren Nebel sanken. Hunderttausende jubelten, da sie wieder
einen klaren Himmel ber sich sahen. Aber Millionen fhlten, da die
Muttererde mit den Nebeln grende Keime eingesogen habe.

Likowskis Vetter, der Kapitnleutnant, schrieb, was auch zugleich schon
in den Zeitungen stand: die Reserven seien entlassen.

Friede--

Als Marning bei dem Freunde eintrat, fand er einen anderen, als er
erwartet hatte.

Hochaufgerichtet, in fester Haltung hatte der Hauptmann am Fenster
gestanden und in die sinkenden Tropfen gestarrt. Nun wandte er sich dem
Freunde zu.

Marning, sprach er, es scheint unser Los: wir sollen das Schwert in
der Scheide behalten -- vielleicht berhaupt so lange, wie wir den Rock
noch tragen -- wer wei es. Eine andere Art von Tapferkeit wird von uns
gefordert -- die, die wir schon so lange ben. -- Arbeiten wir weiter!
Still. Zh. Beien wir die Zhne zusammen, wenn man uns schmht, nicht
mehr sieht, was wir tun -- wozu wir da sind. -- _Ein Tag wird dennoch
kommen, wo man erkennt: wir taten unsere Pflicht!_ Tun wir sie -- stolz
und schweigend. -- Ich will nie mehr davon sprechen -- nie mehr. -- Aber
denken wollen wir immer daran -- denken!

Die beiden Mnner umarmten sich in heien, stummen Gelbnissen.

       *       *       *       *       *

Der ewige Regen hatte auch dem alten Herrn die Stimmung des Hochsommers
und Herbstes nicht leichter gemacht. Jeden Tag von neuem rauschten die
Wassermengen herab oder trpfelten in leisem Fall auf die Erde, die sie
nicht mehr aufnehmen konnte. Verschlammt lag das Land.

Er verstand ja nichts vom Segelsport, aber da Wynfried gerade in diesem
Sommer, der nicht nur Arbeit, Ernte und Wohlstand, sondern auch Spiel
und Frohsinn zerstrte, eine solche fanatische Vorliebe zur Segelei
fate, war ihm nicht begreiflich. Jede Woche fuhr er fr zwei, drei Tage
nach Hamburg. Und als es Herbst ward, lie er dort auch die Jacht in
Winterquartier legen und die Mannschaft abheuern. -- Der Geheimrat
dachte unruhig: so kann sie niemals hier davon sprechen, ob wirklich
gesegelt worden ist.

Sein Sohn htte ihm gefallen sollen. -- Er sah es selbst: ein schner
Mann, voll lachender Lebensfreude. Eine merkwrdige Blte war ber ihn
gekommen. Derlei beobachtet man sonst wohl bei Frauen, die einen neuen
Liebesfrhling erleben -- seltsam. Und wenn Wynfried zu Haus war,
arbeitete er froh, forsch, geschickt.

Trotz allem -- sein Sohn gefiel ihm nicht.

Er brachte auch sehr oft von seinen Fahrten Klara eine schne
Aufmerksamkeit mit -- in feinster Wahl zum Luxusgebrauch einer
verwhnten Frau ausgesucht.

Alles sah geregelt, unauffllig aus.

Weshalb sich sorgen?

Er beobachtete Klara. -- Und er sagte es sich jeden Tag: jetzt erst,
jetzt sah sie ihrer Mutter vllig hnlich. Und er verstand in diesem
Angesicht zu lesen, wie dereinst in dem der Toten.

Diese edlen Linien waren von einem reinen und tiefen Schmerz wie
verklrt.

Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier frher doch so
gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen.

War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann
unablssig zeigen wollte: ngstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter
zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll
Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost --
es war die Zukunft.

Dennoch -- die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und groe Stimmungen
htten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen knnen.

Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau
ihr Herz berwand.

Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht
zurckgezogen hatte.

Aber das ohnmchtige Zusehen lie ihn leiden.

Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen
Krankheitsthron htte fordern drfen. Das wollte er nicht, um kein
Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem
Magneten drben festgehalten -- war eine von den putzigen Weibern, die
im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglcksflle als Fest genieen,
weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich
machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit berma von Aufopferung und
Geschwtzigkeit. Aber der natrlich war waffenlos dagegen -- er wute
doch: sie meinte es redlich.

Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie
beantworten.

Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm
anbieten lie, mit dem Auto zum Besuch herberholen zu lassen. Er
schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor --
er mge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl
gefesselten hochverehrten Freund und Gnner was vorhumpeln. Er denke
sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden,
werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern
beschlieen, davon etliche in Frankfurt, Kln und Hannover an seiner
Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhlfte
wieder vorstellen zu drfen.

Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt
befreiten Alten erwarten. Am nchsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie
bei Klara in sich berstrzendem Durcheinander ihre Bewunderung des
Kindes und den Bericht ber Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise.
Dann lie sie sich etwas ngstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in
diesem Augenblick kam ihr die Reue, da sie sich so viele Wochen gar
nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so gromtig, er wrde
verzeihen.

Sie trat auch gleich mit einem Schwall von Entschuldigungen an ihn
heran.

Ach lassen Sie das doch. Setzen Sie sich dahin und hren Sie zu. Ich
mu Sie was fragen, sprach er. Aber -- offen, Lamprchtige! Ich kann
ausweichende Vielrederei nicht ertragen. Kurz und klar sollen Sie
antworten.

Aber Herr Geheimrat, wie sollte es mir beikommen, Ihnen ausweichend zu
antworten?

Und da geschwtzige Frauen stets ein wenig von schlechtem Gewissen
geplagt sind, ward ihr sogleich bnglich.

Er sah sie nachdenklich an. Sie war eigentlich immer etwas in Furcht vor
seinen Augen.

All die tragischen Ereignisse bei und nach dem Tode von Klaras Vater
sind Ihnen erinnerlich?

Wie sollten sie nicht! sprach sie zitternd, und das bse Gewissen nahm
sofort ein Riesengewicht an.

Die Umstnde brachten es mit sich, da Sie alles erfuhren. Freiwillig
htte ich gerade Sie nicht ins Vertrauen gezogen. Denn -- nicht wahr? --
das Schweigen ist nicht so recht Ihre Sache. Aber da ich sonst genau
wei, was ich von Ihnen zu halten habe, bewies ich ja, indem ich Ihnen
Klara zur Pflegetochter gab.

Die graue kleine Frau weinte sogleich ein bichen in ihr Taschentuch
hinein -- halb vorweg aus Rhrung -- unbestimmt und ahnungsvoll. Und
dann: eben das Gewissen...

Sie haben Ihr Gelbnis, zu schweigen, in diesem einen ernsten,
furchtbaren Fall gehalten?

Unverbrchlich! sagte sie und hob ihr Oberkrperchen in
verdienstvoller Haltung, es gibt keinen Menschen, der in dieser Sache
mir vorwerfen kann, ich htte geschwatzt.

Er besann sich. Fragte dann weiter: Knnen Sie mir etwas darber
sagen, weshalb Klara sofort einwilligte, Wynfrieds Frau zu werden?

Sie konnte doch gar nicht anders. Das hat sie doch aus Dankbarkeit
getan. -- Wo Sie doch hofften -- da Klara Ihren Sohn -- da Ihr Sohn
durch Klara ... Nach all dem, was Sie an Klara und ihren Eltern
getan...

Er fuhr in lodernder Ungeduld auf.

Aber eben beteuerten Sie Ihr unverbrchliches Schweigen! rief er
heftig.

Ich meinte -- gegen alle anderen Menschen -- aber als Klara so
leidenschaftlich auf mich eindrang -- es war ja wohl zwei Wochen vor der
Verlobung -- Klara hatte aus Ihren eigenen Erzhlungen ber Ihr Werk und
Ihr Leben Verdacht geschpft -- was sollte ich da machen? sagte sie
beleidigt. Und um sich auch noch in dieser Wendung ein Verdienst
zuzuerkennen, setzte sie hinzu: Ich denke, Herr Geheimrat, Sie wren
der letzte, mir einen Vorwurf daraus zu machen. Wie oft haben Sie mir
gesagt: Lamprchtige, seit ich meine Tochter habe, bin ich erst ein
Mensch. -- Und nun gar Severin der Kleine -- Ihr Enkel!

Ich -- ich! sprach er vor sich hin. -- Aber sie! Ihre Jugend -- ihr
Leben -- ihr Glck. -- Zu viel der Opfer...

Er legte die Hand gegen die Stirn. Ja, nun wute er, warum Klara seinen
Sohn geheiratet hatte. Es nderte nichts, gar nichts an der Lage -- es
belud nur sein Herz noch schwerer.

Weinerlich sagte die Alte: Das hab' ich ja auch nicht gedacht, da
Klara selbst vielleicht zu kurz dabei kme! Ich dachte: so reich zu
werden! Das war doch schn. Und solchen Vater zu bekommen! Das war doch
fr die Verwaiste herrlich. Und ich dachte: in Klara _mu_ man sich
doch verlieben -- ihr Mann kann gar nicht anders -- mu sie anbeten --
ja, da er doch nach anderen Frauen guckt -- aber das ist wohl bei den
Mnnern heutzutage Sitte--

Was?! rief der Geheimrat. Und seine Augen sprhten. Man konnte wieder
einmal nur vor ihm zittern. Sie duckte sich frmlich...

Nichts. O Gott. Nichts Bestimmtes, brachte sie heraus, nur -- die
Leute -- es heit -- er sei sehr viel -- sehr -- mit der Baronin
Hegemeister zusammen.

Er lachte auf. Es blieb ihr verborgen, wem dies zornige Auflachen
galt...

Aber die nchste Zeit schien nun gerade beweisen zu wollen, da alle
Sorgen und alles Geschwtz mig seien.

Die Reisen Wynfrieds wurden seltener. Das schien erklrlich. Das
Absegeln der verschiedenen Jachtklubs hatte schon gegen Ende September
stattgefunden. Wynfried hatte seine Klara erst drei Wochen spter auf
einer Hamburger Werft in Winterquartier gegeben.

Aber mit dem Freundeskreis, den er sich in Hamburg in Seglerkreisen,
unter Mitgliedern des Norddeutschen Regattavereins gebildet, wolle er
doch Fhlung behalten, sagte er. -- Wie klar alles...

Tuschte ihn sein Vaterauge? Spiegelten ihm seine uneingestandenen
Hoffnungen, da dennoch alles gut enden mge, etwas vor? Schien Wynfried
nicht aus seiner freundlichen Liebenswrdigkeit heraus in neue, andere
Stimmungen zu kommen? Verfolgte sein Blick nicht manchmal in besonderer
Aufmerksamkeit die Gestalt seiner Frau, wenn sie in ihrer anmutsvollen
Ruhe, schlank und vornehm dahinschritt?--

Und an Klaras Geburtstag sah er: es war keine Tuschung. Er war der
Zeuge ... wie sollte die Gegenwart eines Vaters, der seine
Schwiegertochter anbetet, den jungen Gatten stren -- er sah es:
Wynfried befestigte selbst eine kostbare Brillantnadel, die er seiner
Frau geschenkt, am Ausschnitt ihres Kleides, und seine Blicke suchten
zrtlich, werbend ihre Augen. Klara erglhte...

Und in dem alten Herrn regte sich all das Feinste und Vornehmste, was in
ihm war. Anstatt sich zu freuen, klopfte sein Herz ihm hastig -- sein
keusches Mannesempfinden war verletzt.

Auch Klara erbebte.

Seit ihre Seele wute, was lieben, leiden und entsagen ist, war sie
erwacht.

Sie wollte ihre Pflicht tun -- auch als Gattin. Aber es war eine heie
Sehnsucht in ihr, ihr mge Zeit vergnnt sein. -- Sie mute erst weiter
sein, weniger wund vielleicht. -- Ihr Wille, ber das Grab in ihrem
Herzen hinweg sich doch noch zu dem Gatten hinzutasten, mute erst die
Anfnge von Sieg sehen. -- Sie sprte: er begann, sich leidenschaftlich
in sie zu verlieben. -- Und in zitternder Angst bebte sie zurck -- ohne
zu ahnen, da seine keimende Verliebtheit dadurch nur angefacht ward.

So, in schwlen Unklarheiten, liefen die Wochen in einen dstern Herbst
hinein.

Es war an einem Morgen, an dem die Nebel gleich dickem weiem Filz vor
den Fenstern standen und jeden Ausblick wehrten. Sie hatten das
Hochofenwerk und drunten den Flu und drben die rote kleine Stadt
verschluckt.

Da fuhr ein Auto am Herrenhause vor, und Agathe stieg aus. Ein
Pelzmantel, dessen Rauhwerk nach auen gekehrt war, machte ihre ppige
Gestalt allzu umfangreich. Die Nerzmtze auf ihrem blonden Haar trug als
Schmuck ber der Stirn einen kecken Reiherbusch. Ihr Gesicht war
erhitzt. Zufllig war es Leupold, der ihr die Tr ffnete.

Ach Leupold. Wie geht es Herrn Geheimrat? Und melden Sie mich doch bei
der gndigen Frau.

Herr Lohmann ist verreist, sagte der alte Diener kalt und sah an ihr
vorbei.

Agathe wurde noch heier rot.

Ich wnsche der gndigen Frau gemeldet zu werden, wiederholte sie. Sie
gab sich eine hochmtige Haltung. Denn sie fhlte auf der Stelle, da
Leupold sie mit Absicht falsch hatte verstehen wollen.

Und dann stand sie peinliche Minuten. Lie Klara sie warten? Fand der
Diener die Frau des Hauses nicht gleich? Wurde sie vielleicht gar
abgewiesen?

Alle Schrecknisse ihrer Lage strzten ber sie her. -- Gewi -- Klara
wute schon alles und wollte sie nicht sprechen. -- Aber eine
Unterredung mit Klara, ein Anruf ihrer Gromut -- und alles war ja gut!
Was sollte werden, wenn es zu dieser Unterredung nicht kme?

Ach -- gottlob! Da war Leupold wieder!

Und mit seinem undurchdringlichsten Gesicht meldete er: Die gndige
Frau lt bitten.

Agathe wurde in das Wohnzimmer ihrer Freundin gelassen. Nun wartete sie
zwischen den Mbeln, die von Klaras Mutter stammten, und das Bild der
Toten sah auf sie herab. Fein und hell hob es sich von dem grnen
Hintergrund ab. Wieder verrannen Minuten. Agathe zitterte. Dies war,
dies mute Absicht sein! Und als endlich sich die Tr ffnete, erschrak
sie so, da ihre Knie unsicher wurden.

Klara kam eilig herein -- mit einem freundlichen Gesicht -- unbefangen.

Endlich einmal wieder -- Agathe! sagte sie beinahe frhlich. Verzeih,
da ich dich warten lie. Doktor Sylvester war da. Denke dir: der fnfte
Zahn ist bei unserem Jungen durch! Sein Grovater tut, als wre es ein
Wunder, ein persnlichstes Verdienst von Severin dem Kleinen. Sie
lchelte glcklich. Aber nun sage -- es war ja unglaublich mit uns --
vier Monate einander immer zu verfehlen!

