The Project Gutenberg EBook of Sidsel Langrckchen, by Hans Aanrud

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Title: Sidsel Langrckchen

Author: Hans Aanrud

Illustrator: Arthur Michaelis
             Lisbeth Bergh

Translator: Walther R. Schmidt-Kristiania

Release Date: May 9, 2015 [EBook #48902]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDSEL LANGRCKCHEN ***




Produced by Sandra Eder, Jens Sadowski, and the Online
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                         Sidsel Langrckchen

                          Nordische Bcherei

                             Hans Aanrud




                         Sidsel Langrckchen


                              Erzhlung

                     Elftes bis zwlftes Tausend

                             Leipzig 1914
                     Verlag von Georg Merseburger

           Einzige autorisierte bersetzung von _Walther R.
       Schmidt-Kristiania_. Titelzeichnung von _Lisbeth Bergh_.
   Zeichnungen von _Arthur Michaelis_. Plattendruck der Spamerschen
                      Buchdruckerei in Leipzig.




                  Sidsel Langrckchen als Spinnfrau.


Br, der groe, alte, struppige Hofhund auf Hol, sa auf der Trtreppe
und schaute ernsthaft ber den Hof. Es war ein kalter, klarer
Sptwintertag, und der Schnee glitzerte im Sonnenschein. Am liebsten
wre Br aber doch hineingegangen; denn es lie sich nicht leugnen: wie
er da sa, fror ihn grimmig an den Pfoten, und er hob abwechselnd bald
die eine, bald die andre eine Weile von den Steinfliesen empor, um nicht
das Kribbeln in die Klauen zu bekommen.

Aber er durfte seinen Posten nicht verlassen. Die Schweine und die
Ziegen waren heute im Freien. Noch fhrten sie sich zwar alle ganz
anstndig auf; die Schweine gingen dort in der Sonne und rieben sich an
der Ecke des Kuhstalls, und weiter weg knabberten die Ziegen eifrig an
der Baumrinde, die beim Schweinestall auf einen groen Haufen fr sie
zusammengekehrt war, und taten so, als htten sie an nichts andres zu
denken. Aber er wute von frher her: kaum war er hineingegangen, da
lagerten sie sich sogleich mitten in den Haustren und verbten all den
Unfug, den sie sich nur ausdenken konnten -- die groe neue Ziege
Krummhorn, die erst im letzten Herbst auf den Hof gekommen war, und die
er noch nicht ordentlich abgerichtet, hatte bereits einen Schwuppdich
bis an die Hausecke hin gemacht und ihn dabei so gleichgltig und
berlegen angesehen.

Die war wirklich eine unertrgliche Person, aber sie sollte sich blo
unterstehen --!

Ein Weilchen wenigstens mute er noch sitzen bleiben -- die Wege durfte
er ja auch nicht ganz aus dem Auge verlieren, es htte doch jemand
kommen knnen.

Zufllig drehte er den Kopf nach dem schmalen Pfad hin, der die Halde
schrg vom Oberdorf herabkam.

Alle Wetter! Was war denn das?

Dort kam Etwas -- etwas Rundes, Putziges, Winziges -- rgerlich, da die
Augen nicht mehr recht mitwollten! -- ja, ja, er mute auf alle Flle
Meldung machen.

Er fing an zu bellen, ein kurzes, tiefes Geklff, das weit
hinausschallte. Die Ziegen sprangen ngstlich in einen Klumpen zusammen
und spitzten die Ohren, die Schweine hrten jhlings auf, sich zu jucken
und zu kratzen, und lauschten -- ja, da konnte man sehen, da sie vor
ihm Furcht hatten.

Dann blieb er wieder ruhig sitzen und sah den Weg hinauf. Nein aber, ob
er jemals etwas hnliches gesehen hatte -- vielleicht war es nicht
einmal etwas, das er zu melden brauchte; aber immerhin mute er sich
wohl auf den Weg machen und sich die Sache etwas nher ansehen.

Er krmmte den buschigen Schwanz in einen groen Bogen; man sollte
sehen, da er bester Laune war, und trippelte zum Hofe hinaus.

Es mute aber doch wohl ein Mensch sein. Es fing an, so leibhaftig der
Finn-Kathrine zu gleichen, die dort im Winter zu gehen pflegte, aber die
konnte es doch nicht sein; denn dazu war das Wesen dort allzu winzig.
Aber ein weiter, langer Weiberrock war es jedenfalls, und unter dem Rock
kamen die Spitzen von einem Paar groer Schuhe hervor, ber die graue,
abgeschnittne Strumpffe gezogen waren. ber den Rock war ein groer
Bausch Gestricktes gewurstelt, aus dem zwei Stummel mit roten,
gestrickten Fausthandschuhen hervorguckten. Oben drauf sa ein etwas
kleinerer Bausch Gestricktes -- das war wohl der Kopf. Hinten auf dem
Rcken hing ein groes Bndel in einem dunkelfarbigen Einschlagetuch und
vorn ein kleiner, niedlicher, rotgemalter Holzeimer.

Br mute unwillkrlich stehen bleiben und sehen. Das rtselhafte Wesen
war nun ebenfalls seiner gewahr geworden und wie unschlssig stehen
geblieben. Da ging er auf die uerste Wegkante hinber, blieb dort
stehen und versuchte, so gleichgltig wie mglich auszusehen, um das
Wesen nicht zu erschrecken. Dies ging dann vorsichtig, wie auf Stelzen,
langsam wieder vorwrts, indem es sich dicht an der andern Seite des
Weges hindrckte und drehte sich allmhlich, je nher es herankam, so
da es ganz der Quere ging, als es endlich gerade vor Br angelangt war.

Da gelang es aber Br, einen kurzen Blick durch eine kleine ffnung in
dem obersten Strickbausch zu werfen, und was sah er! Erst ein kleines,
rotes, aufwrtsstrebendes Stumpfnschen, dann einen roten Mund, der
unsicher zuckte, als wollte er zu weinen anfangen, und ein Paar groe
blaue Augen, die ihn erschrocken anstarrten.

Bah! Das war ja blo ein kleines Mdel, das wegen der Klte tchtig
eingemummelt war. Er kannte sie zwar nicht, aber -- wart mal -- das
Eimerchen kam ihm so bekannt vor. Jedenfalls war es keine Art, sich hier
barsch zu stellen und so ein kleines Ding zu erschrecken.

Unwillkrlich wedelte er mit dem Schwanze whrend er hinberging, um den
Eimer zu beschnffeln.

Aber das kleine Mdchen verstand ihn nicht sofort, erschrocken trat es
vielmehr ein paar Schritte zurck und purzelte rcklings neben dem Wege
hin. Da sprang Br rasch zur Seite und lief ein Stckchen voraus, sah
sich wieder um und blinzelte freundlich mit den Augen und wedelte
krftig mit dem Schwanze. Jetzt begriff sie, stand auf, lchelte und
trippelte hinter ihm drein. Br humpelte voran, sich immer wieder
umsehend; nun erkannte er, da sie sicher irgend einen Auftrag auf Hol
auszurichten hatte, und da war es seine einfache Pflicht und
Schuldigkeit, ihr zurecht zu helfen.

Das kleine Mdchen war Sidsel Langrckchen von Schlo Guckaus oben auf
der Hhe, die dergestalt auf Hol ihren Einzug hielt.

Schlo Guckaus lag auf einem den, unfruchtbaren Berghang, weit vorn,
gerade unter dem Grohammer, zu alleroberst im Oberdorf, und der Name --
es hie eigentlich Neu-Wstenland -- war ein Spitzname, den ihm ein
Spottvogel gegeben, weil man von da oben einen weiten Ausguck hatte, und
weil es allem andern eher als einem Schlo glich. Das Krongut, das zum
Schlo gehrte, bestand blo aus etwas Heideland, wo Heidel- und
Preiselbeerkraut ppig gedieh, unterbrochen hier und da von einem
kleinen Fleckchen Ackerboden oder einem Stckchen Wiese.

Die Stallgebude bestanden aus einem untermauerten Kuhstall mit zwei
Stnden, halb in den Hgel eingegraben, und einem kleinen Schweinekofen
im gleichen Stil. Und das Schlo selbst war ein winzig kleines, mit
Rasen gedecktes Huschen, das ganz vorn am Abhang mitten in der Einde
lag. Es hatte blo ein niedriges Fensterchen mit ganz kleinen Scheiben,
das ins Tal hinabschaute.

Fast berall aber, wo man im Umkreis sein mochte -- wenn man in der
Richtung hinsah und den Blick hoch genug hinaufwandte, berall sah man
stets dieses Schlo und dies Guckfensterchen, das wie ein kleines Auge
ber das Tal hinausblickte.

Wenn nun die Herrlichkeit, von der sie herkam, nicht grer war, so kann
man sich wohl leicht denken, da Sidsel Langrckchen just keine
verkleidete Prinzessin war, sondern schlecht und recht ein kleines armes
Bettelkind. Und zum ersten Mal auf den Hof von Hol zu kommen, war fr
sie dasselbe, als wenn sie wirklich zu Hofe gekommen wre, obschon sie
in einem gar wichtigen, eigentlich nur fr Erwachsene passenden Auftrag
geschickt war; sie kam nmlich an Stelle ihrer Mutter als Spinnfrau.

Sidsels Mutter, Rnnaug, hatte nun schon vier Jahre lang oben auf Schlo
Guckaus allein fr den Unterhalt der Familie sorgen mssen. Frher war
es ihnen gut gegangen; da war aber der Mann gestorben, und nun sa sie
allein da mit dem Schlo, einer Kuh und zwei Kindern, Jakob, der damals
ungefhr sechs Jahre zhlte, und Sidsel, die zwei Jahre jnger war. Es
hielt oft schwer genug, aber sie hatten doch immerhin ein Dach ber dem
Kopfe, und nach Brennholz brauchten sie auch nicht weit zu laufen, der
Wald lag gerade vor der Tr.

Im Sommer konnte sie den harten, steinigen Boden gerade soweit
aufkratzen, da sie auf dem jmmerlich kleinen Fleckchen Ackerland
Kartoffeln und etwas Korn bauen konnte, und Heidegras und frisches Laub,
das sie sammelte, gab es gerade genug, um die Kuh Bliros jedes Jahr
durchfttern zu knnen. Und wo eine Kuh ist, da gibt's auch immer was zu
leben.

Im Winter spann sie fleiig Leinwand und Wolle fr die Buerinnen unten
im Dorfe und vor allem fr Kjersti Hol, die Grobuerin, bei der sie
als Magd gedient hatte, ehe sie sich verheiratete.

Auf diese Weise hatte sie sich durchgeschlagen. Unterdessen war der
Jakob so gro geworden, da er selber fr sich sorgen konnte. Im letzten
Frhling war auf Nordrum Nachfrage nach einem Hirtenbuben gewesen, und
da hatte er sofort zugeschlagen. Er und Sidsel hatten so oft oben in der
Stube vor dem kleinen Guckfensterchen auf den Knieen gelegen,
hinausgeschaut und berlegt, wo sie wohl beide einmal dienen wrden,
wenn sie erst gro wren. Und da hatte der Knabe immer Nordrum fr sich
gewhlt, hauptschlich deshalb, weil er den Bauer von Nordrum immer als
einen besonders starken Mann hat rhmen hren, -- sie dagegen hatte
gemeint, besser msse es auf Hol sein, wo blo Frauensleute wren.

Im Herbst hatte dann der Nordrum gesagt, so einen Burschen wie den Jakob
knne er auch im Winter brauchen, und da war Jakob dort geblieben.

Er war sogar schon letzte Weihnachten einen ganzen Tag wieder zu Hause
gewesen, und da hatte er der Schwester ein Weihnachtsgeschenk
mitgebracht von einem kleinen Mdchen auf dem Nordrumhofe, einen gar
feinen Unterrock aus grauem Fries.

Und wie lustig und spaig er geworden war! Als sie den neuen Rock, der
ihr vorn wie hinten bis ganz herunter auf die Fe reichte, zum
erstenmal angezogen hatte, da hatte er sie Sidsel _Langrckchen_
genannt.

Nach Weihnachten aber war oben auf Schlo Guckaus die Not eingezogen.
Die Kuh Bliros, die sonst fast das ganze Jahr hindurch Milch gab, lie
es sich pltzlich einfallen, mehrere Monate trocken zu stehen; sie
sollte erst zum Sommer hin kalben. Die letzte Woche hatte es nicht
einmal mehr Milch zum Kaffee gegeben.

Bis zum Nachbarhof Svehaugen war es auch nicht blo ein Katzensprung,
und dort war es zudem auch knapp mit der Milch, das wute Rnnaug, und
auerdem hatte sie keine Zeit, sie mute sich sputen, da sie mit der
Wolle, die sie fr Kjersti Hol spann, endlich fertig wurde und sie bald
abliefern konnte, dann wurde wohl auch Rat fr Milch und Kaffee und
andres mehr. Deshalb arbeitete sie unausgesetzt die ganze Woche hindurch
-- Sidsel war nun so gro, da sie beim Karden helfen konnte -- und
trank den Kaffee schwarz. War es nun aber, weil sie den schwarzen Kaffee
nicht vertragen konnte, oder ein andrer Grund, -- als sie gestern abend
spt fertig geworden war, fhlte sie einen saugenden Schmerz unter der
Brust, und als sie heute frh aufstand und sich fertig machte, mit der
Wolle nach Hol zu gehen, wurde ihr mit einem Mal so bel und
schwindlig, da sie sich wieder aufs Bett legen mute. Sie fhlte sich
ganz elend. Nun war es aber Sitte, da die Spinnfrau, was sie
gesponnnen, auch selber brachte, und da bekam sie nicht blo Vergtung
fr ihre Arbeit, sondern wurde auch bewirtet und erhielt neue Auftrge
und Bescheid, wie das nchste Garn gesponnen werden sollte.

Doch diesmal war wirklich kein andrer Ausweg, sie mute Sidsel schicken.
Sie wrde sich schon zurechtfinden, obwohl sie noch nie auf Hol gewesen
war, und soviel wrde sie wohl auch mit nach Hause bringen, da sie
wenigstens wieder einmal eine ordentliche Tasse Kaffee trinken knnten,
dann konnte sie ja an einem der nchsten Tage immer noch selber gehen.

Wenn sie sich nur darauf verlassen knnte, da Sidsel sich ordentlich zu
benehmen verstnde und sich nicht gar zu ungelenk anstellte?

O ja, hatte Sidsel gemeint, wenn sie nur gehen drfte, dann wrde sie
sich schon richtig zu benehmen wissen, genau wie eine Spinnfrau; denn
sie erinnerte sich sehr gut daran, wie die es machten, von damals, als
sie die Mutter nach Nordrum begleiten durfte.

Da hatte denn Sidsel ihren Fries-Unterrock angezogen -- sie trug ihn wie
einen richtigen Rock und nur bei festlichen Gelegenheiten -- war
ordentlich in eine Menge Tcher und wollene Schale eingewickelt worden,
hatte das groe Garnknuel hinten auf den Rcken gehngt bekommen, den
Milcheimer vorn um den Hals und auerdem viele gute Lehren und
Ermahnungen mit auf den Weg, und so ging es zu, da sie heute hinter Br
hertrippelnd in den Hof von Hol einzog.

Als sie an den Wirtschaftsgebuden vorberkam, mute sie wirklich stehen
bleiben und sich umsehen. Ja, hier war freilich alles viel groartiger
als daheim! Ein Scheunentor so breit, da das ganze Guckaus-Schlo htte
hindurchfahren knnen, und eine einzige Fensterscheibe war mindestens
ebenso gro, wie das ganze Fenster oben im Schlo! Und solch eine Ziege!
-- Sie bekam gerade Krummhorn zu Gesicht, die der Haustr bereits
bedenklich nahe war und kaum Miene machte auszureien, als Br herankam.
Nicht einmal vor dem Hunde war die bange! Sie war freilich auch so gro
wie ein ordentliches Kalb! Wenn die Khe nach demselben Mastabe waren,
da muten sie ja vom Erdboden aus das Gras auf dem Dache von Schlo
Guckaus fressen knnen! Sie mute unwillkrlich nach der Tr des
Kuhstalls hinschielen. Nein, die war doch nicht grer als Stalltren
gewhnlich sind -- da waren die Khe doch wohl wie andre auch.

Br hatte unterdessen die Zeit benutzt, um Krummhorn zurecht zu weisen,
nun kam er zurck, wedelte lustig mit dem Schwanze und wandte sich nach
der Haustr, als ob er die Kleine hineingeleiten wollte. Ja, der Hund
hatte recht, sie mute sich wirklich beeilen, um ihren Auftrag
auszurichten und durfte nicht lnger hier stehen und gaffen.

Sie folgte Br nach, ging in die Hausflur hinein, hob die Trklinke,
drehte sich ganz um sich selbst herum, als sie die Tr wieder zumachte,
und stand dann in der groen Kche von Hol.

In der Kche waren blo eine Magd, die in der Mitte des groen Raumes
sa und spann, und Kjersti Hol selbst, die an dem groen,
weigetnchten Herde sa und Kaffee mahlte.

Beide sahen auf, als die Tr geffnet wurde.

Sidsel blieb einen Augenblick stehen, machte dann einen so tiefen Knix,
da sie in dem weiten, langen Rock frmlich untertauchte, und sagte wie
eine Erwachsene, genau wie sie die Mutter hatte sagen hren: Guten Tag,
lieben Leute, Gott segne eure Arbeit!

Kjersti Hol mute lcheln, als sie das winzige Ding an der Tr wie eine
Erwachsene reden hrte, aber dann sprach sie ebenfalls wie zu einer
Erwachsenen. Guten Tag, fremde Jungfer, geht sie Gnge?

Ja, so ist es.

Wie heit denn die Jungfer, und wo kommst du her? ich sehe, ich kenne
dich nicht.

Nein, das ist wohl nicht anders zu erwarten; aber meine Mutter und der
Jakob nennen mich Sidsel Langrckchen; und ich bin von Schlo Guckaus,
und ich sollte fr Mutter mit dem Wollgarn hierher gehen, das sie fr
dich gesponnen hat, und sollte dir sagen, sie htte nicht eher damit
kommen knnen, da sie erst gestern spt abends den letzten Wickel
anscheren konnte.

Nein, ist es die Spinnfrau, die Gnge geht! Und ich vergesse rein, dich
zu bitten, Platz zu nehmen. Nun lege nur ab und setze dich!

Wie leutselig Kjersti Hol war. Stand sie doch sogar auf und brachte ihr
einen Stuhl!

Danke, ich bin so frei.

Sidsel nahm den Eimer und das Garnknuel herunter und setzte beides bei
der Tr nieder. Darauf begann sie ber die Diele zu gehen. Ihr war, als
wollte der Weg bis zum Stuhl gar kein Ende nehmen -- bis hin zum Stuhl
war es fast ebenso weit, wie zu Hause von der Haustr bis zum Kuhstall!
-- Endlich kam sie glcklich ans Ziel und vermochte sich mit Mhe und
Not bis auf die uerste Kante des Stuhles hinaufzuschieben; der Stuhl
war auch viel hher, als sie es gewohnt war.

Kjersti Hol kam nun zu ihr hin: Da will ich doch einmal das Knuel
auflsen und sehen, was eigentlich drin steckt, sagte sie, und dabei
begann sie, ihr erst die roten Fausthandschuhe auszuziehen und dann alle
die wollenen Schaltcher aufzubinden. Bald sa Sidsel abgetakelt da,
aber doch noch immer hbsch rundlich in ihrem kurzen Oberleibchen; denn
der weite Rock war nicht nur unten zu lang, auch oben reichte er ihr bis
dicht unter die Arme.

Kjersti blieb stehen und sah sie eine Weile an:

Dachte ich mir's doch, da ich ein niedliches kleines Mdel in dem
Knuel finden wrde. Du hnelst deiner Mutter.

Sidsel wurde so verschmt, da sie ganz verga, da sie ja Spinnfrau
spielen sollte. Sie schlug die Augen nieder und wute nicht, was sie
antworten sollte.

Was ist denn aber mit der Rnnaug, deiner Mutter, da sie nicht selber
kommt?

Sie fhlte sich heute morgen nicht wohl.

Nein, ist sie krank? Rnnaug war doch sonst immer die Gesundheit selber.
Was fehlt ihr denn?

Sie meinte, es msse wohl der schwarze Kaffee sein, der ihr schlecht
bekommen ist.

Seid ihr denn ohne Milch? Ja, nun sehe ich erst, du hast den Eimer mit.

Ja, denk dir nur, die Bliros lt sich's auf einmal einfallen, den
ganzen Winter trocken zu stehen.

Nein, wirklich? Ja, da ist es freilich nicht so leicht fr deine Mutter.
Wird denn die Bliros lange trocken stehen?

Freilich, sie soll ja erst zum Sommer hin kalben.

Hm!

Kjersti wurde nachdenklich und sagte wie fr sich selber:

Ich habe wirklich schon oft vorgehabt, Rnnaug zu besuchen, aber es ist
nie etwas draus geworden; nun will ich aber sehen, ob ich nicht in
diesem Frhjahr einmal dazu komme.

                   *       *       *       *       *

Sidsel Langrckchen blieb an dem Tage lange auf Hol. Obwohl sie als
Spinnfrau gekommen war, htte sie es sich doch nie trumen lassen, da
eine Grobuerin wie Kjersti Hol so leutselig und freundlich zu ihr
sein knnte. Sie bewirtete sie mit allerlei Ewaren, mit Kaffee, Milch
und Kuchen, als wre sie zu Gaste geladen; und sie unterhielt sich mit
ihr so freundlich, da sie alle Schchternheit ganz verga. Und wie viel
Merkwrdiges zeigte sie ihr!

Der Kuhstall war nun aber doch das Allerfeinste. So viele Khe, da sie
sie kaum zhlen konnte, und Schweine, Schafe und Ziegen! Und in einem
groen Hhnerstall eine ganze Masse Hhner, ganz sicher so viele, wie es
im Herbst oben auf Guckaus Krhen gab!

Und ber alles wollte die Grobuerin genaue Auskunft haben, ob sie
lesen und schreiben knne -- nun, das konnte sie, das hatte sie ja vom
Jakob gelernt --, und ob sie oben auf Schlo Guckaus genug zu essen
htten, und wie die Ernte ausgefallen wre.

Und Sidsel konnte erzhlen, sie htten im Herbst drei Scheffel
Kartoffeln geerntet und einen Scheffel und sechs Liter Mischkorn, und so
viel Laub htten sie gesammelt, da sie reichlich Futter htten, um
Bliros den Winter durchzufttern, und sogar noch mehr.

Und nachdem Kjersti ihr die Schafe und die Ziegen gezeigt hatte, da
hatte sie wahrhaftig angedeutet, da sie wahrscheinlich zum Frhling hin
eine Hirtin haben msse, und da hatte Sidsel -- sie wute selbst nicht,
wie sie dazu kam -- der Kjersti erzhlt, wie sie daheim vom Fensterchen
aus sich immer Hol ausgewhlt habe, fr den Fall, da sie in Dienst
gehen msse.

Ob sie denn gern von zu Hause fort wolle?

O ja, wenn es nur nicht so schmerzlich wre, die Mutter verlassen zu
mssen.

Nun, darber wollten sie jetzt nicht weiter reden -- sie wrde schon im
Frhjahr einmal kommen und mit der Mutter sprechen. Jetzt mten sie
aber ins Haus, damit sie etwas zu essen bekme zur Strkung fr die
Reise; denn sie msse wohl nun daran denken, heimzukehren, es ginge ja
bereits auf den Abend.

Darauf gingen sie wieder ins Haus, und Sidsel wurde von neuem bewirtet,
und whrend sie a, sah sie, wie Kjersti Butter und Kse und andres mehr
aus dem Keller heraufholte, und alles in das groe Einschlagetuch, in
dem das Garn gewesen war, einwickelte. Aber den Milcheimer rhrte sie
nicht an; dagegen bemerkte Sidsel, da sie leise etwas zur Magd sagte
und da diese hinausging.

Nachdem Sidsel gegessen und, wie es sich geziemt: Dank und Ehre fr
Essen und Trinken gesagt hatte, meinte Kjersti:

Ja, nun heb mal das Bndel und versuch, ob du es tragen kannst.

Das war nun freilich tchtig schwer, doch sie wrde es schon erschleppen
knnen. Aber noch immer erwhnte Kjersti den Eimer nicht.

Ja so, nun komm her, Sidsel, ich will dir mit den Schaltchern helfen!

Sie zog ihr die dicken Handschuhe ber die Finger, wickelte sie in alle
die vielen Schaltcher ein, und bald stand Sidsel wieder reisefertig da,
ebenso wohl verpackt, wie sie gekommen war.

Niedergeschlagen ging sie zur Tr hin, wo der Eimer stand. Aber noch
immer sagte die Grobuerin nichts wegen des Eimers. Unschlssig blieb
sie stehen; sie hatte wirklich so viel Gutes bekommen, da es nicht gut
anging, sie geradezu an die Milch zu erinnern, aber viel lieber htte
sie etwas von der reichen Bewirtung entbehrt, als da sie ohne
Kaffeemilch zur Mutter heimgekommen wre.