Das hat auch Mhe genug gekostet, dachte Agathe.

Und in leidenschaftlicher Aufwallung von Reue, Beschmung und in dem
unklaren Wunsch, durch jede Geste schon bittend, bezwingend zu wirken,
fiel sie der jungen Frau um den Hals und kte rechts und links ihre
Wangen und war ganz aufgelst vor Erregung.

Liebste, einzige Klara! stammelte sie.

Das war Klara etwas zu viel der Wiedersehensfreude. Aber sie bat gtig:
Lege doch ab -- bleib zu Tisch -- Vater und ich sind allein. Wynfried
ist seit einigen Tagen fort. Er war zu einer Konferenz auf den
Kreyser-Werken und ist dann nicht zurckgekehrt, wie wir dachten. Er
depeschierte, er bleibe noch etwas aus -- sein Telegramm kam aus Kln.

Niemand wute genauer als Agathe, da Wynfried sich in Kln befand. Sie
war von dort gestern abend zurckgekommen.

Nein -- nein -- ich kann nicht hier bleiben, sprach sie abwehrend. Und
sie brachte allerlei heraus von Handwerkern auf Lammen, von der
Modistin, die aus Berlin mit Anproben kme.

Dann saen sie beieinander, auf einer Chaiselongue, in der Nhe des
Fensters. Der bleiche Nebel drauen hing vor den Scheiben. Und Agathe
war pltzlich stumm. Ihr Herz klopfte. Und in ihrem kleinen Hirn jagten
hilflos die Gedanken, um die schne, innige Rede wieder
zusammenzubringen, die sie sich in zwei schlaflosen Nchten ausgesonnen.
Eine Rede, durch die sie sich selbst immer wieder zu Trnen gerhrt
hatte, die auch Klara das Herz erweichen mute! Mit deren Erfolg sie
Wynfried berraschen wollte! Noch diese Nacht dachte sie nach Kln
zurckzufahren. Aber eine Depesche sollte ihr vorauseilen -- ihm sagen:
alles ist geordnet.

Nun aber war die Rede fort. Vllig verweht im Sturm der Angst ... Was
sollte werden, wenn sie die rechten Worte nicht fnde?

Ihr war so unheimlich zumute! Sie konnte das Gefhl nicht los werden,
da aus dieser unglckseligen Begegnung mit Likowski sich irgend eine
Katastrophe entwickle. Ein greres Pech konnte es auch gar nicht geben!
Sie sa mit Wynfried in einem kleinen Weinrestaurant in der
verborgensten Ecke. Oft waren sie schon dort gewesen, und sie hatten
niemals eine Uniform dort gesehen, auer der der Bonner Husaren. Und nun
kam eine kleine Gesellschaft, zwei hhere Artillerieoffiziere mit ihren
Damen -- und mit ihnen Likowski, in Zivil.

Es war ihr schrecklich gewesen, schrecklich! Aber Wynfried schalt sie
aus -- ach, er war nicht mehr der strahlende, anbetende Freund der
ersten Zeit. Er sagte: Likowski ist Kavalier, als solcher wei er, da
er uns nicht zu sehen und zu erkennen hat.

Aber Likowski kam dennoch heran -- auf eine so fremde, ferne Art --
einen Schritt vom Tisch blieb er und grte kalt. Und sprach in einem
Ton, der nicht aus Agathens Ohren wollte: Bitte, Herr Lohmann -- auf
ein Wort.

Und Wynfried stand auf und folgte dem Hauptmann. -- Sie blieben auer
Hrweite stehen. -- Steif und hflich sah es aus, wie sie ein paar kurze
Worte zusammen sprachen. -- Dann verneigten sie sich sehr frmlich
voreinander.

Wynfried kehrte zu ihr zurck -- leichenbla und stumm, und wehrte
allen Fragen ab. Und bat -- nein -- befahl, da sie am nchsten Morgen
abreise.

Von diesem Augenblick an erwuchs in Agathe der Gedanke: Klaras Gromut
wird alles in das rechte Geleise bringen.--

Nun? fragte Klara. Wie ist es dir denn in diesen letzten Monaten
ergangen? Du warst viel mit deiner Gerwald auf Reisen?

Schlecht ist es mir ergangen, sagte Agathe gedrckt.

Dir? Schlecht?

Das tiefe Erstaunen in diesen fragenden Wiederholungen war fr Agathe
eine Krnkung. Ihr Dasein kam ihr in diesem Augenblick sehr mhselig und
beladen vor. Aber das war immer ihr Los gewesen: kein Mensch glaubte
ihr, wenn sie litt.

Ich bin sehr unglcklich, sprach sie mit weinerlicher Stimme. Wenn
man entsagen und immer wieder entsagen soll...

Klara erschrak. Kam ihr die gutherzige, trichte Frau wieder mit ihrem
Liebesjammer?

Nur das nicht! Nicht diese kindischen Klagen hren, um einen, den sie
selbst in heiliger Entsagung liebte. Das htte ihre wunde Seele zu
peinlich geqult.

Sie suchte nach einem ablenkenden Wort. Aber noch ehe sie es fand, warf
sich die andere pltzlich gegen sie -- umklammerte ihren Hals und fing
schluchzend an, zu weinen.

Mein Gott -- Agathe -- fasse dich doch...

Nein, stammelte Agathe, nein -- ich habe alle Fassung verloren -- ich
kann nicht mehr -- ich kam -- weil du -- du allein bist es, die mir mein
Glck geben kann. -- Leben -- Ehre -- Glck -- alles...

Was hie das? Gab es denn, auer dem Vater, der ahnungsvoll ihr
geheimstes Leid zu erraten schien und es andchtig beschwieg, gab es
einen Menschen, der von ihrer Herzensqual wute?

Und wie sonderbar drckend war ihr die Krperlast der Weinenden. Sie
schob sie von sich und sprach mit blassen Lippen: Ich habe kein Glck
zu vergeben, und ich kann dir nicht helfen.

Doch: Gib ihn frei -- la ihn mir -- ich liebe ihn ber alles in der
Welt -- ich sterbe, wenn ich auf ihn verzichten soll.

Von wem sprichst du? fragte Klara. Und zitterte vor dem kommenden
Wort.

Von Wynfried -- von Wynfried!

Das kam jammernd heraus -- als umschlsse der Name allein alles Unglck
ihrer Gegenwart.

Von -- von...?

Ich trume, dachte Klara, das ist ja Unsinn.

Hast du es denn nicht gesprt? Du _mut_ doch gemerkt haben, wie
glcklich und froh er war. -- Aber das ist es -- so was kannst du nicht
merken -- du bist ja nur seine gute Freundin -- du bist kalt -- ach --
du weit nicht, wie es ist, wahnsinnig zu lieben. -- Deshalb kann es
dich auch nichts kosten, gar nichts, ihn frei zu geben.

Verstummt, gelhmt sa die junge Frau. Die vergangenen Monate zogen in
rasendem Fluge an ihr vorbei. Sie sah ihren Gatten -- immer
liebenswrdig, hflich -- rcksichtsvoll -- ohne Ansprche an ihre
Hingabe. -- Wie war es friedlich -- wie erlsend gewesen. -- Aber nun.
-- Diese allerletzten Wochen? Umwarb er sie nicht? Begehrlich -- wie ein
Verliebter?

O Schmach!

Und unterdessen ging die jammernde Rede der anderen immer weiter --
wurde ruhiger -- nahm endlich den Ton des Rechtes an. Mit der Miene
eines kleinen Mdchens, das seine ersten Liebessorgen hat -- naiv --
manchmal fast treuherzig. Und sie schlo: Siehst du, geliebte Klara,
ich habe dir ja nichts weggenommen. Ihr habt euch nicht aus Liebe,
sondern nur dem Vater zu Gefallen geheiratet. Und Wynfried sagt, er sei
eben damals so herunter und so willenlos gewesen, da er sich habe
verheiraten lassen. Deshalb brauche ich dir gegenber auch kein
schlechtes Gewissen zu haben. Ich hab' dich auch viel zu lieb, als da
ich dir etwas htte antun wollen. O nein, dazu bin ich ein zu
anstndiger Mensch. La ihn frei, damit ich sein Weib werden kann. Ich
sterbe sonst...

Und sie drckte ihr Taschentuch gegen die Augen.

Klara fuhr auf. Sie hatte gedacht -- gedacht -- und doch, in fiebernder
Doppelttigkeit, alles gehrt.

Vor einem Jahr wolltest du um einen anderen sterben.

Agathe hrte wohl den Hohn. Aber sie fhlte jetzt zu leidenschaftlich,
und alles war doch anders.

Jetzt wei ich erst, was wahre Liebe ist! schluchzte sie.

Wie diese Trnen Klara schrecklich waren -- sie wuschen alle Wrde von
den Worten.

Du wirst entsagen mssen, sprach sie hart.

Dazu ist es zu spt, sagte Agathe.

Und sie erschrak, weil sie es gesagt hatte! -- Ihre Trnen versiegten --
eine Art von Trotz kam ihr -- sie wartete und sah die Frau an -- die
bla, in aufrechter Haltung, mit verschlossenem Gesicht dasa. -- Wie
von Unergrndlichkeit umwittert. -- Was wrde ihr nchstes Wort sein?

Welche Drohung lag darin, da es so lange ausblieb?

Ich habe auch mein Recht! dachte sie.

Und endlich fragte Klara -- kurz und klar: Schickt dich Wynfried?

Agathe erschrak sehr. Sie war ja eigenmchtig hier! Ein dumpfes Gefhl
sagte ihr, da Wynfried diesen Schritt mibilligt haben wrde, weil --
weil -- er vielleicht gar nicht frei sein wollte.

Aber gerade das hatte sie hergejagt. Nach der Begegnung mit dem
Hauptmann gab es nur noch eins: sich ffentlich zueinander bekennen. Als
Held und Heldin einer unbezwinglichen Leidenschaft das Urteil der Welt
gewinnen -- sozusagen fast gesegnet von der ersten Frau des Geliebten.

Aber etwas kleinlaut sagte sie: Nein. Ich kam, weil -- weil -- es so
nicht weitergehen kann -- ich habe solche Angst.

Wieder schwieg die junge Frau lange. Sie erwog: vielleicht fhlt diese,
da er anfngt, sich von ihr zu wenden -- mir zu. Und sie will sich
deshalb zwischen ihn und mich werfen ... Und vor ihrem Gedchtnis
brannten seine begehrlichen, bittenden Blicke ... O Schmach! Ein
siedender Strom von Zorn und Abwehr brauste durch ihren Krper.

Du weit nicht, was Liebe ist, fuhr Agathe fort. Du bist eine
Verstandesnatur. Gegen die groe, wahre Liebe ist man eben machtlos. Man
erliegt. Sie ist gewaltiger als Gesetz und Pflicht.

Klara schlo die Augen. Sie dachte an jene Sommernacht, da gerade die
Gre ihrer Liebe zweien Herzen die Kraft gegeben, sich zu bezwingen.

Es kann dir doch nicht schwer sein, auf deinen Mann zu verzichten -- wo
ihr euch nicht aus Liebe geheiratet habt.

Nun hatte die junge Frau sich ganz gefat.

Gerade deswegen ist unsere Ehe unlslich, sprach sie.

Klara...

Sie war kein Handel, der rckgngig gemacht werden kann, denn ich habe
mich nicht verkauft.

Klara...

Sie war kein Liebeswahn, aus dem man erwacht. Wir wuten, was wir
taten.

Klara! Nun schrie es die andere Frau -- flehend, jammernd.

Wir haben uns die Hnde gereicht zur Erfllung sittlicher Pflichten.
Diese bestehen fort. Sie haben sich noch vermehrt. Wir haben einen
Sohn.

Sie stand auf. Und der anderen war, als msse sie sich zu ihren Fen
hinwinden -- irgend etwas schrecklich Demtiges tun. Aber sie kmpfte
doch um ihr Recht! Und sie hatte es in den letzten Wochen mit Beben
gesprt, da der geliebte Mann lauer wurde. Und gerade jetzt! Nein, ihr
Leben war wirklich vernichtet -- ihre Zukunft verdorben, wenn er sie
verlie.

Und ihre Demut schlug in das Gegenteil um.

In ihre blauen, schwimmenden Augen kam ein beinahe gehssiges Licht.

Oh, sagte sie, wie unweiblich! Du willst einen Mann halten, der nicht
dir, sondern mir gehrt! Ich mchte wohl wissen, wie du dir deine
weitere Ehe denkst.

Ein herbes Lcheln ging um Klaras Mund. Und in stolzer Abwehr sprach
sie: ber die Zukunft meiner Ehe habe ich mit dir nichts zu sprechen.
-- Und mir scheint -- auch sonst nichts mehr.

Du weisest mich fort? fragte Agathe und kmpfte wieder mit jh
aufsteigenden Trnen, du willst mich beschimpfen?

Nein. Aber du mut begreifen: nur mit meinem Mann habe ich ber diese
Sache zu reden. Und erst wenn ich von ihm selbst gehrt habe, da er
frei zu sein wnscht, werde ich mich fragen mssen, was ich zu tun habe.
Ich, von mir aus, mu unsere Ehe fr unlslich erklren.

Die blonde Frau geriet in Verzweiflung und weinte wieder mit kindischen
Lauten.

Sie ngstigte sich ja gerade davor, da es dem Manne gar nicht um
Freiheit zu tun sei. Ihre Phantasie sah eine groe Vergebungs- und
Vershnungsszene zwischen den Gatten voraus.

Was noch tun? Wie sich den Sieg erringen? Sie hatte ihn sich so einfach
gedacht. Klara war doch so edel, so selbstlos, so gromtig.

Agathe hatte in der Unverschmtheit kleiner Seelen all die Gromut der
hheren Natur zu ihren eigenen Gunsten in Rechnung gestellt. Sie war von
jenen, die einen Nebenmenschen unbefangen verraten, krnken, berauben
knnen, um nachher zu ihm zu sagen: Du bist so groherzig, du wirst
verzeihen.--

Weine nicht, sagte die junge Frau, geh und la mich allein.

Noch einmal strmte Agathe mit ihrem Krpergewicht in heftiger Umarmung,
mit Schluchzen und Betteln gegen sie an.

Er darf, er kann mich nicht verlassen, schrie sie fast, es ist zu
spt ... Die Folgen ... Ich fhle...

Geh. La mich allein.

Das war kaum hrbar -- aber es drang doch durch all den Lrm der Bitten,
Klagen und des Geschluchzes der anderen.

Und sie ging.

Schon auf der Schwelle blitzte der Gedanke durch sie hin: Gott -- man
sieht, wie verweint ich bin...

Und sie tupfte mit dem Taschentuch auf Lidern und Wangen herum...

Da war Leupold. Er geleitete sie an ihr Auto.

Und sie hatte ein elendes Gefhl vor diesem Manne, der doch blo ein
Diener war.