Sie hob das Bndel auf, steckte die Nasenspitze in das Schaltuch hinein,
damit Kjersti nicht sehen sollte, da ihr die Trnen in die Augen
traten, als sie sich endlich bckte, um den leeren Eimer zu fassen.

Da sagte Kjersti:

Aber da htte ich ja wahrhaftig beinahe ganz vergessen, dich zu fragen,
ob du nicht mit mir tauschen willst, wenn du fr deinen Eimer einen
andern bekommst, der der Art ist, da er berhaupt nie leer wird. Willst
du?

Sidsel lie den Eimer fallen. Wohl hatte sie heute viel Wunderbares
gesehen und gehrt, wovon sie niemals eine Ahnung gehabt und desgleichen
sie noch nie gesehen hatte! Aber da Kjersti nun gar einen Eimer hatte,
der nie leer wurde! -- Sie blieb mit offenem Munde stehen.

Jedenfalls mut du ihn dir ansehen -- er steht drauen vor der Tr.

Sidsel war nicht faul, hinauszukommen.

Kjersti folgte ihr. Da stand die Dienstmagd und hielt die groe Ziege,
Krummhorn, an der Leine.

Kjersti sagte:

Sie ist die Leine gewohnt; ich denke also, sie wird schon mit dir gehen.
Und nun gr mir deine Mutter und frag sie, ob sie mit dem Eimertausch
zufrieden ist -- und sie wurde nicht einmal bse, da Sidsel
Langrckchen ganz verga, danke zu sagen, als sie mit Krummhorn von
dannen zog, whrend Br sie ein langes Stck Wegs begleitete; denn was
hier vor sich ging, das ging ber seinen Verstand.

                   *       *       *       *       *

Es lt sich denken, da Mutter Rnnaug auf Guckaus auch groe Augen
machte, als sie Sidsel in dem Aufzug kommen sah. Aber es war keine Zeit,
alles gleich zu erzhlen.

Der Stand neben Bliros mute gerumt und in Ordnung gebracht werden.
Denn nun war es, als htten sie zwei Khe, und Krummhorn spazierte so
stolz und berlegen in ihren Stand hinein, als ob sie selber eine Kuh
wre, und ihr Lebtag immer im Kuhstall gestanden htte. Bliros aber war
sichtlich beleidigt, da dieses neue Wundertier da hereinkam und sich in
_ihrem_ Stalle breit machte, und sie machte eine Bewegung mit dem Kopfe,
um nach ihr zu stoen. Aber da stie Krummhorn so gleichgltig wieder,
als sei sie's nur so gewohnt, sich mit Khen herumzustoen.

Bliros mute sie sich wirklich ansehen, so ein albernes Ding war ihr
denn doch noch nicht vorgekommen!

Darauf drehte sie sich wieder nach der Wand zu und sah berhaupt nicht
mehr nach Krummhorn hin.

An dem Abend hatte Sidsel Langrckchen so viel zu erzhlen, da sie sich
selber in den Schlaf schwtzte.




                     Abschied von Schlo Guckaus.


Als Sidsel Langrckchen das nchste Mal nach Hol kam, da kam sie nicht
allein, und da kam sie, um fr immer dort zu bleiben.

Alles war ganz, ganz anders gekommen, als sie sich gedacht hatte. Aber
sie hatte gewissermaen keine Zeit gehabt, sich die Sache eher richtig
klar zu machen, als gerade in dem Augenblick, da sie jetzt aus dem
Gattertor des Guckausschlosses heraustrat -- so vielerlei war in der
letzten Zeit auf sie eingestrmt, so viel Neues hatte es zu sehen und zu
hren gegeben, da sie nicht einmal Ruhe gefunden, sich richtig
auszuweinen, obschon sie immer wie mit einem Trnenklo im Halse
heimgegangen war; als sie jetzt aber Halt machte und sich umsah, da
brachte das Bild, das sie sah, auf einmal ihr alles klar und traurig
deutlich ins Gedchtnis zurck. Nun war etwas vorbei, etwas, das niemals
wiederkommen konnte; nie wieder sollte sie nach Guckaus zurckkehren,
hchstens als Fremde, sie hatte niemand -- nirgends ein Heim mehr.

Und da begann sie zu weinen so bitterlich, da alle, die erst gemeint
hatten, sie htte alles so ruhig und vernnftig hingenommen,
unwillkrlich stehen blieben und sie ganz verwundert ansahen.

                   *       *       *       *       *

Die letzten paar Wintermonate waren fr Sidsel oben auf Schlo Guckaus
so schnell vergangen, sie wute gar nicht wo sie geblieben waren. Und
das kam nicht zum geringsten Teil daher, da sie zu all dem brigen die
letzte Zeit unglaublich viel im Kuhstall zu tun bekommen hatte.

Krummhorn war nun gewissermaen ihre Kuh geworden, und es war
selbstverstndlich, da Sidsel sie warten mute; denn Bliros gab
deutlich zu verstehen, da sie es hchst ungndig aufgenommen htte,
wenn Rnnaug selber sich mit der Wartung einer rmlichen Ziege htte
abgeben wollen, gerade als ob diese eine ebenso wichtige Person im
Kuhstall wre wie sie selber -- denn der Kuhstall gehrte nun doch ihr
allein -- dies andre Tier war da blo geduldet.

Und deshalb wartete Sidsel Krummhorn genau so, wie sie die Mutter Bliros
warten sah; ja, sie bekam sogar noch mehr als die Mutter im Stalle zu
tun. Denn sie lernte bald die Ziege selber melken, und Bliros, Mutters
Kuh, melkte ja berhaupt nicht mehr.

Ob Krummhorn Milch gab? Oh, sie mute sie oft dreimal am Tage melken!
Nun war an Kaffeemilch oder Milchbrei kein Mangel mehr, es blieb sogar
mitunter genug brig, um noch Waffeln zu backen.

Dann kam der Frhling, und der kam oben auf Schlo Guckaus immer zeitig.
Das Heideland, das mitten in der Sonne lag, guckte immer zu allererst im
ganzen Tal aus dem Schnee hervor.

Und da ging Sidsel hin und untersuchte den Boden -- es war ein so
wunderliches Gefhl, wieder die bloe Erde unter den Fen zu fhlen;
und Tag fr Tag beobachtete sie genau, wie die einzelnen Flecken grer
und grer wurden, wie der Schnee allmhlich abwrts glitt, ganz
langsam, genau wie ihr langer Rock an ihr selber hinabglitt, wenn sie
das Grtelband lste und ihn fallen lie, so da er zuletzt wie ein
groer, bauschiger Ring um ihre Fe herum liegen blieb. Denn wenn erst
der Schnee bis zu dem groen Steine hinabgeglitten war, wo sie und Jakob
ihren eigenen Kuhstall zu haben und Tannenzapfen als Futter fr ihre
Khe und Schafe aufzubewahren pflegten -- dann fingen auch die uersten
Knospen an den Bumen an, dick zu werden und aufzuschwellen, fertig zum
Aufspringen, das wute sie noch vom vorigen Jahre -- und auch danach sah
sie nun jeden Tag -- und _dann_, _dann_ kam endlich der groe,
ereignisvolle Tag heran, wo Krummhorn ins Freie gelassen werden sollte,
das hatte die Mutter gesagt.

Das war es, worauf sie wartete. Nicht allein deshalb, weil es so lustig
war, nein auch, weil die Ziegen nie so krftige, fette Milch gaben, als
wenn sie im Frhling die ersten Knospen zu fressen bekamen.

Die Mutter war seit dem Tage, da Sidsel zum erstenmal auf Hol gewesen
war, nicht mehr recht wohl und munter gewesen; wenn aber Krummhorn nur
erst ihre Knospen zu knabbern bekam, dann wrde sie schon wieder gesund
werden.

Obwohl sie listig etwas Sand darauf gestreut hatte, damit der Schnee
rascher wegschmelzen sollte, lag an dem Tage, da Sidsel Langrckchen in
den Stall ging, Krummhorn losband und ins Freie fhrte, freilich noch
immer ein winziger Streifen Schnee oben auf dem Steine.

Krummhorn ging ruhig und wrdevoll, bis sie vor die Stalltre gekommen
waren. Da blieb sie stehen, sah sich um und schnupperte gegen die Sonne.
Sidsel zog an der Leine, sie wollte zu dem Heideflecken hinunter ziehen,
wo sie die Birke stehen hatte, deren Knospen am weitesten vorgeschritten
waren.

Krummhorn blieb unbeweglich stehen, als ob gar nichts los wre; sie war
so stark, da sie nicht einmal den Hals reckte, so krampfhaft Sidsel
auch an der Leine ziehen mochte. Sidsel ging da nher heran, um die
Leine krzer zu nehmen, aber da machte Krummhorn eine kurze Bewegung mit
dem Kopf, stie so heftig mit den Hrnern nach Sidsel, da diese
hinterrcks zu Boden fiel, und tnzelte dann gleichgltig davon.

Sidsel kam rasch wieder auf die Beine und setzte der Ziege nach. Als sie
ihr aber endlich so nahe gekommen war, da sie eben nach der Leine am
Boden greifen wollte, da begann Krummhorn zu traben; sie galoppierte
nicht, wie Ziegen zu tun pflegen, sie trabte wie eine Kuh oder ein Elch,
trabte am Hause vorber und schlug die Richtung nach Svehaugen ein.
Sidsel ihr nach; aber so sehr sie auch lief, holte sie sie doch nicht
ein. Schlielich stolperte sie ber einen Stein, fiel hin, so lang sie
war, und hatte gerade noch Zeit, die Augen aufzuschlagen und Krummhorn
im Trabe ber die Anhhe verschwinden zu sehen.

Nun blieb ihr nichts andres brig, als heimzulaufen und die Mutter zu
holen, und dann setzten sie beide der Ziege nach. Aber das wurde ein
langes Wettlaufen; erst dicht am Gatter von Svehaugen holten sie
Krummhorn ein. Dort stand sie und sah gelassen durch die Zaunpfhle; sie
dnkte sich offenbar zu gut, um, wie andre Ziegen, ber den Zaun
hinwegzusetzen, sie, die sich einbildete, sie wre eine Kuh.

Rnnaug war von dem langen Laufen ganz warm geworden und in Schwei
gebadet, und am Abend, als sie zu Bett gegangen waren, sagte die Mutter,
sie friere so erbrmlich. Das schien Sidsel sonderbar; denn als sie ihr
Gesicht an den Hals der Mutter legte, war der so hei wie ein glhender
Ofen.

Am nchsten Morgen weckte die Mutter Sidsel und bat sie, zu Kari
Svehaugen hinberzugehen und sie zu bitten, sie mge zu ihr kommen und
nach ihr sehen, sie fhle sich ganz elend und werde gewi nicht
aufstehen knnen.

Das kam Sidsel wieder seltsam vor; denn sie hatte die Mutter noch nie
mit so gerteten Wangen und mit so lebhaften Augen gesehen. Aber auf
einmal kam ihr alles so verwunderlich vor, da sie kein Wort
hervorbrachte, sondern sofort aufstand, sich eilig ankleidete und
davonstrzte.

Nun kamen seltsame Tage oben im Guckausschlo. Wenn Sidsel Langrckchen
spterhin an die Zeit zurckdachte, war es ihr, als sei es wie ein
einziger schrecklich langer Tag gewesen, an dem so vielerlei geschehen
war, was sie sich gar nicht recht klar machen und auseinanderhalten
konnte. Alle Erinnerungen an diese Zeit waren wie Schatten, die in einem
gelblich flammenden, bsartigen Licht vorberdrngten und sich jagten,
und durch all dies Gewirr hindurch hrte sie wie ein unablssiges Sausen
ein schweres, wehes Atemholen.

Ihr war, als knne sie in der Ferne Kari Svehaugen erkennen, die still
herumging und im Hause und im Kuhstall alles besorgte, und sie selbst
hatte gewi mehrere Male oben im Gest einer Birke gesessen und Knospen
gepflckt. Auch Lars Svehaugen glitt rasch an ihrem Auge vorber, als
htte er es furchtbar eilig. Und dann war einer gefahren gekommen, im
Pelz und mit groen, schweren Stiefeln, den alle umringten und dessen
Worten sie lauschten; und mit ihm kam ein eigentmlicher Geruch, der
gleichsam die ganze Stube ausfllte, auch noch lange, nachdem er schon
wieder fort war.

Ihr war auch, als htte sie Kjersti Hol auf einem Stuhle sitzen und
allerhand gute Sachen aus einem groen Korbe auspacken sehen, und Jakob
stand daneben und hatte ein groes Stck Rosinenkuchen in der Hand, an
dem er kaute, immerfort kaute, als wre es ihm unmglich, den
Rosinenkuchen hinunterzuwrgen. Am deutlichsten sah sie seine Augen, sie
waren so gro und seltsam glnzend.

Dann war sie eines Morgens in blendend grauem Tageslicht erwacht. Und
von da ab sah sie alles und konnte sich auf alles ganz deutlich
besinnen. Sie lag in dem kleinen Kinderbette, in dem Jakob zu liegen
pflegte, als er noch zu Hause war -- sie mochte wohl alle diese Nchte
darin gelegen haben -- und Kari Svehaugen beugte sich ber sie und sah
auf sie herab. Es war ganz still; das schwere, wehe Atemholen konnte sie
jetzt nicht mehr hren; es knisterte blo im Feuer auf dem Herd, und ein
warmer Luftstrom drang von dort herein.

Kari sagte ganz still:

Nun hat es deine Mutter gut, kleine Sidsel, so gut, wie sie es nie zuvor
gehabt hat. Und deshalb sollst du auch nicht weinen.

Und Sidsel weinte auch nicht, sie stand blo auf und ging ganz still
umher den ersten Tag.

Und spter gab es so viele Vorbereitungen zu etwas Feierlichem, da sie
kaum Zeit bekam, ber die groe Vernderung nachzudenken. Lars Svehaugen
kam vom Krmer mit so viel feinem weiem, blankem Zeug, wie sie noch nie
gesehen, und dann kam eine Frau und half der Kari, das Zeug
zurechtzuschneiden und ein Kissen und ein feines, weies Kleid daraus zu
nhen, das die Mutter anhaben sollte, und auf dem weien Kissen sollte
sie liegen.

Lars Svehaugen kam wieder und begann eine neue Bettstelle fr die Mutter
zurecht zu zimmern; und gerade da kalbte Bliros, und das Kalb sollte
geschlachtet werden. Und Lars brachte feine Tannenbsche und hmmerte
ein paar an der Tr drauen fest und andre auf die Gatterpfosten und
streute Tannenreisig auf den ganzen Weg bis ans Haus heran. Und allerlei
Sendungen kamen, eine solche Menge guter Sachen von Kjersti Hol und von
andern, da Sidsel noch nie so viel Gutes gekostet hatte.

Und dann kam der Tag, an dem die Mutter zur Kirche gefahren und begraben
werden sollte. Es kamen viele Menschen, und Jakob kam in neuen Kleidern
aus grauem Fries und strahlte frmlich; und alle wurden bewirtet, und es
war so still und feierlich. Sogar der Schulmeister kam in eigener Person
und sang so schn, whrend Lars Svehaugen und drei andre die Mutter zur
Tr hinaustrugen und auf einen Schlitten setzten. Darauf zogen sie
langsam von dannen, die Anhhe hinab, der Schlitten fuhr zuerst, und
alle die andern schritten still hinterdrein. Unten aber standen zwei
Pferde, und sie und Jakob durften wahrhaftig neben Kjersti Hol selber
im Schlitten sitzen und fahren.

Dann kamen sie zu der weien Kirche; die Glocken luteten so schn oben
im Turm in dem Augenblick, als sie die Mutter durch die groe Pforte
hineintrugen.

Das weitere sah sie nicht mehr ganz deutlich; aber dessen entsann sie
sich noch, wie sie die Mutter in die Erde hinabsenkten und grne
Heidekrnze ber sie streuten; darauf sang der Schulmeister wieder, und
alle Mannsleute nahmen die Hte ab und hielten sie lange vors Gesicht.

Darauf gingen sie fort und fuhren wieder im Schlitten; aber diesmal
fuhren sie viel schneller; es war, als liefen die Zaunpfhle in der
verkehrten Richtung mit einander um die Wette, und sie und Jakob
versuchten, sie zu zhlen, aber es ging nicht.

Und alle kamen wieder mit heim, Kjersti Hol auch. Daheim hatte Kari
Svehaugen, die nicht mit zur Kirche gegangen war, den Tisch mit einem
weien Tischtuch gedeckt und Teller und gutes Essen aufgetragen; und
alle aen und unterhielten sich, aber niemand sprach laut. Nach dem
Essen nahm Sidsel Jakob mit in den Kuhstall und zeigte ihm Krummhorn. Oh
ja, er mute schon zugeben, es war eine ganz schne Ziege; aber eklig
war die sicher, das konnte er an ihren Augen sehen. Sie waren auch am
Bache, um nach seiner Mhle zu sehen, aber die war verfallen, seitdem er
so lange nicht hier gewesen war.

Dann wurden sie ins Haus gerufen und alle tranken Kaffee, und als sie
damit fertig waren, begann Kari alles in Krbe einzupacken.

Als das getan war, sagte Kjersti Hol:

Ja, nun sind wir wohl hier fertig. Du, Sidsel kannst Krummhorn an die
Leine nehmen und mit mir gehen. Das war das letzte, was ich deiner
Mutter versprochen habe.

So war es zugegangen, da Sidsel Langrckchen zusammen mit Kjersti Hol,
Br und Krummhorn bis zu dem Gatter gekommen war, und da geschah es, da
sie zurckblickte und dann zu weinen anfing.

Dort sah sie Kari Svehaugen einen groen Korb am Arme tragend und Bliros
an der Leine nach sich ziehend auf dem einen Wege, und weiter weg auf
dem andern sah sie den Rcken von Jakob, dem sie eben die Hand gegeben
und Lebewohl gesagt hatte -- er sah so merkwrdig klein und armselig aus
der Jakob -- und dort brachte Lars Svehaugen einen Tannenzweig an der
Trklinke an zum Zeichen dafr, da Schlo Guckaus nun leer stand,
verschlossen und verriegelt.




              Wenn das Vieh auf die Weide gelassen wird.


Sidsel Langrckchen erwachte in der kleinen Gangkammer, die unter der
groen Treppe drauen auf dem Flur in Hol eingebaut war. Sie schlug die
Augen mit einem Mal weit auf und versuchte, sich zurechtzufinden. Sie
fhlte ein wohliges, erwartungsvolles Erbeben im ganzen Krper, fhlte,
da sie zu etwas Groem, Wichtigem, etwas Neuem erwacht war, auf das sie
sich ganz unvernnftig gefreut hatte; aber sie konnte nicht sofort
darauf kommen, was es war.

Es war ganz hell in der kleinen Kammer, in der blo ein Bett und ein
Stuhl standen und sonst nur noch ein kleines Wandbrett hing mit einem
Spiegel darber.

Die Sonne schien quer in die Stube herein durch ein paar
Fensterscheiben, die hoch oben in der Wand gerade ber ihrem Bett
angebracht waren, und zeichnete die Scheiben als zwei leuchtende gelbe
Vierecke auf der Diele bei dem kleinen Ofen ab; die eine Ecke reichte
weit bis zum Ofen hinauf. Sie folgte den Sonnenstrahlen mit den Augen,
da traf die eine Ecke gerade auf etwas Hellgrnes, und gleichzeitig
schlug ihr ein wunderlich feiner Duft entgegen. Sie sog den Duft ein --
ja richtig -- nun besann sie sich, es waren die feinen Birkenzweige, mit
denen sie gestern ihr Kmmerchen geputzt hatte; drauen war keimender,
sprossender Frhling, und heute sollte das Vieh auf die Weide gelassen
werden, und die Klber sollten Namen kriegen; heute sollte sie erst im
Ernst ihren Dienst antreten, etwas fr sich selbst werden, Hirtin auf
Hol.

Sie war nun schon einen ganzen Monat auf Hol.

Aber bisher war sie gewissermaen blo zum Staate herumgegangen, hatte
im Hause mit Kjersti herumgebastelt, Kleinholz fr sie geholt, den
Kaffee gemahlen und mit ihr geplaudert.

Die Schafe und Ziegen waren zwar bereits ins Freie gelassen, aber die
durften noch berall hin, blo in den Garten durften sie nicht hinein;
aber den bewachte Br. Im Kuhstall war auch nichts fr sie zu tun; dort
war auer der Sennerin noch die Stallmagd, und die zwei besorgten alle
Arbeit. Eigentlich sollte eine Hirtin ja freilich melken knnen; aber
sie meinten, Sidsel solle damit noch ein Jahr warten; sie habe noch zu
kleine Hnde, um Khe zu melken. Und gar oft sa sie und ma ihre Hand
und zog an den Fingern und fragte die Sennerin, ob sie nicht ihre Hnde
schon sehr gro fnde; die Sennerin aber hatte gewi schlechte Augen,
denn sie konnte das gar nicht finden.

Krummhorn htte sie ja eigentlich selber warten sollen, das meinte auch
Kjersti, aber daraus wurde auch nichts. Denn die Ziege war so ganz
unlenksam geworden, da sie mitunter meinten, sie wre geradezu
verrckt. Im Ziegenstall ging sie von der einen Wand zur andern, sprang
auf die andern Ziegen und die Schafe ein, da es blo so in deren
Hinterbeinen krachte -- zu guterletzt muten sie Krummhorn an der Wand
festbinden und auch dann noch die Leine ganz kurz machen. Und im Stall
wollte sie sich berhaupt nicht melken lassen. Als Sidsel es das erste
Mal versuchte, machte die Ziege einen mchtigen Satz und schlug so
heftig mit den Hinterbeinen aus, da Sidsel nach der einen und der
Melkeimer nach der andern Seite rollten. Daraufhin mute die Sennerin
selber die Ziege melken; aber auch da konnte es blo mit Anwendung von
Gewalt geschehen, und ein Zweites mute Krummhorn an den Hrnern
festhalten.

Und kam sie vollends ins Freie, so war sie nicht zu bewegen, den andern
Ziegen auf den Anger hinauf zu folgen, um Futter zu suchen, frech
stellte sie sich an der Tr zum Kuhstall auf, und hier stand sie
unbeweglich den ganzen, geschlagnen Tag -- und brllen tat sie, wie eine
Kuh, sagte der Knecht -- so da sie am Abend, wenn die andern satt und
vollgefressen heimkehrten, mager und hungrig wie ein Wolf war.

Sidsel meinte zwar, wenn sie einen Stand im Kuhstall kriegte, so wrde
sie schon wieder vernnftig werden; aber dazu sagten Kjersti wie die
Sennerin nein -- eine Ziege drfe nicht solche schlechte Angewohnheit
gelehrt bekommen.

Sidsel hatte deshalb nicht weiter viel zu tun gehabt; das Einzige, wozu
Kjersti sie angestellt hatte, war, ihr Kmmerchen hbsch in Ordnung zu
halten, und das hatte sie auch immer getan. Jeden Morgen machte sie
selbst ihr Bett, und jeden Sonnabend scheuerte sie den Fuboden und das
Wandbrett und streute Wachholder. Und letzten Sonnabend war denn auch
Kjersti gekommen, hatte zu ihr hereingeguckt und gesagt, sie hielte ihre
Schlafkammer ordentlicher und sauberer als die erwachsnen Mgde; und das
war nicht gelogen, das hatte sie selber gesehen.

Nun sollte es aber anders werden. Gestern abend war Kjersti zu ihr
gekommen und hatte gesagt, heute frh sollte das Vieh auf die Weide
gelassen werden, und da msse sie mit dabei sein; spterhin am Tage
sollten die Klber zum ersten Mal ins Freie kommen, und die msse sie
wenigstens den ersten halben Tag hten, und weiterhin solle sie ihnen
Namen geben, Namen, die sie auch fr spter behalten sollten, bis sie
groe, alte Khe wrden. Am nchsten Tage dann sollte sie den Ranzen
aufgeschnallt kriegen und mit den Schafen und Ziegen in den Wald ziehen.
Denn nun ging es nicht lnger an, die Tiere noch auf dem Anger grasen zu
lassen.

Jetzt besann sie sich auch; diese Namen waren es gewesen, ber die sie
gestern abend im Bett nachgedacht hatte; aber noch war sie damit nicht
weiter gekommen, als darber nachzudenken, ob nicht die feine rotbraune,
die mit dem groen, weien Fleck am Kopfe und mit den sanften,
gutmtigen Augen, Bliros heien sollte.

Aber sie hatte den Gedanken bald aufgegeben. Es war doch nur eine
einzige Kuh, die Bliros heien konnte. Ach, sie mochte am liebsten gar
nicht daran denken. Und darber war sie eingeschlummert.

Wenn sie es nur nicht verschliefe! Denn sie hatte Kjersti sagen hren,
sie knne es nicht ausstehen, wenn die Mgde am Morgen so lange liegen
blieben und die Zeit vertrdelten -- und es wre ja auch keine Art
gewesen, wenn sie gerade heute, wo sie im vollen Ernst den Dienst
beginnen sollte, nicht ebenso frh zur Stelle gewesen wre wie die
andern.

Sie kam rasch aus den Federn und schlpfte in ihren langen Rock. Dann
machte sie schnell ihr Bett, ffnete die Tr, ging in den Flur und auf
die Treppe hinaus.