Die Tr des Autos wurde geffnet. Drinnen tief in eine Ecke gedrckt
fror die Gerwald unter der Pelzdecke.

Agathe sank schwer auf ihren Sitz -- die Tr schlo sich.

Geliebte Gerwald -- Sie mssen mit dem Nachtzug mit mir nach Kln
fahren.

Bitte, bitte, liebe Baronin -- nicht weinen -- es wird ja alles gut
werden...




11


Die junge Frau brach nicht fassungslos zusammen. Die groe Aufregung
wirkte zunchst auf sie wie ein berauschender Trank, der durch ihre
Adern schwoll und ihre Nerven anspannte. Sie ging rastlos hin und her
und her und hin -- mit fieberisch erhitztem Gesicht.

Sie wollte die ungeheuerliche Offenbarung, die ihr geworden war, in Ruhe
bedenken.

Aber davon konnte keine Rede sein. Ihr ganzes Wesen war aufgestrt.

Sie hatte gar keinen Ha oder nur Zorn auf die andere Frau -- dachte
kaum an sie.

Sie dachte an ihre Ehe -- an den Vater -- an das Kind.

Wrde Wynfried sie bitten: gib mich frei? Ihr ahnte: nein, das wrde er
nicht tun. Aber nicht etwa, weil er an der Sittlichkeit ihrer Ehe
festhielt -- o, die hatte er mit Fen getreten -- sondern -- sondern --
weil er begann, sich in seine Frau zu verlieben...

Es war ihr, als msse sie wahnsinnig werden bei diesem furchtbaren
Gedanken.

Vor einem Jahr hatte sie glubig auf das Wunder der Liebe gewartet.

Es war nicht zwischen ihr und ihrem Gatten erblht.

Aber _diese_ Art Liebe, die sie jetzt ahnte -- die war ihr wie eine
Beleidigung.

Sie konnte lange gar nichts denken -- ging hin und her, mit
beschwingten Schritten, wie auf der Flucht.

Dann kam die Erkenntnis: Unsere Ehe -- gerade unsere -- mute durch
Treue geadelt werden.

Und nun, wo sie entadelt war -- mute sie aufrecht erhalten werden?
Befreite seine Treulosigkeit sie von ihrer Pflicht gegen den Gatten,
gegen den Vater, gegen ihr Kind?

Nein. Sie mute verzeihen.

Aber die Ehe fortsetzen? Wie sollte sie das ertragen?

Sie stand vor dem Bilde ihrer Mutter. Sie starrte zu dem feinen,
leidvollen Gesicht empor. -- Das schwieg. -- Wie Tote schweigen, die nur
sprechen, wenn wir selbst ihnen Worte leihen. -- Und die entsetzte Seele
der jungen Frau hatte keine -- erbebte in stummer Not...

Aus dieser Gebundenheit erwachte sie langsam zu einem staunenden
Gedanken: Aber ich habe ihn doch damals heiraten und mich ihm zu eigen
geben knnen!

Aber damals hatte die Ekstase ihrer Dankbarkeit sie getragen! Damals
stand der Mann als ein von geheimnisvollen Leiden Zerschlagener vor ihr,
und alle unbewute Mtterlichkeit in ihr fand eine Aufgabe darin, ihm zu
helfen. Damals wute ihre Seele nicht, was Liebe ist -- die dmmerte
noch hinter der Schwelle des Erkennens, tief im Untergrunde ihres
Gefhlslebens.

Nun war alles anders geworden. Ihr ahnte lngst, da jene
geheimnisvollen Leiden ihr Mitleid nicht verdient hatten.

Und ihre Seele war zu einer reinen, entsagenden Liebe erwacht.

Nur die Dankbarkeit war die gleiche geblieben.

Und neue, noch viel strkere Empfindungen waren emporgewachsen --
tchterliche -- mtterliche.

Sie ging ans Fenster und suchte mit ihren Blicken den Nebel zu
durchbohren. Die weie Mauer der filzigen Luft verbarg das Werk. Wenn
sie es doch htte sehen knnen! Der Anblick der rauchenden Schlote und
der mystischen Glutscheine wrde ihr wohlgetan haben. Sie sprachen so
stark vom Lebenswerk des alten Mannes, des groen Arbeiters, der ihr
Vater geworden war.

Ihre Ehe lsen hie: ihn verlassen!

Wie wrde er leiden!

Und ihr Kind? Wenn sie, die Schuldlose, von dannen ging, so war es ihr
Recht, es mitzunehmen. Kein Mensch, kein Gesetz konnte sie daran
hindern.

Das wrde den alten Mann tten!

Seit er den Enkel besa, wute er, fr wen er gearbeitet, fr wen der
Pulsschlag des gewaltigen Werkes da drben so stark und lebendig
schlug.--

Sein Enkel bedeutete ihm die Erfllung aller Lebenshoffnungen ... Spt,
nach vielen und herben Enttuschungen war sie ihm geworden. -- Diese
winzigen Kinderhnde hatten die Wunderkraft, alles Schwere, alle
Entsagungen aus seinem rastlosen Dasein auszustreichen. Endlich -- an
der Schwelle des Grabes fast -- gab das kleine Kind ihm noch Freude --
Freude, mit der ganzen Macht seiner ungewhnlichen Natur empfunden.

Und dieses Glck sollte sie ihm fortnehmen?

Nein, dachte Klara, das kann ich nicht.

Eine Stimme schien sie zu fragen: Aber kannst du dich denn noch einmal
dem Manne zu eigen geben, der dich jetzt mit so werbenden Blicken
verfolgt?

Wie gro die Opfer auch gewesen waren, die sie gebracht hatte -- das
uerste war ihr erspart geblieben: ihre weibliche Wrde blieb
unverletzt.

Sollte sie sie nun zerbrechen lassen?

Wo war der Ausgang aus dieser Wirrnis von einander bekmpfenden
Pflichten und Gefhlen?

Undurchdringlich wie der weie Nebel stand die Zukunft vor ihr.

Sie glaubte, es seien Minuten vergangen, seit ihr Ohr geqult wurde von
dem kindischen Jammer der blonden Frau. In diesem wunderlichen Wechsel
zwischen entsetzt hinjagenden Gedanken und bleierner Stumpfheit war ihr
alles Ma fr die Zeit abhanden gekommen.

Nun erschrak sie, als Georg kam und die Tischzeit meldete.

Es hie wie alle Tage in Heiterkeit neben dem geliebten Vater sitzen,
damit ihm die Stunde der Mahlzeit eine freundliche sei...

Mechanisch ging sie ins Ezimmer -- verga, sich umzukleiden -- verga
den Blick in den Spiegel. -- Ging im Zwange der Gewohnheit.--

Es schien, als habe der Tag sein jhes Ende gefunden. Im Ezimmer waren
die Vorhnge geschlossen, und das fahle Nebellicht kam nicht herein.
Festlich glnzten die elektrischen Birnen zwischen ihrem Behang von
stumpfgeschliffenem Kristall.

Zu Hupten der kleinen Tafel, die fast verloren im reichen Raum stand,
sa schon der Geheimrat in seinem Fahrstuhl.

Er sah der Tochter entgegen, das ganze bedeutende Haupt schien wie von
einer hellen Stimmung umstrahlt. Eben hatte er seinen Enkel besucht und
sich geschmeichelt gefhlt, da dieser kleine Herr des Hauses vor
Vergngen mit den Patschhndchen schlug, wie ein unflgges Vgelchen mit
den noch kmmerlichen Flgeln, als der Grovater hereingefahren wurde.

Aber ganz pltzlich nderte sich der Ausdruck seines Blickes.

Klara im Morgenanzug? Mit dunkelglhendem Gesicht? Wie eine Fiebernde?

Bist du krank?

Ich? -- Nein.

Sie setzte sich. Man a. Sie versuchte auch, zu essen, zu sprechen. --
Ja, schon fnf Zhnchen. -- Ja, Judereit war nun genesen. -- Ja, er war
in den langen Leidensmonaten ein einsichtsvoller Mensch geworden mit
vernnftigen Plnen. -- Ja, Thraufs Finchen wollte nach Mnchen und
sich der Malerei widmen. Ja -- zu allem -- und alles war so
gleichgltig. Und sie fhlte immer, wie die groen, blitzenden Augen sie
mit wachsamer Sorge zu durchbohren schienen.--

Nachrichten von Wynfried?

Nein, seit dem Telegramm keine, antwortete sie.

Wie ihn die Kreyser-Werke immer festhalten! Und wie er gern zu seinen
Bekannten nach Kln fhrt. Ich denke manchmal, die Kreyser-Werke und ihr
Betrieb interessieren ihn mehr als 'Severin Lohmann', und wenn er freie
Wahl htte, siedelte er dahin ber. Der muntere Zug im Leben des
Rheinlandes zieht ihn auch besonders an. Gottlob, da du da bist, Kind,
und da wir Severin den Kleinen haben. Sonst htte ich Angst, nach
meinem Tode wendete mein Sohn dieser Sttte den Rcken. Aber du wurzelst
in ihr fest und erziehst mir den Enkel in unserem Sinn.

Das war mehr, als Klara in dieser Stunde hren konnte.

Und sie wute nicht, da die Glut auf ihren Wangen langsam hinlosch und
da ihr Gesicht elend, leichenbla, zusammengefallen erschien -- und
ihre Stimme leise, wie verhallt, als hole sie jedes laute Wort mhsam
aus der Brust herauf.

Und auf einmal fing alles an, sich zu drehen. In ihren Ohren sangen
hohe Geigentne in langen Bogenstrichen. Sie horchte mit versteinertem
Gesicht. Sie dachte: ich bin schwindelig -- hatte eine letzte
Willensregung: nicht fallen -- nicht fallen. -- Dann war alles
abgeschnitten -- als sei ein Fallbeil zwischen sie und ihr Bewutsein
niedergesaust.

Nichts, gar nichts wute sie davon, da ihr Kopf vornber auf die
Tischplatte geschlagen wre, htte nicht Leupold sie aufgefangen, der
die letzten Sekunden, atemlos vor Schreck, sie schon beobachtet hatte.
Sie hrte nicht, da nach der weiblichen Dienerschaft gerufen ward --
sah nicht, da der alte Mann, in Verzweiflung und vor Ungeduld
vergehend, in seinem Stuhl die geballten Fuste auf die Lehnen stemmte.

Als das feine Singen und Klingen, dies dnne Vorspiel des Erwachens,
wieder in ihrem Ohr begann, dmmerte eine Art Verwunderung in ihr. --
Sie horchte dem wieder nach. -- Wie lange das andauerte. -- Sie wute
nicht, da viele tote, schwarze Minuten dazwischen lagen, seit sie es
zuerst gehrt.

Dann hatte sie eine Art von Erstaunen: sie lag auf ihrem Bett?

Wie kam sie dahin? Sie sa doch bei Tisch?

Sie schlug die Augen auf. Fast zugleich hrte sie eine Stimme sagen:
Gottlob!

Und ein weibliches Haupt neigte sich ber sie -- es schien das der
Wirtschafterin -- und man versicherte trstend, da Doktor Sylvester
gewi gleich da sein werde.

Da kam ihr Bewutsein klar zurck, und zugleich brach sie in
leidenschaftliches Weinen aus und drckte ihr Gesicht tief in die
Kissen.--

Der alte Mann, der wuchtig und gebndigt, vor Sorge und Schmerz auer
aller Fassung in seinem Stuhl wartete, jagte bald den Leupold, bald den
flinken jungen Georg hin und her. An dem Trspalt des Schlafzimmers
muten sie Nachricht erfragen.

Und endlich kam Leupold und sagte: Die gndige Frau ist wieder zu sich
gekommen, aber dann sogleich in ein furchtbares Weinen verfallen. Doktor
Sylvester ist schon unterwegs.

Komm her! befahl der Geheimrat.

Er packte die Hand des alten Dieners um das Gelenk, er schttelte ihn
beinahe. Etwas von seinem alten brausenden Zorn war wieder ber ihn
gekommen.

Hr du, sagte er rauh, ein Vierteljahrhundert bist du hier, und mein
Leben ist fr dich von Glas -- sprich -- was geht in meinem Hause vor --
sprich -- als Mensch -- nicht als Diener -- sprich--

Herr Geheimrat, sprach der Mann bla und verstockt, hier im Hause
geht nichts vor. Das wissen Herr Geheimrat doch selbst.

Mensch -- keine Wortklauberei. -- Sag, was du denkst.

Ich denke, da die Ohnmacht und die Trnen der gndigen Frau wohl damit
zusammenhngen, da die Baronin Hegemeister heute hier war.

Die Baronin--

Ich war zufllig auf der Diele. Und dann blieb ich da -- um Wache zu
halten -- da niemand horcht--

Warum? Die Baronin -- das ist eine Freundin des Hauses -- ist zahllose
Male hier gewesen -- was wr' da zu horchen? fragte er lauernd. Denn in
seinem Gedchtnis war immer wach, was die alte Lamprecht ihm vor vielen
Wochen schon zugetragen hatte.

Sie ist seit Monaten nicht hier gewesen. Und -- Herr Geheimrat haben
befohlen, da ich sprechen soll -- und die ganze Gegend klatscht davon,
da sie und unser junger Herr ... Und ein Matrose von der 'Klara', der
hier auf Severinshof sich 'ne Braut angeschafft hat, war neulich da zum
Besuch und erzhlte, da der junge Herr nur ein oder zweimal mitgesegelt
ist ... Und da dacht' ich: die Frau Baronin hat vielleicht viel
abzubitten. Und ich wollte nicht -- dem Georg mu man immer mal
aufpassen, da er nicht horcht. Und ich selbst mute mir Mhe geben,
wegzuhren. Die Baronin weinte und jammerte manchmal laut. -- Was soll
ich noch mehr sagen...? Mehr schickt sich nicht. Herr Geheimrat wissen
auch, wie wir die gndige Frau alle vergttern -- ich auch -- ja ... Und
dann der Kleine! -- Nein, so was durfte nicht kommen. -- Verzeihen mir
Herr Geheimrat -- aber Sie haben befohlen, ich sollte sprechen.

Es sttigte ihn wohl, sprechen zu drfen. Denn der Groll fra ihm schon
lange das Herz ab. Aber er ngstigte sich auch schwer. Sein Herr war in
den letzten Monaten weniger frisch gewesen. Eine Aufregung konnte den
zweiten Schlaganfall bringen, auf den er seit zwei Jahren tglich mit
heimlichem Zittern gefat war.

Aber was der treue Mensch dann sah, benahm ihn vor Erstaunen.

Der wuchtige alte Mann brach keineswegs zusammen. Er atmete tief auf --
langsam hob er seinen Oberkrper -- richtete sein Haupt empor. In jener
furchterweckenden Herrscherhaltung, der verkrperte Wille selbst, sa er
da.

Das Licht fllte den Raum -- die unterbrochene Mahlzeit stand kalt auf
dem Tisch, der in Unordnung war. Das blitzende Auge sah ber alles weg.

Ein schweres Schweigen herrschte.--

Leupold wagte nicht, sich zu rhren, um nicht die Gedanken seines Herrn
zu stren.

Was mochten es fr Gedanken sein? Zornesfalten standen auf der breiten
Stirn. Und eine mchtige Bewegung arbeitete in den groen Zgen.

Nein, das sah nicht aus, als habe ein hinflliger Greis einen Sto
empfangen, der ihn umwerfen mute -- das sah vielmehr so aus, als sei
alle Kraft von neuem erwacht, als spanne sich jeder Nerv in diesem
gewaltigen Krper in straffer Energie.

Nun sah er, wie die Hnde, ohne zu zittern, nach der Brusttasche griffen
-- da trug der Geheimrat ein Bchlein. Er nahm es -- er schrieb ein paar
Zeilen auf -- ri das Blatt ab...

Nimm, sagte er. -- Nein, wirklich, nicht einmal seine Hnde zitterten.

Leupold nahm es. Er sah: es war eine dringliche Depesche. Nach Kln. An
den Sohn des Hauses. Und sie lautete: Ich erwarte dich unter allen
Umstnden morgen frh hier. Dein Vater.

Dann ging der Tag seinen Gang.----

Klara, auf ihrem Bett, sank aus den leidenschaftlichen Trnen allmhlich
in einen Zustand der Erschpfung hinber. Sylvester hatte ihr ein Pulver
aufgedrngt -- sie nahm es aus Geflligkeit gegen den besorgten Arzt. --
Es mochte helfen, da die Erschpfung in einen ruhigen Schlaf berging.

Als sie erwachte, war es dunkel. Und sie hrte sausende Tne. -- Kam das
vom Werk her? Nein -- Sturm! Der Nebel war weggepeitscht.

Klara richtete sich auf. Besann sich. Ihre Fassung war nun vollkommen.

Sie hatte seit Stunden nicht mehr gedacht -- nicht denken knnen.

Und dennoch war in ihr eine eherne Gewiheit und Festigkeit.

Sie wute: ihre Pflicht war es, noch einmal von vorn anzufangen, und um
des Vaters wie des Kindes willen ihrem Mann zu vergeben, zu helfen. Sie
wollte mit ihm sprechen und mit seiner schwachen Natur kmpfen -- damit
er begreife: er msse sich zunchst ihre Achtung erringen.

Dies war das kleine Streckchen Lebensweg, das sich bersehen lie -- ob
es ins Dunkel mndete, ins Helle fhrte -- das mute die Zukunft lehren.

Dieser gegenwrtige Augenblick forderte eine leichtere Pflicht von ihr
... Sie mute den Vater beruhigen! In welche Aufregung mochte ihn ihre
Ohnmacht gestrzt haben!

Sie kleidete sich an -- rasch -- und dachte: Ich nehme den Kleinen mit
hinauf.

Sie fand ihn im Zimmer nebenan, in seinem Wagen lag er, seine Stimme
bend, mit jenen unbegreiflichen Lauten, die noch keine Worte formen
knnen und doch zu einem Mutterohr so beredt von prachtvollem Behagen
und Wohlsein sprechen. Zwischen Spitzen und hellblauen Schleifen sah man
das runde Gesichtchen und die prallen Arme. Und die groen Augen
glnzten tief.

Die junge Frau nahm das Kind und hob es hoch empor und legte das
flaumige Kpfchen gegen ihre Wange -- in leidenschaftlichem Glck die
Nhe des kleinen Geschpfes genieend.

So schritt sie hinauf.

Sie merkte kaum, da ehrfrchtige und eilige Hnde alle Tren vor ihr
ffneten.

Sie gelangte hinauf -- mit ihr kam ein Lichtstrom in einen vllig
dunklen Raum.

In seinem Sessel zwischen den unverhllten Erkerfenstern sa der alte
Herr -- im unerleuchteten Zimmer.

Nun sah er die junge Frau, wie sie im Lichtstrom heranschritt, im
linken Arm hoch das Kind tragend, mit der Rechten das kleine Haupt gegen
ihre Wange drckend -- und um sie der Schimmer von Glanz...

Madonna... dachte er.

Wir wollen Grovater Gute Nacht sagen.

Und ihre Stimme klang wie immer.

Du httest liegen bleiben sollen.

O nein, sagte sie leichthin, es geht mir wieder gut. Hoffentlich hast
du dich nicht erschreckt. Du weit ja: 'Der Frauen Zustand ist
beklagenswert' -- Wir sind ein jmmerliches Geschlecht.

Heldin! dachte er.

Er wute noch nicht: sollte er mit ihr sprechen -- mit ihr schweigen.--

Aber nun muten erst die groen Greisenhnde die winzigen Fustchen
nehmen, denn der kleine Regent sollte bald in sein Nachtrckchen
gesteckt werden. Und da erschien auch schon die Amme in ihrer
schwarzbunten Tracht und wollte ihn wieder hinab holen in sein
Kinderstubenreich.

Schlafe mein Kerlchen. Str deine Mutter nicht. Sie ist fr dich und
mich alles -- sie darf uns nicht krank werden. -- Schlaf fest.

Dei -- dei -- dei, klhnte das Kind, als wolle es sehr Vernnftiges
versprechen.

Die Amme ging mit ihm davon, hinter ihr schlossen sich die breiten
Tren, durch die der Lichtstrom hereingekommen war.

Du sitzest im Dunkeln? fragte Klara.

Sie hockte sich auf den niedrigen Stuhl neben den thronartigen Sitz des
Vaters hin -- da wo so recht eigentlich ihr Platz war.

Ich habe mich mit 'Severin Lohmann' unterhalten, sprach der Alte, es
hatte mir viel zu sagen...

Durch die schwarzblanke Glasfllung der Fenster sah man hinaus in den
Novemberabend, aus dem der Sturm allen Nebel geblasen. Und vor dem
nchtigen Hintergrund erkannte man die hellen Schornsteine, weil von der
Kokerei und den Hochfen und der frei brennenden Gasflamme her roter und
gelber Schein kam, der die Bauten helldunkel umleuchtete. Von blulichen
elektrischen Lichtern war das dster-groe Bild berfleckt, und all
diese Lichtkerne mit der Strahlenglorie rundherum erinnerten so
merkwrdig an Weihnachten. -- Die plumpen Burgen der Hochfen waren halb
angestrahlt, halb lsten sich ihre Formen in Dunkelheit auf.

Der Gesang des Sturms nahm mit seinen langgezogenen Heultnen alle
Gerusche vom Werk fort und trug sie auf seinen Fittichen ostwrts, dem
Meere zu.

Drunten der Flu war an seinem kohlschwarzblanken Gleien nur zu
erkennen, wo vom Werk her Licht ber ihn hinspielte. Auerhalb der
verstndlichen und bersehbaren Wirklichkeit krochen ein rotes und ein
grnes Licht in der Dunkelheit heran. Die Augen eines Dampfers, der sich
gegen Strom und Wind fluauf qulte.

Die junge Frau legte ihren Kopf gegen die Lehne des Stuhls.--

Bald fhlte sie die liebevolle Hand schwer auf ihrem Haar.--

So saen sie und sahen zu dem vom rtlichen Schein angehauchten Rauch
hinber, der sich in der schwarzen Hhe verlor. Sie sahen von diesem
Stck Welt des Eisens und der Kohle mit geistigem Auge noch viel, viel
mehr, als das Nachtbild ihnen zeigte. Sie sahen alle tausend Fden, mit
denen es an die Gegenwart, an alle groen Fragen und Forderungen der
Zeit gebunden war. Sie sahen sich als Diener dieser Zeit -- ihre Herzen
wurden bescheiden und still.

Leise sprach der Alte -- fr sich hin -- zu ihr, die mit seinem Enkel
sein Werk bewachen und fortsetzen sollte -- vielleicht hinaus zu
Tausenden, die ihn nicht hrten:

Ich habe gedacht ... Eine neue Zeit lt nicht nur neue Formen,
Schnheiten, Anschauungen, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten
entstehen, wlzt nicht nur Technik und Bedrfnisse um. Fast frchte ich
mich, es auszusprechen: sie wertet auch unsere Empfindungen um! Man
sagt, da alte Geschlechter, die seit Jahrhunderten auf ihrer sich
forterbenden Scholle sitzen, diese mit heier Inbrunst lieben. Wie
sollten sie nicht! Und dennoch mu die Liebe, die Mnner wie ich zu
ihren Werken haben, noch von einer anderen Art sein. Tiefer und
ausschlielicher. Denn sie ist noch fruchtbarer! In meines Sohnes Adern
fliet mein _Blut_ -- nicht nur _mein_ Blut -- vielleicht, nein gewi,
noch mehr von dem der Frau, die ihn gebar. In den Adern meines Werkes
fliet nicht nur mein Blut; meine _Kraft_ -- meinen _Geist_ -- meine
_Energie_ -- alles, was ich bin, krperlich und seelisch, hab' ich
hinbergepflanzt in dies Werk. Geheimste Strme gingen von mir fort in
meine Arbeit und gaben ihr Leben. Und ist so dies Werk nicht noch mehr
mein Kind, in viel unzerstrbarerem Sinne, als mein Sohn es ist? Ist
diese Wahrheit erschreckend? Ist sie nicht vielmehr voll geheimer Gre?
Voll drohender Mahnungen? Werte abwgen gegeneinander -- das fordert die
Zeit. Vielen, vielen lie sie das Idyll des Familienlebens und das
Auskosten seiner kleinen und groen Kmpfe. Aber fr die, denen ein
Platz ward in der Front der Schaffenden, heit es sich fragen: Was ist
wichtiger, dein Kind oder dein Werk? Und da, wo ich stehe -- und so,
wie mein Sohn ist -- trotz allem, was ihm geopfert ward, ein Halber --
mu ich mich besonders fragen: Was ist Tausenden wertvoller, ntiger --
mein Sohn oder mein Werk? Was ist meinem Herzen teurer -- mein groes,
starkes, kraftvolles Werk oder mein haltloser Sohn?...

Seine Stimme war zuletzt fast raunend geworden. Er sprach wie einer, der
sich vor sich selbst frchtet.

Und die junge Frau fhlte: er wute vielleicht alles. Er war vielleicht
bereit, den Sohn preiszugeben.

Aber das war doch unmglich. Wie sollte, wie konnte das geschehen? Die
einfache Tatsache der festgefgten Lebensverhltnisse verbot es. --
Vielleicht eine zornige Aufwallung? Die milderer Stimmung weichen
konnte? Aber so seltsam gefat, so wunderbar vorsichtig, furchtsam vor
dem Klang der eigenen Worte, spricht nicht der Zorn.

Du und dein Kind -- ihr wit es -- ich habe ein Herz! Deine Mutter
wute es! -- Und dennoch -- dennoch -- wenn ich denn ein unnatrlicher
Vater bin: -- mein Werk steht mir nher als mein Sohn. Ihn knnt' ich
lassen -- meinem Werk gehrt mein letzter Gedanke. Wir Menschen von
heute, wir arbeiten so furchtbar, da Blut und Schwei uns
zusammenschmiedet mit unserer Arbeit -- und wenn unsere Kinder dies
heilige Bndnis nicht verstehen, seien sie davon geschieden.

Klara fror. -- Die Unerbittlichkeit sprach zu ihr. -- Und ihr war, als
sei es kein Zufall, da seine Faust sein Leben lang dem Erz das Eisen
abgerungen habe...

Vater, sprach sie leise. Wir mssen doch Geduld haben.

Da drckte sich die Hand noch fester auf ihr Haupt und lag da schwer --
und dennoch wie Segen -- Trost -- Dank.--

Sie mochten nicht mehr sprechen und schauten still durch die Nacht
hinber auf den bestrahlten, quellenden und zerreienden Rauch, der toll
vor dem schwarzen Himmel jagte.--

Und der alte Mann wartete auf eine Antwort. Die Depesche war doch stark
genug gewesen. Aber an diesem Abend kam keine Antwort mehr.

Nun, wozu auch Antwort? Am nchsten Morgen wrde sein Sohn selbst
eintreffen.

Aber die Stunde, fr die seine Ankunft bestimmt zu berechnen war,
verstrich, und er trat nicht bei seinem Vater ein.

Der Geheimrat lie Thrauf herberbitten. Der tauchte aus seinem berma
von Arbeit auf und hatte zwei Minuten fr den alten Herrn. Wynfried? Vor
vier Tagen hatte er das lange und vortrefflich klare Telegramm ber die
Konferenz auf den Kreyser-Werken geschickt, das der Geheimrat ja kenne.
Seither erhielt Thrauf persnlich keine Nachricht vom Juniorchef der
Firma.--

Die Ungeduld verzehrte ihn. Allerlei Gedanken berstrzten sich. Auch
dieser, da Wynfried gar mit der blonden Baronin auf und davon gegangen
sei.

Aber zu dieser Vorstellung hatte er gleich ein grimmiges Lcheln.

Er kannte seinen Sohn. Der dachte wahrscheinlich ganz unbefangen, wie
tausend moderne Ehegatten denken: auf die Treue des _Mannes_ kommt es
nicht weiter an. Das Abenteuer mit der Baronin war ihm vielleicht nur
ein Sommervergngen -- vielleicht hatte es geheien: halb zog sie ihn,
halb sank er hin. -- Ach -- klein -- klein -- banal!

Und die Blicke fielen ihm ein, die sein Sohn in der letzten Zeit fr
Klara gehabt.

Da stieg ein flammendes Rot bis in seine Stirn, und er litt.--

Es blieb alles stumm. Als wenn die Ferne voll schweren Schweigens sei.

Der Geheimrat lie ein dringliches Telegramm mit dringlicher Rckantwort
an das Hotel in Kln abgehen. Da hatte er binnen einer Stunde in den
eiligen Blaustiftbuchstaben der Depesche die Nachricht, da Herr Lohmann
junior im Hotel bisher nicht angekommen sei, da dort aber seit gestern
nachmittag eine #D#-Depesche fr ihn lagere, aus deren Vorhandensein man
wohl auf seine baldige Ankunft schlieen drfe.

Meine eigene Depesche, dachte der alte Herr.

Nun war er auerstande, noch etwas zu tun. Er konnte nicht an alle
Klner Hotels depeschieren. Wer wute, ob er berhaupt da war? Man htte
auf Lammen anfragen knnen. Das verbot sich. Das bloe Suchen nach einem
Vorwand zur Nachfrage verbot sich.

Solche Stunden ertragen sich hart.

Er sa da wie ein zrnender Gott, der seine Blitze in der Hand
zurckhalten mu, die ihn nun selbst brennen.

Er wute, gerade wie die junge Frau, da sich die festgefgten
Lebensverhltnisse nicht zerreien lieen.

Er ahnte gleich ihr, da Wynfried sich dagegen wehren wrde, seine Ehe
zu lsen, denn er war offenbar im Begriff, sich in seine Frau zu
verlieben.

Ah -- drfte er doch die holde Frau gegen _diese_ Liebe schtzen!