Die Sonne war eben im Osten ber den obersten Tannenwipfeln auf der
Halde emporgekommen und brauste nun wie ein schumender Wasserfall ber
die Talrnder nieder; die Sonnenstrahlen zitterten im Tau auf den Wiesen
und Halden; es blinkte im Gelben, es glitzerte im Grnen, es blitzte in
den Bchen, die talabwrts rauschten. Aus jedem Gebsch kam ein lustiges
Zwitschern und Piepsen, ein unaufhrliches Schwtzen und Flgelschlagen,
von allerorten kam die frohe Kunde keimenden Lebens und Treibens.

Alles vermischte sich zu einem einzigen, mchtigen Morgenbrausen, in dem
der einzelne Laut verschwand, nur der Kuckuck rief hoch oben im
Birkenwldchen auf der Halde so laut, da man ihn ber alles hinweg
hrte, und in jedem blanken Fenster stand ein groes, ruhiges
Sonnenauge.

Und wie es Tausenderlei verschiedene Arten Laute gab, so gab es tausend
verschiedene Dfte, von der dampfenden Erde, von sprossendem Gras, von
Knospen und Blten, und durch das Ganze drang -- wie der Ruf des
Kuckucks in dem groen Gebrause -- der feine, scharfe, betubende Brodem
des eben aufgesprungenen Birkenlaubs.

Sidsel Langrckchen blieb eine Weile stehen, holte tief Atem und lie
den Duft und das Brausen auf sich eindringen. Dann sah sie sich auf dem
Hofe um. Es war noch ganz still, alle Tren waren noch geschlossen; von
lebenden Wesen, die zum Hof gehrten, war nur Br zu sehen, der sich
langsam von den Steinfliesen erhob, wo er sichs in der Sonne bequem
gemacht hatte; er kam heran, sah zu ihr auf und wedelte mit dem
Schwanze.

Ja wahrhaftig, sie war heute die Erste, die auf dem Hofe auf war!

Nun, da mute sie eben warten. Sie setzte sich auf die Treppe.

Aber nein, das htte sie sich doch denken knnen -- natrlich war
Kjersti schon auf; sie hrte sie aus ihrer Kammer in die Kche gehen und
mit dem Stecken dreimal an die Decke zur Sdkammer pochen, in der die
andern Mgde schliefen.

Gleich darauf hrte sie plumps, plumps, wie eine nach der andern aus dem
Bette sprang, und das Klappern der Holzschuhe, die sie anzogen.

Dann kam Kjersti heraus -- sie wollte nach der Knechtekammer hinber, um
die Burschen zu wecken.

Als sie Sidsel sah, sagte sie:

Nein, da ist ja Sidsel schon auf den Beinen. Du bist mir ein flinkes
Mdel, ich meine, ich mu dich zur Gromagd machen.

Sidsel wurde auf einmal so verlegen, da sie sich gar nicht getraute,
Kjersti in die Augen zu sehen. Als aber endlich die Sennerin und die
andern Mgde die Treppe herabkamen, hob sie unwillkrlich ihr
Stumpfnschen noch ein bichen hher als sonst.

Bald herrschte berall auf dem Hofe emsiges Leben und Treiben; aber es
war doch nicht wie gewhnlich. Jedes hatte heute Eile, und es war, als
ob alles die Richtung auf den Kuhstall hin nhme; die Tren standen weit
offen an beiden Seiten des Stalles, und alle nahmen ihren Weg durch den
Stall hindurch. Die Frhlingsluft strmte ungehindert hinein, und die
Khe drehten sich in ihren Stnden um, bliesen die Nstern auf und
schauten hinaus.

Als Kjersti selber hineinging, mit den Khen redete und der Schellenkuh
die Backen klopfte, whrend die Mgde dasaen und molken, da begriffen
auch die Tiere sofort, was fr ein Tag heute war. Die Schellenkuh hob
den Kopf und brllte, da es weit hinausschallte, und das war fr alle
andern das Zeichen; sie rissen an den Ketten, schlugen mit den Schwnzen
und begannen ebenfalls zu brllen, eine nach der andern, die ganze Reihe
abwrts, so da der Stall frmlich erbebte, ein vielstimmiger,
erwartungsvoller Jubelruf, der gar kein Ende nehmen wollte.

Und ber das Ganze hinweg hrte man den Bullen, der so tief, gleichmig
und gutmtig brllte -- er brauchte sich gar nicht anzustrengen, um
gehrt zu werden.

Obwohl heute alles rascher vor sich ging als sonst, schien es Sidsel
Langrckchen doch, als dauerte es lange. Sie konnte nicht begreifen, wo
die andern die Ruhe hernahmen, dazusitzen und gelassen ihr Frhstck zu
verzehren. Sie war lange vor den andern fertig und fragte, ob sie nicht
das Kleinvieh herauslassen drfe, die Schafe und die Ziegen. Das drfe
sie schon, wurde ihr geantwortet. Im Handumdrehen hatte sie die Tiere
ins Freie gebracht, und wie gewhnlich zerstreuten sie sich rasch mit
mutwilligen Sprngen und langen Stzen ber die Wiesen hin -- nur
Krummhorn nahm die Gelegenheit wahr und schlpfte durch die offne Tr in
den Kuhstall hinein. Aber Sidsel hatte keine Zeit, das zu beachten.

Auf einmal wurde es einen Augenblick ganz still; man hrte ein paar
tiefe, volltnende Schlge einer groben Schelle. Aber es war nur ein
Augenblick; dann antwortete vom Kuhstall her ein Jubelgebrll, Brummen,
Schnauben, Schnieben und Kettenklirren, als ginge ein schweres Gewitter
ber den Hof nieder. Jetzt verstanden die Tiere, da es wirklich Ernst
war, als sie die Schelle hrten, die sie, seitdem sie im Herbst in den
Stall gekommen waren, nicht wieder gehrt hatten.

Und da kamen sie in feierlichem Zuge, Kjersti selbst an der Spitze, die
Schelle mit dem eisenbeschlagenen Kloben in der Hand, hinter ihr die
Sennerin, dann die Untersennerin, die Stallmagd und darauf die beiden
Knechte, die dicke Knppel austeilten, -- auch Sidsel bekam einen -- und
zu allerletzt Br, der heute auch mit dabei war.

Sie gingen in den Stall hinein. Da wurde es mit einem Mal wieder still;
alle Khe drehten die Kpfe nach der Seite, von wo der Zug hereinkam,
und sahen mit groen, erwartungsvollen Augen drein.

Dann wurde das Vieh verteilt. Die Sennerin sollte die Ketten lsen.
Sidsel, die Untersennerin und die Stallmagd sollten es mit ihrem Stecken
durch die Tr hinausleiten; drauen im Viehgatter sollten die Knechte
bereitstehen, um die Tiere in Empfang zu nehmen und auf den rechten Weg
zu bringen -- das Vieh sollte heute auf den Nordanger -- und diejenigen,
die zusammengerieten, trennen, und drauen wollten Kjersti und Br
stehen und sich das Schauspiel durch das Gatter ansehen.

Der groe Augenblick war gekommen.

Kjersti ging zur Schellenkuh in den Stand hinein. Die richtete sich auf,
hob stolz den Kopf, so hoch sie vermochte, und stand bumsstille, wie
eine Mauer. Sie wute genau, da sie die vornehmste hier war, die als
erste durch die Stalltr aus- und eingehen durfte; sie mute aber auch
zeigen, da sie die Ehre wohl zu wrdigen verstand, von Kjersti selbst
das Ehren- und Machtzeichen, die Schelle, an- und abgeschnallt zu
bekommen. Kjersti band ihr die Schelle um den Hals und lste ihr die
Kette, die klirrend zu Boden fiel. Da schwenkte die Kuh langsam und
bedchtig, wie ein groes, schweres Schiff, aus dem Stande heraus;
feierlich und ernst nahm sie die Richtung auf die Tr zu, den Kopf hoch
haltend und so ruhig, da man kaum die Hrner sich bewegen sah, und die
Schelle gab blo einen kurzen, bestimmten Ton bei jedem Schritte.

Der nchste war der Bulle; dem lste die Sennerin die Kette; der ging
ebenso ruhig und schwerfllig, und seine Hrner ragten so hoch, da sie
beinahe das Dachgeblk streiften, und waren so breit, da es aussah, als
fllten sie den ganzen Mittelgang aus. Sidsel hatte noch nie bemerkt,
da er so gro war. Und dann kamen der Reihe nach die andern, Brandros
und Morlik, Kranslin und Reindrople, Svartsi und Drive, Farskol und
Litago, Sommerlv und Spasergang, Mrkei und Guldros, die ganze, lange
Reihe abwrts bis zu den Frsen, deren Namen keines richtig behalten
konnte, und die jungen Ochsen, die berhaupt keine Namen hatten. Und je
weiter sie den Gang hinunterkamen, um so schneller ging es; sie
streckten die Hlse und zerrten an den Ketten, sie strzten auf die
Kniee, wenn die Kloben an den Ketten nachgaben, sprangen wieder auf, da
es in den Gelenken krachte, liefen geradeswegs gegen die Wand oder oben
in den Futtergang hinauf, scharten sich dann alle bei der Tr zusammen,
kamen zwei und zwei nebeneinander her, liefen sich so fest, da ihre
dicken Buche wackelten, und bereits kamen neue von hinten nach und
drngten vorwrts, schlugen mit den Hrnern, stieen und brllten;
pltzlich gab dann der Widerstand vorn nach, und der ganze Klumpen
strzte ins Freie.

Das Letzte, was Sidsel sah, war Krummhorn, die hinten ausschlug und mit
einem langen Satz durch die Stalltr den andern nachsetzte.

Drauen war Lrm und Leben. Sie hoben die Kpfe, schnauften nach der
Halde hinauf, und dann wurden sie wie besessen; alte, steifbeinige Khe
schlugen bermtig wie die Klber mit den Hinterbeinen aus, machten
mutwillige Stze ber den Hof hin, gerieten in ihrer Ausgelassenheit
aneinander, da die Hrner nur so krachten, stieen ein kurzes, wildes
Gebrll aus, wenn sie den krzeren zogen, und fuhren auf eine zweite und
dritte los -- das Ganze ward ein einziger groer Wirrwarr von Schnaufen
und Brllen, Krachen der Hrner und Knacken der Gartenzune,
Aufklatschen und Knallen der Stecken, Rufen und Schreien von
Menschenstimmen; und durch den Wirrwarr hindurch bahnte sich der Bulle,
auf und abschreitend, die Hrner hoch ber dem Ganzen, den Weg wie ein
gewaltiger Schneepflug.

Nur die Schellenkuh stand ruhig ein Stck abseits und sah zu; ihr wagte
keines zu nahe zu kommen.

Endlich war die Sennerin an die Spitze des Zugs gekommen und begann zu
locken; da hob die Schellenkuh den Kopf, brllte, da es weit ber den
Hof schallte, und sprang hinterdrein. Ihr nach kam Brandros, die immer
noch voller Wut schnaubte; nun hatte sie alle gezchtigt, die es
berhaupt der Mhe wert waren, und hatte sie auch nicht die Schelle
bekommen, wollte sie doch wenigstens die nchste nach der Schellenkuh
sein. Ihr wieder dicht auf den Fersen kam Krummhorn angesetzt, den Kopf
hoch und mit wichtiger Miene; aber Brandros verstand heute keinen Spa,
schlug mit dem einen Hinterbeine aus und traf sie so mitten auf den
Kopf, da es Krummhorn vor den Augen flimmerte. Aber die Ziege
schttelte blo den harten Schdel -- tat, als wenn gar nichts geschehen
wre -- das war wohl so Sitte unter Khen.

Das Locken der Sennerin wurde immer lauter, eine nach der andern wurde
aufmerksam, kam nachgesetzt, und bald lief der ganze Haufen unter lautem
Schnaufen und Brllen, Rufen und Schellenklang, Locken und klatschenden
Schlgen hastig zum Nordanger hinauf.

Dort oben war das Gelnde flach und weit weniger gefhrlich; das
Jungvieh tnzelte in wildem Spiele herum, und hier fand der letzte Kampf
statt zwischen denen, die die Krfte noch nicht gemessen hatten; denn
dieser erste Kampf war fr den ganzen Sommer entscheidend. Aber bald
beruhigten sie sich, und ein paar Stunden spter grasten sie friedlich
Seite an Seite.

Die Knechte fingen an, heimzugehen. Blo die Sennerin und Sidsel sollten
noch eine Weile zurckbleiben, um aufzupassen, da nichts geschah. Und
richtig, es geschah etwas.

Brandros war die einzige, die sich nicht beruhigen konnte, schnaufend
schritt sie hin und her -- eigentlich htte sie die sein sollen, die die
Schelle trug -- und mit einem Mal fuhr sie wie toll auf die Schellenkuh
los. Es entstand ein Ringkampf, da die Rasenstcke nur so in der Luft
herumflogen; dann hrte man ein Krachen und ein kurzes, wildes Brllen
-- Brandrosens eines Horn hing gebrochen herab und schlenkerte hin und
her. Sie schttelte den Kopf, da das Blut weit herumspritzte, stie von
neuem ein lautes Brllen aus, kehrte um und setzte in langen Sprngen
geradeswegs nach dem Hof zurck, auf die Stalltr zu, und dort begann
sie zu brllen, als ob sie den ganzen Gutshof niederreien wollte.

                   *       *       *       *       *

Nach dem Mittagessen wurden die Klber herausgelassen. Sidsel taufte sie
Gulddrople, Rdsi und Morskol -- der Ochse sollte noch keinen Namen
bekommen --; sie sah wohl, da Kjersti sich darber wunderte, da sie
kein Tier Bliros genannt hatte, aber sie lie sich nichts merken.

Sie trieben sie aus dem Verschlage heraus und ber den Boden des Stalles
hin in der Weise, da jede von den Mgden ihnen einen Bottich mit etwas
Dnnmilch vorhielt; die Klber fuhren mit den Kpfen in die Eimer bis
auf den Boden, die Mgde liefen dann mit den Kbeln voran, und die
Klber, die auch den letzten Tropfen mitnehmen wollten, ihnen nach, den
Eimer wie groe Hauben ber den Kpfen tragend. Drauen vor der Stalltr
schnappten die Mgde ihnen die Kbel wieder weg -- und da standen sie,
die noch niemals zuvor auerhalb des Verschlags gewesen waren, auf
einmal inmitten der groen, wunderlichen, neuen Welt.

Sie sahen nieder und stelzten rckwrts, als stnden sie auf einer
Treppe. Aber bald wagten sie, vorsichtig den einen Fu vorzusetzen, dann
den andern.

Es ging langsam, Schritt fr Schritt, aber dann -- dann begriffen sie,
da sie auch hier festen Grund unter den Fen hatten; dies war blo ein
grerer, aber so herrlich heller Verschlag, wo es gewi weit bis zur
Wand war -- schwupp! reckten sie die Schwnze gerade in die Hhe und
setzten davon wie die wildesten Waldtiere.

Das war ein Gelaufe von Zaun zu Zaun, der Kreuz und Quer und rund im
Kreise ber die weiten Felder hin, und jedes Mal, wenn sie ber einen
Erdhaufen wegliefen, sahen Kjersti und Sidsel die aufgerichteten
Schwnze sich wie Steuer gegen den Himmel abzeichnen. Sidsel fand, sie
habe noch nie so etwas Lustiges gesehen. Aber lange blieben sie nicht
beisammen; bald lief jedes in andrer Richtung, und am Abend mute Sidsel
sie einzeln aus den entlegensten Winkeln auf dem Felde zusammensuchen
und eins nach dem andern wieder mit einem Eimer heimlocken; denn
begreiflicherweise hatten sie noch nicht gengenden Verstand, um zu
wissen, da sie auch wieder nach Hause mten, sie, die zum ersten Male
im Freien waren.

                   *       *       *       *       *

Sidsel lag wieder in ihrer kleinen Gangkammer. Es war am Abend des
ersten Tages.

Erst sprach sie das kurze Nachtgebet, wie sie zu tun pflegte, streckte
sich und fhlte sich wundervoll wohlig und mde im ganzen Krper.

Was das fr ein Tag gewesen war! Sie wute er war lang gewesen; aber wie
schnell war er ihr vergangen. Sie mute wirklich alles noch einmal
berdenken.

Aber der Schlummer berraschte sie und warf die Bilder bunt
durcheinander.

Dort sah sie ein paar groe Hrner, die wie ein Schneepflug durch ein
unentwirrbares Gewimmel hindurchpflgten, und dort wieder sah sie
Brandros in ihrem Stande stehen; den Kopf zur Seite geneigt und einen
groen Lappen um das eine Horn gewickelt, glich sie genau einem alten
Weibe, das sich Kopfschmerzen wegen ein Tuch um die Stirn gebunden hat;
und dort -- ihr war, als she sie deutlich einen Vers geschrieben, den
sie einmal gehrt hatte:

   Klbchen springen, Schwnzchen schwingen
   Hoch in der Luft.

Und dann schlummerte Sidsel Langrckchen ein.

                   *       *       *       *       *

Am nchsten Tage bekam Sidsel Langrckchen den Hirtenranzen
aufgeschnallt und zog mit dem Kleinvieh in den Wald -- Krummhorn bekam
sie nicht mit; die trabte spornstreichs nach dem Nordanger hinauf zu den
Khen.

Dieser Tag wurde ihr lang; es war so wunderlich einsam und still im
Walde; sie mute unwillkrlich an so vielerlei denken, an die Mutter, an
Jakob und an Schlo Guckaus, und da konnte es wohl geschehen, da ihr
die Trnen kamen.




                            Die Alpfahrt.


Die Halde jenseits des Tals hinauf zieht ein langer Zug.

Am Kammerfenster daheim steht Kjersti Hol und folgt ihm mit den Augen,
soweit sie vermag, bis er ber dem Bergkamm im Gebirge verschwindet.

An der Spitze reitet die Sennerin auf dem Soldatenpferd,[1] dem ein
Frauensattel aufgeschnallt worden ist, ein hohes Gestell wie ein
Lehnstuhl; und dort hoch oben thront sie in sonntglichem Putz, im
weien Kopftuch, rotbckig, rund und selbstbewut. Nun ist sie die
Hauptperson, diejenige, die das Regiment fhrt.

[Funote 1: d. i. das Pferd auf jedem Hofe, das im Kriegsfall an das
reitende Jgerkorps abgegeben werden mu.]

Nach ihr kommen zwei Knechte, jeder leitet eins der beiden Saumpferde,
die unter dem schweren Packsattel im Rcken frmlich einsinken. Darauf
kommt das Vieh in stolzem Zuge. Erst die Schellenkuh, dann Brandros mit
ihrem schiefen Horn, dicht hinter ihr Krummhorn, darauf Mrkei und dann
die ganze Schar -- mit Ausnahme von Farskol und Litago, die heuer
Stallkhe sein und die Klber anlernen sollen, mit auf die Weide zu
gehen -- bis zum Stier, der zuletzt geht, als htte er auf die ganze
Schar aufzupassen. Dann kommen die Ziegen, die es immer eilig haben und
gern an den andern vorbeikommen mchten; darauf die Schafe in einem
dichten Klumpen, weiterhin vier groe Schweine, und schlielich die
Untersennerin und Sidsel Langrckchen mit dem Hirtenranzen auf dem
Rcken.

Im Anfang ist es flott wie im Tanze gegangen; alle erinnern sich des
Gebirges vom vorigen Sommer her, alle haben sich dorthin zurckgesehnt,
es geht keinem rasch genug vorwrts. Aber je weiter sie bergauf steigen,
desto steiler wird es, die Sonne steigt hher und brennt ihnen auf den
Rcken; die Schweine fangen an, zurckzubleiben, versuchen, bei jedem
Seitenpfad einen Abstecher zu machen, lauern nur darauf, etwas Schatten
zu erhaschen oder eine Pftze zu finden, in der sie sich abkhlen
knnen; die Ziegen und Schafe merken, da sie hungrig werden, schlpfen
zur Seite, wo sie einen Busch sehen und ein paar Bltter abknabbern
knnen, oder sie entdecken ein Gatter, durch das sie neugierig
hindurchgucken mssen, oder einen grnen Fleck; und die Frsen, die
bisher noch nicht mit auf der Alp gewesen sind, begreifen gar nicht,
wozu die unntige Eile, und tun einfach nicht mehr mit, wenn nicht der
Stecken ber ihnen ist.

Also mu Sidsel oft vom Wege abbiegen, hinauf auf Seitenpfade, hinter
Bsche und Strucher, hinab ins Waldgestrpp und in den Moorgrund und
sie einzeln wieder auflesen, und kaum hat sie sie auf der einen Seite
des Weges zusammengetrieben, so wischen sie ihr auf der andern wieder
aus.

Sie hat eins ihrer Strumpfbnder nehmen mssen, um den langen Rock heute
damit aufzubinden, damit er ihr nicht im Wege ist; denn sie mu tchtig
laufen und sich abmhen, ununterbrochen locken und rufen.

Es ist wirklich ein schweres Stck Arbeit; das blonde Haar wird ganz
feucht, und ihr Gesicht ist so rot wie eine Preiselbeere; aber sie merkt
es gar nicht, so ist sie in Anspruch genommen von all dem, was sie zu
tun hat. Denn sie ist den ganzen Sommer ber fr das Kleinvieh
verantwortlich, da keins verloren geht und da alle fett und blank zum
Herbst wieder heimkommen; sie und die Sennerin haben gewissermaen die
Verantwortung, jede fr ihren Teil des Viehbestandes, und wenn es auch
blo die Nachhut ist, die sie hat, so will sie doch nicht die Schande
auf sich sitzen haben, da sie nicht alle vorwrtsbringen knne.

Langsam steigen sie hher und hher hinauf, bald liegt das ganze Tal
breit und hellgrn tief unter ihnen. Die Tannen werden niedriger und
kahler, die kleinen Birken dichter, bald treffen sie die ersten
Abgesandten der Krhenbeere und Zwergbirke. Aber nun sind sie auch ber
den Bergkamm gekommen.

Da ist es allen, als ob eine schwere Brde von ihnen genommen wre, alle
Mdigkeit ist von Volk und von Vieh wie weggewischt, die ganze
wunderbare Ruhe und Frische des Hochgebirgs strmt auf sie ein, sie
befinden sich wie in einer neuen Welt; vor ihnen liegt das Gebirge mit
seinen unendlichen Hhenzgen und Abhngen, bis es sich weit, weit in
der Ferne in den blauenden Bergspitzen mit ihren weien Schneestreifen
verliert; und sehen sie zurck, so ist das Tal weg, versunken; jenseits
sehen sie ebenfalls weite Bergrcken mit blitzenden Wassern und grnen
Matten.

Alle holen tief Atem und sehen sich um; eine feierliche Ruhe kommt ber
alles; ganz von selbst ordnet das Vieh sich auf dem steinigen Weg, der
sich schier ins Unendliche vorwrts schlngelt; sie versuchen nun nicht
mehr zu entwischen, sondern gehen gleichmig und langsam. Nun bekommt
auch Sidsel Zeit, sich umzuschauen. So weit hat sie noch nie sehen
knnen, und hier oben soll sie den ganzen Sommer ber bleiben!

Sie fhlt sich auf einmal so wunderlich klein und nichtig inmitten
dieser berwltigenden, groartigen Natur; aber ihr wird gar nicht
bange, nur feierlich und still zu Mute.

Unwillkrlich schweiften ihre Gedanken vorwrts, ber diesen Tag, diesen
Sommer, ber viele Sommer hinaus; einmal wird sie gro und erwachsen
sein, wie die Sennerin, die sie dort hoch zu Ro sieht, einmal wird
vielleicht auch sie so sitzen und an der Spitze reiten.

Die Saumpferde wollen trotz ihrer schweren Last nicht langsam gehen, sie
greifen aus, berholen die Sennerin, und bald sind sie ber einen
Bergkamm verschwunden, allen weit voran. Der Zug kommt langsam nach,
Stunde um Stunde geht es vorwrts ber Auen und Bche, an Sennen und
Moorgrnden und klaren Gebirgswssern vorber.

Sidsel darf sogar aufsitzen und eine Weile an Stelle der Sennerin
reiten, die gern ein Stck gehen will.

Der Abend rckt heran. Jetzt ziehen sie hoch oben durch eine tief
eingeschnittene Kluft in der Bergwand, die sie frhmorgens in weiter
Ferne sahen, und nun geht es wieder bergabwrts; sie begegnen Birken und
einer vereinzelten, verkrppelten Fichte, und von unten herauf dringt
das Rauschen eines groen Flusses. Nun stehen sie am Rande des Hochtals,
wo die Holalp liegt, und sehen hinab. Da unten auf einer weiten Matte
liegt die Alp friedlich und grn, drei Sennhtten, Hgseth, Lunde und
Hol. Aus zweien steigt der Rauch aus dem Schornstein empor in die
stille Abendluft.

Sie bleiben stehen und halten Umschau: Dort also sollen sie den Sommer
verbringen!

Die Khe beginnen zu brllen, und das Kleinvieh drngt sich vor und eilt
den Weg hinab. --

Am nchsten Morgen treibt Sidsel schon frh die Schafe und Ziegen ber
die Matte auf der Holalp. Sie hat keinen Ranzen; denn hier oben auf der
Alp soll sie um die Mittagszeit heim zur Sennhtte.

Es ist strahlender Sonnenschein. Die Khe sind bereits im Freien und
traben in einer langen, schnurgeraden Linie von dannen, die Schelle
ertnt in gleichmigen, tiefen Tnen, ihr Klang vermischt sich mit dem
ebenso tiefen andrer Schellen von den Nachbarsennen, und mitten in dies
ernste, feierliche Gelute klingt das feine, rasche Tingeln der
kleineren Schellen der Ziegen und Schafe.

Nun soll Sidsel hinein in dieses groe Unbekannte, wo sie nie zuvor war.
Die Sennerin hat ihr deshalb auch gesagt, sie solle sich heute zum
erstenmal nicht zu weit weg wagen, damit sie sich wieder nach Hause
zurckfinde; sie solle sich nach den anderen Hirten richten und sich nur
in deren Nhe halten -- sie wte brigens nicht ob es Buben oder Mdel
wren, die heuer auf Hgseth und Lunde hteten.

Sidsel sah immerfort zurck, um sich die Richtung des Weges zu merken,
und es wurde ihr frmlich schwer, die Sennhtte aus den Augen zu lassen.
Aber das Vieh lief schnell von dannen, sie mute ihm nacheilen, um es
nicht ganz zu verlieren, und auf einmal, als sie sich wieder umsah, war
die Htte verschwunden; rings umher war blo das unendliche Gebirgsland
mit Anhhen und Grnden und hohen Berggipfeln in weiter Ferne, und es
war so weit und still, man hrte nur die Schellen, nicht einmal das
Rauschen des Flusses drang bis hier herauf.

Sie fhlte sich auf einmal so unendlich einsam, so weit weg, fhlte ein
so heftiges Bedrfnis, ein lebendes Wesen zu liebkosen, da sie in die
Herde hineinging und bald das eine, bald das andre der Tiere an sich zog
und streichelte und htschelte, und bald wurde die Schellenziege ganz
eiferschtig, stie die andern weg und schmiegte sich schmeichelnd an
sie. -- --

Ho--i--ho, ho--i--ho! ertnte es pltzlich, da es weit ber das Gebirge
schallte. Die Ziegen spitzten die Ohren, und Sidsel blieb gleichfalls
stehen und horchte mit verhaltenem Atem; der Ruf kam so unerwartet, sie
konnte nicht unterscheiden, aus welcher Richtung, wie aus allernchster
Nhe und doch wieder wie von allen Seiten auf einmal.

Ho--i--ho, ho--i--ho! klang es noch etwas strker.

Bald darauf hrte sie Schellen, viele Schellen gleichzeitig, und dann
sah sie einen groen Haufen Schafe und Ziegen im Zug ber den Bergkamm
kommen.

Das muten wohl die andern Hirten sein. Dort in der Ferne sah sie nun
auch zwei Strohhte ber die Anhhe auftauchen, und nach und nach
wuchsen zwei lange Burschen empor, mindestens so gro wie der Jakob.

Sie wurde so verschchtert, da sie sich niederkauerte und hinter einem
Erdhgel versteckte.

Die Burschen beschatteten die Augen mit der Hand und sahen hinab.
Ho--i--ho! Sie lauschten. Ho--i--ho! Keine Antwort.

   Ho hei, du Bursch im Holsennerrock,
   Bist du ein Mann, so zeig dich doch!

Sie standen eine Weile still. Dann machten sie ein paar Luftsprnge,
schlugen einen Purzelbaum und liefen ein Stck weiter, den Abhang hinab,
juchheiten und riefen von neuem. Dann machten sie wieder Halt und
horchten, als wren sie ihrer Sache nicht sicher.

Ho--i--ho! Sie lauschten von neuem.

   Liegst du verborgen hinter Busch und Stein,
   Komm vor, la sehen, ob du hast Mark im Bein!

Darauf kamen sie vollends herab zu Sidsels Herde und sahen sich um. Nein
sie sahen niemand. Das mute wirklich ein Teufelskerl sein, der neue
Hirt auf Hol, da er sich gleich am ersten Tag von seiner Herde so weit
wegwagen durfte. Das war sicherlich einer fr sie! Vielleicht hatte er
von ihrem Badeteich drunten im Moorgrund gehrt; -- war vielleicht schon
dort!

Ja, ja, dann muten sie wohl seine Herde mitnehmen und dorthin gehen;
aber erst noch einmal juchheien -- vielleicht war er gar nicht so weit
weg und konnte sie hren, wenn sie ordentlich laut schrieen.

Ho--i--ho! Das Echo ertnte lang wie ein hallender Donner.

Als es wieder still geworden war, kam es aus allernchster Nhe,
zitternd und dnn wie das Piepsen eines Vogels:

Ho--i--ho! Es war Sidsel Langrckchen; als sie hrte, da sie ihre Herde
mit forttreiben wollten, da meinte sie sich denn doch zu erkennen geben
zu mssen, obschon es ihr furchtbar unangenehm war.

Die Buben blieben aufs uerste berrascht stehen. Dort hinter dem
Erdhaufen wuchs ein kleines, winziges Wesen langsam empor, wie ein
richtiger, kleiner Bergkobold mit karriertem Halstuch und einem weiten,
viel zu langen Weiberrock, blieb unbeweglich stehen und starrte sie mit
groen, verlegenen Augen an.

Auch sie wurden etwas verlegen; da waren sie hergelaufen gekommen,
hatten grobe Worte gebraucht gegen so ein armes, kleines Geschpf! Aber
rgerlich wurden sie auch. Sie hatten sich schon auf einen
gleichaltrigen, ebenbrtigen Kameraden gefreut.

Da konnte man sehen, da ein Frauenzimmer auf Hol das Regiment fhrte,
nicht einmal einen Hirtenbuben hatten die!

Wre es wenigstens noch ein ordentliches, groes Frauenzimmer gewesen,
ihretwegen grer, als sie selbst waren; die htten sie wenigstens
veralbern und jagen knnen -- aber mit dem Rumpelstilzchen da! Nein,
erwachsene Burschen muten sich ja schmen, mit so einem Ding sich zu
befassen; gegen diesen Zwerg konnten sie doch wirklich weder Mundwerk
noch Fuste gebrauchen. Aber immerhin, mit ihr reden und sie aushorchen,
ob nicht doch vielleicht spterhin ein andrer Hirt kme, muten sie
gleichwohl, und dann brauchten sie sich nicht weiter um das Mdel zu
kmmern; sie muten sich eben heuer den Sommer die Zeit allein
vertreiben.

Nur ein bichen Angst machen wollten sie ihr, damit sie ihnen vom Leibe
blieb.

Sie kamen heran und stellten sich, die Hnde in den Hosentaschen,
herausfordernd vor Sidsel auf. Der eine sagte:

Du bist's also, die heuer Hirtin auf Hol sein soll?

Ja -- und sie setzte, wie um sich zu entschuldigen, rasch hinzu, ja, es
war Kjersti selber, die es so haben wollte.

Wie heit du denn?

Sidsel -- -- und Jakob nennt mich Langrckchen.

Wo bist du denn her?

Aus Guckaus.

Du bist doch nicht gar die Schwester von Jakob Guckaus? Wir sind im
Winter zusammen in die Schule gegangen.

Ja, die bin ich.

Warum konnte denn aber der Jakob nicht selber kommen? Denn da du's nur
weit, ein kleines Mdel knnen wir hier oben nicht brauchen.

Er stand eine Weile und wartete auf Antwort. Da aber Sidsel nichts zu
antworten wute, fuhr er fort: Ja, was wir sagen wollten, ich, Jon
Hgseth, und der da, Peter Lunde -- halte dich hbsch von uns fern!
Untersteh dich nicht, auch nur ein Haarbreit ber den Strich vom
Klininggrautfelsen hinunter nach dem Skraamoor und hin zum Pegeflecken
beim Hgsethsteig zu kommen, und la dir's nicht einfallen, auf unsrer
Seite zu hten; sonst kriegt im Winter der Jakob all die Hiebe, die du
eigentlich hier im Sommer httest bekommen sollen!

Sidsel wurde es angst und bange zu Mute, und ihre Mundwinkel begannen,
unsicher zu zucken. Da sagte der andere Bursche, der etwas kleiner war:

Aber du, der Jakob ist stark, der kriegt dich unter.

Aber nicht, wenn ich mich gebt habe -- hoi!, dabei machte er einen
hohen Luftsprung und fuchtelte bermtig mit den Armen in der Luft
herum.

Da kannst du sehen, was dem Jakob bevorsteht. Nimm dich also in acht!
Und nun ziehen wir zum Skraamoor und baden. Hoi--ho!

Mit lautem Juchhei und Geschrei stiegen sie wieder die Anhhe hinauf;
aber oben sahen sie sich noch einmal um und blickten einander doch etwas
unsicher an, als sie Sidsel noch immer unbeweglich auf demselben Fleck
stehen sahen, mit groen Trnen in den Augen.

Sidsel fhlte sich ganz elend und erbrmlich, wie sie dortstand. Ganz
gewi wollte sie keinen Anla dazu geben, da ihr Jakob Prgel bekam;
wenn sie nur eine Ahnung gehabt htte, wo sie nicht hingehen durfte;
aber weder wute sie, wo der Pegefels, noch wo das Skraamoor war. Sie
konnte nur ihrer Herde folgen und im brigen sehen, wie es ging.

Als sie eine gute Weile spter auf eine Anhhe hinaufkam, hrte sie die
Schellen von neuem. Ihr wurde ganz angst, und sie fing an, ihre Herde
nach einer andern Richtung zu jagen; als sie sich aber nach einer Weile
umsah, bemerkte sie weit, weit unten im Moorgrund zwei weie Krper, die
herumsprangen und tollten und im Sonnenschein rund um einen kleinen,
blitzenden Teich Purzelbume schlugen.

Also hatten die beiden ihre Herden verloren!

Da mute sie sich wohl der Tiere annehmen und sie solange hten.
Deswegen konnten sie ihr doch nicht bse werden; denn sie wute, da
einem Hirten keine grere Schande widerfahren konnte, als seine Herde
zu verlieren. Und das wre denn doch eine zu groe Schande, wenn so
groe Burschen ohne ihre Herden nach der Sennhtte heimkehrten.

Sie nahm sich also der Tiere an, und ab und zu lief sie auf die Anhhe
hinauf, um zu sehen, ob die Burschen nicht bald fertig wren, es sah
aber so aus, als htten sie ber dem Baden alles andere vergessen.

Endlich sah sie, wie die beiden pltzlich in ihrem Tollen anhielten,
aufhorchten und nach allen Richtungen aussphten. Darauf bekamen sie auf
einmal Eile, fuhren in die Kleider und sprangen von dannen, nach einer
ganz andern Richtung hin. Pltzlich blieben sie stehen, lauschten und
liefen dann wieder. Es war so weit weg, da es nichts gentzt htte, zu
juchheien und zu rufen. Nun liefen sie auf eine Anhhe jenseits des
Moors hinauf und sphten lange nach allen Richtungen hin aus.

Dann liefen sie wieder, was sie konnten, zurck in der Richtung auf das
Moor zu -- dasselbe Ergebnis! -- nahmen darauf die Richtung unten lngs
der Anhhe, wo sie stand; aber das Vieh weidete auf der andern Seite des
Hanges, deshalb konnten sie die Schellen auch jetzt noch nicht hren.

Da wagte Sidsel endlich zu juchheien, aber allzu schwach; sie versuchte
es noch einmal und lauter.

Da blieben sie stehen und antworteten.

Sie juchheite noch ein drittes Mal, und nun kamen sie zu ihr hinauf. Sie
waren merkwrdig still, fanden es doch wohl rgerlich, das kleine Mdel
nach ihren Herden fragen zu mssen, aber es blieb ihnen nichts andres
brig.

Hast du unsre Tiere gesehen?

Sidsel sah sie ngstlich an: Die weiden hier auf der andern Seite der
Halde. Ich hab sie gehtet, aber ihr drft deshalb nicht den Jakob
hauen!

Sie wurden etwas kleinlaut, aber irgend etwas muten sie ja wohl sagen,
und deshalb erklrte Jon:

Na ja, fr dies eine Mal solls ihm geschenkt sein!

                   *       *       *       *       *

Als Sidsel am Abend gerade das Viehgatter zumachen wollte, kam Peter
Lunde am Zaun vorber.

Du hast wohl nicht ein fremdes Schaf zwischen deiner Herde?

Nein, ich habe meine gezhlt.

Na, es kann ja auch sein, da ich mich verzhlt habe, vielleicht waren
doch alle da.

Sie blieben eine Weile stehen und sahen sich an, bis sie verlegen wurden
und die Augen wegwenden muten. Schlielich sagte Peter:

Du, Sidsel, wenn du gerne willst, kannst du schon mit uns zusammen hten
und auch zum Badeteich kommen. Wenn ich den Jon recht verstanden habe,
so will der es auch, und sollte er frech werden, so kann ich ihn
durchhauen, wenn ich nur will.

Freilich will ich gern.

Dann komme ich morgen und hole dich ab dort hinter der Anhhe.

Sidsel bekam keine Zeit, etwas zu erwidern; denn im selben Augenblick
machte Peter sich aus dem Staube und verschwand eilig um die Ecke. Er
hatte Jon bemerkt, der von einer andern Richtung her herankam.

Jon kam herausfordernd, die Hnde in den Taschen:

Du hast wohl nicht ein fremdes Schaf?

Nein!

Hm!

Ist dir eins weggekommen?

Ich wei nicht recht. Hm! -- Aber was ich dir noch sagen wollte, du
brauchst dirs nicht zu Herzen zu nehmen, was ich heute morgen sagte. Ich
meinte es nicht so schlimm; es war mehr der Peter, der mich dazu
kriegte, und wenn du's willst, so kann ich ihn morgen dafr durchhauen.




                       Krummhorn wird gezhmt.


Es ist frher Morgen, die Holalp liegt in klarem Sonnenschein.

Im Viehgatter geht Sidsel allein und melkt die Ziegen. Es ist still und
friedlich, noch ist kein Schellengelute zu hren; blo ein schwaches
Murmeln dringt vom Flusse herauf, und ein dumpfer Sto hie und da vom
Kuhstall her, so oft eine der Khe aufsteht und mit den Hrnern gegen
die Wand rennt. Im Stalle ist die Sennerin und melkt.

Sidsel hat noch immer zu kleine Fuste, um Khe zu melken, deshalb haben
sie die Arbeit so unter sich verteilt, da sie die Ziegen allein zu
melken hat.

Da schallt es pltzlich von der Anhhe ber der Senne: Ho--o--i--ho!

Gleich darauf antwortet es ein wenig weiter weg und fast rgerlich:
Ho--o--i--ho!

Sidsel sieht auf, horcht; dann lchelt sie stillvergngt, geht an den
Zaun hin und ruft: Ho--o--i--ho!

Jetzt kann auch sie juchheien, da es von allen Hngen und Hhen
widerhallt; nun zittert ihre Stimme nicht mehr, wenn sie den groen
Burschen antwortet.

Jetzt wei sie, sie kommen nur, sie abzuholen, und da sie heute mit
ihrer Herde bis zur Senne hinunterkommen, hat seinen guten Grund, sie
haben etwas besonderes vor; sie haben es mit ihr und der Sennerin
verabredet. Und Sidsel kann es am Schellenklang hren, wie sie ihr Vieh
mit aller Macht antreiben, und da der, der zuletzt kommt -- es ist doch
wohl der Peter -- rgerlich darber ist, da er nicht der erste ist.

Doch sie mgen nur warten, bis sie fertig ist; sie kommen ja auch heute
furchtbar zeitig.

                   *       *       *       *       *

Wie es nun auch zugegangen sein mochte, lange hatte es nicht gedauert,
da war Sidsel der vornehmste Hirt auf der Holalp geworden. Schon am
nchsten Tag waren sie gleich unten am Abhang zu ihr gestoen, Peter
zuerst und dann Jon, und es war wie selbstverstndlich, da sie mit
ihnen ging, dann knnte sie ihre Herden hten, whrend sie badeten,
meinte Jon. Ja, das meinte Peter auch, und so tat sie es denn.

An diesem Tage blieben sie aber nicht so lange weg, es war, als mache es
ihnen nicht mehr das alte Vergngen, zu baden und zu zweien allein zu
sein.

Und bald war es so sicher wie der Tag selbst: kaum kam Sidsel am Morgen
mit ihrer Herde ber den Abhang gezogen, da kamen sie auch dorthin,
zumeist aus verschiedenen Richtungen, und lauerten frmlich darauf, wer
von ihnen zuerst juchheien konnte. Und wenn sie sich dann trafen, waren
sie eifrig bemht, sich anzulgen, wie sie ganz zufllig gerade hierher
gekommen wren; denn noch am Abend vorher hatten sie gro getan und
unter sich ber dies Hirtenmdel gespttelt, das ihnen immer nachliefe
und das sie nie los werden knnten, und hatten erklrt, am nchsten Tag
wrden sie nach einer ganz andern Gegend ziehen und sehen, ob das nicht
hlfe.

Und dann machten sie Luftsprnge um die Wette und rangen oft die ganze
Frhstckspause ber; denn keiner wollte sich fr berwunden erklren,
und mehr als einmal mute Sidsel sie zu ihren Herden jagen, weil sie
alles vergaen und Gefahr liefen, ihr Vieh zu verlieren.

Manchmal konnte es sich auch treffen, da der eine etwas frher kam, und
da wollte er durchaus, sie sollten schnell weiter ziehen; denn der andre
wre heute sicherlich nach einer andern Richtung gegangen. Und dann war
es fast am lustigsten, fand Sidsel; denn dann hatten sie ihr immer so
viel zu zeigen, wovon der andre angeblich nichts wute, einen kleinen
Bergsee, wo die Multbeeren[2] so massenweise blhten, da der ganze
Boden ringsumher wie mit Schnee bedeckt schien, und wo es zum Herbst
fabelhaft viel Beeren geben wrde -- aber das wollten sie lieber fr
sich behalten, der andre brauchte nichts davon zu erfahren -- oder das
Nest eines Schneehuhns, in dem dreizehn groe Eier lagen, oder einen
abseitsliegenden Flecken, wo der Schachtelhalm unglaublich hoch und
dicht stand.

Und bei solchen Gelegenheiten plauderten sie auch mehr mit ihr und
prahlten und tollten nicht so, wie ihre Gewohnheit war, wenn sie beide
mit ihr zusammen waren.

Sie kletterten in die Bume hinauf und brachten ihr duftendes Harz, und
sie pflckte Schachtelhalme fr sie -- denn um Schachtelhalme zu finden,
mu man ein eigenes Geschick haben; und sie hatten nie jemand gesehen,
der sich so gut darauf verstand wie sie; stand irgendwo auch nur ein
einziger Halm, so konnte man darauf schwren, da sie ihn fand, meinte
Peter. Ja, Jon meinte sogar, sie fnde welchen, selbst wo gar keiner
wre, er hatte nie etwas hnliches gesehen.

[Funote 2: gelbe Berghimbeeren.]

Und all den Spa, den sie sich ausdachten! Eines Tages, als es regnete,
machte ihr Jon einen groen Hut aus Birkenrinde, und am nchsten Tag
brachte Peter ihr ein Paar Schuhe aus Birkenrinde -- die Sennerin mute
laut auflachen, als Sidsel in dem Anzuge, ihre richtigen Schuhe in der
Hand, heimkam. Tags darauf gab ihr Jon ein wirkliches Taschenmesser --
sie sollte auch etwas haben, womit sie schnitzen konnte, und er selbst
brauchte es nicht, er hatte ja sein groes Schnitzmesser in einer
Lederscheide -- aber am folgenden Tag kam Peter mit einer schnen
Pfeife, die er am Abend zuvor aus einem Ziegenhorn fr sie gemacht
hatte, und die hatte einen so feinen Ton, da man ganze Lieder auf ihr
blasen konnte.

Jon dachte lange vergeblich darber nach, was er dagegen aufstellen
sollte, aber schlielich fand er es doch.

Sie hatten schon oft Krummhorn gesehen, die immer mit den Khen weiden
ging, gerade als ob sie selber eine Kuh wre, und Sidsel hatte ihnen
erzhlt, da es _ihre_ Ziege wre, aber so wild, da es ganz unmglich
sei, sie dazu zu kriegen, mit den andern Ziegen zu weiden, ja, da es
nicht einmal mglich sei, sie im Winter im Schafstall zu haben --
Kjersti Hol hatte gesagt, wenn das so weiter ginge, mten sie sie wohl
zum Herbst schlachten.

Nun erbot sich Jon, Krummhorn zu zhmen; er werde ihr schon Sitten
beibringen; es gbe keine Ziege, die er nicht untergekriegt htte.

Ja, wenn er das fertig brchte, so wollte Sidsel ihm gerne alles geben,
was sie htte.

Nein, er wolle gar nichts dafr haben. Wollte sie ihm etwas geben, dann
hchstens die Hrner der Ziege, wenn sie doch einmal geschlachtet werden
sollte. Denn das wrde Ziegen-Pfeifen geben, wie man noch keine gesehen
htte.

Dann wollte Peter aber auch mit dabei sein; denn war die Ziege wirklich
so strrisch, so wren wohl auch zwei ntig, sie zu bndigen, und dann
knnte jeder ein Horn bekommen.

Jon wute nicht recht, ob er das wollte; denn es war doch sein Einfall
gewesen.

Ja, aber wie wollte er es denn eigentlich fertig bringen? Peter glaubte
nicht, da es sich berhaupt machen liee, ohne da sie ein strkeres
Tier htten, an das sie Krummhorn anbnden. Aber das hatte eben Jon
nicht. Dagegen hatte er, der Peter, den groen Ziegenbock, und der
allein war stark genug.

Ja, das war wohl richtig. Da mochte er also mit dabei sein,
vorausgesetzt, da er seinen Bock hergab.

Sidsel meinte auch, es wre wohl das beste, wenn sie alle drei dabei
wren; sonst knnte berhaupt keine Rede davon sein. Und so geschah es
denn auch.

                   *       *       *       *       *

Heute sollte nun die Sache vorsichgehen; deshalb waren Jon und Peter so
zeitig unterwegs.

Das Vieh kam in schnellem Lauf ber die Hhe gezogen, und da die klugen
Tiere begriffen, da sie heute bis zur Senne hinunter sollten, begannen
sie in vollem Lauf hinabzueilen -- es war immer so fein, nach einem
fremden Platz zu kommen, da gab es stets Neues zu sehen und zu
beschnuppern; vielleicht war auch etwas briggebliebener Mehlbrei im
Schweinetrog oder ein bichen Salz zu lecken oder ein Loch im Zaune, wo
man unbemerkt hindurchkriechen konnte.

Die Schellen tingelten, die Burschen liefen und schrieen und juchheiten,
um Ordnung in der Herde zu halten -- wenn auch vielleicht ein bichen
lauter, als gerade notwendig.

Auf der Senne, wo es kurz vorher ganz still gewesen, wurde nun auf
einmal Leben und Lrm -- die Sennerin mute wirklich zur Stalltr
herausgucken, und Sidsel htte sicher vergessen, die letzte Ziege zu
melken, wenn diese sich nicht von selbst gemeldet und sich ihr mitten in
den Weg gestellt htte, als sie aus dem Gatter heraus wollte.

Als Jon die Sennerin in der Stalltr zu Gesicht bekam, rief er: Wollt
ihr denn nicht bald auf die Weide?

Jawohl, nun bin ich fertig. Bist du auch fertig, Sidsel?

Ich bin bei der letzten Ziege.

Bald waren sie fertig, und das Vieh sollte herausgelassen werden.

Jon hatte ein starkes Weidenband mit einer Schlinge an beiden Enden
mitgebracht; die eine war fr den Bock, die andre fr Krummhorn
bestimmt. Er meinte, das wr solides Riemenzeug.

Wo ist sie denn?

Im Kuhstall natrlich!

Da ist es das beste, ich gehe selbst hinein und hole sie. Komm mit
deinem Bock, Peter, und halt ihn bereit!

Peter lockte den groen Ziegenbock zu sich hin, der auf seinen Namen
hrte und sofort kam.

Zeig mir, wie stark du bist.

Er packte ihn bei den Hrnern, um die Krfte mit ihm zu messen. Der Bock
stemmte dagegen, sie begannen zu ringen, wie sie oft zu tun pflegten,
und der Bock drckte Peter gegen das Viehgatter.

O ja, ich denke, das ist ein Bock, der eine Ziege mit fortziehen kann,
und wre sie doppelt so gro. Der Stolz strahlte Peter frmlich aus den
Augen.

Jon wollte auch einmal probieren.

Ja, das Tier war brenmig stark.

Dann ging er in den Kuhstall und kam bald, Krummhorn am Weidenband
fhrend, wieder heraus. Nun nahmen sie den Bock und hngten ihm die
andre Schlinge ber den Hals, so da beide zusammengekoppelt waren; es
sah aber so aus, als htten die Tiere das gar nicht bemerkt.

Alle blieben erwartungsvoll stehen; aber der Bock wollte sich nicht vom
Flecke rhren, solange sie dort standen und die Herden dicht dabei
hielten; er stand da und wollte blo gehtschelt werden.

Da sagte Jon: La dein Vieh heraus, Sidsel, und du, Peter, la unsres
auf die Hhe ziehen, dann sollt ihr ein feines Doppelgespann sehen!