Aber er war machtlos. Wenn sie verzieh, Geduld haben wollte -- er, der
Vater, durfte die Ehe nicht sprengen.

Htte ich sie nie zusammengebracht!

Eins aber konnte er: als richtender Vater, als Mann zum Manne, mit dem
Schwert scharfer Worte gegen den Sohn wettern.

Er hoffte im Grunde wenig davon. Er hatte alles Vertrauen verloren. Wenn
nicht einmal die reine Wrde der jungen Frau ihm Halt hatte geben
knnen...

Der alte Mann erschrak selbst davor, wie ganz ihm sein Sohn entglitten
war -- alle Stimmen der Natur schwiegen.

Sein Enkel, seine Tochter, sein Werk -- diese ber seinen Tod hinaus vor
jeder Gefhrdung zu schtzen, war sein Hauptgedanke. Er wollte sein
Testament ndern. Wynfried blieb auch mit dem Pflichtteil noch ein
wohlhabender Mann.

Da nun seine leidenschaftliche Natur auf schwere Grbeleien angewiesen
war und sich nicht in Wort und Tat entladen konnte, stieg seine
Nervositt bis zur Unertrglichkeit.

Wenn nur irgend, irgend etwas geschhe, diese Spannung zu lsen...

Aber beinahe htte er das, was sie lsen konnte, von seiner Schwelle
gewiesen.

Es war am dritten Tag nach jenem unterbrochenen Mittagsmahl.

Der Himmel war hell, durch den bleichen Sonnenschein raste Sturm. Das
Land lag braunschwarz, mit den rostroten Farbenflecken der Hainbuchen,
in deren Gezweig das welke Laub fror. Der Flu schuppte sich unruhig.
Kahl und freudlos schien die Erde ngstlich auf den Winter zu warten.

Leupold kam.

Ich soll den Freiherrn von Marning melden, sagte er. Und fgte gleich,
etwaigen Vorwrfen abzuwehren, hinzu: Ich habe aber keine Aussichten
gemacht -- habe gesagt, Herr Geheimrat empfingen keine Besuche. Da bat
er, ich solle doch fragen.

Den alten Herrn wandelte eine kurze Verwirrung an. Marning? Er, der fr
immer aus diesem Hause gegangen war? Noch einmal wieder? Und jetzt--

Nein, nein -- gerade ihn konnte er jetzt nicht sehen! Es htte zu weh
getan. Es wrde ihn vielleicht hinreien, zu diesem zu sprechen. Und
gerade diesem mute verborgen bleiben, was jetzt auf dem Hause lastete
-- denn es wre auch fr ihn schwer, schwer, davon zu wissen.

Nein, sprach er vor sich hin, ich kann nicht--

Herr Oberleutnant sagten: es sei wichtig.

Wichtig? Fr ihn? Fr wen? Vielleicht war er anderen Sinnes geworden.
Kam auf das Anerbieten zurck -- wollte doch zur Industrie bergehen --
kam, um Hilfe fr den Weg dahin zu erbitten.

Das entschied. Seine Zuneigung fr Marning wallte auf. Es hie eben,
sich zusammennehmen.

Also ja...

Und wenige Sekunden nachher stand Stephan Marning vor ihm, sehr bla,
sehr ernst.

Lieber Marning. -- Es freut mich, Sie zu sehen. -- Wenn Sie's nicht
wren ... Ich bin ein verstimmter, ungeduldiger alter Kerl -- hab' im
Moment zu viel bunte Gedanken im Kopf. -- Sie mssen schon Nachsicht mit
mir haben. Und mir ein bichen knapp sagen, was Sie wnschen. Meine
Gesinnung kennen Sie -- die ist unverndert...

Herr Geheimrat, begann Stephan. Ich komme nicht in eigener
Angelegenheit.

Irgend etwas im Ton und in der Miene des jungen Mannes lie den Alten
scharf aufmerken.

Das Botenamt, Herr Geheimrat, war zu allen Zeiten ein gefrchtetes.

Wenn der Bote bles brachte! Und das tun Sie demnach.

Ernstes. Ja.

Sagen Sie's nur schlankweg. Man bildet sich immer ein, vor uns Alten
und Brchigen drfe man das Wort 'Tod' nicht laut aussprechen. Ich bin
kein Feigling. Wenn Altersgenossen weggeholt werden, zittere ich nicht
gleich, weil's mich doch auch mal treffen mu. Bin seit zwei Jahren an
eine gewisse Nachbarschaft gewhnt. Ist Ihr Onkel, mein verehrter
Freund, gestorben? Ein schmerzlicher Verlust wr's.

Nein, Herr Geheimrat. Ich habe Ihnen von Likowski Nachrichten zu
bringen.

Wa -- was...? Unser prachtvoller Hauptmann? Aber das ist ja
unmglich--

Wie sonderbar seine Gedanken die eine Fhrte verfolgten -- die des
Todes.

Likowski befindet sich wohl -- er wird in zwei, drei Tagen zurck sein
-- er wre schon heute eingetroffen -- aber er hat ... auch mute er
sich beim Oberst melden.

Nun also -- was ist mit ihm los. -- Nehmen Sie's mir nicht bel, lieber
Marning -- aber Sie verstehen sich drauf, einen ungeduldig zu machen.

Verzeihen Sie, sprach der jngere Mann halblaut, ich bin ungeschickt.
-- Mein Amt ist schwer. -- Likowski hat ein Duell gehabt -- mit -- mit
Ihrem Herrn Sohn.

Der alte Mann fuhr auf -- blieb erstarrt -- sah den andern an -- mit
offenem Munde.

Langsam wich jede Farbe aus seinem Gesicht.

Er war furchtbar anzusehen.

Und endlich, endlich sprach er laut und fest. Er ist tot!

So sprach das Schicksal selber -- ehern -- ergeben -- furchtgebietend.

Nein -- nein. -- Er lebt -- er kann -- er wird weiterleben--

Da sank das schwere Haupt zurck. -- Die Augen schlossen sich -- und ein
wunderbares Lcheln -- geheimnisvoll -- unbegreiflich, irrte um die
Lippen. -- Und unter den geschlossenen Lidern heraus perlte langsam eine
Trne und rann ber die bleiche Wange.

Stephan wandte sich ab. Ergriffen und scheu.

Was jetzt im Herzen des alten Mannes vorging, wute Gott allein.

Sprach dennoch die unergrndliche Stimme der Natur, die verstummt
gewesen war? ... Reckte sich das ganz einfache Gefhl empor? -- Rauschte
das Blut -- das Blut, das auch in seines Sohnes Adern rann, ihm zu:
Gottlob nicht tot? ... Tiefste Rtsel.--

Was wissen wir von uns selbst! fhlte der Alte.

Stephan stand Minuten und sah in den matten, sturmgepeitschten
Sonnenschein hinaus und wagte nicht, sich umzuwenden.

Bis eine beherrschte Stimme ihn aufrief: Nun lassen Sie mich alles im
Zusammenhang hren.

Ich denke, Herr Geheimrat, ich begehe keine Taktlosigkeit, wenn ich
Ihnen Likowskis Brief gebe -- wie er nun mal ist. -- Ganz Likowski. --
Ich befrchte da kein Miverstehen.

Es wre ihm ja unmglich gewesen, alles mit lauten Worten zu sagen. Ihn
duchte, als msse jedes einzelne zum Posaunenton werden und durch
Mauern und Estrich hinabdringen in das Ohr der geliebten Einen.

Miverstndnisse? Zwischen mir und dem, was Likowski sagt und tut und
schreibt? Ausgeschlossen. Her damit!

Stephan legte den Brief -- diesen Brief, dessen Inhalt ihn fast betubt
hatte -- nun in die Hand des alten Herrn. Er setzte sich auf den
nchsten Stuhl, den Sbel zwischen den Knien, die Hnde auf dem Korb
gefaltet -- so wartete er, und sein Gedchtnis, das den langen Brief
auswendig wute, konnte den Blicken folgen, die nun lasen ... Wort um
Wort...


    Lieber Marning! Kamerad! Freund! Da brde ich Ihnen nichts
    Gutes auf. Aber es mu sein! Der alte Herr, den wir verehren und
    lieben, der mu wissen, was los ist. Er soll mir verzeihen, wenn
    er kann! Wenn er nicht kann, mu ich's ertragen. Mein Bewutsein
    ist: ich habe getan, was sein mute. Mein Mandat? Das des Mannes
    und Offiziers, der kein edles Weib krnken lassen darf. Auch
    nicht, wenn sie selbst vielleicht noch nichts davon wei.

    Zu Ihnen hab' ich nie davon gesprochen -- auch die anderen
    Kameraden nicht zu mir -- das war zu delikat, wo es ein Haus
    betraf, das uns so oft Gastlichkeit bot. Wenn man auch ein
    rauher Krieger ist, man hat doch sein Zartgefhl. Aber es war ja
    in allen Blicken, zwischen den Worten war es, in jedem
    pltzlichen Verstummen war es, da auch wir genau wuten, was
    smtliche Spatzen der ganzen Gegend pfiffen. Nmlich, da Herr
    Wynfried Severin und die mollige Baronin sich zusammen auf das
    beste unterhielten und offenbar nicht gerade zusammen im
    Katechismus lasen. Sonst wren sie doch wohl mal bis ans sechste
    Gebot gekommen...

    Ich kann Ihnen gestehen, Freund, ich hab' was an stiller Wut in
    mich 'reingefressen. Wo die junge Frau fr mich so ungefhr das
    Anbetungswrdigste von edler Weiblichkeit ist, was mir auf
    meinem Junggesellenpfad begegnete. Und wo ich ihr alter Freund
    und Hausgenosse gewesen bin. Und wo ich wei, da der Geheimrat
    toben wrde, wenn er wte, da man ihr ein Haar krmmen will.
    -- Na, und so stand es lange fest bei mir: ich sag's ihm in sein
    schnes, nobles Gesicht, da es fr mich sehr hlich aussieht.

    Blo die Gelegenheit! Wo die herzwingen, ohne Skandal?

    Aber so was fllt ja dann vom Himmel, wenn man gerade mit all
    seinen Gedanken mal weit davon weg und in behaglicheren Regionen
    ist.

    Geh' mit Vetter Adolf und Gesponsin, sowie mit einem seiner
    Regimentskameraden, gleichfalls beweibten Zustandes, in ein
    Restaurant. So 'n ganz pickfeines, wo es schon was kostet, wenn
    der Kellner sich verbeugt. Sonst nicht meine Wahl -- das wissen
    Sie wohl. Aber Madame Adolf hat die Schwche und -- das Geld!
    Leider. Geld ohne Geschmack -- das ist eine schlimme Mischung.
    Da htte sich Adolf vorsehen mssen. Na, dies nebstbei. -- Und
    wer sitzt da in diesem Loklchen, an zart bestrahltem Tisch, wo
    zwischen Blumen und dem Leuchter mit dem rosigseidenen
    Schirmchen der graue Kaviar vom Eisblock glnzt? Wer?

    Na, ich sage Ihnen, die pummelige Agathe wurde rot -- rter --
    am rtesten.

    Ich war ganz ruhig. Ich ging 'ran -- so mit 'ner gewissen
    Vorsicht -- Distanz wahrend -- damit nicht etwa die Baronin mir
    gleich die Patschhand freundschaftlich hinstreckte. -- Und da
    bat ich ihn denn, mich anzuhren. Drei Worte gengten ja. Da er
    sie nicht einstecken konnte, wenn er 'n Mann von Ehre bleiben
    wollte, war klar. Und dann lief die Geschichte ihren Gang.
    Ehrengericht damit befassen war unmglich. Die Losung mute
    sein: sofortige Abwicklung! Ehrengericht kann die Sache
    nachtrglich prfen. Und hier gleich in Parenthese: ich melde
    mich sofort beim Oberst. Auf einen Monat Festung bin ich gefat.
    -- Zum Glck hatte Wynfried Severin ein paar Freunde da in der
    Gegend -- Herren, die schlagenden Verbindungen angehrten --
    einer war aus 'm ganz feudalen Korps und fabelhaft bewandert in
    der Regie des Duells. -- Und kurz und gut -- heut im Nebelgrau
    standen wir einander gegenber. -- So 'n rechter schwerer
    Rheinnebel war's. -- Das Gelnde, zwischen Schonungen, nicht
    weit vom Flu -- seltsam war's mir: man hrte durch den Nebel
    den Heulton der Dampfer. Wenn ich Ihnen sage, Marning, da so 'n
    Heulruf ihm das Leben gerettet hat!

    Es war mein Vorsatz: den lsch' ich aus. -- Der verdirbt sonst
    noch dieser kstlichen Frau, an die man blo mit Andacht denken
    kann, das ganze Dasein. -- Ich hate ihn. Krftig.

    Aber was soll ich Ihnen beichten? -- Wie ich so ziele -- in
    diesen grlichen Sekunden -- ein, zwei sind's blo -- da heult
    von fern und leise ein Dampfer -- wie bei uns -- pltzlich seh
    ich unseren Flu vor mir, das Werk, den alten Herrn. Gott
    verzeih' mir: es war verrckt. Total. Beinahe mag ich es nicht
    schreiben: mir war's, als riefe der alte Herr. Es war direkt
    unheimlich.

Stephan sah, da die beschriebenen Bltter in der Hand des Greises
zitterten...

Ja, das war diese Stelle -- seltsam -- und so ganz auer Likowskis
Linie...

Aber weiter...

    Vielleicht htt's ihn doch schwer geschlagen -- wenn sein Sohn
    ... es ist immerhin der einzige! Obschon -- unter uns --
    manchmal dacht' ich: hei ist die Liebe nicht. Und Enkel und
    Schwiegertochter sind ihm alles. Aber wer kann in so was
    'reingucken? Na und kurz und gut: ich nahm nicht dies flotte
    Herz zum Ziel. Aber treffen wollt' ich, und ich traf. Besser als
    er, der den ersten Schu hatte und damit blo ein Loch in die
    Luft machte. Nicht vorstzlich. Ih nee -- ich merkte, wie er
    zielte. Aber natrlich: schlechter Schtze, nicht eingeschossen.
    Meine Kugel ist ihm unterm Schulterknochen durchgeschlagen, hat
    Sehnen und viele Blutgefe zerrissen und die Lunge gestreift.

    Schon nach zwei Stunden brachte mir Vetter Adolf die Nachricht:
    voraussichtlich lngeres Krankenlager, aber durchaus keine
    Lebensgefahr -- wahrscheinlich auch lngeres Schonungsbedrfnis.

    So weit wre ja nun alles ganz gut und schn gewesen und htte
    ganz sachte vertuscht werden knnen. Dem alten Herrn konnte man
    was von einem Automalheur erzhlen. Was ist heutzutage leichter,
    als sich auf der Strae die Knochen zu zerbrechen!

    Aber nun kommt's hochdramatisch. Ohne sich um Wunsch und Willen
    des vorerst Bewutlosen zu kmmern, lt ihn unser Paukarzt ganz
    einfach in eine Privatklinik schaffen, die ein ihm befreundeter
    Chirurg hlt. Na, das war vernnftig. Als Lohmann zu sich kommt,
    fllt ihm ja wohl bei kleinem ein, da die Baronin Nachricht
    haben mu. Er lt telephonieren, die Damen mchten abreisen,
    und seine Sachen sollten vom Hotel in die Meinhardtsche Klinik
    geschickt werden.

    Vielleicht hatte die mollige Agathe schon Lunte gerochen -- und
    dann das Wort 'Klinik'. Kurz: nach einer halben Stunde sa sie
    schon am Bett. Und erklrte jedermann: da ist mein Platz! Und
    nimmt mit der Gerwald mehrere Rume in der Klinik und macht es
    offizis. -- Straf' mich Gott, wenn ich in diesem Falle von
    meiner sonst gutbeschlagenen Menschenkenntnis sollte verlassen
    sein! Aber Agathe ist vielleicht, in all ihrer Unbefangenheit,
    nicht bse ber das Duell! Denn nun kann er gar nicht anders. Zu
    seiner Frau kann er nicht zurck. Sitzen lassen kann er hiernach
    die Baronin nicht. Und so strafen ihn die Gtter und bedienten
    sich dazu meiner bescheidenen Person.

    Dieses Auftrumpfen Agathens: 'Mein ist der Mann, und mir gehrt
    er zu!' -- macht es unmglich, den Fall zu vertuschen. Ehe der
    alte Herr gar in den Zeitungen davon liest -- ehe der Sohn ihn
    benachrichtigen kann -- denn von wegen Agathe kann er nun nicht
    eine glaubhafte Flunkerei von einem Unfall nach Haus drahten. --
    Die Lage ist nicht einfach fr ihn. Donnerwetter! Na also, ehe
    was geschieht, das den Schlag zu roh und plump gegen das Gemt
    des Vaters fhrt -- gehen Sie sofort zu ihm.

    Er hat Sie lieb. Er achtet Sie hoch. Oft hat er's mir gesagt.
    Es ist mir handlicher, mich mit diesem Auftrage an Sie als an
    den vortrefflichen Thrauf zu wenden. Sie sind mein Kamerad --
    mein Freund -- das sagt alles.

    Von Frau Klara kein Wort! Da verbiet' ich meiner Feder jedes.
    Sie wird leiden -- jetzt -- zunchst in jedem Fall! Aber sie
    wird mir doch noch mal im Leben freundlich die Hand geben --
    darauf hoffe ich!

    Und nun: Gott befohlen!

        Ihr Likowski.


Wie langsam der Greis gelesen hatte -- ganz gewi, er mute jeden Satz
wiederholt in sich aufgenommen und lange bedacht haben.

Und nun faltete er mit zgernden Bewegungen die Bogen zusammen. Ein
wenig mute er sich vorneigen und den Arm ausstrecken, um sie auf den
Tisch legen zu knnen, der rechts von ihm aus der Wand vorsprang.

Stephan stand schon auf, um ihm den Brief abzunehmen.

Seine Blicke trafen sich mit den tiefen, groen Blicken des Alten -- sie
kamen wie aus einem Abgrund von Gram herauf.

Aber dennoch -- auf seinen Zgen lag der Ausdruck einer wunderbaren
Gefatheit.

Welche Erschtterungen auch durch ihn hingewandelt sein mochten -- er
stand darber, stand auf Herrscherhhen. -- Von wo aus die Wirrnisse des
Lebens weithin bersehbar sind, wo man erkennen kann, woher die Wege
kommen und wohin sie gehen.

Ein leises, schmerzliches Lcheln voll Vatergte ging um seinen Mund.

Sie wollten mir und allem, was zu mir gehrt, fr immer entfliehen,
sprach er, und nun spielt unser Freund, noch viel mehr als er selbst
wei, Schicksal und schickt gerade Sie zu mir.

Ich konnte den schweren Auftrag nicht ablehnen.

Er war verwirrt -- sein Herz klopfte. Er wnschte sich auf der Stelle
verabschieden zu drfen.

Lieber Marning -- Sie sehen -- der Sohn ist mir verloren -- vielleicht
nicht ganz als Sohn. Mag die Zukunft -- mag vielleicht eine ferne
Stunde, die meines Todes vielleicht, noch einmal seine Hand in meine
legen. Was kann ich davon wissen, was darber sagen? Nichts! -- Ich will
mein Alter nicht mit Unvershnlichkeit beflecken. -- Es liegt an ihm--

Er mute innehalten. -- So lebendig stand pltzlich das Bild der
genuschtigen, selbstischen Frau vor ihm, die seines Sohnes Mutter
gewesen ... Er seufzte schwer...

Mchte der Weg, auf den ihn alles nun zwingt, ihm nicht zu hart mit
Reue gepflastert sein.

Dann fuhr er lebhafter fort. Meine Tochter -- mein Enkel -- mein Werk
-- das gehrt zusammen -- zu mir -- bis bers Grab hinaus: zu mir! Und
davon hat mein Sohn sich geschieden. Er hat die Wrde seiner Frau und
die Wrde meines Werkes verraten. -- Vielem und Vielen sollte er zum
Herrn gesetzt sein. Das kann nur einer, der strebt. Nicht einer, der
spielt. Er bleibt von meinem Werk geschieden -- auf immer!

Nun sah er den jungen Mann voll und gro an -- bezwingend----

Ich tat einmal eine Frage an Sie. -- Heute ist der Augenblick, sie zu
wiederholen. -- In dieser Stunde braucht mein Werk noch keinen Helfer
und Leiter. Ein vorbildlicher Mann steht an der Spitze. Aber der Tag
wird kommen, wo auch er jngere Schultern als Mittrger braucht. Und
mein Enkel. -- Noch bin ich da! O -- ich hoffe, dem Dunklen, der mir
schon mal so nahe war, noch manches Jahr zu trotzen. Aber dennoch -- es
ist Menschenlos. -- Mein Enkel und meine Tochter -- einmal brauchen sie
vielleicht einen klugen, besonnenen Mann von Ehre und Herz als -- als
Freund. -- Und so, Marning, so frage ich in dieser Stunde, wo mein Sohn
fr mein Werk verloren ging: wollen Sie zu mir kommen -- wollen Sie
meinem Werke dienen?

Ja!

Laut und feierlich klang das durch den Raum.

Der alte Herr streckte seine Hand aus. Stephan ergriff sie und tat wie
damals, als er fr immer zu scheiden glaubte: er neigte sich tief und
kte voll Ehrfurcht diese Hand -- die Hand, die sein Schicksal auf
ungeahnte, nie mehr erhoffte Hhen des Glckes fhren wollte.

Den Greis bermannte Rhrung. Er zwang das nieder.

Er wute, mit diesem Ja hatte ein ganzer Mann sich seinem Werke
angelobt. Und nicht nur seinem Werke.

Nun Klara, sagte er, sie mu wissen...

Stephan trat erschrocken zurck.

Nicht in meiner Gegenwart.

Doch! -- Er hatte schon das Zeichen fr Leupold gegeben, und dieser
kam so rasch, da kein Wort mehr gewechselt wurde.

Bitte meine Tochter herauf. Aber sage nichts davon, da ich Besuch
habe.

Herr Geheimrat... bat Marning.

Die alten Augen sahen ihn tief und wissend an.

Sie werden mich nicht verlassen wollen, wenn ich Ihnen sage -- ich
brauche Sie ---- sonst -- sonst -- es knnte mir die Fassung
zerbrechen. -- Ich hab' diese zwei zusammengefhrt -- ich! Bin ich nicht
ein Schuldiger vor ihr?

Nein, rief Stephan, nein -- nichts von Schuld...

Sie warteten schweigend. Stephan stand am Fenster, hinter dem mchtigen
Stuhl, in dem der Alte sa. Im Schatten, einer schwarzen Silhouette
gleich.

Und dennoch erkannte sie ihn, kaum, da sie die Schwelle berschritten.

Sie blieb stehen -- ihr Fu wollte sie nicht weitertragen.

Was war das? Ein Zufall? Eine von jenen lcherlichen Notwendigkeiten des
Alltags, die sich in das Groe mengen? Gerade jetzt? In diesen
qualvollen Tagen der Unklarheit, wo ihr Frauenschicksal in der Schwebe
hing...

Mein Kind, sprach der alte Mann ihr entgegen, komm -- sieh, hier ist
unser Freund. Er hat ernste Nachrichten gebracht...

Und nach einer kurzen Pause setzte er hinzu: Von -- meinem -- Sohn...

Nun war sie vor ihm und sah ihn an -- nur ihn -- als sei nicht noch
einer hier, der ihren Blick und Gru erwarten durfte.

Und doch sah, fhlte sie nur die Gestalt, die hochaufgerichtet,
schweigend und unbeweglich dastand.

Ja, mein Kind -- Wynfried -- er hat -- ein Unfall ... Spter erfhrst
du das Genaue. -- Er liegt in Kln -- krank...

Sie wich ein wenig zurck -- im Schreck. Und wute sofort: dann mu ich
dahin -- ihm helfen -- er ist meines Kindes Vater -- ich _mu_. -- Ich
wollte ja Geduld haben -- wollte vergeben -- nun mu ich es beweisen...

Dann will ich zu ihm -- gleich -- ja gleich. -- Ihn pflegen -- ihm
beistehen--

Nein, mein Kind. Du wirst nicht hinfahren. Eine andere Frau, der nun
wohl seine Zukunft gehren mu, sitzt an seinem Bett. Und deine Ehe --
sie wird gelst werden.

Vater! schrie sie auf.

Sie legte beide Hnde vor ihr Gesicht.

Und die Mnner schwiegen.

Sie ahnten, der Greis wie der junge Mann, da in ihrer Seele eine
ungeheure Bitterkeit aufwallte und alles, alles andere berflutete. --
Die Bitterkeit der edlen Frau, die sieht: alle Opfer waren umsonst! Die
erkennt: meine Wrde hat er, dem ich alles gab, nicht geachtet!--

Niemand sieht ohne Erschtterung den Bau seines Lebens in Trmmer
zerfallen -- auch wenn dieser Bau nicht im Glanze seliger Liebe
errichtet ward...

Aber dieser bittere Strom von schweren Erkenntnissen ebbte langsam
zurck.

Und ein groes, schmerzliches Entsetzen erwachte.

Nun verlor sie Vater und Heimat----

Sie hob ihr Gesicht aus den Hnden. Sie sah den alten Mann an -- sie sah
wohl, welch eine Welt von Liebe ihr aus seinen Blicken entgegenkam.

Aber dennoch, es war sein Sohn, um den es ging -- sein einziger Sohn --
trotz allem.

Nun mu ich dich verlassen!

Klara!

Aber das Kind -- es gehrt mir. -- Du wirst nicht den Versuch machen,
es mir zu nehmen. Nein -- das nicht -- das wei ich.

Sie war auer sich.

Er streckte seinen Arm nach ihr.

Nein -- besinn dich doch. -- Gehren wir nicht zusammen? -- Das Werk,
das Kind -- du und ich? Er hat sich von uns geschieden, nicht wir von
ihm! Und hier steht einer -- ich hab' sein Wort: er will in die Arbeit
hineinwachsen und dem Werke dienen und -- meines Enkels Freund sein--

Er brach ab.

Vater!

Sie kniete schon neben ihm nieder, und er nahm das schmale, weie
Gesicht zwischen seine Hnde.

Meine Tochter! sprach er leise und bedeutungsschwer.

Oft hatte er sie so genannt -- aber sie fhlte, was dieser Name, in
diesem Augenblicke ihr gesagt, alles auf sie legte an groen und
heiligen Pflichten; was er ihr versprach an Glck, das nach still und
stark ertragenem Leid einst ihr Leben zu einem Wunder machen sollte.

Sie hob den Blick -- sie wagte es, den Mann anzusehen, der als stummer
Zeuge hinter dem Stuhl des Vaters stand.

Und das beredte Auge sagte ihr, was der Mund noch verschweigen mute.

Und in diesem erhebenden Schweigen gelobten ihre Seelen einander, der
Vatergte des groen alten Mannes immer wert zu sein -- nach seinem
Vorbilde zu wirken und rastlos ihre Pflicht zu erfllen, im tglich
erneuten, stillen Heldentum der Arbeit, die dem Ganzen dient.




                               Druck der
                  Union Deutsche Verlagsgesellschaft
                             in Stuttgart




Anzeigen des
Cotta'schen Verlages



Ida Boy-Ed:

Ein kniglicher Kaufmann

_Hanseatischer Roman_

16. und 17. Auflage

In Leinen gebunden 5 Mark


=Aus den Besprechungen:=

Da der vorliegende Roman viele Liebhaber gefunden hat, das bezeugen
schon die vielen Neuauflagen. Und es ist auch wirklich ein gutes Buch.
Es enthlt treffliche poetische Schilderungen der Landschaft, der Natur.
Neben feinsinnigen Bemerkungen ber die modernen Menschen und das
heutige Geschftsleben der alten Freien und Hansestadt Lbeck gelangen
in anheimelnden Rckgedanken auch die frheren Zustnde zur plastischen
Darstellung. Die groe Erfindungsgabe der Verfasserin gestaltet den
Roman reich an verschlungenen Situationen, die meisterhaft gelst
werden.

    =Bohemia, Prag=


Was brigens die strkste Anziehungskraft der Geschichte ausmacht, das
ist ihr Schauplatz. Sie spielt im heutigen Lbeck. Die stolze Hansastadt
mit ihren Kirchen und Patrizierhusern taucht vor uns auf; die
Verfasserin schildert das Innere eines solchen, und ebensogut kennt sie
sich im republikanischen Verfassungsleben aus. Sie zeichnet diese kleine
und doch wieder in ihrer Art groe Welt mit sicherem Stift, nicht ohne
Anerkennung und doch auch gelegentlich mit ironischen Anmerkungen ber
den bertriebenen Lokalpatriotismus. Sie bersieht nicht die
spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede
Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein.
Natrlich entrollt sich auch vor uns ein Stck hanseatischen
Kaufmannslebens; wir werden Zeugen von allerhand industriellen
Grndungen, nehmen an Aufsichtsratssitzungen teil und dergleichen. Das
alles ist mit so viel Sachkenntnis wiedergegeben, als nur immer von
einer Romandichterin erwartet werden darf.