Sidsel ffnete das Gatter, das Vieh ging im Zuge heraus und schlug den
gewohnten Weg die Halde hinauf ein.

Peter trieb die andern nach.

Da dachte der Ziegenbock, es wre die hchste Zeit nachzukommen, und tat
einen Schritt vorwrts. Er mute sich wirklich umsehen. Was war das fr
ein Jux, da er hinten festgehalten wurde? Krummhorn stand, alle Viere
fest in den Boden gepflanzt, und streckte blo den Hals.

Bah! Nichts weiter? Er tat ein paar Schritte; Krummhorn mute mit, den
Kopf zurckgelegt, stemmte sie dagegen. Da zog der Bock an, setzte die
Hrner hoch in die Luft und legte sich ordentlich in die Riemen. Er
wollte ihr schon zeigen, da er sich nicht von so einer Nrrin aufhalten
liee!

Krummhorn mute wohl oder bel mit; aber sie strubte sich und wehrte
sich aus Leibeskrften; Schlielich fiel sie auf die Kniee, doch der
Bock ging unbeirrt vorwrts, als wenn gar nichts los wre, und Krummhorn
mute den ganzen flachen Abhang hinauf auf den Knieen nachrutschen.

Sidsel und die Burschen kreischten vor Vergngen, und selbst die
Sennerin mute mitlachen.

Als das Gespann an den Fu der Anhhe kam, wo es mehr und mehr unwegsam
wurde, fand Krummhorn es doch ratsamer aufzustehen und auf allen Vieren
nachzukleppern, aber sie lie sich noch immer mitziehen.

Sie zogen ihren gewhnlichen Weg hinauf ins Gebirge.

Nach und nach schien Krummhorn sich in das Unvermeidliche zu finden.
Anfangs ging sie zwar immer noch verdrossen und widerwillig und lie
sich ziehen, mit der Zeit fhlte sie aber wohl ihren leeren Magen, und
nun begann sie ruhig mitzulaufen und zu fressen, wie die andern Ziegen,
sah blo ab und zu einmal auf, wenn sie in weiter Ferne die grobe, tiefe
Kuhschelle hrte.

Nun war der Spa nicht mehr so unterhaltend, und da begannen Jon und
Peter wie gewhnlich zu raufen und Rundsprnge zu machen, und damit
vertrieben sie sich die Zeit, bis sie zur Mittagspause wieder heim
sollten.

Da sagte Jon: Nun wollen wir Krummhorn einmal zur Probe losspannen. Ich
denke, sie ist nun kuriert.

Ja, dem stimmten die andern bei.

Sie lockten den Bock heran; er kam, die mchtigen Hrner stolz in der
Luft, und Krummhorn klepperte hinterdrein. Jon nahm dem Bock die
Schlinge ab, kniete dann vor der Ziege nieder und zupfte sie am Barte.

Krummhorn scharrte mit dem Fue, wie Ziegen zu tun pflegen, wenn sie
gern von dem Zupfen befreit sein wollen, aber Jon lie sie nicht los --
er wollte ihr erst eine Vermahnungsrede halten: Nun htte sie wohl die
bermacht gefhlt, sie sollte sich nicht einbilden, sie wre eine Kuh.
Von nun an mte sie sich wie eine vernnftige Ziege auffhren, sonst
wrde sie es mit ihm zu tun kriegen. Bei jedem Worte zauste er sie am
Barte, um der Ermahnung Nachdruck zu geben. Das tat weh, Krummhorn
machte einen Satz geradeaus, so da Jon auf den Rcken fiel, setzte
glatt ber ihn weg, das Weidenband nach sich schleifend, und trabte ber
das Moor in der Richtung auf die Kuhschelle zu.

Jon sprang auf, trampelte vor Wut mit den Fen und lief ihr nach.
Sidsel und Peter waren ihr bereits nachgesetzt. Sie riefen und schrieen,
versprachen Krummhorn entsetzliche Prgel, wenn sie nicht stehen bliebe;
aber Krummhorn tat, als hrte sie nicht. Unbekmmert lief sie davon. Die
drei ihr nach. Die Burschen wurden immer wtender; das war ihnen doch
noch nicht vorgekommen, da sie so eine alberne Ziege nicht fangen
konnten; und auerdem wollte jeder gern der erste sein. Schneller und
schneller ging das Rennen, und obwohl Sidsel leichtfig war, besonders,
da sie die leichten Rindenschuhe anhatte, blieb sie doch allmhlich
zurck -- sie mute ja auch in diesem langen Rock herumwaten und hatte
obendrein heute morgen in der Eile vergessen, ihn aufzuschrzen.

Bald sah sie den letzten Schimmer von ihnen ber den Hgel jenseits des
Moors verschwinden -- ja, wirklich hatte der Peter Jon berholt; er war
doch der schnellste von den beiden -- sie selber war nur bis zur Mitte
des Moors gekommen.

Sie blieb stehen. Es war wohl das beste, sie ging wieder zurck und
sammelte das Vieh, sonst konnte es passieren, da sie alle drei ohne
Herde nach Hause kamen.

Sie schlug die Richtung ein, aus der sie gekommen waren. Als sie sich
dem Abhang nherte, hrte sie ein gewaltiges Drhnen, das immer strker
und strker wurde, sie fhlte frmlich den Boden unter ihren Fuen
erbeben. Und dort die Halde entlang kam ein mchtiger Tro Pferde. Es
waren eine ganze Masse, Fohlen, junge und alte Pferde, braune und
scheckige, schwarze und weie, und alle waren sie so glnzend blank,
fett und dick und ausgelassen wild.

Sie liefen im Trab durcheinander, warfen die Kpfe zurck, und es
drhnte unter ihren Hufen wie schwacher Donner.

Halb ngstlich blieb Sidsel stehen; einen so groen Haufen Pferde hatte
sie noch nie gesehen. Aber sie gaben acht, liefen im Bogen um sie herum,
blo ein paar blieben stehen und spitzten die Ohren und guckten, was das
fr ein kleines Ding sein mochte.

Dann liefen sie weiter, und einen Augenblick darauf waren sie vorber --
blo das Drhnen ihrer Hufe konnte sie noch hren, als sie den Weg nach
der Senne hinunter einschlugen.

Aber das Vieh hatten sie freilich erschreckt; denn Sidsel konnte es
nirgendswo finden. Sie lief von Hgel zu Hgel, horchte, lockte und lief
weiter.

Als alles nichts nutzte, hielt sie es schlielich fr das beste, nach
Hause zu gehen.

Das war das erste und letzte Mal, da Sidsel ohne Herde heimkam.

Aber daheim auf der Alp lag das Vieh bereits friedlich im Viehgatter und
blkte und meckerte -- die klugen Tiere waren von selber heimgelaufen.
Der Pferdeschwarm war auch dort, weidete und leckte das Salz, das die
Sennerin gestreut hatte.

Am spten Nachmittag kamen auch die Sennerinnen von den Nachbarsennen
und fragten nach ihren Hirten; deren Herden waren auch dort schon lange
allein nach Hause gekommen.

Endlich kamen denn auch Jon und Peter mit Krummhorn angezogen.

Als die Sennerinnen sie tchtig auslachten, schmten sie sich auch
etwas; da sie ihre Herden verloren hatten, konnten sie ja nicht
leugnen; aber niemand konnte deshalb sagen, sie kmen ohne Vieh nach
Hause, selbst wenn es vielleicht etwas komisch aussehen mochte, da zwei
lange Hirtenbuben mit einer einzigen Ziege angezogen kamen, so gro und
stark die auch war.

Ja, heute htten sie wirklich Pech gehabt, meinte Jon, aber sie sollte
nicht so leichten Kaufs davon kommen. Morgen wollten sie das Vieh wieder
vornehmen -- und da sollte sie was erleben!

Daraus wurde jedoch nichts. Krummhorn war klger als sie. Als sie sie
losgelassen hatten, blieb sie mit weit vorgestrecktem Hals stehen und
sah nach dem Pferdeschwarm hinber, der gerade davontrabte. So stand sie
eine Weile. Dann schlug sie pltzlich mit den Hinterbeinen aus, wie ein
richtiger Gaul, und weg war sie.

Die Sennerinnen und die Hirten blieben mit offenem Munde stehen, als sie
sahen, da Krummhorn sich den Pferden anschlo.

Bildete sich das Tier nun gar noch ein, ein Pferd zu sein!

Lange standen sie sprachlos da und sahen ihr nach.

Da sagte Jon in seiner trockenen komischen Art: Gb's hier Elephanten,
sie htte sich wahrhaftig eingebildet, ein Elephant zu sein.




                         Heim von der Senne.


Der helle Sommer schreitet rasch vorwrts, im Gebirge ist er kurz, aber
starklebig.

Er beginnt mit sprossendem, hellem Grn auf allen Hgeln, an den flachen
Halden und Abhngen und in den unendlichen Grnden; die Schneehuhnpaare
gehen emsig umher und knurren und schelten, wenn jemand ihren Nestern zu
nahe kommt. Mcken und Bremsen surren durch die Luft, und die Khe
strecken die Schwnze in die Hhe und traben davon, um ihren brennenden
Stichen zu entgehen, und ber dem Ganzen liegt dick und dunkelblau der
Sonnenrauch und beschrnkt die freie Aussicht.

Aber bald kommen die Heidelbeeren, die Wiesenwolle und die Multbeeren,
und eines schnen Tages piept es an allen Ecken und Enden rings um die
Schneehuhnmtter, die nun noch schlimmer schelten, wenn viele kleine,
hellbraune Federblle ein paar Ellen hoch auffliegen und fortzuflattern
versuchen, um bald wieder kopfber ins Heidekraut herunter zu fallen.

Die Khe gehen ruhig und bedchtig ber die Hhen und suchen das
feinste, wrzige Gras, und der Sonnenrauch verschwindet, die Luft wird
so wunderbar klar, da man die meilenweit entfernten Berge ebenso
deutlich und in scharfen Umrissen sieht, wie den nchsten Erdhaufen.
Dann fallen die Multbeerblten ab, und bald wird es berall in den
Grnden gelb und rot; die zierlichen Blten des Heidekrauts frben alle
Kuppen und Berge, das Grne verschwindet, das Gebirge leuchtet braun und
rot, nur guckt hier und da das helle Renntiermoos wie leuchtende
Schneeflecken hervor. Der Herbst naht.

Meist scheint die Sonne, und dann ist es herrlich, Hirte zu sein.

Aber es knnen auch Tage kommen, wo der Nebel sich wie ein dichter,
grauer Teppich niedersenkt, unter dem die Erde mit Hgeln, Bschen und
Heidekraut gleichsam dicht zusammenkriecht, so da alles schon auf
wenige Armlngen vor einem verschwindet, und ein feiner Staubregen
rieselt aus dem Nebel hernieder, legt sich wie winzige, graue Perlen auf
jeden Halm und jede Tannennadel, und berall, wo man hinkommt, trieft es
von Feuchtigkeit.

Da ist es oft schlimm, Hirt zu sein; da gilt es, Schutz unter jedem
kleinen Busch zu suchen, einen Sack ber den Schultern als Schirm gegen
die Nsse, oder zu laufen, da das Wasser in den Schuhen patscht. Denn
in solchem Wetter wachsen die Pilze empor, und dann kmmert sich das
Vieh um nichts andres mehr, luft auf und davon, um sie zu finden, und
oft ist es schwierig, ihm zu folgen; und dabei kann es gelegentlich auch
einen tchtigen Schlag absetzen, wenn am Rande des Moors dicht vor einem
ein paar gewaltige Kraniche auffliegen, die auf der Durchreise sind, --
im dicken Nebel erscheinen sie ganz riesenhaft, wie ein paar fette
Schafe mit langen Flgeln.

Dann ist es eines Morgens ringsum glnzend wei; ber Nacht ist Schnee
gefallen. Freilich bleibt er nicht liegen, er verschwindet im Laufe des
Tages wieder. Aber nun will das Vieh um keinen Preis mehr ins Gebirge
hinauf, -- die Khe stehen am Sennenwiesengatter und brummen; sie
wissen, da sie zu guterletzt doch hier Einla erhalten, um auch die
letzten Leckerbissen auf der Alp mitzunehmen, die Ziegen sehen sich
fragend um. Der Sommer ist nun doch einmal zu Ende, alles sehnt sich
nach Hause zurck.

Dann wird eines Tages das Gatter geffnet, die Khe strzen auf die
Wiese; nun wissen sie, da sie dies Jahr nicht mehr in das kahle Gebirge
hinauf brauchen.

Die Knechte sind mit Pferden gekommen, und die andern Pferde, die den
ganzen Sommer ber im Gebirge herumgestreift sind, werden heimgeholt.
Der Klee wird in Bndel zusammengeschnrt, alles wird aufgewaschen,
aufgerumt, fr nchsten Sommer in Ordnung gebracht und weggesetzt, und
endlich ist der lang erwartete Tag der Heimkehr gekommen.

                   *       *       *       *       *

Sidsel steht oben auf dem First des grasbewachsnen Stalldachs und schaut
umher. Sie ist bereits reisefertig, hat den Hirtenranzen auf dem Rcken,
den Birkenhut auf dem Kopfe und die Ziegenhornpfeife an einer Schnur um
den Hals hngen. In der Hand hlt sie einen Stecken.

Drinnen auf der eingegatterten Wiese gehen Khe und Kleinvieh und
streifen ungeduldig umher von Zaun zu Zaun. Auch sie verstehen, da der
Tag der Heimkehr gekommen ist; denn die Stallwand entlang stehen die
zusammengeschnrten Kleebndel in einer Reihe mit den Buttereimern,
Ksekbeln und -Kobern, und am Zaun stehen die Packpferde angebunden,
den Saumsattel aufgeschnallt, an erster Stelle das Soldatenpferd mit dem
Frauensattel auf dem Rcken.

Die Knechte stehen dabei, die Pfeife im Mund; fix und fertig, warten sie
blo auf die Sennerin, die noch in der Htte den Kse zur Wegzehrung
zubereitet, den letzten, von der Milch, die am selben Morgen gemolken
ist, und die sie nicht stehen lassen knnen.

Jon und Peter kommen am Pferch vorbeigeschlendert. Auch sie sind heute
stiller als gewhnlich; sie bleiben stehen und schauen zu Sidsel hinauf,
aber es dauert lange, bis eins ein Wort spricht. Endlich sagt Peter:

Solls nun fortgehen, Sidsel?

Ja, heute gehts heim.

Unwillkrlich sehen sie alle drei zu dem Gebirge hinauf.

Ach ja, nun wirds einsam in den Bergen. Ich soll noch acht Tage bleiben.

So lange noch? Und du, Jon?

Ich soll bermorgen heimwrts.

Wieder wird es eine Weile still. Dann sagt Sidsel:

Nun mu ich wohl hinunter. Sie sind gewi schon fertig.

Sie klettert vom Dach herab und kommt zu ihnen. Wieder stehen sie da und
wissen nicht, was sie sagen sollen. Endlich sagt Peter:

Kommst du nchsten Sommer wieder, Sidsel?

Ja, wenn Kjersti Hol mit mir zufrieden ist. Aber das ist wohl kaum zu
erwarten, wenn ich ohne Krummhorn heimkomme.

Ach, so unbillig ist Kjersti Hol nicht; den Hirten mchte ich sehen,
der Krummhorn hten knnte.

Es mte denn ein Pferdehirt sein, meinte Jon.

Wieder tritt eine Pause ein. Darauf sagt Jon:

Heuer wurde nun doch nichts aus unserm Ausflug auf die Herspitze, wo
damals der Knig war.

Nein, daraus wurde nichts.

Wir beide kommen nchsten Sommer auch wieder.

Dann knnten wir ja den Ausflug nachholen; es ist freilich schrecklich
weit.

Ja, das knnen wir. Und ich kann euch viel davon erzhlen; denn mein
Vater war damals mit und kutschierte.

Den Knig?

Nicht den Knig; aber den Amtmann.

Mein Vater war auch mit und kutschierte, warf Peter ein, ich kann also
auch erzhlen.

Deiner kutschierte aber blo eine alte Schrumpel.

Die Schrumpel kam aber gleich hinter der Knigin, sie war's auch, die
auf dem Rckweg mit ihr allein ohne Zwischenraum ging.

In dem Augenblick wurde Sidsel weggerufen. Sie zgerte ein klein wenig,
dann streckte sie ihre kleine Hand hin und sagte:

Habt also schnen Dank fr alles Gute und lat's euch gut gehen.

Danke, gleichfalls, sagte Jon; ja, so ist's also abgemacht, zum Sommer
sehen wir uns wieder.

Jawohl.

Leb wohl, sagte Peter. Er hielt ein Weilchen ihre Hand in der seinen,
und dann merkte er, er mte doch noch etwas sagen:

Ich werde Jakob von dir gren, Sidsel.

Und darauf verschwanden die Jungen wieder hinter dem Pferch, ebenso
still, wie sie gekommen waren.

                   *       *       *       *       *

Auf der eingezunten Wiese waren die Knechte damit beschftigt,
aufzupacken.

Das Soldatenpferd wurde zum Gatter hingefhrt. Sidsel lief auf den
Weideplatz, trieb das Kleinvieh zusammen und zhlte ihre Herde heute
wohl schon zum zehnten Mal; bald war alles zum Abmarsch bereit.

Da erschien die Sennerin in der Tr, sie war wieder im Feiertagsputz,
wie am Tage, als sie ankamen. Sie schlug die Tr der Sennhtte hart ins
Schlo, drehte feierlich langsam den mchtigen Schlssel herum, zog ihn
aus dem Schlo heraus und steckte ihn in die Tasche, sie wollte ihn
selber aufbewahren und eigenhndig an Kjersti Hol abliefern. Darauf
schlug sie mit der Faust gegen die Tr, um zu prfen, ob sie ordentlich
verschlossen war, ging ans Fenster und sah hinein, ob auch alles in
gehriger Ordnung und das Feuer auf dem Herde ausgelscht war. Dann
stieg sie zu Pferde, einer der Knechte ffnete das Gatter fr sie, wie
vor einer Knigin -- stolz ritt sie hinaus.

Ihr schlo sich der Zug der Packpferde an, und darauf kam in der alten
Ordnung die Schellenkuh, Brandros und die ganze stattliche Schar. Den
Schlu bildete das Kleinvieh, und zu allerletzt kam Sidsel, den Stecken
in der Hand, den Birkenhut auf dem Kopfe und den Ranzen auf dem Rcken.

Sie mute sich noch einmal umsehen. Die Senne lag de und verlassen da,
das Gebirge merkwrdig einsam; gewi, auch sie hatte sich die letzten
Tage nach Hause zurckgesehnt, aber es war ihr nun doch gar eigen zu
Mute, als sie jetzt das alles verlassen sollte. Sie hatte dasselbe
Gefhl, wie damals, als sie Schlo Guckaus verlie. Es war wunderlich,
da sie gerade jetzt daran denken mute -- den ganzen Sommer ber hatte
sie nicht mit einem einzigen Gedanken daran gedacht.

Nein, sie wollte auch jetzt nicht daran denken -- sie hatte wahrlich
andres zu tun. Gott Lob, da sie heim sollten und da alles so gut
abgelaufen war; sie hatte alle ihre Ziegen und Schafe -- auer
Krummhorn. Von der hatte sie seit jenem Tage, wo sie gezhmt werden
sollte, keine Spur mehr zu sehen gekriegt, aber gehrt hatte sie, da
man weit oben im Gebirge eine fette Ziege gesehen, die einem weidenden
Pferdetro folgte.

                   *       *       *       *       *

Den ganzen Tag lang geht der groe Zug bers Gebirge, ruhig und
gleichmig.

Alle, Mensch und Tier, sind gleichsam fetter und schwerer geworden als
im Frhling, alle treten sicherer, fester auf, nirgends kann man eine
Spur von Ermdung bemerken, oder da eins oder das andre zurckbliebe.
Und ob es die Sennerin ist -- Butterfa߫ wie sie immer im Herbst
genannt wird --, die rund und selbstzufrieden und rotbckig noch einmal
zurckschaut, oder ob es die kleine Sidsel ist, die vorwrts schaut, --
beide denken sie, da sie sich vor Kjersti Hol ihrer Herden und des
eingeernteten Winterfutters nicht zu schmen brauchen.

Es geht gegen Abend, und auf einmal fhrt der Weg steil bergab, und das
Tal ffnet sich unten zu ihren Fen; bereits knnen sie die Aue drben
auf der andern Seite erblicken.

Alle mssen unwillkrlich dahinber schauen, aber noch knnen sie blo
einen grnen Streifen ganz oben am Abhang erkennen. Die einzige, die
schon Huser sieht, ist Sidsel -- dort oben gegenber sieht sie, wie die
untergehende Sonne in einem kleinen Fenster einer niedrigen, grauen
Htte glitzert und blinkt -- das ist Schlo Guckaus.

Dann mit einmal sind sie bis zum Rande der Aue gekommen, das ganze Tal
liegt offen, breit und friedlich vor ihnen ausgebreitet, mit seinen
gelben ckern und dem Getreide auf den Diemen, mit grnen Abhngen und
Birkenhainen, die in gelber und roter Frbung flammen.

Dort sehn sie auch Hol; gro und schwerfllig, frisch aufgeputzt, liegt
der Hof mit seinen breiten, blanken Fenstern da. Der Rauch steigt aus
dem Schornstein auf wie ein einladender, Kaffee verheiender
Willkommengru; nun hat wohl Kjersti bereits den Kaffeekessel ber das
Herdfeuer gehngt, um sie zu empfangen, wie es sich gebhrt.

Jetzt kommt Leben in die Reihen, alle wissen, nun steht Kjersti am
Fenster und sieht, da der Zug die Halde herabkommt; alle beeilen sich
unwillkrlich, die Pferde greifen aus, die Khe fallen in kurzen Trab,
die Schellenkuh brllt, da es weit ber das Tal schallt, die Schellen
der Ziegen und Schafe tingeln, und Sidsel blst einen schrillen Triller
auf ihrer Hornpfeife. Alle im Tal sollen hren, da jetzt die stolze
Viehherde des Holhofs von der Alp heimkommt.

Dann geht es in den Talgrund hinab und auf der andern Seite wieder
hinauf; bald sind sie wieder daheim.

Kjersti Hol steht selbst an der Kuhstalltr und ffnet.

Die Khe erkennen sie wieder, alle schreiten sie, eine nach der andern,
an ihr vorber, fr jedes der Tiere hat sie ein freundliches Wort, jedem
streichelt sie den Kopf, und stolz und zufrieden gehen sie in den Stall
und in ihre Stnde hinein; keines geht fehl. Und es eilt; denn sie
wissen, da etwas besonders Gutes ihrer zum Willkommen in der Krippe
wartet, und das tut auch wahrlich not; denn unterwegs ist keine Zeit
gewesen, etwas zu fressen.

Die Sennerin steigt ab, Kjersti gibt ihr die Hand und sagt: Willkommen
daheim.

Darauf geht sie zum Schafstall, ffnet die Stalltr und zhlt die Ziegen
und Schafe, und als Sidsel hinzukommt, gibt Kjersti ihr ebenfalls die
Hand und sagt: Willkommen daheim.

Ja, aber -- ich habe Krummhorn nicht mit.

Nein, das sehe ich, und das ist gut, dann sind wir das leidige Tier doch
los, wenigstens vorlufig. Du bist richtig flink gewesen wie ich sehe;
ja, und gewachsen bist du auch; dein langer Rock reicht dir ja nun knapp
bis auf die Fuspitzen.

Darauf mute Sidsel der Sennerin helfen, die Khe anzubinden, whrend
Kjersti dabei war, wie den Saumpferden die Packsattel abgenommen wurden,
und sich das Heimgebrachte ansah.

Dann kam Kjersti wieder zu ihnen und lud sie ein, mit ins Haus zu
kommen; es war gerade, als wren sie vornehme Gste. Und drinnen wurden
sie in die Stube gebeten, Sidsel wie die Sennerin, und hier war der
Tisch fr sie gedeckt und Erbsenbrot, Plinsen und warme, neue Kartoffeln
aufgetragen; denn das ist die geziemende Kost fr Leute, die von der
Senne kommen, -- und Kjersti sa selbst mit am Tisch, schenkte den
Kaffee ein und ntigte und bat, zuzulangen. Und dann muten sie
erzhlen, was sie alles oben im Gebirge erlebt hatten, vom Vieh und von
der Ernte; welche Kuh die meiste Milch gegeben und welche weniger gut
gemolken hatte, und sie ernteten eitel Lob, weil alles so gut gegangen,
und sie so geschickt und fleiig gewesen waren.

Als Sidsel Langrckchen am Abend sich wieder in ihrem kleinen Bett in
der Gangkammer ausstreckte und alles berdachte, was sie diesen Sommer
in den Bergen erlebt hatte, da fand sie, ihr wre es so gut und herrlich
ergangen, und sie habe soviel Spa gehabt, wie nur berhaupt denkbar,
aber freilich war es auch wieder schn, nach Hause zu kommen, wenn man
eine so fabelhaft gute Hausmutter hatte wie Kjersti Hol.