    =Deutsche Tageszeitung, Berlin=



Ida Boy-Ed:

Im Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger in Stuttgart und
Berlin erschienen:

                                          Gebunden

Die sende Hand. Roman. 5. Auflage         M. 4.50

Um Helena. Roman. 3. Auflage               M. 4.50

Ein kniglicher Kaufmann. Hanseatischer
Roman. 16. u. 17. Auflage                  M. 5.--

Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Auflage    M. 4.50

Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman
6. u. 7. Auflage                           M. 4.50

Die groe Stimme. Novellen. 3. Auflage     M. 3.--

Stille Helden. Roman                       M. 5.--


In Otto Meiners Verlag in Hamburg erschienen:

Ein Tropfen                       Geheftet M. 2.50

Getrbtes Glck. Zwei Novellen    Gebunden M. 4.--




                                                                  Gebunden
_Althof, Paul_ (Alice Gurschner), Die wunderbare Brcke und
        andere Geschichten                                         M. 4.--
  --"-- Das verlorene Wort. Roman                                   " 4.--

_Andreas-Salom, Lou_, Fenitschka -- Eine Ausschweifung. Zwei
        Erzhlungen                                                 " 3.50
  --"-- Ma. Ein Portrt. 4. Aufl.                                   " 3.50
  --"-- Menschenkinder. Novellensammlung. 2. Aufl.                  " 4.50
  --"-- Ruth. Erzhlung. 6. Aufl.                                   " 4.50
  --"-- Aus fremder Seele. Eine Sptherbstgeschichte. 3. Aufl.      " 3.50
  --"-- Im Zwischenland. Fnf Geschichten. 3. Aufl.                 " 5.--

_Anzengruber, Ludwig_, Letzte Dorfgnge. 2. Aufl.                   " 4.50
  --"-- Wolken und Sunn'schein. 5. Aufl.                            " 3.50

_Arminius, W._, Der Weg zur Erkenntnis. Roman                       " 4.--
  --"-- Yorcks Offiziere. Roman von 1812/13. 4. Aufl.               " 5.--

_Auerbach, Berthold_, Barfele. 44.-46. Aufl.                      " 2.50
  --"-- Auf der Hhe. Roman. 2 Bnde                                " 4.20
  --"-- Das Landhaus am Rhein. Roman. 2 Bnde                       " 4.20
  --"-- Spinoza. Ein Denkerleben                                    " 1.70
  --"-- Waldfried. Eine vaterlndische Familiengeschichte           " 2.10

_Baumbach, Rudolf_, Erzhlungen und Mrchen. 17. Tsd.               " 3.--
  --"-- Es war einmal. Mrchen. 15. u. 16. Tsd.                     " 3.80
  --"-- Aus der Jugendzeit. 10. Tsd.                                " 6.20
  --"-- Neue Mrchen. 9. Tsd.                                       " 4.--
  --"-- Sommermrchen. 40. u. 41. Tsd.                              " 4.20

_Bertsch, Hugo_, Bilderbogen aus meinem Leben. 2. u. 3. Aufl.       " 4.--
  --"-- Bob, der Sonderling. Seine Geschichte. 4. Aufl.             " 3.50
  --"-- Die Geschwister. Mit Vorwort v. Adolf Wilbrandt. 12. Aufl.  " 3.50

_Birt, Th._, Menedem. Die Geschichte eines Unglubigen              " 5.--

_Bhlau, Helene_, Salin Kaliske. Novellen. 2. Aufl.                 " 4.--

_Boy-Ed, Ida_, Die sende Hand. Roman. 5. Aufl.                     " 4.50
  --"-- Stille Helden. Roman                                        " 5.--
  --"-- Um Helena. Roman. 3. Aufl.                                  " 4.50
  --"-- Ein kniglicher Kaufmann. Hanseatischer Roman. 16. u.
        17. Aufl.                                                   " 5.--
  --"-- Die Lampe der Psyche. Roman. 3. Aufl.                       " 4.50
  --"-- Nur wer die Sehnsucht kennt ... Roman. 6. u. 7. Aufl.       " 4.50
  --"-- Die groe Stimme. Novellen. 3. Aufl.                        " 3.--

_Blow, Frieda v._, Kara. Roman                                     " 5.--

_Burckhard, Max_, Simon Thums. Roman. 2. Aufl.                      " 4.--

_Busse, Carl_, Federspiel. Westliche und stliche Geschichten       " 4.50
  --"-- Flugbeute. Neue Erzhlungen. 1. und 2. Aufl.                " 4.20
  --"-- Die Schler von Polajewo. 3. u. 4. Aufl.                    " 4.--
  --"-- Im polnischen Wind. Ostmrkische Geschichten. 2. Aufl.      " 4.50

_Dove, A._, Caracosa. Historischer Roman. 2. Bnde. 2. Aufl.        " 9.--

_Ebner-Eschenbach, Marie v._, Die erste Beichte.
        Miniatur-Ausgabe. Mit Portrt. 2. Aufl.                     " 2.--
  --"-- Bozena. Erzhlung. 9.-11. Aufl.                             " 4.--
  --"-- Erzhlungen. 6. Aufl.                                       " 4.--
  --"-- Margarete. 7. Aufl.                                         " 3.--

_Ebner-Eschenbach, Moriz v._, #Hypnosis perennis# -- Ein Wunder
        des heiligen Sebastian. Zwei Wiener Geschichten             " 3.--

_Eckstein, Ernst_, Nero. Roman. 9. Aufl.                            " 6.--

_El-Corre_, Das Tal des Traumes. Roman. 2. Aufl.                   " 5.--

_Enderling, Paul_, Zwischen Tat und Traum. Roman                    " 5.--

_Engel, Eduard_, Paraskenvla und andere Novellen                   " 4.50

_Fontane, Theodor_, Ellernklipp. 4. Aufl.                           " 4.--
  --"-- Grete Minde. 8. Aufl.                                       " 3.50
  --"-- Quitt. Roman. 5. Aufl.                                      " 4.--
  --"-- Vor dem Sturm. Roman. 15. u. 16. Aufl.                      " 5.--
  --"-- Unwiederbringlich. Roman. 7. Aufl.                          " 4.--

_Franzos, K.E._, Der Gott des alten Doktors. Erzhlung. 2. Aufl.   " 3.--
  --"-- Die Juden von Barnow. Geschichten. 9. Aufl.                 " 4.--
  --"-- Ein Kampf ums Recht. Roman. 2 Bnde. 7. Aufl.               " 7.50
  --"-- Mann und Weib. Novellen. 2. Aufl.                           " 3.50
  --"-- Moschko von Parma. Erzhlung. 5. Aufl.                      " 3.50
  --"-- Neue Novellen. 2. Aufl.                                     " 3.--
  --"-- Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten. 9. u. 10. Aufl.   " 5.50
  --"-- Der Prsident. Erzhlung. 4. Aufl.                          " 3.--
  --"-- Die Reise nach dem Schicksal. Erzhlung. 3. Aufl.           " 4.--
  --"-- Judith Trachtenberg. Erzhlung. 6. Aufl.                    " 4.--
  --"-- Der Wahrheitsucher. Roman. 2 Bnde. 3. Aufl.                " 8.--
  --"-- Leib Weihnachtskuchen und sein Kind. Erzhlung. 3. Aufl.    " 3.50

_Frei, Leonore_, Das leuchtende Reich. Roman                        " 5.--

_Frey, Adolf_, Die Jungfer von Wattenwil. Historischer
        Schweizerroman. 5. Aufl.                                    " 6.--

_Fulda, L._, Lebensfragmente. Novellen. 3. Aufl.                    " 3.--

_Gleichen-Ruwurm, A.v._, Vergeltung. Roman                        " 4.50

_Grimm, Herman_, Unberwindliche Mchte. Roman. 2 Bde. 3. Aufl.     " 10.--

_Grisebach, Ed._, Kin-ku-ki-kuan. Chinesisches Novellenbuch         " 4.--

_Harbou, Thea v._, Die nach uns kommen. Roman. 2. Aufl.             " 4.--
  --"-- Der Krieg und die Frauen. Novellen. Neue wohlfeile
        Ausgabe. 11.-15. Tausend                                    " 3.--

_Haushofer, Max_, Geschichten zwischen Diesseits und Jenseits.
        Ein moderner Totentanz. 2. Aufl.                            " 4.50
  --"-- Planetenfeuer. Ein Zukunftsroman                            " 4.50

_Heer, J.C._, Joggeli. Geschichte einer Jugend. 18.-22. Aufl.      " 4.50
  --"-- Der Knig der Bernina. Roman. 81.-85. Aufl.                 " 4.50
  --"-- Laubgewind. Roman. 47.-51. Aufl.                            " 4.50
  --"-- Da trumen sie von Lieb' und Glck! Drei Schweizer
        Novellen. 24. u. 25. Aufl.                                  " 4.50
  --"-- Felix Notvest. Roman. 21.-25. Aufl.                         " 4.50
  --"-- An heiligen Wassern. Roman. 71.-75. Aufl.                   " 4.50
  --"-- Der Wetterwart. Roman. 71.-75. Aufl.                        " 4.50

_Heilborn, Ernst_, Kleefeld. Roman                                  " 3.--

_Herzog, Rudolf_, Der Abenteurer, Roman. 36.-40. Aufl.              " 5.--
  --"-- Der Adjutant. Roman. 11. u. 12. Aufl.                       " 3.50
  --"-- Die Burgkinder. Roman. 86.-90. Aufl.                        " 5.--
  --"-- Der Graf von Gleichen. Ein Gegenwartsroman. 24.-28. Aufl.   " 4.50
  --"-- Es gibt ein Glck ... Novellen. 31.-33. Aufl.               " 4.--
  --"-- Hanseaten. Roman. 71.-80. Aufl.                             " 5.--
  --"-- Das groe Heimweh. Roman. 1.-50. Aufl.                      " 6.--
  --"-- Das Lebenslied. Roman. 61.-65. Aufl.                        " 5.--
  --"-- Die vom Niederrhein. Roman. 51.-55. Aufl.                   " 5.--
  --"-- Der alten Sehnsucht Lied. Erzhlung. 10.-12. Aufl.          " 3.50
  --"-- Die Welt in Gold. Novelle. 16.-20. Aufl.                    " 2.50
  --"-- Die Wiskottens. Roman. 101.-110. Aufl.                      " 5.--
  --"-- Das goldene Zeitalter. Roman. 9. u. 10. Aufl.               " 3.50

_Heyse, Paul_, L'Arrabbiata. Novelle. 14. Aufl.                     " 2.40
  --"-- L'Arrabbiata und andere Novellen. 10. Aufl.                 " 4.50
  --"-- Buch der Freundschaft. Novellen. 7. Aufl.                   " 4.50
  --"-- Das Ewigmenschliche. Erinnerungen aus einem Alltagsleben
        -- Ein Familienhaus. Novelle. 2.-4. Aufl.                   " 5.--
  --"-- Die Geburt der Venus. 5. Aufl.                              " 5.--
  --"-- In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten. 4. Aufl.   " 3.50
  --"-- ber allen Gipfeln. Roman. 9. u. 10. Aufl.                  " 4.50
  --"-- Das Haus zum unglaubigen Thomas und andere Novellen         " 4.50
  --"-- Kinder der Welt. Roman. 2 Bnde. 29. u. 30. Aufl.           " 6.80
  --"-- Helldunkles Leben. Novellen. 2.-4. Aufl.                    " 5.--
  --"-- Himmlische und irdische Liebe und andere Novellen. 2. Aufl. " 4.50
  --"-- Neue Mrchen. 4. Aufl.                                      " 5.--
  --"-- Martha's Briefe an Maria. 2. Aufl.                          " 2.--
  --"-- Melusine und andere Novellen. 5. Aufl.                      " 5.--
  --"-- Menschen und Schicksale. Charakterbilder. 2.-4. Aufl.       " 5.--
  --"-- Merlin. Roman. 6. u. 7. Aufl.                               " 4.50
  --"-- Ninon und andere Novellen. 4. Aufl.                         " 5.--
  --"-- Novellen. Auswahl frs Haus. 3 Bnde. 14. u. 15. Aufl.      " 10.--
  --"-- Letzte Novellen. Mit einem Begleitwort v. E. Petzet.
        2.-4. Aufl.                                                 " 3.50
  --"-- Novellen vom Gardasee. 8. u. 9. Aufl.                       " 3.40
  --"-- Meraner Novellen. 12. Aufl.                                 " 4.50
  --"-- Neue Novellen. 6. Aufl.                                     " 4.50
  --"-- Im Paradiese. Roman. 2 Bnde. 14. u. 15. Aufl.              " 6.80
  --"-- Plaudereien eines alten Freundespaars. 2.-4. Aufl.          " 4.50
  --"-- Das Rtsel des Lebens und andere Charakterbilder. 4. Aufl.  " 6.--
  --"-- Der Roman der Stiftsdame. 15. u. 16. Aufl.                  " 3.40
  --"-- Der Sohn seines Vaters und andere Novellen. 3. Aufl.        " 4.50
  --"-- Crone Studlin. Roman. 5. u 6. Aufl.                        " 3.40
  --"-- Gegen den Strom. Eine weltl. Klostergeschichte. 5. u.
        6. Aufl.                                                    " 3.40
  --"-- Moralische Unmglichkeiten und andere Novellen. 3. Aufl.    " 5.50
  --"-- Victoria regia und andere Novellen. 2.-4. Aufl.             " 5.--
  --"-- Villa Falconieri und andere Novellen. 2. Aufl.              " 4.50
  --"-- Aus den Vorbergen. Novellen                                 " 6.--
  --"-- Vroni und andere Novellen                                   " 4.50
  --"-- Weihnachtsgeschichten. 4. Aufl.                             " 5.--
  --"-- Xaverl und andere Novellen                                  " 4.50

_Hillern, W. v._, Der Gewaltigste. Roman. 5. u. 6. Aufl.            " 4.50
  --"-- 's Reis am Weg. 3. Aufl.                                    " 2.50
  --"-- Ein Sklave der Freiheit. Roman. 3. Aufl.                    " 6.--
  --"-- Ein alter Streit. Roman. 3. Aufl.                           " 4.--

_Hirschfeld, Georg_, Nachwelt. Der Roman eines Starken. 4. u.
        5. Aufl.                                                    " 5.--

_Hcker, Paul Oskar_, Vterchen. Roman                              " 4.--

_Hofer, Klara_, Alles Leben ist Raub. Der Weg Friedrich Hebbels.
        2. Aufl.                                                    " 6.--

_Hoffmann, Hans_, Bozener Mrchen und Mren. 3. Aufl.               " 3.50
  --"-- Ostseemrchen. 3. Aufl.                                     " 4.--

_Hopfen, Hans_, Der letzte Hieb. Eine Studentengeschichte.
        6. Aufl.                                                    " 3.50

_Huch, Ricarda_, Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jngeren.
        Roman. 13. u. 14. Aufl.                                     " 5.--
  --"-- Jugenderinnerungen eines alten Mannes, siehe _Kgelgen_

_Junghans, Sophie_, Schwertlilie. Roman. 2. Aufl.                   " 5.--

_Kaiser, Isabelle_, Seine Majestt! Novellen. 2. Aufl.              " 3.50
  --"-- Wenn die Sonne untergeht. Novellen. 3. Aufl.                " 3.50

_Keller, Gottfried_, Der grne Heinrich. Roman. 3 Bnde.
        75.-80. Aufl.                                               "11.40
  --"-- Martin Salander. Roman. 49.-53. Aufl.                       " 3.80
  --"-- Die Leute von Seldwyla. 2 Bnde. 84.-88. Aufl.              " 7.60
  --"-- Zricher Novellen. 78.-82. Aufl.                            " 3.80
  --"-- Das Sinngedicht. Novellen -- Sieben Legenden. 61.-65. Aufl. " 3.80
  --"-- Sieben Legenden. Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl.                 " 3.--
  --"-- Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erzhlung.
        Miniatur-Ausgabe. 8. Aufl.                                  " 3.--