                   *       *       *       *       *

Der Herbst geht, die Flur entfrbt sich; von den Bumen fllt das Laub,
kahl strecken sie ihre ste in die kalte Luft, und die Getreidediemen
stehen wieder leer und schief auf den Feldern.

Nun gibt es im Freien kein Futter mehr fr das Vieh, und die Zeit des
Schlachtens kommt. Das ist fr den Hirten des Jahres letzter Tag; an dem
Tage hrt seine Verantwortlichkeit auf; von nun an ist er nicht lnger
mehr etwas fr sich selbst, jetzt mu er berall mit aushelfen, wo es
notwendig ist. Und wenn der Winter mit den langen Abenden kommt, an
denen das offene Feuer vom Herde ber die groe Stube leuchtet, whrend
die Wollkmme gehen, die Spinnrocken ununterbrochen schnurren und die
Knechte aus Reisern Besen binden und Deichselngel und Beilschfte
schnitzen, da soll der Hirt beim Holzhaufen sitzen oder auch auf dem
Reisighaufen und auf das Feuer aufpassen, damit alle gut sehen knnen,
whrend er dabei seine Schulaufgaben lernt.

Dort beim Holzhaufen auf Hol hatte nun auch Sidsel an langen
Winterabenden ihren Platz. Sie lernte eifrig und horchte auf das
Gesprch der Erwachsenen und vernahm soviel neues, da die Abende doch
noch zu kurz und der Tage zu wenige waren. Und ehe sie sich dessen
versah, war es wieder Frhling geworden, und als sie nachschaute, da
reichte ihr der lange Rock kaum noch bis ber die Waden.




                          Auf der Herspitze.


Eines Morgens -- es ist wieder Hochsommer, und die Sonne strahlt ber
allen Bergen -- ertnt pltzlich schrilles Rufen dreier Hornpfeifen auf
der Halde vor der Holsenne, ein dnner, feiner Pfiff und zwei grbere.

Das ist das Zeichen zum Abmarsch; heute wollen Sidsel, Jon und Peter auf
die Herspitze und sich den Platz ansehen wo seinerzeit der Knig gewesen
ist.

Nun haben auch die Hirtenbuben ihre Ziegenhornpfeifen bekommen, und zwar
solche, die auch wirklich etwas taugen; denn Sidsel hat Wort gehalten,
sie hat die Hrner Krummhorns mitgebracht und jedem eines gegeben.

Krummhorn hat doch zu guterletzt das Leben lassen mssen; als die Ziege
endlich im Sptherbst mit den letzten Pferden aus dem Gebirge heimkam,
war sie so eingebildet und hochnsig geworden, da es nicht mehr anging,
sie im Ziegenstall zu lassen; sie mute wohl oder bel im Kuhstall
stehen; aber nicht einmal dort gefiel es ihr mehr; sobald sich ihr nur
irgend eine Gelegenheit bot, schlpfte sie aus dem Stall und trabte nach
dem Pferdestall hinber -- der Pferdeknecht behauptete sogar, er habe
sie wiehern hren.

Eines Tages aber, whrend die Knechte gerade im Stalle waren und Futter
schtteten, benutzte sie die Gelegenheit und schlpfte hinein und
versuchte ganz frech, in den Stand des Soldatenpferds hinein zukommen.
Aber das htte sie lieber bleiben lassen sollen; es war finster, und das
Pferd sah nicht, was seinen Hinterbeinen zu nahe kam, schlug aus und
versetzte Krummhorn einen solchen Schlag mitten auf den Schdel, da sie
an die gegenberliegende Wand flog. Das wurde Krummhorns Ende.
Eigentlich war wohl niemand, der ber ihren Tod weiter trauerte, auer
Sidsel, die dem Tiere nie vergessen konnte, da es ihnen in jenem Winter
oben auf Schlo Guckaus Kaffeemilch gespendet hatte; aber nun erhielt
Krummhorn wenigstens einen ehrenvollen Nachruf. Derartige Hrner hatte
Jon noch nie gesehen; nicht allein waren sie ungewhnlich gro, nein,
sie hatten auch einen eigentmlichen Ton; jedermann konnte sofort hren,
da es nicht Hrner irgend einer gewhnlichen Ziege waren; es war doch
etwas Besonderes und Unbegreifliches an ihr gewesen. Ja, das war dem
Peter auch aufgefallen, und wenn er sich die Sache berlegte, so glaubte
er, genau so einen herrlichen Ton muten Pferdehrner haben, wenn es
Pferde mit Hrnern gegeben htte.

Die Ziegenhornpfeifen waren nmlich heute ganz neu und zum erstenmal in
Gebrauch; der Ausflug war solange aufgeschoben worden, bis die Pfeifen
fertig waren.

Und sie waren heute nicht blo mit Ziegenhornpfeifen ausgerstet. Sie
hatten ihre besten Kleider an, und alle drei hatten den Hirtenranzen auf
dem Rcken, angefllt mit Ewaren, und neue Stecken in der Hand -- der
Ausflug nahm aber auch den ganzen Tag in Anspruch.

Sie pfiffen noch einmal, alle drei gleichzeitig, so laut, da das Vieh
verwundert aufblickte und auch die Sennerin zur Stalltr herausguckte.

Dann zogen sie von dannen -- sie hatten ihre Tiere heute zu einer
einzigen, groen Herde zusammengetrieben. Und so zogen sie mit dem Vieh
ohne Aufenthalt ihres Weges, es blieb keine Zeit, unterwegs zu weiden,
denn die Herspitze lag weit weg in der blauen Ferne und viel weiter, als
alle die Pltze, wo Sidsel bisher gewesen war. Jon und Peter waren auch
nur ein einziges Mal dort gewesen.

                   *       *       *       *       *

Gegen Mittag kamen sie an den sanften Abhang, der zum Gipfel der
Herspitze hinauffhrt. Hier waren der Wachholder und der Schafthalm so
hoch, da das Vieh ganz darin verschwand; nur an dem Wogen der
Oberflche konnten sie erkennen, wie die Tiere weiterzogen; hie und da
ragten auch ein paar Hrner hervor. Hier, meinte Jon, sollten sie die
Herde zurcklassen und gleich hinaufgehen, die Tiere wren nun so mde
und hungrig, da sie sich sicher ruhig verhalten wrden; sie wrden
schon nachkommen, wenn sie ausruhen wollten; denn die Ziege ruhe nie,
bevor sie nicht auf den hchsten Punkt hinaufgekommen wre, von dem sie
nach allen Richtungen hin Ausschau halten knne.

So machten sie es denn auch.

Jon fhrte sie ein Stck weiter nordwrts, er wollte ihnen genau zeigen,
wo damals der Knig und die Knigin hinaufgekommen waren. So richtig
Knig und Knigin waren sie damals eigentlich noch nicht, aber sie
standen doch auf dem Sprunge, es zu werden, denn sie waren Prinz und
Prinzessin. Ihre Pferde hatten sie unten stehen lassen und waren das
letzte Stck zu Fu gegangen. Oh, das war ein groes Gefolge gewesen;
der Amtmann, der Schreiber und eine Menge Offiziere in blitzenden
Uniformen, und ungefhr sieben, acht der Angesehensten der Gemeinde
waren ebenfalls mit im Gefolge; die vornehmsten waren aber doch der
Nordrum und der Mann der Kjersti Hol, der damals noch lebte, -- die
hatten putzige, altmodische Rcke mit langen Schen an. Und ringsum war
es schwarz von Menschen, die zusehen wollten.

Der Knig war wohl besonders fein? fragte Sidsel.

Nein, der Amtmann war viel feiner und die Offiziere auch, ja sogar die
Bedienten waren feiner. Aber man konnte doch sofort sehen, da er der
Knig war, denn er war einen ganzen Kopf grer als alle die andern.

Der mu furchtbar stark sein, meinte Peter.

Stark? Aber der braucht ja auch Krfte, um alle die andern regieren zu
knnen.

War denn die Knigin auch so gro? fragte Sidsel.

Nein, die war nicht viel grer als ein gewhnliches Frauenzimmer. Aber
sie war so gesetzt und ernsthaft und bescheiden erzhlte der Vater; sie
war nicht so albern und lppisch wie die andern Weibsleute, die mit
waren.

Das Weib, das mein Vater fuhr, sagte Peter, das sa die ganze Zeit da
und lachte und hhnte sogar den Amtmann, weil er zu groe Fuste htte.

Da kann man sehen, wie viel Verstand die hatte, sagte Jon, als ob ein
ausgewachsener Mann, wie der Amtmann, nicht Fuste haben mu; und
brigens konnte sie die gar nicht sehen, denn der Amtmann hatte weie
Handschuhe an, trotzdem es Hochsommer war.

Er fuhr fort, ihnen alles zu beschreiben: Den Weg hier kamen sie herauf,
das ganze Gefolge, dort an dem Steine vorber, und dann sprang der Knig
allen voraus; er wollte der erste oben sein, mt ihr wissen. Und nun
werde ich euch genau zeigen, wie er es machte. Kommt hinter mir her,
dann bin ich der Knig, und du, Sidsel, kannst die Knigin sein. Kommt
nun!

Er ging rasch das letzte Stck der Bschung hinauf, die beiden andern
folgten; dann sprangen sie die letzten Schritte, und auf einmal standen
sie auf der Spitze. Jon streckte den Arm aus und blieb lange so stehen.

Die andern waren ebenfalls stehen geblieben, unwillkrlich ergriffen von
dem wunderbaren Bilde. Vor ihnen lagen, in das unendliche Gebirge
eingebettet, blinkende Seen und Bergwsser, weit drauen in der Ferne
ragten schneebedeckte Bergspitzen empor, in jeder Einsenkung lagen grne
Sennen, und gegen Sden, soweit das Auge reichte, anmutige Drfer und
dunkelgrne bewaldete Bergrcken.

Jon machte wieder die Bewegung mit dem Arm: Das ist der schnste Fleck,
den ich je gesehen habe. Und nach einer kleinen Pause: Komm, Sophie, und
sieh! Er nahm Sidsel Langrckchen bei der Hand und zog sie nach vorn.

Ja, sagte Peter, genau so war es, wie der Knig es machte, das hab' ich
auch gehrt.

Freilich war es so; bildest du dir vielleicht ein, ich wte es nicht?

Was machte er dann weiter? fragte Sidsel.

Dann kamen auch alle die andern hinzu, und nun zogen sie lange Fernrohre
hervor und sahen nach allen Richtungen und fragten nach den Namen der
verschiedenen Bergspitzen. Der Amtmann stand beim Knige und der Knigin
und zeigte ihnen alles; erst die weien Spitzen dort in der Ferne, das
war Rondane, und dann dort gerade nach Norden sollte die Snehtte sein,
aber er war nicht ganz sicher, ob sie die auch sehen konnten; und du, --
Jon zeigte mit dem Finger -- dort war Galdhpiggen, der kleine schwarze
Punkt dort am weitesten weg, und das war die hchste Spitze in ganz
Norwegen. Und dann wendeten sie sich nach Sden; aber da war der Knig
erst recht verwundert, als er den groen See da tief unten sah, den
Mjsen, und die Wlder in weiter Ferne; sicher bis ganz nach Schweden
hin, meinte er. Und es war gar nicht weiter verwunderlich, da er
meinte, er htte nie mehr auf einmal gesehen, wenn er auch der Knig
war. Und als sie endlich damit fertig waren, ging der Nordrum hin und
hob eine ganze Faust von Renntiermoos auf; gar manche, die dabei waren,
wunderten sich, was er wohl damit wolle; er aber ging geradeswegs auf
den Knig zu, zeigte ihm das Moos und sagte:

Hast du Lust, das Moos zu sehen, das wir damals in den Kriegsjahren in
das Rindenbrot einbuken?

Der Knig nahm ein Stck und kaute daran.

Das enthlt Vogelleim, sagte er.

Ringsum war es muschenstill geworden; denn alle verwunderten sich, und
mein Vater hrte sogar, wie einer der Offiziere sagte:

Es ist merkwrdig, wie taktlos diese Bauern sein knnen.

Was ist denn das, taktlos? fragte Sidsel.

Das wei ich nicht, aber so viel kannst du wohl begreifen, da es etwas
Extrafeines ist; denn der Knig klopfte dem Nordrum auf die Schulter und
sagte:

Danke, guter Mann; wir knnen alle Gott danken, da nun glcklichere
Tage in Norwegen sind.

Deshalb habe ich dir ja das Moos gezeigt, sagte der Nordrum.

Darauf zeigten sie ihm diesen Gedenkstein hier, der zur Erinnerung an
den Tag aufgestellt worden war, und baten ihn, seinen Namen einzuritzen.
Und das tat er; O. S., das soll Oskar und Sophie heien, denn die
Knigin, die heit Sophie oder Sophi, wie er sie nannte, und dann noch
die Jahreszahl; hier knnt ihr sehen; das alles wurde spter in den
Stein eingehauen, genau nach den Ritzen, die er gemacht hatte.

Sie sahen sich die Buchstaben an. Ja, das war schn geschrieben, fast
wie gedruckt; der Knig mute furchtbar schn auf richtigem Papier
schreiben knnen, wenn er es so gut auf Stein zuwegebrachte.

Die Herde kam die Bschung heraufzogen; die Tiere versammelten sich
ebenfalls um den Gedenkstein und den groen steinernen Tisch, der gleich
daneben stand; sie begannen sich niederzulegen, nun wollten sie auch
ausruhen.

Was machten sie dann weiter? fragte Sidsel.

Weiter geschah nicht viel mehr. Doch, nachdem er geschrieben hatte,
meinte er wohl, sie bedrften einer Leibesstrkung, denn er wandte sich
an den Amtmann und fragte:

Hast du vielleicht noch einen Tropfen in deiner Flasche?

Und da lachten sie und brachten einen Korb herbei und deckten hier auf
dem steinernen Tisch, und da bekamen sie Wein und Kuchen -- und darauf
brachen sie auf. Und jetzt denke ich, tte uns auch eine Leibesstrkung
gut. Setzen wir uns nun an des Knigs Tafel und essen wir auch.

Sie nahmen die Ranzen ab und setzten sich auf den groen, dicken,
steinernen Tisch -- die Tiere hatten sich friedlich ringsum gelagert und
kuten wieder. Die Ranzen wurden geffnet, und eine Menge gute Sachen
kam zum Vorschein. Da gab es Butter und Speck und Erbsenbrot, und in
Sidsels Rnzel fanden sich sogar Zuckerwaffeln, und weiter hatten sie
Flaschen mit Milch -- ausgenommen Jon, der seine vergessen hatte. Das
machte aber nichts, die andern hatten genug, und sie bewirteten sich
gegenseitig und jedesmal, wenn Jon Milch haben wollte, dann fragte er
blo wie der Knig:

Hast du vielleicht noch einen Tropfen in deiner Flasche? und auf diese
Weise bekam er fast das meiste.

Im Anfang sagten sie nicht viel, das Essen schmeckte so herrlich.
Nachdem sie aber eine Weile gegessen hatten, und der Mund anfing,
langsamer zu gehen, da sagte Peter nachdenklich:

Ich mchte wissen, was eigentlich der Knig it, so wochentags, meine
ich.

Der it den ganzen Tag Milchreis, sagte Jon, mit berzeugung.

Wenn er nun aber mal zwischendurch etwas mit dem Messer zu essen haben
will? fragte Sidsel.

Peter hatte sich gerade ein tchtiges Stck Erbsenbrot mit Speck
zurechtgemacht. Er sah auf das Brot und geno es frmlich schon im
voraus:

Dann it er ganz gewi Speck und Erbsenbrot, sagte er.

Sidsel nahm die letzte Waffel und bi ein Stck ab. Darauf sagte sie:

Ja, aber die Knigin, die it sicher nichts andres, als Zuckerwaffeln.

                   *       *       *       *       *

Whrend sie auf dem Stein saen und aen, bemerkten sie auf einmal weit
drauen im Gebirge eine Gestalt, die ebenfalls auf die Herspitze zukam.
Es ist so merkwrdig und so selten dort oben im Gebirge, einen Menschen
zu sehen, da sie bald an nichts andres dachten als an diese Gestalt.

Das ist gewi einer, der nach seinen Pferden sucht, meinte Jon.

Ganz sicher, sagte Peter; wer mag es aber nur sein, der jetzt Pferde
heimholen will?

La mich mal sehen, -- der mu von Nordrum sein.

Ja, das ist richtig, die haben blo den alten Schecken zu Hause, und nun
wollen sie wohl die Ernte einfahren.

Aber da wird er heute Aprilsnarr. Die Nordrumpferde pflegen ja auf der
andern Seite der Alp zu gehen, ich habe sie erst vor vierzehn Tagen dort
gesehen.

Wenn wir ihm den Weg weisen, findet er sie wohl morgen.

Ja, das tut er.

Sie blieben sitzen und schauten; es dauerte schrecklich lange. Es ist so
merkwrdig, wenn man im Gebirge einen auf sich zukommen sieht; er geht
und geht -- man kann sehen, er geht sogar rasch -- aber er kommt
trotzdem wie gar nicht nher, er wchst ganz langsam, die Entfernungen
sind ja so gro. Das Vieh stand auf und machte sich auf den Weg
bergabwrts in der Richtung auf die Senne zu; sie aber wollten noch
sitzen bleiben; bis er herangekommen wre. Endlich war er oben
angelangt.

Ganz richtig -- er suchte die Nordrumpferde. Er erfuhr, was sie wuten;
fand er sie nun heute nicht, so fand er sie sicher morgen.

Als das erledigt war, fragte er:

Bist du nicht die, die Sidsel Langrckchen heit?

Freilich, das bin ich.

Da soll ich dich vom Jakob, deinem Bruder, gren. Hier habe ich einen
Brief von ihm. Ich sollte auch Antwort bringen; aber das hat Zeit bis
morgen -- ich komme auf die Holsenne und bleibe dort ber Nacht, ob ich
die Pferde finde oder nicht, aber ich mu mich vorm Abend noch etwas
umsehen, damit ich sicher bin, da die Pferde nicht doch auf dieser
Seite der Senne sind. Damit ging er.

Sidsel sa auf dem Knigstisch. Es war das erste Mal, da sie berhaupt
einen Brief bekam; -- ja, auch Jon und Peter war das noch nie passiert.
Ganz berwltigt standen sie da und in geziemender Entfernung.

Salve Titel. An die wohlehrbare Jungfrau Sidsel Jakobs Tochter
Langrckchen auf Holsenne, Westgebirge. Bei Gelegenheit. Mit Boten.
Franko, stand auf dem Umschlage.

Sie brach feierlich das Siegel und ffnete das Schreiben. Darauf las sie
halblaut:

                                        Nordrum Senne, den 15. dieses.

   Salve Titel Jungfrau Sidsel Langrckchen.
   Gute Schwester!

Anllich, da die Zeit es mir erlaubt, nehme ich nun die Feder in die
Hand und schreibe an Dich und erzhle Dir, da ich Dir nichts zu
erzhlen habe. Mit Ausnahme, da es lange her ist, seit ich Dich gesehen
habe. Aber ich habe einen Tag vom Hans zu gute. Ich htete fr ihn, als
er zu Hause war und seine Mutter in die Grube brachte. Es waren aber
eigentlich zwei Tage, ich rechne es aber blo fr einen, da es seine
Mutter war. Und nun will ich den Tag von ihm am erstkommenden Sonntag
dieses nehmen. Falls Du aber einen Tag beim Peter oder Jon zu gute hast,
so will ich an Dich schreiben und Dich fragen, ob Du nicht den nun von
ihnen bekommen knntest. Aber falls Du keinen hast, so kannst Du ihn Dir
trotzdem nehmen, weil ich strker bin, aber ich meinte es nicht bse,
als ich den Peter im Winter durchhaute. Dann wollte ich Dir aber
schreiben und Dich fragen, ob wir uns nicht daheim im Guckausschlo
treffen knnten; denn ich bin seitdem nicht wieder dort gewesen. Man
wird ersucht, sich rechtzeitig einzufinden. Bring was zu essen mit.

                                Mit vorzglicher Hochachtung ergebenst
                                          Jakob, Jakobs Sohn, Nordrum.

U. A. w. g.

P. S. Um Antwort wird gebeten.

An diesem Abend sa Sidsel lange auf und schrieb das Antwortschreiben,
und ihre Zungenspitze schrieb mit. Ihr Brief lautete folgendermaen:

                                          Hols Senne, den 17. dieses.

   An den
   Junggesellen Jakob Jakobs Sohn, Nordrum.
   Guter Bruder!

Ich will nun einige Worte an Dich schreiben und Dir fr Deinen sehr
willkommenen Brief danken, welchen ich richtig empfangen habe. Es freut
mich sehr, zu hren, da Du bei guter Gesundheit bist, und dasselbe kann
ich auch von mir berichten, ausgenommen Zahnschmerzen. Aber ich will
gerne kommen, und die Sennerin sagt, ich darf die Nacht ber
fortbleiben, da es so weit ist. Und dann kann Jon und Peter jeder seinen
Tag bekommen. Denn ich hatte keinen zu gute. Aber sie hauten sich
diesbetreffend, aber Peter ist fast ebenso stark.

Hier mu ich mein Schreiben an Dich schlieen mit vielen Gren an Dich.
Aber vor allem sei herzlich gegrt von mir.

                                   Deine Dir ergebene Schwester Sidsel
                                         Jakobs Tochter, Langrckchen.

N. S. Verzeih die Schrift. Lieber, verbrenne diesen Brief!




                      Daheim im Schlo Guckaus.


Spt abends kam Sidsel am Sonnabend ber die Berghhen nach Hol
angewandert -- die Sennerin hatte ihr Urlaub nach Hause gegeben und
Erlaubnis, bis Montag abend fort zu bleiben.

Sie war heute zeitig aufgestanden; es konnte ja keine Rede davon sein,
da sie die Senne verlie, ehe sie ihre Morgenarbeit verrichtet, die
Ziegen gemolken und die Khe losgebunden hatte. Und das mute zeitig
geschehen, nicht blo weil es fr sie eilte, fortzukommen, sondern auch
weil sie wute, Jon wrde es sicher nicht verschlafen, er, der so
hartnckig darauf bestanden, da er jedenfalls den ersten Tag fr sie
hten wollte; und sie war denn auch kaum fertig, als er bereits ankam.
Peter hatte er nicht mit, aber sie hatte noch gestern abend spt mit
Peter gesprochen, und er war ganz damit zufrieden gewesen, da er den
Sonntag fr sich allein haben sollte; dagegen sollten sie am Montag sich
darein teilen. Und Jon war heute ganz bescheiden und feierlich gewesen,
hatte ihr die Hand gegeben und sie gebeten, Jakob von ihm zu gren und
ihm zu sagen, er, Jon Hgseth, wrde diese Tage nicht weiter rechnen, da
Jakob gern mit seiner Schwester reden wollte. Er wute freilich nicht,
da Peter gestern abend genau dasselbe gesagt hatte.

Und dann hatte sie ihm ihr Vieh bergeben und ihre lange Reise ber das
Gebirge angetreten. Sie ging und ging, Stunde auf Stunde -- sie war
diesen Sennenweg nun schon oft gegangen, noch niemals aber hatte sie
beachtet, da er so lang war. Sie ruhte an einem Bache aus, zog ihr
Frhstck hervor, a und trank Wasser dazu und setzte darauf ihren Weg
fort. Um zu vergessen, da die Zeit langsam ging, begann sie ihre
Schritte zu zhlen, erst bis 10 dann bis 100, und jedesmal wenn sie
fertig war, sah sie zurck, um zu sehen, wie weit sie gekommen war; aber
das half nicht das geringste; nun wollte sie bis 1000 zhlen, aber als
sie damit beinahe fertig war, wute sie nicht mehr genau, ob sie bis 800
oder 900 gekommen war, und da zhlte sie lieber 400 mehr, um ganz sicher
zu sein, da sie sich nicht verrechnet hatte.

Indessen ging es deswegen nicht schneller, und es war schon
Sonnenuntergangszeit im Tale, als sie endlich soweit gekommen war, da
sie ber und in das Tal hinunterblicken konnte; der Schatten hatte
bereits begonnen, auf der andern Seite hinaufzukriechen, whrend
oberhalb der scharfen Schattenlinie die ganze Seite des Tals noch in
rtlicher Abendsonne daneben lag; aber der Schatten fra sich fest und
sicher weiter nach oben.

Da verga Sidsel, ihre Schritte zu zhlen -- es wre spaig gewesen zu
versuchen, ob sie nicht die Sonne wieder erreichen knnte, bevor diese
an Hol, das drben auf der andern Seite lag und in der Abendsonne
leuchtete, vorbeigegangen war.

Sie begann die Halde hinunter zu laufen, aber es kostete doch Zeit --
als sie in den Talgrund hinunter gekommen war und den Aufstieg ber die
Anhhen begann, war die Sonne verschwunden; sie sah blo noch den
letzten Schimmer in den obersten Tannenwipfeln und ein kleines kurzes
Blinken in dem Augenblick, als die Sonne oben am Fensterchen von Schlo
Guckaus vorbeischlpfte.

Da blieb sie stehen und holte Atem; es war so still und warm, frmlich
schwl hier unten im Tal -- ganz anders als oben im Gebirge; die Erde
atmete gleichsam aus, sobald die Sonne untergegangen war; es herrschte
ein so seltsam drckender Duft, da sie sich auf einmal ganz ngstlich
und beklommen fhlte; ihr war, als ob sie irgend ein Unrecht begangen
htte, auf das sie sich nicht besinnen konnte. Da fiel ihr pltzlich
ein, sie htte einen Boten voraussenden sollen; die Leute unten im Tal
frchten immer, wenn eins von der Senne unerwartet herunterkommt, es
knnte etwas passiert sein, und das wre doch zu dumm, wenn jemand kme
und Kjersti Hol erschreckte.

Deshalb kam sie die Anhhe nach Hol ganz langsam hinauf. Sie vermutete,
da man sie bemerken oder da wenigstens Br bellen wrde, und dann
sollten sie sehen, da sie keine Eile hatte und nicht mit schlechten
Nachrichten kam.

Aber niemand schien sie zu bemerken; sie konnte auf dem Hofe keinerlei
Unruhe und Bewegung wahrnehmen und so mute sie doch hineingehen.

Kjersti Hol wurde freilich ganz aufgeregt, als Sidsel hereintrat -- sie
nahm sich nicht einmal Zeit zu gren und rief:

In Jesu Namen. Es ist doch wohl nichts auf der Senne passiert?

Worauf Sidsel sich beeilte zu antworten:

O nein! Ich soll von der Sennerin gren und sagen, du sollst nicht
ngstlich werden, wenn du mich hier siehst; es geht allen sehr gut, Vieh
und Volk. Ich bekam blo Erlaubnis, nach Hause zu gehen und mich mit
meinem Bruder Jakob zu treffen.

Na, Gott sei Dank, sagte Kjersti -- ja, dann sei herzlich willkommen.

Da war es, als ob die Beklommenheit auf einmal verschwand, und Sidsel
ward es pltzlich so feierlich zu Mute und sie fhlte sich so glcklich
darber, da sie wieder einmal zu Hause war. Und Kjersti war heute in
besonders guter Laune, sie bewirtete sie und behandelte sie so
ausgesucht liebenswrdig, als wre sie die Sennerin selber, und als sie
zu Bett gehen wollte, folgte Kjersti ihr sogar in die Gangkammer, die
genau so nett und sauber war, wie sie sie verlassen, und sie blieb lange
bei ihr auf der Bettkante sitzen und fragte sie ber jedes einzelne der
Tiere aus -- Kjersti hatte keins vergessen. Und Sidsel erzhlte -- blo
eine Sache war so schrecklich peinlich, aber es konnte nichts helfen,
sie mute doch heraus damit, und es lie sich auch auf die Lnge nicht
verheimlichen. Und das war die Geschichte mit dem Kalbe, das sie voriges
Jahr Morskol (Mutters Hornlose) getauft hatte. Der Name pate nicht,
Mutters Hornlose fing nmlich an, Hrner zu kriegen, obgleich Sidsel
Salz darauf gestreut hatte, damit sie nicht wachsen sollten.

                   *       *       *       *       *

Sidsel fand, der Sonntag fing gut an; er begann nmlich damit, da
Kjersti Hol selber mit einem groen Kaffeebrett und Kuchen in die
Kammer hereinkam und sie im Bette damit bewirtete; so groen Staat hatte
niemand bisher mit Sidsel gemacht, so weit sie sich erinnern konnte; und
sie glaubte kaum, da so etwas selbst der Sennerin je passiert war; und
was noch mehr war, als sie in ihren langen Rock hineinschlpfte, da
sagte Kjersti, sie solle sich beeilen und wachsen, sie solle einen neuen
Rock bekommen, wenn der ihre nicht weiter als bis an die Kniee reiche;
und obgleich sie gar nicht erzhlt hatte, wo sie Jakob treffen wollte,
mute Kjersti das auch erraten haben; denn sie richtete ein Bndel mit
ganz unglaublich feiner Wegzehrung fr sie her und sagte, sie solle
damit den Jakob bewirten, denn der mte wohl zum Abend wieder auf die
Nordrumsenne zurck und htte keine Zeit, heute nach Hol
herunterzukommen. Aber Kjersti trieb sie nicht weiter zur Eile -- sie
glaubte wohl, Jakob knne nicht allzu zeitig kommen, da er ja heute den
langen Weg von der Senne zu gehen hatte -- Sidsel mute ihr schlielich
den Brief zeigen, in dem ausdrcklich stand: Man wird ersucht, sich
rechtzeitig einzufinden -- da begriff auch sie, da es Eile hatte.

Bald darauf war Sidsel auf dem Wege -- Br folgte ihr ein langes Stck
aufwrts bis dahin, wo die Birkenhalde begann -- dort kehrte er um und
trottete heimwrts mit dem sanftmtigsten und feinsten Sonntagsringel im
Schwanze.

Das Tal lag im stillen Sonntagmorgen friedlich vor ihr, kein Mensch war
zu sehen, weder auf den Wegen, noch auf den Feldern, nur hie und da in
den Gehften stand ein Mann, behbig gegen die Trpfoste gelehnt,
barhaupt und in schlohweien, flatternden Hemdsrmeln, und aus allen
Schornsteinen stieg der Rauch langsam in die stille Luft empor.
Unwillkrlich mute sie nach Schlo Guckaus hinaufsehen, dort sah es so
einsam und verlassen aus, dort stieg kein Rauch aus der Esse auf, und
sein Auge, das ber das Tal hinaussah -- jetzt, wo die Sonne noch auf
der andern Seite stand, und sich also nicht in dem Fensterchen
spiegelte, war es gewissermaen blind; sie mute wirklich in dem
Augenblick an einen Blinden denken, den sie einmal gesehen, und seine
sonderbaren, leeren Augen, die sie damals erschreckten; jetzt hatte sie
genau denselben Eindruck, deshalb und ging sie nicht mehr so schnell, es
lag ihr nicht daran, hinaufzukommen, ehe Jakob angelangt war.

Als sie zum Guckausschlo hinaufkam, war das erste, was sie sah, das
Tannenreisig, das damals, als sie das letzte Mal oben war, auf den
Gatterpfosten festgenagelt worden war; die Bsche staken dort noch immer
da, aber nun waren sie vertrocknet und die Nadeln abgefallen;
unwillkrlich mute sie zur Tr hinsehen, ja richtig, dort waren sie
ebenfalls noch genau so. An der Trklinke aber stak ein frischer
Tannenzweig, es mute also doch jemand spter im Hause gewesen sein. Der
Weg, der vom Gattertor dicht an der Haustr vorber nach der Kuhstalltr
gefhrt hatte, war verschwunden, das Gras war darber gewachsen; auch
die Stalltr war verschwunden, und an der Trschwelle waren hohe
Brennesseln aufgeschossen; es war keine Spur von Menschen- oder
Viehtritten zu sehen.

Sidsel hatte sich darauf gefreut, wieder hierher zu kommen, sie hatte es
sich nicht anders denken knnen, als da Schlo Guckaus der gemtlichste
Platz in der ganzen Welt sei. Nun fhlte sie sich im Gegenteil auf
einmal hier so schrecklich einsam, einsamer, als irgendwo hoch oben im
Gebirge oder im Walde; sie empfand es, wie wenn man im Finstern geht und
sich vor dem Dunkel frchtet, so da man nur vorsichtig vorwrts
schreitet, damit es nicht irgendwo knacken und knarren soll.
Unwillkrlich ging sie in weitem Bogen an der Htte und dem Stall
vorber; sie wollte lieber zu dem groen Stein am Bache gehen, wo sie
und Jakob als Kinder zusammen gespielt hatten, vielleicht da es dort
nicht gar so einsam und verlassen war.

Als sie zu dem Heidekrautflecken kam, sah sie Jakob, der bereits dort
auf dem Steine sa. Da kam auf einmal Leben in all die de, sie wurde so
froh, da sie anfing zu laufen; aber sogleich besann sie sich, da sich
das bei einer so feierlichen Begegnung nicht schickte, und es war ja
auch so lange her, seit sie Jakob gesehen hatte, da er ihr beinahe
fremd war. Als er ihrer ansichtig wurde, sprang er auch vom Steine herab
und begann, seine grauen Hosen abzubrsten und setzte seine Mtze
zurecht -- er hatte heute sogar eine Schirmmtze auf und keinen Halmhut
wie sie. Beide wurden ganz verlegen, als wren sie wildfremd; sie
konnten sich nicht in die Augen sehen, als sie sich die Hand zum Grue
reichten, und er machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopfe, whrend sie
so tief knixte, da ihr Rock bis auf die Erde kam. Sie lieen rasch die
Hnde wieder los, und dann blieben sie lange verlegen stehen und
schauten in's Tal hinab -- es war nicht so einfach, gleich die rechten
Worte zu finden, obwohl sie beide gedacht hatten, sie mten sich gar
vielerlei zu erzhlen haben. Endlich fiel Jakob etwas ein -- er schaute
bedchtig umher, und darauf sagte er, wie nach einer langem grndlichen
berlegung:

Es ist herrliches Wetter heute.

Ja, prachtvoll.

Ja, wenn es sich so noch vierzehn Tage hlt, dann hat's wohl keine
Gefahr mit dem Heuwetter.

Nein, das hat's wohl nicht.

Aber das ist wohl kaum zu erwarten.

Ach nein, wohl kaum.

Wieder wurde es still; denn viel mehr war hierber nicht zu sagen.
Sidsel sah verstohlen nach Jakob hin; sie berlegte, ob sie etwas davon
sagen sollte, da er so gro geworden sei, aber dann dachte sie, das
ginge wohl nicht an, denn er war ja der lteste. Ihr Blick fiel zufllig
auf das Bndel mit den Ewaren -- da hatte sie einen Anfang.

Ich sollte dich von Kjersti Hol gren und fragen, ob du heute mit
ihrer Wegzehrung vorlieb nehmen wolltest.

Ja gewi, danke, aber ich habe auch selbst etwas zu essen mitgebracht.

Und du bist vielleicht hungrig nach dem langen Marsche, den du heute
gemacht hast?

O ja, ich kann es nicht leugnen.

Dann la uns hier auf dem Steine auftischen!

Kurz darauf hatte Sidsel all' die guten Ewaren, die Kjersti ihr in das
Bndel eingepackt hatte, aufgetischt, und nun sagte sie, wie sie gehrt
hatte, da allgemeiner Brauch ist, wenn man Gste hat:

Bitte, Jakob, nimm Platz, wenn dir's gefllig ist, und Jakob zierte
sich, wie es auch gebruchlich ist, und sagte:

Danke, aber du httest meinethalben wirklich nicht so viel Umstnde
machen sollen.

Sie setzten sich. Anfangs ging es immer noch etwas feierlich zu, und
Sidsel sagte in einem fort: bitte, bitte! Als aber Jakob eine Plinse
gegessen hatte und eben mit der zweiten anfing, verga er, da er
eigentlich zu Gaste war, und sagte unwillkrlich ganz natrlich und mit
berzeugung:

Das sind aber wundervolle Plinsen.

Sie sind aber auch von Hol, sagte Sidsel.

Da war es auf einmal, als ob sie sich wieder kannten, als ob sie erst
gestern noch am Fensterchen im Guckausschlosse nebeneinander gekniet und
ber das Tal hinausgeschaut und berlegt htten, wo sie am liebsten
einmal dienen wollten, und gerade so, als ob sie berhaupt niemals von
einander getrennt gewesen wren -- einen Augenblick spter waren sie im
eifrigsten Streit darber, wo es wohl am besten sei, auf Nordrum oder
auf Hol. Ganz einig konnten sie hierber zwar nicht werden; als aber
Jakob sich ordentlich satt gegessen hatte, gab er schlielich soviel zu,
da beide Hfe in ihrer Weise gut wren und jedenfalls die besten in der
ganzen Gemeinde.

Und nun wollte das, was sie zu besprechen und sich zu erzhlen hatten,
gar kein Ende nehmen. Jakob erzhlte von Nordrum und von der
Nordrumsenne und den Hirten da oben, und Sidsel mute von Jon und Peter
erzhlen und deren Gre ausrichten; und sie hatte viel von ihnen zu
erzhlen; Jakob fand es aber sonderbar, da sie mehr von Jon, als von
Peter sprach; Jon wre ja wohl ein ganz tchtiger Bursche, aber er
knnte doch manchmal recht flapsig sein.

Und dann sprachen sie von ihrer Zukunft. Jakob wollte auf Nordrum
bleiben, bis er erwachsen wre, und vielleicht noch lnger. Der Nordrum
hatte gesagt, wenn er erwachsen wre und sich verheiratete, dann knnte
er ja Guckaus als Eigengut wieder erwerben; aber das, glaubte er, war
doch wohl blo ein Spa vom Nordrum gewesen, und auerdem war ja immer
noch Zeit genug, sich das zu berlegen; denn der Nordrum fing an zu
altern, er mute wohl doch mit der Zeit einen Groknecht haben. Sidsel
wollte auf Hol bleiben; sie hatte es dort so gut, wie sie es sich
berhaupt wnschen konnte; Kjersti war ja so auerordentlich lieb und
gut zu ihr. Sidsel sagte kein Wort von ihrem stillen Ehrgeiz, einmal
selbst Sennerin zu werden; denn das lag in so weiter Ferne, da sie sich
nicht daran zu denken traute.

Als sie sich so einigermaen ausgeschwtzt hatten, begannen sie, sich
oben umzusehen und an alle ihre Spiele und ihre Lieblingspltze zu
erinnern. Dort gleich neben der Htte hatten sie ihren Kuhstall gehabt
-- nein, wirklich, lag da nicht noch der Bulle als einziges
berbleibsel? -- und dort jenseits des Heidekrautfleckens war die Senne
gewesen, wo sie mit ihrer Herde im Sommer viele Male hinauf und herab
gezogen waren. Und dort hatte Jakob seine Sgemhle gehabt, die Sidsel
nie anrhren durfte; aber weiter unten hatte sie ihre Meierei gehabt,
wohin er kam, um Kse fr Planken aus Mhren zu kaufen, die er in seiner
Sgemhle geschnitten hatte. Es gab nicht einen einzigen Stein oder
Erdhaufen den ganzen Weg entlang bis dicht unter den Grohammer, wo alle
die dichten Himbeerbsche standen, an den sich nicht die eine oder die
andre Erinnerung knpfte; und es war wie ein Fest, hier zusammen zu
gehen -- Sidsel fand, Jakob war so gro geworden, und dasselbe meinte
Jakob in aller Heimlichkeit von Sidsel -- und von den Erinnerungen zu
plaudern und immer wieder zu sagen: Weit du noch? Und in der Erinnerung
wird ja alles, von dem man so schwtzt, auch so gro und herrlich.

So trieben sie es den ganzen Tag -- sie waren bis dicht an den Fu des
Grohammers gegangen, und es war bereits spt am Nachmittag, als sie
sich wieder Schlo Guckaus nherten. Es sah nicht aus, als ob sie Eile
htten, zurckzukommen. Beim Bache und dem Felsen machten sie lange Halt
und wiederholten immer von neuem: Weit du noch? oft von ein und
derselben Sache; wie als Kinder spielten sie Haschen, es war ihnen
gewissermaen darum zu tun, immer etwas Neues zu erfinden, damit keine
Pause eintrte, und trotzdem die Zeit mglichst in die Lnge zu ziehen.
Noch hatte keines von ihnen einer einzigen Erinnerung vom Kuhstall oder
vom Huschen Erwhnung getan, sie waren gar nicht in ihre Nhe gekommen,
und geflissentlich hatten sie vermieden, die Mutter zu erwhnen.

Nun fhlten sie beide, da der Augenblick immer nher kam, wo sie das
nicht lnger vermeiden konnten. Langsam schlenderten sie das letzte
Stck Heideland hinab, sie sprachen nun noch rascher, wie im Fieber, und
lachten laut und gezwungen. Auf einmal hrte ihr Lachen, wie jhlings
abgeschnitten, auf -- sie waren zu dem Fleck dicht hinter dem Kuhstall
gekommen. Es wurde ganz still, und sie standen eine Weile; dann hoben
sie die Kpfe, und ihre Augen begegneten sich; die sahen nicht so aus,
als ob sie eben gelacht htten -- sie waren so merkwrdig gro und
glnzend. So blieben sie eine Weile stehen. Da kam pltzlich der Klang
einer Kuhschelle von Svehaugen her an ihr Ohr. Jakob schttelte
energisch den Kopf, als wollte er etwas von sich abschtteln und sagte
ganz gleichgltig:

Ist das nicht die Svehaugenschelle, die wir da hren?

Sidsel antwortete so gleichgltig, wie sie vermochte: Ja, das ist sie,
ich erkenne sie wieder.

Was die wohl fr eine Stallkuh heuer auf Svehaugen haben?

Wir knnten ja hingehen und sehen, ob es -- Bliros ist.

Das war das erste Mal seit dem Tode der Mutter, da Sidsel laut den
Namen der Bliros nannte; aber das war doch immerhin noch leichter, als
den Namen der Mutter zu nennen.

Kurz darauf waren Sidsel und Jakob unterwegs nach Svehaugen, sie waren
auen um den Kuhstall und das Wohnhaus von Schlo Guckaus gegangen --
denn es hatte keinen Sinn, das schne Gras niederzutreten, hatte Jakob
gesagt. Und ganz richtig fanden sie wirklich Bliros am Gatter von
Svehaugen stehen. Sie glaubten auch fest, da die Kuh Sidsel
wiedererkannte. Sie liebkosten sie und plauderten mit ihr und ber sie
und gaben ihr Waffeln und Plinsen; sie hatten das Gefhl, als mten sie
gewissermaen wieder gut machen, da sie nicht den Mut gehabt hatten, in
das Haus von Schlo Guckaus mit seinen vielen teuern Erinnerungen
hineinzugehen, und Jakob verstieg sich zuletzt dazu, da er versprach,
er wolle Bliros fr Sidsel zurckkaufen, sobald er erwachsen wre.

Da konnte Sidsel sich nicht lnger halten, sie schlang ihre Arme um
Bliros' Hals, sah sie lange an und sagte:

Glaubst du, Jakob, da Bliros sich noch unsrer Mutter entsinnen kann? --
und nun begann sie zu weinen.

Das kam dem Jakob so unerwartet, da er nicht gleich wute, was er sagen
sollte. Aber nach einer Weile packte es auch ihn, und mit innerlicher
berzeugung brachte er endlich hervor:

Ja, wenn sie sich berhaupt auf jemand besinnen kann, so mu es wohl die
Mutter sein.




                       Ein Sonntag im Gebirge.


Fnf Sommer sind vergangen seit Sidsel das erste Mal ins Gebirge
gekommen ist, und niemand, der es nicht wei, knnte erraten, da das
Sidsel ist, dies lange Mdel, das am heutigen Sonntag ganz allein auf
dem Steine sitzt, der, so lange irgend ein Hirte zurckdenken kann, der
Klininggrautstein geheien hat und der so einsam und verborgen weit weg
in den Bergen liegt. Sie ist lang aufgeschossen; der lange, weite Rock,
den sie nun als Unterrock gebraucht, reicht ihr nicht einmal bis an die
Kniee, und sie hat keinen Birkenhut mehr und keine Schuhe aus
Birkenrinde, dafr hat sie ihr Sonntagshalstuch umgeschlungen und sitzt
mit einem Buche im Schoe da; denn im Winter soll sie in den
Vorbereitungsunterricht zum Pfarrer gehen, und im Frhjahr soll sie
konfirmiert werden.

Aus dem Lesen wird nichts, das Buch ist ihr in den Scho gesunken, und
ihre ruhigen blauen Augen, die nun so ernsthaft und erwachsen
dreinschauen, gleiten ber alle diese ihr so lieben und bekannten Pltze
hin. Rings um den Stein herum hat sich die Herde gelagert, die Tiere
ruhen aus und kuen wieder. Es ist bereits Sptsommer, der Himmel ist so
hoch und die Luft klar und khl; soweit das Auge reicht, zeichnet sich
alles mit den schrfsten Umrissen ab, und Hhen und Grnde erstrahlen
schon in den bunten Farben des Herbstes, die hier oben bereits ihren
Einzug gehalten haben, die Sonne scheint so ruhig und auch gleichsam
khl. Es ist ganz still ringsumher, man hrt nicht einmal den Klang der
Schellen -- das Vieh hlt Mittagsruhe -- nichts rhrt sich, nur weit,
weit weg in der Ferne sieht sie einen Falken von der Herspitze
aufsteigen.

Sidsel hat all dies genau ebenso schon jeden Sommer gesehen, es ist ihr
wohlbekannt und lieb geworden; sie mu unwillkrlich daran denken, wie
bestndig, wie unvernderlich doch dies alles hier trotz des ewigen
Wechsels ist, whrend sonst so vieles wechselt, um nie wiederzukehren;
denn manches hat sich verndert, seit sie hier zum ersten Mal sa und
dasselbe Schauspiel geno. Das Vieh ist verndert, die ltesten Tiere
sind weg, neue an ihre Stelle gekommen, die unglckliche Mutters
Hornlose ist nun eine erwachsene Kuh geworden mit ganz ungewhnlich
prchtigen Hrnern; die Sennerin hat ihren Platz verlassen, eine andre
ist an ihre Stelle gekommen; ihre Hirtenkameraden Jon und Peter sind
ebenfalls weg, schon die letzten zwei Sommer sind sie nicht mehr hier
gewesen, nachdem sie vor zwei Jahren zusammen mit Jakob konfirmiert
worden sind. Jon ist sogar nach Amerika ausgewandert. Sie hat sie sehr
vermit, manchmal hat sie in diesen zwei Sommern sich einsam gefhlt;
denn weder nach Hgseth noch Lunde sind neue Hirten gekommen. Daheim auf
Hol hat ebenfalls ein Teil der Leute gewechselt. Br ist blind
geworden, und sie selbst hat nun an den Winterabenden nicht lnger ihren
Platz beim Holzhaufen, sondern am Spinnrocken neben Kjersti, auer wenn
sie ihre Sprche und Gesangbuchslieder lernen mu.

Und nun wird wohl wieder alles anders; nun ist wohl auch sie den letzten
Sommer hier oben. Und was soll dann mit ihr werden? Kjersti Hol hat
bisher nichts hierber geuert, vielleicht will sie sie nicht einmal
lnger im Dienst behalten. Aber sie jagt diese Gedanken von sich; sie
will jetzt nicht daran denken, jetzt, wo alles um sie herum so herrlich,
friedlich und schn ist; wie sich auch alles gestalten, wohin sie auch
kommen mag, so viel ist sicher, diese Pltze wird sie nie vergessen
knnen und vor allem niemals diesen Stein, der immer ihr Lieblingsplatz
gewesen ist, und vollends nun, nachdem es hier oben in den Bergen so
einsam um sie geworden ist. Und von neuem schaut sie umher.

Da erblickt sie weit drauen im Moor die Gestalt eines Mannes, der auf
sie zu gewandert kommt; ab und zu beugt er sich nieder, offenbar, um
eine Multbeere zu pflcken, die nun bereits zu reifen anfangen. Da
nehmen ihre Gedanken eine andre Richtung.

Wer das wohl sein mag? Es kann wohl kaum einer sein, der nach seinen
Pferden ausschaut; denn die pflegen nie an Sonntagen zu gehen. Ein
Beerensammler kanns aber auch nicht gut sein; denn die Multbeeren sind
noch nicht so reif, da das Sammeln sich lohnte. Es mu einer sein, der
zu seinem Vergngen im Gebirge wandert. Wenn es Jakob wre! Den hat sie
seit letztem Herbst nicht wiedergesehen, und damals sagte er ja, er
wolle sie im Sommer aufsuchen; die Gestalt glich aber auch Jakob nicht,
auerdem kannte der sich wohl kaum hier im Westgebirge gengend aus, um
sich allein zum Klininggrautstein hinauf zu finden, und es sah so aus,
als ob der dort gerade hierher wollte, und offenbar kannte er auch das
Moor und wute, wo Multbeeren wuchsen, und wo es gangbar war. Es war
doch nicht etwa gar ...? Sie wurde rot beim bloen Gedanken, aber gerade
da war er unten am Abhange verschwunden, und sie konnte ihn nicht mehr
sehen.

Unwillkrlich band sie ihr Kopftuch fester, strich ihr lichtes Haar
unter das Tuch zurck und glttete die Falten ihres Rockes. Darauf
setzte sie sich, mit dem Rcken halb nach der Richtung gewandt, von wo
er kommen mute, nahm ihr Buch, beugte den Kopf darber und tat, als ob
sie lse.

Bald darauf kam hinter ihr ein junger Mann die Anhhe herauf. Er hatte
funkelnagelneue Frieskleider an, einen neuen Schal um den Hals gebunden
und trug hohe Schaftstiefeln; er war nicht gerade gro, eher untersetzt,
und in dem jugendlichen Gesicht mit dem kaum bemerkbaren Schatten eines
Flaums unter der Nase saen ein Paar braune, gutherzige und treue Augen.
Er blieb eine Weile stehen und sah auf die Ebene herab, wo Sidsel auf
dem Steine sa und die Herde um sie rastete; es war deutlich zu sehen,
da dies Bild in ihm eine Erinnerung wachrief, da er das Bild schon
frher gesehen hatte. Sidsel sah nicht auf, aber sie fhlte, da der
andre dort war, fhlte es frmlich im Rcken, da er dastand und sie
betrachtete. Er lchelte; dann machte er einen Umweg, um von der Seite
her zu ihr hinunter zu kommen, damit das Vieh Zeit htte, seiner
rechtzeitig gewahr zu werden, und nicht erschreckt auffhre. Er ging
ruhig gerade auf sie zu, so da sein Schatten ber das Buch hinglitt; da
blickte sie auf, und ihre Augen begegneten sich; beide errteten leicht,
aber da sagte er rasch:

Guten Tag, Sidsel!