_Knudsen, J._, Angst. Der junge Martin Luther. Berechtigte
        bersetzung von Mathilde Mann. 2. Aufl.                     " 5.--

_Krauel, Wilhelm_, Von der andern Art. Roman                        " 4.--
  --"-- Das Erbe der Vter. Ein Lebensbericht                       " 4.50

_Kgelgen, Wilhelm v._, Jugenderinnerungen eines alten Mannes.
        Original-Ausgabe. 26. u. 27. Aufl.                          " 2.40

_Kurz, Hermann_ (Der Schweizer), Sie tanzen Ringel-Ringel-Reihn.
        Roman. 2. u. 3. Aufl.                                       " 5.--

_Kurz, Isolde_, Unsere Carlotta. Erzhlung                          " 3.--
  --"-- Italienische Erzhlungen. 2. Aufl.                          " 4.50
  --"-- Frutti di Mare. Zwei Erzhlungen.                           " 3.--
  --"-- Genesung -- Sein Todfeind -- Gedankenschuld. Erzhlungen    " 5.--
  --"-- Lebensfluten. Novellen. 2. Aufl.                            " 4.--
  --"-- Florentiner Novellen. 6. u. 7. Aufl.                        " 4.50
  --"-- Phantasien und Mrchen                                      " 3.--
  --"-- Die Stadt des Lebens. Schilderungen aus der Florentinischen
        Renaissance. 7. Aufl.                                       " 6.50

_Langmann, Philipp_, Leben und Musik. Roman                         " 4.50

_Lilienfein, Heinrich_, Von den Frauen und einer Frau.
        Erzhlungen und Geschichten. 2. Aufl.                       " 3.--
  --"-- Ideale des Teufels. Eine boshafte Kulturfahrt. 2. Aufl.     " 3.50
  --"-- Der versunkene Stern. Roman 2. u. 3. Aufl.                  " 6.--
  --"-- Die groe Stille. Roman. 4. Aufl.                           " 5.50

_Lindau, Paul_, Die blaue Laterne. Berliner Roman. 2 Bnde.
        5. u. 6. Aufl.                                              " 7.50
  --"-- Arme Mdchen. Roman. 11. Aufl.                              " 5.--
  --"-- Spitzen. Roman. 11. u. 12. Aufl.                            " 5.--
  --"-- Der Zug nach dem Westen. Roman. 12. Aufl.                   " 5.--

_Mauthner, Fritz_, Aus dem Mrchenbuch der Wahrheit. Fabeln
        und Gedichte in Prosa. 2. Aufl. von _Lgenohr_            " 4.--

_Meyer-Frster, Wilh._, Eldena. Roman. 2. Aufl.                     " 4.--

_Meyerhof-Hildeck, Leonie_, Das Ewig-Lebendige. Roman. 2. Aufl.     " 3.50
  --"-- Tchter der Zeit. Mnchner Roman                            " 4.--

_Moersberger, Felicitas Rose_, Pastor Verden. Ein Heideroman.
        2.-5. Aufl.                                                 " 4.50

_Muellenbach, E._ (E. Lenbach), Abseits. Erzhlungen                " 4.--
  --"-- Aphrodite und andere Novellen                               " 4.--
  --"-- Vom heien Stein. Roman                                     " 4.--

_Niessen-Deiters, Leonore_, Leute mit und ohne Frack.
        Erzhlungen u. Skizzen. Buchschmuck von _Hans Deiters_      " 4.--
  --"-- Im Liebesfalle. Buchschmuck von _Hans Deiters_              " 4.--
  --"-- Mitmenschen. Buchschmuck von _Hans Deiters_                 " 4.--

_Olfers, Marie v._, Neue Novellen                                   " 4.50
  --"-- Die Vernunftheirat und andere Novellen                      " 4.--

_Prel, Karl du_, Das Kreuz am Ferner. Roman. 4. Aufl.               " 6.--

_Riehl, W.H._, Aus der Ecke. Novellen. 5. Aufl.                    " 5.--
  --"-- Am Feierabend. Novellen. 4. Aufl.                           " 5.--
  --"-- Geschichten aus alter Zeit. 1. Reihe. 3. Aufl.              " 4.--
  --"-- Geschichten aus alter Zeit. 2. Reihe. 3. Aufl.              " 4.--
  --"-- Lebensrtsel. Novellen. 4. Aufl.                            " 5.--
  --"-- Ein ganzer Mann. Roman. 4. Aufl.                            " 7.--
  --"-- Kulturgeschichtliche Novellen. 7. Aufl.                     " 5.--
  --"-- Neues Novellenbuch. 3. Aufl.                                " 5.--

_Rittberg, Grfin Charlotte_, Der Weg zur Hhe. Roman               " 4.--

_Rommel-Hohrath, Clara_, Im Banne Roms. Roman                       " 5.--

_Roquette, Otto_, Das Buchstabierbuch der Leidenschaft.
        Roman. 2 Bnde                                              " 5.--

_Seidel, Heinrich_, Leberecht Hhnchen. Gesamt-Ausgabe.
        10. Aufl. (51.-55. Tsd.)                                    " 5.--
  --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
        (4. u. 5. Tsd.)                                             " 5.--
  --"-- Vorstadtgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe. (4. Tsd.)    " 5.--
  --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 1. Reihe. 2. Aufl.
        (3. Tausend)                                                " 5.--
  --"-- Heimatgeschichten. Gesamt-Ausgabe. 2. Reihe                 " 5.--
  --"-- Von Perlin nach Berlin. Aus meinem Leben. Gesamt-Ausg.      " 5.--
  --"-- Phantasiestcke. Gesamtausgabe                              " 5.--
  --"-- Reinhard Flemmings Abenteuer zu Wasser und zu Lande.
        3 Bnde. 9. Tsd.                                        je M. 4.--
  --"-- Wintermrchen. 2 Bnde. 4. Tsd.                          "  " 4.--
  --"-- Ludolf Marcipanis und Anderes. Aus dem Nachlasse
        herausgegeben von _H.W. Seidel_. 2. Tsd.                    " 4.--

_Seidel, H. Wolfgang_, Erinnerungen an Heinrich Seidel 2. Aufl.     " 5.--

_Skowronnek, R._, Der Bruchhof. Roman. 4. Aufl.                     " 4.--

_Speidel, Felix_, Hindurch mit Freuden. Novellen                    " 4.--

_Stegemann, Hermann_, Der Gebieter. Roman                           " 3.50
  --"-- Stille Wasser. Roman                                        " 4.--

_Stratz, Rudolph_, Alt-Heidelberg, du Feine ... Roman einer
        Studentin. 13. u. 14. Aufl.                                 " 5.--
  --"-- Buch der Liebe. Sechs Novellen. 4. Aufl.                    " 3.50
  --"-- Die ewige Burg. Roman. 7. Aufl.                             " 4.50
  --"-- Seine englische Frau. Roman. 31.-35. Aufl.                  " 5.50
  --"-- Fr Dich. Roman. 21.-25. Aufl.                              " 5.--
  --"-- Ich harr' des Glcks. Novellen. 6. Aufl.                    " 4.50
  --"-- Gib mir die Hand. Roman. 12.-14. Aufl.                      " 5.--
  --"-- Herzblut. Roman. 19.-21. Aufl.                              " 5.--
  --"-- Der du von dem Himmel bist. Roman. 8. u. 9. Aufl.           " 4.50
  --"-- Die thrichte Jungfrau. Roman. 5. Aufl.                     " 4.50
  --"-- Der arme Konrad. Roman. 5. u. 6. Aufl.                      " 4.50
  --"-- Liebestrank. Roman. 16.-20. Aufl.                           " 5.--
  --"-- Stark wie die Mark. Roman. 21.-25. Aufl.                    " 6.--
  --"-- Montblanc. Roman. 8. u. 9. Aufl.                            " 4.--
  --"-- Du bist die Ruh'. Roman. 9. u. 10. Aufl.                    " 4.50
  --"-- Du Schwert an meiner Linken Ein Roman aus der deutschen
        Armee. 36.-40. Aufl.                                        " 5.50
  --"-- Die zwlfte Stunde. Novellen. 1.-5. Aufl.                   " 3.--
  --"-- Der weie Tod. Roman. 19.-23. Aufl.                         " 4.--
  --"-- Es war ein Traum. Berliner Novellen. 5. Aufl.               " 4.50
  --"-- Die letzte Wahl. Roman. 5. Aufl.                            " 5.--

_Sudermann, Hermann_, Es war. Roman. 51.-55. Aufl.                  " 6.--
  --"-- Geschwister. Zwei Novellen. 35.-37. Aufl.                   " 4.50
  --"-- Jolanthes Hochzeit. Erzhlung. 31.-33. Aufl.                " 3.--
  --"-- Der Katzensteg. Roman. 91.-95. Aufl.                        " 4.50
  --"-- Das Hohe Lied. Roman. 56.-59. Aufl.                         " 6.--
  --"-- Die indische Lilie. Sieben Novellen. 21.-25. Aufl.          " 4.--
  --"-- Frau Sorge. Roman. 136.-145. Aufl. Mit Jugendbildnis        " 4.50
  --"-- Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 35. u. 36. Aufl.       " 3.--

_Telmann, Konrad_, Trinacria. Sizilische Geschichten                " 5.--

_Trojan, Johannes_, Das Wustrower Knigsschieen und andere
        Humoresken. 4. u. 5. Aufl.                                  " 3.--

_Uxkull, Grfin Lucy_, Rote Nelken. Ein sozialer Roman              " 5.--

_Vockeradt, Emma_, Wanderer im Dunkeln. Roman                       " 4.--

_Vogt, Martha_, An schwarzen Wassern. Zwei Novellen                 " 3.50

_Vollert, Konrad_, Sonja. Roman                                     " 5.50

_Vo, Richard_, Alpentragdie. Roman. 5. u. 6. Aufl.                " 5.50
  --"-- Rmische Dorfgeschichten. 5. verm. Aufl.                    " 4.50
  --"-- Erdenschnheit. Ein Reisebuch. 2. Aufl.                     " 3.50
  --"-- Du mein Italien! Aus meinem rmischen Leben 2. u. 3. Aufl.  " 5.50
  --"-- Der Polyp und andere rmische Erzhlungen. 2. Aufl.         " 5.--
  --"-- Richards Junge (Der Schnheitssucher). Roman. 3. Aufl.      " 6.--

_Watzdorf-Bachoff, E.v._, Maria und Yvonne. Geschichte einer
        Freundschaft. 2. Aufl.                                      " 4.50

_Wilbrandt, Adolf_, Adams Shne. Roman. 3. Aufl.                    " 5.50
  --"-- Adonis und andere Geschichten. 3. Aufl.                     " 4.--
  --"-- Meister Amor. Roman. 3. Aufl.                               " 4.50
  --"-- Das lebende Bild und andere Geschichten. 3. Aufl.           " 4.--
  --"-- Dmonen und andere Geschichten. 3. u. 4. Aufl.              " 4.--
  --"-- Der Dornenweg. Roman. 5. Aufl.                              " 5.--
  --"-- Erika -- Das Kind. Erzhlungen. 3. Aufl.                    " 4.50
  --"-- Fesseln. Roman. 3. Aufl.                                    " 4.--
  --"-- Franz. Roman. 3. Aufl.                                      " 4.50
  --"-- Die glckliche Frau. Roman. 4. Aufl.                        " 4.--
  --"-- Fridolins heimliche Ehe. 4. Aufl.                           " 3.50
  --"-- Schleichendes Gift. Roman. 3. Aufl.                         " 4.--
  --"-- Hermann Ifinger. Roman. 7. Aufl.                            " 5.--
  --"-- Irma. Roman. 3. Aufl.                                       " 4.--
  --"-- Hildegard Mahlmann. Roman. 4. Aufl.                         " 4.50
  --"-- Ein Mecklenburger. Roman. 3. Aufl.                          " 4.--
  --"-- Novellen                                                    " 4.--
  --"-- Opus 23 und andere Geschichten. 2. Aufl.                    " 4.--
  --"-- Die Osterinsel. Roman. 5. Aufl.                             " 5.--
  --"-- Vater Robinson. Roman. 3. Aufl.                             " 4.--
  --"-- Familie Roland. Roman. 3. Aufl.                             " 4.--
  --"-- Die Rothenburger. Roman. 9.-11. Aufl.                       " 4.--
  --"-- Der Snger. Roman. 4. Aufl.                                 " 5.--
  --"-- Die Schwestern. Roman. 2. u. 3. Aufl.                       " 4.--
  --"-- Sommerfden. Roman. 2. u. 3. Aufl.                          " 4.--
  --"-- Am Strom der Zeit. Roman. 2. u. 3. Aufl.                    " 4.--
  --"-- Die Tochter. Roman. 2. u. 3. Aufl.                          " 4.--
  --"-- Vater und Sohn und andere Geschichten. 2. Aufl.             " 4.--
  --"-- Villa Maria. Roman. 3. Aufl.                                " 4.--
  --"-- Groe Zeiten und andere Geschichten. 3. Aufl.               " 4.--

_Wildenbruch, E.v._, Schwester-Seele. Roman. 20. u. 21. Aufl.      " 5.--

_Wohlbrck, Olga_, Die neue Rasse. Roman. 2.-5. Aufl.               " 6.--

_Worms, C._, Aus roter Dmmerung. Baltische Skizzen. 2. Aufl.       " 3.50
  --"-- Du bist mein. Zeitroman. 2. Aufl.                           " 5.--
  --"-- Erdkinder. Roman. 4. Aufl.                                  " 4.50
  --"-- Die Stillen im Lande. Drei Erzhlungen. 2. Aufl.            " 4.--
  --"-- Thoms friert. Roman. 2. Aufl.                               " 5.--
  --"-- berschwemmung. Eine baltische Geschichte. 2. Aufl.         " 3.50

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Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1914 erschienenen Erstauflage erstellt. Die nachfolgende
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wurden folgendermaen ersetzt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Fett:           =fett gedruckter Text=
Antiquaschrift: #Antiquatext#


Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1914. The table below lists all corrections applied
to the original text.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Bold:       =bold text=
Antiqua:    #text in Antiqua font#


p. 019: [added quote] nicht in lssige Hnde gelegt werden werden--
p. 080: [normalized] der Duc d'alben -> d'Alben
p. 203: Mahagoniegefhrten -> Mahagonigefhrten
p. 254: Likowsky, der immer einen Augenblick -> Likowski
p. 255: [normalized] bis Srnsen, der Fhrmann -> Srensen
p. 360: Kopf vorber auf die Tischplatte geschlagen -> vornber
p. 368: dem Erz das Eisen ab erungen -> abgerungen





End of the Project Gutenberg EBook of Stille Helden, by Ida Boy-Ed

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STILLE HELDEN ***

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Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


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