Guten Tag! Nein, du bist's Peter? Was bringt denn dich hierher?

Sie gaben sich die Hand.

Ja, ich dachte, es mte nett sein, die alten Pltze wieder zu sehen,
und da Jakob dich hier oben besuchen wollte, schlo ich mich ihm an.

Ist Jakob auch mit?

Ja, aber er ist unten auf der Senne geblieben, er war mde; wir sind
nmlich heute schon in aller Frhe aufgebrochen, und dann hatten wir
auch dem Hgseth versprochen, morgen ein paar seiner Gule mit nach
Hause zu bringen. Ich soll dich von ihm gren.

Warst du denn so sicher, mich hier zu finden?

O ja, ich konnte es mir ungefhr denken, wo du bei solchem Wetter sein
wrdest. Und fr mich ist es ja auch unterhaltend, hier mich umzusehen,
da ich hier bekannt bin.

Er setzte sich neben sie auf den Stein und schaute bedchtig ringsum.

Findest du dich wieder zurecht?

Ja, alles ist ganz unverndert, als ob ich erst gestern hier gehtet
htte. Aber dich htte ich beinahe nicht wiedererkannt, du bist so gro
geworden.

Findest du?

Es ist ja aber auch zwei Jahre her, seit ich dich gesehen habe.

Es entstand eine kleine Pause; dann fuhr Peter fort:

Ich ging ber das Skraamoor, an unserm Badeteich vorbei, der ist
ausgetreten.

Ja.

Ich habe schon daran gedacht, ob ich ihn nicht wieder fr dich aufdmmen
sollte.

Ach nein, das brauchst du nicht; ich habe meinen Badeteich an einer
andern Stelle, die niemand kennt.

Nein, was du sagst.

Ja, den habe ich schon das letzte Jahr gehabt, als ihr noch hier wart.

Also da stecktest du an den Tagen, wo wir dich nirgends finden konnten?

Bisweilen, ja.

Das Vieh fing an, aufzustehen und davon zu trippeln und da mute Peter
sich die alten Ziegen anschauen und sehen, ob er sie noch kannte, und
wirklich kannte er sie alle noch ganz gut, und Sidsel erzhlte ihm von
den neuen; aber bald war die Herde ihren Blicken entschwunden, und da
hatten sie auch nichts mehr mit einander zu reden. Sie saen immer noch
nebeneinander auf dem Steine. Darauf sagte Peter:

Du hast deinen Birkenhut nicht mehr, Sidsel?

Nein, der ist schon lange abgetragen.

Aber was hast du denn da an der Schnur?

Er griff behutsam nach einer Schnur, die sie um den Hals trug, und zog
daran. Aus ihrem Busen zog er die Hornpfeife, die er ihr einst geschenkt
hatte.

Ich glaube gar, du hast die Hornpfeife noch?

Sidsel wurde ber und ber rot, sie schmte sich, da er sah, wie
kindlich sie noch war, und beeilte sich zu sagen:

Ja, ich trage sie -- bisweilen.

Ich habe meine auch noch, sie ist das einzige Andenken an meine
Hirtenzeit, das ich noch habe, und er zog aus der Brusttasche die Pfeife
hervor, die aus dem einen Horn Krummhorns angefertigt war.

Wollen wir mal versuchen?

Da lachten sie beide und bliesen zusammen eine lustige Hirtenweise, wie
sie das frher so oft getan hatten -- keines hatte das Stck vergessen.
Als sie damit fertig waren, entstand wieder eine Pause. Endlich sagte
Sidsel:

Nun mu ich aber wohl nach meiner Herde sehen, sonst knnte es mir
passieren, da ich ohne Herde nach Hause komme.

La sie nur ziehen, die finden sich schon von allein nach Haus, und da
knnen wir zusammen nach der Senne gehen, nicht wahr?

Ja, lassen wir sie laufen.

Wieder wurde es eine Weile still. Dann stand Sidsel auf und sagte:

Nun mssen wir aber wohl gehen.

Peter blieb sitzen und sagte blo ganz ruhig und bescheiden:

Kannst du nicht noch ein Weilchen sitzen bleiben? Ich mchte dich gern
was fragen.

Sidsel senkte den Kopf und setzte sich wieder, ohne etwas zu erwidern.

Ich habe dir Gre auszurichten -- von Jon. Er hat mir vor vierzehn
Tagen geschrieben aus Amerika. Er bittet mich ausdrcklich, dich zu
gren.

Danke. Geht's ihm gut?

Ja, es geht ihm gut; er hat einen guten Platz bekommen und verdient viel
Geld.

Jon verdient's aber auch; er ist sicher ein flinker Bursch geworden.

Ja, das ist er. -- Er fragt, ob ich nicht zum Frhling nachkommen will.
Er will mir das Billet schicken.

Da blickte Sidsel auf und sah ihn einen Augenblick an, darauf senkte sie
wieder den Kopf und sagte kein Wort. Peter fuhr fort:

Und da wollte ich dich nun fragen, ob du willst, da ich das tue?

Es wurde ganz still, und er sa da und sah sie fragend an. Sie sa lange
mit niedergeschlagenen Augen; dann sah sie pltzlich auf, richtete die
blauen Augen auf ihn und sagte rasch und bestimmt:

Nein, das will ich nicht.

                   *       *       *       *       *

Es wurde nicht weiter ber die Sache gesprochen, und bald darauf waren
sie auf dem Weg nach der Senne. Sie gingen an allen den bekannten
Pltzen vorber, die am Wege lagen, dem Badeteich und dem Pegesteig, und
berall hatten sie viele gemeinschaftliche Erinnerungen aus der Zeit,
als sie hier zusammen ihre Herden gehtet hatten, und mehr als einmal
sagten sie, es wre doch schade, da Jon vielleicht nie wieder hierher
zurckkommen wrde. Der Himmel wlbte sich hoch und klar ber ihnen, und
das Gebirge lag mit seinen unendlichen stillen Hhenzgen vor ihnen, und
sie fhlten sich wunderbar leicht und froh. Obwohl sie nichts mit
einander ausgemacht hatten, war es doch beiden, als bestnde zwischen
ihnen eine heimliche Verabredung, ein wunderliches Geheimnis, von dem
niemand, nicht einmal Jakob, etwas erfahren durfte.




                           Selbst Sennerin.


Es ist der erste Sonntag nach Ostern, am frhen Vormittag. Sidsel sitzt
in der Gangkammer auf Hol an ihrem kleinen Tisch, den einen Ellbogen
auf den Tisch gesttzt und die Hand unter dem Kinn, und starrt in ein
groes schwarzes Buch, das aufgeschlagen vor ihr liegt, das neue
Testament; sie bewegt langsam die Lippen und liest. Heute morgen ist sie
nicht mit im Kuhstall gewesen -- seit vielen Jahren das erste Mal --
Kjersti Hol hat gesagt, sie solle ein paar Stunden fr sich allein
sein; niemand darf sie stren.

Hier sitzt sie nun im langen, schwarzen Kleide mit einer weien
Halskrause, ein wenig steif und unbeholfen; das neue Kleid zwngt etwas,
und sie drckt die Ellbogen dicht an und wagt kaum den Rcken zu beugen;
es ist das erste Mal, da sie ein richtiges langes Kleid anhat, frher
trug sie blo einen Rock und eine Jacke. Das lichte Haar ist glatt
zurckgestrichen und im Nacken zu einem Knoten aufgesteckt; sie sieht
heute auch etwas blasser aus als gewhnlich, und die Lippen, die sich
fortgesetzt bewegen, sind auffallend rot und feucht, aber ihre Augen
blicken ruhig und klar; im ganzen ist sie wirklich hbsch, wie sie hier
in ihrem Kmmerchen sitzt und darauf wartet, bis es Zeit zum Kirchgang
ist. Heute soll sie konfirmiert werden.

Es klopft, und herein tritt Kjersti Hol; auch sie ist im vollen Staat,
im altmodischen schwarzen Kleid mit faltenreichem Leibchen,
frischgepltteter Faltenhaube auf dem Kopfe, und in der Hand trgt sie
das groe Gesangbuch -- das mit dem groen Druck, das sie blo an
besonderen Feiertagen benutzt -- und auf dem Buche das zusammengelegte
Taschentuch.

Sie bleibt eine Weile stehen, betrachtet Sidsel mit ernsthafter Miene
und sagt:

Fhlst du dich nun vorbereitet, Sidsel?

Sidsel antwortet bescheiden:

Ich glaube, ja.

Dann ist es wohl Zeit, da wir gehen. Komm, ich will dir das Kopftuch
knpfen, damit du dir die Haare nicht einreit.

Sie knpft ihr das Kopftuch, sie gehen langsam hinaus und durch den
Flur. Drauen vor der Tr steht der Wagen mit dem Soldatenpferd.

Setz dich neben mich, Sidsel.

Sie steigen ein und fahren von dannen; keines sagt unterwegs ein Wort.
Whrend sie zum Hofe hinaus auf die Landstrae fahren, umgibt sie das
Brausen des jungen Frhlings. Bche und Flsse rauschen an ihnen
vorber, Vgel singen und zwitschern zu Tausenden, Insekten summen, die
sprossenden Bume und Kruter duften ber das ganze Tal hinweg, und hoch
oben am Himmel steht die Sonne und wirft ihr glitzerndes Licht auf die
Erde nieder. Aber das alles macht heute nicht solchen Eindruck auf
Sidsel wie sonst; es wirkt auf sie wie Geschrei und wster Lrm, wie
etwas Unharmonisches, das sie in Unbehagen erzittern lt --
unwillkrlich schmiegt sie sich im Wagen dichter an Kjersti an -- sie
hat einzig das Bedrfnis nach Stille. So fahren sie eine Weile.

Da schlgt es ihnen pltzlich wie eine mchtige, breite Woge entgegen
und splt allen Lrm hinweg -- es sind die Kirchenglocken, die nun so
breit, ruhig und sicher einsetzen. Sie bertuben zwar das
Frhlingsbrausen nicht, aber sie nehmen es gewissermaen in ihr Gelute
auf, bringen frmlich Harmonie hinein, nehmen es als Begleitung, das
Ganze wirkt wie Orgelbrausen zu Kirchengesang.

Da wird es ringsum auf einmal so friedlich und festlich, wie Sidsel es
nie zuvor empfunden hat. Nun ist Feiertag auch in ihr, und alles um sie
herum ist wie verwandelt, wird lichter, mchtiger, festlicher; sie fhlt
sich unsglich froh.

Von dem Augenblick an wei sie nicht mehr recht, was um sie vorgeht.

Als sie zur Kirche kommt, erscheint ihr die Menge, die dort steht und
wartet, so gro und so festtglich, und ihr ist, als htte sie nie
bemerkt, da die Kirche so hoch und so hell ist.

Wie sie in der Kirche durch den Mittelgang geht, fhlt sie sich so frank
und so frei; auch hier ist es so wunderbar licht, und als sie zu ihren
Mitkonfirmanden hinsieht, die zu beiden Seiten des Mittelgangs in langer
Reihe mit gesenkten Kpfen stehen, kommt es ihr vor, als ob alle
Gesichter frmlich strahlten.

Als der Pastor aus der Sakristei kommt, erscheint auch er ihr viel
grer als sonst, und sein Gesicht ist mild, und als er anfngt zu
sprechen, versteht oder hrt sie eigentlich nicht, was er sagt, aber sie
fhlt doch, es ist etwas Groes, Gutes, das sie rhrt wie Musik.

Beim Gemeindegesang singt sie lauter als sonst; ihre Brust weitet sich
unwillkrlich, und als sie abgefragt wird, wei sie nicht, ob sie recht
gehrt hat, antwortet aber laut und unverzagt und ist dessen sicher, da
sie richtig antwortet; und als sie niederkniet und dem Pastor die Hand
reicht, da ist ihr, als lchelten die steifen Altarbilder.

Ganz zu sich selbst kommt sie erst wieder, als die feierliche Handlung
vorber ist, und sie zu Kjersti Hol in den Kirchenstuhl kommt.

Diese erfat ihre Hand und sagt halblaut:

Glck und Segen, Sidsel!

Sidsel steht ein wenig, sieht dann auf mit groen Augen, als ob sie aus
einem Traume erwache, lchelt und flstert leise: Danke, Kjersti Hol.

Dann ist die Feier zu Ende, und sie verlassen die Kirche.

Drauen vor der Kirche stehen Jakob und Peter. Sie nehmen ihre Mtzen ab
und begren erst Kjersti Hol; dann kommen sie zu Sidsel, einer nach
dem andern, nehmen wieder ihre Mtzen ab und reichen ihr die Hand und
sagen:

Glck und Segen, Sidsel!

Darauf gehen sie langsam ber den Kirchanger -- so viele mssen die
Kjersti Hol begren und sie fragen, was das fr ein Mdel ist, das
heute mit ihr zur Konfirmation gekommen ist -- endlich sind sie an ihrem
Wagen, der Braune ist bereits vorgespannt, sie steigen ein und fahren
heimwrts. Sie reden nicht zusammen; erst als sie nach Hause gekommen
sind, sagt Kjersti:

Du willst gewi gern auch heute nachmittag noch eine Weile fr dich
allein sein, gelt?

Ja, danke.

                   *       *       *       *       *

Am Nachmittag sitzt Sidsel wieder allein in ihrer kleinen Gangkammer.
Br, der nun ganz erblindet ist, liegt drauen vor der Tr -- die
wenigen Male, die er aus der Kche, wo er jetzt meist im Winkel beim
Herde liegt, herauskommt, whlte er diesen Platz an Stelle des frheren
drauen auf der Steinplatte, dort gingen so viele aus und ein, und die
waren so rcksichtslos und traten ihm immer auf die Pfoten; Sidsel
dagegen ging immer vorsichtig um ihn herum.

Jetzt liest sie nicht in einem Buch; sie hat ihren alten Unterrock vor
sich auf dem Bett ausgebreitet, den sie brigens den letzten Winter
nicht mehr getragen hat, und der nun so merkwrdig klein und geflickt
aussieht.

Als sie heute nachmittag in ihr Kmmerchen gekommen war, wo die
Abendsonne quer durch das kleine Fenster hereinschien und dieses auf der
Bettdecke abzeichnete, da fhlte sie sich wunderbar ruhig und zufrieden;
sie versprte nicht die geringste Lust, sich niederzusetzen und an
ernsthafte Dinge zu denken oder zu lesen; es schien ihr ganz natrlich,
herumzubasteln und froh zu sein, ohne sich weiter Gedanken zu machen.
Sie besa keine Reichtmer auf dieser Welt, aber immerhin hatte sie ein
kleines Kstchen, das sie im zweiten Dienstjahre geschenkt bekommen
hatte, und in dem waren nicht blo kleine Seitenfcher, sondern auch ein
Fach im Deckel, und in dem Kstchen hatte sie das Wenige gesammelt, was
sie besa und was ihr des Aufbewahrens wert erschien. Nun holte sie es
herbei und ffnete es; es war so unterhaltend, jedes einzelne kleine
Ding herauszunehmen und dabei alten Erinnerungen nachzuhngen.

Hier lag ein altes, zerbrechliches Taschenmesser, dasselbe, das sie den
ersten Sommer im Gebirge von Jon bekommen hatte, und da war ein Brief
von ihm, den sie letzten Herbst erhalten und von dem niemand etwas wute
und in dem er sie fragte, ob er ihr und Jakob Fahrkarten nach Amerika
schicken drfe, wenn sie erst konfirmiert wre. Sie hatte ihm noch nicht
geantwortet, aber nun wollte sie es bald tun und ihm danken; denn sie
wute, sie wrde niemals reisen. Und dort hatte sie die
Ziegenhornpfeife, die sie von Peter bekommen hatte -- sie bekam auf
einmal unbndige Lust, sie wieder zu probieren, aber sie wagte es doch
nicht, es htte sich zu sonderbar angehrt -- und neben der Pfeife lag
ein seidenes Halstuch, das ihr Jakob zu Weihnachten von ihm mitgebracht
hatte; sie selbst hatte Peter seit jenem Tage oben im Gebirge im
vergangenen Jahre weder gesprochen noch gesehen.

Und hier fand sie auch den Brief, den ihr Jakob geschrieben hatte, als
sie sich oben auf Guckausschlo treffen wollten, den einzigen Brief, den
sie von ihm erhalten; Jakob schrieb hchst ungern, aber dafr hatte sie
auch ein paar andre Kleinigkeiten, die sie von ihm bekommen hatte.

Und ganz unten auf dem Boden lag ein Tuch, das sie bisher noch nie
herausgenommen hatte; es war noch von der Mutter; heute getraute sie
sich eigentlich zum ersten Male, richtig an ihre Mutter zu denken; sie
nahm das Tuch heraus und breitete es auf dem Bette aus, und da
gleichzeitig ihr Blick auf ihren alten, an der Wand hngenden Rock fiel,
nahm sie den herunter und breitete ihn auch aus; darauf setzte sie sich
und besah sich diese rmlichen Sachen; nun konnte sie erst richtig an
vergangene Zeiten zurckdenken, ohne von hoffnungslos traurigen Gedanken
berwltigt zu werden, zurckdenken an alle die teuern Erinnerungen, die
diese unansehnlichen Dinge fr sie bargen, besonders an die aus der Zeit
von Schlo Guckaus. So blieb sie lange in Gedanken versunken sitzen; sie
begann von Anfang an, soweit ihre Erinnerung zurckreichte, und ging
vorwrts bis zum heutigen Tage, die Erinnerungen kamen wie von selbst
und in bestimmter Reihenfolge, und alle waren gleichsam nur liebe, gute
Erinnerungen, alles Schlimme war wie verschwunden oder erschien ihr nun
in einem milderen, freundlicheren Lichte.

Pltzlich klopfte es an die Tr, und ehe sie noch Zeit gehabt hatte,
alle ihre Siebensachen wegzurumen oder nur ihre Gedanken soweit zu
sammeln, um aufzustehen, kam Kjersti Hol herein.

Sidsel sah, da Kjersti gleich die Sachen bemerkt hatte, wurde aber doch
nicht verlegen, denn Kjersti sagte lchelnd:

Ich sehe, du sitzt hier und denkst an deine Mutter, Sidsel, und das ist
recht von dir. Nun komm aber mit in meine Kammer. Ich mchte etwas mit
dir besprechen.

Sidsel wurde auf einmal ganz verwirrt, in so ernstem Ton hatte Kjersti
noch nie zu ihr gesprochen. Sie stand still auf und ging mit.

Kjersti ging durch die Kche und geradeswegs auf die Kammertr zu,
Sidsel dicht hinter ihr drein, und man kann sich denken, da die andern
von ihrer Arbeit aufsahen und sich fragten, was das wohl zu bedeuten
haben knnte.

Als sie in die Kammer gekommen waren, setzte sich Kjersti an den Tisch
und lud Sidsel ein, ihr gegenber Platz zu nehmen.

Dann sagte sie:

Ja, Sidsel Langrckchen, nun bist du also erwachsen, und in Zukunft mut
du dein eigener Berater sein. Nun habe ich das Versprechen, das ich
deiner Mutter gab, bis zum letzten Punkt erfllt; und ich kann dir heute
sagen, da ich nur Freude an dir erlebt habe, du hast dich gut gehalten,
wie es sich fr ein braves Mdchen ziemt. Und wirst du dich auch in
Zukunft so entwickeln, so glaube ich wohl, deine Mutter wrde mit dir,
wie auch mit mir zufrieden sein. Von heute ab habe ich aber nicht mehr
das Recht, ber dich zu verfgen, nun mut du selbst whlen, was du tun
willst und fr richtig findest. Ich will dich deshalb fragen -- versteh
mich recht, du sollst vollkommen frei whlen -- ob du noch weiter hier
bleiben willst, oder ob du nun, wo du fr dich selbst sorgen sollst,
lieber etwas andres versuchen willst. Ich kann hinzufgen, da ich es
gern she, wenn du bliebest.

Es wurde muschenstill in der Kammer. Dann sah Sidsel, groe Trnen in
den Augen, auf und sagte:

Ich will bei dir bleiben, Kjersti Hol, so lange du mit mir zufrieden
bist.

Ich dachte mir schon, da du das wolltest. Und deshalb habe ich mir auch
noch etwas andres ausgedacht. Du bist zwar noch sehr jung, aber es ist
nicht immer falsch, zeitig mit etwas zu beginnen. Du hast dich als so
zuverlssig und geschickt erwiesen, im Kuhstall wie auf der Senne, da
ich denke, ich kann dir das wohl anvertrauen. Wenn du willst, so dinge
ich dich gleich heute als Sennerin auf Hol.




                         Inhaltsverzeichnis.


                                                            Seite
    1. Kapitel:  Sidsel Langrckchen als Spinnfrau              1
    2.    "   :  Abschied von Schlo Guckaus                   21
    3.    "   :  Wenn das Vieh auf die Weide gelassen wird     33
    4.    "   :  Die Alpfahrt                                  52
    5.    "   :  Krummhorn wird gezhmt                        69
    6.    "   :  Heim von der Senne                            84
    7.    "   :  Auf der Herspitze                             98
    8.    "   :  Daheim im Guckaus-Schlo                     113
    9.    "   :  Ein Sonntag im Gebirge                       129
   10.    "   :  Selbst Sennerin                              140




               Verlag von Georg Merseburger in Leipzig


     Von Hans Aanrud erschienen ferner fr Kinder und Erwachsene:

Kroppzeug. Zwlf Geschichten von kleinen Menschen und Tieren. 4.-6.
Tausend. Brosch. 2.25 M., kart. 2.50 M., geb. 3 M.

Inhalt: 1. Die Bachstelze. 2. Wie Ola sein Abendgebet verkaufte. 3.
Die Kirchfahrt. 4. Reineke Fuchs. 5. Hahnenkampf. 6. Der erste Handel.
7. Wildtauben. 8. Die Zipfelmtze und die Talermtze. 9. Pelle lebt und
hat es gut. 10. Wie die Nordlihhner das Eierlegen lernen sollten. 11.
Klein-Marthe. 12. Dreizehn-Kari und Vierzehn-Kari.

Jungen. Vierzehn Geschichten von kleinen ganzen Kerlen. Mit elf
Kunstbeilagen von Lisbeth Bergh. Brosch. 2.25 M., kart. 2.50 M., geb. 3
M.

Inhalt: 1. Der Gemeindejunge. 2. Amunds neue Ski. 3. Wenn die
Graugnse fliegen. 4. In Grovaters Auftrag. 5. Kirchenexamen vor dem
Bischof. 6. Die Mtze, die auf der Wolke war, um Gold zu holen. 7. Der
erste Arbeitstag. 8. Alexander und Buzephalos. 9. Holzvermesser Ole
Pedersen. 10. Ranzenruber und Zottelbr. 11. Tischler Simen und der
Blaufuchs. 12. Die Kvinstljungen. 13. Erste Liebe. 14. Wie Hans und
Marte die Henne hteten.

Slve Solfeng. Das Sonntagskind, Erzhlung. Mit Zeichnungen von Arthur
Michaelis. Brosch. 2.25 M., kart. 2.50 M., geb. 3 M.

Wo der Schnee leuchtet! 16 Geschichten aus Nordland. Brosch. 2.25 M.,
kart. 2.50 M., geb. 3 M.

Erzhlungen. 16 Bauern-Geschichten. Brosch. 3 M., geb. 4 M.

Inhalt: 1. Mari Smehaugen. 2. Die Snde, die nicht vergeben wird. 3.
Stadtreise. 4. Der Freier. 5. Als die Alte auf Braaset sterben sollte.
6. Krankenbesuch des Pfarrers. 7. Glatteis. 8. Brder im Herrn. 9.
Mister Johnson aus Amerika. 10. Martin mit den Stcken. 11. Wie der
liebe Gott das Heu des Asmund Bergemellem bekam. 12. Wie der Ola Guckaus
zu einer Frau kam. 13. Eine Winternacht. 14. Und machet seine Steige
richtig. 15. Weihnachtsgste. 16. Aus der Zeit des alten Pfarrers.

Drei Komdien. Inhalt: Der Storch. -- [3]Hoch zu Ro. -- [3]Der Hahn.
Einzeln brosch. je 1.50 M., komplett brosch. 3. M., geb. 4 M.

[Funote 3: Sind noch in Vorbereitung und erscheinen demnchst.]




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden wie hier aufgefhrt korrigiert
(vorher/nachher):

   [S. 29]:
   ... Tannenreiig auf den ganzen Weg bis ans Haus ...
   ... Tannenreisig auf den ganzen Weg bis ans Haus ...

   [S. 114]:
   ... gren und ihm zu sagen, er, Jon Hogseth, wrde ...
   ... gren und ihm zu sagen, er, Jon Hgseth, wrde ...






End of the Project Gutenberg EBook of Sidsel Langrckchen, by Hans Aanrud

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SIDSEL LANGRCKCHEN ***

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